schroff gegenüber, nicht nur in der Frage nach der Entstehung der
Atmosphäre, sondern ebenso in der nach der Entstehung des Ozeans, der trotz
seines Alters von über 100 000 000 Jahren, sicherlich jünger ist, als die
Atmosphäre.
Für die Anhänger der Nebelflecktheorie ist die Frage der Entstehung des
Ozeans verhältnismäßig leicht zu beantworten. Danach ist der Ozean nichts
anderes, als der Rückstand, der beim Kristallisieren der festen Erdmasse
zurückblieb. Nach der Meteoritentheorie enthielt die aus dem Inneren an die
Oberfläche entwichene Atmosphäre wasserlösliche Gase, die sich in dem bei
der Abkühlung der Erde gebildeten Wasser auflösten, dann weiter auf die
feste Kruste wirkten und so die Entstehung des Ozeans verursachten.
Kein Kapitel der Geochemie ist wohl gründlicher erörtert worden als die
»Entstehung des Petroleums«. Hier stehen sich zwei Gruppen von Theorien
gegenüber, eine unorganische und eine organische. Nach jener ist das
Petroleum aus Kohlenstoff und Wasserstoff unter eigenartiger Mithilfe hoher
und höchster Temperaturen entstanden, nach dieser ist es aus toten
Pflanzen- und Tierkörpern hervorgegangen.
Unter den unorganischen Theorien ist die berühmte Karbidtheorie
Mendelejeffs erwähnenswert. Mendelejeff meint, daß im Erdinnern
Eisenkarbide, Verbindungen von Eisen mit Kohlenstoff, vorhanden sind, daß
das Wasser der Erde zu diesen Zutritt hat, und daß dadurch
Kohlenwasserstoffe (Petroleum und Erdgas) erzeugt werden, ebenso wie
Kalziumkarbid mit Wasser Azetylen hervorbringt. Wenn solche Eisenkarbide in
mäßiger Tiefe der Erdrinde vorhanden wären, so würde die Voraussetzung
viel Wahrscheinlichkeit für sich haben; jedoch ist bisher das Vorhandensein
solcher Karbide im Erdinnern nicht nachgewiesen worden.
Die unorganischem Theorien sind in den letzten Jahren mehr und mehr durch
die organischen verdrängt worden, nach denen das Petroleum aus Pflanzen-
und Tierresten früherer geologischer Zeiten entstanden sein soll. In der
Tat entstehen bei der Verwesung von Seepflanzen verschiedene
»Kohlenwasserstoffe«, doch ist trotzdem die »tierische« Theorie heute die
herrschende. Man könnte fragen, ob die großen Mengen Petroleum, die auf der
Erde vorhanden sind, wirklich aus Fischen hätten entstehen können, ob der
Fischvorrat der Erde zur Erzeugung solch gewaltiger Petroleummengen
hinreiche? Diese Frage muß unbedingt bejaht werden. Schon das Ergebnis des
Heringsfangs von 2500 Jahrgängen an der Nordküste Deutschlands würde, wenn
die Hälfte seiner Fette und Öle in Petroleum umgewandelt würde, so viel
Petroleum liefern, als Galizien bisher hervorgebracht hat.
So hat die Chemie viele Geheimnisse der leblosen Erde ergründet. Die Art
der leblosen Stoffe hat sie erklärt; was sagt sie aber über das Lebende?
Hat die Wissenschaft keine Brücke geschlagen vom Ufer des Leblosen zum Ufer
des Lebenden? Ist wirklich nur dem Lebenden Tod und Vergänglichkeit,
Wehrkraft und Willen, Liebe und Haß, Erinnerung und Vererbung,
Fortpflanzung und Entwicklung eigen? Ist das Leblose wirklich so starr und
unveränderlich, wie man gemeinhin annimmt? Ist das Niedrigste der lebenden
Welt vom Höchsten der leblosen Welt tatsächlich durch eine Kluft getrennt?
Mit diesen Fragen wollen wir uns nun zum Schluß beschäftigen.
