Das Nationalgefühl, wenn es über einen ohne sittliche Qualitäten wirkenden
Instinkten einer Überzeugung gediehn ist, damit aber anders und höher
aufrichtig wurde als der bisher geltende Urtrieb, und für sich und andre
berechtigter, muß, neben andern Tugenden, die freudige Anerkennung jedes
fremden Nationalgefühls zur Folge haben. Wovon ich überzeugt bin, daß ich
-- und nicht als der so oder so zufällig Veranlagte, sondern als der
überhaupt Seiende -- es darf, ja daß ich es soll, dessen Recht und mehr als
Recht muß ich allen in gleichem Stande Seienden zugestehn. Das Bestehn der
Nationen ist nicht nur die Voraussetzung des Internationalismus: Folge des
eignen Nationalgefühls ist die Anerkennung des Prinzips der Nationen, und
es ist bloße Anwendung, ist nur der letzte Schritt zum Wissen um die
Vielfalt ihres Reichtums und bis zur Liebe der Nationen, zur Weltliebe. Ja,
dieser Schritt ist schon getan, -- wie der wahre Individualist, der sich
nicht nur obenhin fühlt, sondern sich menschlich, warm und interessiert
liebt, die andern nicht hassen kann (und nur der fragwürdige Hasser sich
auszunehmen nicht bereit, nicht naiv, sondern unaufmerksam genug ist) und,
aus gläubiger Achtung vor lauter Individuen, die Menschen lieben muß: ein
wahrer, ein besserer Sozialist.
Wer nicht andern Völkern das eigne Gute gönnt, nicht das Gedeihn andrer
Länder wünscht, dem brauchen wir nicht zu glauben, daß er von Ländern und
Völkern etwas weiß; auch vom eignen nicht -- oder der ist nicht kühn oder
stark genug, vor sich selbst die moralische Regel zu behaupten. Da uns bei
der Arbeit die weite Festlichkeit einer prächtigen, sicheren, erregenden
Melodie russischer dramatischer Musik im Ohr liegt und mehr als nur den
Blick weitet, haben wir recht, uns sehr deutsch zu wissen. Und es heißt
deutsche Überlieferung aufnehmen, die beste und deutscheste Überlieferung,
wenn wir mit den Völkern in die Zukunft gehn, und die Hoffnungen eines
schönen, stolzen und strebenden Volkes mitfühlen. Auch Deutsche kämpften
bei Missolunghi und (im Politischen wohl falsch genug eingenommen) bei
Ladysmith. Der Marquis San Bacco Heinrich Manns, in den Romanen der
Herzogin von Assy, kämpft in allen Erdteilen für die Völker, die ihre
Freiheit suchen, ohne Besinnen und Bedenken; so sehr hat der Garibaldianer
seines Volkes Freiheit geliebt. Wir haben noch San Baccos; ihnen wären,
wüßte ich sie namentlich zu nennen, diese Gedichte leidenschaftlich
gewidmet.
Diese Gedichte werden vielleicht einem Vorurteil entgegengehn, da sie der
übel beleumundeten Gattung der politischen Lyrik angehören. Es bleibt am
besten ihnen selbst überlassen, sich und ihre Familie zu rechtfertigen und
diesem Vorurteil zu begegnen. Es werde nur bemerkt -- neben dem Hinweise,
daß auch alle berühmte Kriegslyrik zur politischen gehört -- es werde nur
bemerkt, daß die Bezeichnung als »politische Lyrik« eben nur, und zwar in
stofflicher Hinsicht, eine Gattung bezeichnet und gar nichts über den
möglichen und wirklichen Wert der politischen Lyrik aussagt. Sie verheißt
nicht mehr als etwa »Liebeslyrik«, und es wird meistens übersehn, daß es
auch unter den politischen Gedichten gute und schlechte gibt! Darum braucht
von der notwendig verführenden Wirkung aller Lyrik hier gar nicht erst
gesprochen zu werden.
Diese Zeilen aber sollen diese Gedichte nicht etwa entschuldigen, und
müssen sie, hoffe ich, nicht erläutern. Sie sollen nur bei ihnen stehn wie
die Bezeichnung von Gang und Art bei der Musik, nur anzeigend: presto alla
polacca -- der Leser fühle selbst, wo hier das Andante zum Largo erstarrt,
wo zum Furioso sich aufschleudert.