Lotti schloß ihren unersättlichen Tauben das Fenster vor den Schnäbeln
zu und zog sich in das Zimmer zurück. Auf einem Tischchen, in der
Nähe des Kamins hatte Agnes, die goldene Säule des kleinen Haushalts,
schon alle Vorbereitungen zum Thee getroffen. Lotti begann nun ihn zu
bereiten. Dabei musterte sie ab und zu ihr Stübchen mit wohlgefälligen
Blicken.
Je länger sie es bewohnte, desto gemüthlicher erschien es ihr, desto
mehr mußte sie selbst die geschickte Benützung des Raumes bewundern,
die es möglich gemacht, so viele Tische, Schränke und Schränkchen
in dem schmalen Zimmer unterzubringen. Sehr frei bewegen konnte man
sich darin freilich nicht, am wenigsten dann, wenn zufällig mehrere
Schrankthüren zu gleicher Zeit offen standen. Doch -- was lag daran?
Lotti empfing ja keine Gäste, hatte auch für solche nicht vorgesorgt.
Außer dem Fauteuil, den sie bei ihren Mahlzeiten benützte, war nur noch
ein Sitzmöbel vorhanden, ein altdeutscher, geschnitzter Holzsessel, ein
wahrer Ausbund von Schwerfälligkeit. Er überragte, kaum beweglicher als
ein Berg, einen Arbeitstisch, auf dem mehrere zerlegte Uhrwerke unter
Glasglocken, und alle erdenklichen Uhrmacherwerkzeuge lagen. Auf der
linken Seite des Fensters, in der dunklen Ecke, welche das Zimmer dort
bildete, befand sich ein großer, bis an die Decke reichender Schrank.
Der glich einer gothischen Kapelle, war aber ein Schreibtisch, sehr
schön, sehr merkwürdig und sehr unbequem -- der Schreibtisch einer
Person, die nicht schreibt. Um so zweckmäßiger war der niedrigere
Bücherschrank, der den größten Theil der Längenwand, dem Eingange zu
Agnesens Zimmer gegenüber einnahm. Schlanke Säulen mit korinthischen
Capitälchen verzierten die Glasthüren des Aufsatzes, hinter dessen
blanken Scheiben eine sehr gemischte Gesellschaft friedlich beisammen
wohnte.
Da standen Schillers Werke in einem Bande, im allerdings ziemlich
abgenützten Prunkgewand aus rothem Saffian, neben zwei kleinen
dicken Büchlein in schweinsledernen Schlafröckchen, den _Mémoires
du Maréchal de Bassompierre_. Goethes Benvenuto Cellini hatte
zwei ganz unähnliche Nachbarn, Dom Jacques Martins _Histoire des
Gaules_ und ein ehrwürdiges Incunabel: Unser lieben frawen psalter,
gedruckt zu Augspurg. Von Luca Zeisselmair. Am mitwoch nach Jacobi.
In dè iar als man zelet 1495. Gibbons Geschichte des Verfalles des
römischen Reiches blickte gnädig auf den Herrn Quintus Firlein herab,
Krummachers Parabeln lehnten sich mit naiver Zutraulichkeit an die
Annalen des Tacitus. Lessings Laokoon war durch ein Versehen mitten
hinein gerathen zwischen den Barometermacher auf der Zauberinsel
und die Familie von Halden; Prinz von Gothland, der Bramarbas und
Himmelstürmer, hielt sich ruhig neben dem weisen Pascal. Viele
Classiker der Weltliteratur, alte und neue, fanden sich durch irgend
ein Hauptwerk vertreten; vollständig vorhanden jedoch waren alle
Lehrbücher der Uhrmacherkunst. Ihre lange, majestätische Reihe wurde
durch Hieronymus Cardani (1557) eröffnet, und schloß mit M. L. Moinets
_Traité général d'Horlogerie_.
Kein einziges von allen diesen Büchern war seiner Eigenthümerin ganz
fremd, mit manchen stand sie auf dem vertrautesten Fuße, und gerade in
diese vertiefte sie sich mit dem größten Vergnügen immer von Neuem.
-- Denn, meinte sie, ein schönes Buch nicht wieder lesen, weil man
es schon gelesen hat, das ist, als ob man einen theuren Freund nicht
wieder besuchen würde, weil man ihn schon kennt.
