270 Nicht Piraterie (kein Einschreiten des neutralen Staates) _Wheaton_
I, S. 141; _Kent_, Int. Law, S. 409; _Woolsey_, Introduction,
S. 234; _Phillimore_ I, S. 503; _Ortolan_ I, S. 239;
_Pradier-Fodéré_, § 2503; _Piédelièvre_ I, S. 584. Der Heimatstaat
ist völkerrechtlich verantwortlich, wenn die Verfolgung der
Entschädigungsansprüche der Neutralen vor seinen Gerichten nicht zum
Ziele führt, amerik.-englischer Schiedsvertrag vom 19. Nov. 1794,
Art. 7 (_La Fontaine_, Pasicrisie internationale 1902, S. 5).
271 Nicht Piraterie: _Bynkershoek_, Quaest Jur. Publ. I, XVII; _Fiore_,
Droit int., § 495; _Samios_, S. 37. Abw. _Rivier_ II, S. 259.
272 Doch bedrohen Brasil. St.G.B., Art. 104, § 2 und Niederl. St.G.B.,
Art. 381, Abs. 2 Überschreitungen der Kommission ganz allgemein
(nicht in Beschränkung auf Verletzungen der eigenen Interessen) als
piratische Akte. _Perels_, S. 173 f. und 110, bezeichnet die im Text
beschriebenen Tatbestände als „Quasipiraterie“, ohne sich über die
Rechtsfolgen (ob internationale Verfolgung) näher auszulassen.
273 Eine Äußerung darüber, ob sich der autorisierende Staat einer
Völkerrechtsverletzung schuldig mache, sucht man in der Literatur
vergeblich; auch das Landesrecht ergibt nichts darüber.
274 Französ. Ordonnanz von 1681, Buch III, Tit. IX, Art. 5: „Tout
Vaisseau ... ayant Commission de deux differens Princes ou Estats,
sera ... de bonne prise; et s’il est Armé en Guerre, les Capitaines
et Officiers seront punis comme Pirates,“ ähnlich Kapereireglement
vom 22. Mai 1803 und jetzt Gesetz von 1825, Art. 1, Nr. 2. Span.
Kapereiordonnanz vom 20. Juni 1801, Art. 27. Ital. Cod. p. l. mar.
merc., Art. 325. Brasil. St.G.B., Art. 105, § 3. Niederl. Placaat
vom 29. Januar 1658 (_Baud_, S. 91). Die Bestimmungen beziehen sich
auch auf ausländische Schiffe und Nichtuntertanen. Doch zwingt der
ganze Komplex von Vorschriften nicht unbedingt zu der Annahme, daß
ihm die Auffassung der Gleichheit des Tatbestandes mit dem der
Piraterie zugrunde liegt. Denn die prisenrechtlichen Vorschriften
(französ. Ordonnanz von 1681 und Kapereireglement von 1803, span.
Ordonnanz von 1801) denken wohl daran, daß sich die mehrfache
Kommissionierung bei der Kontrolle fremder Kaper durch französische
bezw. spanische Kriegsschiffe (über die Zulässigkeit einer solchen
Überwachung vgl. _Hall_, S. 526) herausstellt; und die
strafrechtlichen setzen nicht notwendig Inanspruchnahme eines
Aufbringungsrechtes in einem ihnen entsprechenden Umfange voraus.
_ 275 G. F. v. Martens_, Kaper, § 14; _Phillimore_ I, S. 503;
_Pradier-Fodéré_, § 2506; auch _Perels_, S. 174.
276 So _Ortolan_ (im Zusammenhang mit seiner Ansicht, daß Kaperei durch
ein nicht dem autorisierenden Staate angehöriges Schiff Piraterie
sei) I, S. 246; wie er _Calvo_, § 496. — _Bynkershoek_, Quaest Jur.
Publ. I, XVII (im Anschluß an die niederländische Gesetzgebung, s.
S. 101, N. 4) und _Rivier_ II, S. 259, scheinen allgemein Piraterie
anzunehmen.
