Ich möchte sie an meine Stelle wünschen. -- --

Der Dicke war auch da gestern abend. Ich habe wohl bemerkt, daß die

Herren sehr viel nach mir guckten, aber er wich nicht von meiner Seite.

Er war ordentlich stolz, daß er der Besitzer war. Als ob er das seiner

Schönheit zu verdanken hätte.

Ich dachte an Bronjas Mahnung, ich solle schön mit ihm tun -- ich kann

es nicht. Ich werde Gott danken, wenn er nicht mehr kommt. Ich habe

gestern auch zu viel getrunken. Es läßt sich nicht ganz vermeiden, so

sehr ich mich auch in acht nehme.

Und dann die Hauptsache: man kommt besser darüber weg, wenn man nicht

ganz bei Sinnen ist. --

Wie soll man es sonst nur auf die Dauer aushalten?

Die Madame schimpft noch dazu immer, daß ich nicht genug trinke.

* * * * *

Den 16.

Gott sei Dank, das Scheusal ist fort. Vorgestern war er zum letzten Male

hier. Er ist heute nach Europa gefahren.

Ich habe ihn noch einmal gebeten, fußfällig habe ich ihn angefleht, mich

herauszunehmen. Ich habe die Zähne zusammengebissen und habe getan, als

ob ich ihn furchtbar gern hätte, als ob mich sein Fortgehen ganz

unglücklich machte -- es war alles umsonst. -- Da war ich zuletzt so

wütend, daß ich ihm ins Gesicht gespuckt habe. Es war mir auch alles

einerlei. Aber er ist doch dageblieben, der furchtbare Mensch! Ich weiß

nicht, ob sich jemand das Widerliche, das in einer solch erzwungenen

Vereinigung liegt, voll ausdenken kann. Ich fühle Gott sei Dank nichts

dabei, das ist ein Glück für mich. Aber ich liege dann und analysiere

jede Bewegung des Verhaßten, der glaubt, durch sein Geld mir meinen

Körper abkaufen zu können. --

Wenn die Liebe oder der Sinnenrausch die Ursache einer Vereinigung sind,

so ist sie geadelt durch das Gefühl. Hier aber! Es ist mir unfaßbar, wie

Männer -- Männer mit Geist und Herz -- eine solch furchtbare Sünde

begehen können und kraft ihres Geldes und ihrer physischen Überlegenheit

diese armen Geschöpfe so foltern. --

Denn freiwillig oder nicht -- die hier sind, haben alle einmal den

Anfang machen müssen -- und der ist furchtbar.

Gewohnheit und Alkohol tun viel -- doch bis man so weit ist -- --.

* * * * *

Den 17.

Ein Übel bin ich los und dem andern bin ich verfallen.

In meinem Haß gegen den alten dicken Kerl habe ich nicht daran gedacht,

daß noch Widerlichere kommen könnten.

Jetzt muß ich jeden nehmen, der mich begehrt, und wenn es in einem Abend

ein Dutzend sind.

Bronja gibt mir gute Ratschläge. Gut essen und trinken. Geld sparen und

Englisch lernen.

Geld sparen -- bis jetzt habe ich noch keinen Cent zu sehen bekommen.

Ich brauche nichts -- sagt Madame. Sie will es für mich sparen. -- Die

ist immer noch nicht mit mir zufrieden. Ich trinke nicht genug und

animiere nicht genug zum Trinken. --

Obgleich es ja wirklich das beste ist, man kommt aus dem Alkoholdusel

gar nicht heraus.

Das Schlimme ist: ich gefalle --, alle wollen mich haben. Ich möchte nur

wissen, was sie an mir finden.

Einige von den Mädchen sind schon neidisch. Die dummen Gänse, als ob ich

etwas dazu könnte! Ich wäre zufrieden, wenn keiner zu mir käme. Nur

Bronja hält treu zu mir. Als ich ihr gestern meine Not klagte, lachte

sie mich aus.

»Du bist ein kleines Schaf,« sagte sie. »Deine hoheitsvolle, unnahbare

Miene und deine großartige Figur reizen die Männer. Freue dich! Denn,

wenn eine keinen Anklang findet, ist es erst recht schlimm. Die schaffen

sie dann fort in ein anderes Loch. Frei kommt sie deshalb doch nicht.

Erst muß sie ausgenutzt sein. Die ganze Bande hier im Land steckt unter

einer Decke. Die Mädchenhändler, die Wirte und, nicht zu vergessen, die

wohllöbliche Polizei. Ich bin überzeugt, der Policemann, der hier an der

Ecke patrouilliert, verdient mehr als ein Bankdirektor.

Er hört nichts, er sieht nichts, kurz und gut, er versteht sein

Geschäft. Deshalb würde es dir auch nichts helfen, wenn du wirklich

fortlaufen könntest. Keine Viertelstunde wärst du draußen. Unter dem

Vorwand, dich zu beschützen und Erkundigungen einzuziehen, liefert er

dich wieder dahin ab, woher du gekommen. Ich weiß ja, wie's gemacht

wird. Die ganze Bande ist organisiert. Es ist die reine

Aktiengesellschaft.« -- -- -- -- --

* * * * *

Welch seltsame Verirrungen doch das Tier im Menschen haben kann! -- Es

ist hier im Hause eine Wienerin, Kathinka heißt sie. Ein Monstrum von

einer Frau. Sonst ist sie gar nicht außergewöhnlich groß und dick, aber

einen Busen hat sie -- unbeschreiblich!

