nahmen, hatten wir das Versprechen zu danken, am folgenden Morgen in
eine der größten Diamanten-Gruben geführt zu werden. Diese Gunst wird
selten oder nie einem Europäer zu Theil. Wenn man um Erlaubniß ansucht,
erhält man stets zur Antwort: „Es wird gegenwärtig nicht gesucht; der
Platz liefert nichts, u. s. w.“ Auch Hr. Sanders wäre abgereist, ohne
die Minen gesehen zu haben.
Um 10 Uhr Abends entließ uns der Fürst. Sein erster Minister begleitete
uns, führte uns aber nicht nach unserer, sondern nach seiner Wohnung.
Als wir eintraten, langten gerade auch die Stühle und der Tisch an,
die er von dem Fürsten entlehnt hatte. Ich war von der Reise natürlich
ermüdet und wollte nur kurze Zeit verweilen; aber man ließ uns nicht
fort, und zu meinem Schrecken ward der Tisch zum zweiten Male mit
demselben Service gedeckt, welches einige Stunden früher in dem Divan
des Prinzen seine Pracht entfaltet hatte. Wie es schien wollte uns
der Minister den Nachtisch serviren, den sein Herrscher vielleicht
vergessen hatte, denn statt der warmen Gerichte wurden Früchte,
Backwerk und Scherbet gereicht. Erst um Mitternacht kamen wir nach
Hause.
+18. Februar.+ Morgens fuhren wir in Gesellschaft des ersten Ministers
zu Wasser nach den Minen von +Mongo+.
Die Diamanten kommen hier in sehr niedrigen Sand- und Erdhügeln vor,
welche viele Kieselsteine enthalten. Am Fuße der Hügel sind Gruben von
zwei Fuß Breite und 2½ Fuß Tiefe gezogen, in welchen sich das vom Regen
abgeschwemmte Gestein und Erdreich sammelt. Dieses wird in Körben nach
einem nahe gelegenen Wasserbehälter von 20 Fuß Länge und 15 Fuß Breite
gebracht, in welchem die Wäscher stehen, die mit großen, sehr flachen,
hölzernen Schüsseln versehen sind. Ein Theil des abgeschwemmten
Erdreichs wird auf diese Schüsseln gelegt und so lange geschüttelt und
mit Wasser überspült, bis sich die Steine von der Erde absondern. Die
Wäscher fahren dann leicht mit der Hand darüber, raffen die Steine
zusammen, besehen sie genau, ob kein Edelstein darunter ist und lassen
sie in das Becken fallen. Sie setzen diese Arbeit so lange fort, bis am
Ende bloß feiner, schwarzer Sand übrig bleibt, der dann ebenfalls in
das Becken geworfen wird. Steine und Sand werden, bevor man sie aus dem
Wasserbecken schafft, nochmals sehr genau durchsucht.
Nach einem Regen darf sich, außer den Arbeitern, Niemand den Gruben
nähern. Die Arbeiter sind Chinesen.
Es wurden uns zu Ehren zwei Körbe Erdreich gewaschen und darin zwei
Diamanten von der Größe kleiner Stecknadelköpfe gefunden; den einen
erhielt Herr Sanders, den andern ich. Der Minister sagte mir auch, daß
er Befehl habe, mir zu erlauben, selbst nach Diamanten zu suchen und
die gefundenen zu behalten; ich erwiederte ihm aber, daß ich nicht
gekommen sei, um Diamanten zu suchen, sondern nur um die Minen zu
sehen. Ich suchte nicht.
Viele Diamanten werden auch an andern Orten gefunden. Jene, die über
drei Karat haben, müssen an den Fürsten verkauft werden, der sie
gewöhnlich gegen Waare umtauscht und bei diesem Handel seine guten
Procente zu gewinnen weiß.
Die Diamanten haben selbst an den Fundorten einen sehr hohen Preis.
Den Abend waren wir wieder bei dem Panam-Baham geladen, den unsere
Gesellschaft sehr zu unterhalten schien. Man machte uns Hoffnung, den
Schatz des Fürsten zu sehen; allein so weit ging seine Gefälligkeit
nicht.
Am +19. Februar+ verließen wir Landak, um auf dem Strome Landak die
Rückreise nach Pontianak zu machen (200 Meilen).
Wir fuhren in dem großen Boote bis an die Mündung des Flüßchens
+Karanyan+. Hier bestiegen wir ein kleines leichtes Boot, um einen
Abstecher nach dem Oertchen Karanyan zu machen, in welchem sich vor
mehreren Jahren einige Amerikanische Missionäre festgesetzt hatten.
Ihre Absicht war gewesen, unter den Dayakern Proselyten zu machen.
Wahrscheinlich versprachen sie sich bei diesen mehr Erfolg als bei den
Mohamedanern, die zu fest an ihrem Glauben halten. Aber auch bei den
Dayakern hatten sie kein Glück und mußten den Platz aufgeben, ohne eine
einzige Seele erobert zu haben.
Die Fahrt auf dem Karanyan gehört zu den schönen, aber nicht zu
den bequemsten. Der Fluß war schmal, sehr seicht und der Art mit
gefallenen Baumstämmen angefüllt, daß man hätte glauben mögen, dieß sei
absichtlich geschehen, um ihn gegen Eindringlinge zu verschanzen. Auch
viele lebende Bäume neigten sich so tief über das Wasser, daß wir uns
flach in das Boot legen mußten, um unter diesen natürlichen Thorwegen
durchzugleiten. Obwohl die Fahrt vier Stunden währte, verging uns
doch die Zeit sehr schnell. Man kann sich schwer einen Begriff machen
von dieser großartigen Zusammenstellung der verschiedenartigsten
Laubbäume, Palmen, Gesträuche, Schlingpflanzen und Orchideen. Es gab
darunter solche Riesenstämme, daß ich mich in dem Boote zurücklegen
mußte, um mit dem Blicke die Spitze zu erreichen.
Zu Karanyan fanden wir noch eines der Missionshäuschen; zwei andere
nebst einer kleinen Kapelle waren schon spurlos verschwunden. Das
eine Häuschen ward von einem Malaien unterhalten, der dafür von den
Missionären eine kleine Entschädigung erhält. Die Herren hatten bei
ihrem Abzuge versprochen, bald wieder zu kommen, erschienen aber bisher
noch nicht, obwohl schon zwei Jahre verstrichen waren. Wir fanden noch
einige ihrer Möbel und Bücher vor.
Hierauf gingen wir noch vier Meilen weiter zu Fuß nach +Tubong+ und
+Sareton+, um die daselbst hausenden Dayaker zu besuchen. Aus ihrem
wenigen Putze, so wie an den geringen Vorräthen von Reis, Geflügel,
Schweinen u. s. w. sah man gleich, daß sie zu den Abhängigen gehörten;
sie waren dem Panam-Baham untergeben. Auch in ihren Zügen, in ihrer
Haltung vermißte man den offenen, ruhig freundlichen Charakter der
freien Stämme. Sie empfingen uns finster und mißtrauisch; erst als
Herr Sanders sie mit etwas Salz und Tabak beschenkte, thauten sie
auf. Ich bewunderte bei dieser Gelegenheit abermals die bescheidene
Gutmütigkeit dieser Menschen. Anstatt sich stürmisch an uns
heranzudrängen und die erhaltenen Geschenke einander aus den Händen
zu reißen, wie es häufig die Malaien thaten, empfingen sie bescheiden
was man ihnen gab, und warteten ruhig, bis der Aelteste die Theilung
gemacht hatte. Die Weiber bekommen hier so gut ihren Theil, wie die
Männer.
Wir frugen sie, ob ihnen die Missionäre häufige Besuche gemacht hatten;
man sagte uns, daß sie alle drei bis vier Tage gekommen seien. Sie
hätten geprediget, etwas aus Büchern gelesen, sich ein wenig mit ihnen
unterhalten und seien wieder gegangen.
Gegen Abend kehrten wir nach Karanyan zurück und nahmen für die Nacht
das Häuschen der Missionäre in Besitz. Am folgenden Morgen fuhren wir
das Flüßchen wieder hinab, bis zu unserm bequemen Boote und setzten
die Reise auf dem Landak bis Pontianak fort, wo wir am 22. Februar
glücklich anlangten.
[24] An Orten, wo nur einige Europäer leben, wie z. B. auf Borneo,
gibt es keine Gasthäuser.
[25] Der Kapthay trieb bedeutenden Handel mit Schweinen und
Schweinefleisch.
[26] Panam-Baham ist mehr als Rajah und weniger als Sultan.
[27] Diesen Glauben hatte man an den meisten Orten, sowohl unter
Mohamedanern als unter wilden Völkern; man hielt mich für eine
Art heiliger Person, und gewiß war dieß ein großer Schutz
für mich. Manche meinten auch, ich suche den Geist eines mir
verwandten Verstorbenen.
Fünftes Kapitel.
Pontianak. -- Das Pfandrecht. -- Der Opiumpacht. -- Die
Opiumraucher. -- Amok. -- Reise nach Sambas. -- Der Pangerong-Rato.
-- Zuvorkommenheit der holländischen Offiziere. -- Rückkehr nach
Pontianak. -- Die Boa. -- Einiges über die Völker Borneo’s.
Nun erst nahm ich mir Zeit, mich in Pontianak ein wenig umzusehen. Die
Lage der Stadt ist nichts weniger als reizend. Sie liegt 20 Meilen
von der See, in einer Ebene, die, einige Reisfelder abgerechnet, mit
dichten Waldungen bedeckt ist, und deren Einförmigkeit bloß der Strom
und das durch den Zusammenfluß des Landaks und Kapuas gebildete schöne
Delta unterbrechen. Die nahe Umgebung besteht aus Morästen und Sümpfen;
kaum daß man einen trockenen Spaziergang von tausend Schritt findet.
Nahe der Stadt ist ein hölzernes Fort errichtet, das von Erdwällen
umgeben und mit einer Besatzung von 130 Mann versehen ist. Die ganze
Europäische Gesellschaft besteht aus dem Residenten, fünf bis sechs
Beamten, einigen Offizieren und einem Arzte. Die Einwohnerzahl wird
auf 6000 angeschlagen.
An dem jenseitigen Ufer des Pontianak residirt ein Sultan, der
gleich den selbstständigen Königen Indiens unter den Engländern, dem
Namen nach unabhängig ist und frei über seine Völker herrscht, in
Wirklichkeit aber von einem Holländischen Residenten überwacht wird,
seine Grenzen ohne dessen Bewilligung nicht überschreiten darf und
mit einem Worte nicht das Geringste eigenmächtig unternehmen kann.
Der einzige Unterschied zwischen den Königen Hindostans und den
Fürsten Borneo’s ist, daß letztere aus eigenem Antriebe die Hilfe der
Holländer in Anspruch nehmen, während erstere wider Willen zur Theilung
ihrer Herrschaft gezwungen wurden. Die Fürsten auf Borneo haben zu
wenig Macht, einerseits den Streitigkeiten zwischen den Malaien,
Chinesen und Dayakern, anderseits den Umtrieben und Verschwörungen
in ihren eigenen Familien zu widerstehen. Sie unterwerfen sich daher
gerne der Holländischen Regierung, die ihnen den größten Theil der
Ländereien, die Abgaben der Unterthanen, die Goldwäschereien und
Diamanten-Gruben läßt und sich nur den Opiumpacht, das Salzmonopol und
andere minder bedeutende Einkünfte bedingt. Manche dieser Sultane und
Fürsten beziehen sogar eine jährliche Pension als Entschädigung für
die abgetretenen Rechte. So z. B. der Sultan von Pontianak, welchem
jährlich 48000 Rupien[28] ausgezahlt werden.