277 Nicht einmal dem Staate, dessen Nationalflagge mißbräuchlich geführt
wird, steht die Befugnis der Kontrolle auf hoher See zu, vgl. die
Schlußbestimmung in § 3 b der deutschen Verordnung vom 21. Aug. 1900
(die Kriegsschiffe haben die unbefugte Führung der Nationalflagge zu
verhindern) in Verbindung mit den „Bestimmungen für den Dienst an
Bord“ von 1903, § 23, Nr. 11 f (Einschreiten auf hoher See nur bei
Übertretung der Verordnung durch _deutsche_ Handelsschiffe
gestattet). Beiläufig hat die erwähnte Bestimmung des § 3 b in dem §
22 des Flaggengesetzes, in dessen Ausführung die Verordnung von 1900
ergangen ist, keine Grundlage.
_ 278 Vattel_ L. III, C. XV, § 229; _G. F. v. Martens_, Kaper, § 13
(„nichts hindert, auch Untertanen neutraler oder alliierter Mächte
Markbriefe zu geben, wenn diese in dem Fall sind, sie nachsuchen zu
können“); _Pradier-Fodéré_, § 2505; _Kent_, Int. Law, S. 410;
_Hall_, S. 262 f. („some writers hold, that usage ought to be
modified“); _Halleck_ I, S. 398 Note; _Travers Twiss_, Int. Law II,
S. 419.
279 Der Gegner kann die Besatzung strafrechtlich verantwortlich machen;
so wohl _Phillimore_ I, S 504: „That such a vessel is guilty of a
gross infraction of International Law, that she is not entitled to
the liberal treatment of a vanquished enemy, is wholly
unquestionable; but it would be difficult to maintain that the
character of piracy has been stamped upon such a vessel by the
decision of International Law.“
_ 280 Perels_, S. 172 f.; _Ortolan_ I, S. 243 f.; _Bonfils_, § 1273;
_Rivier_ II, S. 259.
281 Die Frage ist zu bejahen. So _G. F. v. Martens_, Kaper, § 13 („da es
aber der Neutralität nicht gemäß ist, zu gestatten, daß Untertanen
durch dergleichen Kapereien den einen kriegführenden Teil
unterstützen und dem anderen schaden, so verbieten alle Staaten
überhaupt Markbriefe von einer fremden Macht ohne Erlaubnis ihres
Souverains anzunehmen, und viele Verträge verpflichten sie sogar,
... ihren Untertanen dieses zu untersagen.“ Er fährt fort:
„Gleichwohl ist die kriegführende Macht, wider welche sie solche
Markbriefe erlangt hätten, nicht berechtigt, sie als Seeräuber zu
behandeln“); _Heffter_, § 148.
282 Vgl. N. 2. Sie haben den Sinn der Erfüllung einer
Neutralitätspflicht, doch wird namentlich den älteren auch das rein
egoistische Interesse der Erhaltung der Schiffe für den eigenen
Staat zugrunde liegen. Daß die Bestimmungen nicht zur Begründung der
Ansicht herangezogen werden können, die Piraterie im Sinne des
Völkerrechts behauptet, ergibt mit aller Klarheit der häufige
Zusatz: „ohne Erlaubnis der Regierung“ und dann die Tatsache, daß
überhaupt nur ein Teil von ihnen die Handlung als Piraterie
bezeichnet. Solche Verbote sind: Französ. Ordonnanz von 1681, L.
