Diese schreckliche Zeit war nun längst vorüber; doch hielt Lotti die
Erinnerung an sie in ihrer Seele wach. Sie wollte nicht vergessen, daß
auch ihr ein gehöriges Maß an Leid und Enttäuschung zugetheilt worden,
sie wäre sich sonst im Vergleich mit anderen Menschenkindern ungerecht
bevorzugt erschienen. Wie Vielen wird es denn so gut, mit ihr sagen zu
können:
~Ich habe das Leben, das ich brauche!~
Ihrer alten Beschäftigung, zu der sie zurückgekehrt war, verdankte
sie täglich neue Freude, verdankte ihr Frieden, Frohsinn und
Unabhängigkeit. Wäre ihr Vater nur noch dagewesen, um dies Alles
mit ihr zu genießen! Aber leider, Meister Johannes ruhte schon seit
geraumer Zeit in der kühlen Erde.
Er hatte keine Mühseligkeit des Alters kennen gelernt; niemals hatten
ihm Auge und Hand bei Ausführung der Gedanken seines erfinderischen
Kopfes ihre Dienste versagt. Wohl waren seine Haare weiß geworden,
hatten seine Wangen sich entfärbt, aber aus seinen klaren Zügen
leuchtete der Glanz einer unverwelklichen Jugend. Die Jugend des mit
Bewußtsein Werdenden. Unermüdlich strebend und lernend, hatte er sich
nicht Zeit genommen, recht zu überlegen, wie viel er schon erstrebt und
erlernt -- da plötzlich, ohne auch nur Einen seiner Vorboten geschickt
zu haben, trat der Tod an ihn heran.
Und jetzt, im Angesicht der ewigen Trennung, fiel dem Meister der
Gedanke schwer aufs Herz, daß er seine Tochter fast mittellos in
der Welt zurücklassen müsse. Er hätte ihr so leicht eine behagliche
Wohlhabenheit sichern können! -- Vor einem Jahre noch fand sich die
beste Gelegenheit dazu, da bot ein reicher Kenner, der sich in die
Uhrensammlung Feßlers vernarrt hatte, eine Summe dafür, eine lächerlich
hohe Summe, wahrhaftig ein Vermögen. Allein Johannes hatte nicht einmal
geschwankt, war ruhig dabei geblieben: »Die Uhren sind mir nicht feil.«
Ueber diesen Leichtsinn, diese thörichte Selbstsucht machte er sich in
seiner letzten Stunde bittere Vorwürfe und bat noch sterbend seinen
Sohn Gottfried, jenen abgewiesenen Käufer aufzusuchen und ihm zu
melden, die Sammlung, nach welcher er so heißes Verlangen trage, stehe
ihm nun zur Verfügung. Lotti jedoch erklärte, daß sie eben so gern ihre
Seele verkaufen ließe, wie diese Uhren.
So blieben sie denn in ihrem Besitze, wenn auch nicht ohne manchen
harten Kampf. Die Sammlung Meister Feßlers war allmälig doch in einem
Kreise von Kennern und Liebhabern zu dem ihr gebührenden Rufe gelangt.
Es fehlte nicht an zudringlichen Leuten, die trotz der standhaften
Zurückweisungen, die sie erfuhren, immer wieder erschienen, immer neue
Bewerbungen anstellten, immer glänzendere Anerbietungen machten. Das
war denn oft herzlich langweilig, trug aber nur dazu bei, die Liebe,
welche Lotti für ihre Uhren empfand, noch zu erhöhen. Sie hörte niemals
auf, ihnen ihre Sorgfalt angedeihen zu lassen, und wenn es noch so viel
zu thun gab und wenn die Zeit noch so sehr drängte, ging sie nicht an
ihr Tagewerk, ohne ihren Uhren einen Besuch abgestattet zu haben. Hätte
sie das jemals unterlassen müssen, -- die rechte Begeisterung, die
rechte Lust zur Arbeit hätte ihr gewiß gefehlt.
Auch heute war sie an das Schränklein getreten, das in der Ecke stand
neben der Schlafzimmerthür, dem großen Schreibtisch gegenüber. Eben
fiel ein Sonnenstrahl schräg durch das Fenster auf das Kästchen, auf
Lottis Hände, und als sie die erste Lade öffnete, schlüpfte er sogleich
hinein. Prächtig war's, wie er die kleinen ehrwürdigen Meisterwerke
beleuchtete, welche darin auf einem Bettlein von purpurrothem Sammet
lagen.