Auf Borneo gibt es, wie ich bereits erwähnt habe Sklaven, die zum
Theile aus den Kriegsgefangenen, zum Theile aus den Schuldnern
bestehen, welche zur festgesetzten Zeit nicht zahlen können, und dem
Pfandrechte (von den Holländern ~Pandelingschap~ genannt) verfallen.
Diesem barbarischen Rechte zu Folge muß der Schuldner seinem Gläubiger
so lange unentgeldlich dienen, bis die Schuld berichtiget ist. Stirbt
er früher, so tritt sein Weib, sein Sohn, seine Tochter oder sein
nächster Verwandter an die Stelle. Wer dem Sultane drei Jahre keine
Abgaben zahlt, ist Sklave des Sultans.
Wie man mir sagte, arbeitet Resident Willer mit großem Eifer gegen
diese schreiende Ungerechtigkeit und sucht ihr ein Ende zu machen.
Ein anderes Uebel, in seinen Folgen ungleich größer, da es nicht
einzelne Stämme oder Personen, sondern ganze Völker betrifft, ist
der Gebrauch des Opiums. Gegen diesen wird jedoch nicht gearbeitet;
im Gegentheile die Regierung selbst wendet alle Mittel an, ihn zu
verbreiten.
Es ist wirklich sonderbar, daß die Europäischen Regierungen einerseits
Kolonien gründen, Länder unterjochen, um, wie sie sagen, die
Civilisation, das Christenthum zu verbreiten, und andrerseits ihre
neuen Unterthanen in Lastern, die den Grundsätzen der christlichen
Religion, den Fortschritten der Civilisation gerade entgegenarbeiten,
unterstützen.
Warum wirken sie nicht gegen den Gebrauch des Opiums, an dem sich
Tausende, ja Millionen krank und sinnlos rauchen? -- Warum? -- Weil der
Opium-Bau (in Indien) der Engländer größter Reichthum ist -- weil der
Opium-Pacht den andern Regierungen die größten Einkünfte schafft.
Wie soll man den letzten Krieg nennen, den die Engländer dem
Chinesischen Kaiser erklärten, der seine Unterthanen vor diesem Gifte
bewahren und die Einfuhr des Opiums verbieten wollte?
Wie können wir von den unkultivirten Völkern Achtung verlangen für
unsere Religion, für unsere Civilisation, wenn sie sehen, daß diese
wie jene uns an den habgierigsten, schändlichsten Handlungen nicht
verhindern?
Ich besuchte eines Abends im Chinesischen Kampon die sechs öffentlichen
Häuschen, in welchen Opium geraucht wird. Die Raucher saßen oder lagen
auf Matten, und hatten an ihrer Seite kleine Lämpchen stehen, um
die Pfeife, in welcher sie das Opium rauchen, anzuzünden. Merkwürdig
ist die Geschicklichkeit, mit welcher selbst der schon halb sinnlose
Raucher das feinste Pünktchen Opium von dem Blatte zu lösen versteht,
auf welches es gestrichen ist.
Daß man an diesen Vergiftungsorten gräßliche Bilder zu sehen bekommt,
versteht sich leider von selbst. Hier rafft sich Einer lallend und
betäubt auf und versucht sich nach Hause zu schleppen, sinkt aber
kraftlos an der Schwelle nieder, -- ein Anderer liegt leblos auf der
Matte hingestreckt; er hat nicht einmal das Bewußtsein mehr, an sein
Haus zu denken; -- dort sitzt Einer mit blassen, eingefallenen Wangen,
mit stieren Augen, mit zitterndem Körper -- es fehlt ihm an Geld, er
kann sich nicht bis zur Sinnlosigkeit rauchen. Bei manchen erregt das
Opium-Rauchen eine große Munterkeit: sie schwatzen und lachen, bis sie
erschöpft auf das Lager zurücksinken und sich, ihrer Behauptung nach,
himmlischer Träume erfreuen. Das Traurigste ist, daß derjenige, welcher
sich einmal diesem Gifte hingegeben hat, ohne dasselbe nicht mehr leben
kann. Sein Körper ist gebrochen, erschlafft, er kann nicht arbeiten,
nicht denken, er ist zu allem unfähig, bis er nicht in einigen Zügen
Opium neue Aufregung, neues Leben geschöpft hat.
Zu meinem Erstaunen fand ich in den Opium-Häusern sogar Weiber, die
ebenso leidenschaftlich rauchten als die Männer.
Man sagte mir, daß der Pikul Opium in Singapore 1200 Spanische Thaler
koste; die Regierung verpachtet aber das Recht des Verkaufs so hoch,
daß sie daraus sechs- bis achthundert Prozent zieht.
Die Einkünfte der Holländischen Regierung auf Borneo kommen bisher
hauptsächlich aus dieser Verpachtung, und mit +Freude+ erzählte man
mir, daß sie alle Jahre mehr eintrüge. In Pontianak betrug sie im Jahre
1851 ungefähr 116,000, in Sambas 130,000 Rupien; auf Java soll sie die
ungeheure Summe von 10 Millionen erreichen und allein mehr betragen,
als alle übrigen Steuern und Abgaben zusammen.
Den Aufenthalt auf Pontianak benützte ich, unbekümmert um Hitze und
Moräste, fleißig zu Spaziergängen und zur Insekten- und Reptilienjagd.
Es machte mir bei dieser Gelegenheit kindisches Vergnügen, täglich zu
Fuße den Aequator zu passiren, von welchem Pontianak kaum eine Meile
entfernt liegt.
Eines Morgens hatten wir in Pontianak einen großen Schrecken. Wir saßen
noch ganz gemüthlich beim Frühstücke, als wir plötzlich ein heftiges
Geschrei und häufiges Hin- und Herlaufen vor dem Hause vernahmen. Als
wir auf die Gallerie traten, sahen wir Gerichtsdiener mit blankem
Säbel über die Straße laufen, und hörten vom fliehendem Volke den
Schreckens-Ruf „Amok! Amok!“ -- Wir stürzten in die Wohnung zurück, und
augenblicklich wurden alle Thüren und Fenster geschlossen und verwahrt.
Amok ist eine Art Raserei, die unter den Malaien, nicht nur
auf Borneo, sondern im ganzen Indischen Archipel vorkommt. Sie
ergreift die Menschen plötzlich und erregt in ihnen die heftigste,
unwiderstehlichste Begierde nach Menschenblut. Der davon Befallene
stürzt wie ein Wahnsinniger fort und tödtet alles, was ihm in den Weg
kommt, -- sein Weib, seine Kinder nicht ausgenommen. Man ist gezwungen
einen solchen Menschen niederzuhauen oder niederzuschießen wie einen
wüthenden Hund. -- Diese Raserei soll meistens von Eifersucht herrühren
und gewöhnlich nur bei Opium-Rauchern vorkommen.
Diesmal ging es mit dem leeren Schrecken ab; es zeigte sich, daß statt
des Amoks drei schwere Verbrecher aus dem nah gelegenen Gefängnisse
entsprungen waren. Sie wurden alsbald wieder eingebracht.
Von Pontianak wünschte ich mitten durch das Land an die Südküste nach
+Benjermassing+, ebenfalls einer Holländischen Besitzung zu gehen.
Es wäre dieß eine Reise von zwei bis drei Monaten gewesen, die ich
jedoch ohne Kenntniß der Dayakischen Sprache allein nicht hätte
unternehmen können. Ich suchte daher einen getreuen, verläßlichen
Diener oder Führer; allein es fand sich Niemand, der die allerdings
sehr gefährliche Reise wagen wollte. Ich mußte daher davon abstehen. Es
blieb mir nichts anderes übrig, als wider Willen nach Batavia zu gehen
und mich dort nach einer Gelegenheit für Australien umzusehen. Ich sage
„wider Willen,“ weil es mir bekannt war, wie theuer der Aufenthalt in
Batavia, so wie das Reisen auf Java ist und ich in Folge dessen dieß
schöne Land so schnell als möglich hätte verlassen müssen. Dazu machten
mir noch die Holländer selbst von ihren dortigen Landsleuten keine sehr
günstige Schilderung, und boten mir obwohl die einen Verwandte, die
andern Jugendfreunde daselbst hatten, nicht einmal Briefe für diese an
-- eine Sache, die mich um so mehr befremdete, als die Engländer mir
stets ohne die geringste Aufforderung von meiner Seite alle Mittel an
die Hand gaben, meine Reisen so angenehm als möglich zu machen. Doch
es blieb mir keine Wahl, und nachdem ich in Pontianak länger geblieben
war, als ich gewollt hatte, miethete ich einen Platz auf einer
ärmlichen Barke, die nach Batavia segelte.
In einigen Tagen sollte ich abfahren. Da ward mir die Freude noch zu
Theil, Herrn Residenten +Willer+ kennen zu lernen, der von Batavia
zurückkam. Ich nahm an diesem Manne großes Interesse, nicht nur weil
er ein sehr vollständiges Werk über die +Battaker+ auf +Sumatra+ und
die +Alforen+ auf +Ceram+ geschrieben hat, sondern auch weil er sich
die Abschaffung des Pfandrechtes so sehr angelegen sein ließ.
Auch an mir bewies Herr Willer sogleich sein treffliches Gemüth: er
kannte den Kapitän der Arabischen Barke als einen schlechten Menschen
und gab es nicht zu, daß ich mit ihm ginge. In der liebenswürdigsten
Weise bot er mir den ferneren Aufenthalt in seinem Hause an, und
versprach für meine Weiterreise zu sorgen. Zufälliger Weise kam bald
darauf ein Holländisches Schiff an, auf welchem er mir die Ueberfahrt
nach Batavia verschaffte. Ich hatte dabei Gelegenheit, noch etwas mehr
von Borneo zu sehen, da das Schiff vorerst in +Sambas+ anlegen sollte.
Am +6. April+ Morgens verließ ich Pontianak auf einem Regierungsboote
und um Mittag war ich an Bord des „+Christian Huigens+“ von 300 Tonnen,
Kapitän +Ihlower+.
Auf dem Schiffe hatte ein reges Leben statt. Die Fracht bestand in
einem Transporte Truppen aus 120 Soldaten, 46 Weibern und einem Dutzend
Kinder. Unter den Soldaten gab es nur 30 Europäer; die übrigen, so wie
alle Weiber waren von Java. Leider muß ich sagen, daß das Benehmen der
Europäer bei weitem nicht so gesittet war wie jenes der Eingebornen.
Unter die halb nackten, wilden Dayaker hätte ich ein Mädchen ohne
Bedenken mitgenommen; hier dankte ich Gott, kein Töchterchen bei mir
zu haben, -- ich hätte die Arme für die Zeit der ganzen Fahrt in die
Kajüte sperren müssen. Muß ich doch überall den Christen, mag er
Katholik, Protestant oder was immer sein, schlechter und ungesitteter
finden, als den armen verachteten Heiden und Mohamedaner! -- Die
Offiziere selbst gestanden mir, daß sie die eingebornen Soldaten den
Europäischen vorzögen. Jene seien viel stiller und verträglicher,
verrichteten den Dienst genau und betränken sich nicht. Wenigstens zwei
Drittheile der Holländischen Truppen im Indischen Archipel bestehen aus
Eingebornen, unter welchen sich besonders die +Maduresen+[29] durch
ihre Tapferkeit auszeichnen.
