Kurt war von Frau Schaa eingeladen worden, er schüttelte Äpfel von den
Bäumen, las sie auf und sammelte sie in Körbe, die er ins kleine Haus trug,
das darnach roch.
Durchs Fenster sah Kurt Frau Schaa wieder. Sie hatte ein langes, dünnes
Kleid an, das die untergehende Sonne blutig durchfuhr.
Der Photograph Schaa arbeitete gebückt, zog Rettiche aus und hüstelte.
Frau Schaa trat ins kleine Haus, nahm einen bunten Schal auf und führte
Kurt an der Hand heraus, schnitt ihm eine Rose ab und steckte sie ihm
langsam ins Knopfloch.
Frau Schaa und Kurt setzten sich auf den Rand des Zierbrunnens und wuschen
die Rettiche.
Zu Hause fragte Kurts Vater, der Gerichtsvollzieher Vogt, wie es bei Schaas
gewesen sei. Kurt fuhr auf, er hatte gerade an Frau Schaa gedacht . . . und
er bemerkte die Mutter, die, über den Suppenteller gebückt,
hineinschluchzte. Er hat sie wieder geschlagen, sagte sich Kurt, und
schwieg, trotzdem ihn der Vater zum zweitenmal fragte. Ein weißer, fast
plastischer Streifen, zog sich über die Wange der Mutter --: ein Striemen.
Dahin hat er sie also getroffen, und mit dem Stock wieder, erklärte Kurt
sich selbst . . . und das ganze Gesicht ist angeschwollen und
blutunterlaufen, auch der Hals ist blutig, voll von Nägelspuren, roten
Flecken und Bißwunden. Er hat sie wieder gewürgt. Er widersprach dem Vater
trotzig:
»Laß mich!«
Herrn Vogts Gabel pfiff über den Teller.
Herr Vogt sprang hoch, griff den Sohn bei den Haaren, würgte ihn, riß ihn
zu Boden und trat ihn mit dem Fuß. Kurt kauerte und zuckte. Er bäumte sich
auf, schreiend --: er wurde niedergeschlagen. _Das nahm kein Ende für ihn._
Die Mutter heulte auf, stürzte auf den Balkon und schrie auf die Straße
hinunter.
Herr Vogt richtete sich sogleich auf, und die Großmutter kam aus ihrem
Verschlag hervorgekrochen, blieb in der Mitte des Zimmers stehen und setzte
sich zitternd unter sie.
Kurt schlich in seine Kammer, wo er losheulte. Er wollte sich rächen.
Herr Schaa kam, wedelte und holte den Gerichtsvollzieher zum Tarock ab.
Frau Vogt blätterte in ihrem Postkartenalbum, spielte Klavier, bis es
zweimal läutete und Frau Schaa kam.
Frau Schaa spreizte die Finger, zog die Schultern hoch und bat weich:
»Geh, Marie (so hieß Frau Vogt beim Vornamen), spiel was! Bei der Musik
fang ich immer zu phantasieren an . . .«
Frau Vogt aber konnte nicht. Die Schaa brüllte auf . . .
Der Gerichtsvollzieher stolperte fluchend die Treppe herauf. Er war
besoffen. Er schimpfte auf die Vorgesetzten, er drohte ihnen, er
verurteilte sie zum Tode.
Widerspruch gebe es keinen. Er sei Autorität. Trage er nicht die Mütze der
Gewalt? Von Gott ihm verliehen? Widerspreche man ihm, widerspreche man dem
Gesetz, der Verfassung, dem König, Gott. Die Familie, sie gleiche dem
Staat. Er sei ihr Oberhaupt. Oder wolle wer daran zweifeln? . . .
Unantastbare Macht . . .
Kurt hörte alles, er konnte nicht einschlafen, er fürchtete sich und fand
den Vater ungeheuerlich.
Dumpfe Schläge.
Die Mutter wimmerte . . .
Es riß verzweifelt an der Glocke, der Photograph Schaa winselte: ob seine
Frau nicht dagewesen sei, da sei . . . man nicht wisse . . .?