KARIN, ich widme dir dies Buch. Du weißt so gut wie ich, wie schwer es
jetzt ist, von Gefühlen zu sprechen. Oder gar sie mit Papier und
Druckerschwärze zu vermählen. Man muß sich akrobatenhaft auf jene zweite
Ebene hinaufarbeiten, auf der wieder die Worte herbeilaufen wie brave
Hunde und sich zu Füßen legen. Wo man ruhig »Liebe« und »Sommertag«
sagen kann, ohne in den schwärzesten Verdacht einer Lyrik zu kommen, die
gewandt zwischen Geld und Gott zu vermitteln sucht. Ich habe es
vermieden, in diesem Buche allzusehr an den Gefühlssträngen, die mit
Milch und Sonnenschein geschmiert sind, zu zerren. Ich will aber gern
arrogant sein und zugestehen, daß ich die zweite Ebene zum Heimatsort
gewählt. Wenn auch nur für die Sekunden, in denen ich das schreibe.
Und so darf ich sagen: du warst doch das Einzige, das mich verhindert,
mit Ludwig Hunner das Leben zu würgen und mit dem armen Erotomanen vor
Autos zu hüpfen. Denn trotz der Jugend, die mich in ihren leichtsinnigen
Armen schaukelt, hätte ich oft schon genug haben können.
Ich habe blasse Dummheit in der Schlankheit meiner Mädchen erkannt,
Intrige und Ungewaschenheit in den Blicken der Intelligenz, geschäftigen
Unsinn in Florenz und Amsterdam, Unnötigkeiten in der Montblanc-Gruppe
und Gestank in Venedig. Und wie nun die Worte vor mir stehn, ahne ich
auch den blonden Bart, wie er sich mir über die Schulter beugt und etwas
von »Blasiertheit« murmelt. Doch diese bezahlte Bürgerlichkeit findet
mich in Waffen. Nur Eines läßt mich wanken und weinen: Über allen Augen
die Lüge. Siehst du, mein Liebling, man sollte nicht lügen. Gott hat uns
schließlich -- gegenüber der tausend Nachteile -- _einen_ Vorteil vor
den Tieren geschenkt: wir dürfen reden. Doch das schöne Zueinander wird
hin, wenn wir die Instrumente mißbrauchen, die Mauer der verschiedenen
Stirnen reckt sich zwischen den Gehirnen auf, die Beweislosigkeit
schreckt vor den Überzeugungen zusammen: wir sind allein und dumm. Tiere
schmiegen sich -- wild oder beruhigt -- aneinander, wir müssen der
Unehrlichkeit an die Kehle fahren und aus dem Maul der geschändeten
Gottheit das Geständnis reißen, was wir für hilflose Hunde sind.
Vor diesem circulus vitiosus aller Menschlichkeiten, die sich in die
müden Schwänze beißen, ist es billig und noch immer das Einfachste, gar
nicht mitzutun.
Der Unhold der Hebamme hat mich hereingeschleudert, Dienerinnen haben
mich genährt, Schwäche mich umzwitschert, Schmöcke und Dirnen mein
Jugendlied mir vorgesummt: Da fand ich dich.
Liebe Karin, ich widme dir dies Buch.