Gottfried räusperte sich: »Hm -- gewartet.« »Sonst nichts!«

»O, es war genug! Ich weiß keine schwerere Arbeit.«

Er ergriff ihre Hand, und sie wurde ihm nicht entzogen; darüber gerieth

er in eine Begeisterung, die zu schildern keine noch so hinreißende

Beredtsamkeit im Stande gewesen wäre. Die seine beschränkte sich auf

den leisen Ausruf: »Liebe Lotti!«

Der Druck seiner Hand wurde erwidert, und »Guter Gottfried!« sprach

~sie~, die er im Herzen trug von seiner Jugend und von ihrer

Kindheit an.

Ein Schauer der Wonne durchrieselte ihn. Wär's denkbar? Wär's möglich?

... Sollte er am Ende doch noch das Ziel und den Inbegriff aller seiner

Wünsche erreichen? ...

Ja, ja, antworteten die milden Augen, in die er fragend blickte, und

der Mund, den er liebte, sprach:

»Guter Gottfried, nicht erst seit heute weiß ich, daß Du mir das

Liebste auf der Welt bist.«

Da hätte er beinahe laut aufgejauchzt. Es war ein Glück, daß sie vor

Lottis Hause angelangt waren. Getreulich und jahrelang hatte er das

Geheimniß seiner tiefsten Sehnsucht in sich verschlossen, der Jubel

wollte ihm die Brust zersprengen. Ein seliger Mann faßte er seine Braut

in seine Arme, und sie mußte abwehren, sonst hätte er sie wahrhaftig

die Treppe hinaufgetragen. Oben angelangt, stürmte er derart an der

Glocke, daß Agnes in voller Empörung herbei eilte:

»Wie kann man so anreißen?« rief die Alte.

»Ihretwegen, Agnes!« antwortete er, »ich kann es nicht erwarten, Ihnen

zu sagen -- Sie sind die Erste, die's erfährt ... Sehen Sie uns an! Wir

sind Brautleute!«

* * * * *

In aller Stille wurde einige Wochen später der Bund geschlossen, der

Gottfried und Lotti für immer vereinigte. Mitten im lärmenden Treiben

der Stadt spann sich ihr Dasein im seligen Frieden ab. Eine kaum noch

erhoffte Erhöhung ihres Glückes wurde ihnen zu Theil, als nach zwei

Jahren, an einem Spätsommerabend, ein kleiner Johannes Feßler gerade

in dem Augenblick das Licht der Welt begrüßte, in welchem draußen die

Sonne wunderbar schön unterging, und im Zimmer die goldene Spieluhr,

zum siebenzehnten Male an dem Tage, ihr Schäferliedchen anstimmte.

Seltsam ergriff es die Eheleute, als sie später erfuhren, daß es auch

derselbe Tag gewesen, an dem Villa Halwig neuerdings ihren Besitzer

gewechselt. Das Reich Hermanns hatte kurze Dauer gehabt. Er und Agathe

waren bald aus dem süßen Hindämmern erwacht, in das die Befreiung von

ihren Sorgen sie versetzt hatte. Sie, gewöhnt an das rege Treiben ihres

großen Familienkreises auf dem Lande, begann sich zu langweilen allein

mit ihrem Manne. Und auch ihm verlangte, und vielleicht noch heißer,

nach Zerstreuung. Er wollte die Sehnsucht betäuben, die ihn in seiner

Ruhe, seinem Behagen störte, die ihn bis in die Arme des geliebten

Weibes verfolgte, die Sehnsucht nach den Qualen und Wonnen seiner

Lohnschreiber-Nächte, nach dem Fieber, das ihn durchraste, wenn er

seine Romanfiguren schuf, sie leiden, sündigen, in Blut und in Schlamm

waten ließ, und den Zauber erfuhr, mit dem sie ihn umstrickten. Dazu

die hastende Eile, in welcher ihr Schicksal gewoben und ihr Verhängniß

erfüllt werden mußte; die Angst vor dem Mißlingen, und dann wieder

die Glückseligkeit, wenn das Unerwartete geschah, wenn die Gestalten,

die ihm unter der Hand lebendig geworden, zuletzt durch eigene Kraft

einen Abschluß herbeiführten, kühner als er ihn geahnt hatte. Halwig

erfuhr, daß wer solche Aufregungen kennen gelernt, sie nicht mehr

missen kann und nach ihnen zurückverlangt, und wär's aus dem Himmel. So

sandte er dem schwindenden, mit Hülfe Agathens und ihrer Brüder rasch

aufgezehrten Wohlstand, kaum einen Gedanken des Bedauerns nach. Zur

Zeit, in welcher das Gut verkauft werden mußte, machte die Gesundheit

Agathens einen Aufenthalt an der See nothwendig. Hermann ließ sie

allein zu ihren Eltern ziehen und kehrte zu den seligen Bitternissen

seiner Schriftstellerei zurück. Die Früchte, die sie lieferte, wurden

noch immer in gewissen Leserkreisen verschlungen, dem Advocaten

Schweitzer jedoch sagten sie nicht zu, und er sprach einmal zu Lotti:

»Ich mache mir Vorwürfe. Das Opfer, zu dem ich Sie verleitet habe, war

umsonst gebracht.«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10) · 第 26 / 33 题