Am +8. April+ lagen wir auf der Rhede vor der Mündung des Flusses
+Sambas+ (80 Meilen). Wir hatten auf dieser kurzen Reise das Land nie
aus dem Gesichte verloren: entweder sahen wir Borneo selbst, oder
Inseln und Eilande, an denen es ringsumher nicht fehlte. Alles war
gebirgig und mit dichter Waldung bedeckt.
An der Mündung des Sambas liegt auf einem 150 Fuß hohen Hügel ein
kleines Fort, +Sorg+ genannt, zum Andenken an den Obersten +Sorg+, der
hier an seinen Wunden starb, die er in dem Gefechte mit den Chinesen
von Mandore erhalten hatte. Der Kommandant, Kapitän +van Houten+, nahm
mich für die Zeit, bis ein Boot von Sambas käme, um mich abzuholen,
gütigst bei sich auf -- eine Gefälligkeit, die um so höher zu schätzen
war, als seine ganze Wohnung aus zwei kleinen Kämmerchen bestand.
Nie sah ich ein erbärmlicheres Fort als dieses: es enthielt nichts
weiter als ein Paar niedrige Laubhütten, die den zwei Offizieren, dem
Arzte und den Soldaten zum Obdache dienten. Man sagte mir, daß es in
größter Eile errichtet worden sei, als sich die Chinesen von Mandore
empörten, die Herrschaft der Holländer nicht mehr anerkennen, und
besonders den Opiumpacht nicht mehr bezahlen wollten. Es fanden in
der Ebene, die am Fuße des Hügels +Paniebungan+ liegt, auf welchem
das Fort steht, drei Gefechte statt, in welchen 4000 Chinesen von
600 Holländischen Soldaten geschlagen wurden. Die Chinesen gelobten
hierauf neuen Gehorsam; doch wie es scheint, ist ihrer Treue nicht
recht zu trauen, und man sieht neuen Unruhen entgegen. Sobald dieser
Streit vollständig beendiget ist, soll ein ordentliches Fort an einem
passenden Orte errichtet werden.
Ich blieb zwei Tage Herrn +van Houten’s+ Gast und fuhr dann in einem
Regierungsboote, welches der Assistent-Resident Herr van +Prehn+ um
mich zu schicken so gütig war, nach Sambas (36 Meilen). Ich langte
Abends an und wurde in das Haus des +Pangerong-Rato+[30] geführt. Herr
van Prehn hatte das seinige mit Offizieren so überfüllt, daß er mich
nicht aufnehmen konnte.
Der Pangerong empfing mich im Divan. Hier sah es so Europäisch aus,
daß ich mir schmeichelte, recht gut aufgehoben zu sein. Nach einer
stundenlangen Unterhaltung äußerte ich den Wunsch, nach meinem Zimmer
zu gehen. Man frug mich, was ich zu essen wünsche. Ich bat ganz
bescheiden um zwei weichgesottene Eier. Auf meinem Zimmer angekommen,
wartete ich die längste Zeit auf dieses große Mahl. Endlich erschien
ein Diener, in einer Hand ein Bündelchen, in der andern ein Päckchen
haltend; er legte beides auf den Tisch und kramte aus -- das Bündelchen
enthielt sechs Eier, das Päckchen ein Pfund Wachskerzen. Ich mußte über
die höchst einfache Art der Bedienung um so mehr lächeln, als man mir
einige Diener nebst einer Dienerin gegeben hatte, die mich auf jedem
Schritte wie Schatten verfolgten, von welchen mir aber keiner weder
Messer noch Teller noch Brot oder Salz brachte. Ich hatte nicht mehr
den Muth, etwas zu verlangen; ich dachte, es könnte so rasch kommen als
die Eier, und ich sehnte mich schon sehr nach Ruhe. Ich langte daher
nach einem Ei, um es in Eile auszuschlürfen; aber -- es war kalt und
ungekocht. Ohne Imbiß mußte ich nach einer ganzen Tagereise mein Lager
aufsuchen.
Meine Wohnung bestand aus einer großen Halle, zu welcher drei Stufen
aufwärts führten. Ein kleiner Raum, durch Blätterwände getrennt,
bildete das Schlafgemach, das weder Thüre noch Fenster hatte; vor dem
Eingang war bloß ein kleiner Schirm gestellt. Als ich Morgens aufstand,
konnte ich natürlich in dem finsteren Gemache nicht bleiben und ging in
die Halle. Diese aber hatte ein halb Dutzend Thüren, die immerwährend
offen standen und allen Leuten zugänglich waren. An müßigem Volke
fehlt es in den tropischen Ländern nirgends, am wenigsten an einem
fürstlichen Hofe, und da ich noch dazu den Leuten eine merkwürdige
Erscheinung war (außer Frau Willer hatten sie noch keine Europäerin
gesehen), so befand sich meine Halle stets voll Menschen, und jede
meiner Bewegungen wurde beobachtet; ich kam mir wahrlich wie eine
stumme Schauspielerin vor.
Zum Frühstücke, auf das ich mit einem wahren Heißhunger wartete,
brachte man mir Thee ohne Milch[31] und ohne Brot. Ich fing schon an,
etwas böse zu werden, mich an ein Haus gewiesen zu sehen, in welchem
ich mit niemandem sprechen konnte und mir daher alles gefallen lassen
mußte. Da kamen endlich zwei Herren, Kapitän van der +Kapellen+ und
Dr. +Enthoffer+, mich zu besuchen und im Namen der gesammten Offiziere
einzuladen, eines ihrer Häuschen zu beziehen. Welche Freude mir diese
unverhoffte Einladung machte, bedarf wohl keiner Erwähnung. Die Herren
versprachen, mich gegen Abend abzuholen.
Indessen rückte Mittag heran, und als niemand erschien, meinen leeren
Tisch zu decken, begehrte ich zu essen. Ich hatte nun schon über
24 Stunden gefastet. Trotz meines guten Appetites war es mir aber
unmöglich, viel von dem Mahle zu genießen, das man mir vorsetzte. Es
bestand aus Reis, in Wasser gekocht, aus dem halben Flügelchen eines
Huhnes in so starker Kuri-Brühe, daß ich mir den Mund verbrannte, und
aus zwei dünnen Spalten getrockneten Fleisches (Den-den genannt),
welches in ranzigem Kokos-Oele zu Kohlen verbrannt war.
Um 4 Uhr brachte man mir einen großen Korb voll Früchte, von welchen
ich jedoch wenig aß, da sich der Europäer in diesen Ländern vor
Früchten sehr in Acht nehmen muß; sie bekommen ihm selten gut.
Um 5 Uhr erschienen die beiden Herren. Kapitän van der Kapellen führte
mich in sein eigenes Häuschen, welches er sammt seinen Dienern gänzlich
zu meiner Verfügung stellte; er selbst quartirte sich für die Zeit
meines Hierbleibens bei einem andern Offiziere ein. Man glaube aber
nicht, daß ich, weil ich ein ganzes Häuschen besaß, deshalb über viele
Gemächer zu verfügen hatte. Mein Palast, eine bescheidene Laubhütte mit
zwei kleinen Kämmerchen, war nebst andern ähnlichen Palästen in der
Eile aufgeschlagen worden, um die Offiziere zu beherbergen, die der
Chinesischen Unruhen wegen mit ihren Truppen die Besatzung von Sambas
vermehrt hatten. In Friedenszeit besteht die ganze hiesige Gesellschaft
aus dem Assistent-Residenten, einigen Beamten und Offizieren, im Ganzen
11 Personen, die Soldaten nicht gerechnet.
Sambas zählt einige Tausend Einwohner und gleicht allen übrigen
Malaischen Städtchen, mit der Ausnahme, daß die Chinesen meistens ihre
Häuser auf Flößen gebaut haben, wodurch der Fluß ein sehr belebtes
Ansehen erhält. Gleich Pontianak liegt Sambas in einer großen Ebene,
die aber nicht so versumpft ist, und in deren Hintergrund sich einige
Gebirge zeigen. Vor dem Hause des Assistent-Residenten ist sogar ein
großer Wiesenplatz mit Baum-Alleen.
Außer einem Fort besitzt Sambas auch ein Hospital mit geräumigen
Sälen, sehr reinlichen, guten Betten und reichen Vorräthen an Wäsche,
Arzeneien und Lebensmitteln, unter letzteren viele hermetisch
verschlossene Blechbüchsen (Conserve), feine Gemüse, Kalbfleisch
u. s. w. enthaltend, und feine Weine, wie Bordeaux, Rheinwein. In
dieses Hospital werden auch Eingeborne aufgenommen; doch machen sie
selten Gebrauch davon. Sie haben einen großen Abscheu vor Hospitälern
-- sie sahen Leute darinnen sterben, halten sie eher für Sterbehäuser
als für Heilanstalten und ziehen es daher vor, selbst an sich zu
quacksalbern.
Zu meinem Erstaunen bemerkte ich, daß die Holländer auf Borneo[32]
mit den eingebornen Mädchen in denselben freien Verhältnissen
leben, wie die Franzosen auf +Otahaiti+. Ich könnte hier Wort für
Wort wiederholen, was ich bei Gelegenheit meiner früheren Reise
über Otahaiti geschrieben habe. Mir fiel dies um so mehr auf, da
ich weder auf Singapore, noch auf Sarawak, noch auf irgend einer
Englisch-überseeischen Besitzung Aehnliches bemerkt habe.
Obwohl es in Sambas nicht viel Interessantes zu sehen gab, verging mir
die Zeit doch schnell und angenehm. Herr van Prehn sandte mir jeden
Morgen sein Boot, und der Fürst Rato vier Malaien. Ich fuhr bis an die
Waldungen und strich mit meinen Begleitern den ganzen Vormittag umher.
An die tropische Hitze war ich bereits gewöhnt, eben so an die Sümpfe
und Moräste, und an Schlangenbisse oder dergleichen Unfälle dachte ich
gar nicht. Wir brachten Tod und Verderben über alles, was uns vorkam;
kein Insekt, kein Reptil, kein Schmetterling fand Gnade vor unsern
Augen. Nachmittags hatte ich meine armen Opfer in Ordnung zu bringen,
und Abends erhielt ich stets Besuche. Mit Dank und Vergnügen werde ich
stets der Europäer in Sambas gedenken, besonders der Herren van der
Kapellen, Enthoffer und van Prehn. Sie beschrieben mir ihre Landsleute
auf Batavia ungleich günstiger, als man es zu Pontianak gethan hatte,
und versahen mich reichlich mit Empfehlungsbriefen, so daß ich meiner
Reise etwas muthiger entgegen sah.
Am +26. April+ verließ ich Sambas, und zwar um abermals nach Pontianak
zu gehen, wo das Schiff eine Ladung Kokosnüsse (50,000 Stück, das
Hundert ~à~ 2 Rupien) und Rotang für Batavia einnehmen sollte.
An der Mündung des Flusses hatte ich das Vergnügen, Herrn und Frau
Willer zu begegnen und mit ihnen zu frühstücken. Herr Willer kam der
Chinesischen Angelegenheiten wegen nach Sambas.
Auf Fort +Sorg+, bei Kapitän +van Houten+, fand ich dieselbe herzliche
Aufnahme wie früher. Er überraschte mich mit einer kleinen Sammlung
Insekten und mit einer ausgezeichnet schönen und seltenen Schlange.
