II.

Lotti schloß ihren unersättlichen Tauben das Fenster vor den Schnäbeln

zu und zog sich in das Zimmer zurück. Auf einem Tischchen, in der

Nähe des Kamins hatte Agnes, die goldene Säule des kleinen Haushalts,

schon alle Vorbereitungen zum Thee getroffen. Lotti begann nun ihn zu

bereiten. Dabei musterte sie ab und zu ihr Stübchen mit wohlgefälligen

Blicken.

Je länger sie es bewohnte, desto gemüthlicher erschien es ihr, desto

mehr mußte sie selbst die geschickte Benützung des Raumes bewundern,

die es möglich gemacht, so viele Tische, Schränke und Schränkchen

in dem schmalen Zimmer unterzubringen. Sehr frei bewegen konnte man

sich darin freilich nicht, am wenigsten dann, wenn zufällig mehrere

Schrankthüren zu gleicher Zeit offen standen. Doch -- was lag daran?

Lotti empfing ja keine Gäste, hatte auch für solche nicht vorgesorgt.

Außer dem Fauteuil, den sie bei ihren Mahlzeiten benützte, war nur noch

ein Sitzmöbel vorhanden, ein altdeutscher, geschnitzter Holzsessel, ein

wahrer Ausbund von Schwerfälligkeit. Er überragte, kaum beweglicher als

ein Berg, einen Arbeitstisch, auf dem mehrere zerlegte Uhrwerke unter

Glasglocken, und alle erdenklichen Uhrmacherwerkzeuge lagen. Auf der

linken Seite des Fensters, in der dunklen Ecke, welche das Zimmer dort

bildete, befand sich ein großer, bis an die Decke reichender Schrank.

Der glich einer gothischen Kapelle, war aber ein Schreibtisch, sehr

schön, sehr merkwürdig und sehr unbequem -- der Schreibtisch einer

Person, die nicht schreibt. Um so zweckmäßiger war der niedrigere

Bücherschrank, der den größten Theil der Längenwand, dem Eingange zu

Agnesens Zimmer gegenüber einnahm. Schlanke Säulen mit korinthischen

Capitälchen verzierten die Glasthüren des Aufsatzes, hinter dessen

blanken Scheiben eine sehr gemischte Gesellschaft friedlich beisammen

wohnte.

Da standen Schillers Werke in einem Bande, im allerdings ziemlich

abgenützten Prunkgewand aus rothem Saffian, neben zwei kleinen

dicken Büchlein in schweinsledernen Schlafröckchen, den _Mémoires

du Maréchal de Bassompierre_. Goethes Benvenuto Cellini hatte

zwei ganz unähnliche Nachbarn, Dom Jacques Martins _Histoire des

Gaules_ und ein ehrwürdiges Incunabel: Unser lieben frawen psalter,

gedruckt zu Augspurg. Von Luca Zeisselmair. Am mitwoch nach Jacobi.

In dè iar als man zelet 1495. Gibbons Geschichte des Verfalles des

römischen Reiches blickte gnädig auf den Herrn Quintus Firlein herab,

Krummachers Parabeln lehnten sich mit naiver Zutraulichkeit an die

Annalen des Tacitus. Lessings Laokoon war durch ein Versehen mitten

hinein gerathen zwischen den Barometermacher auf der Zauberinsel

und die Familie von Halden; Prinz von Gothland, der Bramarbas und

Himmelstürmer, hielt sich ruhig neben dem weisen Pascal. Viele

Classiker der Weltliteratur, alte und neue, fanden sich durch irgend

ein Hauptwerk vertreten; vollständig vorhanden jedoch waren alle

Lehrbücher der Uhrmacherkunst. Ihre lange, majestätische Reihe wurde

durch Hieronymus Cardani (1557) eröffnet, und schloß mit M. L. Moinets

_Traité général d'Horlogerie_.

Kein einziges von allen diesen Büchern war seiner Eigenthümerin ganz

fremd, mit manchen stand sie auf dem vertrautesten Fuße, und gerade in

diese vertiefte sie sich mit dem größten Vergnügen immer von Neuem.

-- Denn, meinte sie, ein schönes Buch nicht wieder lesen, weil man

es schon gelesen hat, das ist, als ob man einen theuren Freund nicht

wieder besuchen würde, weil man ihn schon kennt.

