Es blieb still, bis lange in den Morgen hinein. --

Der Gerichtsvollzieher verreiste auf längere Zeit dienstlich. Kurt schlief

im Bett des Vaters neben der Mutter. Er ging vor ihr ins Bett, konnte aber

nie einschlafen. Sie kam, und er sah erschauernd auf zu ihr. Er beugte sich

einmal nachts über die Schlafende, die Haare ringelten wie schwarze Wellen

um das weiße Milchgesicht, die aufgesprungenen Lippen waren halb geöffnet.

Er flüsterte.

Marie schlug die Augen auf, strich die Decke glatt und sagte:

»Laß mich, Liebling! . . . Schlaf!«

Frau Vogt weinte wieder jeden Tag, trotzdem der Mann fort war. Sie lag im

Fenster und sah die Straße hinab. Sie stopfte fleißig Socken, flickte die

zerrissenen Hemden des Gerichtsvollziehers und besserte seine alten Anzüge

aus.

_Kurt fing die Briefe ab, die von ihm an sie, regelmäßig jeden zweiten Tag,

kamen._

Doch eines Tages war der Vater wieder da. Kurt glotzte ihn groß an. Herr

Vogt aber schmiß seinen Sohn zum Bett hinaus, fluchend. Er war wieder

betrunken und sah aus wie ein Strolch.

Die Mutter wollte ein gutes Wort einlegen, da schlug er auch sie.

Sie heulte.

Die Großmutter aber kam wieder aus ihrem Verschlag hervorgekrochen.

Da umarmte der Gerichtsvollzieher seine Frau und küßte sie. Die bärtigen

Wangen rollten dicke Tränen herab, die, wie Perlen gereiht, an seinem

strohigen Schnurrbart hängen blieben.

Die kommende Nacht schlich Kurt vor das Zimmer der Eltern mit dem

Küchenbeil. Kein Licht brannte mehr. Er wollte sie beide töten.

Die Großmutter stöhnte aus ihrem Verschlag heraus . . .

Er ward wieder von Frau Schaa aufs Land eingeladen.

Frau Schaa erzählte, sie fahre noch diese Woche auf zwei Monate nach

Rußland, in ihre Heimat. Ob er mitwolle?

Der Photograph knurrte.

Frau Schaa aber lachte ihn aus, sang und tanzte. Sie nahm Kurts Kopf in

ihre große, rauhe Hand, zog ihn an die Brust und liebkoste ihn.

Herr Schaa holte sein Tesching und schoß nach Spatzen.

Frau Schaa herzte ihre Katze.

Herr Schaa zischelte.

Frau Schaa schnitt eine Grimasse, ballte die Hände gegen den Photographen,

der bleich an der Gartentür hing.

Herr Schaa zerbröckelte.

Der Tesching lag geladen vor ihm.

Herr Schaa grub Rettiche aus.

Bussi, die Katze, huschte über den Zaun. Kurt zuckte nach der Büchse.

Aber der Photograph kam herbeigesprungen, nahm die Büchse auf und schoß. Er

fehlte. Kurt atmete erleichtert auf. Bussi erschien auf der anderen Seite

des Gartens. Kurt griff und drückte ab.

Bussi sprang ein wenig vor, überpurzelte sich und schlug den nassen Boden

lang . . . wälzte sich, die grünen Augen trieben lang, gewaltsam heraus,

die fleckige Zunge stach spitz vor . . . der weiße Bauch öffnete sich

. . . Kurt aber schaute nach Ange um (so hieß Frau Schaa beim Vornamen).

Frau Schaa kam, doch als sie Bussi verendet sah, wandte sie sich ab.

Der Photograph hüstelte und drehte das Tier mit dem Fuße um.

Kurt schämte sich.

. . . Und lange Zahlenreihen erschienen an einem grauen Horizont.

Kurt hatte seine Hausaufgabe noch nicht.

Streng und gemessen schritt draußen Herr Nebukadnezar vorüber, der

Oberlehrer.