Am +1. Mai+ ging ich wieder an Bord. Wir hatten vier Tage zu thun, um
über die die Rhede umgebenden Sandbänke zu gelangen. Am ersten Tage
harpunirten die Matrosen eine Boa. Sie war vermuthlich durch die Fluth
vom Lande mitgenommen worden und mochte unser Schiff als Zufluchtsort
betrachten, indem sie darauf lossteuerte und an Bord zu kommen suchte.
Sie kam auch an Bord, aber -- als Leiche. Sie maß 18 Fuß in der Länge
und 8 Zoll im Durchmesser. Die Matrosen zogen ihr die Haut ab und
wollten den Körper in die See werfen. Ich rieth ihnen, letzteres
zu unterlassen und die Schlange lieber zu verspeisen. Sie lachten
mich weidlich aus und meinten, wenn das Schlangenfleisch so köstlich
schmecke, möge ich es nur selbst verzehren, ihr Antheil stehe zu meiner
Verfügung. Ich ließ ein Stück braten und fing in ihrer Gegenwart davon
zu essen an[33]. Als sie dies sahen, trat doch einer der herzhaftesten
hervor und ersuchte mich, ihn davon kosten zu lassen. Ich gab ihm ein
Stückchen, und da er es, gleich mir, äußerst schmackhaft fand, folgten
die andern alsbald seinem Beispiele und kosteten so viel, daß am Ende
das Zusehen an mich kam. Es wurde einmüthig beschlossen, die Schlange
zu verspeisen, und Matrosen und Soldaten dankten mir für den guten Rath.
Wir hatten 30 Soldaten nebst einigen Weibern und Kindern an Bord.
Unter den Soldaten gab es mehrere Kranke, die zur Luftveränderung nach
Batavia gesandt wurden, und von welchen einer, ein Javanese, während
der Reise starb. Sein Körper wurde unmittelbar nach dem Verscheiden an
den Mittelmast gelegt. Nach sechs Stunden nähte man ihn in eine Matte,
befestigte an den Füßen zwei große Steine, legte dann den Körper auf
ein Brett, und ließ ihn in die See gleiten. Keiner der Landsleute und
Waffengenossen des Verstorbenen war von dieser Scene ergriffen, nicht
einmal sein Weib. Ihr Auge blieb trocken, ihre Gesichtszüge drückten
Gleichgültigkeit aus. Nach zwei Tagen sagte man mir, daß sie schon mit
einem andern versprochen sei.
Ich hatte bemerkt, daß die Landsleute des Verstorbenen, als er in die
Matte genäht wurde, einige Münzen beilegten. Auf mein Befragen, warum
dieß geschähe, sagte man mir, daß die Leute glauben, wenn man einer
Leiche, die in die See geworfen werde, einige Münzen beilege, sie nicht
auftauche.
Am +8. Mai+ erst warfen wir Anker auf der Rhede von Pontianak, und am
+22. Mai+ nahm ich zum letzten Male Abschied von diesem Orte. Da ich
damit zu gleicher Zeit auch gänzlichen Abschied von Borneo nahm, will
ich mit einigen Worten noch die verschiedenen Völker erwähnen, die ich
kennen gelernt habe.
Die Dayaker, die bei weitem den größten Theil der Bevölkerung
ausmachen, gefielen mir, wie bereits gesagt, am besten, nicht nur unter
den Völkern Borneo’s, sondern untern allen wilden Völkern der Erde,
mit welchen ich bisher in Berührung gekommen war. Sie haben, besonders
die freien Stämme, einen wirklich edlen, unverdorbenen Charakter. Sehr
mißfielen mir dagegen die Malaien; ich kann nur bestätigen, was die
meisten Reisenden sagen: daß die Malaien Borneo’s unter allen Malaien
die schlechtesten sind. Sie lügen, stehlen, betrügen, behandeln die
ihnen unterworfenen Dayaker sehr hart und haben wenig Liebe für ihre
Weiber und Kinder. Sie wechseln sehr leicht die ehelichen Bande: ich
sah Männer wie Weiber, die sechs bis acht Mal getraut waren und kaum
30 Jahre zählten. Oft kehren sie, nachdem sie mit anderen getraut
waren, zu ihren früheren Gatten wieder zurück. Daß ein Mann mehrere
Frauen zugleich hat, ist gesetzlich erlaubt, denn die Malaien sind
alle Mahomedaner. Nebst diesen schönen Eigenschaften besitzen sie eine
unbeschreibliche Trägheit, Theilnahmslosigkeit und eine Unreinlichkeit
sonder gleichen. Sie baden oder überschütten sich wohl zwei bis dreimal
des Tages mit Wasser, wie es ihre Religion verlangt; allein sie waschen
den Schmutz nicht vom Körper, trocknen sich nicht ab; sie lassen das
Wasser über den Körper laufen und damit ist es abgethan. Ihre Nahrung
ist schlecht, weil sie zu träge sind, mehr zu bauen oder zu pflanzen
als Reis. In jeder Hütte, in der ich auf meinen Reisen einsprach, fand
ich einen Schwarm von Männern und Weibern, die halbe, ja ganze Tage
nichts thaten als: schwatzen, Siri kauen, schlafen, mit den Kindern
spielen oder mich stundenlange sinnlos begaffen.
Was die Chinesen betrifft, so sind diese schon von ihrem Vaterlande
aus als falsch, grausam, hinterlistig und verschmitzt bekannt, und
so wenig sie in fremden Ländern ihre Sitten, Gebräuche und Kleidung
ablegen, eben so wenig legen sie ihren Charakter ab. Doch haben sie
auch viele gute Eigenschaften: sie sind betriebsam, fleißig, ausdauernd
und sparsam, lieben ihre Kinder und wechseln deßhalb auch viel seltener
ihre Frauen.
Die Chinesen spielen in Borneo die Rolle der Juden in Polen oder
Ungarn. Groß- und Klein-Handel, alle Handwerke sind in ihren Händen;
sie sind Pächter oder Bearbeiter aller Minen und bauen das Land
ungleich sorgfältiger als die Dayaker oder Malaien. Auch ihre Nahrung
ist bei weitem besser: sie halten viel Schweine und Geflügel, pflanzen
Gemüse und Früchte. Thee vertritt die Stelle des Wassers, und bei den
Mahlzeiten trinken sie häufig eine Art sehr leichten Rums, aus Reis
gezogen und mit Zucker versüßt.
Man könnte den Chinesen als Herrn und Bürger des Landes, den Malaien
als Bauer, den abhängigen Dayaker als Sklaven betrachten.
Durchaus unwahr und übertrieben finde ich die Schilderungen, die man
von dem harten Lose der Borneischen Weiber, besonders jenem der
Dayakerinnen macht. Leute, die solches behaupten, haben nicht gesehen,
was ein armes Weib in den meisten Europäischen Ländern zu leisten hat.
Sie haben nicht gesehen, wie eine Europäische Bäuerin schwer beladen
mit Lebensmitteln schon lange vor Sonnenaufgang nach einer fernen
Stadt eilt, um dort ihren Kram zu veräußern, wie sie halb erschöpft
nach Hause kommend, statt zu ruhen, die Küche, die Kinder beschickt,
im Stall das Vieh besorgt, und oft noch auf die Felder geht und
den Männern arbeiten hilft. Sie haben nicht gesehen, wie eine arme
Taglöhnerin in den Städten von Morgens drei bis Abends sieben und acht
Uhr am Waschtroge steht und wäscht, bis ihr die Haut von den Fingern
geht -- wie andere die größten Lasten Holz, Wasser in die vierten
und fünften Stockwerke der Häuser hinaufschleppen. Sie haben an die
Handarbeiterinnen nicht gedacht, die oft in dumpfen, düstern Löchern
täglich zwölf bis vierzehn Stunden arbeiten, die kaum an einem Sonntage
die liebe Sonne zu sehen bekommen. Wahrlich, es kann kein härteres Loos
geben, als das eines armen Europäischen Weibes!
Was sind dagegen die Leistungen der Borneischen Weiber? Sie arbeiten
höchst selten auf dem Felde, flechten Matten und Laubwände zur Erbauung
der Hütten, besorgen die Kinder, den Haushalt. Sie gehen zur Zeit der
Reisernte (und das nur die Dayakischen Weiber) für einige Stunden auf’s
Feld, schneiden da ein Körbchen voll mit Reisähren[34] und tragen es
heim. Was für Matten und Laubwände nöthig ist, schafft der Mann nach
Hause; die Weiber sitzen im schattigen, luftigen Vorplatze und arbeiten
nach Belieben; kein Mensch treibt sie an. Wird die Sache nicht heute
fertig, so wird sie es morgen oder übermorgen. Die Kinder machen ihnen
nichts zu schaffen: die laufen nackt umher, und thun was sie wollen;
hat ein Weib einen Säugling, so bleibt es ganz zu Hause. Was die Küche
betrifft, so wird sie bei den Chinesen von den Männern beschickt, und
bei den Dayakern und Malaien sieht das Feuer selten etwas anderes als
Reis. Um das Vieh brauchen sie sich nicht zu bekümmern: die Schweine
und Hühner müssen sich ihr Futter größtentheils selbst suchen, und Kühe
halten sie nicht. Sie haben ferner kein Hausgeräth zu scheuern, keine
Stuben zu reinigen (aller Unrath wird durch den Bambusboden geworfen),
und das Waschen und Flicken der Wäsche und Kleider raubt ihnen auch nur
wenig Zeit, da sie nichts weiter tragen, als einen einfachen Sarong.
Diesen angestrengten Arbeiten wollen die mitunter so gefühlvollen
Europäer das frühe Altern der Weiber zuschreiben. Ich möchte es mehr
als Folge des frühen Heirathens betrachten, das bei Mädchen oft schon
im elften oder zwölften Jahre stattfindet.
[28] In den holländischen Besitzungen gibt es Papiergeld (Recepisse),
Kupfer (Deut), Silber (Rupie). Ein Recepisse hat den Werth einer
Rupie und enthält 120 Deut. Zwölf Recepisse machen ein Livre
Sterling. -- Man rechnet auch nach Kupfer-Gulden ~à~ 100 Deut;
es ist dieß aber eine imaginäre Münze.
[29] Madura, eine Insel, gehört zur Regentschaft von Java.
[30] Pangerong ist gleich Panam-Baham mehr als Rajah und weniger als
Sultan.
[31] Kühe findet man nur bei den Europäern, höchst selten bei den
Eingebornen. Letztere halten mitunter Ziegen.
[32] Später bemerkte ich dasselbe im ganzen Archipel.
[33] Wer meine erste Reise um die Welt gelesen hat, wird sich
vielleicht erinnern, daß ich zu Singapore auf einer Tigerjagd
war, auf welcher, statt eines Tigers, eine Boa getödtet wurde.
Wir brachten sie zu Chinesen auf eine Pfefferpflanzung. Die
Leute zogen ihr die Haut ab, kochten und aßen sie. Ich kostete
von diesem seltsamen Gerichte und fand es wirklich höchst
schmackhaft.
[34] Auf Borneo werden die Aehren ganz oben an dem Ende der Stängel
abgeschnitten, das Stroh wird auf dem Felde verbrannt.
Sechstes Kapitel.
Batavia. -- Sehenswürdigkeiten. -- Chinesisches Schauspiel. --
Buitenzorg. -- Vorstellung bei dem General-Gouverneur Typanas. --
Besteigung des Pangerangs. -- Bandong. -- Die Theepflanzung. -- Die
Kaffeemühle. -- Der Schwefelkrater. -- Rückkehr nach Batavia. --
Ausflug nach Tangerang. -- Volksbelustigungen.
