Vor fünfzehn Jahren, an einem Winternachmittage, war ein junger Mann in
der Werkstätte Feßlers erschienen und hatte ihm eine alte Uhr gebracht,
mit der Bitte sie zu schätzen. Während Feßler die Uhr betrachtete,
betrachtete der junge Mann ~ihn~ so aufmerksam, wie ein Maler
thut, der sich das Bild eines Menschen, den er aus dem Gedächtniß malen
soll, einzuprägen sucht.
»Dies ist,« sprach Feßler, nachdem er seine lange und sorgfältige
Untersuchung beendet hatte, »ein kostbares Stück.« Er rief seine
Tochter herbei, um auch ihre Meinung zu hören.
»Wie?« sprach der Fremde ein wenig spöttisch und sehr erstaunt, »sind
Sie Kennerin, mein Fräulein?«
Lotti fühlte den Blick auf sich ruhen, mit dem fast alle jungen
Männer, denen sie zum ersten Male begegnete, sie ansahen; den Blick,
der deutlich fragt: Was willst Du in der Welt? und an den ein nicht
hübsches Mädchen sich gewöhnen muß.
Sie nahm die Uhr aus der Hand ihres Vaters und erkannte in derselben
sogleich einen Taschenchronometer von Emmery mit Mudgescher Hemmung.
Der Fremde lachte herzlich auf, als sie das sagte.
»Ist's richtig, Herr Feßler?«
»Ganz richtig,« erwiderte dieser, unangenehm berührt von dem über
Gebühr zutraulichen Wesen des jungen Mannes, der an die Seite Lottis
tretend, in seinem früheren Tone fortfuhr:
»Sie können mir vielleicht auch sagen, was diese Uhr werth ist?«
Lotti schüttelte den Kopf. »Was sie jetzt werth ist, kann ich nicht
sagen; als sie neu war, sind gewiß nicht weniger als 150 Guineen für
sie bezahlt worden.«
»Als sie neu war? Und wann mag das gewesen sein?«
»Vor siebzig Jahren etwa.«
»Ich bewundere Sie!« rief der junge Mann äußerst belustigt; »das Alles
erkennen Sie so auf den ersten Blick? ... Jetzt aber die letzte,
wichtigste Frage: Wie viel ist sie heute, wieviel ist sie ~Ihnen~
werth?« fügte er zu Feßler gewendet hinzu.
»Sie wäre mir sehr viel werth, wenn ich nicht schon eine ganz ähnliche
besäße,« entgegnete dieser.
»Ach! in Ihrer Sammlung? ... Wenn Sie doch wüßten, Herr Feßler, wie
viel Gutes und Schönes ich schon von ihr gehört habe ... von dieser
Sammlung, und wie glücklich ich wäre, sie kennen zu lernen ... Wenn Sie
das wüßten -- Sie würden mir den elenden Vorwand verzeihen, den ich
gebraucht habe, um mich bei Ihnen einzuschleichen.«
Er legte eine gründliche Beichte ab.
Er hieß Hermann von Halwig, war ein kleiner Beamter und nebenbei ein
ganz kleiner Poet und arbeitete eben an einer Novelle, in welcher eine
alte Uhr eine große Rolle zu spielen hatte. Die mußte geschildert
werden, und um das zu können, brauchte er ein Modell, brauchte er vor
Allem einige fachmännische Kenntniß.
»Nehmen Sie mich ein wenig in die Lehre, bester Meister,« schloß er,
»würdigen Sie mich eines Einblicks in Ihre Sammlung -- Ihr Heiligthum
wie ich höre. -- Daß ich ein ausgezeichneter Schüler sein werde, das
verspreche ich nicht, aber ein dankbarer bin ich gewiß!«
Feßler sah den hübschen blonden Gesellen ein Weilchen nachdenklich an.
Ihm gefielen seine fröhlichen blauen Augen und die sorglose Sicherheit,
das muntere Selbstvertrauen, mit denen er sich auf die Reise durchs
Leben zu begeben schien. Schweigend holte der alte Mann einige schöne
Exemplare aus der Sammlung herbei und begann die Eigenthümlichkeiten
und Vorzüge derselben mit der Wärme eines Liebhabers auseinander zu
setzen.
Halwig unterbrach ihn Anfangs sehr oft; er konnte die Scherze nicht
unterdrücken, die ihm alle Augenblicke auf die Lippen traten.
Allmälig jedoch wurde er still. Das herablassende und oberflächliche
Interesse, das er für einige »Favoritinnen aus dem Uhrenharem« gezeigt,
verwandelte sich in ein gespanntes. Den Kopf in die Hand gestützt, sah
er bald die Uhren auf dem Tische, bald den Meister, zuletzt nur noch
diesen an, und dabei erhellte der Ausdruck einer so innigen Freude und
Verehrung seine Züge, daß Feßler dachte: dem Burschen könnt' ich gut
sein -- trotz des Leichtsinns, mit dem er vorgab, eine Emmery verkaufen
zu wollen.