Uebrigens -- ein gutes Buch, einen guten Freund, die lernt man

nicht aus. Ein weises Buch ist eben so unergründlich wie ein großes

Menschenherz.

Viele dieser Werke besaßen außer ihrem eigenen, auch noch

einen besonderen, für Lotti unschätzbaren Werth. Sie waren mit

Randbemerkungen von der Hand eines Mannes versehen, der ihr unter allen

Lebenden am höchsten gestanden -- ihres Vaters.

Sie meinte, ihn sprechen zu hören, wenn sie die kurzen, zierlich

geschriebenen Sätze, Früchte reiflicher Ueberlegung und solider

Fachkenntniß, überlas.

Meister Johannes Feßler hatte nicht zu den Leuten gehört, die einen

Gedanken deshalb schon für gut halten, weil er in ihrem Kopf entstanden

ist. Das Handwerk, das er ein halbes Jahrhundert hindurch getrieben,

hatte ihn gelehrt dreißig »vielleicht« und »ich glaube« leichter

auszusprechen, als ein: »So ist's«, oder ein: »Das steht fest.«

Ein gewissenhafter Uhrmacher, wie er gewesen, ein Mann, der so oft

erfahren hatte, daß am Ende einer Reihe scheinbar richtiger Schlüsse

ein Irrthum lauern kann, der hütet sich wohl, leichtsinnig Behauptungen

aufzustellen. Dafür haben die seinen aber auch bei allen Leuten, die es

verstehen, einen Ausspruch auf dessen Feingehalt an Wahrheit zu prüfen,

ihr gehöriges Gewicht.

Aus den Randglossen des Meisters ließ sich erkennen, wie ernst es

ihm war mit seinem Beruf, und welche Liebe er für denselben gehegt.

Man sah es wohl, was er auch gelesen hatte, wie sehr ein Buch seine

Aufmerksamkeit gefesselt haben mochte, seines Handwerks hatte er

dabei nie vergessen. Niemals war ein bemerkenswerthes Ereigniß in

der Geschichte der Menschen zu seiner Kenntniß gekommen, ohne daß

er gesucht hätte, es mit einem eben solchen in der Geschichte der

Uhren in Verbindung zu bringen. So befand sich zum Beispiel in einem

historischen Werke, an einer Stelle, wo die Rede war vom Tode Kaiser

Rudolphs von Habsburg, von Feßlers Hand die Anmerkung: -- In demselben

Jahre erhielt die Kirche von Canterbury eine Schlaguhr, für welche

30 Pfund Sterling bezahlt wurden. Weiter, als der »goldenen Bulle«

Erwähnung geschah, hatte der Meister seinerseits erwähnt: Gleichzeitig

ehrte die Stadt Bologna sich selbst, indem sie die erste öffentliche

Uhr aufstellen ließ. -- Noch weiter: Eduard III. entsagt seinen

Ansprüchen auf den französischen Thron -- und -- fügte Feßler hinzu:

ertheilt dreien Uhrmachern aus den Niederlanden Schutzbriefe, damit sie

nach England kommen können. Anno 1368. -- In demselben Geschichtswerke

war der Beiname König Karl V., der Weise, nachdrücklich unterstrichen

und daneben stand: Muß, wie der gleichnamige große deutsche Kaiser,

eine besondere Freude an den Werken der Uhrmacherkunst gehabt, ja

vielleicht selbst dabei Hand angelegt haben. Der berühmte Meister

Jouvence hätte sich sonst schwerlich erlaubt, eine seiner Uhren mit der

Inschrift zu versehen:

_Charles le Quint, Roi de France

Me fit par Jean Jouvence._

Der nämliche weise König ließ auch (1364) Herrn Heinrich von Wick

nach Paris kommen, wo dieser eine Uhr für den Thurm des königlichen

Schlosses verfertigte. Er erhielt Wohnung in demselben Thurm und eine

Besoldung von sechs Sous täglich.

