Heinrich Franz Bachmair dankbar

Kurt war von Frau Schaa eingeladen worden, er schüttelte Äpfel von den

Bäumen, las sie auf und sammelte sie in Körbe, die er ins kleine Haus trug,

das darnach roch.

Durchs Fenster sah Kurt Frau Schaa wieder. Sie hatte ein langes, dünnes

Kleid an, das die untergehende Sonne blutig durchfuhr.

Der Photograph Schaa arbeitete gebückt, zog Rettiche aus und hüstelte.

Frau Schaa trat ins kleine Haus, nahm einen bunten Schal auf und führte

Kurt an der Hand heraus, schnitt ihm eine Rose ab und steckte sie ihm

langsam ins Knopfloch.

Frau Schaa und Kurt setzten sich auf den Rand des Zierbrunnens und wuschen

die Rettiche.

Zu Hause fragte Kurts Vater, der Gerichtsvollzieher Vogt, wie es bei Schaas

gewesen sei. Kurt fuhr auf, er hatte gerade an Frau Schaa gedacht . . . und

er bemerkte die Mutter, die, über den Suppenteller gebückt,

hineinschluchzte. Er hat sie wieder geschlagen, sagte sich Kurt, und

schwieg, trotzdem ihn der Vater zum zweitenmal fragte. Ein weißer, fast

plastischer Streifen, zog sich über die Wange der Mutter --: ein Striemen.

Dahin hat er sie also getroffen, und mit dem Stock wieder, erklärte Kurt

sich selbst . . . und das ganze Gesicht ist angeschwollen und

blutunterlaufen, auch der Hals ist blutig, voll von Nägelspuren, roten

Flecken und Bißwunden. Er hat sie wieder gewürgt. Er widersprach dem Vater

trotzig:

»Laß mich!«

Herrn Vogts Gabel pfiff über den Teller.

Herr Vogt sprang hoch, griff den Sohn bei den Haaren, würgte ihn, riß ihn

zu Boden und trat ihn mit dem Fuß. Kurt kauerte und zuckte. Er bäumte sich

auf, schreiend --: er wurde niedergeschlagen. _Das nahm kein Ende für ihn._

Die Mutter heulte auf, stürzte auf den Balkon und schrie auf die Straße

hinunter.

Herr Vogt richtete sich sogleich auf, und die Großmutter kam aus ihrem

Verschlag hervorgekrochen, blieb in der Mitte des Zimmers stehen und setzte

sich zitternd unter sie.

Kurt schlich in seine Kammer, wo er losheulte. Er wollte sich rächen.

Herr Schaa kam, wedelte und holte den Gerichtsvollzieher zum Tarock ab.

Frau Vogt blätterte in ihrem Postkartenalbum, spielte Klavier, bis es

zweimal läutete und Frau Schaa kam.

Frau Schaa spreizte die Finger, zog die Schultern hoch und bat weich:

»Geh, Marie (so hieß Frau Vogt beim Vornamen), spiel was! Bei der Musik

fang ich immer zu phantasieren an . . .«

Frau Vogt aber konnte nicht. Die Schaa brüllte auf . . .

Der Gerichtsvollzieher stolperte fluchend die Treppe herauf. Er war

besoffen. Er schimpfte auf die Vorgesetzten, er drohte ihnen, er

verurteilte sie zum Tode.

Widerspruch gebe es keinen. Er sei Autorität. Trage er nicht die Mütze der

Gewalt? Von Gott ihm verliehen? Widerspreche man ihm, widerspreche man dem

Gesetz, der Verfassung, dem König, Gott. Die Familie, sie gleiche dem

Staat. Er sei ihr Oberhaupt. Oder wolle wer daran zweifeln? . . .

Unantastbare Macht . . .

Kurt hörte alles, er konnte nicht einschlafen, er fürchtete sich und fand

den Vater ungeheuerlich.

Dumpfe Schläge.

Die Mutter wimmerte . . .

Es riß verzweifelt an der Glocke, der Photograph Schaa winselte: ob seine

Frau nicht dagewesen sei, da sei . . . man nicht wisse . . .?

Verfall und Triumph, Zweiter Teil: Versuche in Prosa · 第 22 / 38 题