Zehntes Kapitel.
Es war eine sechspfündige Steinbutte, seit Jahren im Meerwasserweiher des
Kallistratos mit Gänselebern gemästet. Der vielgepriesene »Rhombus« kam
auf silberner Schüssel, ein goldenes Krönchen auf dem Kopf.
»Alle guten Götter und du, Prophete Jonas!« lallte Balbus zurücksinkend in
die Polster, »der Fisch ist mehr wert als ich selber.« – »Still, Freund,«
warnte Piso, »daß uns nicht Cato höre, der gesagt: wehe der Stadt, wo ein
Fisch mehr wert als ein Rind.« Schallendes Gelächter und der laute Ruf
_Euge belle!_ übertönte den Zornruf des Halbberauschten.
Der Fisch ward zerschnitten und köstlich erfunden.
»Jetzt, ihr Sklaven, fort mit dem matten Massiker. Der edle Fisch will
schwimmen in edlem Naß. Auf, Syphax, jetzt paßt, was ich zu dem Gelage
beigesteuert. Geh’ und laß die Amphora hereinbringen, welche die Sklaven
draußen in Schnee gestellt. Dazu die Phialen von gelbem Bernstein.«
»Was bringst du seltenes, aus welchem Land?« fragte Kallistratos. – »Frag,
aus welchem Weltteil? bei diesem vielgereisten Odysseus,« sagte Piso.
»Ihr müßt raten. Und wer es errät, wer diesen Wein schon gekostet hat, dem
schenk’ ich eine Amphora, so hoch wie diese.«
Zwei Sklaven, eppichbekränzt, schleppten den mächtigen, dunkeln Krug
herein: von schwarzbraunem Porphyr und fremdartiger Gestalt, mit
hieroglyphischen Zeichen geschmückt und wohl vergipst oben an der Mündung.
»Beim Styx! kömmt er aus dem Tartarus? das ist ein schwarzer Gesell,«
lachte Marcus.
»Aber er hat eine weiße Seele – zeige sie, Syphax.« Der Nubier schlug mit
dem Hammer von Ebenholz, den ihm Ganymedes reichte, sorgfältig den Gips
herunter, hob mit silberner Zange den Verschluß von Palmenrinde heraus,
schüttete die Schicht Öl hinweg, die oben schwamm, und füllte die Pokale.
Ein starker berauschender Geruch entstieg der weißen, klebrigen
Flüssigkeit. Alle tranken mit forschender Miene.
»Ein Göttertrank!« rief Balbus absetzend. – »Aber stark wie flüssiges
Feuer,« sagte Kallistratos.
»Nein, den kenn’ ich nicht!« sprach Lucius Licinius.
»Ich auch nicht,« beteuerte Marcus Licinius. – »Aber ich freue mich, ihn
kennen zu lernen,« rief Piso und hielt Syphax die leere Schale hin.
»Nun,« fragte der Wirt, zu dem letzten, bisher fast ganz stummen Gast zu
seiner Rechten gewendet, »nun, Furius, großer Seefahrer, Abenteurer,
Indiensucher, Weltumsegler, wird deine Weisheit auch zu Schanden?«
Der Gefragte erhob sich leicht von den Kissen, ein schöner athletischer
Mann von einigen dreißig Jahren, von bronzener wettergebräunter
Gesichtsfarbe, kohlschwarzen tiefliegenden Augen, blendend weißen Zähnen
und vollem Rundbart nach orientalischem Schnitt.
Aber ehe er noch sprechen konnte, fiel Kallistratos rasch ein: »Doch, beim
Zeus Xenios, ich glaube, ihr kennt euch gar nicht?« Cethegus maß die
fesselnde Erscheinung mit scharfem Blick. »Ich kenne den Präfekten von
Rom,« sagte der Schweigsame. – »Nun, Cethegus, und dies ist mein
vulkanischer Freund, Furius Ahalla, aus Korsika, der reichste Schiffsherr
des Abendlands, tief wie die Nacht und heiß wie das Feuer: er hat fünfzig
Häuser, Villen und Paläste an allen Küsten von Europa, Asien und Afrika,
zwanzig Galeeren, ein paar tausend Sklaven und Matrosen und –«
»Und einen sehr geschwätzigen Freund,« schloß der Korse. »Präfekt, mir ist
es leid um dich, aber die Amphora ist mein. Ich kenne den Wein.« – Und er
nahm ein Kibitzei und zerschlug es mit goldenem Löffel.
»Schwerlich,« lächelte Cethegus spöttisch.
»Doch. Es ist Isiswein. Aus Ägypten. Aus Memphis.« Und ruhig schlürfte er
das goldrötliche Ei.
Erstaunt sah ihn Cethegus an. »Erraten,« sagte er dann. »Wo hast du ihn
gekostet?« – »Notwendig da, wo du. Er fließt ja nur aus Einer Quelle,«
lächelte der Korse. – »Genug mit euren Geheimnissen! Keine Rätsel unter
den Rosen!« rief Piso. – »Wo habt ihr beiden Marder dasselbe Nest
gefunden?« fragte Kallistratos.