Kurt nahm von Frau Schaa Abschied.

Nach Ablauf dreier Tage erkundigte sich Kurt beim Photographen, der betrübt

im kleinen Haus saß. Frau Schaa war fort.

Die Mutter litt die Rose am Matrosenanzug Kurts nicht. Kurt überlegte

ernstlicher, wie das Reisegeld aufbringen. Er bemerkte den Striemen über

der rechten Wange seiner Mutter und glaubte, er müsse noch verweilen. Sie

versetzte ihm eine Ohrfeige, er schlug wieder. Er erinnerte sich der Nacht,

da er neben ihr schlief . . .

Er schlief nicht mehr zu Hause. Auf einer Bank im Park lag er. Er dachte an

die Schaa, und daß es süß sein müsse, von ihr geschlagen zu werden. Er

sehnte sich nach ihr. Menschen hingen über den Bänken: schlapp, den Hut im

Gesicht, die Beine vorgestreckt; es waren Tote.

Er träumte einen Vogel, der sich aus einem Moortümpel aufhob. Der flog vor

ihm her. Er wanderte zu. Er kreuzte unbekannte Morgen- und Abendländer. Der

Vogel aber schwebte über ihm, des Nachts als Feuerschein oder Stern, des

Tags als Wolke, bei nahendem Abend in Sonne ertrinkend.

Kurt hatte nichts zu essen. Aber er hungerte weder, noch litt er Durst. Auf

glühenden Wiesen lagen Früchte bereit, in den Wäldern rauschten

Milchquellen.

Er verträumte den Tag. Die Kameraden spielten Soldaten, er war nicht dabei.

Plötzlich aber stürzte er sich, von ferne aufgeschreckt, mitten unter sie.

Er hetzte durch die Nacht, bis er ermüdet zusammenbrach.

Er wußte, daß die Großmutter Geld besaß, ein wenig nur, doch schlecht

aufbewahrt, aus ihrer Rente.

Die Großmutter saß in ihrem Verschlag.

Er gedachte der Schaa.

». . . Ihr an die Kehle springen, sie niederwerfen, den Kopf einschlagen,

oder nicht an den Hals springen . . . denn wie dünn der Hals ist . . .

splitternd . . . wie Holz . . . nicht niederwerfen . . . gleich mit einem

Hieb den Schädel entzwei . . . den Schrank auf . . . und dann --: o dies

Glänzen! . . .«

(. . . _Und sie nickte ihm zu_ . . .)

Das Küchenbeil zwischen den Zähnen, kroch er vorwärts. Nur noch einen

Sprung von ihr --: die verschrumpften Lippen zuckten.

Man hörte aber nichts.

Die Hakennase bog sich lang herab.

Die Großmutter war weiß. Sie schlug mit den beiden Armen wie zu einem Flug.

Die Wangen, eingefallen, grünlich und gelb, begannen rosen zu werden.

Das Beil entglitt ihm.

Er quälte Tiere oder lungerte bei den Droschkenkutschern umher. Auch

Räuberromane las er.

Plötzlich erinnerte er sich in irgendeiner Gestalt auf der Straße an seine

Schaa. Daß er sie beinahe vergessen hatte, schmerzte ihn. Er machte sich

Vorwürfe darüber _und strafte sich selbst, indem er sich »Hund! Hund!«

schalt._

Er wollte ihr schreiben.

Eine kleine weißglühende Kugel sprang auf. Sie begann zu erklingen in einem

molkigen Luftgemisch. Sie sauste. Augen, Arme, Beine wirbelten mit, die

Nasenflügel blähten sich. Schleim und Tränen rannen. Ein tiefer Schlaf

folgte.

Er erbrach mit dem Küchenbeil den väterlichen Schreibtisch, der stöhnte und

sich wand. Er demolierte ihn gänzlich.

Mit dem wenigen, was er vorfand, ging er los.

Er fuhr mit einem Zug.

