Ich war sehr erschrocken, als mir Rudolph Schönewald gemeldet wurde. Ich
warf einen Blick in den Spiegel und erschrak noch mehr über das blasse
Gesicht, das mir aus der schwarzen Umrahmung doppelt blaß
entgegenschien.
Es klopfte an die Tür. Ich trat einen Schritt vor -- es war mir nicht
möglich, »Herein« zu rufen -- da stand er auch schon vor mir. --
Was hatte ich mir alles vorgenommen! Was wollte ich diesem Manne ins
Gesicht schleudern, jahrelang angehäuften Groll, Verachtung, alles,
alles -- und nun sagte ich gar nichts.
Er stand vor mir, den Hut in der Hand, das blonde Haar an den Schläfen
stark gelichtet, mit unsicheren, ängstlichen Augen, und sagte ebenfalls
nichts.
So mußte ich anfangen.
»Sie wünschten mich zu sprechen, Herr Schönewald?«
»Ja -- Sie schrieben mir, gnädige Frau, und -- da -- ich -- dachte --«
Er stotterte und schwieg.
»Da wollten Sie mir meinen Jungen selbst bringen, nicht wahr?« sagte ich
kühl. Ich hatte mich gefaßt und mich darauf besonnen, wer vor mir
stand. --
Er zog sein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der
Stirn, dann sagte er:
»Warum wollen Sie mir das antun, gnädige Frau? Sie kennen den Jungen gar
nicht, und ich, ich habe ihn lieb.«
»Sie hätten ihn seinerzeit für immer haben können, nun ist es zu spät.
Uneheliche Kinder gehören, soviel ich weiß, der Mutter. Und ich gedenke
mein Recht geltend zu machen.«
»Aber ich habe ihn adoptiert!«
»Ohne meine Einwilligung!«
»Er wird nicht von mir wollen, haben Sie Erbarmen!«
»Haben _Sie_ Erbarmen gehabt? Ich tue nur, was die Bibel lehrt: Auge um
Auge, Zahn um Zahn.«
»So kann Sie nichts von Ihrem Vorhaben abbringen?«
»Nichts! Es ist nutzlos, weiter darüber zu reden. Adieu!«