Die Fähigkeit, sich zu _erinnern_, ist eine köstliche Gabe des
intelligenten Menschen. Diese Fähigkeit ermöglicht es, vergangene
Ereignisse im Geiste wieder zu vergegenwärtigen. Viel wesentlicher aber als
das bewußte Erinnern, das nur der Mensch, und vielleicht, in geringem Maße
die höheren Tiere besitzen, ist die Fähigkeit, das vergangene und erfahrene
Erlebnis sich so zu eigen zu machen, daß beim Eintreten des gleichen oder
eines ähnlichen Erlebnisses die Lehre der Vergangenheit benutzt wird. Diese
Fähigkeit aber ist auch den niederen Wesen eigen. Sie ist nichts anderes
als die bekannte Anpassung und Gewöhnung. Das Blut, unfähig, größere
Mengen fremden Serums aufzunehmen, nimmt willig kleine, stets wachsende
Mengen auf, es wird gleichsam gestärkt durch die Erinnerung, gefestigt
durch die vergangene Erfahrung. So ändert sich auch das Leblose durch jede
Erfahrung, die es macht, durch jeden Eindruck, den es erleidet, es erinnert
sich gewissermaßen der früheren Erfahrung und verhält sich bei der
Wiederkehr anders, als vorher.[3]
[3] Siehe Nagel, Die Welt als Arbeit, Stuttgart, 1909.
So »merkt« sich der Stahldraht jede Drehung, die er erfahren. Die
photographische Platte merkt sich ihre Begegnung mit dem Sonnenlichte. Wenn
man Eisen schmiedet, nimmt es mehr und mehr einen neuen, eigenartigen
Charakter an durch die zahlreichen, dauernd sich einprägenden
»Erfahrungen«, die ihm das Geschmiedetwerden beibringt. Eine _plötzliche_
Erfahrung geht ebenso dauernd in das Besitztum des Leblosen über, wie in
das des Lebenden. Die Metallplatte, die einen Moment, leidend, durch die
Münzpresse gegangen ist, ist dauernd zur Münze geprägt, ebenso wie der
Mensch, dem ein plötzliches Unglück widerfährt, sofort daran gewöhnt, damit
vertraut und dadurch dauernd beeinflußt ist. Wenn wir von zwei erwärmten
Stahlstücken, das eine allmählich, das andere plötzlich abkühlen, so bleibt
jenes geschmeidig, während dieses spröde wird und spröde bleibt, ein
Beispiel, wie verschieden derselbe Stoff durch verschiedene Einwirkungen
oder Erfahrungen verändert wird.
Dieser »Erinnerung«, im weitesten Sinne des Wortes, ist es zuzuschreiben,
daß nichts stille steht, daß alles fließt und sich stetig verändert, weil
es schon durch die Umgebung fortwährend beeinflußt wird. Der Stahlbalken
einer Brücke ändert sich von Tag zu Tag infolge der fortwährenden
Erschütterung, es ändert sich die Beschaffenheit der kleinen Kristalle, aus
denen er besteht; so wird er schließlich greisenhaft und bricht, er leidet
gleichsam an Arterienverkalkung.
Aber der Tod? Ist der nicht das Vorrecht der Lebewesen? Hat das Leblose
eine ähnliche Erscheinung aufzuweisen? Jawohl, in gewissem Sinne. In dem
Sinne nämlich, daß ein neuer Zustand anbricht, in dem die Erinnerung an den
früheren Zustand erloschen ist. Der Tod erinnert sich nicht des Lebens, das
Leben nicht des Todes. In diesem Sinne können wir auch in der leblosen Welt
von »Leben und Tod« sprechen.
Als willkürliches Beispiel nehmen wir ein Kupfergefäß. Jede Abnutzung durch
Gebrauch, jede durch Gewalt herbeigeführte Gestaltveränderung behält es
dauernd bei, erinnert sich gleichsam ihrer, benutzt die gemachte Erfahrung
und wird durch Leiden mürbe, wie der Mensch. Wenn wir in seine Oberfläche
hineinritzen oder feilen, so behält es die »Marke« bei und läßt sich dann
leicht an derselben Stelle tiefer ritzen.