Die glatten Gehäuse aus Messing, Krystall, Silber und Gold und die
reich verzierten, und die durchbrochenen und in diesen die sorgfältig
geputzten, polirten und wieder zusammengesetzten Werke erglänzten
und gaben dem leuchtenden Strahl des Lichtes, der sie in ihrer
Verborgenheit und Ruhe besuchen kam, seinen Gruß zurück. Das war Lade
Nummer Eins!
Sie enthielt drei sogenannte »lebendige Nürnberger Eier« und drei
»Halsvrln«. Kein einziges Stück jünger als dreihundert Jahre,
manches noch älter und gerade die ältesten von der künstlichsten
Beschaffenheit. Was wollten sie nicht alles können, diese kleinen
Maschinen, was trauten sie sich nicht zu? Sie begnügten sich keineswegs
damit, die bürgerlichen Stunden anzuzeigen und zu schlagen und den
Schläfer zu wecken, wann immer es ihm beliebte, auch den Wochen- und
Monatstag verzeichneten sie, controlirten die Aspecte und Phasen des
Mondes und behaupteten, den Stand der Sonne nachweisen zu können. Sie
wandten den Himmelszeichen ihre Aufmerksamkeit zu, wußten Auskunft zu
geben über die Sternzeit und nahmen Notiz vom türkischen Kalender ...
Wahrhaftig, die braven Männer, denen sie ihre Entstehung verdankten,
hatten sich Schweres vorgesetzt -- und mit wie geringen Mitteln
gedachten sie es zu erreichen! -- Mit Spindelechappements -- mit
Löffelunruhen, deren kläglich humpelnder Gang von einer Schweinsborste
regulirt wurde! Sie verfertigten alle Räder aus Eisen, und von einer
Schnecke war ihnen nicht einmal die Ahnung aufgekommen.
Aber -- so ärmlich ihre Kunst, so reich war ihr Vertrauen. Sie wußten
-- das heißt sie glaubten, und weil sie glaubten, wußten sie -- daß
Schwäche zur Stärke erwachsen kann, wenn nur der rechte Segen auf
ihr ruht. Kühn und demüthig zugleich riefen sie die Hülfe Desjenigen
herbei, dem nichts unmöglich ist, und stellten die Werke ihres
Fleißes unter seinen allmächtigen Schutz, empfahlen sie auch wohl der
Fürsprache der Mutter Gottes oder eines vornehmen Heiligen. Einer
der alten Meister hatte in den Boden des Federhauses, das die Kraft
umschließt, von welcher alle Bewegung ausgeht, die das ganze Getriebe
gleichsam beseelt, den Namen Jesu eingegraben. Von einem andern war aus
dem fein geschnittenen, prächtig ornamentirten Monogramm der heiligen
Jungfrau Maria der Schutzdeckel des Zifferblattes gebildet worden. Auf
der Innenseite des Gehäuses standen die Worte eingravirt:
_Kaspar Werner hat mich gemacht
Vnd der heiligen Jvngfrav dargebracht
Da · man · zelt · 1541._
Immer reichere Schätze gelangten zum Vorschein, als Lotti ein Lädchen
nach dem andern öffnete und schloß. Taschenuhren in allen Formen und
Gestalten, achteckig, rund, oval, elliptisch, sternförmig, in Gehäusen
aus Gold und Silber, aus Smaragd, Rauchtopas, Bergkrystall. Unter
andern gab es eine Uhr in Kreuzform, mit dem Augsburger »Stadtphyr«,
»Wardein- und Wichszeichen« versehen. Das Gehäuse, das Zifferblatt und
der innere Deckel waren mit Darstellungen des Leidens Christi bedeckt,
die dem besten Künstler zur Ehre gereicht hätten. Leider fehlte das
Meisterzeichen. Aber mit Blindheit hätte man geschlagen sein müssen, um
nicht sogleich zu erkennen, daß die prächtige deutsche Arbeit aus der
Zeit Kaiser Rudolphs II. stammte und vermuthlich von Hans Schlotheim
hergestellt worden war.
Ueber den Ursprung ihrer nächsten Nachbarin, gleichfalls kreuzförmig,
mit Gehäuse aus Einem Stück Rauchtopas, konnte kein Zweifel obwalten.
Ihr Schöpfer hatte sie nicht namenlos in die Welt geschickt, sondern
neben dem Stellungsrade brav und deutlich sein »Conrad Kreizer«
eingeschrieben.
