Er saß, mitternächtlich, an einem der kleinen Marmortische des
»Urania-Cafés« -- (. . . da die ungarische Magnaten-Kapelle phantastische
Lawinenflügel hochspannte, von zagem Anflug, ekstatisch-blendender
Kulmination, sentimentalisch-jämmerlichem Hinfall . . . wiederum mit
tödlichem Attacken-Elan gegen dunsenes Himmelsgemäuer aufprallend, . . .)
-- der junge deutsche Mann, normal gebaut, bürgerlich aussehend, die
dunklen Haare geordnet -- weit in die Stirn gekämmt --: Jean Bousset.
Ein schmächtiger Herr, ein Vierziger, trat zu ihm, fragte höflichst, ob
wohl ein Stuhl noch frei sei, setzte sich umständlich ihm gegenüber und
bestellte einen heißen Tee (mit Zitrone).
Jean Bousset achtete seiner kaum, fuhr fort in der Betrachtung der
niederschmetternden Wucht einer ferngelegenen Großstadt, jenes B . . ., in
dem Dagny weilen mußte, Dagny, seit deren geheimnisvollen Flucht von M
. . . . . . Jean Bousset, feminin-schändlich, wie er war, einen Untergang
forcierte. Hatte er sich doch geradezu, im Verlauf zweier Wochen schon, ein
System des Verfalls zurechtgebildet, indem er häufig Hemmungen in den
allgemeinen Abrutsch einschob, -- so _markierte_ er den raffinierten
Dekadent, den zersetzungseitlen Genußmenschen! -- umfangreiche
Verzweiflungskomplexe plötzlich willkürlich abbrach, gewisse »Kunst«-Pausen
zwischenschaltete, darin er sich allen Symptomen der Verwesung restlos zu
entziehen vermochte, bürgerlich-gesittet und beamtenhaft früh am blauen
Morgen dahinflog, sich aber bald wieder, ein Rowdy, ausgehungert und
fieberig in den Zertrümmerungstrichter giftiger Nächte stürzte, heulend an
einer niedrigen Nebelatmosphäre zerschellend, (ein elendes Wrack), von
elektrischen Monden beaudelaire-trüb zerschwiert.
Da riß ihn, Jean Bousset, den Entsunkenen, ein dünner Luftzug wach. Es
waren die funkelnden Augen seines Gegenüber (eines seltsamen Ungetüms, wie
Jean Bousset auf einmal wahrnahm), die ihn getroffen hatten. Ein scharfer
Verwesungsgeruch -- wie wunderbar! -- strich. Die grauen struppigen Haare
des Fremden (wenn man von schimmeligen Moosflechten also sprechen darf)
knisterten jäh auf in einem grünlichen Schein, der intensiv durch die
wehenden Vorhänge von außen, wo ein wimmernder Tumult erscholl, eindrang.
Transparent gloste im schmalen hageren Gesicht die Backenhaut, die
zerfressene Nase schimmerte, der Mund, ausgefretzt, stellte sich
geheimnisvoll schief, die knöchernen Finger hoben und senkten, spreizten
und querten sich unter magischem Zeichen.
Dies Gespenst (diese tagscheue Schauerfratze, dieser wohlverleichte
Bureaukrat oder verruchte Totenkommis!) rief mit pfeifender Stimme den
Kellner, zahlte klirrend, stand unbeholfen auf (so, daß der Stuhl
umklappte), ließ sich in einen dünnen schäbigen Überrock helfen, nahm den
großen, schwarzen Hut zur Hand, der einem Wagenrad glich, verbeugte sich
tief vor Jean Bousset und zischelte, schon halb in der Tür, noch rasch in
einem gebrochenen Deutsch:
»Gestatten Sie mir, mein junger Herr, daß ich mich Ihnen vorstelle: ich bin
Philippe (wenn Sie wollen, kommen Sie ungestört mit!), zurückgekehrt, zu
spazieren durch die grüne Nacht!« --
-- -- Die Nacht war grün, verworren-grün, katholisch-grün, eine betäubende
Mischung von Chloroform, Blüten und heißem Fleisch. Die Häuserkais,
triefend und alt, wölbten hoch imaginäre Spitzbogen, schwelende Kerzen
starrten rings qualmende Fabrikschlöte (die auch finsteren
hintergründlichen Cellisten im Orchester eventuell vergleichbar wären).
Sturmzerschlagene Masten, abgehackte Baumarme streckten sich: Kreuzstämme,
an verhüllten Horizonten hochwachsend, verbogen und zerdehnt. Die Orgel der
Straßenwagen, Menschentritte und Hundelaute ratterte.
O du endlos ragender, mystisch-hochheiliger Nachtdom! . . .
Philippe und Jean Bousset schritten eng nebeneinander, schweigsam, Arm in
Arm. Wortlos hatten sich die beiden angefreundet, war der Fremde doch ein
Jean Boussets längst Bekannter. Ja, er liebte diesen geradezu, abgöttisch
umschwärmte er ihn, er verehrte ihn kniefällig: Charles-Luis Philippe, den
Franzosen, diesen geharnischten Apostel öliger und dumpfer Nächte, diesen
unentwegten Durchforscher menschlicher Gehirnlabyrinthe, diesen
gewissenhaftesten Aufzeichner subcutaner Schlachten, immer korrekt und
kühn, inmitten der ihn umschwirrenden Seuchen und berstenden Vorhöllen.
Eine Gasse schob sich finster an, die fast senkrecht, abstürzte . . .
Aus schwarzen Wasserlachen blinzten schwankende Gaslaternen. Eine
Kasernenmauer stand schräg zu einem Kehrichtstrom mit Flössen, Tonnen und
Petroleumflecken, die bunt schillernd obenauf schwammen.
Vorgebeugt, spitzen Kindergesichts, schmal und goldblond war sie, die
Kleine, die den beiden, als sie eben im Begriff waren in eine Unterfahrt
herabzubrechen, begegnete. Ein scheuer Hund, schlich sie, in kurzem
schwarzen Kleid mit weißem Spitzenkragen.
Was für ein Mädchen!
Ein Schrei!
Jean Bousset griff sich an die Stirn, die heftig blutete . . .
Da schwebte unter vieler Glocken Gezymbel, dem Siegesgeschrill zahlloser
Vogelchöre, dem Triumphgeschmetter erregter Straßenläufe des Lebens
Nährmutter und Fürsprecherin, _unser aller Sonne_, in heiliger Frühe
. . .