Uebrigens -- ein gutes Buch, einen guten Freund, die lernt man
nicht aus. Ein weises Buch ist eben so unergründlich wie ein großes
Menschenherz.
Viele dieser Werke besaßen außer ihrem eigenen, auch noch
einen besonderen, für Lotti unschätzbaren Werth. Sie waren mit
Randbemerkungen von der Hand eines Mannes versehen, der ihr unter allen
Lebenden am höchsten gestanden -- ihres Vaters.
Sie meinte, ihn sprechen zu hören, wenn sie die kurzen, zierlich
geschriebenen Sätze, Früchte reiflicher Ueberlegung und solider
Fachkenntniß, überlas.
Meister Johannes Feßler hatte nicht zu den Leuten gehört, die einen
Gedanken deshalb schon für gut halten, weil er in ihrem Kopf entstanden
ist. Das Handwerk, das er ein halbes Jahrhundert hindurch getrieben,
hatte ihn gelehrt dreißig »vielleicht« und »ich glaube« leichter
auszusprechen, als ein: »So ist's«, oder ein: »Das steht fest.«
Ein gewissenhafter Uhrmacher, wie er gewesen, ein Mann, der so oft
erfahren hatte, daß am Ende einer Reihe scheinbar richtiger Schlüsse
ein Irrthum lauern kann, der hütet sich wohl, leichtsinnig Behauptungen
aufzustellen. Dafür haben die seinen aber auch bei allen Leuten, die es
verstehen, einen Ausspruch auf dessen Feingehalt an Wahrheit zu prüfen,
ihr gehöriges Gewicht.
Aus den Randglossen des Meisters ließ sich erkennen, wie ernst es
ihm war mit seinem Beruf, und welche Liebe er für denselben gehegt.
Man sah es wohl, was er auch gelesen hatte, wie sehr ein Buch seine
Aufmerksamkeit gefesselt haben mochte, seines Handwerks hatte er
dabei nie vergessen. Niemals war ein bemerkenswerthes Ereigniß in
der Geschichte der Menschen zu seiner Kenntniß gekommen, ohne daß
er gesucht hätte, es mit einem eben solchen in der Geschichte der
Uhren in Verbindung zu bringen. So befand sich zum Beispiel in einem
historischen Werke, an einer Stelle, wo die Rede war vom Tode Kaiser
Rudolphs von Habsburg, von Feßlers Hand die Anmerkung: -- In demselben
Jahre erhielt die Kirche von Canterbury eine Schlaguhr, für welche
30 Pfund Sterling bezahlt wurden. Weiter, als der »goldenen Bulle«
Erwähnung geschah, hatte der Meister seinerseits erwähnt: Gleichzeitig
ehrte die Stadt Bologna sich selbst, indem sie die erste öffentliche
Uhr aufstellen ließ. -- Noch weiter: Eduard III. entsagt seinen
Ansprüchen auf den französischen Thron -- und -- fügte Feßler hinzu:
ertheilt dreien Uhrmachern aus den Niederlanden Schutzbriefe, damit sie
nach England kommen können. Anno 1368. -- In demselben Geschichtswerke
war der Beiname König Karl V., der Weise, nachdrücklich unterstrichen
und daneben stand: Muß, wie der gleichnamige große deutsche Kaiser,
eine besondere Freude an den Werken der Uhrmacherkunst gehabt, ja
vielleicht selbst dabei Hand angelegt haben. Der berühmte Meister
Jouvence hätte sich sonst schwerlich erlaubt, eine seiner Uhren mit der
Inschrift zu versehen:
_Charles le Quint, Roi de France
Me fit par Jean Jouvence._
Der nämliche weise König ließ auch (1364) Herrn Heinrich von Wick
nach Paris kommen, wo dieser eine Uhr für den Thurm des königlichen
Schlosses verfertigte. Er erhielt Wohnung in demselben Thurm und eine
Besoldung von sechs Sous täglich.