»Nun,« rief Cethegus, »wisset es immerhin. Im alten Ägypten, im heilgen
Memphis voraus, haben sich immer noch, dicht neben den christlichen
Einsiedlern und Mönchen in der Wüste, glaubenszähe Männer und namentlich
Frauen erhalten, die nicht lassen wollen von Apis und Osiris und besonders
treu den süßen Dienst der Isis pflegen. Sie flüchten von der Oberfläche,
wo die Kirche das Kreuz der Askese siegreich aufgepflanzt, in die Tiefen,
in den geheimen Schoß der großen Mutter Erde mit ihrem heilgen teuren
Wahn. In einem Labyrinth unter den Pyramiden des Cheops haben sie noch
einige hundert Krüge geborgen des mächt’gen Weines, welcher dereinst die
Eingeweihten zu den Orgien der Freude, der Liebe berauschte. Die Kunde
geht geheim gehalten von Geschlecht zu Geschlecht, immer nur Eine
Priesterin kennt den Keller und bewahrt den Schlüssel.
Ich küßte die Priesterin und sie führte mich ein: – sie war eine wilde
Katze, aber ihr Wein war gut: – und sie gab mir zum Abschied fünf Krüge
mit aufs Schiff.«
»Soweit hab’ ich es mit Smerda nicht gebracht,« sagte der Korse; »sie ließ
mich trinken im Keller, aber als Andenken gab sie mir nur das mit« – und
er entblößte den braunen Hals. – »Einen Dolchstich der Eifersucht,« lachte
Cethegus. »Nun, mich freut, daß die Tochter nicht aus der Art schlägt. Zu
meiner Zeit, das heißt, als mich die Mutter trinken ließ, lief die kleine
Smerda noch im Kinderröckchen. Wohlan, es lebe der heilge Nil und die süße
Isis.« Und die beiden tranken sich zu.
Aber es verdroß sie, ein Geheimnis teilen zu sollen, das jeder allein zu
besitzen geglaubt.
Doch die andern waren bezaubert von der Laune des eisigen Präfekten, der
jugendlich wie ein Jüngling mit ihnen plauderte und jetzt, da das
beliebteste Thema für junge Herren unter den Bechern angeregt war –
Liebesabenteuer und Mädchengeschichten – unerschöpflich übersprudelte von
Streichen und Schwänken, die er meistens selbst erlebt. Alle hingen mit
Fragen an seinen Lippen. Nur der Korse blieb stumm und kalt.
»Sage,« rief der Wirt und winkte dem Schänken, als gerade das Gelächter
über eine solche Geschichte verhallt war, »sag an, du Mann buntscheckiger
Erfahrung: – ägyptische Isismädchen, gallische Druidinnen, nachtlockige
Töchter Syriens und meine plastischen Schwestern von Hellas: – alle kennst
du und weißt du zu schätzen, aber sprich, hast du je ein germanisch Weib
geliebt?«
»Nein,« sagte Cethegus, seinen Isiswein schlürfend, »sie waren mir immer
zu langweilig.«
»Oho,« meinte Kallistratos, »das ist zuviel gesagt. Ich sage euch, ich
habe an den letzten Calenden einen Wahnsinn gehabt für ein germanisch
Weib, die war nicht langweilig.«
»Wie, du, Kallistratos von Korinth, der Aspasia, der Helena Landsmann,
erglühst für ein Barbarenweib? O arger Eros, Sinnenverwirrer,
Männerbeschämer,« schalt der Präfekt.
»Ja, wenn du willst, war’s eine Sinnesverwirrung: – ich habe nie
dergleichen erfahren.«
»Erzähle, erzähle,« drängten die andern.
Elftes Kapitel.
»Immerhin,« sagte der Hausherr, die Polster glättend, »obwohl ich keine
glänzende Rolle dabei spiele.
Also an den vorigen Calenden etwa kam ich zur achten Stunde aus den Bädern
des Abaskantos nach Hause.
Da steht auf der Straße niedergelassen eine Frauensänfte, vier Sklaven
dabei, ich glaube, gefangne Gepiden. Unmittelbar aber vor der Thüre meines
Hauses stehen zwei verhüllte Frauen, die Calantica über den Kopf gezogen.
Die eine trug sklavisch Gewand, aber die andre war sehr reich und
geschmackvoll gekleidet und das Wenige, was von Wuchs und Gestalt zu
sehen, war göttlich. Welch schwebender Schritt, welch feiner Knöchel,
welch hochgewölbter Fuß! Als ich näher herankam, ließen sich beide rasch
in die Sänfte heben und fort waren sie. Ich aber – ihr wißt, es steckt des
Bildhauers Blut in allen Hellenen – ich träumte des Nachts von dem feinen
Knöchel und dem wogenden Schritt.
Mittags drauf, da ich die Thüre öffne, aufs Forum zu gehn zu den
Bibliographen, wie ich pflege, seh ich dieselbe Sänfte rasch von dannen
eilen.
Ich gestehe, ohne sonst besonders eitel zu sein, diesmal hoffte ich eine
Eroberung gemacht zu haben, – ich wünschte es so sehr. Und ich zweifelte
gar nicht mehr, als ich, um die achte Stunde nach Hause kommend, wieder
meine Fremde, diesmal unbegleitet, an mir vorüberschlüpfen sah und nach
ihrer Sänfte eilen. Folgen konnt’ ich den raschen Sklaven nicht, so trat
ich in mein Haus, froher Gedanken voll. Da sagte der Ostiarius: »Herr,
eine verhüllte Sklavin wartet dein in der Bibliothek.«
Pochenden Herzens eile ich in das Gemach. Richtig! es war die Sklavin, die
ich gestern gesehen. Sie schlug den faltigen Mantel zurück: eine hübsche,
verschlagne Maurin oder Karthagerin – ich kenne den Schlag – sah mich mit
schlauen Augen an.
