»Eine Königin.«
»O, du findest nur eine weinende Mutter!« rief sie schluchzend. – »Das
kann ich nicht glauben. Das Reich ist in Gefahr und Amalaswintha wird
zeigen, daß auch ein Weib dem Vaterland den eignen Schmerz opfern kann.«
»Das kann sie,« sagte sie, sich aufrichtend: »Aber sieh auf ihn hin. – Wie
jung, wie schön –! Wie konnte der Himmel so grausam sein.« – »Jetzt oder
nie,« dachte Cethegus. »Der Himmel ist gerecht, streng, nicht grausam.«
»Wie redest du? was hatte mein edler Sohn verschuldet? Wagst du ihn
anzuklagen?« – »Nicht ich! Doch eine Stelle der heiligen Schrift hat sich
erfüllt an ihm: »Ehre Vater und Mutter, auf daß du lang lebest auf Erden.«
Die Verheißung ist auch eine Drohung. Gestern hat er gefrevelt gegen seine
Mutter und sie verunehrt in trotziger Empörung: – heute liegt er hier. Ich
sehe darin den Finger Gottes.«
Amalaswintha verhüllte ihr Antlitz. Sie hatte dem Sohn an seinem Sarge
seine Auflehnung herzlich vergeben. Aber diese Auffassung, diese Worte
ergriffen sie doch mächtig und zogen sie ab von ihrem Schmerz zur
liebgewordenen Gewohnheit des Herrschens. »Du hast, o Königin, die
Untersuchung gegen mich niederschlagen wollen und Witichis zurückberufen.
Letzteres mag sein. Aber ich fordere die Durchführung des Prozesses und
feierliche Freisprechung als mein Recht.«
»Ich habe nie an deiner Treue gezweifelt. Weh mir, wenn ich es jemals
müßte. Sage mir: ich weiß von keiner Verschwörung! und alles ist
abgethan.« – Sie schien seine Beteurung zu erwarten. Cethegus schwieg eine
Weile. Dann sagte er ruhig: »Königin, ich weiß von einer Verschwörung.«
»Was ist das?« rief die Regentin und sah ihn drohend an. – »Ich habe diese
Stunde, diesen Ort gewählt,« fuhr Cethegus mit einem Blick auf die Leiche
fort, »dir meine Treue entscheidend zu besiegeln, daß sie dir
unauslöschlich möge ins Herz geschrieben sein. Höre und richte mich.« –
»Was werd’ ich hören?« sprach die Königin wachsam und fest entschlossen,
sich weder täuschen noch erweichen zu lassen. »Ich wär’ ein schlechter
Römer, Königin, und du müßtest mich verachten, liebte ich nicht vor allem
andern mein Volk. Dies stolze Volk, das selbst du, die Fremde, liebst. Ich
wußte, – wie du es weißt – daß der Haß gegen euch als Ketzer, als Barbaren
in den Herzen fortglimmt. Die letzten strengen Thaten deines Vaters hatten
ihn geschürt. Ich ahnte eine Verschwörung. Ich suchte, ich entdeckte sie.«
– »Und verschwiegst sie!« sprach die Regentin, zürnend sich erhebend. –
»Und verschwieg sie. Bis heute. Die Verblendeten wollten die Griechen
herbeirufen und nach Vernichtung der Goten sich dem Kaiser unterwerfen.« –
»Die Schändlichen!« rief Amalaswintha heftig. – »Die Thoren! Sie waren
schon soweit gegangen, daß nur Ein Mittel blieb, sie zurückzuhalten: ich
trat an ihre Spitze, ich ward ihr Haupt.« – »Cethegus!« – »Dadurch gewann
ich Zeit und konnte edle, wenn auch verblendete Männer von dem Verderben
zurückhalten. Allgemach konnte ich ihnen die Augen darüber öffnen, daß ihr
Plan, wenn er gelänge, nur eine milde mit einer despotischen Herrschaft
vertauschen würde. Sie sahen es ein, sie folgten mir und kein Byzantiner
wird diesen Boden betreten bis ich ihn rufe, ich – oder du.«
»Ich! rasest du?« – »Nichts ist den Menschen zu verschwören! sagt
Sophokles, dein Liebling. Laß dich warnen, Königin, die du die dringendste
Gefahr nicht siehst. Eine andre Verschwörung, viel gefährlicher als jene
römische Schwärmerei, bedroht dich, deine Freiheit, das Herrschaftsrecht
der Amaler, in nächster Nähe – eine Verschwörung der Goten.«
Amalaswintha erbleichte.
»Du hast gestern zu deinem Schrecken ersehn, daß nicht deine Hand mehr das
Ruder dieses Reiches führt. Ebensowenig dieser edle Tode, der nur ein
Werkzeug deiner Feinde war. Du weißt es, Königin, viele in deinem Volk
sind blutdürstende Barbaren, raubgierig, roh: sie möchten dies Land
brandschatzen, wo Vergil und Tullius gewandelt. Du weißt, dein trotziger
Adel haßt die Übermacht des Königshauses und will sich ihm wieder
gleichstellen. Du weißt, die rauhen Goten denken nicht würdig von dem
Beruf des Weibes zur Herrschaft.« – »Ich weiß es,« sprach sie stolz und
zornig. – »Aber nicht weißt du, daß alle diese Parteien sich geeinigt
haben. Geeinigt gegen dich und dein römerfreundlich Regiment. Dich wollen
sie stürzen oder zu ihrem Willen zwingen. Cassiodor und ich, wir sollen
von deiner Seite fort. Unser Senat, unsre Rechte sollen fallen, das
Königtum ein Schatte werden. Krieg mit dem Kaiser soll entbrennen. Und
Gewalt, Erpressung, Raub über uns Römer hereinbrechen.« – »Du malst eitle
Schreckbilder!« – »War ein eitles Schreckbild, was gestern geschah? Wenn
nicht der Arm des Himmels eingriff, warst nicht du selbst – wie ich – der
Macht beraubt? Warst du denn noch Herrin in deinem Reich, in deinem Hause?
Sind sie nicht schon so mächtig, daß der heidnische Hildebrand, der
bäuerische Witichis, der finstre Teja in deines bethörten Sohnes Namen
offen deinem Willen trotzen? Haben sie nicht jene rebellischen drei
Herzoge zurückberufen? Und deine widerspenstige Tochter und –« – »Wahr, zu
wahr!« seufzte die Königin.
»Wenn diese Männer herrschen – dann lebt wohl Wissenschaft und Kunst und
edle Bildung! Leb wohl, Italia, Mutter der Menschlichkeit! Dann lodert in
Flammen auf, ihr weißen Pergamente, brecht in Trümmer, schöne Statuen.
Gewalt und Blut wird diese Fluren erfüllen und späte Enkel werden
bezeugen: solches geschah unter Amalaswintha, der Tochter Theoderichs.«
»Nie, niemals soll das geschehen! Aber –«
»Du willst Beweise? Ich fürchte, nur zu bald wirst du sie haben. Du siehst
jedoch schon jetzt: auf die Goten kannst du dich nicht stützen, wenn du
jene Greuel verhindern willst. Gegen sie schützen nur wir dich, wir, denen
du ohnehin angehörst nach Geist und Bildung, wir Römer. Dann, wenn jene
Barbaren lärmend deinen Thron umdrängen, dann laß mich jene Männer um dich
scharen, die sich einst gegen dich verschworen, die Patrioten Roms: sie
schützen dich und sich selbst zugleich.«
»Cethegus,« sprach die bedrängte Frau, »du beherrschest die Menschen
leicht! Wer, sage mir, wer bürgt mir für die Patrioten, für deine Treue?«
»Dies Blatt, Königin, und dieses! Jenes enthält eine genaue Liste der
römischen Verschwornen – du siehst, es sind viele hundert Namen: dies die
Glieder des gotischen Bundes, die ich freilich nur erraten konnte. Aber
ich rate gut. Mit diesen beiden Blättern geb’ ich die beiden Parteien,
geb’ ich mich selbst ganz in deine Hand. Du kannst mich jeden Augenblick
bei den Meinen selbst als Verräter entlarven, der vor allem _deine_ Gunst
gesucht, kannst mich preisgeben dem Haß der Goten – ich habe jetzt keinen
Anhang mehr, sobald du willst: ich stehe allein, allein auf dem Boden
deiner Gunst.«
Die Königin hatte die Rollen mit leuchtenden Augen durchflogen.
»Cethegus,« rief sie jetzt, »ich will deiner Treue gedenken und dieser
Stunde!« Und sie reichte ihm gerührt die Hand.
Cethegus neigte leise das Haupt. »Noch eins, o Königin. Die Patrioten,
fortan deine Freunde wie die meinen, wissen das Schwert des Verderbens,
des Hasses der Barbaren über ihren Häuptern hangen. Die Erschrocknen
bedürfen der Aufrichtung. Laß sie mich deines hohen Schutzes versichern:
stelle deinen Namen an die Spitze dieses Blattes und laß mich ihnen
dadurch ein sichtbar Zeichen deiner Gnade geben.«
Sie nahm den goldnen Stift und die Wachstafel, die er ihr reichte. Einen
Augenblick noch zögerte sie nachdenklich: dann aber schrieb sie rasch
ihren Namen und gab ihm Griffel und Tafel zurück: »Hier, sie sollen mir
treu bleiben, treu wie du.«
Da trat Cassiodorus ein: »o Königin, die gotischen Großen harren dein. Sie
begehren dich zu sprechen.«
»Ich komme! Sie sollen meinen Willen vernehmen,« sprach sie heftig: »du
aber, Cassiodor, sei der erste Zeuge des Beschlusses, den diese ernste
Stunde in mir gereift, den bald mein ganzes Reich vernehmen soll: hier der
Präfekt von Rom ist hinfort der erste meiner Diener, wie er der treuste
ist: sein ist der Ehrenplatz in meinem Vertrauen und an meinem Thron.«
Staunend führte Cassiodor die Regentin die dunkeln Stufen hinan. Langsam
folgte Cethegus: er hob die Wachstafel in die Höhe und sprach zu sich
selbst: »Jetzt bist du mein, Tochter Theoderichs. Dein Name auf dieser
Liste trennt dich auf immer von deinem Volk.« – –
Zweites Kapitel.
Als Cethegus aus dem unterirdischen Gewölbe wieder zu dem Erdgeschoß des
Palastes aufgetaucht war und sich anschickte, der Regentin zu folgen, ward
sein Ohr berührt und sein Schritt gefesselt durch feierliche, klagende
Flötentöne. Er erriet, was sie bedeuteten.
Sein erster Antrieb war, auszuweichen. Aber alsbald entschloß er sich zu
bleiben. »Einmal muß es doch geschehen, also am besten gleich,« dachte er.
»Man muß prüfen, wie weit sie unterrichtet ist.«
Immer näher kamen die Flöten, wechselnd mit eintönigen Klagegesängen.
Cethegus trat in eine breite Nische des dunklen Ganges, in welchen schon
die Spitze des kleinen Zuges einbog. Voran schritten paarweise sechs edle
römische Jungfrauen in grauen Klageschleiern, gesenkte Fackeln in den
Händen. Darauf folgte ein Priester, dem eine hohe Kreuzesfahne mit langen
Wimpeln vorangetragen wurde. Hierauf eine Schar von Freigelassenen der
Familie, angeführt von Corbulo, und die Flötenbläser. Dann erschien, von
vier römischen Mädchen getragen, ein offener, blumenüberschütteter Sarg:
da lag auf weißem Linnentuch die tote Kamilla, in bräutlichem Schmuck,
einen Kranz von weißen Rosen um das schwarze Haar: ein Zug lächelnden
Friedens spielte um den leicht geöffneten Mund. Hinter dem Sarg aber
wankte, mit gelöstem Haar, stier vor sich hinblickend, die unselige
Mutter, von Matronen umgeben, welche die Sinkende stützten. Eine Reihe von
Sklavinnen schloß den Zug, der sich langsam in das Totengewölbe verlor.
Cethegus erkannte die schluchzende Daphnidion und hielt sie an. »Wann
starb sie?« fragte er ruhig. – »Ach, Herr, vor wenigen Stunden! Oh die
gute, schöne, freundliche Domna!« – »Ist sie noch einmal erwacht zu vollem
Bewußtsein?«
»Nein, Herr, nicht mehr. Nur ganz zuletzt schlug sie die großen Augen
nochmal auf und schien rings umher zu suchen. »Wo ist er hin?« fragte sie
die Mutter. »Ach, ich sehe ihn,« rief sie dann und hob sich aus den
Kissen. »Kind, mein Kind, wo willst du hin?« weinte die Herrin. »Nun,
dorthin,« sagte sie mit verklärtem Lächeln: »nach den Inseln der Seligen!«
und sie schloß die Augen und sank zurück auf das Lager und jenes holde
Lächeln blieb stehen auf ihrem Mund – und sie war dahin, dahin auf ewig!«
– »Wer hat sie hier herab bringen lassen?« – »Die Königin. Sie erfuhr
alles und befahl die Tote als die Braut ihres Sohnes neben ihm
auszustellen und zu bestatten.«
»Aber was sagt der Arzt? wie konnte sie so plötzlich sterben?« – »Ach der
Arzt sah sie nur flüchtig; er hatte alle Gedanken bei der Königsleiche und
die Herrin litt ja gar nicht, daß der fremde Mann ihre Tochter berühre.
Das Herz ist ihr eben gebrochen: daran mag man wohl sterben! Aber still,
sie kommen.« Der Zug ging in derselben Ordnung, ohne den Sarg, zurück.
Daphnidion schloß sich an. Nur Rusticiana fehlte. Ruhig schritt Cethegus
den einsamen Gang auf und nieder, sie zu erwarten.
Endlich stieg die gebrochne Gestalt die Stufen herauf. Sie wankte und
drohte zu fallen. Da ergriff er rasch ihren Arm. »Rusticiana, fasse dich!«
»Du hier? O Gott, du hast sie auch geliebt! Und wir, wir beide haben sie
ermordet!« Und sie brach auf seine Schulter zusammen. »Schweig, Unselige!«
flüsterte er, sich umsehend.
»Ach, ich, die eigne Mutter, habe sie getötet. Ich habe den Trank
gemischt, der ihm den Tod gebracht.«
Gut, dachte er, sie ahnt also nicht, daß sie getrunken, geschweige, daß
ich sie trinken sah. »Es ist ein grausamer Streich des Geschicks,« sagte
er laut; »aber bedenke, was sollte werden, wenn sie lebte? Sie liebte
ihn!« – »Was werden sollte?« rief Rusticiana, von ihm zurücktretend.