Noch andere Randglossen machten darauf aufmerksam, daß Luther

seine Bibelübersetzung zu derselben Zeit geschrieben hat, zu welcher

Peter Hele, Andreas Heinlein und Caspar Werner in Nürnberg die ersten

Taschenuhren zu Stande brachten; daß im Jahre des Unterganges der

spanischen Armada, Andreas Landeck, Schüler Abraham Habrechts und

Verfertiger der ersten Kirchenuhr in Nancy, zu Wertheim in Franken

geboren wurde; daß Anno 1690 -- glorreichen Andenkens für Deutschland

wegen der Gründung der Universität Halle, und für Frankreich wegen

der Siege Luxemburgs, Catinats und Tourvilles -- in Paris, wo bisher

nur kleine Taschenuhren beliebt gewesen, plötzlich sehr große in die

Mode kamen ... Und so weiter! noch viele wichtige und höchst seltsame

Zusammenstellungen, die Jedem, der ein Herz hat für die Uhrmacherei,

gar viel zu denken geben.

Was ihm selbst dabei eingefallen, hatte Meister Johannes niemals

verrathen, sehr oft aber sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß er

nur ein ungelehrter Mann war und nicht im Stande, eine ausführliche und

genaue Geschichte der Entwickelung der Uhrmacherkunst zu schreiben. Das

beste Material, das es geben kann -- wenigstens zu einem Hauptzweig

eines solchen Werkes -- besaß er selbst. Er hatte im Laufe seines

langen Lebens eine Sammlung von Taschenuhren zusammengebracht, wie

sie vor ihm so vollständig und lückenlos, schwerlich ein Privatmann

(Herrn Asthon Levers ausgenommen, das versteht sich!) besessen

haben dürfte. Lauter seltene und auserlesene Exemplare, jedes der

Vertreter einer eigenen Gattung, jedes werthvoll an und für sich, und

doppelt werthvoll als Theil des Ganzen, zu dem es gehört. Wäre diese

Sammlung bekannt, sie wäre gewiß auch berühmt geworden, sie hätte die

Bewunderung aller Kenner erwecken müssen. Aber dem Meister Johannes war

um Berühmtheit gar nicht zu thun, und was die Bewunderung betrifft, die

ihm eigentlich ganz recht gewesen wäre -- wer hört nicht gern loben,

was er liebt? -- so hat sie doch meistens Neid und Verlangen in ihrem

Gefolge, die Feßler um keinen Preis zu erwecken wünschte. Er freute

sich im Stillen an seinem Schatze, was nicht heißen soll, daß er sich

allein daran freute. Es gab zwei Getreue, die keine anderen Interessen

kannten als die seinen, für die sein Wort das Evangelium war, sein

Beifall das Ziel aller Wünsche, seine Zufriedenheit das höchste

Lebensgut. Die Beiden waren seine Tochter Lotti und sein Ziehsohn

Gottfried. »Meine Gesellen« nannte er sie in ihrer Kindheit, und später

mit Stolz: »Meine Gehülfen«. Endlich schien ihm auch diese Bezeichnung

nicht mehr ehrenvoll genug, und er sprach sie niemals aus, ohne sich

dabei in Gedanken zu verbessern: »Ich sollte eigentlich sagen: Meine

Berufsgenossen ... solche noch dazu, die im besten Zuge sind, mich zu

überflügeln.«

Daß sie es doch möchten, und recht bald, und recht weit -- sein

liebster Traum wäre erfüllt. Aber nicht allein dieser, jeder Traum

von Erfolg und Glück, den er für seine Kinder im treuen Vaterherzen

hegte, schien in Erfüllung gehen zu wollen. Ihr Lebensweg lag so glatt

geebnet vor ihnen, sie waren so ganz geschaffen die Bahn, die das

Schicksal ihnen vorgezeichnet, Eines auf das Andere gestützt, ohne

Abirrung, ohne Wanken und Straucheln zu verfolgen. Sie waren beide

brav und talentvoll, hatten ein und dasselbe geistige Interesse und

dienten ihm mit dem gleichen Eifer. Niemals war ihre Einigkeit getrübt

worden. Von dem Augenblick an, in welchem Feßler den kleinen Gottfried,

den Sohn eines in der Fremde verstorbenen Verwandten, in sein Haus

aufgenommen, hatte sich dieser, so jung er selbst war, zum Beschützer

des noch jüngeren Mühmchens aufgeworfen. Gottfried war völlig verwaist,

Lotti hatte vor kurzer Zeit ihre Mutter verloren.