»Ich bitte um Botenlohn,« sagte sie, »Kallistratos, ich bringe dir gute
Kunde.«
Ich faßte ihre Hand und wollte ihr die dunkle Wange streicheln – denn wer
die Herrin begehrt, der küsse die Sklavin – aber sie lachte und sprach:
»Nein, nicht Eros, Hermes sendet mich.
Meine Herrin« – hoch horchte ich auf – »meine Herrin ist – eine
leidenschaftliche Freundin der Kunst. Sie bietet dir dreitausend Solidi
für die Aresbüste, die in der Nische neben der Thüre deines Hauses
steht.««
Laut lachten die jungen Leute, Cethegus mit ihnen.
»Ja, lacht nur,« fuhr der Hausherr selbst einstimmend fort, »ich aber
lachte damals nicht. Aus all meinen Träumen heruntergefallen, sprach ich
verdrießlich: mir ist das Werk nicht feil. Die Sklavin bot fünftausend,
bot zehntausend Solidi: ich wandte ihr den Rücken und griff nach der Thür.
Da sagte die Schlange: »Ich weiß, Kallistratos von Korinth ist unwillig,
weil er ein Abenteuer gehofft und fand ein Geldgeschäft.
Er ist Hellene, er liebt die Schönheit, er brennt vor Neugier, meine
Herrin zu sehn.« Das war so richtig, daß ich nur lächeln konnte.
»Wohlan,« sprach sie, »du sollst sie sehn. Und dann erneuere ich mein
letzt Gebot. Schlägst du’s dann dennoch aus, hast du immerhin den Vorteil,
deine Neugier gestillt zu haben. Morgen um die achte Stunde kömmt die
Sänfte wieder. Dann halte dich bereit mit deinem Ares.«
Und sie schlüpfte hinweg. Unruhig blieb ich zurück.
Ich konnte nicht leugnen, meine Neugier war sehr gespannt. Fest
entschlossen, meinen Ares nicht herzulassen und die Kunstnärrin doch zu
sehen, erwartete ich gierig die bestimmte Stunde. Die Stunde kam und die
Sänfte kam. Ich stand lauschend an meiner offnen Thür. Die Sklavin stieg
heraus.
»Komm,« rief sie mir zu, »du sollst sie sehn.«
Bebend vor Aufregung trat ich heran, der Purpurvorhang der Sänfte fiel
halb zurück und ich sah –«
»Nun,« rief Markus, sich vorbeugend, den Becher in der Hand.
»Was ich nie wieder vergessen werde. Ein Gesicht, Freunde, von ungeahnter
Schönheit. Kypris und Artemis in Einer Person. Ich war wie geblendet. Ich
kann sie nicht schildern. Der Vorhang fiel zu. Ich aber sprang zurück, hob
den Ares aus der Nische, reichte ihn der Punierin, wies ihr Gold zurück
und taumelte in meine Thür, betäubt, als hätt’ ich eine Waldnymphe
gesehn.«
»Nun, das ist stark,« lachte Massurius. »Bist doch sonst kein Neuling in
den Werken des Eros.«
»Aber,« fragte Cethegus, »woher weißt du, daß diese Zauberin eine Gotin
war?«
»Sie hatte dunkelrotes Haar und milchweiße Haut und schwarze Augenbrauen.«
»Alle guten Götter!« dachte Cethegus. Aber er schwieg und wartete.
Keiner der Anwesenden sprach den Namen aus.
»Sie kennen sie nicht,« sagte Cethegus zu sich. – »Und wann war das?«
fragte er den Wirt.
»An den vorigen Calenden.«
»Ganz richtig,« rechnete Cethegus; »da kam sie von Tarentum durch Rom nach
Ravenna. Sie ruhte hier drei Tage.«
»Und so hast du,« lachte Piso, »deinen Ares eingebüßt für einen Blick.
Schlechter Handel! diesmal waren Merkur und Venus im Bunde. Armer
Kallistratos.«
»Ach,« sagte dieser, »die Büste war gar nicht soviel wert. Es war moderne
Arbeit. Jon in Neapolis hat sie vor drei Jahren gemacht. Aber ich sag
euch, einen Pheidias hätt ich hingegeben um jenen Anblick.«
»Ein Idealkopf?« fragte Cethegus, wie gleichgültig und hob den ehernen
Mischkrug, der vor ihm stand, scheinbar bewundernd, auf.
»Nein, das Modell war ein Barbar – irgend ein Gotengraf – Watichis oder
Witichas – wer kann sich die hyperboräischen Namen merken!« sagte
Kallistratos seinen Bericht schließend und einem Pfirsich die Haut
abziehend.
Nachdenklich schlürfte Cethegus aus seiner Schale von Bernstein.
Zwölftes Kapitel.