»O, wenn sie nur lebte! Wer kann wider die Liebe? Wäre sie sein geworden,
sein Weib, – seine Geliebte, wenn sie nur lebte!« – »Aber du vergißt, daß
er sterben mußte.« – »Mußte? warum mußte er sterben? auf daß du deine
stolzen Pläne hinausführst! O Selbstsucht ohnegleichen!« – »Es sind deine
Pläne, die ich ausführe, nicht die meinen; wie oft muß ich dir’s
wiederholen? Du hast den Gott der Rache heraufbeschworen, nicht ich: was
klagst du mich an, wenn er Opfer von dir fordert? Besinne dich besser.
Lebe wohl.«
Aber Rusticiana faßte heftig seinen Arm: »Und das ist alles? Und weiter
hast du nichts, kein Wort, keine Thräne für mein Kind? Und du willst mich
glauben machen, um sie, um mich zu rächen habest du gehandelt? Du hast nie
ein Herz gehabt. Du hast auch sie nicht geliebt – kalten Blutes siehst du
sie sterben – ha, Fluch – Fluch über dich.« – »Schweig, Unsinnige.« –
»Schweigen? nein, reden will ich und dir fluchen. O, wüßt’ ich etwas, das
dir wäre, was mir Kamilla war! O, müßtest du, wie ich, deines ganzen
Lebens letzte, einzige Freude fallen sehen, fallen sehen und verzweifeln.
Wenn ein Gott ist im Himmel, wirst du das erleben.«
Cethegus lächelte.
»Du glaubst an keine Macht im Himmel, die vergelte? wohlan, glaub’ an die
Rache einer jammervollen Mutter! Du sollst erzittern! ich eile zur
Regentin und entdecke ihr alles! Du sollst sterben!« – »Und du stirbst mit
mir.«
»Mit lachenden Augen, wenn ich dich verderben sehe.« Und sie wollte
hinweg. Aber Cethegus ergriff sie mit starkem Arm. »Halt, Weib. Glaubst
du, man sieht sich nicht vor mit deinesgleichen? Deine Söhne, Anicius und
Severinus, die Verbannten, sind heimlich in Italien, in Rom, in meinem
Hause. Du weißt, auf ihrer Rückkehr steht der Tod. Ein Wort – und sie
sterben mit uns: dann magst du deinem Gatten auch die Söhne, wie die
Tochter, als durch dich gefallen zuführen. Ihr Blut über dein Haupt.« Und
rasch war er um die Ecke des Ganges biegend verschwunden.
»Meine Söhne!« rief Rusticiana und brach auf dem Marmorestrich zusammen. –
Wenige Tage darauf verließ die Witwe des Boëthius mit Corbulo und
Daphnidion den Königshof für immer. Vergebens suchte die Regentin sie zu
halten.
Der treue Freigelassene führte sie zurück auf die verborgne Villa bei
Tifernum, die je verlassen zu haben sie jetzt tief betrauerte. Sie baute
daselbst, an der Stelle des kleinen Venustempels, eine Basilika, in deren
Krypta eine Urne mit den Herzen der beiden Liebenden beigesetzt wurde.
Ihre leidenschaftliche Seele verband mit dem Gebet für das Heil ihres
Kindes unzertrennlich die Bitte der Rache an Cethegus, dessen wahre
Beteiligung an Kamillens Tod sie nicht einmal ahnte: nur das durchschaute
sie, daß er Mutter und Tochter als Werkzeuge seiner Pläne gebraucht und in
herzloser Kälte des Mädchens Glück und Leben aufs Spiel gesetzt hatte.
Und kaum minder unablässig als das Licht der daselbst gestifteten ewigen
Lampe stieg das Gebet und der Fluch der vereinsamten Mutter zum Himmel
empor.
Die Stunde sollte nicht ausbleiben, die ihr die Schuld des Präfekten ganz
enthüllte und auch die Rache nicht, die sie dafür vom Himmel niederrief.
Drittes Kapitel.
Am Hofe von Ravenna aber wurde ein zäher und grimmiger Kampf geführt.
Die gotischen Patrioten, obwohl durch den plötzlichen Untergang ihres
jugendlichen Königs schwer betrübt und für den Augenblick überwunden,
wurden doch von ihren unermüdlichen Führern bald wieder aufgerafft. Das
hohe Ansehen des alten Hildebrand, die ruhige Kraft des zurückberufenen
Witichis und Tejas wachsamer Eifer wirkten unablässig. Wir haben gesehen,
wie es diesen Männern gelungen war, Athalarich zur Abschüttelung der
Oberleitung seiner Mutter zu verhelfen. Jetzt gelang es ihnen leicht,
unter den Goten immer mehr Anhang zu finden gegen eine Regentschaft, in
welcher der ihnen als Hochverräter verhaßte Cethegus mehr als je in den
Vordergrund trat. Die Stimmung im Heer, in der germanischen Bevölkerung
von Ravenna war genügend zu einem entscheidenden Schlage vorbereitet. Mit
Mühe hielt der alte Waffenmeister die Unzufriedenen zurück, bis sie, durch
wichtige Bundesgenossen verstärkt, desto sicherer siegen könnten.
Diese Bundesgenossen waren die drei Herzoge Thulun, Ibba und Pitza, die
Amalaswintha vom Hofe verscheucht und ihr Sohn soeben zurückberufen hatte.
Thulun und Ibba waren Brüder, Pitza ihr Vetter.
Ein andrer Bruder der ersteren, Herzog Alarich, war vor Jahren wegen
angeblicher Verschwörung zum Tode verurteilt und seit seiner Flucht
verschollen.
Sie stammten aus dem berühmten Geschlecht der Balten, das bei den
Westgoten die Königskrone getragen hatte und den Amalungen kaum nachstand
an Alter und Ansehn. Ihr Stammbaum führte, wie der des Königshauses, bis
zu den Göttern hinauf. Ihr Reichtum an Grundbesitz und abhängigen Colonen
und der Ruhm ihrer Kriegsthaten erhöhten Macht und Glanz ihres Hauses. Man
sagte im Volk, Theoderich habe eine Zeit lang daran gedacht, mit
Übergehung seiner Tochter und ihres unmündigen Knaben, zum Heile des
Reiches den kräftigen Herzog Thulun zu seinem Nachfolger zu bestellen.
Und die Patrioten waren jetzt, nach dem Tode Athalarichs, entschlossen,
für den äußersten Fall, das heißt, wenn die Regentin von ihrem System
nicht abzubringen sei, jene Gedanken wieder aufzunehmen.
Cethegus sah das Gewitter heranziehen: er sah, wie das gotische
Volksbewußtsein, von Hildebrand und seinen Freunden wachgerufen, sich
immer heftiger gegen die romanisirende Regentschaft sträubte.
Mit Unmut gestand er sich, daß es ihm an wirklicher Macht fehle, diese
Unzufriedenheit niederzuhalten: Ravenna war nicht sein Rom, wo er die
Werke beherrschte, wo er die Bürger wieder an die Waffen gewöhnt und an
seine Person gefesselt hatte; hier waren alle Truppen Goten und er mußte
fürchten, daß sie einen Haftbefehl gegen Hildebrand oder Witichis mit
offnem Aufruhr beantworten würden. So faßte er den kühnen Gedanken, mit
Einem Zug sich aus den Netzen, die ihn zu Ravenna umstrickten,
herauszureißen: er beschloß, die Regentin, nötigenfalls mit Gewalt, nach
Rom zu bringen, nach seinem Rom: dort hatte er Waffen, Anhang, Macht. Dort
war Amalaswintha ausschließlich in seiner Gewalt und die Goten hatten das
Nachsehen.
Zu seiner Freude ging die Regentin lebhaft auf seinen Plan ein. Sie sehnte
sich hinweg aus diesen Mauern, wo sie mehr eine Gefangene als eine
Herrscherin erschien. Sie verlangte nach Rom, nach Freiheit und Macht.
Rasch wie immer traf Cethegus seine Maßregeln. Auf den kürzern Weg zu
Lande mußte er verzichten, da die große Via flaminia sowohl als die andern
Straßen von Ravenna nach Rom durch gotische Scharen, die Witichis
befehligte, bedeckt waren und daher zu fürchten stand, daß ihre Flucht auf
diesem Wege zu früh entdeckt und vielleicht verhindert würde. So mußte er
sich entschließen, einen Teil des Weges zur See zurückzulegen: aber auf
die gotischen Schiffe im Hafen von Ravenna konnte man zu einem solchen
Zweck nicht zählen.
Zum Glück erinnerte sich der Präfekt, daß der Nauarch Pomponius, einer der
Verschwornen, mit drei Trieren zuverlässiger d. h. römischer Bemannung an
der Ostküste des adriatischen Meeres, zwischen Ancona und Teate, auf
afrikanische Seeräuber Jagd machend, kreuzte. Diesem sandte er Befehl, in
der Nacht des Epiphaniasfestes in der Bucht von Ravenna zu erscheinen. Er
hoffte vom Garten des Palastes aus, unter dem Schutz der Dunkelheit und
während kirchliche und weltliche Festfeier die Stadt beschäftigte, leicht
und sicher mit Amalaswintha die Schiffe zu erreichen, die sie zur See über
die gotischen Stellungen hinaus bis nach Teate bringen sollten: von da aus
war der Weg nach Rom kurz und ungefährdet.
Diesen Plan im Bewußtsein – sein Bote kam glücklich hin und zurück mit dem
Versprechen des Pomponius, pünktlich einzutreffen – lächelte der Präfekt
zu dem täglich wachsenden, trotzigen Haß der Goten, die seine
Günstlingsstellung bei Amalaswintha mit Ingrimm betrachteten. Er ermahnte
diese, geduldig auszuharren und nicht durch einen Ausbruch ihres
königlichen Zornes über die »Rebellen« vor dem Tag der Befreiung einen
Zusammenstoß herbeizuführen, der leicht alle Pläne der Rettung vereiteln
konnte.
Das Epiphaniasfest war gekommen: das Volk wogte in dichten Massen in den
Basiliken, auf den Plätzen der Stadt. Die Kleinodien des Schatzes lagen
geordnet und gepackt bereit, ebenso die wichtigsten Urkunden des Archivs.
Es war Mittag. Amalaswintha und der Präfekt hatten soeben ihren Freund
Cassiodor von dem Plan unterrichtet, dessen Kühnheit ihn anfangs
erschreckte, dessen Klugheit ihn alsbald gewann. Sie wollten gerade aus
dem Gemach der Beratung aufbrechen, als plötzlich der Lärm des Volkes, das
vor dem Palast auf und niederflutete, lauter und heftiger anschwoll:
Drohungen, Jubelrufe, Waffenklirren wild durcheinander.
Cethegus schlug den Vorhang des großen Rundbogenfensters zurück: doch er
sah nur noch die letzten Reihen der Menge nachdrängen in die offenen Thore
des Palastes. Die Ursache der Aufregung war nicht zu entdecken.
Aber schon stieg im Palatium das Getöse die Treppen hinan, Zank mit der
Dienerschaft wurde hörbar, einzelne Waffenschläge, bald nahe, schwere
Tritte. Amalaswintha bebte nicht: fest hielt sie den Drachenknauf des
Thronstuhls, auf den Cassiodor sie zurückgeführt.
Cethegus warf sich indessen den Andringenden entgegen. »Halt,« rief er,
unter der Thüre des Gemaches hinaus, »die Königin ist für niemand
sichtbar.«
Einen Augenblick lautlose Stille.
Dann rief eine kräftige Stimme: »Wenn für dich, Römer, auch für uns, für
ihre gotischen Brüder. Vorwärts!«
Und wieder erhob sich das Brausen der Stimmen und im Augenblick war
Cethegus, ohne Anwendung bestimmter Gewalt, von dem Andrang der Masse wie
von unwiderstehlicher Meeresflut bis weit in den Hintergrund des Saales
zurückgeschoben, und die Vordersten im Zuge standen dicht vor dem Thron.
Es waren Hildebrand, Witichis, Teja, ein baumlanger Gote, den Cethegus
nicht kannte, und neben ihm – es litt keinen Zweifel – die drei Herzoge
Thulun, Ibba und Pitza, in voller Rüstung, drei prachtvolle
Kriegergestalten. Die Eingedrungnen neigten sich vor dem Thron. Dann rief
Herzog Thulun nach rückwärts gewendet mit der Handbewegung eines gebornen
Herrschers: »Ihr, gotische Männer, harret noch draußen eine kurze Weile;
wir wollen’s in eurem Namen mit der Regentin zu schlichten suchen. Gelingt
es nicht – so rufen wir euch auf zur That – ihr wißt, zu welcher.«
Willig und mit Jubelrufen zogen sich die Scharen hinter ihm zurück und
verloren sich bald in den Gängen und Hallen des Schlosses.
»Tochter Theoderichs,« hob Herzog Thulun an, das Haupt zurückwerfend, »wir
sind gekommen, weil uns dein Sohn, der König, zurückberufen. Leider finden
wir ihn nicht mehr am Leben. Wir wissen, daß du uns nicht gerne hier
siehst.«
»Wenn ihr das wißt,« sprach Amalaswintha mit Hoheit, »wie könnt ihr wagen,
dennoch vor unser Angesicht zu treten? Wer gestattet euch, wider unsern
Willen zu uns zu dringen?« – »Die Not gebeut es, hohe Frau, die Not, die
schon stärkere Riegel gebrochen als eines Weibes Laune. Wir haben dir die
Forderungen deines Volkes vorzutragen, die du erfüllen wirst.« – »Welche
Sprache! Weißt du wer vor dir steht, Herzog Thulun?« – »Die Tochter der
Amalungen, deren Kind ich ehre, auch wo es irrt und frevelt.« – »Rebell!«
rief Amalaswintha und erhob sich majestätisch vom Throne, »dein König
steht vor dir.« Aber Thulun lächelte: »Du würdest klüger thun,
Amalaswintha, von diesem Punkt zu schweigen. König Theoderich hat dir die
Mundschaft über deinen Sohn übertragen, dem Weibe: – das war wider Recht,
aber wir Goten haben ihm nicht eingeredet in seine Sippe. Er hat diesen
Sohn zum Nachfolger gewünscht, den Knaben: – das war nicht klug. Aber Adel
und Volk der Goten haben das Blut der Amalungen geehrt und den Wunsch
eines Königs, der sonst weise war. Niemals jedoch hat er gewünscht und
niemals hätten wir gebilligt, daß nach jenem Knaben ein Weib über uns
herrschen solle, die Spindel über die Speere.«
»So wollt ihr mich nicht mehr anerkennen als eure Königin?« rief sie
empört. »Und auch du, Hildebrand, alter Freund Theoderichs, auch du
verleugnest seine Tochter?«
»Frau Königin,« sprach der Alte, »wollest du selbst verhüten, daß ich dich
verleugnen muß.«
Thulun fuhr fort: »Wir verleugnen dich nicht – noch nicht. Jenen Bescheid
gab ich nur, weil du auf dein Recht pochst und weil du wissen mußt, daß du
ein Recht nicht hast.
