III.

Diese schreckliche Zeit war nun längst vorüber; doch hielt Lotti die

Erinnerung an sie in ihrer Seele wach. Sie wollte nicht vergessen, daß

auch ihr ein gehöriges Maß an Leid und Enttäuschung zugetheilt worden,

sie wäre sich sonst im Vergleich mit anderen Menschenkindern ungerecht

bevorzugt erschienen. Wie Vielen wird es denn so gut, mit ihr sagen zu

können:

~Ich habe das Leben, das ich brauche!~

Ihrer alten Beschäftigung, zu der sie zurückgekehrt war, verdankte

sie täglich neue Freude, verdankte ihr Frieden, Frohsinn und

Unabhängigkeit. Wäre ihr Vater nur noch dagewesen, um dies Alles

mit ihr zu genießen! Aber leider, Meister Johannes ruhte schon seit

geraumer Zeit in der kühlen Erde.

Er hatte keine Mühseligkeit des Alters kennen gelernt; niemals hatten

ihm Auge und Hand bei Ausführung der Gedanken seines erfinderischen

Kopfes ihre Dienste versagt. Wohl waren seine Haare weiß geworden,

hatten seine Wangen sich entfärbt, aber aus seinen klaren Zügen

leuchtete der Glanz einer unverwelklichen Jugend. Die Jugend des mit

Bewußtsein Werdenden. Unermüdlich strebend und lernend, hatte er sich

nicht Zeit genommen, recht zu überlegen, wie viel er schon erstrebt und

erlernt -- da plötzlich, ohne auch nur Einen seiner Vorboten geschickt

zu haben, trat der Tod an ihn heran.

Und jetzt, im Angesicht der ewigen Trennung, fiel dem Meister der

Gedanke schwer aufs Herz, daß er seine Tochter fast mittellos in

der Welt zurücklassen müsse. Er hätte ihr so leicht eine behagliche

Wohlhabenheit sichern können! -- Vor einem Jahre noch fand sich die

beste Gelegenheit dazu, da bot ein reicher Kenner, der sich in die

Uhrensammlung Feßlers vernarrt hatte, eine Summe dafür, eine lächerlich

hohe Summe, wahrhaftig ein Vermögen. Allein Johannes hatte nicht einmal

geschwankt, war ruhig dabei geblieben: »Die Uhren sind mir nicht feil.«

Ueber diesen Leichtsinn, diese thörichte Selbstsucht machte er sich in

seiner letzten Stunde bittere Vorwürfe und bat noch sterbend seinen

Sohn Gottfried, jenen abgewiesenen Käufer aufzusuchen und ihm zu

melden, die Sammlung, nach welcher er so heißes Verlangen trage, stehe

ihm nun zur Verfügung. Lotti jedoch erklärte, daß sie eben so gern ihre

Seele verkaufen ließe, wie diese Uhren.

So blieben sie denn in ihrem Besitze, wenn auch nicht ohne manchen

harten Kampf. Die Sammlung Meister Feßlers war allmälig doch in einem

Kreise von Kennern und Liebhabern zu dem ihr gebührenden Rufe gelangt.

Es fehlte nicht an zudringlichen Leuten, die trotz der standhaften

Zurückweisungen, die sie erfuhren, immer wieder erschienen, immer neue

Bewerbungen anstellten, immer glänzendere Anerbietungen machten. Das

war denn oft herzlich langweilig, trug aber nur dazu bei, die Liebe,

welche Lotti für ihre Uhren empfand, noch zu erhöhen. Sie hörte niemals

auf, ihnen ihre Sorgfalt angedeihen zu lassen, und wenn es noch so viel

zu thun gab und wenn die Zeit noch so sehr drängte, ging sie nicht an

ihr Tagewerk, ohne ihren Uhren einen Besuch abgestattet zu haben. Hätte

sie das jemals unterlassen müssen, -- die rechte Begeisterung, die

rechte Lust zur Arbeit hätte ihr gewiß gefehlt.

Auch heute war sie an das Schränklein getreten, das in der Ecke stand

neben der Schlafzimmerthür, dem großen Schreibtisch gegenüber. Eben

fiel ein Sonnenstrahl schräg durch das Fenster auf das Kästchen, auf

Lottis Hände, und als sie die erste Lade öffnete, schlüpfte er sogleich

hinein. Prächtig war's, wie er die kleinen ehrwürdigen Meisterwerke

beleuchtete, welche darin auf einem Bettlein von purpurrothem Sammet

lagen.