Wenn wir nun dieses Kupfergefäß einschmelzen und als Kupferblock erstarren
lassen, so weiß dieser Kupferblock, um im Bilde zu bleiben, nichts von den
Leiden und Freuden, die er als Kulturtopf erlitten und genossen, weiß
nichts von den Beulen, Hieben und Hammerschlägen. Er ist ein neues Wesen,
bereit, neue Erfahrungen aufzunehmen, bereit, von neuem Weh und Glück zu
empfangen, er ist wiedergeboren, wiederauferstanden. Um aber
wiederzuerstehen, mußte er durch die Lethe wandern, durch den
erinnerungraubenden Strom, durch den Tod -- durch den flüssigen Zustand.
Von diesem Standpunkt aus ist der Tod nichts anderes als der Übergang aus
einem Aggregatzustand in einen andern, indem dabei die »Erinnerung« an den
ersten Aggregatzustand ganz verlischt. Um aber »Erinnerung« zu ermöglichen,
ist Form nötig, wie sie das Feste hat, das Flüssige und Gasförmige jedoch
nicht. Das Wasser, das ich aus dem Kruge in das Trinkglas und dann wieder
zurück in den Topf gieße, bleibt davon unbeeindruckt, »erinnert« sich
(dieser Wandlung) nicht, ebensowenig das Gas, das, gleich der Flüssigkeit,
formlos ist. Nur das Feste hat also, recht verstanden, Erinnerung, die
Flüssigkeit und das Gas aber sind erinnerungslos.
So können wir den Zustand der Flüssigkeit und des Gases als _niedrige_
Aggregatzustände bezeichnen, im Gegensatz zu dem _höheren_ festen Zustand
und können das Leben selbst als einen eigenartigen, _hohen_, besonders
reizbaren, besonders erinnerungsfähigen, besonders sorgfältig geformten
Aggregatzustand, als den _vierten_ Aggregatzustand einer Reihe ansprechen,
deren erster das Gas, deren zweiter das Flüssige, deren dritter das Feste
ist.
Man sollte nun meinen, daß man im Gebiete des Leblosen keine Vorgänge
finden könnte, die der Fortpflanzung entsprechen, Vorgänge, in denen ein
Same, ein kleines Abbild des ausgewachsenen Individuums, zu einem großen
Wesen wird, von genau derselben Form, der dieser Same entstammt. Und doch
lassen sich solche Vorgänge im Gebiete des Leblosen leicht finden und zwar
in der Erscheinung der Kristallisation.
Wenn wir in eine entsprechend starke Lösung von Glaubersalz ein kleines,
nur staubkorngroßes Glaubersalzkriställchen hineinwerfen, so kristallisiert
alsbald, unter Umständen augenblicklich, die ganze Masse in großen, dem
Glaubersalz eigentümlichen Kristallen. Die Glaubersalzlösung ist der
Mutterboden des Glaubersalzkristalles und nur des Glaubersalzkristalles,
genau so wie der Mutterleib nur den Samen der eigenen Art zur Entwicklung
bringen kann.
Ja, wird man jetzt sagen, aber die Wehrkraft, das tatkräftige Abwehren, ist
ausschließlich Sache des Lebendigen; das Leblose ist stets nur passiv und
leidend. Dagegen ist einzuwenden, daß das Bestreben, den gewohnten Zustand
beizubehalten, die Trägheit, auch dem Leblosen eigen ist, und daß dieses
sich ebenso gegen jede Veränderung sträubt und wehrt wie das Lebende. Beide
wehren sich eben mit ihrer ganzen ihnen innewohnenden Kraft. Der Mensch
erwehrt sich seines Feindes so lange und so gut, wie er kann, und das
Stahlblech setzt ebenfalls dem Verbiegen seinen stärksten Widerstand
entgegen. Das Holz läßt sich nicht ohne weiteres durch die Säge zerspalten,
es muß dazu genau so viel Arbeit verwendet werden, als die Überwindung der
Wehrkraft des Holzbrettes erfordert. Die Art und Stärke der Wehrkraft macht
eben das Wesen und die Eigenschaften eines Stoffes aus. Das Holz wehrt
sich, das Sonnenlicht durchzulassen, ist darin erfolgreich und läßt das
Sonnenlicht nur noch als Wärme wirken. Das Glas wehrt sich gegen das Licht
nicht, und die dadurch bewirkte Durchsichtigkeit ist seine eigentümlichste
Eigenschaft. Das Zink hat keine Wehrkraft gegen Schwefelsäure, das Blei
eine sehr bedeutende, der es eben seine vielfache praktische Verwendung
verdankt. Die Wehrkraft des Tones gegen Wärme und Elektrizität ist sehr
bedeutend, die des Kupfers sehr gering.
