IV.

»Eine Ueberraschung?« wiederholte Lotti mit einem Anfluge von Sorge,

»wenn ich Ueberraschungen nur zu schätzen wüßte.«

»Diese wird Dir gefallen,« entgegnete Gottfried. »Ich habe einen Laden

gemiethet und bereits eingerichtet.«

Lotti schlug die Hände zusammen und konnte vor Staunen nur die Worte

herausbringen: »Aber nein! ... Aber wo?«

Nun, nirgends anders, als gleich nebenan in der breiten belebten

Straße, die zum Domplatze führt. Ein allerliebster kleiner Laden, an

dessen Ausschmückung seit acht Tagen eifrigst gearbeitet wurde, der

ein schönes Fenster bekommen hatte aus einem Stück thauklaren Glases,

und eine geschmackvolle Vitrine mit feiner Einfassung aus Ebenholz.

In dieser lagen seit gestern eine Kalenderuhr von Audemars und ein

Chronometer von Dent inmitten anderer Uhren aus den vornehmsten Häusern.

Lotti war bewundernd vor ihnen stehen geblieben, aber heute erfüllte

deren Kostbarkeit sie mit Schrecken. »Ein solcher Werth!« meinte sie,

»ein so großes Capital!« es schien ihr fast zu kühn, daß Gottfried die

Bürgschaft dafür übernommen hatte.

Er jedoch war durchdrungen von Ruhe und Zuversicht.

Seit langer Zeit hatte er seine Vorbereitungen getroffen. Der Meister,

der ihn beschäftigte, die Freunde, die er sich noch während seiner

Lehrzeit erworben, unterstützten und förderten ihn dabei auf das

Kräftigste. Als ob es sich an ihm erproben sollte, daß nicht bloß

Diejenigen Vertrauen erringen, die es nicht werth sind, sondern

manchmal doch auch Einer, der es verdient, fand er allenthalben

bereitwilliges Entgegenkommen. Es wurden ihm so billige und günstige

Bedingungen gemacht, daß er, um in seinem Geschäfte zu bestehen,

keineswegs auf ein besonderes Glück zu rechnen, sondern nur auf das

Ausbleiben eines raffinirten Unglücks zu hoffen brauchte.

Das setzte er Lotti auseinander, die ihm aufmerksam und immer freudiger

zuhörte und endlich meinte, in der ganzen Geschichte gäbe es zwei

verwunderliche Dinge; erstens, daß er sich zu dem jetzt gefaßten

Entschluß so lange ~nicht~ gebracht, und zweitens, daß er sich

~doch~ dazu gebracht. Was sie von der Sache halte, wisse er; hatte

sie ihn nicht schon vor Jahren beschworen, sich auf eigene Füße zu

stellen.

Gottfried erwiderte, seine Pedanterie sei Schuld, daß es nicht früher

geschehen. Er hatte sich's einmal vorgesetzt, sein Geschäft nicht

anzufangen, wenn er dazu auch nur einen Heller fremden Geldes brauchen

würde. Um jedoch Alles aus Eigenem bestreiten zu können, dazu habe es

eben viel Zeit gebraucht.

»Und gut angewandte, das weiß Gott,« meinte Lotti. »Heil Dir, daß

Du gleich so stattlich ausrücken kannst an der Spitze von Dents und

Audemars' ...«

»Die beide schon halb und halb verkauft sind,« fiel er ihr ins Wort.

»Gottfried, Du machst mich übermüthig! Einen Wunsch hast Du mir

erfüllt, der schon vor Altersschwäche erloschen war -- jetzt wird

ein zweiter, dem es ähnlich ergangen, lebendig. Du mußt heirathen,

Gottfried.«

Er richtete seine kleinen, glänzenden braunen Augen fest auf sie und

sprach ganz unternehmend:

»Warum nicht?«

»Das sag' ich ja,« rief Lotti, »warum nicht? Warum solltest Du die

brave Frau nicht finden, die Du verdienst? Nur suchen heißt es, nur

sich ein wenig bemühen, nur nicht, wie Du es bisher gethan hast, jeder

Gelegenheit aus dem Wege gehen, mit einem jungen Mädchen zusammen zu

kommen, das vielleicht denken könnte: dieser Gottfried Feßler wäre kein

übler Mann für mich.«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10) · 第 9 / 33 题