Am +29. Mai+, nach einer Reise von 7 Tagen traf ich glücklich zu
Batavia ein (400 Meilen von Pontianak).
Von der Rhede aus sieht man wenig von der Stadt, nichts von den
Wohnhäusern der Europäer; es zeigt sich blos eine ungemein große,
fruchtbare Ebene, von schönen Gebirgen umgeben.
Die Fahrt von der Rhede nach der Stadt (drei Meilen) muß man in der
Regierung gehörigen Booten machen und dafür 3 Rupien bezahlen. Ein
Schiffskapitän kann zwar sein eigenes Boot gebrauchen, muß aber für
dieses Recht dieselbe Taxe entrichten. Auch die Waaren können nur in
Regierungsbooten befördert werden.
Für einen Wagen von dem Landungsplatze nach der Stadt hat man ebenfalls
drei Rupien zu bezahlen, für jedes Stück Gepäck eine halbe Rupie, in
allem, die Trinkgelder mitgerechnet, 9 bis 10 Rupien, -- eine Summe,
für welche man in dem theuern Calcutta viermal an’s Land gehen kann.
Ich stieg im Hôtel Neederland bei Herrn +Hovesand+ ab. Doch schon am
folgenden Morgen besuchte mich der Resident Herr +van Rees+, an welchen
ich von +Sambas+ einen Empfehlungsbrief mitgebracht hatte, lud mich auf
die herzlichste Weise in sein Haus ein und ließ mich noch denselben Tag
abholen. Seine Gemahlin, eine der gebildetsten und liebenswürdigsten
Frauen, empfing mich nicht minder freundlich als ihr Gemahl, und somit
ging mein Eintritt in Batavia auf die leichteste und angenehmste Art
vor sich.
Herr +Hovesand+ nahm durchaus keine Bezahlung von mir an, obwohl ich
in seinen Wagen gefahren, seine Kully benützt hatte. Er bat mich, ihm
die Freude, eine so große Reisende wie mich beherbergt zu haben, nicht
durch eine Vergütung zu verderben.
Batavia hat eine Bevölkerung von ungefähr 100,000 Seelen, darunter
2000 Europäer und mehr als 20,000 Chinesen[35]. Die Stadt ist nicht
hübsch, die Häuser sind klein und unansehnlich und besonders in
dem Chinesischen Theile sehr nahe an einander gebaut. Die Europäer
haben nur ihre Comptoirs in der Stadt; sie wohnen außerhalb derselben
in Landhäusern. Die vornehmsten und nächstgelegenen der von den
Europäern bewohnten Plätze heißen: Koningsplein, Waterlooplein,
Cramat und Ryswick. Die beiden ersten besitzen große, schöne Wiesen
von Baum-Alleen umgeben, unter welchen man Abends spazieren fährt
und reitet. Die Waterloo-Wiese ist mit einer Säule geschmückt,
„Waterloo-Säule“ genannt. Auf Waterlooplein wohnen die Offiziere.
Es steht hier auch ein großes Regierungsgebäude, einen Sitzungssaal
und Kanzleien enthaltend. Nahebei sind die öffentlichen Schulen
und das Theater. Unter den übrigen öffentlichen Gebäuden sind noch
bemerkenswerth: die protestantische und die katholische Kirche, die
Polizei, das Museum, die Harmonie, das Militär- und das Chinesische
Hospital. Das Posthaus war eben im Baue begriffen. Der Palast des
Gouverneur-Generals ist unbedeutend. Der eigentliche Wohnsitz des
Gouverneurs ist zu Buitenzorg (36 Meilen von der Stadt). Nach Batavia
kommt letzterer jeden Monat nur auf einige Tage, um Audienzen zu
ertheilen, Sitzungen zu halten, Diners und Bälle zu geben.
Die Häuser der Europäer haben meistens ein sehr bescheidenes Ansehen;
die wenigsten besitzen ein Stockwerk. Die schönste Zierde der Häuser
in tropischen Ländern, die terrassenförmige Bedachung, fehlt ihnen;
sie haben im Gegenteile schwere Dächer mit großen Vorsprüngen, die
Fenster und Thüren überschatten. Dagegen besteht das Innere aus großen,
hohen Gemächern und Sälen. Die Böden sind mit Matten belegt. Das
Freundlichste an diesen Häusern ist, daß sie beinahe alle in Wiesen
oder niedlichen Blumengärten liegen, die nicht wie in Calcutta oder
Bombay von dicken Mauern, sondern von lebendigen Hecken oder zierlichen
Staketen umfaßt sind. Dies gibt einer Spazierfahrt einen unendlichen
Reiz; man meint in einem großen wohlgeordneten Parke zu sein.
Ich hatte viel von dem außerordentlichen Luxus auf Batavia sprechen
gehört. Ich würde ihn vielleicht auch groß gefunden haben, wäre ich
nicht in Brittisch-Indien gewesen. Wer aber je den Luxus an Gebäuden,
Equipagen, Dienerschaft u. s. w. in Calcutta gesehen hat, kann durch
nichts ähnliches mehr überrascht werden.
Lächerlich fand ich in Batavia die Kleidung der Diener. Die Holländer
scheinen die Europäische Tracht so überaus schön zu finden, daß sie
ihre Dienerschaft (alles Malaien) damit beglücken. In einem der
vornehmsten Häuser sah ich die Diener in reich betreßten Livrée-Röcken,
in elegante Beinkleider gesteckt; dabei gingen sie aber mit bloßen
Füßen und hatten um den Kopf das landesübliche Tuch gewickelt.
Welch komisch-sonderbaren Anblick diese verkleideten Orangutangs
gewährten, kann man sich kaum vorstellen, besonders wenn sie auf ihre
dunkelbraunen, mit dem Tuche umwickelten Köpfe noch den geschmackvollen
Europäischen Hut setzten.
Die Lebensweise der Europäer ist hier so ziemlich dieselbe, wie in
Brittisch-Indien. Ueberall findet man einen Schwarm von Dienern,
von welchen einer dem andern im Nichtsthun behilflich ist. Die
Frauen tragen den Tag über den Sarong und die Cabay der Eingebornen.
Abends erscheint alles in Europäischem Putze. In allen Häusern wird
Nachmittags einige Stunden der Ruhe gepflegt.
Batavia soll in früheren Zeiten sehr ungesund gewesen sein; jetzt ist
dies weniger der Fall, da viele der es umgebenden Sümpfe trocken gelegt
wurden.
Die Holländer, besonders die Männer, vertragen das Indische Klima
weit besser als die Engländer. Ich sah viele Herren, die 15 bis 20
Jahre unausgesetzt in Java lebten und so blühend aussahen, als hätten
sie Europa nie verlassen. Weniger gut ertragen es die Frauen, was
vermutlich auch von dem zu frühen Heirathen herrührt. Die Regierung sah
sich deshalb veranlaßt das Gebot zu erlassen, daß Mädchen (natürlich
nur die Europäischen) nicht unter 15 Jahren heirathen dürfen. --
Die Kinder werden nicht so häufig nach Europa gesandt, als dies in
Brittisch-Indien der Fall ist. Die Mädchen erzieht man häufig ganz im
Lande; die Jungen ist man gezwungen nach Europa zu senden, wenn man
sie zu Beamten oder Offizieren bestimmt, da kein in Indien erzogener
Jüngling ein höherer Beamter oder Offizier werden kann, besäße er auch
im höchsten Grade alle hiezu nöthigen Kenntnisse.
Ob Java gesünder ist als Brittisch-Indien, oder ob die minder schwere
Kost, die minder starken Getränke Ursache der besseren Gesundheit der
Holländer sind, wage ich nicht zu unterscheiden; ich würde jedoch für
letzteres stimmen.
Das Leben ist in Batavia wenigstens um einen Fünftheil, wo nicht um ein
Vierttheil theurer als in Calcutta.
Leider herrscht auf Java noch Sklaverei; doch ist sie nicht drückend.
Der Eigenthümer darf keine Strafe über seinen Sklaven verhängen, und
letzterer kann so gut wie ersterer seine Klage führen. Der Sklave
erhält nebst vollkommenem Unterhalte zwei Kupfergulden per Monat für
Siri. Es dürfen keine Sklaven eingeführt werden; allein die Abkömmlinge
der Sklaven bleiben stets Sklaven. Dieses Gesetz gibt zu häufigen
Betrügereien und Verfälschungen Anlaß, in welchen die Chinesen
besonders raffinirt sind. Stirbt ihnen nämlich ein Sklavenkind,
so suchen sie an dessen Stelle ein elternloses, freies Kind zu
unterschieben, um auf diese Art den erlittenen Verlust zu ersetzen.
Ein gesunder Sklave, der nichts anderes als Stärke besitzt, kostet 400
Rupien; ein Koch, eine Köchin 6 bis 800.
Zum Lobe der Holländer muß man sagen, daß sie nicht selten ihren
Sklaven die Freiheit schenken, und zwar nicht nur wenn sie Indien auf
immer verlassen, sondern oft auch ohne besondere Veranlassung, aus
reiner Menschenliebe. So hatten z. B. Herr und Frau van Rees am ersten
Januar dieses Jahres allen ihren Sklaven die Freiheit geschenkt; aber
keiner verließ ihr Haus -- sie baten alle, daß man sie behalten möchte.
Dieselbe schöne Handlung vollführte Frau Overhand, Witwe des Residenten
Overhand; auch ihre Sklaven baten, in ihren Dienste verbleiben zu
dürfen.
Die meisten öffentlichen Gebäude und Anstalten besuchte ich in
Gesellschaft des Herrn van Rees.
Wir machten den Anfang mit dem Chinesischen Hospital, das im Jahre
1799 mit chinesischem Gelde erbaut wurde. Die Holländische Regierung
hatte die Chinesen zu diesem Zwecke zu einer jährlichen kleinen
Abgabe verhalten, deren Betrag mit der Zeit eine so große Summe
bildete, daß man dieses schöne Gebäude damit herstellen konnte. Es
ist mit Europäischen Aerzten, mit eingebornen Aufsehern und Wärtern
versehen und enthält, außer den großen Krankenzimmern, Abtheilungen
für Irrsinnige. Als ich die Anstalt besuchte, gab es 147 Kranke und
68 Irrsinnige. Wir traten in jedes Krankenzimmer, und bei dieser
Gelegenheit lernte ich die wahre Herzensgüte des Residenten kennen
und bewundern. Er trat an die Krankenbetten, sogar an jene der
Aussätzigen, die über alle Beschreibung ekelhaft aussahen, deren Athem
und Ausdünstung verpestet war, frug sie nach ihrem Befinden und sprach
ihnen Trost zu. Kindern voll Geschwüren und Ausschlägen klopfte er
freundlich auf die Backen, lachte und scherzte mit ihnen so recht
wie ein gemüthlicher Vater. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß
ich mich stets einige Schritte entfernt hielt, und daß es mir schwer
gefallen wäre, sein edles Beispiel nachzuahmen.
