Als Hans Marterer aus der Betäubung erwachte, las er: Grubenstraße. Eine
Glocke schlug, mittel und bestimmt. Die Schule war aus. Kinder wälzten
sich, farbige Würfelströme. Das überschlug sich kreischend, zerflutete.
Zuletzt kam der Schulinspektor, blickte nach allen Seiten um, grüßte wen in
der Ferne, stieg in die Tram.
Hans Marterer fuhr weiter:
»Ist der ihr nachgelaufen? In der ersten Nacht, in der zweiten Nacht und
wieder in der dritten? Keuchend? Nackt? Fürchtete sie sich vor ihm? Glaubte
sie wohl, von ihm ermordet zu werden? Sie wußte ja wahrscheinlich gar
nichts von alledem . . . _Hat er sie geschlagen?_ Zu Boden geworfen?
Brutal? Doch untergekriegt? . . . Aber auf jeden Fall: sie ist um halb
sieben heute früh -- jetzt ist es dreiviertel fünf! (schaute auf die Uhr)
-- zum Fenster hinuntergesprungen, war achtzehn Jahre alt -- hört ihr! --
und drei Tage verheiratet.« Und das in einem anklägerischen Ton, als
drängten viele um ihn.
An einem Instrumentenladen, einer Tischlerwerkstatt, einer Vogelhandlung
kam er vorüber. Grüne, rote, silbern schillernde Vögel saßen auf
weißgestrichenen Stäben in goldenen Käfigen. Ein Papagei sprach. Weiße
Mäuse rannten durcheinander. Wie irrsinnig. Die hatten blutunterlaufene
Äuglein.
Er erinnerte sich wieder des Jagdgehilfen. Jene Wirtschaft aber hieß: »Die
frohe Welt«.
»Das ist der Unterschied«, bei sich.
Doch aufschreckend:
»Die gehen nun vielleicht Arm in Arm miteinander. An einem Tag, der schön
ist. Einem Sonntag vielleicht. Die treffen sich irgendwo in der Stadt, vor
einem Café, unter einem Torbogen, am Bahnhof oder er holt sie ab oder auch
umgekehrt. Sicher trägt sie einen großen weißen, runden Strohhut mit
Flatterbändern. Doch die Bluse, die ist noch nicht ganz zu -- sie hat ja so
Eile gehabt! --, und so richtet sie an sich, zieht an sich herum, die erste
Strecke des Wegs . . . und dann erst ist alles in Ordnung. Er hat aber
immer noch etwas an ihr auszusetzen, Hut zu tief im Gesicht, Rock zu weit,
Gürtel zu locker, nicht in der Mitte . . . und so frozzelt er sie, bis die
sich endlich losreißt:
»Du Frechling!« und schmollt.
Er aber greift sie wieder, sagt irgendein böses Wort, da aber hält sie ihm
lachend den Mund zu --: und dann küssen sich die beiden herzlich, wenn
niemand herschaut. Man trinkt sich satt aneinander, bleibt ganz für sich,
unter Bürgermenschen, Tanzmusik, Karussellorgeln, Dampfergewimmel,
vaterländischen Vereinen.
So war wohl jeder schon einmal fröhlich, jubelte, hatte er seine Liebste
heimgebracht: »O du, du meine liebe Kleine!«
Wie koste ich meine eigene Jugend aus! Die ist ein schwingendes Plateau
hoch auf schlanken Zedernsäulen unter einem freundlichen Blinkstern. Das
alles, das eines Tages verschwunden war. _Und die neue Landschaft war da,
die endlose Öde unter Brennsonne und verwunschenem Mond . . ._
Wie sich die beiden haben! Wie sie miteinander tanzen!
Von jeder Art Körperlichkeit ist abgesehen. Lichter sind sie, den Bergen
entlang. Flammen in feuchtem Grund.
Es ist ja bei derartigen Dingen gewöhnlich weit anders, als man gemeinhin
anzunehmen geneigt ist . . .«
Diesen Tag verbrachte er im Bett. Nahm Morphium. Er flog buntgewirkte
Teppiche hoch.