»Ja, die Barbarinnen könnte man sich gefallen lassen,« rief Markus
Licinius, »aber der Orcus verschlinge ihre Brüder!« Und er riß den welken
Rosenkranz vom Haupt: – die Blumen ertrugen den Dunst des Gelages schlecht
– und ersetzte ihn durch einen frischen. »Nicht nur die Freiheit haben sie
uns genommen: – sie schlagen uns bei den Töchtern Hesperiens in der Liebe
sogar aus dem Felde. Erst neulich hat die schöne Lavinia meinem Bruder die
Thüre verschlossen und den fuchsroten Aligern eingelassen.«
»Barbarischer Geschmack!« meinte der Verschmähte achselzuckend und wie zum
Trost nach seinem Isiswein langend. »Du kennst sie ja auch, Furius – ist
es nicht Geschmacksverirrung?« – »Ich kenne deinen Nebenbuhler nicht,«
sagte der Korse. »Aber es giebt schon Burschen unter diesen Goten, die
einem Weib gefährlich werden mögen.
»Und da fällt mir ein Abenteuer ein, das ich jüngst entdeckt, das aber
freilich noch ohne Spitze ist.« – »Erzähle nur,« mahnte Kallistratos, die
Hände in das laue Waschwasser steckend, das jetzt in korinthischen
Erzschüsseln herumgereicht wurde, vielleicht finden wir die Spitze dazu.«
»Der Held meiner Geschichte,« hob Furius an, »ist der schönste der Goten.«
– »Ah, Totila der junge,« unterbrach Piso und ließ sich den
kameengeschmückten Becher mit Eiswein füllen. »Derselbe. Ich kenne ihn
seit Jahren und bin ihm sehr gut, wie alle müssen, die je sein sonnig
Angesicht geschaut, abgesehen davon,« – und hier überflog des Korsen Züge
ein Schatte ernsten Erinnerns und er stockte – »daß ich ihm sonst
verbunden bin.«
»Du bist, scheint’s, verliebt in den Blondkopf,« spottete Massurius, dem
Sklaven, den er mitgebracht, ein Tuch voll picentinischen Zwiebacks
zuwerfend, um es mit nach Hause zu nehmen. »Nein, aber er hat mir, wie
allen, mit denen er zu thun hat, viel Freundliches erwiesen und gar oft
hatte er die Hafenwache in den italischen Seestädten, wo ich landete.«
»Ja, er hat große Verdienste um das Seewesen der Barbaren,« sagte Lucius
Licinius. – »Wie um ihre Reiterei,« stimmte Markus bei, »der schlanke
Bursche ist der beste Reiter seines Volks.«
»Nun, ich traf ihn zuletzt in Neapolis: wir freuten uns der Begegnung,
aber vergebens drang ich in ihn, die fröhlichen Abendgelage auf meinem
Schiffe zu teilen.«
»O, diese deine Schiffsabende sind berühmt und berüchtigt,« meinte Balbus,
»du hast stets die feurigsten Weine.« – »Und die feurigsten Mädchen,«
fügte Massurius bei.
»Wie dem sei, Totila schützte jedesmal Geschäfte vor und war nicht zu
gewinnen. Ich bitte euch! Geschäfte nach der achten Stunde in Neapolis! Wo
die Fleißigsten faul sind! Es waren natürlich Ausflüchte. Ich beschloß ihm
auf die Sprünge zu kommen und umschlich Abends sein Haus in der Via lata.
Richtig: gleich den ersten Abend kam er heraus, vorsichtig umblickend,
und, zu meinem Staunen, verkleidet; wie ein Gärtner war er angethan, einen
Reisehut tief ins Gesicht gezogen, eine Abolla umgeschlagen. Ich schlich
ihm nach. Er ging quer durch die Stadt nach der Porta Capuana zu. Dicht
neben dem Thore steht ein dicker Turm, darinnen wohnt der Pförtner, ein
alter patriarchenhafter Jude, dem König Theoderich ob seiner großen Treue
die Hut des Thores anvertraut.
Vor dem Turme blieb mein Gote stehen und schlug leise in die Hand: da flog
eine schmale Seitenthür von Eisen, die ich gar nicht bemerkt, geräuschlos
auf und hinein schlüpfte Totila geschmeidig wie ein Aal.«
»Ei, ei,« fiel Piso der Dichter eifrig ein, »ich kenne den Juden und
Miriam, sein herrlich prachtäugiges Kind! Die schönste Tochter Israels,
die Perle des Morgenlands, ihre Lippen sind Granaten, ihr Aug’ ist
dunkelmeeresblau und ihre Wangen haben den roten Duft des Pfirsichs.« –
»Gut, Piso,« lächelte Cethegus – »dein Gedicht ist schön.« – »Nein,« rief
dieser. »Miriam selbst ist die lebendige Poesie.« – »Stolz ist die
Judendirne,« brummte Massurius dazwischen, »sie hat mich und mein Gold
verschmäht mit einem Blick, als habe man nie ein Weib um Geld gekauft.« –
»Siehe,« sprach Lucius Licinius, »so hat sich der hochmüt’ge Gote, der
einherschreitet, als trüg’ er alle Sterne des Himmels auf seinem
Lockenhaupt, zu einer Jüdin herabgelassen.«
»So dacht’ auch ich und ich beschloß, den Jungen bei nächster Gelegenheit
schwer zu verhöhnen mit seinem Moschusgeschmack. Aber nichts da. Ein paar
Tage darauf mußte ich nach Capua. Ich breche vor Sonnenaufgang auf, die
Hitze zu meiden. Ich fahre durch die Porta Capuana zur Stadt hinaus beim
ersten Frührot: und als ich in meinem Reisewagen über die harten Steine an
dem Judenturm vorüberrassele, denk’ ich neidvoll an Totila und sage mir,
der liegt jetzt in weichen Armen. Aber am zweiten Meilensteine vor dem
Thor begegnet mir, nach der Stadt zuschreitend, leere Blumenkörbe über
Brust und Rücken, in Gärtnertracht, wie damals – Totila. Er lag also nicht
in Miriams Armen. Die Jüdin war nicht seine Geliebte, vielleicht seine
Vertraute, und wer weiß, wo die Blume blüht, die dieser Gärtner pflegt.