Aber weil wir gern den Adel des Blutes ehren – wir ehren damit uns selbst
– und weil es in diesem Augenblick zu bösem Zwiespalt im Reich führen
könnte, wollten wir dir die Krone absprechen, so will ich dir die
Bedingungen sagen, unter denen du sie fürder tragen magst.«
Amalaswintha litt unsäglich: wie gern hätte sie das stolze Haupt, das
solche Worte sprach, dem Henker geweiht. Und machtlos mußte sie das
dulden! Thränen wollten in ihr Auge dringen: sie preßte sie zurück, aber
erschöpft sank sie auf ihren Thron, von Cassiodor gestützt.
Cethegus war indessen an ihre andre Seite getreten: »Bewillige alles!«
raunte er ihr zu, »’s ist alles erzwungen und nichtig. Und heute Nacht
noch kömmt Pomponius.«
»Redet,« sprach Cassiodor, »aber schont des Weibes, ihr Barbaren.« – »Ei,«
lachte Herzog Pitza, »sie will ja nicht als Weib behandelt sein: sie ist
ja unser König.«
»Ruhig, Vetter,« verwies ihn Herzog Thulun, »sie ist von edlem Blut wie
wir.«
»Fürs erste,« fuhr er fort, »entläßt du aus deiner Nähe den Präfekten von
Rom. Er gilt für einen Feind der Goten. Er darf nicht die Gotenkönigin
beraten. An seine Stelle bei deinem Thron tritt Graf Witichis.«
»Bewilligt!« sagte Cethegus selbst, statt Amalaswinthas.
»Fürs zweite erklärst du in einem Manifest, daß fortan kein Befehl von dir
vollziehbar, der nicht von Hildebrand oder Witichis unterzeichnet, daß
kein Gesetz ohne Genehmigung der Volksversammlung gültig ist.«
Die Regentin fuhr zornig auf, aber Cethegus hielt ihren Arm nieder. »Heute
Nacht kommt Pomponius!« flüsterte er ihr zu. Dann rief er laut: »Auch das
wird zugestanden.«
»Das dritte,« hob Thulun wieder an, »wirst du so gern gewähren, als wir es
empfangen. Wir drei Balten haben nicht gelernt, in der Hofburg die Häupter
zu bücken: das Dach ist uns zu niedrig hier. Amaler und Balten leben am
besten weit von einander – wie Adler und Falk. Und das Reich bedarf unsres
Arms an seinen Marken. Die Nachbarn wähnen, das Land sei verwaiset, seit
dein großer Vater ins Grab stieg. Avaren, Gepiden, Sclavenen springen
ungescheut über unsre Grenzen. Diese drei Völker zu züchtigen, rüstest du
drei Heere, je zu dreißig Tausendschaften und wir drei Balten führen sie
als deine Feldherrn nach Osten und nach Norden.«
Die ganze Waffenmacht obenein in ihre Hände: – nicht übel! dachte
Cethegus. »Bewilligt,« rief er lächelnd.
»Und was bleibt mir,« fragte Amalaswintha, »wenn ich all das euch
dahingegeben?«
»Die goldne Krone auf der weißen Stirn,« sagte Herzog Ibba.
»Du kannst ja schreiben wie ein Grieche,« begann Thulun aufs neue.
»Wohlan, man lernt solche Künste nicht umsonst. Hier dies Pergament soll
enthalten – mein Sklave hat es aufgezeichnet – was wir fordern.«
Er reichte es Witichis zur Prüfung: »Ist es so? Gut. Das wirst du
unterschreiben, Fürstin. – So, wir sind fertig. Jetzt sprich du, Hildebad,
mit jenem Römer.«
Doch vor ihn trat Teja, die Rechte am Schwert, zitternd vor Haß: »Präfekt
von Rom,« sagte er, »Blut ist geflossen, edles, teures, gotisches Blut. Es
weiht ihn ein, den grimmen Kampf, der bald entbrennen wird. Blut, das du
büßen« – der Zorn erstickte seine Stimme.
»Pah,« rief, ihn zurückschiebend, Hildebad, – denn er war der baumlange
Gote – »macht nicht soviel Aufhebens davon! Mein goldner Bruder kann
leicht etwas missen von überflüssigem Blut. Und der andre hat mehr
verloren als er missen kann. Da, du schwarzer Teufel,« rief er Cethegus zu
und hielt ihm ein breites Schwert dicht vor die Augen, »kennst du das?«
»Des Pomponius Schwert!« rief dieser erbleichend und einen Schritt
zurückweichend. Amalaswintha und Cassiodor fragten erschrocken:
»Pomponius?«
»Aha,« lachte Hildebad, »nicht wahr, das ist schlimm? Ja, aus der
Wasserfahrt kann nichts werden.«
»Wo ist Pomponius, mein Nauarch?« rief Amalaswintha heftig.
»Bei den Haifischen, Frau Königin, in tiefer See.«
»Ha, Tod und Vernichtung!« rief Cethegus, jetzt fortgerissen vor Zorn,
»wie geht das zu?«
»Lustig genug. Sieh, mein Bruder Totila – du kennst ihn ja, nicht wahr? –
lag im Hafen von Ancona mit zwei kleinen Schiffen. Dein Freund Pomponius,
der machte ihm seit einigen Tagen ein so übermütiges Gesicht und ließ so
dicke Worte fallen, daß es selbst meinem arglosen Blonden auffiel.
Plötzlich ist er eines Morgens mit seinen drei Trieren aus dem Hafen
entwischt. Totila schöpft Verdacht, setzt alle Leinwand auf, fliegt ihm
nach, holt ihn ein auf der Höhe von Pisaurum, stellt ihn, geht zu ihm an
Bord mit mir und ein paar andern und fragt ihn, wohinaus?«
»Er hatte kein Recht dazu, Pomponius wird ihm keine Antwort gegeben
haben.«
»Doch, Vortrefflicher, er gab ihm eine. Wie der sah, daß wir zu sieben
allein auf seinem Schiff, da lachte er und rief: »Wohin ich segle? Nach
Ravenna, du Milchbart, und rette die Regentin aus euren Klauen nach Rom.«
Und dabei winkte er seinen Leuten. Da warfen aber auch wir die Schilde vor
und hui, flogen die Schwerter aus den Scheiden. Das war ein harter Stand,
sieben gegen dreißig. Aber es währte zum Glück nicht lang, da hörten unsre
Bursche im nächsten Schiff das Eisen klirren und flugs waren sie mit ihren
Boten heran und erkletterten wie die Katzen die Wandung. Jetzt waren wir
die mehreren: aber der Nauarch – gieb dem Teufel sein Recht! – gab sich
nicht, focht wie ein Rasender und stieß meinem Bruder das Schwert durch
den Schild in den linken Arm, daß es hoch aufspritzte. Da aber ward mein
Bruder auch zornig und rannte ihm den Speer in den Leib, daß er fiel wie
ein Schlachtstier. »Grüßt mir den Präfekten,« sprach er sterbend, »gebt
ihm das Schwert, sein Geschenk, zurück und sagt ihm, es kann keiner wider
den Tod: sonst hätte ich Wort gehalten.« Ich hab’s ihm gelobt, es zu
bestätigen. Er war ein tapfrer Mann. Hier ist das Schwert.«
Schweigend nahm es Cethegus.
»Die Schiffe ergaben sich und mein Bruder führte sie zurück nach Ancona.
Ich aber segelte mit dem schnellsten hierher und traf am Hafen mit den
drei Balten zusammen, gerade zur rechten Zeit.«
Eine Pause trat ein, in welcher die Überwundnen ihre böse Lage schmerzlich
überdachten. Cethegus hatte ohne Widerstand alles bewilligt in der sichern
Hoffnung auf die Flucht, die nun vereitelt war.
Sein schönster Plan war durchkreuzt, durchkreuzt von Totila: tief grub der
Haß diesen Namen in des Präfekten Seele. Sein grimmiges Rachesinnen ward
erst durch den Ausruf Thuluns gestört: »Nun, Amalaswintha, willst du
unterzeichnen? oder sollen wir die Goten zur Wahl eines Königs berufen?«
Rasch fand bei diesen Worten Cethegus die Fassung wieder: er nahm die
Wachstafel aus der Hand des Grafen und reichte sie ihr hin: »Du mußt, o
Königin,« sagte er leise, »es bleibt dir keine Wahl.« Cassiodor gab ihr
den Griffel, sie schrieb ihren Namen und Thulun nahm die Tafel zurück.
»Wohl,« sagte er, »wir gehn, den Goten zu verkünden, daß ihr Reich
gerettet ist. Du, Cassiodor, begleitest uns, zu bezeugen, daß alles ohne
Gewalt geschehen ist.«
Auf einen Wink Amalaswinthens gehorchte der Senator und folgte den
gotischen Männern hinaus auf das Forum vor dem Schlosse. Als sie sich mit
Cethegus allein sah, sprang die Fürstin heftig auf: nicht länger gebot sie
ihren Thränen. Leidenschaftlich schlug sie die Hand vor die Stirn. Ihr
Stolz war aufs tiefste gebeugt. Schwerer als des Gatten, des Vaters, ja
selbst als Athalarichs Verlust traf diese Stunde ihr Herz. »Das,« rief sie
laut weinend, »das also ist die Überlegenheit der Männer. Rohe, plumpe
Gewalt! o Cethegus, alles ist verloren.«
»Nicht alles, Königin, nur ein Plan. Ich bitte um ein gnädiges Andenken,«
setzte er kalt hinzu, »ich gehe nach Rom.«
»Wie? du verläßt mich in diesem Augenblick? Du, du hast mir all diese
Versprechungen abgewonnen, die mich entthronen, und nun scheidest du? O
besser, ich hätte widerstanden, dann wär ich Königin geblieben, hätten sie
auch jenem Rebellenherzog die Krone aufgesetzt.«
Jawohl, dachte Cethegus, besser für dich, schlimmer für mich. Nein, kein
Held soll mehr diese Krone tragen. – Rasch hatte er erkannt, daß
Amalaswintha ihm nichts mehr nützen könne – und rasch gab er sie auf.
Schon sah er sich nach einem neuen Werkzeug für seine Pläne um. Doch
beschloß er, ihr einen Teil seiner Gedanken zu enthüllen, damit sie nicht
auf eigne Faust handelnd jetzt noch ihre Versprechungen widerriefe und
dadurch Thulun die Krone zuwende. »Ich gehe, o Herrin,« sprach er, »doch
ich verlasse dich darum nicht. Hier kann ich dir nichts mehr nützen. Man
hat mich aus deiner Nähe verbannt und man wird dich hüten, eifersüchtig
wie eine Geliebte.«
»Aber was soll ich thun mit diesen Versprechungen, mit diesen drei
Herzogen?«
»Abwarten, zunächst dich fügen. Und die drei Herzoge,« setzte er zögernd
bei – »die ziehn ja in den Krieg: – vielleicht kehren sie nicht zurück.«
»Vielleicht!« seufzte die Regentin. »Was nützt ein vielleicht!« Cethegus
trat fest auf sie zu: »Sie kehren nicht zurück – sobald du’s willst.«
Erschrocken bebte die Frau: »Mord? Entsetzlicher, was sinnst du?« – »Das
Notwendige. Mord ist das falsche Wort dafür. Es ist Notwehr. Oder Strafe.
Hattest du in dieser Stunde die Macht, du hattest das volle Recht, sie zu
töten. Sie sind Rebellen. Sie zwingen deinen königlichen Willen. Sie
erschlagen deinen Nauarchen, den Tod haben sie verdient.«
»Und sie soll’n ihn finden,« flüsterte Amalaswintha, die Faust ballend,
vor sich hin, »sie soll’n nicht leben, die rohen Männer, die eine Königin
gezwungen. Du hast Recht – sie sollen sterben.« – »Sie müssen sterben –
sie, und,« fügte er ingrimmig bei, »und – – der junge Seeheld!«
»Warum auch Totila? Er ist der schönste Jüngling meines Volks.«
»Er stirbt,« knirschte Cethegus, »o, könnt’ er zehnmal sterben.«
Und aus seinem Auge sprühte eine Glut des Hasses, die, plötzlich aus der
eisigkalten Natur brechend, Amalaswintha in Schrecken überraschte. »Ich
schicke dir,« fuhr er rasch und leise fort, »aus Rom drei vertraute
Männer, isaurische Söldner. Die sendest du den drei Balten nach, sobald
sie in ihren Heerlagern eingetroffen. Hörst du, _du_ sendest sie, die
Königin: denn sie sind Henker, keine Mörder. Die Drei müssen an Einem Tage
fallen – Für den schönen Totila sorge ich selbst! – Der Schlag wird alles
erschrecken. In der ersten Bestürzung der Goten eile ich von Rom herbei.
Mit Waffen, dir zur Rettung. Leb wohl.«
Er verließ rasch die Hilflose, an deren Ohr in diesem Augenblick von dem
Forum vor dem Palatium jubelndes Freudengeschrei der Goten schlug, die den
Erfolg ihrer Führer, die Besiegung Amalaswinthas feierten.
Sie fühlte sich ganz verlassen.
Daß die letzte Verheißung des Präfekten kaum mehr als ein leeres Trostwort
zur Beschönigung seines Abgangs war, ahnte sie mit banger Seele. Gramvoll
stützte sie die Wange auf die schöne Hand und verlor sich eine Weile
finster in ihren ratlosen Gedanken. Da rauschten die Vorhänge des
Gemaches: ein Palastbeamter stand vor ihr: »Gesandte von Byzanz bitten um
Gehör. Justinus ist gestorben: Kaiser ist sein Neffe Justinian. Er bietet
dir seinen brüderlichen Gruß und seine Freundschaft.«
»Justinianus!« rief die ganze Seele der bedrängten Frau. Sie sah sich
ihres Sohnes beraubt, von ihrem Volk bedroht, von Cethegus verlassen:
ringsumher hatte sie in trübem Sinnen vergeblich Hilfe und Halt gesucht
und aufatmend aus tiefer Brust wiederholte sie jetzt: »Byzanz –
Justinianus!«
Viertes Kapitel.