Noch andere Randglossen machten darauf aufmerksam, daß Luther
seine Bibelübersetzung zu derselben Zeit geschrieben hat, zu welcher
Peter Hele, Andreas Heinlein und Caspar Werner in Nürnberg die ersten
Taschenuhren zu Stande brachten; daß im Jahre des Unterganges der
spanischen Armada, Andreas Landeck, Schüler Abraham Habrechts und
Verfertiger der ersten Kirchenuhr in Nancy, zu Wertheim in Franken
geboren wurde; daß Anno 1690 -- glorreichen Andenkens für Deutschland
wegen der Gründung der Universität Halle, und für Frankreich wegen
der Siege Luxemburgs, Catinats und Tourvilles -- in Paris, wo bisher
nur kleine Taschenuhren beliebt gewesen, plötzlich sehr große in die
Mode kamen ... Und so weiter! noch viele wichtige und höchst seltsame
Zusammenstellungen, die Jedem, der ein Herz hat für die Uhrmacherei,
gar viel zu denken geben.
Was ihm selbst dabei eingefallen, hatte Meister Johannes niemals
verrathen, sehr oft aber sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß er
nur ein ungelehrter Mann war und nicht im Stande, eine ausführliche und
genaue Geschichte der Entwickelung der Uhrmacherkunst zu schreiben. Das
beste Material, das es geben kann -- wenigstens zu einem Hauptzweig
eines solchen Werkes -- besaß er selbst. Er hatte im Laufe seines
langen Lebens eine Sammlung von Taschenuhren zusammengebracht, wie
sie vor ihm so vollständig und lückenlos, schwerlich ein Privatmann
(Herrn Asthon Levers ausgenommen, das versteht sich!) besessen
haben dürfte. Lauter seltene und auserlesene Exemplare, jedes der
Vertreter einer eigenen Gattung, jedes werthvoll an und für sich, und
doppelt werthvoll als Theil des Ganzen, zu dem es gehört. Wäre diese
Sammlung bekannt, sie wäre gewiß auch berühmt geworden, sie hätte die
Bewunderung aller Kenner erwecken müssen. Aber dem Meister Johannes war
um Berühmtheit gar nicht zu thun, und was die Bewunderung betrifft, die
ihm eigentlich ganz recht gewesen wäre -- wer hört nicht gern loben,
was er liebt? -- so hat sie doch meistens Neid und Verlangen in ihrem
Gefolge, die Feßler um keinen Preis zu erwecken wünschte. Er freute
sich im Stillen an seinem Schatze, was nicht heißen soll, daß er sich
allein daran freute. Es gab zwei Getreue, die keine anderen Interessen
kannten als die seinen, für die sein Wort das Evangelium war, sein
Beifall das Ziel aller Wünsche, seine Zufriedenheit das höchste
Lebensgut. Die Beiden waren seine Tochter Lotti und sein Ziehsohn
Gottfried. »Meine Gesellen« nannte er sie in ihrer Kindheit, und später
mit Stolz: »Meine Gehülfen«. Endlich schien ihm auch diese Bezeichnung
nicht mehr ehrenvoll genug, und er sprach sie niemals aus, ohne sich
dabei in Gedanken zu verbessern: »Ich sollte eigentlich sagen: Meine
Berufsgenossen ... solche noch dazu, die im besten Zuge sind, mich zu
überflügeln.«
Daß sie es doch möchten, und recht bald, und recht weit -- sein
liebster Traum wäre erfüllt. Aber nicht allein dieser, jeder Traum
von Erfolg und Glück, den er für seine Kinder im treuen Vaterherzen
hegte, schien in Erfüllung gehen zu wollen. Ihr Lebensweg lag so glatt
geebnet vor ihnen, sie waren so ganz geschaffen die Bahn, die das
Schicksal ihnen vorgezeichnet, Eines auf das Andere gestützt, ohne
Abirrung, ohne Wanken und Straucheln zu verfolgen. Sie waren beide
brav und talentvoll, hatten ein und dasselbe geistige Interesse und
dienten ihm mit dem gleichen Eifer. Niemals war ihre Einigkeit getrübt
worden. Von dem Augenblick an, in welchem Feßler den kleinen Gottfried,
den Sohn eines in der Fremde verstorbenen Verwandten, in sein Haus
aufgenommen, hatte sich dieser, so jung er selbst war, zum Beschützer
des noch jüngeren Mühmchens aufgeworfen. Gottfried war völlig verwaist,
Lotti hatte vor kurzer Zeit ihre Mutter verloren.