Der Glücksvogel! Bedenkt nur, auf der Via capuana stehen all’ die Villen
und Lustschlösser der ersten Familien von Neapolis und in jenen Gärten
prangen und blühen die herrlichsten Weiber.«
»Bei meinem Genius,« rief Lucius Licinius, die bekränzte Schale hebend,
»dort leben ja die schönsten Weiber Italiens – Fluch über den Goten!« –
»Nein,« schrie Massurius, von Wein erglühend, »Fluch über Kallistratos und
den Korsen, die uns mit fremden Liebesgeschichten bewirten, wie der Storch
aus Kelchgläsern den Fuchs. Laß endlich, Hausherr, deine Mädchen kommen,
wenn du deren bestellt hast: nicht höher brauchst du unsre Erwartung zu
spannen.« – »Jawohl, die Mädchen, die Tänzerinnen, die Psalterien!« riefen
die jungen Leute durcheinander.
»Halt,« sprach der Wirt, »wo Aphrodite naht, muß sie auf Blumen wandeln.
Dies Glas bring’ ich dir, Flora!« Er sprang auf und schleuderte an die
getäfelte Decke eine köstliche Krystallschale, daß sie klirrend zersprang.
Sowie das Glas an die Balken der Decke schlug, hob sich das ganze Getäfel
wie eine Fallthür empor und ein reicher Regen von Blumen aller Art flutete
auf die Häupter der erstaunten Gäste nieder, Rosen von Pästum, Veilchen
von Thurii, Myrten von Tarentum, Mandelblüten bedeckten wie ein dichtes
Schneegestöber in duftigen Flocken den Mosaikboden, die Tische, die
Polster und die Häupter der Gäste.
»Schöner,« rief Cethegus, »zog Venus nie auf Paphos ein.«
Kallistratos schlug in die Hände. Da teilte sich beim Klang von Lyra und
Flöte dem Triklinium gerade gegenüber die Mittelwand des Gemachs: vier
hochgeschürzte Tänzerinnen, ausgesucht schöne Mädchen, in persische
Tracht, d. h. in durchsichtigen Rosaflor gekleidet, sprangen
cymbelnschlagend aus einem Gebüsch von blühendem Oleander.
Hinter ihnen kam ein großer Wagen in Gestalt einer Fächermuschel, dessen
goldne Räder von acht jungen Sklavinnen geschoben wurden, vier
Flötenbläserinnen in Indischem Gewand – Purpur und Weiß mit goldgestickten
Mänteln – schritten vorauf: und auf dem Sitz des Wagens ruhte, von Rosen
übergossen, in halb liegender Stellung Aphrodite selbst, in Gestalt eines
blühenden Mädchens von lockender, üppiger Schönheit, dessen fast einzige
Verhüllung der Aphroditen nachgebildete Gürtel der Grazien war.
»Ha, beim heiligen Eros und Anteros!« schrie Massurius und sprang
unsichern Schrittes von der Kline herab unter die Gruppe.
»Verlosen wir die Mädchen!« rief Piso, »ich habe ganz neue Würfel aus
Gazellenknöcheln, weihen wir sie ein.« »Laßt sie den Festkönig verteilen,«
schlug Marcus Licinius vor. »Nein, Freiheit, Freiheit wenigstens in der
Liebe,« rief Massurius und faßte die Göttin heftig am Arme, »und Musik,
heda, Musik – –«
»Musik,« befahl Kallistratos.
Aber ehe noch die Cymbelschlägerinnen wieder anheben konnten, wurde die
Eingangsthüre hastig aufgerissen und die Sklaven, die ihn aufhalten
wollten, zur Seite drängend, stürmte Scävola herein, er war leichenblaß.
»Hier also, hier wirklich find’ ich dich, Cethegus? in diesem Augenblick!«
»Was giebt’s?« sagte der Präfekt und nahm ruhig den Rosenkranz vom Haupt.
»Was es giebt? das Vaterland schwankt zwischen Scylla und Charybdis. Die
gotischen Herzoge Thulun, Ibba und Pitza –«
»Nun?« fragte Lucius Licinius.
»Sie sind ermordet!«
»Triumph!« rief der junge Römer und ließ die Tänzerin fahren, die er
umfaßt hielt.