III, Tit. IX, Art. 3 („défendons à tous nos Sujets de prendre
Commission d’aucuns Roys ... estrangers, pour ... courir la Mer sous
leur Banniere, si ce n’est par nostre permission, à peine d’estre
traitez comme Pirates“); niederl. Placaaten von 1611, 1653 und
sonst; englische Verbote im 17. Jahrhundert (Leoline Jenkins bei
_Phillimore_ I, S. 492: „’Tis a crime in an Englishman to take
commission from any foreign prince, that is in open war with another
prince or State ... since his Majesty hath forbid it by various
proclamations.“ Aber: „Yet if a man do take such a commission, or
serve under it, then ’tis no robbery to assault, subdue, and despoil
his lawful enemy“); s. auch die Angaben bei _G. F. v. Martens_,
Kaper, § 13, Note s. Aus neuerer Zeit: englische Foreign Enlistment
Act, 1870, s. 4; amerik. Rev. Stat. s. 5281 f. (Neutralitätsakte vom
20. April 1818); französ. Gesetz von 1825, Art. 3, Nr. 1; span.
Kapereiordonnanz von 1801, Art. 29; brasil. St.G.B., Art. 104, § 6
(in den drei letztgenannten Gesetzen ist der Tatbestand als
Piraterie bezeichnet); niederl. St.G.B., Art. 388; und implicite
alle Landesgesetze, die den Eintritt in fremde Kriegsdienste
allgemein untersagen. Besonders erwähnt ferner in zahlreichen
Neutralitätserklärungen (verschiedenen rechtlichen Charakters), so
z. B. österr. Erlaß vom 25. Mai 1854 (Annahme von Kaperbriefen soll
als Versuch des Raubes betrachtet werden) und ähnlich 11. Mai 1859,
ital. Dekrete vom 6. April 1866 und 26. Juli 1870. Das
Geltungsgebiet der Verbote ist verschieden, z. B. ist die amerik.
Neutralitätsakte von 1818 auf innerhalb des amerikanischen
Territoriums, die engl. For. Enl. Act, 1870, auf von englischen
Untertanen begangene Handlungen anwendbar. — Das englische und das
amerikanische Recht haben zur Begründung unbeschränkter
Strafkompetenz Feindseligkeiten englischer bezw. amerikanischer
Untertanen gegen ihr Vaterland „under colour of any commission from
any foreign prince“ für piracy erklärt, 11 u. 12 Will. 3 c. 7 s. 8
(1698), 18 Geo. 3 c. 30 (1744), amerik. Rev. Stat. s. 5373 (30.
April 1790); der Tatbestand ist ein Fall des Landesverrats.
283 Häufig haben einzelne Mächte sich vertragsmäßig verpflichtet, ihren
Untertanen die Annahme fremder Kaperbriefe zu verbieten, wobei
mehrfach, aber nicht einmal in der größeren Zahl der Fälle, der
reprobierte Tatbestand als Piraterie qualifiziert wurde. Wie man aus
diesen Verträgen herauslesen will, daß jeder nicht nationale Kaper
Pirat im Sinne des Völkerrechts sei (_Bonfils_, § 1273), ist ganz
unerfindlich. Eine detaillierte Anziehung des in Frage kommenden
Quellenmaterials erübrigt sich (die älteren Verträge siehe bei _G.
F. v. Martens_, Kaper, § 13, Note t, die neueren bei
_Pradier-Fodéré_, § 2505).
284 Placaaten vom 29. Juli 1661, Verbot an jeden Nichtportugiesen, auf
portugiesischen Kaperschiffen Dienst zu tun, bei Strafe, als
Seeräuber behandelt zu werden, und vom 11. März 1665, dasselbe
gegenüber England (_Baud_, S. 92, 94).
285 Mr. _Randolph_, Sec. of State, to Mr. _Hammond_, 23. Okt. 1794
(_Wharton_, Int. Law, § 383): „The British position that American
citizens employed on French privateers in the war with revolutionary
France were pirates, is in conflict with settled principles of
international law.“ Mr. _Madison_, Sec. of State, report 25. Januar
1806 (_Wharton_ a. a. O.): „The French decree of June 6, 1803,
importing that every privateer of which two-thirds of the crew
should not be natives of England, or subjects of a power the enemy
of France, shall be considered a pirate, is in contravention of the
law of nations.“
286 „Je dois faire connoître à V. E. qu’afin d’empêcher, dans l’intérêt
du commerce de toutes les nations, qu’un système de piraterie et de
brigandage ne s’organise sous le pavillon mexicain, j’ai donné ...
aux capitaines des navires de guerre sous mes ordres des
instructions dont voici l’extrait:
‚Ne seront considérés comme mexicains que les navires armés dans un
des ports du Mexique, pourvus d’une lettre de marque régulière,
émanée directement du gouvernement de ce pays, et dont le capitaine
et les deux tiers de l’équipage au moins seront nés mexicains.
Tout corsaire, sous pavillon mexicain, qui ne satisferait pas à ces
conditions, sera considéré comme pirate, et, comme tel, traité avec
toute la sévérité des lois de la guerre‘“ (_Ortolan_ I, S. 449).