Die beiden Kinder wuchsen munter heran. Er wurde ein kräftiger, ernster
Jüngling von nachdenklichem, etwas zurückhaltendem Wesen, ~sie~
ein hochaufgeschossenes, schlankes Mädchen, verständig, sanft, und
dabei immer lustig und guter Dinge. Sie bewunderte und verehrte ihren
Vetter und fürchtete seinen Tadel mehr noch als den ihres Vaters. Ihren
ersten großen Schmerz erfuhr sie, als Gottfried nach London geschickt
wurde, um dort seine Lehrjahre durchzumachen. Er selbst hatte die
Stunde der Abreise kaum erwarten können, aber als sie herankam, war
sie so düster und leidvoll, wie sie aus der Ferne licht und freudig
geschienen. Lotti schluchzte bitterlich. Der frohe Muth, mit dem sie
bisher der Trennung von ihrem Jugendgespielen entgegengesehen, war
plötzlich verschwunden, sie wollte nicht mehr begreifen, warum er denn
fort müsse, und wie es sich ohne ihn leben lassen solle.
Feßler jedoch bestand auf seinem Sinn. Er umschloß seine beiden Kinder
in einer Umarmung, dann trennte er sie sanft: »Leb' wohl, Gottfried,«
sagte er, »in drei Jahren bist Du wieder bei uns. Geh', lieber Sohn.
Im Vaterlande eines Harrison,« in seinen feuchten Augen leuchtete es
begeistert auf -- »eines Mudge, eines Arnold müssen unsere künftigen
Meister leben. Wenn Du heimkommst, werde ich von Dir lernen!«
Allein dieses Wort sollte nicht zur Wahrheit werden. Als Gottfrieds
Lehrzeit um war, und er nach Hause zurückkehrte, behauptete er, bei
seinen neuen Meistern nichts so gut gelernt zu haben, als seinen alten
Meister und dessen Kunst zu schätzen. So berühmt jene auch seien,
so theuer ihre Arbeiten bezahlt werden, Feßler dürfe sich mit dem
größten von ihnen messen. Eines nur verstände auch der Geringste unter
Allen besser, nämlich seine Geschicklichkeit geltend zu machen und zu
verwerthen. Diesen Vorwurf wies Feßler lächelnd zurück. Beehrten ihn
die vorzüglichsten Uhrmacher nicht mit ihren Bestellungen? zögerten
sie, ihren Namen in eine Uhr schreiben zu lassen, die aus seinen Händen
kam?
Aber Gottfried schüttelte den Kopf und meinte, das sei es eben, was
ihn kränke. -- »Ihr Name auf Deinem Werk! wo steht denn der Deine?
Wer kennt Dich? wer weiß etwas von Dir! ... Was hast Du von Deinen
unvergleichlich schönen und genauen Arbeiten?«
»Die Freude, sie zu machen!« war die Antwort Feßlers, und das Herz
schwoll ihm vor Wonne über die Anerkennung, die sein weitgereister Sohn
ihm zollte.
Die kleine Familie verlebte damals eine herrliche Zeit. Eine Zeit voll
beseligenden Friedens und erfolgreicher Thätigkeit. Feßler war mit
der Vollendung eines Chronometers beschäftigt, den er selbst für sein
bestes Werk hielt. Gottfried lieferte dazu eine Kompensations-Unruhe
von so einziger und zarter Ausführung, daß Meister Johannes bei ihrem
Anblick laut ausrief: »Unübertrefflich!« -- Dieses Lob hatte er noch
nie einer Leistung gespendet, die aus seiner Werkstatt hervorgegangen
war. Lotti hingegen gelang es, eine höchst merkwürdige und komplizirte
Taschenuhr aus dem XVI. Jahrhundert in Gang zu bringen. Es bedurfte
dazu außerordentlicher Geschicklichkeit, unsäglicher Geduld -- aber
welche Freude, als sie belohnt wurden und das seltsame kleine Ding
seine abenteuerlich geformten Räder in Bewegung zu setzen begann.
Feßler und Gottfried lachten, staunten, bewunderten -- das Herz des
jungen Mädchens pochte vor Entzücken ... Ja, es war eine herrliche
Zeit! -- warum mußte sie so rasch vergehen? Warum mußten ihr, die so
erfüllt war von stillem und harmlosem Glück, Tage folgen voll Pein und
Qual? Böse Tage, in denen die fleißigen Hände Lottis ruhten, aus ihrer
Seele jedoch die Ruhe gewichen war. Tage, in denen Alles, was sonst ihr
Leben erhellte, ihr gleichgültig geworden, und das Leben selbst -- eine
Last.