Eine ganze Schar anmuthiger Französinnen folgte. Köstliche Uehrchen,
geschmückt mit Email-Malereien von den Brüdern Huaut, oder mit erhaben
geschnittenen Blumen, mit buntem Blattwerk, mit durchbrochenen
Arabesken aus vielfarbigem Golde. Die Sammlung enthielt nicht minder
merkwürdige Arbeiten von Tompion in England, Albrecht Erb in Wien,
Gerard Mut in Frankfurt, Matthäus Degen, Christoff Strebell. Kurz, es
fehlten wenig große Namen, und wer die vorhandenen mit recht scharfen
Augen betrachtete, der sah mehr, als nur Namen in eine Metallplatte
eingeritzt, der sah das Wesen des Meisters sich deutlich in seinem
Werke spiegeln.
Nach all' den köstlich verzierten Stücken erschienen die einfachen
Taschenuhren von Pierre le Roy, Berthoud, Breguet, eine Emmery ... Ach,
~die~ weckt traurige Erinnerungen, mahnt an die große Enttäuschung
in Lottis Leben. Mit einer solchen Uhr in der Hand trat dereinst
... Hinweg! -- Schlafe Du nur ruhig weiter. Hinweg von dir zu dem
unerhörtesten Curiosum der Sammlung -- zu der Seetaschenuhr von Mudge
dem Ersten.
Die Geschichte will wissen, daß dieser berühmte und unsterbliche
Mann in seinem Leben nur drei Seeuhren verfertigt hat, und zwar die
erste im Jahre 1774, und die beiden andern, der ~blaue~ und der
~grüne~ Zeithalter genannt, im Jahre 1777. Nun, die Geschichte
hat einmal wieder geirrt. Hier war sie auf die gründlichste Art der
Welt widerlegt, durch eine Thatsache -- hier war eine vierte Mudge.
Zwillingsschwester der älteren, der von Maskelyn in Greenwich geprüften
und sicherlich in demselben Jahre mit dieser entstanden, wie denn auch
die beiden jüngeren in einem Jahre gemacht worden waren.
Die weltbekannten Beschreibungen, die wir von der ersten Seeuhr Mudges
besitzen, paßten genau auf die, welche sich in Lottis Händen befand.
Die Uhr war echt, ihr edler Ursprung über jedem Zweifel erhaben, es war
eine ganze Mudge -- die Leistungsfähigkeit ausgenommen. Die durfte man
freilich nicht mehr von ihr verlangen, der über hundert Jahre alten
Greisin.
Die letzte Lade, die von Lotti geöffnet wurde, enthielt schöne
Arbeiten von Arnold, Richard, Recorder, Robert, Courvoisier, Ruderas
von hölzernen Unruhen Simon Henningers und Lorenz Freys und eine
vollständig erhaltene hölzerne Taschenuhr von Andreas Dilger aus
Gütenbach.
Ein Familienerbe! -- Als Bräutigam hatte sie der Urgroßvater Lottis
ihrer Urgroßmutter zugleich mit seinem Herzen dargebracht. Gottfried
nannte sie die Majoratsuhr. Sie war nie getragen worden, hatte als
Schaustück im Glasschranke der Urgroßmutter geruht. Nur an hohen
Festtagen wurde sie hervorgeholt und zur Freude des Enkelchen Lotti
aufgezogen. Dann setzte sie sich aber auch stracks in Bewegung und
vollführte einen so accuraten und energischen Gang und bimmelte so
fleißig fort, als ob sie noch in der Blüthe ihrer Jahre stände, und als
ob sie all' die Zeit einholen wollte, die sie in unfreiwilliger Muße
versäumt.
Wie war sie nett! Wie waren ihre hölzernen Räder, Platten, Kloben,
so bewunderungswürdig ausgearbeitet. Wie sauber ausgestochen der
Unruhkloben und die Stellungsflügel, und wie schön verziert die beiden
und die Klobenplatte. Man sah der kleinen Dilger gar deutlich die
Liebe an, mit welcher sie ausgeführt, und auch die, mit welcher sie
zeitlebens gehegt und gepflegt worden war. Ihr gehörte Lottis letzter
und zärtlicher Blick, bevor sie die Lade zuschob und dabei dachte: »Ja,
meine Uhren -- die machen mir noch das Sterben schwer!«
In diesem Augenblicke wurde die Zimmerthür geöffnet.
»Guten Morgen,« sprach eine tiefe und wohlklingende Stimme.