In den Waldbergen von Fiesole findet heutzutage der Wandrer, der von
Florenz heranzieht, rechts von der Straße die Ruinen eines ausgedehnten
villenartigen Gebäudes.
Epheu, Steinbrech und Wildrosen haben um die Wette die Trümmer
überkleidet: die Bauern des nahen Dorfes haben seit Jahrhunderten Steine
davongetragen, die Erde ihrer Weingärten an den Hügelrändern aufzudämmen.
Aber noch immer bezeichnen die Reste deutlich, wo die Säulenhalle vor dem
Hause, wo das Mittelgebäude, wo die Hofmauer stand. Üppig wuchert das
Unkraut auf dem Wiesgrund, wo dereinst der schöne Garten in Zier und
Ordnung prangte: nichts davon hat sich erhalten als das breite
Marmorbecken eines längst vertrockneten Brunnens, in dessen kiesigem
Rinnsal sich jetzt die Eidechse sonnt.
Aber in den Tagen, von denen wir erzählen, sah es hier viel anders aus.
»Die Villa des Mäcen bei Fäsulä,« wie man das Gebäude damals, wohl mit
wenig Fug, benannte, war von glücklichen Menschen bewohnt, das Haus von
sorglicher Frauenhand bestellt, der Garten von hellem Kindeslachen belebt.
Zierlich war die rankende Klemmatis hinaufgebunden an den schlanken
Schäften der korinthischen Säulen vor dem Haus und der Wein zog freundlich
schmückend über das flache Dach. Mit weißem Sande waren die schlängelnden
Wege des Gartens bestreut und in den Nebengebäuden, die der Wirtschaft
dienten, glänzte eine Reinlichkeit, waltete eine stille Ordnung, die nicht
auf römische Sklavenhände raten ließ.
Es war um Sonnenuntergang.
Die Knechte und Mägde kehrten von den Feldern zurück: die hoch mit Heu
beladenen Wagen mit Rossen nicht italischer Zucht bespannt, schwankten
heran: von den Hügeln herunter trieben die Hirten Ziegen und Schafe herzu,
von großen zottigen Hunden umbellt.
Dicht vor dem Hofthor gab es die lebendigste Scene des bunten Schauspiels:
ein paar römische Sklaven trieben mit tobenden Gebärden und gellendem
Geschrei die keuchenden Pferde eines grausam überladnen Wagens an: nicht
mit Peitschenhieben, sondern mit Stöcken, deren Eisenspitzen sie den
Tieren immer in dieselbe wunde Stelle stießen. Nur ruckweise ging es
trotzdem vorwärts. Jetzt lag ein großer Stein vor dem linken Vorderrad,
jeden Fortschritt unmöglich machend. Aber der wütige Italier sah es nicht.
»Vorwärts, Bestie, und Kind einer Bestie,« schrie er dem zitternden Rosse
zu, »vorwärts, du gotisches Faultier!« Und ein neuer Stich mit dem Stachel
und ein neuer verzweifelter Ruck: aber das Rad ging nicht über den Stein,
das gequälte Tier stürzte in die Knie und drohte den Wagen mit umzureißen.
Darüber wurde der Treiber erst recht grimmig. »Warte, du Racker!« schrie
er und schlug nach dem Auge des zuckenden Rosses. – Aber nur einmal schlug
er, im nächsten Augenblick stürzte er selbst wie blitzgetroffen unter
einem mächtigen Streiche nieder.
»Davus, du boshafter Hund!« brüllte eine Bärenstimme und über dem
Gefallenen stand schier noch mal so lang und gewiß noch mal so breit wie
der erschrockene Tierquäler, ein ungeheurer Gote, einen derben Knüttel
wiederholt auf den Rücken des Schreienden schwingend.
»Du elender Neiding,« schloß er mit einem Fußtritt, »ich will dich lehren,
umgehn mit einem Geschöpf, das sechsmal besser ist als du. Ich glaube, du
Schandbub quälst den Hengst, weil er von jenseit der Berge ist. Noch
einmal laß mich das sehn und ich zerbreche dir alle Knochen im Leibe.
Jetzt auf und abgeladen: – du trägst alle Schwaden, die zuviel sind, auf
deinem eignen Rücken in die Scheuer. Vorwärts.«
Mit einem giftigen Blick stand der Gezüchtigte auf und schickte sich
hinkend an, zu gehorchen.
Der Gote hatte das zuckende Roß sogleich aufgerichtet und wusch ihm jetzt
sorglich die geschürften Knie mit seinem eignen Abendtrunk von Wein und
Wasser.
Kaum war er damit zu Ende, als ihn vom nahen Stall her dringend eine helle
Knabenstimme rief: »Wachis, hierher, Wachis!« – »Komme schon, Athalwin,
mein Bursch, was giebt’s?« – und schon stand er in der offnen Thüre des
Pferdestalles, neben einem schönen Knaben von sieben bis acht Jahren, der
sich heftig die langen, gelben Haare aus dem erglühenden Antlitz strich
und mit Mühe in den himmelblauen Augen zwei Thränen des Zornes zerdrückte.
Er hatte ein zierlich geschnitztes Holzschwert in der Rechten und hob es
drohend gegen einen schwarzbraunen Sklaven, der mit gebognem Nacken und
mit geballten Fäusten trotzig ihm gegenüberstand.
»Was giebt’s da?« wiederholte Wachis über die Schwelle tretend.
»Der Rotschimmel hat wieder nichts zu saufen und sieh nur, zwei Bremsen
haben sich eingesogen oben an seinem Bug, wo er mit der Mähne nicht
hinreichen kann und ich nicht mit der Hand und der böse Cacus da, wie
ich’s ihm sage, will mir nicht folgen: und gewiß hat er mich geschimpft
auf römisch, was ich nicht verstehe.« Wachis trat drohend näher.
»Ich habe nur gesagt:« sprach Cacus langsam zurückweichend, »erst eß’ ich
meine Hirse; das Tier mag warten; bei uns zu Lande kömmt der Mensch vor
dem Vieh.« – »So, du Tropf?« sagte Wachis, die Bremsen erschlagend, »bei
uns kommt das Roß vor dem Reiter zum Futter; mach vorwärts.«
Aber Cacus war stark und trotzig: er warf den Kopf auf und sagte: »wir
sind hier in unserm Land – da gilt unser Brauch.« – »Eia, du verfluchter
Schwarzkopf, wirst du gehorchen?« sprach Wachis ausholend. – »Gehorchen?
Nicht dir! Du bist auch nur ein Sklave wie ich: und meine Eltern haben
schon hier im Hause gelebt als deinesgleichen noch Küh’ und Schafe stahlen
jenseit der Berge.« Wachis ließ den Knüttel fallen und wiegte seine Arme:
»Höre, Cacus, ich habe ohnehin noch einen Span mit dir, du weißt schon,
was für einen. Jetzt geht’s in einem hin.« – »Ha,« lachte Cacus höhnisch,
»wegen Liuta, der Flachsdirn? Pah, ich mag sie nicht mehr, die Barbarin.
Sie tanzt wie eine Jungkuh.« – Jetzt ist’s aus mit dir,« sagte Wachis
ruhig und schritt auf seinen Gegner zu. Aber dieser wandte sich wie eine
Katze aus dem Griff des Goten, riß ein spitzes Messer aus der Brustfalte
des Wollrocks und warf es nach ihm: da sich Wachis bückte, sauste es
haarscharf an seinem Kopf vorbei und fuhr tief in den Pfosten der Thür.
»Na, warte, du Mordwurm!« rief der Germane und wollte sich auf Cacus
werfen; da fühlte er sich von hinten umklammert.
Es war Davus, der die Gelegenheit der Rache scharf erpaßt hatte.
Aber jetzt ward Wachis sehr zornig.
Er schüttelte ihn ab, packte ihn mit der Linken am Genick, erwischte mit
der Rechten Cacus an der Brust und stieß nun mit Bärenkraft seinen beiden
Gegnern die Köpfe zusammen, jeden Stoß mit einem Ausruf begleitend, »so,
meine Jungen – das für das Messer – und das für den Rückensprung – und den
für die Jungkuh« – und wer weiß, wie lange diese seltsame Litanei noch
fortgedauert haben würde, hätte sie nicht ein lautes Rufen gestört.
»Wachis – Cacus – auseinander sag’ ich!« rief eine volle starke
Frauenstimme, und vor der Thür erschien ein stattliches Weib in blauem
gotischem Gewand. Sie war nicht groß und doch imposant: ihr schöner Bau
eher mächtig als zart. Die goldbraunen Haare waren in reichen, doch
einfachen Flechten um das runde Haupt geschlungen, die Züge regelmäßig,
aber eher fest als fein gezeichnet. Geradheit, Tüchtigkeit, Verlässigkeit
sprachen aus den fast allzugroßen graublauen Augen: die unbedeckten vollen
Arme zeigten, daß sie der Arbeit nicht fremd. An ihrem breiten Gürtel,
über den das braune Untergewand von selbstgewirktem Zeuge bauschte,
klirrte ein Bund von Schlüsseln: die Linke stemmte sie ruhig in die Hüfte
und befehlend streckte sie die Rechte vor sich hin.
»Eia, Rauthgundis, strenge Frau,« sagte Wachis loslassend, »mußt du denn
überall die Augen haben?«
Ȇberall, wo mein Gesinde Unfug treibt. Wann werdet ihr lernen, euch
vertragen? Euch Welschen fehlt der Herr im Hause. Aber du, Wachis,
solltest nicht auch der Hausfrau Verdruß machen. Komm, Athalwin, mit mir.«
Und sie führte den Knaben an der Hand mit fort.
Sie ging in den Seitenhof und füllte aus einer Truhe Körner in ihr Gewand,
die Hühner und Tauben zu füttern, die sie sogleich dicht umdrängten.
Athalwin sah eine Weile schweigend zu. Endlich sagte er: »Du, Mutter,
ist’s wahr? ist der Vater ein Räuber?«
Rauthgundis hielt inne in ihrem Thun und sah das Kind an: »Wer hat das
gesagt.«
»Wer? Ei, des Nachbars Calpurnius Neffe. Wir spielten auf dem großen
Heuhaufen seiner Wiese drüben überm Zaun und ich zeigte ihm, wie weit das
Land uns gehöre rechts vom Zaun, – weit und breit – so weit unsre Knechte
mähten und fern der Bach schimmerte. Da ward er zornig und sagte: »Ja, und
all’ das Land gehörte früher uns und dein Vater oder dein Großvater, die
haben’s gestohlen, die Räuber.«
»So? und was sagtest du drauf.«
»Ei, gar nichts, Mutter. Ich warf ihn nur über den Heuhaufen hinunter, daß
er die Füße gen Himmel schlug. Aber jetzt, nach der Hand, möcht’ ich doch
wissen, ob’s wahr ist.«
»Nein, Kind, es ist nicht wahr. Gestohlen hat’s der Vater nicht. Aber
offen genommen, weil er besser war und stärker als diese Welschen. Und
alle starken Helden haben’s immer so gemacht zu allen Zeiten. Und die
Welschen in den Tagen, da sie stark waren und ihre Nachbarn schwach, am
allermeisten. Aber nun komm, wir müssen nach dem Linnen sehen, das auf dem
Anger zur Bleiche liegt.«
Als sie nun den Stallungen den Rücken wandten und dem nahen Grashügel
links vom Hause zuschritten, hörten sie den raschen Hufschlag eines
Rosses, das auf der alten römischen Heerstraße nahte. Rasch hatte Athalwin
den Gipfel des Hügels erreicht und blickte nach der Straße hin.
Da sprengte ein Reiter auf einem mächtigen Braunen die Waldhöhe herab auf
die Villa zu: hell funkelte sein Helm und die Spitze der Lanze, die er
schräg über dem Rücken trug.
»Der Vater, Mutter, der Vater!« rief der Knabe und rannte pfeilgeschwind
den Hügel hinab dem Reiter entgegen.
Rauthgundis hatte jetzt auch die Höhe erreicht. Ihr Herz pochte. Sie legte
die Hand vors Auge, in die schimmernde Abendröte zu schauen: dann sagte
sie still glücklich vor sich hin: »Ja, er ist’s. Mein Mann!«
Fünftes Kapitel.
Inzwischen hatte Athalwin den Nahenden schon erreicht und kletterte an
seinem Fuß hinan. Der Reiter hob ihn mit liebevoller Hand herauf und
setzte ihn vor sich in den Sattel und flog jetzt im Galopp heran: lustig
wieherte Wallada, das edle Tier, einst Theoderich’s Streitroß, die Heimat
und die Herrin erkennend und schlug freudig mit dem langen wallenden
Schweif.
Nun war der Reiter heran und stieg ab mit dem Knaben: »mein liebes Weib!«
sprach er, sie herzlich umarmend. »Mein Witichis!« flüsterte sie, an
seiner Brust erglühend, entgegen, »willkommen bei den Deinen.« – »Ich
hatte versprochen, noch vor dem neuen Mond zu kommen – schwer ging’s –«
»Aber du hieltst Wort wie immer.« – »Mich zog das Herz,« sagte er, den Arm
um sie schlingend. Sie schritten langsam dem Hause zu. »Dir, Athalwin,
ist, scheint’s, Wallada wichtiger als der Vater,« lächelte er dem Kleinen
zu, der sorgfältig das Pferd am Zügel nachführte.
»Nein, Vater, aber gieb mir noch die Lanze dazu – so gut wird mir’s selten
hier in dem Bauernleben« – und den langen schweren Speerschaft mit Mühe
einherschleppend, rief er laut: »he, Wachis, Ansbrand, der Vater ist da! –
Jetzt holt den Falernerschlauch aus dem Keller. Der Vater hat Durst vom
scharfen Ritt.«
Lächelnd strich Witichis über den Flachskopf des Knaben, der jetzt an
ihnen vorüber und voran eilte. »Nun, und wie steht’s hier draußen bei
euch?« fragte er, auf Rauthgundis blickend. »Gut, Witichis, die Ernte ist
glücklich eingebracht, die Trauben gestampft, die Garben geschichtet.« –
»Nicht danach frag’ ich,« sagte er, sie zärtlich an sich drückend, – »wie
geht es dir?« – »Wie’s einem armen Weibe geht,« antwortete sie, zu ihm
aufblickend, »das seinen herzgeliebten Mann vermißt. Da hilft nur Arbeit,
Freund, und tüchtig Schaffen, daß man das weiche Herz betäubt. Oft denk’
ich, wie hart du dich mühen mußt, draußen, unter fremden Leuten, im Lager
und am Hof, wo niemand dein in Treuen pflegt. Da soll er wenigstens, denk’
ich dann, kömmt er heim, sein Haus immer wohl bestellt und traulich
finden.