Er durcheilte die nächste Stadt. Was er suche, wußte er nicht, nur, daß es

unbeschreiblich schön sei. Er lebte in Märchen. Er dachte die Schaa. Es

peitschte ihn, es jagte ihn dahin. Durch die brüllenden Lüfte sauste es. Es

gewitterte. Der Rücken, das Gesicht schälten sich, Hagelstacheln trieben

ein. Haut hing in Fetzen . . .

Ein grüner Himmel rollte sich.

_Das schmutzige Gesicht erglänzte:_

»_Ihr nach!_«

Verdorrte Gelände durchzitterte er, sonneversengt.

Doch unbeschadet wandelte er und traumhaft über die gewölbte Fläche eines

Silbersees, unberührt durchzog er einen gelben Strom, die Wellen, sie

wichen vor ihm zurück.

Ein Schatten rang sich vor die Sonne.

Der Vater.

Kurt entsetzte sich.

Glühender Staub regnete. Landschaften stiegen, bunte Blasen, auf, Städte

zerfielen, Schiffe sanken, Berge spieen, Prozessionen schwankten durch die

Luft. Ebenen überschlugen sich.

Der Himmel töste.

Er trieb durch einen Krieg. Berge schmetterten. Lazarette dampften. Violett

explodierte ein Wald. Die Luft zerhackt.

Der große Vogel zeigte sich. Er bog sich zertrümmerte Hügel hinab, surrend.

Jahreszeiten wechselten.

_Eine Stadt schob sich mit grauen Häuserquadraten vor, massiv und gewaltig,

von Straßen bösen Gesichts und dünner Herbstleute, wie Gespenster,

zerschachtet._ Ein Milchwagen rasselte. Cafés schäumten. Er schwamm an

zerrissenen Ufern, besteckt mit roten Papierlaternen, hin. Der Atem von

Schläfern sang.

Klaviere jammerten.

Er übernachtete in Schlafstellen. Fäulnis. Wanzenbruten. Mütter gebärten

kreischend. Kinder flatterten. Gestelle von Leibern wippten. Betrunkene

torkelten. Idioten blökten. Selbstmörder wankten.

Es fiel von ihm ab.

Eine Alte saß unter ihnen, schlug Karten und prophezeite aus den

Handlinien.

Das Krankenhaus roch wie nach verfaulten Äpfeln. Kurt erschrak darüber.

Schwester Anna mit weißer Spitzhaube und kleinem Wachsgesicht brachte die

grüne Breisuppe im braunen Hundnapf. Ein Mensch, die Arme nach hinten

geschleudert, wurde zerstückt. Wärter Johann erzählte Schnurren. Gewaltig

und dickbäuchig schritt der Herr Geheimrat.

Halbwüchsige Burschen schleppten ihn in ein Varieté. Musik platschte. Eine

Glatze schnalzte mit der Zunge. Ein Mädchen tanzte, zog sich zurück, und

die Wände vertieften sich, die Decke barst, es wurde nachtblau.

Ein Pockennarbiger stieß ihn an. Kurt verstand nicht gleich, er gab sein

letztes Geld.

Es ergriff ihn: _noch heute werde ich sie wiedersehen_, und er

verabschiedete sich höflichst von allen.

Ein Dorf streckte sich in die Nacht mit Zitterstimmen, Schleichtritten,

Wirrstimmen, dem dumpfen Gerassel der Kühe in den Ställen und dem Anschlag

der Wachthunde.

Gärten.

Eine Böschung hinab: der Schlangenstrom und magischer Kugelmond hinter

Krüppelweiden im Nebel hoch.

Der Landstreicher hatte ihn eingeholt. Er trug ein gelbes Wollhemd und

hatte Haare auf der Brust. Er dünstet stark aus. Er legt eine welke

Holzhand Kurt auf.

Kurt schrie.

Er wollte sich wehren . . .

Er bellte wie ein Hund und zog die Beine an.

Verfall und Triumph, Zweiter Teil: Versuche in Prosa · 第 23 / 38 题