Er lachte. »Ein ~junges~ Mädchen denkt das nicht.«

»Ich meine auch kein sechzehnjähriges.«

Lotti hatte sich an den Arbeitstisch begeben und begann die reparirten

Uhrwerke in ihre Gehäuse einzusetzen.

Gottfried stand am Fenster und sah ihr zu. »Wann wird die Bestellung

abgeliefert werden?« fragte er nach einer kleinen Weile.

»Kann morgen geschehen.«

»Thu' es selbst, ich bitte Dich, und nimm zugleich Abschied von dem

Meister. Du darfst für ihn nicht mehr arbeiten.«

Lotti blickte ein wenig betroffen empor. »Abschied nehmen -- das wäre

schon gut, aber -- so plötzlich, so ohne Weiteres? Ich bin ihm Dank

schuldig, er hat immer Rücksicht auf mich genommen, mich nie ohne

Arbeit gelassen, immer gut und rasch bezahlt.«

»Rasch ja, gut -- nein. Mache Dir keine Sorgen. Ich habe den Herrn

bereits darauf vorbereitet, daß er jetzt seine beste Arbeiterin

verliert. Wie leid ihm ist, mag Gott wissen, aber begreiflich muß er's

finden, daß Du Dich von nun an für Niemanden mehr plagen wirst als für

mich, was so viel heißt, als für Dich selbst, denn -- nicht wahr? ...«

Er war plötzlich in heiße Verlegenheit gerathen und stockte. »O,« nahm

er bald wieder das Wort, »da hätte ich beinahe vergessen! Der Herr

bittet Dich nur noch um einen letzten Freundschaftsdienst. Du möchtest

so gut sein, diese Uhr anzusehen. Ist sehr fein, sagte er, hat Dein

Lieblings-Echappement.«

»Duplex also.«

»Jawohl. Er weiß gerade keinen Arbeiter, dem er sich getraut sie in die

Hand zu geben. Ueberdies hat's Eile. Morgen Abend möcht' er sie wieder

haben.«

Gottfried stellte ein hölzernes, mit Messing eingelegtes Kästchen

vor Lotti hin. Die wandte demselben den Blick eines theilnehmenden

Arztes für einen Patienten zu, und fragte:

»Was fehlt denn?«

»Weiß nicht,« erwiderte Gottfried, »aber ich glaube, nicht viel. Der

Herr hat mir eine lange Geschichte erzählt, er hat die Uhr von Einem,

der sie aus Leichtsinn oder aus Noth losschlug, um ein Spottgeld. Will

sie jetzt sehr theuer verkaufen, deshalb sollst Du die Herstellung

besorgen. Er schwatzte ein Langes und Breites, ich habe nicht zugehört.

Es wäre auch überflüssig gewesen, nachdem ich wußte, was mich dabei

anging.«

Lotti, die das Kästchen nicht mehr aus den Augen gelassen, hatte es

geöffnet und dann auch -- mit seltsamer Spannung und Hast -- die Uhr,

welche darin gelegen. Unverwandt starrte sie den Namen _F. Alexy &

Sandoz frères_ auf der Cuvette, und die Zahl an, die darunter stand.

»Verkauft -- wie sagtest Du? -- aus Leichtsinn oder aus Noth,« sprach

sie gepreßten Tones.

»Freilich, freilich,« versetzte er, lehnte sich tiefer in das Fenster

zurück, sah auf den Boden nieder und schien ernstlich und scharf

nachzudenken. »Du wirst mich doch heute im Geschäft besuchen!« rief er

plötzlich aus.

Lotti nickte bejahend; sie hatte bereits begonnen, die Uhr zu zerlegen.

»Das Schild ist noch nicht aufgemacht,« fuhr Gottfried langsam und

zögernd fort, »aber fertig ist es schon. Es wird nicht aufgemacht,

bevor Du die Erlaubniß dazu giebst.« Er hielt inne, er wartete, aber

vergeblich. Lotti schwieg, und so hub er denn nach abermaliger Pause

von Neuem an:

»Denk' nur, welche Freiheit ich mir genommen -- denk nur -- ich habe

auf das Schild schreiben lassen ... wie gesagt, oder nicht gesagt, auf

jeden Fall, wie selbstverständlich -- es kann geändert werden, wenn Du

es wünschest ...«

Jetzt erst wagte er es wieder, sie anzusehen. Sie war ganz versunken

in ihre Arbeit -- eine unbegreiflich schwere Arbeit für sie, die

Meisterin! Ihre sonst so sichere Hand zitterte, ihr Gesicht war

hochgeröthet, eine mühsam unterdrückte Erregung gab sich in ihrem

ganzen Wesen kund.

Was ist ihr denn? dachte Gottfried. -- Ahnt sie, was er ihr zu sagen

hat und versetzt sie das in eine Befangenheit, die aussieht wie

Bestürzung? Wär's doch so! dann nimmt sie wenigstens die Sache ernst,

und er braucht nicht zu fürchten, mit einem Scherze heimgeschickt zu

werden, das Aergste, was ihm geschehen könnte, dem alten Menschen.

Ihre sichtbare Unruhe befreit ihn von dieser Sorge und zugleich von

aller Aengstlichkeit. Er athmet auf und spricht mit einem gewissen

unbeholfenen Humor, dabei aber höchst bedeutsam und nachdrücklich:

»Es wäre schade, wenn an dem Schilde etwas geändert werden müßte; es

ist sehr hübsch ausgefallen ... Macht sich wirklich gut, auf glänzend

schwarzem Grund, das G. & L. Feßler ... G. und L. ... Gottfried und

Lotti ...«

Ihre Stirn glühte, ihre Wangen brannten, sie beugte sich tiefer über

ihre Arbeit und wiederholte mechanisch und ausdruckslos: »Gottfried und

Lotti?«

Nein! ihre Gedanken waren nicht bei ihm. In der Weise hätte sie ebenso

gut fremde Namen ausgesprochen. Die Worte, die sie vernommen, waren an

ihr Ohr gedrungen, die schüchterne, inständig bittende Frage, die in

ihnen lag, nicht an ihr Herz ...

Jetzt trat von allen Pausen, die während dieses Gespräches gemacht

wurden, die längste ein. Still war's im Zimmer, nichts hörbar, als das

Ticken der vielen Uhren und endlich ein tiefer, tiefer Seufzer aus

Gottfrieds Brust.

Lotti erhob den Blick und sah trotz des feuchten Schleiers, der sich

vor ihre Augen gelegt hatte, den Ausdruck leidvoller Enttäuschung in

seinen Zügen.

»Was ist Dir, Gottfried?« sprach sie.

»Du hörst mich nicht an,« entgegnete er unmuthig.

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10) · 第 10 / 33 题