Und das ist’s, sieh, was mir all’ die dumpfe Arbeit lieb macht und weihet
und veredelt.«
»Du bist mein wackeres Weib. Mühst du dich nicht zuviel?«
»Die Arbeit ist gesund. Aber der Verdruß, die Bosheit der Leute, das thut
mir weh.« Witichis blieb stehen. »Wer wagt’s, dir weh zu thun?« – »Ach,
die welschen Knechte und die welschen Nachbarn.
Sie hassen uns alle. Weh uns, wenn sie uns nicht mehr fürchten.
Calpurnius, der Nachbar, ist so frech, wenn er dich ferne weiß, und die
römischen Sklaven sind trotzig und falsch; nur unsre gotischen Knechte
sind brav.«
Witichis seufzte. Sie waren jetzt vor dem Hause angelangt und ließen in
dem Säulengang sich vor einem Marmortisch nieder. »Du mußt bedenken,«
sagte Witichis, »der Nachbar hat ein Drittel seines Guts und seiner
Sklaven an uns abtreten müssen.« – »Und hat zwei Drittel behalten und das
Leben dazu – er sollte Gott danken!« meinte Rauthgundis verächtlich.
Da sprang Athalwin heran mit einem Korb voll Äpfeln, die er vom Baum
gepflückt; dann kamen Wachis und die andern germanischen Knechte mit Wein,
Fleisch und Käse und sie begrüßten den Herrn mit freimütigem Handschlag.
»Gut, meine Kinder, seid gegrüßt. Die Frau lobt euch. Aber wo stecken
Davus, Cacus und die andern?« – »Verzeih, Herr,« schmunzelte Wachis, »sie
haben ein schlecht Gewissen.«
»Warum? Weshalb?« – »Ei, ich glaube, – weil ich sie ein bischen geprügelt
habe – sie schämen sich.« Die andern Knechte lachten. »Nun, es kann ihnen
nicht schaden,« meinte Witichis, »geht jetzt zu eurem Essen. Morgen seh’
ich nach eurer Arbeit.« Die Knechte gingen. »Was ist’s mit Calpurnius,«
fragte Witichis, sich einschenkend. Rauthgundis errötete und besann sich:
»Das Heu von der Bergwiese,« sagte sie dann, »das unsre Knechte gemäht,
hat er nachts in seine Scheuer geschafft und giebt es nicht heraus.« – »Er
wird es schon herausgeben, mein’ ich ....« sagte er ruhig, trinkend. –
»Jawohl,« rief Athalwin lebhaft, »das mein’ ich auch. Und giebt er’s nicht
– mir noch lieber! Dann sagen wir Fehde an und ich zieh’ hinüber mit
Wachis und den reisigen Knechten, mit Waffen und Wehr. Er sieht mich immer
so giftig an, der schwarze Schleicher.«
Rauthgundis wies ihn zur Ruh’ und schickte ihn schlafen. »Wohl, ich gehe,«
sagte er, »aber, Vater, wenn du wiederkömmst, bringst du mir statt dieses
Steckens da ein richtig Gewaffen mit, nicht wahr?« Und er hüpfte ins Haus.
»Der Streit mit diesen Welschen endet nie,« sagte Witichis, »er vererbt
sich auf die Kinder. Du hast hier allzuviel Verdruß damit. Desto lieber
wirst du thun, was ich dir vorschlage: komm mit nach Ravenna an den Hof.«
Hoch erstaunt blickte ihn das Weib an: »Du scherzest!« sagte sie
ungläubig. »Du hast das nie gewollt. In den neun Jahren, die ich dein bin,
ist dir’s nie eingefallen, mich an den Hof zu führen: ich glaube, es weiß
niemand in dem Volk, daß eine Rauthgundis lebt. Du hast ja unsere Ehe
geheim gehalten,« lächelte sie, »wie eine Schuld.« »Wie einen Schatz,«
sagte Witichis, die Arme um sie schlingend. – »Ich habe dich nie gefragt,
warum. Ich war und bin glücklich dabei und dachte und denke: er wird wohl
seinen Grund haben.«
»Ich hatte meinen guten Grund: er besteht nicht mehr. Du magst nun alles
wissen. Wenige Monate, nachdem ich dich gefunden in deiner
Felseneinsamkeit und lieb gewonnen, kam König Theoderich auf den seltsamen
Gedanken, mich seiner Schwester Amalaberga, der Witwe des Thüringerkönigs,
zu vermählen, die gegen ihre schlimmen Nachbarn, die Franken, Mannesschutz
bedurfte.« – »Du solltest dort die Krone tragen?« sprach Rauthgundis mit
strahlenden Augen. »Mir aber,« fuhr Witichis fort, »war Rauthgundis lieber
als Königin und Krone, und ich sagte nein.
Es verdroß ihn schwer und er verzieh mir nur, als ich ihm sagte, ich würde
wohl niemals freien. Konnt’ ich doch damals nicht hoffen, dich je mein zu
nennen: du weißt, wie lange dein Vater mißtrauisch und eisern dich mir
nicht anvertrauen wollte. Als du nun aber doch mein geworden, da hielt
ich’s nicht für wohlgethan, ihm das Weib zu zeigen, um das ich seine
Schwester ausgeschlagen.«
»Aber warum hast du mir das verschwiegen, neun Jahre lang?«
»Weil,« sagte er, ihr herzlich in die Augen blickend, »weil ich meine
Rauthgundis kenne. Du hättest immer geglaubt, Wunder was ich an jener
Krone verloren. Jetzt aber ist der König tot und ich bin dauernd an den
Hof gebunden. Wer weiß, wann ich wieder ruhen werde im Schatten dieser
Säulen, im Frieden dieses Daches.«
Und in kurzen Worten erzählte er ihr den Sturz des Präfekten und welche
Stellung er nunmehr einnahm bei Amalaswinthen. Aufmerksam hörte ihn
Rauthgundis an; dann drückte sie ihm die Hand: »Das ist wacker, Witichis,
daß die Goten allmählich merken, was sie an dir haben. Und du bist
heiterer, denk’ ich, als sonst.«
»Ja, mir ist wohler, seit ich mit tragen darf an der Last der Zeit. Dabei
stehen und sie wuchtig drücken sehen auf mein Volk war viel schwerer. Mich
dauert dabei nur die Regentin; sie ist wie eine Gefangene.«
»Bah, warum hat das Weib gegriffen in das Amt der Männer. Mir fiele das
nie ein.«
»Du bist keine Königin, Rauthgundis, und Amalaswintha ist stolz.«
»Ich bin zehnmal so stolz wie sie. Aber so eitel bin ich nicht. Sie muß
nie einen Mann geliebt haben und seinen Wert und seine Art begriffen. Sie
könnte sonst nicht die Männer ersetzen wollen.«
»Am Hof sieht man das anders an. Komm nur mit an den Hof.«
»Nein, Witichis,« sagte sie ruhig, aufstehend, »der Hof paßt nicht für
mich. Und ich nicht für den Hof. Ich bin des Ödbauern Kind und gar
unhöfisch geartet. Sieh diesen braunen Nacken,« lachte sie, »und diese
rauhen Hände. Ich kann nicht die Lyra zupfen und Verslein lesen: schlecht
taugt’ ich zu den feinen Römerinnen und wenig Ehre würdest du haben von
mir.«
»Du wirst dich doch nicht zu schlecht erachten für den Hof?« – »Nein,
Witichis, zu gut.« – »Nun, man müßte sich gegenseitig ertragen, würdigen
lernen.« – »Das würd’ ich nie. Sie vielleicht mich, aus Furcht vor dir,
ich niemals sie. Ich würd’ ihnen täglich ins Gesicht sagen, daß sie hohl,
falsch und schlecht sind.«
»So willst du lieber deinen Mann entbehren, mondenlang?« – »Ja, lieber ihn
entbehren, als in schiefer, schlimmer Stellung um ihn sein. O mein
Witichis,« sagte sie, innig den Arm um seinen Nacken legend, »denk nur,
wer ich bin und wie du mich gefunden.
Wo die letzten Siedelungen unseres Gotenvolks den Saum der Alpen umgürten,
hoch auf den Felsschroffen der Scaranzia, wo die junge Isara schäumend aus
den Steinklüften ins offne Land der Bajuwaren bricht, da steht meines
Vaters stiller Ödhof. Nichts kannt’ ich da als die strenge Arbeit des
Sommers auf den einsamen Almen, des Winters in der rauchgeschwärzten Halle
am Rocken mit den Mägden. Früh starb die Mutter und den Bruder haben die
Welschen erstochen. So wuchs ich einsam auf, allein mit dem alten Vater,
der so treu, aber auch so hart und verschlossen wie seine Felsen. Da sah
ich nichts von der Welt, die rechts und links von unsern Bergen lag. Nur
hoch von oben sah ich manchmal neugierig, wie ein Saumroß mit Salz oder
Wein unten in der Thalschlucht des Weges zog. Da saß ich wohl manchen
schimmervollen Sommerabend auf der zackigen Kulm des hohen Arn. Und sah
der Sonne nach, wie sie so herrlich niedersank weit drüben überm Licus:
und ich dachte, was sie wohl alles gesehen den langen Sommertag, seit sie
aufstieg drüben überm breiten Önus. Und daß ich wohl auch wissen möchte,
wie’s aussieht über dem Karwändel. Oder gar drüben, hinter dem
Brennusberg, wo der Bruder hinüberzog und nie mehr wiederkam. Und doch
fühlte ich, wie schön es sei droben in meiner grünen Einsamkeit, wo ich
den Steinadler pfeifen hörte aus dem nahen Horst und wo ich prächtige
Blumen brach, wie sie nicht wuchsen unten in der Ebene und auch wohl
einmal des Nachts den Bergwolf vor meiner Stallthür heulen hörte und mit
dem Kienbrand scheuchte.
Und auch in dem frühen Herbst, in den langen Wintern hatte ich Muße, still
in mich hineinzusinnen: wann um die hohen Tannen die weißen Nebelschleier
spannen, wann der Bergwind die Felsblöcke von unserem Strohdach riß und
die Schneestürze von den Schroffen donnernd niedergingen. So wuchs ich
auf, fremd in der Welt jenseit der nächsten Wälder, nur zu Hause in der
stillen Welt meiner Gedanken, und in dem engen Bauernleben.
Da kamest du – ich weiß es noch wie heute« – und sie hielt an, in
Erinnerung verloren.
»Ich weiß es auch noch genau,« sagte Witichis. »Ich führte eine
Hundertschaft zur Ablösung von Juvavia nach der Augustastadt am Licus –
ich war vom Weg und meinen Leuten abgekommen: lang war ich den schwülen
Sommertag pfadlos umhergeirrt – da sah ich Rauch aufsteigen überm
Tannenhang und bald fand ich das versteckte Gehöft und trat ins Thor: da
stand ein prächtig Mädchen am Ziehbrunnen und hob den Eimer.« –
»Und ich erschrak siedheiß, – zum erstenmal in meinem Leben! – als der
große, bräunliche Mann um die Hausecke bog mit dem krausen Bart und dem
funkelnden Helm.«
»Ja, du wurdest blutrot bis in die Schläfe und ich bat dich um einen Trunk
Wasser. Und niemals hat mein Auge ein schöner Bild gesehen als wie du dich
nun niederbeugtest und mit den kräftigen Armen den schweren Eimer auf den
Brunnenrand hobst und mir schöpftest in dem Kürbiskrug: reich fielen die
dichten goldbraunen Zöpfe übers schwarze Mieder bis in die Knie und deine
Wangen waren pfirsichgleich: – o wie wacker, frisch und blühend sahst du
aus. Und wie wacker, frisch und blühend bist du mir geblieben seither alle
Zeit.«
»Und darum, mein Witichis, auf daß ich dir blühend bleibe, führe mich
nicht an den Hof. Sieh hier schon im Thal, im Südthal der Alpen, wird mirs
oft zu schwül und ich sehne mich nach einem Atemzug aus der Tannenluft
meiner Waldberge. Am Hofe aber in den engen Goldgemächern – da würd’ ich
dir verkümmern und verschmachten. Laß du mich hier – ich will schon fertig
werden mit Nachbar Calpurnius. Und du, das weiß ich ja, du denkst doch
auch im Königssaal nach Haus an Weib und Kind.«
»Ja, weiß Gott, mit sehnenden Gedanken. So bleibe denn hier und Gott
behüte dich, mein gutes Weib.« –
Am zweiten Morgen darauf ritt Witichis wieder zurück, die Waldhöhe hinan.
Der Abschied hatte ihn fast weich gemacht: mit Kraft hatte er den Ausdruck
des Gefühls gehemmt, das er sich, schlicht und streng von Art, zu zeigen
scheute. Wie hing des Wackern Herz an diesem kern’gen Weib und seinem
Knaben!
Hinter ihm drein trabte Wachis, der sich’s durchaus nicht hatte nehmen
lassen, dem Herrn noch eine Strecke das Geleit zu geben. Plötzlich ritt er
zu ihm hinan. »Herr,« sagte er, »ich weiß was.« – »So? warum sagst du’s
nicht?« – »Weil mich noch niemand drum gefragt hat.« – »Nun, ich frage
dich drum.« – »Ja, wenn man gefragt ist, muß man freilich reden. – Die
Frau hat dir gesagt, daß Calpurnius so ein böser Nachbar ist?« – »Ja. Und
was soll’s damit?« – »Sie hat dir aber nicht gesagt, seit wann?«
»Nein. Weißt du seit wann?« – »Nun, seit etwa einem halben Jahr. Da traf
Calpurnius einmal die Frau im Wald allein, wie sie beide glaubten. Aber
sie waren nicht allein. Es lag einer im Graben und hielt seinen
Mittagsschlaf.«
»Der Faulpelz warst du.«
»Richtig erraten. Und da sagte Calpurnius etwas zur Frau.«
»Was sagte er?«
»Das hab’ ich nicht verstanden. Aber die Frau war nicht faul, hob die Hand
und schlug ihm ins Gesicht, daß es patschte. Das hab’ ich verstanden. Und
seither ist der Nachbar ein schlimmer Nachbar und das wollt’ ich dir
sagen, weil ich mir schon dachte, die Frau werde dich nicht ärgern wollen
mit dem Wicht.
Aber es ist doch besser du weißt darum. Und sieh, da steht Calpurnius
gerade unter seiner Hofthür – siehst du, dort – und jetzt fahr’ wohl,
lieber Herr.«
Und damit wandte er sein Pferd und jagte im Galopp nach Hause.