Die glatten Gehäuse aus Messing, Krystall, Silber und Gold und die

reich verzierten, und die durchbrochenen und in diesen die sorgfältig

geputzten, polirten und wieder zusammengesetzten Werke erglänzten

und gaben dem leuchtenden Strahl des Lichtes, der sie in ihrer

Verborgenheit und Ruhe besuchen kam, seinen Gruß zurück. Das war Lade

Nummer Eins!

Sie enthielt drei sogenannte »lebendige Nürnberger Eier« und drei

»Halsvrln«. Kein einziges Stück jünger als dreihundert Jahre,

manches noch älter und gerade die ältesten von der künstlichsten

Beschaffenheit. Was wollten sie nicht alles können, diese kleinen

Maschinen, was trauten sie sich nicht zu? Sie begnügten sich keineswegs

damit, die bürgerlichen Stunden anzuzeigen und zu schlagen und den

Schläfer zu wecken, wann immer es ihm beliebte, auch den Wochen- und

Monatstag verzeichneten sie, controlirten die Aspecte und Phasen des

Mondes und behaupteten, den Stand der Sonne nachweisen zu können. Sie

wandten den Himmelszeichen ihre Aufmerksamkeit zu, wußten Auskunft zu

geben über die Sternzeit und nahmen Notiz vom türkischen Kalender ...

Wahrhaftig, die braven Männer, denen sie ihre Entstehung verdankten,

hatten sich Schweres vorgesetzt -- und mit wie geringen Mitteln

gedachten sie es zu erreichen! -- Mit Spindelechappements -- mit

Löffelunruhen, deren kläglich humpelnder Gang von einer Schweinsborste

regulirt wurde! Sie verfertigten alle Räder aus Eisen, und von einer

Schnecke war ihnen nicht einmal die Ahnung aufgekommen.

Aber -- so ärmlich ihre Kunst, so reich war ihr Vertrauen. Sie wußten

-- das heißt sie glaubten, und weil sie glaubten, wußten sie -- daß

Schwäche zur Stärke erwachsen kann, wenn nur der rechte Segen auf

ihr ruht. Kühn und demüthig zugleich riefen sie die Hülfe Desjenigen

herbei, dem nichts unmöglich ist, und stellten die Werke ihres

Fleißes unter seinen allmächtigen Schutz, empfahlen sie auch wohl der

Fürsprache der Mutter Gottes oder eines vornehmen Heiligen. Einer

der alten Meister hatte in den Boden des Federhauses, das die Kraft

umschließt, von welcher alle Bewegung ausgeht, die das ganze Getriebe

gleichsam beseelt, den Namen Jesu eingegraben. Von einem andern war aus

dem fein geschnittenen, prächtig ornamentirten Monogramm der heiligen

Jungfrau Maria der Schutzdeckel des Zifferblattes gebildet worden. Auf

der Innenseite des Gehäuses standen die Worte eingravirt:

_Kaspar Werner hat mich gemacht

Vnd der heiligen Jvngfrav dargebracht

Da · man · zelt · 1541._

Immer reichere Schätze gelangten zum Vorschein, als Lotti ein Lädchen

nach dem andern öffnete und schloß. Taschenuhren in allen Formen und

Gestalten, achteckig, rund, oval, elliptisch, sternförmig, in Gehäusen

aus Gold und Silber, aus Smaragd, Rauchtopas, Bergkrystall. Unter

andern gab es eine Uhr in Kreuzform, mit dem Augsburger »Stadtphyr«,

»Wardein- und Wichszeichen« versehen. Das Gehäuse, das Zifferblatt und

der innere Deckel waren mit Darstellungen des Leidens Christi bedeckt,

die dem besten Künstler zur Ehre gereicht hätten. Leider fehlte das

Meisterzeichen. Aber mit Blindheit hätte man geschlagen sein müssen, um

nicht sogleich zu erkennen, daß die prächtige deutsche Arbeit aus der

Zeit Kaiser Rudolphs II. stammte und vermuthlich von Hans Schlotheim

hergestellt worden war.

Ueber den Ursprung ihrer nächsten Nachbarin, gleichfalls kreuzförmig,

mit Gehäuse aus Einem Stück Rauchtopas, konnte kein Zweifel obwalten.

Ihr Schöpfer hatte sie nicht namenlos in die Welt geschickt, sondern

neben dem Stellungsrade brav und deutlich sein »Conrad Kreizer«

eingeschrieben.