»Schöner Triumph!« zürnte der Jurist. »Als die Nachricht nach Ravenna kam,
beschuldigte alles Volk die Königin, sie stürmten den Palast: – doch
Amalaswintha war entfloh’n.«
»Wohin?« fragte Cethegus, rasch aufspringend.
»Wohin? auf einem Griechenschiff – nach Byzanz!«
Cethegus setzte schweigend den Becher auf den Tisch und furchte die Stirn.
»Aber das Ärgste ist – die Goten wollen sie absetzen und einen König
wählen.« – »Einen König?« sagte Cethegus. »Wohlan, ich rufe den Senat
zusammen. Auch die Römer sollen wählen.«
»Wen, was sollen wir wählen?« fragte Scävola.
Aber Cethegus brauchte nicht zu antworten. Lucius Licinius rief statt
seiner: »Einen Diktator! fort, fort in den Senat.«
»In den Senat!« wiederholte Cethegus majestätisch. »Syphax, meinen
Mantel.«
»Hier, Herr, und dabei dein Schwert,« flüsterte der Maure. »Ich führ’ es
immer mit, auf alle Fälle.«
Und Wirt und Gäste folgten halb taumelnd dem Präfekten, der, allein völlig
nüchtern, ihnen voran aus dem Hause auf die Straße schritt.
Dreizehntes Kapitel.
In einem der schmalen Gemächer des Kaiserpalastes zu Byzanz stand kurze
Zeit nach dem Fest der Floralien ein kleiner Mann von nicht ansehnlicher
Gestalt in sorgenschweres Sinnen versunken.
Es war still und einsam rings um ihn.
Obwohl es draußen noch heller Tag, war doch das Rundbogenfenster, das nach
dem Hofraum des weitläufigen Gebäudes führte, mit schweren
golddurchwirkten Teppichen dicht verhangen: gleich köstliche Stoffe
deckten den Mosaikboden des Zimmers, so daß kein Geräusch die Schritte des
langsam auf und ab Wandelnden begleitete.
Gedämpftes, mattes Licht füllte den Raum.
Auf dem Goldgrund der Wände prangte die lange Reihe der christlichen
Imperatoren seit Constantius in kleinen weißen Büsten: gerade über dem
Schreibdivan hing ein großes mannshohes Kreuz von gediegenem Golde.
So oft der einsam auf und nieder Schreitende daran vorbeikam, neigte er
das Haupt vor demselben: denn in der Mitte des Goldes war, von Glas
umschlossen, ein Splitter des angeblich echten Kreuzes angebracht.
Endlich blieb er vor der Weltkarte stehen, die, den Orbis romanus
darstellend, auf purpurgesäumtem Pergament eine der Wände bedeckte: nach
langem, prüfendem Blick seufzte der Mann und bedeckte mit der Rechten
Gesicht und Augen.
Es waren keine schönen Augen und kein edles Gesicht: aber vieles, Gutes
und Böses, lag darin.
Wachsamkeit, Mißtrauen und List sprachen aus dem unruhigen Blick der
tiefliegenden Augen: schwere Falten, der Sorge mehr als des Alters,
furchten die vorspringende Stirn und die magern Wangen.
»Wer den Ausgang wüßte!« seufzte er noch einmal, die knochigen Hände
reibend. »Es treibt mich unablässig. Ein Geist ist in meine Brust gefahren
und mahnt und mahnt.
Aber ist’s ein Engel des Herrn oder ein Dämon? Wer mir meinen Traum
deutete! Vergieb, dreieiniger Gott, vergieb deinem eifrigsten Knecht. Du
hast die Traumdeuter verflucht.
Aber doch träumte König Pharao und Joseph durfte ihm deuten: und Jakob sah
im Traum den Himmel offen und ihre Träume kamen von dir. Soll ich? darf
ich es wagen?«
Und wieder schritt er unschlüssig auf und nieder, wer weiß, wie lange
noch, wäre nicht der Purpurvorhang des Eingangs leise gehoben worden.
Ein goldschimmernder Velarius warf sich vor dem kleinen Mann zur Erde mit
auf der Brust gekreuzten Armen. »Imperator, die Patricier, die du
beschieden.«
»Geduld,« sagte jener, sich auf die Kline mit dem Gestell von Gold und
Elfenbein niederlassend, »rasch die Silberschuhe und die Chlamys.«
Der Palastdiener zog ihm die Sandalen mit den dicken Sohlen und den hohen
Absätzen an, welche die Gestalt um ein paar Zoll erhöhten, und warf ihm
den faltenreichen, mit Goldsternen übersäten Mantel um die Schulter, jedes
Stück der Gewandung küssend, wie er es berührte: nach einer Wiederholung
der fußfälligen Niederwerfung, die in dieser orientalischen
Unterwürfigkeit erst neuerlich verschärft worden war, ging der Velarius.
Und Kaiser Justinianus stellte sich, den linken Arm auf eine gebrochne
Porphyrsäule aus dem Tempel von Jerusalem gestützt, die zu diesem Behuf
nach seiner Größe zurechtgesägt war, in seiner »Audienzattitüde« dem
Eingang gegenüber.
Der Vorhang ging zurück und drei Männer betraten das Gemach mit der
gleichen Begrüßungsform wie jener Sklave: und doch waren sie die ersten
Männer dieses Kaiserreichs, wie, mehr noch als ihre reichgeschmückten
Gewänder, ihre hochbedeutenden Köpfe, ihre geistvollen Züge bewiesen.
