»Eine Ueberraschung?« wiederholte Lotti mit einem Anfluge von Sorge,
»wenn ich Ueberraschungen nur zu schätzen wüßte.«
»Diese wird Dir gefallen,« entgegnete Gottfried. »Ich habe einen Laden
gemiethet und bereits eingerichtet.«
Lotti schlug die Hände zusammen und konnte vor Staunen nur die Worte
herausbringen: »Aber nein! ... Aber wo?«
Nun, nirgends anders, als gleich nebenan in der breiten belebten
Straße, die zum Domplatze führt. Ein allerliebster kleiner Laden, an
dessen Ausschmückung seit acht Tagen eifrigst gearbeitet wurde, der
ein schönes Fenster bekommen hatte aus einem Stück thauklaren Glases,
und eine geschmackvolle Vitrine mit feiner Einfassung aus Ebenholz.
In dieser lagen seit gestern eine Kalenderuhr von Audemars und ein
Chronometer von Dent inmitten anderer Uhren aus den vornehmsten Häusern.
Lotti war bewundernd vor ihnen stehen geblieben, aber heute erfüllte
deren Kostbarkeit sie mit Schrecken. »Ein solcher Werth!« meinte sie,
»ein so großes Capital!« es schien ihr fast zu kühn, daß Gottfried die
Bürgschaft dafür übernommen hatte.
Er jedoch war durchdrungen von Ruhe und Zuversicht.
Seit langer Zeit hatte er seine Vorbereitungen getroffen. Der Meister,
der ihn beschäftigte, die Freunde, die er sich noch während seiner
Lehrzeit erworben, unterstützten und förderten ihn dabei auf das
Kräftigste. Als ob es sich an ihm erproben sollte, daß nicht bloß
Diejenigen Vertrauen erringen, die es nicht werth sind, sondern
manchmal doch auch Einer, der es verdient, fand er allenthalben
bereitwilliges Entgegenkommen. Es wurden ihm so billige und günstige
Bedingungen gemacht, daß er, um in seinem Geschäfte zu bestehen,
keineswegs auf ein besonderes Glück zu rechnen, sondern nur auf das
Ausbleiben eines raffinirten Unglücks zu hoffen brauchte.
Das setzte er Lotti auseinander, die ihm aufmerksam und immer freudiger
zuhörte und endlich meinte, in der ganzen Geschichte gäbe es zwei
verwunderliche Dinge; erstens, daß er sich zu dem jetzt gefaßten
Entschluß so lange ~nicht~ gebracht, und zweitens, daß er sich
~doch~ dazu gebracht. Was sie von der Sache halte, wisse er; hatte
sie ihn nicht schon vor Jahren beschworen, sich auf eigene Füße zu
stellen.
Gottfried erwiderte, seine Pedanterie sei Schuld, daß es nicht früher
geschehen. Er hatte sich's einmal vorgesetzt, sein Geschäft nicht
anzufangen, wenn er dazu auch nur einen Heller fremden Geldes brauchen
würde. Um jedoch Alles aus Eigenem bestreiten zu können, dazu habe es
eben viel Zeit gebraucht.
»Und gut angewandte, das weiß Gott,« meinte Lotti. »Heil Dir, daß
Du gleich so stattlich ausrücken kannst an der Spitze von Dents und
Audemars' ...«
»Die beide schon halb und halb verkauft sind,« fiel er ihr ins Wort.
»Gottfried, Du machst mich übermüthig! Einen Wunsch hast Du mir
erfüllt, der schon vor Altersschwäche erloschen war -- jetzt wird
ein zweiter, dem es ähnlich ergangen, lebendig. Du mußt heirathen,
Gottfried.«
Er richtete seine kleinen, glänzenden braunen Augen fest auf sie und
sprach ganz unternehmend:
»Warum nicht?«
»Das sag' ich ja,« rief Lotti, »warum nicht? Warum solltest Du die
brave Frau nicht finden, die Du verdienst? Nur suchen heißt es, nur
sich ein wenig bemühen, nur nicht, wie Du es bisher gethan hast, jeder
Gelegenheit aus dem Wege gehen, mit einem jungen Mädchen zusammen zu
kommen, das vielleicht denken könnte: dieser Gottfried Feßler wäre kein
übler Mann für mich.«