Das allgemeine Hospital ist das vollkommenste, das ich je sah. Ein
Kranker kann in einem wohleingerichteten Privathause nicht besser
aufgehoben sein. Die Säle sind luftig, hoch und außerordentlich rein
gehalten, die Betten vortrefflich, die Kranken, so wie die Genesenden
bis zu ihrem Austritte in blendend weiße Wäsche gekleidet. Sobald ein
Kranker eintritt, wird seine Wäsche und Kleidung bewahrt bis zur Stunde
des Austrittes; man sieht den Genesenden nicht in seinen schmutzigen,
oft zerrissenen Kleidern umhergehen. Die Offiziere erhalten jeder ein
eigenes schönes Zimmer in einer ganz abgesonderten Abtheilung. Wir
kamen so zeitlich des Morgens, daß wir der Austheilung des Frühstückes
beiwohnten. Die Europäischen Kranken erhielten sehr guten Kaffee mit
Zucker, Milch und Weißbrode. Die Eingeborenen ziehen ihre Nahrung der
Europäischen vor: sie bekommen Reis, Gemüse, Fische, Fleisch u. s. w.
Man führte uns auch in die Badeanstalt und die Vorrathskammern. In
letzteren waren Leib- und Bettwäsche im reichsten Maße aufgestapelt;
auch gab es die größten Vorräthe an feinen und frischen Lebensmitteln
und Getränken, an Bandagen, Arzneien und medizinischen Instrumenten
aller Art. In einem Saale werden Theile des menschlichen Körpers, die
von seltenen Krankheiten ergriffen waren, in Spiritus bewahrt. In einem
Glaskasten lag das ganze Skelett eines Matrosen, der von der Spitze
eines Mastes herabgestürzt war. Er hatte sich, außer 10 mehr oder
minder gefährlichen Knochenbrüchen, das Rückgrad gänzlich gebrochen,
und wurde trotzdem durch die Kunst und Sorgfalt des Doktor Enthoffer
(den ich auf Sambas kennen gelernt hatte) sechs Wochen lang am Leben
erhalten.
In diesem Hospitale werden auch eingeborne Jünglinge, Mädchen und
Weiber in einigen Zweigen der medizinischen Wissenschaft unterrichtet.
Erstere werden zu Gehilfen der Aerzte herangebildet. Man bringt ihnen
Kenntnisse vom menschlichen Körper bei, lehrt ihnen zur Ader zu lassen,
Beinbrüche einzurichten u. s. w. Sie werden dann im Innern des Landes
angestellt an Plätzen, die von ärztlicher Hilfe weit entfernt sind. Die
Mädchen und Weiber lernen den Hebammen-Dienst.
Man war so gefällig, in meiner Gegenwart einige Fragen an die jungen
Leute zu stellen, die sie richtig und ohne lange nachzudenken,
beantworteten. An dem menschlichen Skelette, das in ihrem Lehrsaale
stand, wußten sie alle Theile zu benennen und zu erklären. Nicht
minder unterrichtet fand ich die weibliche Jugend, was mich um so mehr
in Erstaunen setzte, als das weibliche Geschlecht in diesen Ländern
durchaus an kein Lernen und Schulgehen gewöhnt ist. Die Mädchen und
Weiber sind während der Zeit der Lehre (zwei Jahre) halbe Gefangene;
sie kommen nie aus dem Bereiche ihrer Lehrsäle und Wohnungen und
dürfen nur weibliche Besuche empfangen. Die Jünglinge können einige
Stunden des Tages ausgehen. Es soll sich selten ereignen, daß einer der
Zöglinge vor der Zeit austritt. Sie lernen fleißig und begreifen leicht.
Das Museum bietet, außer einigen Mineralien und vielen Gottheiten
von Bali, nichts Sehenswerthes. Die vierfüßigen Thiere, Insekten,
Reptilien u. s. w. sind in diesem Klima dem Verderben zu sehr
unterworfen, und werden nach Holland geschickt.
Das Regierungsgebäude auf dem Waterloo-Platze besitzt einen
großen Sitzungssaal mit den Bildnissen aller Holländischen
Gouverneur-Generale. Ich ging hauptsächlich in dieses Gebäude, um
eine Sammlung Handzeichnungen zu besehen, die ein Landsmann von mir
(ein Wiener, Herr +Wilson+) auf Befehl der Regierung von den alten,
herrlichen Hindu-Tempeln im Innern Java’s aufgenommen hat. Der Anblick
der Zeichnungen erweckte in mir die höchste Begierde, diese Kunstwerke
in Wirklichkeit zu sehen; allein ich schmeichelte mir nicht, so weit
zu kommen: die Kosten einer Reise auf Java waren meiner Börse zu sehr
überlegen.
Auch die Gefängnisse besuchte ich und fand die Leute ungleich besser
gehalten als bei uns in Europa. Sie bewohnen luftige, reine Gemächer
und erfreuen sich des Anblickes der Sonne in kleinen Gärten, die zu den
Gefängnissen gehören. Zweimal des Tages erhalten sie große Portionen
Reis nebst Fischen oder Gemüsen, und zweimal in der Woche Fleisch. Sie
sind nicht gefesselt und entbehren nicht einmal ihres geliebten Siri.
Ich glaube kaum, daß irgend ein anderer Staat mit seinen Verbrechern so
human umgeht.
Das Theater besuchte ich nicht; meine Garderobe war auf Reisen selten
so eingerichtet, um an Orten zu erscheinen, wo sich der Europäer im
höchsten Putze und Glanze zeigt. Auch interessirte es mich wenig, ein
oft gesehenes Europäisches Schauspiel, eine oft gehörte Oper in einem
fremden Welttheil wieder zu sehen; ungleich größeren Reiz hatte für
mich ein Chinesisches Schauspiel (Taping genannt, wenn ich mich recht
entsinne), das der Chinesische Major[36] auf Veranlassung des unermüdet
für mich besorgten Residenten mir zu Ehren gab.
Der Major hielt, wie es unter den reichen Chinesen sowohl hier als in
China üblich ist, eigene Tänzerinnen, die zugleich Schauspielerinnen
sind und die Rollen beider Geschlechter vorstellen. Die Bühne, eine
kleine, erhöhte, hölzerne Bude, war dem Hause des Majors gegenüber
auf der Straße aufgeschlagen, so daß jeder Vorübergehende an der
Unterhaltung Theil nehmen konnte. Wir genossen nebst den übrigen Gästen
den Anblick von dem Balkon und den Fenstern des Hauses.
Das Stück wurde von sechs Schauspielerinnen aufgeführt und schien eine
Art Kriegs-Drama zu sein; man sah beständig ein Paar Soldaten, oder
Offiziere, oder Feldherren auf den Brettern. Nebst diesen Helden
erschienen auch zwei Damen, die häufig weinten und jammerten. Das
schönste von der ganzen Vorstellung waren die Gefechte zweier Krieger
mit Bogen und Stöckchen, und die Evolutionen, welche vier Krieger
mit Lanzen machten. Den Text schrieen sie eintönig und gefühllos mit
abscheulich quikender Stimme herunter. Ihre Bewegungen waren ohne
Grazie; im Gegentheil, sie hoben beim Marschiren die Füße so hoch in
die Höhe als sie konnten, und setzten sie dann mit sein sollender Kraft
auf die Erde nieder, was höchst widerlich und unsittlich sich ausnahm,
wenn man bedachte, daß diese Krieger von jungen Mädchen dargestellt
wurden. Ihre Anzüge waren außerordentlich reich: schwere Seidenstoffe
mit Gold- und bunten Seiden-Stickereien. Geschmacklos aber erschien die
Form der Kleider: sie bestanden aus langen Röcken mit weiten Aermeln
und aus kurzen Beinkleidern.
Das Stück hatte 4 Akte, von welchen jedoch einer dem andern so
vollkommen glich, daß man die letzten drei für Wiederholungen des
ersten halten konnte.
Nach dem Theater wurden wir zu einer reich besetzten Tafel geführt, bei
welcher es weder an dem beliebten Trippang, noch an den theuern, von
den Chinesen so hoch geschätzten Schwalbennestern fehlte. Trippang und
Schwalbennester gleichen sehr sulzigen, stark gewürzten Speisen, die
mein Europäischer Gaumen durchaus nicht nach seinem Geschmacke fand.
Kaum waren einige Tage seit meiner Ankunft in Batavia verflossen, so
erhielt ich eine Einladung nach +Buitenzorg+ von dem Gouverneur-General
Herrn +Deimar+ van +Twist+ -- eine Auszeichnung, die ich mit großer
Dankbarkeit anerkenne und als Fremde doppelt zu schätzen weiß. Ich war
wirklich überrascht, die Holländer so ganz anders zu finden, als man
sie mir geschildert hatte.
Am +1. Juni+ fuhr ich in Gesellschaft des Herrn van Rees nach
Buitenzorg. Der Weg war herrlich, die Pferde standen auf jeder Post
bereit[37]; auf diese Weise machten wir die 35 Paal[38] in 3 Stunden.
Je weiter wir uns von der Stadt entfernten, desto reizender ward die
Gegend; das Gebirge rückte näher, Berge von 6- bis 10,000 Fuß Höhe
stiegen majestätisch empor, unter letzteren der +Pangerang+ (9600), der
+Gédé+ (9000). Buitenzorg selbst liegt 800 Fuß hoch.
Der Palast des Gouverneur-Generals ist schön, und besteht aus einem
Mittel- und zwei Flügel-Gebäuden. Eine prachtvolle Wiese liegt davor
mit Teichen und mit großen, mächtigen, Schatten gebenden Banian-Bäumen.
Heerden von Hirschen und Rehen lagerten umher. Im Hintergrunde schloß
sich ein ausgedehnter botanischer Garten an.
Da die Vorstellung beim Gouverneur-General erst Abends um 7 Uhr,
kurze Zeit vor dem Speisen, stattfinden sollte, hatten wir Zeit, den
Garten zu besehen. Er ist sehr groß und außerordentlich geschmackvoll
angelegt. Schöne Blumenpartien wechseln mit kleinen Wäldchen, mit
Wiesen und Bosketten; Teiche und Bäche schimmern durch das saftige
Grün; herrliche Fahr- und Gehwege durchkreuzen sich, und zierliche
Bänke laden den ermüdeten Wanderer zur Ruhe ein. Unter den Pflanzen
und Bäumen gibt es viel Seltenes und Werthvolles. Herr +Teismann+,
der die Aufsicht über den Garten führt, machte uns besonders auf eine
Pflanzung von Vanille (Schlingpflanze) und auf zwei zarte Stämmchen des
China-Strauches aufmerksam. Beide wurden erst in der neuesten Zeit von
Amerika eingeführt. Der Vanille schien das Klima sehr wohl zu bekommen;
ihre Stängel hingen voll großer, saftiger Schoten. Die Schoten werden
im grünen Zustande abgenommen, anfänglich in der Sonne, dann in der
Luft getrocknet, bis sie stark zusammen schrumpfen und eine ganz
schwarze Farbe annehmen. Herr Teismann verehrte mir eine getrocknete
Schote, welche der besten glich, die mir je aus Westindien zu Gesichte
gekommen war. Minder gut kommt die China-Pflanze fort. Einige Pflanzen
waren schon abgestorben, und die noch lebenden zeigten wenig Kraft.
Abends wurde ich dem Gouverneur-General und seiner Gemahlin
vorgestellt. Der Gouverneur-General führte mich zu Tische.
Ich hatte von aller Welt diesen Herrn als höchst ernst und wortkarg
schildern gehört. Ein tiefes, ernstes Nachdenken sprach allerdings
aus seinen Zügen; aber wortkarg fand ich ihn nicht, und selbst der
Ernst trat mit jedem Worte mehr in den Hintergrund und machte einer
freundlichen, ruhigen Heiterkeit Platz. Sein und seiner Gemahlin
Benehmen gegen mich war im höchsten Grade gütig und zuvorkommend.