Die aktive Betätigung, die ja auch beim Menschen stets nur einer in oder
außer ihm liegenden Ursache, einer Anregung, einem Drucke von außen
entspringt, finden wir ebenfalls im Leblosen wieder: das in den Felsritzen
gefrierende Eis zersprengt den Felsblock.
Auch das wichtigste Wehren der lebendigen Welt, das Wehren gegen den Tod,
den Todeskampf, finden wir im Leblosen wieder. Wehrt sich der Lebende
kräftig gegen alles Schädliche, so wehrt er sich ganz besonders, bis aufs
äußerste, mit dem ganzen Aufwand seiner Energie, gegen das ihm
Schädlichste, gegen das ihn Vernichtende, gegen den Tod. Ebenso wehrt sich
das Leblose ganz besonders gegen eine Veränderung seines Aggregatzustandes.
So wehrt sich das Eisen mit einem gewissen Kraftaufwande gegen die Aufnahme
von Wärme, gegen Erwärmung, und verwendet, seinen Widerstand zur Geltung
bringend, einen großen Teil der zugeführten Wärme, statt zur eigenen
Erwärmung, zur Vergrößerung seines Volums. Aber dieser Widerstand wächst
ins Riesige, wenn man, beim Schmelzpunkt angelangt, das Eisen schmelzen
will. Da muß eine außerordentlich große Menge Wärme, die Schmelzwärme, dem
Eisen aufgezwungen werden, um es zu töten, um es dazu zu bringen, seine
bisherige Eigenart aufzugeben, um es aus dem festen in den flüssigen
Zustand hinüberzuzwingen -- um es zu schmelzen.
Vom Hassen und Lieben des Leblosen haben wir bereits früher gesprochen und
haben gesehen, wie sich die Elemente fliehen und suchen, wie sie das
Verwandte -- um sich damit zu verbinden -- auswählen (Wahlverwandtschaft),
so daß wir nun keinen Abgrund mehr sehen zwischen dem Leblosen und
Lebenden, sondern nur Stufen, die vom einen zum andern hinaufführen.
Auch das Leblose paßt sich der Umgebung an; der Stein, indem er verwittert,
paßt sich der Einwirkung der Atmosphäre an, ändert sich und »entwickelt«
sich. Sowohl im Gebiete des Lebenden als dem des Leblosen werden
Erinnerungen, Erfahrungen und Erlebnisse aufgehäuft, die das Individuum
verändern und dadurch sein zukünftiges Benehmen beeinflussen. In beiden
Gebieten finden wir Wehrkraft, also Charakter und Eigenschaften, ohne die
die Welt ein gleichförmiges, wüstes Chaos und nicht ein mannigfaltiger
Kosmos wäre. »Jeder freut sich seiner Stelle, bietet dem Verächter Trutz«.
In beiden Gebieten finden wir ein Aufeinanderwirken, einen Kampf zwischen
Außenwelt und Individuum, dessen Ergebnis eben die Gesamtentwicklung der
irdischen Natur ist.
So ist die Entwicklung nichts anderes als die stetige Betätigung der
»Wehrkraft«, die, wenn auch tausendmal überwunden, immer wieder in
ursprünglicher Jugendfrische, herrlich wie am ersten Tag, erscheint. Die
Wehrkraft ist die unerschöpfliche Quelle der tätigen Natur, sie ist der
Wille der Welt. Sie ist die Wurzel, der Stamm, das Geäst und das Laubwerk
der knorrigen Esche Yggdrasil, die, in ihrem Grunde beharrend, ihren Wipfel
ausbreitend hinaufbaut in den Äther.
Während infolge der Wehrkraft alles fließt und sich ändert, steht die
Wehrkraft selbst, der Wille der Welt, ewig still, wie der Regenbogen auf
dem tosenden Wasserfall. Sie bleibt sich ewig gleich, nur ihre Bekleidung,
die Weltmaskerade, wechselt. Der Schein wechselt, das Wesen bleibt.