Und ist es zu glauben, daß dieses Mädchen, das weder schön ist noch

sonst besondere Anziehungskraft besitzt, nur wegen ihres abnormen Busens

eine Art Zugnummer dieses gesegneten Hauses ist?

Sie selbst ist dabei kreuzfidel und spart sich Geld.

»Es gibt halt Mannsleut', die gern auf'm Fettpolster liegen, wann's viel

getrunken haben,« sagt sie lachend. -- -- --

Wenn ich doch auch erst etwas gleichgültiger werden könnte. -- Aber nein

-- ich will es gar nicht werden. Ich will nicht jeden moralischen Halt

verlieren. Ich muß hier wieder fort oder sterben. -- Ich darf gar nicht

denken -- nicht nach Hause an die alten Leute, dann schäme ich mich

furchtbar, obgleich ich schuldlos an meiner Schande bin.

Ich habe nun schon wiederholt versucht, einen meiner Käufer für meine

Lage zu interessieren. Keiner glaubt mir. Sie lachen und sagen: Das sagt

jede. -- -- --

* * * * *

Den 22.

Wie soll ich es ertragen!

Gestern abend war es wieder einmal recht voll, aber es wurde der Alten

nicht genug verzehrt. Hauptsächlich Mixed-drinks sollen viel verkauft

werden, denn daran wird verdient.

An mir ließ sie ihre Wut wieder aus, weil an meinem Tisch am wenigsten

verzehrt worden war. Ich war bis elf Uhr schon viermal oben im Zimmer

gewesen und hatte keine Lust mehr. --

Sie hat mich nun beobachtet. Und behauptet, ich sei viel zu

unfreundlich. Kurz und gut, sie hat mir gedroht, wenn ich mich nicht

bessere, käme ich nächste Woche ins Hafenviertel, an den Eastriver, da

haben sie auch noch ein Haus.

Bronja kennt es. Es sei fürchterlich dort. Heizer und Kohlenzieher,

betrunkene Seeleute aus aller Herren Länder. Kein weißbezogenes Bett,

schmutzige Schlafsofas und dazu an manchem Tage zwanzig Besucher.

Krankheiten unausbleiblich. Kontrolle gibt's nicht. --

Übrigens gibt es die auch hier nicht, denn ich habe noch nie einen Arzt

gesehen. --

Aber das tue ich nicht, nein, das nicht! Dann wird sich schon ein Weg

finden, wie ich ein Ende machen kann. --

Ich bete zu Gott, aber ich glaube, es gibt gar keinen mehr.

Wenn es wirklich einen allmächtigen Gott im Himmel gäbe, dann könnte er

nicht zugeben, daß so furchtbare Dinge auf seiner Erde geschähen.

Bronja tröstet mich.

»Sei nur nicht bange, du kommst hier nicht fort, sie will dich nur

erschrecken. Aber du solltest wirklich ein klein wenig mehr trinken. Es

ist besser. Du brauchst deshalb immer noch nicht zu saufen. Du kommst

aber viel besser über alles fort.«

Ich will es tun, ja, ich will es tun. Später, wenn ich wieder frei bin,

werde ich desto enthaltsamer sein.

Ich mochte früher nie Bier und Wein, nur der Champagner hat mir

geschmeckt -- zu meinem Verhängnis.

Hätte ich an Bord nicht zu viel Sekt getrunken, so hätte ich mich nicht

von dieser Bande umgarnen lassen.

Überhaupt der Alkohol. Ich habe nun schon manche hier kennen gelernt --

wir sind für beständig fünfundzwanzig bis achtundzwanzig, ohne die

Vorübergehenden -- und es sind wenige darunter, bei denen der erste

Fehltritt -- der erste Fall -- nicht im Alkohol geschehen ist. --

In der Bibel ist die verbotene Frucht der Apfel -- wollten doch alle nur

Äpfel essen, es wäre besser.

Es ist vielleicht auch nicht recht berichtet, es war vielleicht auch

schon der Sekt.

* * * * *

Seit vierzehn Tagen ist eine Neue da. Ein kleines zartes Ding von kaum

Mittelgröße.

Solange sie nichts getrunken hat, sieht sie immer so traurig aus, aber

abends ist sie die Schlimmste. Sie trinkt wie ein Irländer und kann

furchtbar viel vertragen.

Sie hat mir vor einigen Tagen ihre Geschichte erzählt.

Sie ist glücklich verheiratet gewesen. Ihr Mann, der für eine große

Firma jedes Jahr zweimal nach Berlin reiste, um Herrenstoffe

einzukaufen, war gut und lieb zu ihr.

Im vergangenen Herbst, als sie wieder für einige Wochen allein war, ging

sie mit einer befreundeten Familie zu einem Picknick.

Ein Herr, der mit von der Partie war, hatte sich den ganzen Tag sehr

aufmerksam gegen sie gezeigt. Am Tage haben sie noch fast nichts

getrunken, doch abends, als sie in einem Auto nach Hause fuhren, sind

sie noch am Broadway in einem Hotel eingekehrt, um zu Abend zu essen.

Bis in die Nacht hinein ist gegessen und getrunken worden. -- --

Als sie am andern Morgen aufwachte, lag der Herr neben ihr im Bett. --

Ihr Mann hat es erfahren, und sie sind geschieden.

»Hat mich der Alkohol hineingebracht, soll er mich auch wieder

herausbringen, ich sauf' mich tot,« sagt sie lachend.

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 61 / 209 题