Ich zog mich rasch an, es paßte wie für mich gemacht.
Ich suchte mit den Augen nach einem Spiegel, denn ich hätte mich gern
gesehen in meiner neuen Herrlichkeit, aber ich sah keinen.
»Kommen Sie, Kind,« sagte die Frau, die meinem Blick gefolgt war, und
faßte mich um. »Wenn Sie recht vernünftig und artig sind, bekommen Sie
bald ein schönes großes Zimmer mit großen Spiegeln.«
Wenn ich artig und vernünftig bin -- schon wieder diese Redensart. Was
soll das? Weshalb sollte ich _nicht_ artig sein? -- --
Lange dachte ich aber nicht über dieses Rätsel nach, ich verstand es
einfach nicht. --
Ich ging mit meiner Führerin eine schöne, breite Treppe hinunter -- ich
war also in meinem gestrigen Zustand die Treppe hinauf getragen worden
-- dann trat sie mit mir in einen Salon, der, nach meiner Berechnung, in
entgegengesetzter Richtung von dem Eingang liegen mußte.
Ein merkwürdiges Haus. Auch hier brannten wieder die elektrischen
Flammen. Anscheinend war gerade eine größere Gesellschaft. Im Zimmer
saßen elegante Damen und Herren. --
Und fein war es hier, überall standen bequeme Sofas und Tischchen. --
Lauschige Ecken, schwellende Polster; kurz und gut, ich kam mir vor wie
im Märchen.
Meine Führerin, deren Namen ich noch nicht einmal wußte, stellte mich
mit den Worten vor: »Meine Herrschaften, hier bringe ich Ihnen Fräulein
Lotti. Gestern erst frisch von Europa angekommen.«
Das war ja eine sonderbare Sitte hier in diesem Lande. Aber alle
schienen das in der Ordnung zu finden. Alle lachten und schwatzten
durcheinander. Einige kamen auf mich zu und sprachen einige Worte mit
mir. Doch ich verstand sehr wenig, sie sprachen fast alle englisch.
Ich war ganz verlegen. Ich setzte mich auf ein Sofa in der Nähe der Tür.
Bald setzte sich ein Herr zu mir, ein kleiner, dicker Kerl mit einer
Glatze und vorstehenden, wässerigen Augen.
Ein ganz frecher Patron! Setzte sich sofort zu mir auf das Sofa, ganz
dicht an mich heran.
Ich rückte von ihm ab, da lachte er so widerlich und sagte:
»Na, Kleine! Noch so spröde? Wird bald besser. Komm, wir trinken ein
Fläschchen zusammen. Dann gibt's Mut.«
Ich sah mich hilflos um. Was bedeutete das? War ich in einem Narrenhaus?
Da sah ich an der anderen Seite des Salons meine Wirtin.
Ich wollte aufspringen, sie fragen, um Aufklärung bitten. Aber ich weiß
nicht, wie mir plötzlich war; auf halbem Wege blieb ich stehen. Die Frau
sah mich so sonderbar stechend, so lauernd an. -- --
Ich mußte an den Blick einer Schlange denken, die ihr Opfer
hypnotisiert. Ich sah mich um. Alle hatten jetzt Wein auf den Tischen,
nur noch einige Damen saßen so da. Ich machte ein paar Schritte und
wollte zu einer alleinsitzenden Dame hingehen, da stand der alte, eklige
Kerl wieder neben mir.
»Mach' keine Dummheiten, Kleine, komm setz' dich,« sagte er zu mir und
faßte zugleich nach meinem Arm.
Ich riß mich los und stürmte nach der Tür. Als ich draußen stand, wußte
ich nicht wohin. Ich hatte den Gedanken, nach unten zu laufen, hinaus
aus diesem sonderbaren Hause -- da stand die Frau neben mir.
»Was soll das?« sagte sie kurz, »warum laufen Sie weg?«
»Ich will mich nicht von dem alten Kerl anfassen lassen! Ich kenne ihn
ja gar nicht! Man ist doch nicht gleich so dreist!«
»Da wirst du dich dran gewöhnen müssen, liebes Kind. Das ist bei uns nun
mal so. Und überhaupt, gerade mit diesem Herrn wirst du sehr freundlich
sein, der hat sehr viel Geld. Komm!«
Jetzt sagte sie schon Du zu mir! Und wie schroff sie war! Hier blieb ich
nicht!
»Dann will ich hier fort,« sagte ich rasch. »Ich kenne ja die Leute alle
gar nicht. Lassen Sie mich gehen, ich laufe ans Schiff zu dem Kapitän,
der wird an meine Verwandten telegraphieren.«
»Schlag dir das aus dem Kopf,« sagte die Frau. »Du kannst hier nicht
fort. Ich habe gestern deine Koffer holen lassen, die standen noch
drüben am Pier, das kostet Geld. Das Kleid hier habe ich für dich
bezahlt, kannst du mir das alles wiedergeben?« -- --