Die beiden Kinder wuchsen munter heran. Er wurde ein kräftiger, ernster

Jüngling von nachdenklichem, etwas zurückhaltendem Wesen, ~sie~

ein hochaufgeschossenes, schlankes Mädchen, verständig, sanft, und

dabei immer lustig und guter Dinge. Sie bewunderte und verehrte ihren

Vetter und fürchtete seinen Tadel mehr noch als den ihres Vaters. Ihren

ersten großen Schmerz erfuhr sie, als Gottfried nach London geschickt

wurde, um dort seine Lehrjahre durchzumachen. Er selbst hatte die

Stunde der Abreise kaum erwarten können, aber als sie herankam, war

sie so düster und leidvoll, wie sie aus der Ferne licht und freudig

geschienen. Lotti schluchzte bitterlich. Der frohe Muth, mit dem sie

bisher der Trennung von ihrem Jugendgespielen entgegengesehen, war

plötzlich verschwunden, sie wollte nicht mehr begreifen, warum er denn

fort müsse, und wie es sich ohne ihn leben lassen solle.

Feßler jedoch bestand auf seinem Sinn. Er umschloß seine beiden Kinder

in einer Umarmung, dann trennte er sie sanft: »Leb' wohl, Gottfried,«

sagte er, »in drei Jahren bist Du wieder bei uns. Geh', lieber Sohn.

Im Vaterlande eines Harrison,« in seinen feuchten Augen leuchtete es

begeistert auf -- »eines Mudge, eines Arnold müssen unsere künftigen

Meister leben. Wenn Du heimkommst, werde ich von Dir lernen!«

Allein dieses Wort sollte nicht zur Wahrheit werden. Als Gottfrieds

Lehrzeit um war, und er nach Hause zurückkehrte, behauptete er, bei

seinen neuen Meistern nichts so gut gelernt zu haben, als seinen alten

Meister und dessen Kunst zu schätzen. So berühmt jene auch seien,

so theuer ihre Arbeiten bezahlt werden, Feßler dürfe sich mit dem

größten von ihnen messen. Eines nur verstände auch der Geringste unter

Allen besser, nämlich seine Geschicklichkeit geltend zu machen und zu

verwerthen. Diesen Vorwurf wies Feßler lächelnd zurück. Beehrten ihn

die vorzüglichsten Uhrmacher nicht mit ihren Bestellungen? zögerten

sie, ihren Namen in eine Uhr schreiben zu lassen, die aus seinen Händen

kam?

Aber Gottfried schüttelte den Kopf und meinte, das sei es eben, was

ihn kränke. -- »Ihr Name auf Deinem Werk! wo steht denn der Deine?

Wer kennt Dich? wer weiß etwas von Dir! ... Was hast Du von Deinen

unvergleichlich schönen und genauen Arbeiten?«

»Die Freude, sie zu machen!« war die Antwort Feßlers, und das Herz

schwoll ihm vor Wonne über die Anerkennung, die sein weitgereister Sohn

ihm zollte.

Die kleine Familie verlebte damals eine herrliche Zeit. Eine Zeit voll

beseligenden Friedens und erfolgreicher Thätigkeit. Feßler war mit

der Vollendung eines Chronometers beschäftigt, den er selbst für sein

bestes Werk hielt. Gottfried lieferte dazu eine Kompensations-Unruhe

von so einziger und zarter Ausführung, daß Meister Johannes bei ihrem

Anblick laut ausrief: »Unübertrefflich!« -- Dieses Lob hatte er noch

nie einer Leistung gespendet, die aus seiner Werkstatt hervorgegangen

war. Lotti hingegen gelang es, eine höchst merkwürdige und komplizirte

Taschenuhr aus dem XVI. Jahrhundert in Gang zu bringen. Es bedurfte

dazu außerordentlicher Geschicklichkeit, unsäglicher Geduld -- aber

welche Freude, als sie belohnt wurden und das seltsame kleine Ding

seine abenteuerlich geformten Räder in Bewegung zu setzen begann.

Feßler und Gottfried lachten, staunten, bewunderten -- das Herz des

jungen Mädchens pochte vor Entzücken ... Ja, es war eine herrliche

Zeit! -- warum mußte sie so rasch vergehen? Warum mußten ihr, die so

erfüllt war von stillem und harmlosem Glück, Tage folgen voll Pein und

Qual? Böse Tage, in denen die fleißigen Hände Lottis ruhten, aus ihrer

Seele jedoch die Ruhe gewichen war. Tage, in denen Alles, was sonst ihr

Leben erhellte, ihr gleichgültig geworden, und das Leben selbst -- eine

Last.

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10) · 第 6 / 33 题