Witichis aber stieg das Blut zu Kopf. Er ritt an die Thür seines Nachbars,
dieser wollte sich ins Haus drücken, aber Witichis rief ihn in einem Ton,
daß er bleiben mußte.
»Was willst du mir, Nachbar Witichis,« sagte er, blinzelnd zu ihm
aufsehend.
Witichis zog den Zügel an und schob sein Roß dicht neben jenen. Dann
streckte er ihm die geballte, erzgepanzerte Faust hart vor die Augen:
»Nachbar Calpurnius,« sagte er ruhig, »wenn _ich_ dir einmal ins Gesicht
schlage, stehst du nie wieder auf.«
Calpurnius fuhr erschrocken zurück.
Witichis aber gab seinem Rosse den Sporn und ritt stolz und langsam seines
Weges.
Sechstes Kapitel.
Zu Rom in seinem Arbeitszimmer lag, auf den weichen Kissen des Lectus
behaglich ausgestreckt, Cethegus der Präfekt.
Er war guter Dinge.
Die Untersuchung gegen ihn hatte mit Freisprechung geendet: nur im Fall
augenblicklicher Durchforschung seines Hauses, wie sie der junge König
angeordnet, aber sein Tod vereitelt hatte, wäre Entdeckung zu befürchten
gewesen. Er hatte durchgesetzt, daß die Befestigung von Rom fortgeführt
wurde, mit Zuschüssen aus seinen eigenen Geldern, was seinen Einfluß in
der Stadt noch hob. In der letzten Nacht hatte er Versammlung gehalten in
den Katakomben: alle Berichte lauteten günstig. Die Patrioten wuchsen an
Zahl und Reichtum.
Der härtere Druck, der seit den letzten Vorgängen zu Ravenna auf den
Italiern lastete, konnte die Zahl der Unzufriednen nur vermehren und, was
die Hauptsache war, Cethegus hielt jetzt alle Fäden der Verschwörung in
seiner Hand. Unbedingt erkannten selbst die eifersüchtigsten Republikaner
die Notwendigkeit an, bis zum Tag der Freiheit dem Begabtesten die Führung
zu überlassen.
So vorgeschritten war die Stimmung gegen die Barbaren bei allen Italiern,
daß Cethegus den Gedanken fassen konnte, sobald Rom vollends befestigt,
ohne Hilfe der Byzantiner loszuschlagen. Denn, wiederholte er sich immer
wieder, alle Befreier sind leicht gerufen und schwer abgedankt. Und mit
Liebe pflegte er den Gedanken, Italien allein zu befreien.
So lag der Präfekt, legte Cäsars Bürgerkrieg, in dem er geblättert, zur
Seite, stützte das Haupt auf den linken Arm und sagte zu sich selbst: »die
Götter müssen noch Großes mit dir vorhaben, Cethegus. So oft du stürzest,
fällst du, heil wie eine Katze, auf die sichern Füße. Ah, wenn es uns wohl
geht, möchten wir uns mitteilen. Aber Vertrauen ist ein zu gefährliches
Vergnügen und das Schweigen ist der einzig treue Gott. Und doch bleibt man
ein Mensch und möchte ...« –
Da trat ein Sklave ein, der alte Ostiarius Fidus, überreichte schweigend
einen Brief auf flacher goldner Schale und ging. »Der Bote wartet,« sagte
er.
Gleichgültig nahm Cethegus das Schreiben.
Aber sowie er auf dem Wachs, das die Schnüre der Tafeln zusammenhielt das
Siegel – die Dioskuren – erkannte, rief er lebhaft: »Von Julius! zu guter
Stunde!« löste eilig die Fäden, legte die Tafeln auseinander und las – das
kalte bleiche Antlitz überflogen von einem sonst völlig fremden Hauch
freudiger Wärme.
»Cethegus dem Präfekten sein Julius Montanus.
Wie lange ist’s, mein väterlicher Lehrer,« (– »beim Jupiter, das klingt
frostig« –) »daß ich dir nicht den schuldigen Gruß gesendet. Das letzte
Mal schrieb ich dir an den grünen Ufern des Ilissos, wo ich in dem
verödeten Hain des Akademos die Spuren Platons suchte – und nicht fand.
Ich weiß wohl, mein Brief war nicht heiter. Die traurigen Philosophen
dort, in vereinsamten Schulen wandelnd, zwischen dem Druck des Kaisers,
dem Argwohn der Priester und der Kälte der Menge, sie konnten nichts in
mir erwecken als Mitleid. Meine Seele war dunkel, ich wußte nicht weshalb.
Ich schalt meinen Undank gegen dich – den großmütigsten aller Wohlthäter –
–« (»so unerträgliche Namen hat er mir nie gegeben,« schaltete Cethegus
ein).
»Seit zwei Jahren reise ich, mit deinen Reichtümern wie ein König der
Syrer ausgestattet, von deinen Freigelassenen und Sklaven begleitet, durch
ganz Asien und Hellas, genieße alle Schönheit und Weisheit der Alten – und
mein Herz bleibt unbefriedigt, mein Leben unausgefüllt. Nicht Platons
schwärmerische Weisheit, nicht das Goldelfenbein des Pheidias, Homeros
nicht und nicht Thukydides boten, was mir fehlte.
Endlich, endlich hier in Neapolis, der blühenden göttergesegneten Stadt
hab’ ich gefunden, was ich unbewußt überall vermißt und immer gesucht.
Nicht tote Weisheit: warmes, lebendiges Glück,« (– er hat eine Geliebte!
nun endlich, du spröder Hippolyt, Dank euch, Eros und Anteros! –) »o, mein
Lehrer, mein Vater! weißt du, welch ein Glück es ist, ein Herz, das dich
ganz versteht, zum erstenmal dein eigen nennen?« (– »ah, Julius,« seufzte
der Präfekt mit einem seltnen Ausdruck weicher Empfindung, »ob ich es
wußte!« –) »Dem du die ganze volle Seele offen zeigen magst? O, wenn du’s
je erfahren, preise mich, opfre Zeus dem Erfüller endlich: zum erstenmal
hab’ ich einen Freund.«
»Was ist das?« rief Cethegus unwillig aufspringend mit einem Blick
eifersüchtigen Schmerzes, »der Undankbare!«
»Denn, das fühlst du wohl, ein Freund, ein Herzensvertrauter fehlte mir
bis jetzt. Du, mein väterlicher Lehrer« –
Cethegus warf die Tafeln auf den Schildpatttisch und machte einen hastgen
Gang durchs Zimmer. »Thorheit!« sagte er dann ruhig, nahm den Brief auf
und las weiter –
»Du, soviel älter, weiser, besser, größer als ich – du hast mir eine
solche Wucht von Dank und Verehrung auf die junge Seele geladen, daß sie
sich dir nie ohne Scheu öffnen konnte. Auch hörte ich oft mit Zagen, wie
du solche Weichheit und Wärme mit ätzendem Witze verhöhntest: ein scharfer
Zug um deinen stolzen festgeschlossenen Mund hat solche Gefühle in mir in
deiner Nähe stets getötet wie Nachtfrost die ersten Veilchen« (– »nun,
aufrichtig ist er!« –) »Jetzt aber hab’ ich einen Freund gefunden: offen,
warm, jung, begeistert wie ich und nie gekannte Wonne ist mein Teil. Wir
haben nur Eine Seele in zwei Körpern: die sonnigen Tage, die mondsilbernen
Nächte wandeln wir miteinander durch diese elyseischen Gefilde und finden
kein Ende der geflügelten Worte. – Aber ich muß ein Ende finden dieses
Briefs. Er ist ein Gote« (– »auch noch,« sagte Cethegus ungehalten,) »und
heißt Totila.« –
Cethegus ließ die Hand mit dem Brief einen Augenblick sinken, er sagte
nichts, nur die Augen schloß er einen Moment, dann las er ruhig nochmal:
»Und heißt Totila!
Als ich am Tage nach meiner Ankunft in Neapolis durch das Forum des
Neptunus schlenderte und an der Bogenwölbung eines Hauses die Statuen
bewunderte, die ein Bildhauer dort zum Kaufe ausgestellt, stürzt
urplötzlich aus der Thür auf mich los ein grauköpfiger Mann mit einer
wollnen Schürze, über und über mit Gips bestäubt, in der Hand ein spitzes
Gerät: er packte mich an der Schulter und schrie: »Pollux, mein Pollux,
hab’ ich dich endlich!«
Ich dachte der Alte sei verrückt und sagte: »Du irrst, guter Mann: ich
heiße Julius und komme von Athen.«
»Nein,« schrie der Alte, »Pollux heißt du und kömmst vom Olymp.« Und eh’
ich wußte, wie mir geschah, hatte er mich zur Thür hineingedreht. Da
erkannte ich denn allmählich, woran ich mit dem Alten war: er war der
Bildhauer, der die Statuen ausgestellt.
In seiner Werkhalle standen andre halbvollendete umher und er erklärte
mir, seit Jahren trage er sich mit der Idee einer Dioskurengruppe. Für den
Kastor habe er vor kurzem ein köstlich Modell in einem jungen Goten
gefunden. »Aber umsonst erflehte ich« – fuhr er fort – »all diese Tage vom
Himmel einen Gedanken für meinen Pollux. Er soll dem Kastor gleichen, ein
Bruder Helenas, ein Sohn des Zeus wie er, volle Ähnlichkeit in Zügen und
Gestalt muß da sein. Und doch muß die Verschiedenheit so deutlich sein wie
die Gleichheit: sie müssen zusammengehören und doch jeder ganz eigenartig
sein. Umsonst lief ich alle Bäder und Gymnasien Neapolis ab: ich fand den
Ledazwilling nicht. Da hat dich ein Gott, Zeus selber hat dich mir ans
eigne Fenster geführt: wie ein Blitz schlug’s in mich ein, da steht mein
Pollux, wie er sein muß: und nicht lebendig laß ich dich aus dieser Halle,
bis du mir deinen Kopf und deinen Leib versprochen.«
Gern sagte ich dem närrischen Alten zu, andern Tages wieder zu kommen. Und
das erfüllt ich um so lieber als ich erfuhr, daß mein gewaltthätiger
Freund Xenarchos sei, der größte Bildner in Marmor und Erz, den Italien
seit lange gesehn. Am andern Tag kam ich denn wieder und fand meinen
Kastor – es war Totila: – und ich kann nicht leugnen, daß mich die große
Ähnlichkeit selbst überraschte, wenn auch Totila älter, höher, kräftiger
und unvergleichlich schöner ist als ich. Xenarchos sagt, wir seien wie
Hellcitrus und Goldcitrus. Denn Totila ist heller an Haar und Haut: und
gerade so, schwört der Meister, haben sich die beiden Dioskuren geglichen
und nicht geglichen. So lernten wir uns denn unter den Götterbildern
Xenarchs kennen und lieben: wir wurden in Wahrheit Kastor und Pollux,
innig und unzertrennlich wie sie, und schon ruft uns das heitre Volk von
Neapolis bei diesem Namen, wann wir, Arm in Arm geschlungen durch die
Straßen gehn.
Unsere junge Freundschaft ward aber noch besonders rasch gereift durch
eine drohende Gefahr, die sie leicht in der Blüte geknickt hätte.
Wir waren eines Abends, wie wir pflegten, zur Porta Nolana hinaus
gewandelt, in den Bädern des Tiberius Kühlung von des Tages Hitze zu
suchen. Nach dem Bade hatte ich in einer Laune spielender Zärtlichkeit –
du wirst sie schelten – des Freundes weißen Gotenmantel umgeschlagen und
seinen Helm mit den Schwanenflügeln aufs Haupt gesetzt. Lächelnd ging er,
meine Chlamys umwerfend, auf den Tausch ein und friedlich plaudernd
schritten wir durch den Pinienhain im ersten Dunkel der Nacht nach der
Stadt zurück.
Da springt aus dem Taxusgebüsch hinter mir ein Mann auf mich her und ich
fühle kaltes Eisen an meinem Halse.
Aber im nächsten Augenblick lag der Mörder zu meinen Füßen, Totila’s
Schwert in der Brust. Nur leicht verwundet beugte ich mich zu dem
Sterbenden nieder und fragte ihn, welcher Grund ihn habe zum Haß, zum
Morde gegen mich treiben können.
Er aber starrte mir ins Antlitz und hauchte: »Nicht dich: – Totila, den
Goten« – und er zuckte und war tot. Man sah’s an Tracht und Waffen – es
war ein isaurischer Söldner.«
Cethegus senkte den Brief und drückte die linke Hand vor die Stirn.
»Wahnsinn des Zufalls,« sagte er, »wohin konntest du führen!«
Und er las zu Ende.
»Totila sagte, er habe der Feinde viele am Hofe zu Ravenna. Wir zeigten
den Vorfall Uliaris, dem Gotengrafen zu Neapolis, an. Dieser ließ die
Leiche durchsuchen und Nachforschungen anstellen – ohne Erfolg. Uns beiden
aber hat diese ernste Stunde die junge Freundschaft befestigt und mit Blut
geweiht für alle Zeit. Ernster und heiliger hat sie uns verbunden. Das
Siegel der Dioskuren, das du mir zum Abschied geschenkt, war ein
freundlich Omen, das sich freundlich erfüllt hat. Und wenn ich mich frage,
wem dank’ ich all dies Glück? Dir, dir allein, der mich in diese Stadt
Neapolis gesendet, in der ich all’ mein Glück gefunden. So mögen dir es
alle Götter und Göttinnen vergelten! Ach ich sehe, dieser ganze Brief
redet nur von mir und dieser Freundschaft – schreibe doch bald wie es um
dich steht. Vale.«
Ein bitteres Lächeln zuckte um des Präfekten ausdrucksvollen Mund.
Und wieder durchmaß er das Gemach in nur mit Mühe gehaltenen Schritten.
Endlich blieb er stehen, das Kinn in die linke Hand stützend. – »Wie kann
ich nur so – jugendlich sein, mich zu ärgern. Es ist alles sehr natürlich,
wenn auch sehr einfältig. Du bist krank, Julius. Warte: ich will dir ein
Rezept schreiben.« Und mit einem Anflug von grausamer Freude im Ausdruck,
setzte er sich auf den Schreiblectus, nahm eine Papyrusrolle aus der
Bronzevase, ergriff die gnidische Schilffeder und schrieb mit der roten
Tinte, aus einem Löwenkopf von Achat, der an dem Lectus angeschraubt war:
»An Julius Montanus Cethegus, der Präfekt
von Rom.
Deine rührende Epistel aus Neapolis hat mir viel Spaß gemacht. Sie zeigt,
daß du in der letzten Kinderkrankheit steckst. Hast du sie abgethan, wirst
du ein Mann sein.