Der Abend aber machte sein Zimmer leuchtend hell.
Hans Marterer ging hinab.
Grüne Kränze die gelben Bogenlampen umschwebten.
Café »Dom«.
Er duckte sich in seine Ecke. Rauchte stumpf. Entschwebende Ringe. Dann
stieg es wieder klarer auf, -- etwas jubelte! -- mühte sich hoch in ihm, in
Windungen.
Er dachte an einen Sommeraufenthalt, sehr fern in der Schweiz, in der
Kindheit, irgendwo, an eine Bergbesteigung.
Musik stieg in Spiralen.
Er sann: »Es gibt zwei Welten. Die eine heißt: K. Akademieprofessor Crispin
Adolf Ritter von Beermann, Kapellmeister Maximilian Stössinger, grüne
Sportmütze und »Hochhoch!«, entfalteter Kavalleriemantel, Richard Wagner,
Bauchherr, Familie Lüttich. Die andere aber: Jagdgehilfe, Maronimädchen,
Feuerschein bei Nacht, die späte Nachhausekehr im Morgen, die Zerstürzte
. . . Nie werden die beiden zueinander kommen. _Der mittelnde Geist aber
sei verdammt! Er werde gesteinigt! Man kreuzige ihn! . . ._ Zwei Welten.
Aber es ist schon viel getan, wenn ein jeder zu der seinen kommt . . .«
Breit prallte das Orchester gegen die vier Wände; die Spiegel zitterten,
die Aufsätze klirrten, die Tassen auf den Tischen . . . prallte zurück,
prallte wider, wider.
Die Instrumente stiegen herab, Flöte, Violine, Cello, Zymbal.
»Sie sind eine aufgelegte Lügnerin, Sie Violine. Sie sind eine ganz gemeine
Flöte.«
»Wie meinen Sie?« machte die Flöte, sah von unten auf, blähte die
Pausbacken.
Er war mißtrauisch geworden. Man hatte ihn täuschen wollen. Offenbar. _Er
aber hatte die Schwindlerin entlarvt._
Da rauschte es grün auf. Kühl wie aus unermeßlichen Waldgründen kam es. Und
sentimental:
»Länder, wohin unser Fuß nie tritt.«
Und sie saß nur zwei Tische von ihm: ragend, strahlend (die grüne Pleureuse
wippte), und neben ihr -- den kannte er -- ein Stadtreisender,
kahlgeschoren, im Gehrock, schlank, elegant, dünnen Strohbart aufgedreht,
Arme in die Hüften gestemmt. Er gab sich gern als Korpsstudenten aus, trug
Bierzipfel, dreifarbenes Band.
Sie sog aus einem Halm.
Und um ihn.
»Weizenbier, Herr Köpke, ich sage Ihnen: glänzend!« --
»Wenn Sie mit mir sprechen, dann tuen Sie gefälligst den Hut ab!« --
»Der Platz ist frei. Allerdings . . .« --
»Der Stoff, der mich alleine seine fünfzig kostet . . .« --
»Sie scheinen eine große anzügliche Intimität zu besitzen, mein Herr
. . .« --
»Ach ja, der Chiemsee! Der Chiemsee . . .«
Ein älterer Herr mißbilligte die Wehrvorlage, soziale Fürsorge, Ausbau der
Eisenbahnlinien, Heilstätten für Tuberkulöse, Mesothorium. Ein Einjähriger
widersprach ihm. Notwendigkeit der Grenzbefestigungen, neuer Regimenter,
Nutzen militärischer Organisation, Volkserziehung usw. Die Hinrichtung des
Raubmörders Sternickel, das verunglückte Festspiel Hauptmanns, eine
drohende Bierpreiserhöhung im selben Ton, in einem Zug.
Kellner schoben. Weißbier schäumte.
Da lachte sie ihm glatt ins Gesicht. Auch der Stadtreisende lächelte.
Marterer errötete. Besah seinen Anzug.