»Wir haben euch beschieden,« hob der Kaiser an, ohne ihre demütige
Begrüßung zu erwidern, »euren Rat zu hören – über Italien. Ich habe euch
alle nötigen Kenntnisse über die Dinge daselbst verschafft: die Briefe der
Regentin, die Dokumente der Patriotenpartei daselbst: drei Tage hattet ihr
Zeit. Erst rede du, Magister Militum.«
Und er winkte dem Größten unter den dreien, einer stattlichen, ganz in
eine reichvergoldete Rüstung gekleideten Heldengestalt. Die großen,
offenen, hellbraunen Augen sprachen von Treue und Zuversicht, eine starke
gerade Nase, volle Wangen gaben dem Gesicht den Ausdruck gesunder Kraft,
die breite Brust, die gewaltigen Schenkel und Arme hatten etwas
herkulisches, der Mund aber zeigte trotz des grimmen Rundbartes Milde und
Gutherzigkeit.
»Herr,« sprach er mit voller, aus tiefer Brust quellender Stimme,
»Belisars Rat ist immer: greifen wir die Barbaren an. Soeben hab’ ich auf
dein Geheiß das Reich der Vandalen in Afrika zertrümmert mit
fünfzehntausend Mann. Gieb mir dreißigtausend und ich werde dir die
Gotenkrone zu Füßen legen.«
»Gut,« sprach der Kaiser erfreut, »dies Wort hat mir wohlgethan. – Was
sprichst du, Perle meiner Rechtsgelehrten, Tribonianus?«
Der Angeredete war wenig kleiner als Belisar, aber nicht so breitschultrig
und die Glieder nicht so sehr durch stete Übung entwickelt. Die hohe,
ernste Stirn, das ruhige Auge, der festgeschnittene Mund zeugten von einem
mächtigen Geist. »Imperator,« sagte er gemessen, »ich warne dich vor
diesem Krieg. Er ist ungerecht.«
Unwillig fuhr Justinianus auf: »Ungerecht! wiederzunehmen, was zum
römischen Reich gehört.«
»Gehört hat. Dein Vorfahr Zeno überließ durch Vertrag das Abendland an
Theoderich und seine Goten, wenn sie den Anmaßer Odovakar gestürzt.«
»Theoderich sollte Statthalter des Kaisers sein, nicht König von Italien.«
»Zugegeben. Aber nachdem er es geworden – wie er es werden mußte, ein
Theoderich konnte nicht der Diener eines Kleinern sein – hat ihn Kaiser
Anastasius, dein Ohm Justinus, du selbst hast ihn anerkannt, ihn und sein
Königreich.«
»Im Drang der Not. Jetzt, da sie in Not und ich der Stärkere, nehm’ ich
die Anerkennung zurück.«
»Das eben nenn’ ich ungerecht.«
»Du bist unbequem und unbeholfen, Tribonian, und ein zäher Rechthaber. Du
taugst trefflich, meine Pandekten zusammenzubauen. In Politik werd’ ich
dich nie wieder befragen. Was hat die Gerechtigkeit mit der Politik zu
thun!«
»Gerechtigkeit, o Justinianus, ist die beste Politik.«
»Bah, Alexander und Cäsar dachten anders.«
»Sie haben erstens ihr Werk nicht vollendet und dann zweitens« – er hielt
inne.
»Nun, zweitens?«
»Zweitens bist du nicht Cäsar und nicht Alexander.« –
Alle schwiegen. Nach einer Pause sagte der Kaiser ruhig: »du bist sehr
offen, Tribonianus.«
»Immer, Justinianus.«
Rasch wandte sich der Kaiser zu dem dritten. »Nun, was ist deine Meinung,
Patricius?«
Vierzehntes Kapitel.
Der Angeredete verbannte rasch von seinen Lippen ein kaltes Lächeln, das
ihm die Moralpolitik des Juristen erweckt und richtete sich auf.
Er war ein verkrüppeltes Männchen, noch bedeutend kleiner als Justinian,
weshalb dieser im Gespräch mit ihm den Kopf noch viel mehr als nötig
gewesen wäre, herabsenkte. Er war kahlköpfig, die Wangen von krankhaftem
Wachsgelb, die rechte Schulter höher als die linke und er hinkte etwas auf
dem linken Fuß, weshalb er sich auf einen schwarzen Krückstock mit goldnem
Gabelgriff stützte. Aber das durchdringende Auge war so adlergewaltig, daß
es von dieser unansehnlichen Gestalt den Eindruck des Widrigen fern hielt,
dem fast häßlichen Gesicht die Weihe geistiger Größe verlieh: und der Zug
schmerzlicher Entsagung und kühler Überlegenheit um den feinen Mund hatte
sogar einen fesselnden Reiz. »Imperator,« sagte er mit scharfer bestimmter
Stimme, »ich widerrate diesen Krieg – für jetzt.«
Unwillig zuckte des Kaisers Auge: »Auch aus Gründen der Gerechtigkeit?«
fragte er, fast höhnisch. – »Ich sagte: für jetzt.« – »Und warum?« – »Weil
das Notwendige dem Angenehmen vorgeht. Wer sein Haus zu verteidigen hat,
soll nicht in fremde Häuser einbrechen.« – »Was soll das heißen?« – »Das
soll heißen: vom Westen, von den Goten droht diesem Reiche keine Gefahr.