Auf diese Weise hat die Chemie die Erde zerlegt, gemessen und gewogen und
die Kluft zwischen Lebendigem und Leblosem zu überbrücken gesucht; aber sie
hat auch neues Licht geworfen auf die Stellung der Erde im Weltall und
insbesondere auf das Verhältnis der Erde zur Sonne.
Bevor wir darauf eingehen, wollen wir fragen -- eine Frage, die unserem
Gegenstande nur scheinbar fern liegt -- was das Wesen einer Maschine ist.
Zur Beantwortung dieser Frage betrachten wir die Dampfmaschine und die
Dynamomaschine. Die Dampfmaschine verwandelt Wärme in mechanische Arbeit,
also Wärmeenergie in mechanische Energie; die Dynamomaschine verwandelt
mechanische Kraft in Elektrizität, also mechanische Energie in elektrische
Energie. Maschinen sind also Geräte, die eine Art von Energie in eine
andere verwandeln.
Nun erhält die Erde von der Sonne strahlende Energie, Licht. Ein Teil
dieser Lichtstrahlung, dieser strahlenden Energie wird in der irdischen
Atmosphäre in Wärme umgesetzt. Als Umwandler der strahlenden Energie in
Wärmeenergie ist die Erde also eine Maschine, und die Wirkung der Arbeit
dieser Maschine sind die geologischen und meteorologischen Ereignisse. Auch
die pflanzlichen Organismen sind Maschinen, da in ihnen die strahlende
Energie der Sonne in chemische Kräfte, in chemische Energie umgewandelt und
zum Aufbau des Pflanzenkörpers verwendet wird. Die Tiere wieder nähren sich
von den chemischen Kräften der Pflanze und verwandeln sie in tierische
Masse, in Muskelkraft und in der weiteren Entwicklung, in Gehirnenergie, in
Intelligenz. So ist die Erde vor allem eine Maschine zur Umwandlung von
strahlender Energie in Wärme; die Pflanzen sind Maschinen zur Umwandlung
von strahlender in chemische Energie und die Tiere zur Umwandlung von
chemischer Energie in andere Formen. Je höher wir in der Entwicklungsreihe
der Pflanze aufwärts steigen, um so besser wird die der Pflanze zuteil
gewordene Lichtmenge ausgenutzt, um so wirksamer also wird die Maschine;
ebenso nimmt auch im Tierreich der Wirkungsgrad und überdies die
Mannigfaltigkeit der umgewandelten Energien stetig in der Entwicklungsreihe
zu.
Während in den Sonnen die Umwandlung strahlender Energie in chemische,
mechanische und Wärme-Energie eine sehr wesentliche Rolle spielt, sind die
Nebelflecke offenbar Maschinen, in denen aus verdünnter schwacher Wärme und
strahlender Energie, auf dem Umwege über chemische und mechanische Energie,
starke, konzentrierte strahlende Energie erzeugt wird, wodurch sie
schließlich in Sonnen übergehen.
Hiernach ist jeder Teil der Welt eine Maschine in bezug auf die von dem
Rest der Welt auf ihn einwirkenden Energien. Für die Sonne als
Dampfmaschine bedeutet der Rest des Weltalls den Dampfkessel. Die Planeten
sind Maschinen vor allem in bezug auf die von der Sonne erhaltene Energie.
Sie bringen selbst wieder im Laufe der Entwicklung Maschinen hervor, die
Organismen, die die Energie in stets neue Formen umwandeln und das bunte
Bild des Lebens zustande bringen. Für je mannigfaltigere Energien diese
Organismen empfänglich sind, und je mannigfaltiger und wirksamer sie sie
umwandeln, als um so vollkommener und höher bezeichnen wir sie.