Eine ganze Schar anmuthiger Französinnen folgte. Köstliche Uehrchen,

geschmückt mit Email-Malereien von den Brüdern Huaut, oder mit erhaben

geschnittenen Blumen, mit buntem Blattwerk, mit durchbrochenen

Arabesken aus vielfarbigem Golde. Die Sammlung enthielt nicht minder

merkwürdige Arbeiten von Tompion in England, Albrecht Erb in Wien,

Gerard Mut in Frankfurt, Matthäus Degen, Christoff Strebell. Kurz, es

fehlten wenig große Namen, und wer die vorhandenen mit recht scharfen

Augen betrachtete, der sah mehr, als nur Namen in eine Metallplatte

eingeritzt, der sah das Wesen des Meisters sich deutlich in seinem

Werke spiegeln.

Nach all' den köstlich verzierten Stücken erschienen die einfachen

Taschenuhren von Pierre le Roy, Berthoud, Breguet, eine Emmery ... Ach,

~die~ weckt traurige Erinnerungen, mahnt an die große Enttäuschung

in Lottis Leben. Mit einer solchen Uhr in der Hand trat dereinst

... Hinweg! -- Schlafe Du nur ruhig weiter. Hinweg von dir zu dem

unerhörtesten Curiosum der Sammlung -- zu der Seetaschenuhr von Mudge

dem Ersten.

Die Geschichte will wissen, daß dieser berühmte und unsterbliche

Mann in seinem Leben nur drei Seeuhren verfertigt hat, und zwar die

erste im Jahre 1774, und die beiden andern, der ~blaue~ und der

~grüne~ Zeithalter genannt, im Jahre 1777. Nun, die Geschichte

hat einmal wieder geirrt. Hier war sie auf die gründlichste Art der

Welt widerlegt, durch eine Thatsache -- hier war eine vierte Mudge.

Zwillingsschwester der älteren, der von Maskelyn in Greenwich geprüften

und sicherlich in demselben Jahre mit dieser entstanden, wie denn auch

die beiden jüngeren in einem Jahre gemacht worden waren.

Die weltbekannten Beschreibungen, die wir von der ersten Seeuhr Mudges

besitzen, paßten genau auf die, welche sich in Lottis Händen befand.

Die Uhr war echt, ihr edler Ursprung über jedem Zweifel erhaben, es war

eine ganze Mudge -- die Leistungsfähigkeit ausgenommen. Die durfte man

freilich nicht mehr von ihr verlangen, der über hundert Jahre alten

Greisin.

Die letzte Lade, die von Lotti geöffnet wurde, enthielt schöne

Arbeiten von Arnold, Richard, Recorder, Robert, Courvoisier, Ruderas

von hölzernen Unruhen Simon Henningers und Lorenz Freys und eine

vollständig erhaltene hölzerne Taschenuhr von Andreas Dilger aus

Gütenbach.

Ein Familienerbe! -- Als Bräutigam hatte sie der Urgroßvater Lottis

ihrer Urgroßmutter zugleich mit seinem Herzen dargebracht. Gottfried

nannte sie die Majoratsuhr. Sie war nie getragen worden, hatte als

Schaustück im Glasschranke der Urgroßmutter geruht. Nur an hohen

Festtagen wurde sie hervorgeholt und zur Freude des Enkelchen Lotti

aufgezogen. Dann setzte sie sich aber auch stracks in Bewegung und

vollführte einen so accuraten und energischen Gang und bimmelte so

fleißig fort, als ob sie noch in der Blüthe ihrer Jahre stände, und als

ob sie all' die Zeit einholen wollte, die sie in unfreiwilliger Muße

versäumt.

Wie war sie nett! Wie waren ihre hölzernen Räder, Platten, Kloben,

so bewunderungswürdig ausgearbeitet. Wie sauber ausgestochen der

Unruhkloben und die Stellungsflügel, und wie schön verziert die beiden

und die Klobenplatte. Man sah der kleinen Dilger gar deutlich die

Liebe an, mit welcher sie ausgeführt, und auch die, mit welcher sie

zeitlebens gehegt und gepflegt worden war. Ihr gehörte Lottis letzter

und zärtlicher Blick, bevor sie die Lade zuschob und dabei dachte: »Ja,

meine Uhren -- die machen mir noch das Sterben schwer!«

In diesem Augenblicke wurde die Zimmerthür geöffnet.

»Guten Morgen,« sprach eine tiefe und wohlklingende Stimme.

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10) · 第 7 / 33 题