In den Tagen, die ich in Buitenzorg zubrachte, veranstaltete man
Partieen, um mir das Merkwürdigste der Umgegend zu zeigen. Darunter
gehörte besonders die Cochenille-Pflanzung des Grafen van der +Bosch+
und die Schwalbengrotte, aus welcher die Chinesen ihre kostbarsten
Leckerbissen, die Schwalbennester, holen.
Die Besitzung des Grafen van der Bosch, +Ponde Gédé+, ist in jeder
Hinsicht als eine Musterwirthschaft aufzustellen. Der Graf ist selbst
ein verständiger und eifriger Landwirth und bemüht, jeden Zweig seiner
Oekonomie zur Vollkommenheit zu bringen. Die Cochenille macht nur einen
kleinen Theil seiner Pflanzungen aus; er baut Reis, Zucker, Kaffee,
u. s. w.
Für mich hatte die Cochenille-Pflanzung das meiste Interesse; ich
verweilte da am längsten, um so mehr, als mich Herr Direktor +Meyer+
selbst herumführte und mir über alles die genaueste Auskunft ertheilte.
Was ich hierüber schreibe, habe ich aus seinem Munde.
Der +Nopal+[39] und die Cochenille wurden schon vor 24 Jahren aus den
Spanisch-Westindischen Besitzungen nach Java überbracht. Von den vielen
Insekten, die man mit der Nopal-Pflanze mitgenommen hatte, kamen aber
nur zwei lebend an. Der glückliche Zufall wollte, daß sie verschiedenen
Geschlechtes waren.
Das höchste Erstaunen erregt die rasche Fortpflanzung dieses Insektes,
denn schon seit Jahren liefert Java 150 bis 200,000 Pfund, und bei
wiederholter Zählung hat es sich ergeben, daß 33,000 Cochenillen der
größeren Sorte erst ein Pfund ausmachen.
Bei einer Anlage von Nopal werden gesunde Blätter oder Pflanzen mit
dem untern Theile in die Erde gesteckt. Nach Verlauf eines Jahres hat
sich schon ein kleiner Stamm mit mehreren Blättern gebildet; im dritten
Jahre kann die Pflanze bereits bevölkert werden. Zur Bevölkerung
bedient man sich kleiner Hütchen, die von den Blättern des Cactus
gemacht sind. In diese Hütchen setzte man fünf bis sieben Insekten,
bringt sie so auf das Blatt des Nopal und befestiget das Hütchen mit
einem kleinen Dorne. Eine Nopal-Staude zählt an 300 Blätter; man setzt
jedoch nicht mehr als 70 bis 80 Hütchen darauf und ist im westlichen
Java schon sehr zufrieden, wenn durchschnittlich vier Pflanzen ein
Pfund lebendiger Cochenille geben; im östlichen Java erzielt man
dieselbe Menge gewöhnlich von drei Pflanzen.
Die Pflanzen werden nach der Bevölkerung entweder unbedeckt gelassen
oder mit einem leichten Blätterdache überdeckt. Auf erstere Art
gedeiht die Fortpflanzung nur bei anhaltend trockener Witterung, auf
letztere kann sie beinahe das ganze Jahr hindurch statt haben. Nach
der gewöhnlichen Regenzeit vertraut man der Witterung schon im Monat
April. Allein in dem westlichen Theile von Java, wo es oft in der guten
Jahreszeit regnet, kann man die Pflanzen, wenn man sie nicht bedeckt,
zuweilen sechs- bis neunmal bevölkern, ohne eine gute Ernte zu erzielen.
Wenn das Insekt geboren hat, so stirbt es. Die Neugebornen kriechen
auf den Blättern umher, setzen sich aber bald irgendwo fest und bleiben
dann auf derselben Stelle, ohne mehr eine Bewegung zu machen. Ist die
Cochenille abgenommen, so wird sie in sehr stark geheizten Zimmern (165
bis 175 Grad Fahrenheit) getrocknet. Die Trockenzimmer werden mittelst
eiserner Röhren geheizt; die sich bildenden Dämpfe ziehen durch eine
Oeffnung in der Wand ab. Hundert Pfund frischer Cochenille geben in
getrocknetem Zustande 32 bis 33 Pfund, nebst zwei bis drei Pfund
Staub. Dieser Staub, mit welchem das Insekt umgeben ist, scheint ein
Beschützungsmittel gegen Kälte und Regen zu sein. Das Insekt hat eine
weißgrauliche Farbe; befreit man es aber durch langsames Reiben von dem
Staube, so ist es schwarz.
Seit einigen Jahren sind die Preise der Cochenille sehr gesunken. Die
Niederländische Faktorei zahlt gegenwärtig (Packung und freie Sendung
an den Einschiffungsplatz einbegriffen) pr. Pfund erster und zweiter
Sorte zwei Rupien, für den Ausschuß per Pfund gar nur 85 Deut.
Die große Schwalbengrotte, in welcher Tausende dieser Thiere nisten,
liegt ungefähr zwölf Paal von Buitenzorg. Sie ist nebst den umliegenden
Ländereien an einen Chinesen verpachtet, der für Grotte und Land
jährlich 100,000 Rupien bezahlt. Der Pächter führte uns selbst in die
Grotte, die außerordentlich schwer zugänglich ist. Wir hatten Führer,
Fackelträger, Leitern u. s. w. mit uns, konnten aber dessen ungeachtet
nicht tief in das Innere dringen. Es wurde nach einigen Nestern
gesucht, die man mir zum Geschenke machte. Sie waren von weißlicher
Farbe mit einigen Federn untermengt und so klein, daß ich kaum begriff,
wie der Vogel, der von der Größe einer gewöhnlichen Schwalbe ist,
darin allein, viel weniger mit seinen Jungen Platz haben konnte. Man
vermuthet, daß die Nester aus Seetang bestehen, denn gewöhnlich nistet
diese Schwalbenart in Höhlen und Grotten unweit der See, d. h. wohl
auch 30 und 40 Paal landeinwärts, jedoch nicht weiter.
Alle drei Monate werden die Nester geerntet, von den Federn sorgfältig
gereinigt und an der Luft getrocknet. Es gibt verschiedene Sorten. Je
weißer, je mehr von den Federn gereinigt sie sind, desto höher ist
der Preis. Sie von den Federn gänzlich zu reinigen, ist nicht immer
möglich, da diese mit dem Seetang oft so verschlungen sind, daß man
sie nicht losbringen kann. Der Pikul dieser Nester kostet auf Java von
vier- bis siebentausend Rupien. Man rechnet auf zwei Loth drei Nester;
per Stück kosten sie an Ort und Stelle ein bis zwei Rupien. Der Pächter
dieser Grotte erntet jährlich ungefähr zwölf Pikul.
Der Gouverneur-General machte mir die freudige Ueberraschung, mir
Postpferde bis +Bandong+ (Residentschaft Preanger) zu gestatten. Es
war dieß eine große Auszeichnung, denn der jetzige Gouverneur-General
erlaubt die Postpferde so leicht nicht unentgeltlich[40].
Am +11. Juni+ verließ ich Buitenzorg, ging aber diesen Tag nur 10 Paal
zur Familie +Böck+, bei welcher ich zwei Tage höchst angenehm verlebte.
Man bot hier alles auf, mir gefällig zu sein, ja, als man meine Neigung
für Insekten sah, half mir die ganze Familie suchen. Dank, herzlichen
Dank ihnen, wie meinen übrigen Freunden auf Java, deren Theilnahme und
Güte ich nie vergessen werde! --
Am +13. Juni+ ging ich ebenfalls nur wieder 11-12 Paal weiter nach
+Typanas+, einem Sommerhause des Gouverneur-Generals. Der Weg führt
über den 4710 Fuß hohen Berg +Mega-Mendongo+. Beinahe auf der Spitze
des Berges, ¼ Paal seitwärts von der Straße, liegt ein kleiner See,
der werth ist besucht zu werden. Er befindet sich mitten in schönen
Waldungen und füllt einen eingesunkenen Krater aus. Sein Durchmesser
mag kaum ¼ Paal betragen. Hoch um den See steigen die Wände des Kraters
so steil empor, daß sie schwer zu erklimmen wären; von einer einzigen
Seite kann man sich ihm nahen, wo die Wand von der Natur selbst
gespalten wurde. Die Wände sind bis an die Spitzen mit herrlichem
Grün und schönen Bäumen bewachsen. Das Wasser des Sees sieht ganz
dunkel aus; dieß mag sowohl von der hohen Einfassung, als von den ihn
beschattenden Bäumen herrühren.
Die Aussicht, die man von dem Mega-Mendongo genießt, gehört zu den
schönsten von Java. Auf der einen Seite hat man die majestätischen
Gebirge, im Hintergrund die großen, reichbebauten Ebenen von
Buitenzorg und Batavia, vor sich die Residentschaft Preanger, die,
von Hügelketten, Felspartieen und einzelnen Bergen unterbrochen, zu
den fruchtbarsten und kultivirtesten Java’s gehört, was sehr viel
sagen will, da auf der ganzen Insel die reichste Cultur mit der
verschwenderischen Natur wetteifert.
Zu Typanas war in dem Sommerhause des Gouverneur-Generals Vorsorge
für meinen Empfang getroffen. Dieser Ort liegt 3400 Fuß über der
Meeresfläche und besitzt ein halb Europäisches Klima; ich fand in den
Gemächern Kamine, ja sogar eiserne Oefen. In den großen Gartenanlagen
werden Europäische Gemüse und Früchte gezogen.
Ich sollte von hier aus den 9600 Fuß hohen +Pangerango+ besteigen, eine
sehr geringe Mühe, da man bis auf die Spitze reiten kann. Auf dem Wege
gibt es zwei Stationen, das heißt, zwei hölzerne Hütten, bei welchen
man anhält, um die Pferde ruhen zu lassen oder gegen vorausgesandte
zu wechseln. Eine dritte Hütte steht 150 Fuß unter der Spitze des
Berges. Diese Hütten sind für die Gärtner von Buitenzorg und Typanas
errichtet, welche von Zeit zu Zeit verschiedene auf dem Berge angelegte
Pflanzungen zu besuchen haben.
Ich fand auf jeder Station frische Pferde und erreichte in 4 Stunden
die Spitze des Berges, auf welcher ein Flaggenstock errichtet ist.
Leider hat man hier selten eine freie Umsicht; die häufigen Nebelzüge
verdecken alles rund umher. Ich mußte halb unverrichteter Sache wieder
herabsteigen und quartirte mich in der nahegelegenen Hütte ein. Im
Herabsteigen erquickte ich mich an Erdbeeren, mit welchen große Räume
bepflanzt waren.
Die Hütte, dem Verfalle ziemlich nahe, bestand aus einem großen Gemache
und aus drei Kämmerchen. An Einrichtung war gerade kein Ueberfluß:
zwei gebrechliche Tische nebst drei Stühlen zierten den Saal, eine mit
Moos belegte Schlafstelle jedes der Kämmerchen. Das beste in der Hütte
war ein eisernes Oefchen, das ich gleich in Anspruch nahm und das mir
besonders Abends treffliche Dienste leistete, da der Thermometer bis
auf 44 Grad (Fahrenheit) fiel. An Speisen, Getränken, Bettzeug u. s. w.
fehlte es nicht, das war alles im Ueberflusse vorausgesandt worden, und
so lebte ich in der Mitte dichter Urwälder, auf einer Höhe von beinahe
10,000 Fuß so luxuriös wie in Batavia selbst.