Der Feind, der dieses Reich verderben kann, vielleicht verderben wird,
kömmt vom Osten.«
»Die Perser!« rief Justinian verächtlich.
»Seit wann,« sprach Belisar dazwischen, »seit wann fürchtet Narses, mein
großer Nebenbuhler, die Perser?«
»Narses fürchtet niemand,« sagte dieser, ohne seinen Gegner anzusehn,
»weder die Perser, die er geschlagen hat, noch dich, den die Perser
geschlagen haben. Aber er kennt den Orient. Sind es die Perser nicht, so
sind es andre, die nach ihnen kommen. Das Gewitter, das Byzanz bedroht,
steigt vom Tigris auf, nicht vom Tiber.«
»Nun, und was soll das bedeuten?«
»Das soll bedeuten, daß es schimpflich ist für dich, o Kaiser, für den
Römernamen, den wir noch immer führen, Jahr für Jahr von Chosroes dem
Perserchan den Frieden um viele Centner Goldes zu erkaufen.«
Flammende Röte überflog des Kaisers Antlitz: »Wie kannst du Geschenke,
Hilfsgelder also deuten!«
»Geschenke! und wenn sie ausbleiben, eine Woche nur über den Zahltag,
verbrennt Chosroes, des Cabades Sohn, deine Dörfer. Hilfsgelder! und er
besoldet damit Hunnen und Saracenen, deiner Grenzen gefährlichste Feinde.«
Justinian machte einen raschen Gang durchs Zimmer. »Was also rätst du?«
fragte er, hart vor Narses stehen bleibend. »Nicht die Goten anzugreifen
ohne Not, ohne Grund, wenn man sich der Perser kaum erwehrt. Alle Kräfte
deines Reiches aufzubieten, um diese schimpflichen Tribute abzustellen,
die schmählichen Verheerungen deiner Grenzen zu verhindern, die
verbrannten Städte Antiochia, Dara, Edessa wieder aufzubauen, die
Provinzen wieder zu gewinnen, die du im nahen Osten, – trotz Belisars
tapfrem Schwert, – verloren, deine Grenzen durch einen siebenfachen Gürtel
von Festungen vom Euphrat bis zum Araxes zu schirmen. Und hast du dies
Notwendige alles vollbracht – und ich fürchte sehr, du kannst es nicht
vollbringen! – dann magst du versuchen, wozu der Ruhm dich lockt.«
Justinianus schüttelte leicht das Haupt. »Du bist mir nicht erfreulich,
Narses,« sagte er bitter.
»Das weiß ich längst,« sprach dieser ruhig.
»Und nicht unentbehrlich!« rief Belisar stolz. »Kehre dich nicht, mein
großer Kaiser, an diese kleinen Zweifler! Gieb mir die dreißigtausend und
ich wette meine rechte Hand, ich erobre dir Italien.«
»Und ich wette meinen Kopf,« sagte Narses, »was mehr ist, daß Belisar
Italien nicht erobern wird, nicht mit dreißig-, nicht mit sechzig-, nicht
mit hunderttausend Mann.«
»Nun,« fragte Justinian, »und wer soll’s dann können und mit welcher
Macht?«
»Ich,« sagte Narses, »mit achtzigtausend.«
Belisar erglühte vor Zorn: er schwieg, weil er keine Worte fand.
»Du hast dich doch bei allem Selbstgefühl sonst nie so hoch über deinen
Gegner gestellt,« sprach der Jurist.
»Und thu’s auch jetzt nicht, Tribonian. Sieh, der Unterschied ist der:
Belisarius ist ein großer Held, der bin ich nicht. Aber ich bin ein großer
Feldherr – und siehe, das ist Belisarius nicht. Die Goten aber wird nur
ein großer Feldherr überwinden.«
Belisarius richtete sich in seiner ganzen stolzen Höhe auf und preßte die
Faust krampfhaft um seinen Schwertknauf. Es war als wollte er dem Krüppel
neben ihm den Kopf zerdrücken. Der Kaiser sprach für ihn: »Belisar kein
großer Feldherr! Der Neid verblendet dich, Narses.«
»Ich beneide Belisar um nichts, nicht einmal,« seufzte er leise, »um seine
Gesundheit. Er wäre ein großer Feldherr, wenn er nicht ein so großer Held
wäre. Er hat noch jede Schlacht die er verlor, aus zu viel Heldentum
verloren.«
»Das kann man von dir nicht sagen, Narses,« warf Belisar bitter ein.
»Nein, Belisarius, denn ich habe noch nie eine Schlacht verloren.«
Eine ungeduldige Antwort Belisars ward abgeschnitten durch den Velarius,
der, den Vorhang aufhebend, meldete:
»Alexandros, den du nach Ravenna gesendet, o Herr, ist seit einer Stunde
gelandet und frägt –«
»Herein mit ihm, herein!« rief der Kaiser, hastig von seiner Kline
aufspringend. Ungeduldig winkte er dem Gesandten, von seiner Proskynesis
sich zu erheben: »Nun Alexandros, du kömmst allein zurück?«