287 „Every subject or citizen of any foreign state, who is found and
taken on the sea making war upon the United States, or cruising
against the vessels and property thereof, or of the citizens of the
same, contrary to the provisions of any treaty existing between the
United States and the state of which offender is a citizen or
subject, when by such treaty such acts are declared to be piracy, is
guilty of piracy, and shall suffer death.“ Vorgeschlagen durch
Botschaft des Präsidenten vom 8. Dez. 1846 (bei _Ortolan_ I, S. 242,
N. 1), weil die Gefahr der Annahme mexikanischer Kaperbriefe durch
spanische Untertanen bestand (entgegen Art. 14 des
spanisch-amerikanischen Vertrages vom 20. Okt. 1795).
288 „Seront considérés et jugés comme pirates, avec toute la rigueur des
lois, les capitaines, patrons officiers des navires qui, n’étant ni
nord-américains, ni montés par un équipage aux deux tiers
américains, seront capturés exerçant des actes de guerre contre
l’Espagne, même s’ils sont pourvus de lettres de marque délivrées
par la République des Etats-Unis“ (Revue générale V, 1898, S. 761,
N. 1).
289 Vgl. auch _Pradier-Fodéré_, § 2505: „Il est bien évident qu’un Etat
... assimilant aux pirates les nationaux de Puissances étrangères
avec lesquelles il est en paix, qui prendraient d’Etats tiers des
commissions en course contre lui ..., pourvoit à sa propre défense,
à sa propre sûreté, mais ne peut pas imposer aux Puissances
étrangères, qui n’ont pas les mêmes intérêts que lui, les
dispositions des lois qu’il a faites.“
290 Das folgende gehört schon nicht mehr zur Abgrenzung des
völkerrechtlichen Tatbestandes der Piraterie.
291 S. o. S. 105, N. 3. _Pradier-Fodéré_, § 2504 und _Hall_, S. 263,
übersehen auffälligerweise diese wesentliche Beschränkung. — Das
Gesetz ist nicht leicht verständlich. Ist die Erteilung der
Kaperbriefe unzulässig, so liegt kein Grund vor, die Strafdrohung
auf Fälle zu beschränken, in denen der Heimatstaat sich seinerseits
verpflichtet hat, die Annahme durch seine Untertanen zu verhindern;
ist sie zulässig, so ist der Empfänger der Kommission als
rechtmäßiger Feind zu behandeln. _Pradier-Fodéré_, § 2505 und
_Travers Twiss_, Int. Law II, S. 419, betrachten denn auch (unter
Zugrundelegung der zweiten Alternative) die Bestrafung der Besatzung
trotz Bestehens eines Vertrages des in dem amerikanischen Gesetze
bezeichneten Inhalts als völkerrechtswidrig. Ihrer Ansicht dürfte
beizutreten sein. Doch ist zu beachten, daß die Behandlung des
Kapers nach droit de guerre nur dem Kriegsgegner, nicht auch dem
Heimatstaate des Kapers gegenüber rechtswidrig ist, da dieser durch
den Vertrag gebunden ist, sein Schutzrecht nicht auszuüben (Wortlaut
der Verträge: „il sera puni comme pirate,“ „sous peine d’être
considéré et traité comme pirate“); die Beschränkung des
amerikanischen Gesetzes hat also immerhin einen guten Sinn.
292 Die französische und die spanische Erklärung differieren darin, daß
die Forderung nationaler Bemannung in der einen absolut, in der
anderen alternativ mit der der Staatsangehörigkeit des Schiffes
aufgestellt wird. Die Note _Baudins_, nach Inhalt und Ton ein
Produkt europäischen Überlegenheitsgefühls, droht, auch mexikanische
und mit Inländern bemannte Kaperschiffe als Piraten zu behandeln,
wenn sie nicht in Mexiko ausgerüstet sind.
_ 293 Ortolan_ I, S. 243: „Comment, tandis que l’état reste neutre, les
sujets particuliers de cet état prendraient-ils partie pour l’un ou
pour l’autre des belligérants?“ Das Völkerrecht hat allerdings
nichts dagegen einzuwenden.
294 So _Hall_, S. 263, 264; _Pradier-Fodéré_, § 2504 („ce navire est
couvert, du moins vis-à-vis des Puissances tierces, par la
commission qu’il a obtenue“).
295 Die letztere Ansicht bei _Perels_, S. 110. Über die Geschichte der
Identifizierung siehe _Pradier-Fodéré_, § 2513 f.