Der Bursche aber richtete sich plötzlich auf. »Was für Augen haben
Sie!« rief er, »was Ihnen ein Rädchen, eine Spindel, ein Ornament, ein
Stückchen Email nicht Alles erzählen! ... Was für Augen und was für ein
Herz ... Sie sind ein Künstler! ...«
Er deutete nach dem Schranke, dem Feßler die Uhren entnommen. »Das
Kästchen dort ist für Sie, was für einen Poeten ein Schrein voll
der köstlichsten Werke großer Dichter, die vor ihm gelebt. Eine
schweigende, todte Welt, die ein Blick zum Dasein erweckt, zu einem
mächtigern, schönern Dasein, als das sogenannte wirkliche ... Ein Blick
-- ein sehender, der Blick des Verständnisses muß es sein ... Nicht
wahr, lieber Meister? -- Verständniß ist ~Alles~ -- Weisheit,
Liebe, Poesie ... Nach dem allein haben wir zu ringen, die wir uns
einbilden, Dichter zu sein ... An Stoffen fehlt's, höre ich die Leute
sagen. -- Begreife das Begreifbare und aus Allem, was Dich umgiebt,
dringt die Fülle bildsamen Stoffes auf Dich ein, und wenn es Dir an
etwas fehlt, so ist's an Kraft, die wogenden Quellen zu fassen und sie
zu leiten an ein gewolltes Ziel!«
Er sprang auf, ergriff die Hand Feßlers, nannte ihn einen edlen, einen
seltenen, einen herrlichen Mann und verabschiedete sich mit der Bitte,
recht bald wiederkommen zu dürfen. Und er kam wieder, kam täglich,
ganze Wochen hindurch, und wenn er ja einmal ausblieb, bedauerte dies
Niemand mehr, als Feßler. Lotti sprach überhaupt nicht von ihm, vermied
es sogar, seinen Namen zu nennen, und was Gottfried betraf, der meinte,
es sei nicht übel, zwölf Stunden lang Ruhe zu haben in der Werkstatt.
Er leugnete nicht, daß Halwig eine große Unterhaltungsgabe besitze,
allein für seinen Geschmack machte »der Poet« einen gar zu häufigen
Gebrauch davon.
»Wenn ich am Sonntag Unterhaltung habe, ist mir's genug, täglich
Unterhaltung ist mir zu viel,« sagte er und bewies es, indem er begann,
das Haus zu den Stunden zu verlassen, in denen Halwig es zu besuchen
pflegte. Dieser zeigte sich darüber gekränkt. Er war nicht gewöhnt,
gemieden zu werden; er that sich etwas zu Gute auf die Macht, die ihm
über die Gemüther der Menschen gegeben war. Keiner, um dessen Neigung
er sich beworben, hatte ihm widerstanden, er hatte immer gehört und
geglaubt, daß man ihn lieb haben ~müsse~, wenn er es darauf
angelegt. Bitter beklagte er sich bei Lotti über die Steifheit und
Kälte ihres Vetters, versicherte trotzig wie ein verwöhntes Kind, er
werfe seine Freundschaft Niemandem an den Kopf, und wenn Gottfried
ihn hasse, so zahle er ihn mit gleicher Münze. Sobald sich jener
aber blicken ließ, kam er ihm wieder mit der alten und -- darüber
konnte kein Zweifel sein -- aufrichtigen Wärme entgegen. Er bemühte
sich, sein Interesse zu erwecken, ihm Theilnahme einzuflößen, er warb
förmlich um ihn. Alle liebenswürdigen Eigenschaften seines beweglichen,
frischen, herzgewinnenden Wesens kamen dabei zum Vorschein, rührten
aber Denjenigen nicht, dem zu Ehren sie sich in ihrem vollsten Glanze
zeigten.
Eines Tages war Gottfried, mit einer dringenden Arbeit beschäftigt, von
früh bis abends daheim geblieben und hatte im Eifer seines Fleißes die
Stunde versäumt, zu welcher er jetzt regelmäßig seinen Rückzug vor dem
»Luxusartikel«, wie er Halwig nannte, anzutreten pflegte.
Zum Bewußtsein der Zeit wurde er durch Lotti gebracht, die eine Lampe
auf den Tisch stellte und ihn mahnte, Feierabend zu machen.
»Ist es denn so spät?« fragte er.
»Spät und nicht mehr hell, Du verdirbst Dir die Augen.«
»Was liegt daran? -- Was liegt an mir?« sprach er halblaut vor sich
hin, wie einer, der plötzlich geweckt, aus dem Schlafe redet. Er
stöhnte schmerzlich auf und preßte beide Hände gegen die Stirn.
Lotti wurde feuerroth; schweigend mit einer Gebärde der Mißbilligung
wandte sie sich ab. Der Vater hatte seine allabendliche Zimmerpromenade
unterbrochen, war vor Gottfried stehen geblieben und fragte, was ihm
fehle?
»Nichts,« erhielt er zur Antwort, »nur die Augen sind mir ein wenig
müde geworden.«
»Gönn' Dir Ruhe,« sagte Feßler, »mach' es mir nach, ich spaziere schon
lange müßig auf und ab und hätte ganz gut noch eine Weile schaffen
können -- die Tage wachsen, der Frühling kommt heran ... Ja, der kommt,
man darf auf ihn zählen, der kommt. Wer aber ausbleibt,« schloß der
alte Mann seine Betrachtungen, »das ist unser Hofpoet ... In drei Tagen
hat er sich nicht blicken lassen, und auch heute -- seine Stunde ist
vorbei -- er kommt nicht mehr.«
»Um so besser!« rief Gottfried, »ich wollte, wir wären für immer von
ihm befreit.«
»Befreit! -- Ist das Dein Ernst? ...«
»Leider ja,« versetzte Lotti, und ein tiefer Groll sprach aus ihrer
erregten Stimme.