Die Krisis zu beschleunigen, verschreibe ich dir das beste Mittel. Du
suchst sogleich den Purpurhändler Valerius Procillus, meinen ältesten
Gastfreund in Neapolis, auf. Er ist der reichste Kaufherr des Abendlandes,
ein grimmiger Feind der Kaiser von Byzanz, die ihm Vater und Brüder
getötet, ein Republikaner wie Cato und schon deshalb mein vertrauter
Freund. Seine Tochter Valeria Procilla aber ist die schönste Römerin
unserer Zeit und eine echte Tochter der alten, der heidnischen Welt.
Antigone oder Virginia würden sich der Freundin freuen. Sie ist nur drei
Jahre jünger und folglich zehnmal reifer als du. Gleichwohl wird sie dir
der Vater nicht versagen, erklärst du ihm, daß Cethegus für dich wirbt. Du
aber wirst dich beim ersten Anblick sterblich in sie verlieben.
Du wirst das: obgleich ich es dir vorher sage und obgleich du weißt, daß
ich es wünsche. In ihren Armen wirst du alle Freunde der Welt vergessen:
geht die Sonne auf, erbleicht der Mond. Übrigens, weißt du, daß dein
Kastor einer der gefährlichsten Römerfeinde ist? Und ich habe einmal einen
gewissen Julius gekannt, der geschworen: Rom über alles. Vale.«
Cethegus rollte den Papyrus zusammen, umschnürte ihn mit den Bändern von
rotem Bast, befestigte diese an der Schleife mit Wachs und drückte seinen
Amethystring mit dem herrlichen Jupiterkopf auf dasselbe. Dann berührte er
einen aus dem Marmorgetäfel hervorschauenden silbernen Adler: – draußen an
der Wand des Vestibulums schlug ein eherner Donnerkeil auf den
Silberschild eines niedergeworfenen Titanen mit glockenhellem Ton.
Der Sklave trat wieder ein.
»Laß den Boten in meinen Thermen baden, gieb ihm Speise und Wein, einen
Goldsolidus und diesen Brief. Morgen mit Sonnenaufgang geht er damit
zurück nach Neapolis.« – –
Siebentes Kapitel.
Mehrere Wochen darauf finden wir den ernsten Präfekten in einem Kreise,
der sehr wenig zu seinem hohen Trachten, ja zu seinem Alter zu passen
schien.
In dem seltsamen Nebeneinander von Heidentum und Christentum, das in den
ersten Jahrhunderten nach der Konstantiner Bekehrung das Leben und die
Sitten der Römerwelt mit grellen Widersprüchen erfüllte, spielte besonders
die friedliche Mischung von Festen der alten und der neuen Religion eine
auffallende Rolle. Neben den großen Feiertagen des christlichen
Kirchenjahres bestanden auch noch größtenteils die fröhlichen Feste der
alten Götter fort, wenn auch meist ihrer ursprünglichen Bedeutung, ihres
religiösen Kernes beraubt.
Das Volk ließ sich etwa den Glauben an Jupiter und Juno nehmen und die
Kultushandlungen und die Opfer, aber nicht die Spiele, die Feste, die
Tänze und Schmäuse, die mit jenen Handlungen verbunden waren; und die
Kirche war von jeher klug genug, zu dulden, was sie nicht ändern konnte.
So wurden ja sogar die echt heidnischen Lupercalien, mit welchen sich
derber Aberglaube und wüster Unfug aller Art verband, erst im Jahre
vierhundertsechsundneunzig – und nur mit Mühe – abgeschafft.
Viel länger natürlich behaupteten sich harmlose Feste wie die Floralien,
die Palilien und zum Teil haben sich ja manche von ihnen in den Städten
und Dörfern Italiens mit veränderter Bedeutung bis auf diese Stunde
erhalten. So waren denn die Tage der Floralien gekommen, die, früher auf
der ganzen Halbinsel, als ein Fest besonders der fröhlichen Jugend, mit
lauten Spielen und Tänzen gefeiert, auch in jenen Tagen noch wenigstens
mit Schmaus und Gelage begangen wurden.
Und so hatten sich denn die beiden Licinier und ihr Kreis von jungen
Rittern und Patriziern an dem Hauptfesttag der Floralien zu einem
Symposion zusammen bestellt, für welches jeder der Gäste, wie bei unsern
»Picknicks,« seinen Beitrag in Speisen oder Wein zu liefern hatte. Die
Fröhlichen versammelten sich bei dem jungen Kallistratos, einem
liebenswürdigen und reichen Griechen aus Korinth, der sich im Genuß
künstlerischer Muße zu Rom niedergelassen und nahe bei den Gärten des
Sallust ein geschmackvolles Haus gebaut hatte, das als der Mittelpunkt
heitern Lebensgenusses und feiner Bildung galt. Außer dem reichen Adel
Roms verkehrten dort vornehmlich die Künstler und Gelehrten: und dann auch
jene Schichten der römischen Jugend, denen über ihren Rossen und Wagen und
Hunden wenige Zeit und Gedanken für den Staat übrig blieb und die daher
bis jetzt dem Einfluß des Präfekten unzugänglich gewesen waren.
Deshalb war es diesem sehr erwünscht, als ihm der junge Lucius Licinius,
jetzt sein glühendster Anhänger, die Einladung des Korinthers überbrachte.
»Ich weiß wohl,« sagte er schüchtern, »wir können deinem Geist nicht
ebenbürtige Unterhaltung bieten und wenn dich nicht die alten Kyprier und
Falerner locken, die Kallistratos spenden wird, lehnst du ab.«
»Nein, mein Sohn, ich komme,« sagte Cethegus »und mich locken nicht die
alten Kyprier, sondern die jungen Römer.« –
Kallistratos, der sein Hellenentum mit Stolz zur Schau trug, hatte sein
Haus mitten in Rom in griechischem Stil gebaut. Und zwar nicht in dem des
damaligen, sondern des freien, des perikleischen Griechenlands und dies
machte im Gegensatz zu der geschmacklosen Überladung jener Tage den
Eindruck edler Einfachheit. Durch einen schmalen Gang gelangte man in das
Peristyl, den offenen von Säulengängen umschlossenen Hof, dessen
Mittelpunkt ein plätschernder Springbrunnen in braunem Marmorbecken
bildete. Die nach Norden offne Säulenhalle enthielt außer andern Gelassen
auch den Speisesaal, der heute die kleine Gesellschaft versammelt hielt.
Cethegus hatte sich vorbehalten, nicht schon zu der »Coena«, dem
eigentlichen Schmause, sondern erst zu der »Commissatio,« dem darauf
folgenden nächtlichen Trinkgelag, zu kommen. Und so fand er denn die
Freunde in der vornehmen Trinkstube, wo längst schon die zierlichen
Bronzelampen an den schildpattgetäfelten Wänden brannten und die Gäste,
mit Rosen und Eppich bekränzt, auf den Polstern des hufeisenförmigen
Trikliniums lagerten. Eine betäubende Mischung von Weinduft und
Blumenduft, von Fackelglanz und Farbenglanz drang ihm an der Schwelle
entgegen.
»Salve, Cethege!« rief der Wirt dem Eintretenden entgegen. »Du findest nur
kleine Gesellschaft.«
Cethegus befahl dem Sklaven, der ihm folgte, einem herrlich gewachsenen
jungen Mauren, dessen schlanke Glieder durch den Scharlachflor seiner
leichten Tunika mehr gezeigt als verhüllt wurden, ihm die Sandalen
abzubinden. Er zählte indessen: »Nicht unter den Grazien,« lächelte er,
»nicht über die Musen.«
»Geschwind, wähle den Kranz,« mahnte Kallistratos, »und nimm deinen Platz
da oben auf dem Ehrensitz der mittleren Kline. Wir haben dich im Voraus
zum Symposiarchen, zum Festkönig gewählt.«
Der Präfekt hatte sich vorgesetzt, diese jungen Leute zu bezaubern. Er
wußte, wie gut er das konnte: und er wollte es heute. Er wählte einen
Rosenkranz und ergriff das elfenbeinerne Scepter, das ihm ein syrischer
Sklave knieend reichte. Das Rosendiadem zurecht rückend schwang er mit
Würde den Stab: »So mach’ ich eurer Freiheit ein Ende!«
»Ein geborner Herrscher,« rief Kallistratos, halb im Scherz, halb im
Ernst. – »Aber ich will ein sanfter Tyrann sein! mein erst Gesetz: ein
Drittel Wasser – zwei Drittel Wein.« – »Oho,« rief Lucius Licinius und
trank ihm zu, »_bene te_! Du führst üppig Regiment. Gleiche Mischung ist
sonst unser Höchstes.«
»Ja, Freund,« lächelte Cethegus, sich auf dem Ecksitz der mittleren Kline,
dem »Konsulsplatz«, niederlassend, »ich habe meine Trinkstudien unter den
Ägyptern gemacht, die trinken nur lautern. He, Mundschenk – wie heißt er?«
»Ganymedes – er ist aus Phrygien. Hübscher Wuchs, eh?« – »Also, Ganymed,
gehorche deinem Jupiter und stelle neben jeden eine Patera Mamertiner Wein
– doch neben Balbus zwei, weil er sein Landsmann ist.« Die jungen Leute
lachten.
Balbus war ein reicher Gutsbesitzer auf Sicilien, noch sehr jung und schon
sehr dick.
»Pah,« lachte der Trinker, »Epheu ums Haupt und Amethyst am Finger – so
trotz ich den Mächten des Bacchus.« – »Nun, wo steht ihr im Wein?« fragte
Cethegus, dem jetzt hinter ihm stehenden Mauren winkend, der ihm einen
zweiten Kranz von Rosen, diesmal um den Nacken, schlang.
»Settiner Most mit hymettischem Honig, war das letzte. Da, versuch!« so
sprach Piso, der schelmische Poet, dessen Epigramme und Anakreontika die
Buchhändler nicht rasch genug konnten abschreiben lassen und dessen
Finanzen sich doch stets in poetischer Unordnung befanden. Und er reichte
dem Präfekten was wir einen »Vexierbecher« nennen würden, einen bronzenen
Schlangenkopf, der, unvorsichtig an den Mund gebracht, einen Strahl Weines
heftig in die Kehle schoß. Aber Cethegus kannte das Spiel, behutsam trank
er und gab den Becher zurück. »Deine _trocknen_ Witze sind mir lieber,
Piso,« lachte er und haschte ihm aus der Brustfalte ein beschriebenes
Täfelchen.
»O gieb,« sagte Piso, »es sind keine Verse – sondern – ganz im Gegenteil!
– eine Zusammenstellung meiner Schulden für Wein und Pferde.« – »Je nun,«
meinte Cethegus, »ich hab’ sie an mich genommen – sie sind also mein. Du
magst morgen die Quittung bei mir einlösen: aber nicht umsonst – mit einem
deiner boshaftesten Epigramme auf meinen frommen Freund Silverius!« – »O
Cethegus,« rief der Poet erfreut und geschmeichelt, »wie boshaft kann man
sein für vierzigtausend Solidi! Wehe dem heiligen Mann Gottes.«
Achtes Kapitel.
»Und im Schmause – wie weit seid ihr damit?« fragte Cethegus, »schon bei
den Äpfeln? sind es diese?«
Und er sah blinzend nach zwei Fruchtkörben von Palmenbast, die hoch
aufgehäuft auf einem Bronzetisch mit elfenbeinernen Füßen prangten. »Ha
Triumph!« lachte Marcus Licinius, des Lucius jüngerer Bruder, der sich mit
der liebhaberischen Spielplastik der Mode abgab. »Da siehst du meine
Kunst, Kallistratos! Der Präfekt nimmt meine Wachsäpfel, die ich dir
gestern geschenkt, für echt.« »Ah wirklich?« rief Cethegus wie erstaunt,
obwohl er den Wachsgeruch längst ungern vermerkt. »Ja, Kunst täuscht die
Besten. Bei wem hast du gelernt? Ich möchte dergleichen in meinem
kyzikenischen Saal aufstellen.«
»Ich bin Autodidakt,« sagte Marcus stolz, »und morgen schicke ich dir
meine neuen persischen Äpfel: – denn du würdigst die Kunst.«
»Aber das Gelag ist doch zu Ende?« fragte der Präfekt, den linken Arm auf
das Polster der Kline stützend.
»Nein,« rief der Wirt, »ich will es nur gestehn: da ich auf unsern
Festkönig erst zur Trinkstunde rechnen durfte, hab’ ich noch einen kleinen
Nachschmaus zu den Bechern gerüstet.« – »O du Frevler,« rief Balbus, sich
mit der zottigen Purpurgausape die fettglänzenden Lippen wischend, »und
ich habe so schrecklich viel von deinen Feigenschnepfen gegessen!« – »Das
ist wider die Verabredung!« rief Marcus Licinius. – »Das verdirbt meine
Sitten!« sagte der fröhliche Piso ernsthaft. – »Sprich, ist das
hellenische Einfachheit?« fragte Lucius Licinius. – »Ruhig, Freunde,«
tröstete Cethegus mit einem Citat: »Auch unverhofftes Unheil trägt ein
Römer stark.«
»Der hellenische Wirt muß sich nach seinen Gästen richten,« entschuldigte
Kallistratos, »ich fürchte, ihr kämt mir nicht wieder, böte ich euch
marathonische Kost.« – »Nun, dann bekenne wenigstens, was noch droht,«
rief Cethegus, »du, Nomenklator, lies die Schüsseln ab: ich werde dann die
Weine bestimmen, die dazu gehören.«
Der Sklave, ein schöner lydischer Knabe, in einem bis an die Knie
aufgeschlitzten Röckchen von blauer pelusischer Leinwand, trat dicht neben
Cethegus an den Tisch von Cypressenholz und las von einem Täfelchen ab,
das er an goldnem Kettchen um den Hals trug: »Frische Austern aus
Britannien in Thunfischbrühe mit Lattich.« – »Dazu Falerner von Fundi,«
sprach Cethegus ohne Besinnen. »Aber wo steht der Schenktisch mit den
Pokalen? Rechter Trunk mundet nur aus rechter Schale.«
»Dort ist der Schenktisch!« und auf einen Wink des Hausherrn fiel der
Vorhang zurück, der die eine Ecke des Zimmers, den Gästen gegenüber,
verhüllt hatte.
Ein Ruf des Staunens flog von den Tischen.
Der Reichtum der dort zur Schau gestellten Prunkgeschirre und der
Geschmack ihrer Anordnung war selbst diesen verwöhnten Augen überraschend.