Wenn man also bisher annahm, daß das Weltall einem Kältetode entgegengehe,
so war diese Annahme nicht richtig. Denn dem Weltall stehen Mittel und Wege
zur Verfügung, hohe Temperaturen aus anderen, auch ganz schwachen, ganz
verdünnten Energien darzustellen. Die Möglichkeit, entweder unmittelbar
oder auf Umwegen schwache, verdünnte Energien, wie Wärme, Elektrizität
usw., in starke, konzentrierte umzuwandeln, ist eben durch den maschinellen
Charakter der Welt bedingt. Wenn diese Wiederverstärkung der Energien nicht
möglich wäre, dann müßte das Weltall -- wenn es ewig ist -- schon vor
Ewigkeiten dem Kältetode und der starren Ruhe verfallen sein. Da wir nun
aber sehen, daß die Sonnensysteme, die Sonnen, die Planeten, die
Nebelflecke ebensogut Maschinen entsprechen, wie die von den Menschen
gebauten Maschinen und die Organismen selbst, so können wir daraus die
Ewigkeit des Geschehens verstehen.
Wenn wir nun den Begriff »Maschine« etwas genauer untersuchen, so sehen wir
alsbald, daß jeder Stoff, jede Materie, gleichgültig, ob lebend oder
leblos, eine Maschine ist, das heißt, daß in allen ein Teil der auf sie
einwirkenden Energien in andere Formen umgewandelt wird. Jede Materie und
nach unserer Erfahrung _nur_ die Materie ist eine Maschine zur Umwandlung
von Energien. Die Materie hat also im Weltganzen die Aufgabe eines
Energieumwandlers. Das Gesetz von der Erhaltung der Materie verbürgt die
Ewigkeit der Energieumwandlungen durch die Ewigkeit und Unverminderbarkeit
des Energieumwandlers.
Wir haben oben gesagt, daß die Maschinen, je höher wir in der
Entwicklungsreihe aufwärts steigen, um so mannigfaltigere Tätigkeiten
ausüben, indem eine stets wachsende Zahl von Energiearten in stets
wirksamerer Weise in ihnen zur Umwandlung gelangt. So bedarf die Pflanze
nur einer beschränkten Zahl von Strahlenarten, auch das niedrige Tier
empfindet nur ein enges Gebiet der Strahlung, verglichen mit dem Menschen,
auf den eine ganze Menge von Strahlen einwirkt.
Der maschinelle Charakter der unorganischen Stoffe ist viel einfacher als
der der Tiere, in denen durch die Entwicklung und Verfeinerung mehrerer
Sinne die Umwandlung einer viel größeren Zahl von Energien ermöglicht ist.
Die unorganischen Maschinen werden nur von einer geringen Zahl von
Energien, und von jeder nur in einem eigenen Wirkungsgrade beeinflußt.
Gewisse Energien werden mehr oder weniger umgewandelt, andere wieder gehen
völlig oder fast völlig unverändert durch. So läßt z. B. Fensterglas einen
großen Teil des Farbenspektrums, einen großen Teil der Sonnenstrahlung
unverändert durch, es ist aber eine Maschine in bezug auf die sogenannten
Ultrastrahlen, während es elektrische Energie im Gegensatz zu Kupfer gar
nicht durchläßt. Von gewissen unorganischen Materien wird strahlende
Energie, von anderen wieder Wärme in chemische Energie umgesetzt. Noch
weniger mannigfaltig in ihrer Wirkung als die natürlichen unorganischen
Maschinen sind die von den Menschen gebauten Maschinen, da sie nur der
Umwandlung _einer_ Energie fähig sind. So setzt die Dampfmaschine Wärme in
mechanische Energie um, ist aber völlig unbrauchbar zur Umwandlung von
mechanischer in elektrische Energie oder umgekehrt.
Wir können also sagen: Alle Stoffe, alle Materien sind Maschinen, in allen
werden gewisse einwirkende Energien in andere Formen umgewandelt. Die Zahl
der umgewandelten Energien ist am geringsten und die Umwandlung am
unvollständigsten in unorganischen Materien. Die Zahl der umgewandelten
Energien, und die Vollständigkeit der Umwandlung wächst, wenn wir in der
Entwicklungsreihe der Organismen aufwärts steigen.