Jenes Gesicht aber zerschlagen. Bisse, Ausschläge, Striemen; überpudert;
unter Schleier.
Man sang sich an, trank sich zu. In nächster Nähe aber: »Der guckt wie aus
einer anderen Welt.«
Marterer zuckte hoch.
Mußte sich festhalten. Doch gleich wieder versank er:
»Nun, wann werde ich über dies alles getröstet sein: euere einsamen
Sonntage, euere suchenden Promenaden im Stadtpark, die Schwermut euerer
Singspielhallen . . . _Die Gitter euerer Gefängnisse aber werden zu
Strahlen der Sonne werden. Ihr werdet durch sie hindurchschreiten,
erleuchtet und gewärmt._«
Er flehte.
Dessen Blicke durchirrten Gänge, Gewölbe. Fanden keinen Ausweg.
. . . Eine weiße Gestalt . . .
Nahte gebeugt ihr. Tastet sich an sie.
Bemerkte noch: der Stadtreisende maß ihn streng . . . schon in nächster
Nähe . . . wollte aufbrechen . . . sie aber nahm dessen Hand: es belustigte
sie so . . . bat ihn . . . _Marterer kroch_ . . . der Stadtreisende mahnte,
erhob sich halb . . . sie aber wollte noch die Musik abwarten, die aber
fing immer wieder von neuem an . . . auf allen Vieren schon (die platzten
vor Lachen! ): »Den Saum nur deines Gewandes!« Jemand reichte einen großen
gelben Überzieher, der verhüllte sie auf einen Augenblick. Sie tauchte
wieder empor. In Schönheit.
Zerspringender Triller.
Da --: er berührte sie.
Sie hob die Hand nur ein ganz klein wenig, die kleine flache Hand.
Lächelte, streckte, verzog das Gesicht, das kleine Gesicht (wie maß ihn der
Stadtreisende streng!) . . . aufbrauste sie . . . Stöcke, Gläser, Tassen,
Schirme, Kannen, Stühle und über allem, hoch über allem:
»_I--d--i--o--t!_«
Das kotzte sie.
Man trat ihn durch den Saal. Puffte, bespie ihn. Tür schon offen . . . --
er kollerte im Bogen. Einige ergriffen die Partei des Idioten. Eine
allgemeine Schlägerei entstand. Massen wälzten sich. Gekreisch. Hüte
flogen. Zuletzt erschien, groß und gehäbig, der Türsteher, ein Neger in
blauer, goldbetreßter Uniform; blendend. Brüllte. Der Idiot aber übersann
noch:
»Werde ich aus der Schule gejagt?«
Schutzleute drückten sich. Tumult schwoll. Bis wer schoß.
Nebel ballte sich.
Der Idiot aber flüchtete aufwärts, immer aufwärts, hochgespült, wie in
einem Schacht, -- oben glänzte etwas blau -- um- und umgewirbelt, wie in
einem Strudel. Stieß immer an Wände. Riß es in sich, würgte ihn mühsam
hinunter, diesen Brocken, hartkantig, kristallen:
»I--d--i--o--t!«
Das aber schallte auch hell und weit.
Nebel ballte sich.
Er schob diese graue Wand immer vor sich her, mit beiden Händen. Endlich
teilte er sie auseinander, zu beiden Seiten: Häuserreihen,
Fenster-Bleiaugen, Balkone sprangen, Gebisse, vor. Stadt, Vorstadt, das
Ende. Ein rotes Wolkenfeld am Himmel:
»Steh ich auf dem Kopf?«
Hügel.
»Eine Palme?«
Aber ein großer grüner Vogel flog auf.
»Es gibt also Vögel, die Blumen, Vögel, die Bäumen gleichen . . .«
Er sank erschöpft auf einen Stein nieder.
»_Verfall ist. Aber schon spielet Abglanz neuer Welten auf zerwirkten
Gesichtern. Sie fallen unter aufsprühenden Lichtbündeln und unter
Siegesposaunen, die der Zukunft Geweihten . . ._«