Aber die Mauer ist hoch und der Zugang zum Hofe ist bewacht. --

Das Schlimmste aber sind die Kleider! Kann ich halbnackt auf die Straße

gehen?

Es ist ein raffiniert einfaches Mittel, uns unsere Straßenkleider

wegzuschließen, um uns an der Flucht zu hindern. --

* * * * *

Heute erzählte mir die Bronja aus ihrem Leben. Bronja, so heißt die

schwarze Katze. --

Sie ist verheiratet gewesen und hat sogar ein Kind, ein kleines Mädchen.

Es lebt noch, bei ihren Eltern in Posen. Ihr Mann hat Gelder bei

irgendeiner Kasse unterschlagen, und als es entdeckt wurde, haben sie

ihn eingesperrt. Als er dann wieder freigekommen ist, sind die beiden

nach Amerika gegangen, da der Mann nirgends wieder eine Stelle bekam.

Bronja ging mit ihm. Sie hat ihn sehr geliebt! Das Kind sollte bei den

Eltern bleiben, bis die beiden hier festen Fuß gefaßt hatten. --

Aber hier in Amerika ist es für solche verkrachten Existenzen auch

schwer. Die beiden mußten sich trennen. Bronja nahm eine Stelle als

Empfangsdame bei einem Arzte an, und ihr Mann ließ sich vorläufig von

ihr ernähren.

Schließlich fand er eine Stelle in einer deutschen Wirtschaft als

Kellner. Doch dann fing er das Trinken an und sank immer tiefer. Als er

die Stelle verloren, trieb er sich überall herum, war bald da, bald dort

an der Ostseite. Und jetzt sitzt er wegen Einbruchdiebstahls im

Gefängnis. --

Bronja lernte in ihrer Stellung einen reichen Herrn kennen und wurde

dessen Freundin -- ein Wunder ist es ja nicht, denn sie ist eine

Schönheit in ihrer Art.

Als ihr Gönner ihrer eines Tages überdrüssig geworden war, verlor sie

allen Halt und alle Selbstachtung.

Durch den Verkehr in den Lokalen, wo der Herr sie hingeführt, war sie in

der Lebewelt bekannt geworden, und es fehlte ihr nicht an Zuspruch. Sie

bekam Geld, kaufte sich feine Kleider und Schmuck und war eines der am

meisten gesuchten Mädchen in dem berüchtigten Viertel New Yorks. --

Eines Abends war sie noch ziemlich spät in der 14. Straße ohne

Begleitung, als ihr ein Seemann in die Hände fiel. Sie geht mit ihm in

eines der bekannten Häuser, wo sie sich ein Zimmer geben läßt, nachdem

natürlich vorher fürchterlich getrunken worden war. -- In der Nacht ist

dann dem Fremden seine ganze Barschaft gestohlen worden. Bronja sagt,

sie habe es nicht getan, sie sei selbst viel zu betrunken gewesen. Der

Fremde schlug aber Lärm, die Polizei kam ins Haus, und Bronja wurde

verhaftet.

Man ließ sie nach einiger Zeit wieder frei, da man ihr nichts nachweisen

konnte. Zu allem Unglück war aber ihre Wirtin während der Zeit mit ihrem

ganzen Kram, Kleidern und Wäsche und ihren paar Dollars verschwunden. Um

wenigstens ein Unterkommen zu haben, ging sie in ein öffentliches

Haus. --

»Diese Häuser können unsereinen immer gebrauchen, wenigstens solange man

gesund und hübsch ist. Und was ist denn auch weiter dabei? Mir gefällt

es! Früher, als ich mit meinem Manne noch zusammen war, war es auch

nicht viel besser, wenn er besoffen nach Hause kam.«

»Aber was soll aus dir werden, wenn du älter bist?« fragte ich sie

mitleidig.

»Dann mache ich's wie die Rottmann. Glaub' mir, das bringt am meisten

Geld. Je feiner, desto besser. Was bringen allein die Getränke schon.

Nur mit Mädchenhändlern laß ich mich nicht ein, da werde ich, glaub'

ich, nie hart genug dazu. Du solltest klug sein und deinem alten

Pelzhändler richtig um den Bart gehen, daß er dir ordentlich was

schenkt. Nur wenn du Geld hast, kannst du hier herauskommen.«

»Und willst du nie mehr zu deinem Manne, wenn er wieder freikommt?«

fragte ich sie.

»Nie wieder! Er wird mich hoffentlich nicht finden. Ich glaube nicht

mehr an ihn. Und wenn er so lange in Sing-Sing gewesen ist, dann ist es

überhaupt ausgeschlossen.«

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 56 / 209 题