Nun können wir auch den wesentlichen Unterschied zwischen physikalischen
und chemischen Vorgängen klar fassen: physikalische Erscheinungen sind
solche, bei denen eine Energieumwandlung mit Hilfe einer Materie
stattfindet, z. B. das Schmelzen eines Metalles, oder das Elektrischwerden
verschiedener Stoffe; dies ist vergleichbar einer in Gang kommenden oder im
Gang befindlichen Dampfmaschine. Eine chemische Erscheinung dagegen ist die
Herstellung einer neuen Maschine aus den Teilen zweier oder mehrerer alter
Maschinen und ist daher vergleichbar dem Bau oder der Konstruktion einer
neuen Maschine. Hier eine Maschinenfabrik, dort eine in Betrieb kommende
oder im Betriebe stehende Maschine.
Alles Geschehen im Weltall beruht auf diesem Aufeinanderwirken von Materie
und Energie. In diesem ewigen Streite kämpft jeder der beiden Kämpfer so
weit, wie seine Kräfte reichen; sind die Kräfte des einen Kämpfers
erschöpft, so muß er sich ergeben oder zum mindesten nachgeben, und, auf
halbem Wege dem Gegner entgegenkommend, sich ihm anpassen. In dieser
wahrhaft ewigen, nie ruhenden Schlacht wird das eine durch das andere
beeinflußt, das eine durch das andere verändert. So ist die Materie der
große Energieumwandler, die Energie der große Materienumwandler. Durch den
Widerstand der Materie im elektrischen Widerstandsofen wird die
Elektrizität zur Wärme (Energieumwandlung), durch den Einfluß des
elektrischen Stromes wird das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt
(Materienumwandlung).
Damit wollen wir unsere romantische Wanderung durch das Gebiet der Chemie
beschließen.
Sachregister.
Aggregatzustand 81
Ackerbauchemie 55
Aluminium 29
Analyse 64
Anilinfarben 38
Arbeit des Chemikers 61
Arten, Erhaltung der, 51
Atmosphäre 73, 77, 78
Atomgewichte 74
Azetylen 26, 78
Baumwolle 32, 44
Baeyer 40
Bessemerverfahren 18
Bittermandelöl 54
Blutserum 49
Cumarin 54
Desinfektion 50
Diphtherieserum 50
Dynamit 43, 44, 68
Eisenerzeugung 16
Elektrochemie 29
Elektrostahl 18
Elemente 63, 74
Energie 84
Erdrinde 73, 74
Erfindertätigkeit 67
Erhaltung der Arten 51
Erinnerung 79
Erzmahlung 8
Fällung von Gold 9
Färberröte 38
Farbe 37
Feuerträger 47
Feuerwerksätze 44
Galalith 34
Gasglühlicht 24
Gasmaschinen 16, 19, 29
Generatorgas 28
Gifte 50
Glas 26
Glanzstoff 33
Glyzerin 44
Gold 6
Gold im Ozean 14
Goldfällung 9
Goldsucher 7
Gruppierung 62
Hartglas 27
Heliotropin 54
Hochofengas 16, 20
Indigo 37, 40
Indigoweiß 37
Jasminduft 54
Kalidünger 56, 57
Kalksandstein 36
Kalkstickstoff 59
Kalziumkarbid 26
Kampfer 34
Karborundum 29
Kasein 34
Katalyse 60
Kautschuk 34
Kieselgur 44
Kohle 27
Kollodium 32
Krapp 38, 40
Kristallisation 82
Konservierungsmittel 50
Kugelmühle 8
Kunstseide 31
Leblanc 69
Leuchtgas 24
Licht 22
Luftstickstoff 59
Lyddit 44
Martinstahl 18
Martinwerk 23
Maschine 84
Materie 84
Mahlen von Erz 8
Medizin 48
Melinit 44
Mendelejeff 76
Nitroglyzerin 44
Nobel 68
Orangenblüten 53
Osramlampe 26
Ozean 11, 73, 78
Papier 33
Periodisches System 75
Petroleum 25, 78
Pfannenprozeß 6
Pflügen 55
Phenol 44
Phosphor 46
Phosphorsäure 56, 58
Pikrinsäure 43, 44
Pochwerk 6
Purpur 38
Pyrophore 47
Quarzglas 27
Riechstoffe 52 ff.
Rohrmühlen 8
Rosenblüten 53
Salizylsäure 50, 54