Auf der Marmorplatte des Tisches stand ein geräumiger silberner Wagen mit
goldnen Rädern und ehernem Gespann: es war ein Beutewagen, wie sie in
römischen Triumphen aufgeführt zu werden pflegten: und als köstliche Beute
lagen darin Pokale, Gläser, Schalen jeder Gestalt und jedes Stoffes in
scheinbarer Unordnung, doch mit kunstverständiger Hand, gehäuft.
»Bei Mars dem Sieger,« lachte der Präfekt, »der erste römische Triumph
seit zweihundert Jahren. Ein seltner Anblick! Darf ich ihn zerstören?« –
»Du bist der Mann, ihn wieder aufzurichten,« sagte Lucius Licinius feurig.
– »Meinst du? Versuchen wir’s! – Also zum Falerner die Kelche dort von
Terebinthenholz.«
»Weindrosseln vom Tagus mit Spargeln von Tarent!« fuhr der Lydier fort.
»Dazu den roten Massiker von Sinuessa aus jenen amethystnen Kelchen.«
»Junge Schildkröten von Trapezunt mit Flamingozungen –«
»Halt an, beim heiligen Bacchus,« rief Balbus. »Das sind ja die Qualen des
Tantalus. Mir ist ganz gleich, aus was ich trinke, aus Terebinthen oder
Amethyst – aber dies Aufzählen von Götterbissen mit trocknem Gaumen halt’
ich nicht mehr aus. Nieder mit Cethegus dem Tyrannen, er sterbe, wenn er
uns hungern läßt.« – »Mir ist, ich wäre Imperator und hörte das getreue
Volk von Rom. Ich rette mein Leben und gebe nach. Tragt auf, ihr Sklaven.«
Da tönten Flöten aus dem Vorgemach und im Takte der Musik schritten sechs
Sklaven, Epheu um die glänzend gesalbten Locken, in roten Mänteln und
weißen Tuniken heran. Sie reichten den Gästen frische Handtücher von
feinstem sidonischem Linnen mit weichen Purpurfransen.
»Oh,« rief Massurius, ein junger Kaufmann, der vornehmlich mit schönen
Sklaven und Sklavinnen handelte und in dem zweideutigen Ruhme stand, der
feinste Kenner solcher Ware zu sein, »das weichste Handtuch ist ein
schönes Haar« – und er fuhr dem eben neben ihm knieenden Ganymed durch die
Locken. »Aber, Kallistratos, jene Flöten sind hoffentlich weiblichen
Geschlechts – auf mit dem Vorhang – laß die Mädchen ein.«
»Noch nicht,« befahl Cethegus. »Erst trinken, dann küssen. Ohne Bacchus
und Ceres, du weißt –«
»Friert Venus, nicht Massurius.«
Da erscholl aus dem Seitengemach der Klang von Lyra und Kithara und ein
trat ein Zug von acht Jünglingen in goldgrün schillernden Seidengewändern,
vorauf der »Anrichter« und der »Zerleger«: die sechs andern trugen
Schüsseln auf dem Haupt: sie zogen im Taktschritt an den Gästen vorüber
und machten vor dem Anrichttisch von Citrus Halt. Während sie hier
beschäftigt waren, erklangen vom Mittelgrunde her Kastagnetten und
Cymbeln, die großen Doppelthüren drehten sich um ihre erzschimmernden
Säulenpfosten und ein Schwarm von Sklaven in der schönen Tracht
korinthischer Epheben strömte herein. Die einen reichten Brot in zierlich
durchbrochenen Bronzekörben: andre verscheuchten die Mücken mit breiten
Fächern von Straußenfedern und Palmblättern: einige gossen Öl in die
Wandlampen aus doppelhenkeligen Krügen mit anmutvoller Bewegung, indes
etliche mit zierlichen Besen von ägyptischem Schilf von dem Mosaikboden
die Brosamen fegten und die übrigen Ganymed die Becher füllen halfen, die
jetzt schon eifrig kreisten.
Damit stieg denn die Raschheit, die Wärme des Gesprächs und Cethegus, der,
wie überlegen nüchtern er blieb, völlig im Moment versunken schien,
bezauberte durch seine Jugendlichkeit die Jünglinge.
»Wie ist’s,« fragte der Hausherr, »wollen wir würfeln zwischen den
Schüsseln? Dort neben Piso steht der Würfelbecher.« – »Nun, Massurius,«
meinte Cethegus mit einem spöttischen Blick auf den Sklavenhändler,
»willst du wieder einmal dein Glück wider mich versuchen? Willst du wetten
gegen mich? Gieb ihm den Becher, Syphax!« winkte er dem Mauren.
»Merkur soll mich bewahren!« antwortete Massurius in komischem Schreck.
»Laßt euch nicht ein mit dem Präfekten – er hat das Glück seines Ahnherrn
Julius Cäsar geerbt.«
»_Omen accipio!_« lachte Cethegus, »das nehm’ ich an, mitsamt dem Dolch
des Brutus.«
»Ich sag’ euch, er ist ein Zauberer! Erst jüngst hat er eine ungewinnbare
Wette gegen mich gewonnen an diesem braunen Dämon –« Und er wollte dem
Sklaven eine Feige ins Gesicht werfen: aber dieser fing sie behende mit
den glänzend weißen Zähnen und verzehrte sie mit ruhigem Behagen.
»Gut, Syphax,« lobte Cethegus, »Rosen aus den Dornen der Feinde! Du kannst
ein Gaukler werden, sobald ich dich freilasse.«
»Syphax will nicht frei sein, er will dein Syphax sein und dein Leben
retten wie du seins.«
»Was ist das – dein Leben?« fragte Lucius Licinius mit erschrockenem
Blick. – »Hast du ihn begnadigt?« sagte Marcus.
»Mehr, ich hab’ ihn losgekauft.«
»Ja, mit meinem Gelde!« brummte Massurius.
»Du weißt, ich hab’ ihm dein verwettet Geld sofort als Peculium
geschenkt.«
»Was ist das mit der Wette? erzähle, vielleicht ein Stoff für meine
Epigramme,« fragte Piso.
»Laßt den Mauren selbst erzählen – sprich, Syphax, du darfst.«
Neuntes Kapitel.
Ohne Zögern trat der junge Sklave in das von den Tischen gebildete
Hufeisen, den Rücken zur Thüre gewandt: sein funkelndes Auge überflog
rasch die Versammlung und haftete dann mit Glut auf seinem Herrn: alle
bewunderten die jugendliche Kraft und Schönheit der schlanken Glieder,
deren tiefes Braun nur um die Hüften ein kostbarer Schurz von Scharlach
verhüllte.
»Leicht ist erzählt, was schwere Schmerzen barg. Ich bin daheim im
Lieblingsland der Sonne; wo hundert Palmen die immer grüne Oase
beschatten, außer uns nur dem Löwen bekannt und dem fleckigen Panther.
Aber in einer götterverlassenen Nacht, da fand der Feind unser altes
Versteck. Vandalische Reiter waren’s und keine Rettung. Rot und schwarz
stieg der Rauch unsrer Zelte durch die Cedernwipfel hinan, kreischend
flohen Weiber und Kinder. Da traf mich ein sausender Speer.
Ich erwachte gebunden im Sklavenraum eines Griechenschiffs, das uns
gekauft, mich und viele Männer und Weiber meines Stammes: ich hatte nichts
gerettet als meinen Gott, den weißen Schlangenkönig, ich trug ihn im
Gürtel geborgen. Sie brachten uns nach Rom, da kaufte mich einer, dessen
Namen verflucht sei.«
»’s ist unser Freund Calpurnius,« unterbrach Cethegus.
»Und kein Stern soll ihm leuchten auf nächtlicher Fahrt, er soll
verdursten im heißen Sand,« knirschte der Maure mit aufloderndem Haß. »Er
schlug mich oft um nichts und ließ mich hungern. Ich schwieg und betete zu
meinem Gott um Rache. Er zürnte, daß ich so ruhig seine Wut ertrug.
Er wußte nicht, daß Syphax seinen Gott bei sich trug in Gestalt einer
Schlange. Da trat er eines Morgens an mein Lager und fand sie um meinen
Hals geringelt. Er erschrak: ich sagte ihm seine Zähne seien nicht
tödlich, aber seine Rache. Da ergrimmte er, schlug nach mir und sagte:
»Töte den Wurm!« Umsonst flehte ich und wand mich auf den Knieen vor ihm.
Er schlug mich und schlug nach dem Gott: und als ich den deckte mit meinem
Leibe, schrie er noch wilder: »Töte das Tier.« Wie konnt’ ich gehorchen!
Da rief er seine Sklaven und befahl: »Nehmt ihm die Bestie und kocht sie
lebendig. Er soll seinen Gott fressen!« Ich erschrak zum Tode über diesen
Frevel. Und sie griffen mich und haschten nach der Schlange. Aber der Gott
gab mir die Kraft der Wut, die da gleich ist der Kraft des pfeilwunden
Tigers, und ich sprang unter sie mit gellendem Schrei.
Nieder schlug ich den Verfluchten mit dieser Faust und gewann die Thüre
des Hauses und sprang hinaus ins Freie und dreißig Sklaven hinter mir
drein. Da galt es das Leben.«
Die Gäste lauschten gespannt, selbst Balbus setzte den Becher ab, den er
eben zu Munde führte.
»Ich laufe nicht schlecht: oft haben wir, drei Vettern und ich, die
windschnelle Antilope müde gejagt. Und die Sklaven waren langsam und
schwer.
Aber sie kannten die Stadt und ihre Straßen und ich nicht. So war es ein
ungleich Spiel. Die Verfolger teilten sich in Scharen von drei, vier Mann
und gewannen mir durch Seitengassen und Durchgänge den Weg ab.
Zum Glück hatte ich im Vorbeirennen an einer Schmiede einen schweren
Feuerhaken errafft: zwei, dreimal braucht’ ich ihn, die Verfolger zu
scheuchen, zu treffen, die mir plötzlich von vorn entgegenkamen. Ich
fühlte aber, lange konnte das nicht mehr dauern: wie rasch ich war, wie
langsam sie, zuletzt mußte ich doch erliegen.
Da sandte mir der Gott, den ich fest mit der Linken an die Brust drückte,
Ihn,« – und sein schönes Auge funkelte, – »meinen Herrn, den gewaltigen,
der mächtig ist wie der Löwe von Abaritana und klug wie der Elefant, der
da gut ist wie milder Regen nach langer Dürre und herrlich wie –«
»Jetzt erzählst du schlecht, Syphax, ich will vollenden. Ich kam gerade
von den Schanzwerken am aurelischen Thor, dem Grabmal Hadrians.«
»Deinem schönen, göttergeschmückten Lieblingsort,« unterbrach
Kallistratos.
»Und bog am Fuße des Kapitols in das Forum Trajans: da stand eine
gaffende, schreiende Menge und sah der Menschenjagd neugierig zu: wie ein
Pfeil schoß der Maure von dem Forum des Nerva heran, seine Verfolger weit
hinter ihm. Aber siehe, dicht neben mir bogen von links fünf, von rechts
sieben der Sklaven des Calpurnius auf das Forum ein, bereit, ihn
aufzufangen, sowie er auf dem Platz ankam. »Der ist verloren!« sagte neben
mir eine bekannte Stimme, es war Massurius, der aus dem Bade des Augustus
trat.
»Wem gehört er?« fragte ich. »Calpurnius ist unser Herr,« antwortete der
Sklave neben mir. »Dann wehe ihm,« sprach Massurius zu mir: »er hängt
seine Strafsklaven bis an den Hals gebunden in seinen Fischweiher und läßt
sie lebendig auffressen von seinen Muränen und Hechten.« – »Ja,« sagte der
Sklave, »Syphax hat ihn niedergeschlagen, und der Herr rief im Aufstehen:
»zu den Muränen den Hund! wer ihn einbringt, ist frei.«
Ich blickte den Platz hinab auf den Mauren, der jetzt gleich heran war.
»Der ist zu gut für die Fische,« sagte ich, »welch’ herrlicher Wuchs! Und
sieh, er kömmt durch, ich wette.«
Denn eben hatte der Flüchtling die erste Kette der Sklaven, die sich ihm
an der Mündung der Via julia entgegenwarf, durchbrochen und flog jetzt auf
uns zu.«
»Und ich wette tausend Solidi, er kömmt nicht durch: sieh’, dort die
Lanzen,« sprach Massurius. – »Gerade vor uns standen fünf Sklaven mit
Lanzen und Wurfspeeren. »Es gilt!« rief ich, tausend Solidi.
Da war er heran.
Drei Speere sausten zugleich: aber wie ein Panther duckte der Flinke unter
ihnen weg und, plötzlich aufschnellend, sprang er in hohem Satz über die
Lanzen der beiden übrigen. Atemlos kam er dicht vor mir zu Boden: er
blutete von Steinen und Pfeilen und schon kam jetzt vom Forum julium heran
das ganze Rudel. Verzweifelnd sah er um sich und wollte nach rechts in die
Friedens-Tempel-Straße, die ihn gerade nach seines Herrn Hause
zurückgeführt hätte. Da sah ich vor uns das Portal der kleinen Basilika
von Sankt Laurentius offen stehen. »Dort hin!« rief ich ihm zu.«
»In meiner Sprache! er kennt meine Sprache,« rief Syphax.
»Er kennt, glaub’ ich, alle Sprachen,« meinte Marcus Licinius.
»Dorthin, wiederholte ich, dort ist Asyl. Wie der Blitz war er die Stufen
hinan, schon auf der letzten, da traf ihn ein Stein, daß er stürzte und
sein nächster Verfolger war oben und packte ihn. Aber glatt wie ein Aal
rang er sich aus seinem Griff, stieß ihn die Stufen hinab und sprang in
die Thüre der Kirche.«
»Da hattest du gewonnen,« sagte Kallistratos.
»Ich wohl, aber er nicht. Denn die Priester von St. Laurentius, so
eifersüchtig sie ihre Asylrechte wahren, so wenig haben sie Mitleid mit
einem Heiden. Einen Tag lang bargen sie ihn: als sie aber erfuhren, daß er
um der Schlange willen seinen Herrn niedergeschlagen, da stellten sie ihm
die Wahl, Christ zu werden und den Götzen aufzugeben, oder Calpurnius und
die Muränen.
Syphax wählte den Tod. Ich erfuhr es und kaufte dem Zornigen seine Rache
ab und das Leben dieses schlanken Burschen, des schönsten Sklaven in Rom.«
»Kein schlechtes Geschäft,« meinte Marcus, »der Maure ist dir treu.«
»Ich glaube,« sagte Cethegus, »tritt zurück, Syphax.