Der Berg ist durchaus dicht bewaldet, nur die höchste Spitze, ungefähr
100 Fuß nach abwärts, ist kahl. Er liefert schöne Exemplare von Föhren,
von 20 Fuß Höhe. Alle Bäume sind mit einer auffallend dichten Moosdecke
bekleidet. Anderes Nadelholz sah ich nirgends. Schön und herrlich
war alles; aber die Hauptsache fehlte -- der schöne, reine Himmel.
Wohl sechsmal erstieg ich die Spitze des Berges, und jedesmal kam ich
unverrichteter Sache zurück. Ich schlenderte in den Zwischenzeiten im
Walde umher und entdeckte da eine bedeutende Spur, die, wie man mir
sagte, von Rhinocerossen herrührte. Die Thiere selbst bekam ich nicht
zu Gesichte: sie fliehen die Nähe des Menschen so sehr, daß es selbst
für Jäger eine große Seltenheit ist, wenn sie eines erlauern.
Von der Spitze des Pangerango übersah man vollkommen den ganzen Krater
des nachbarlichen Gédé. Diese beiden Berge sind so enge verbunden,
daß man sie für einen einzigen Berg mit zwei Kuppeln halten könnte.
Der Krater lag ungefähr 6 bis 700 Fuß unter uns. Wir konnten nicht zu
ihm gehen, da erst vor wenig Tagen ein Ausbruch stattgefunden hatte.
Noch jetzt stiegen starke Rauchsäulen mit glühender Asche empor, was
besonders zur Nachtzeit eine unvergleichlich schöne Wirkung machte.
Ein großer Theil der Waldungen des Pangerango war mit Asche bedeckt;
wir brauchten, um eines Aschenregens ansichtig zu werden, bloß auf die
Aeste der Bäume zu schlagen.
Am folgenden Morgen bestieg ich nochmals die Spitze, und siehe
da -- meine Unermüdlichkeit ward belohnt, der Horizont war rein
und wolkenlos. Ich sah weit über die Gebirgswelt, über zahllose
Spitzen und Kuppen, über eingestürzte Kegel und Krater, ich sah die
fruchtbaren Ebenen von Buitenzorg und Batavia, das wellenförmige Land
von +Preanger+, ich sah das Meer auf beiden Seiten. Kann solch’ ein
Anblick zu theuer erkauft werden? Lebt man in ähnlichen Augenblicken
nicht Ewigkeiten? Fühlt man sich da nicht von hohen, edlen Gefühlen
durchdrungen -- einer bessern, reinern Welt hingegeben?! --
Nach Typanas zurückgekehrt, verweilte ich in dieser schönen Gegend
bis +17. Juni+, an welchem Tage ich 12 Paal weiter nach +Tijand-jur+
reiste. Die Fahrt dahin gehörte zu den reizendsten. Die Gegend ist zwar
minder kultivirt; aber gerade dieser grelle Wechsel ist überraschend.
Am folgenden Tage, den +18. Juni+, fuhr ich bis +Bandong+ (40 Paal).
Obwohl das Land reich an hohen Bergen ist, sah ich doch keinen einzigen
schönen Fluß; ich kam nur über Bäche, die sich durch tiefe Schluchten,
über Felsgestein den Weg bahnten und bloß bei hohem Wasserstande, zur
Regenzeit, mit Bambusflößen befahren werden können. Die Ursache, daß es
auf Java keine bedeutende Ströme gibt, liegt in der geringen Breite der
Insel.
Auffallend war es mir, in diesem trefflich kultivirten Lande, wo man
die Menschenhand schon so gut zu verwenden wußte, so häufig Menschen
die Dienste der Lastthiere verrichten zu sehen. Alle Lasten z. B.
werden durch Kulli getragen, mag die Entfernung auch über 100 Paal
sein. Der Träger erhält per Paal 1½ Deut und trägt 80-90 Pfund mittelst
einer Stange, die auf der Achsel ausruht. Es gibt für die Kulli
Ablösestationen wie für die Pferde. In jeder Ortschaft muß täglich eine
gewisse Anzahl bereit sein, um für diesen Preis zu gehen. Man kann
ihnen unbedingt alles anvertrauen. Die Gouvernements-Güter, Kaffee,
Zucker, Salz u. s. w. allein werden in Karren befördert und von Büffeln
gezogen. Die Wege[41] sind aber so schlecht, besonders bei Regenwetter,
daß der Karren bis über die Achse in Koth sinkt und man einem Paar
Büffel höchstens acht Pikul aufladen kann.
Ich selbst hatte heute Gelegenheit zu sehen, wie die Menschen hier
nicht nur die Stelle der Last-, sondern auch jene der Zugthiere
vertreten. Ueber den ersten Fluß, den ich zu passiren hatte, führte
eine Brücke, zu welcher der Weg sehr steil abwärts ging. Die Pferde
wurden ausgespannt, und ein Paar Dutzend Männer traten an ihre Stelle,
um den Wagen sicher an die Brücke zu geleiten. Ueber den zweiten Fluß
führte keine Brücke: da mußten sie den Wagen gar durch das Wasser
ziehen, während die Pferde und Vorspanns-Büffel leer daneben gingen.
Welche Widersprüche in den verschiedenen Ländern! Auf Java, wo Futter
für Pferde und Ochsen im Ueberflusse gedeiht, dient der Mensch als
Lastthier -- in Island, wo man das Gras beinahe mit der Loupe suchen
muß, würde kein Mensch zu Fuße gehen, viel weniger die Dienste eines
Thieres verrichten.
Das Reisen mit Post-Pferden geht auf Java sehr schnell von statten; die
Pferde stehen auf jeder Station bereit und man fährt rasch. Ich hätte
hier, wie in Rußland, das Trinkgeld oft lieber gegeben, wenn man etwas
langsamer gefahren wäre, vorzüglich über die Berge und Hügel, wo die
Wege häufig voll Löcher und großer Steine waren. Aber gerade wenn eine
Anhöhe kam, wurden die Pferde durch Peitschenhiebe und das Geschrei
der Führer so angespornt, daß es noch schneller ging, als in der
schönen Ebene. Triefend von Schweiß, zitternd und athemlos kamen die
armen Thiere auf jeder Station an. Mich dauerten sie so sehr, daß mir
dadurch ein Theil des Genusses der Reise verloren ging. Ich wollte es
nicht leiden; allein man versicherte mich, daß das so sein müsse, daß
die Pferde sonst mitten auf der Anhöhe stehen blieben. Die Javanischen
Pferde sind nämlich sehr stützig (vielleicht in Folge der schlechten
Abrichtung); wenn sie eingespannt werden, wollen sie oft nicht vom
Platze, und nur mit vieler Mühe, d. h. durch unzählige Peitschenhiebe
und großes Geschrei der Stallknechte und des Kutschers bringt man sie
zum Laufen. Zuweilen bleiben sie in der Mitte der Fahrt stehen, worauf
ihnen natürlich dieselbe Behandlung zu Theil wird. Hier wäre ein Verein
gegen Thierquälerei an seinem Platze.
In der Ebene fährt man mit vier, in den bergigen Gegenden mit sechs
Pferden, ohne Unterschied ob eine Person allein, oder ob mehrere im
Wagen sitzen. Außer dem Kutscher ist jedem Paar Pferde ein Läufer
beigegeben, der zwar nicht die ganze Station durchläuft, doch bei jeder
Wendung des Weges, bei Brücken, bei Bergauf- und abfahren an der Seite
seiner Thiere sein muß. Ueber Berge oder größere Hügel werden den vier
oder sechs Pferden noch zwei oder vier Ochsen vorgespannt.
In keinem Lande vielleicht ist das Reisen mit der Post so theuer wie
hier. Eine Station von sechs bis acht Paal kommt, die Trinkgelder nicht
gerechnet, auf acht bis zwölf Rupien. An Trinkgelder hat man jedem
Laufer 10 Deut, jedem Ochsentreiber bei jedesmaligem Vorspann (was auf
einer Station zwei- bis dreimal geschehen kann) ebenfalls fünf bis zehn
Deut, dem Kutscher zwanzig Deut zu geben. Man muß die Hand immerwährend
in der Tasche haben, um jeden Augenblick die Deute auszutheilen. Würde
es nicht viel bequemer sein, alle diese kleinen Summen zugleich mit
dem Postgelde entrichten zu können? -- Freilich wissen die meisten
Reisenden nichts von dieser Unbequemlichkeit; sie haben Diener mit
sich, welchen das Geld zu derlei Sachen gegeben wird. Allein ich war
stets Herr und Diener in einer Person.
In +Bandong+ (2200 Fuß hoch gelegen) ward ich von dem
Assistent-Residenten Herrn +Vischer+ von +Gasbeck+ auf das beste
aufgenommen. Ich blieb hier einige Tage, um eine Theepflanzung, eine
Kaffeemühle und andere Sehenswürdigkeiten zu besuchen.
Auf dem Wege zur Theepflanzung machten wir einen Abstecher nach dem
Wasserfalle Tjurung-Tjeca-pundung. Wir kamen an einen eingestürzten
Krater, der sich gleich jenem auf dem Berge Meda-Mendongo in einen See
verwandelt hat. Letzterer ist jedoch viel kleiner: seine Länge mißt 134
Fuß, seine Breite etwas weniger. In diesen See stürzt sich von einer
70 Fuß hohen Wand ein leider gar zu bescheidenes Flüßchen, bahnt sich
einen Durchgang und schlängelt sich friedlich in dem schönen Thale
fort. Die Wände des Kessels sind ebenfalls mit Pisang- und Laub-Bäumen,
mit Schlingpflanzen und hohem Grase bewachsen.
Die Theepflanzung ist sehr ausgebreitet und erstreckt sich über viele
Hügel und Abhänge. Man sagte mir, daß der gegenwärtige Pächter, Herr
+Brumsteede+, über eine Million Sträuche besäße. Thee und Kaffee
gedeihen am besten auf hügligem Grunde. Die Theestauden sind hier
niedriger gehalten, als ich sie in der Gegend von Canton gesehen
habe; sie mochten zwischen zwei und drei Fuß haben. Man rechnet
zehn Stauden auf ein Pfund Thee. Die Bereitung des Thee’s ist sehr
vereinfacht und wird mit viel weniger Menschenhänden verrichtet,
als in den Chinesischen Fabriken. Anstatt, wie dort, jedes Blatt
des grünen Thee’s[42] einzeln zu rollen, nimmt man eine ganze Menge
Blätter zusammen, knetet sie leicht durcheinander und läßt sie auf
Kupferplatten durch gelinde Feuerhitze trocknen, wodurch sie von selbst
auseinanderfallen, aber freilich nicht so schön und gleichmäßig werden
wie die gerollten.
Die Theepflanzungen sind auf Java, gleich den Zucker- und
Kaffeepflanzungen, Eigenthum der Regierung und werden gewöhnlich auf
fünfzehn bis zwanzig Jahre verpachtet. Die Regierung gibt den Pächtern
Grund und Boden oder bereits angelegte Pflanzungen (eine Pflanzung
erhält sich gegen achtzig Jahre) und sichert ihnen die gehörige
Anzahl Arbeiter zu festgesetzten Preisen zu. Der Arbeitslohn ist in
dieser, wie in allen von Batavia entfernter gelegenen Residentschaften
außerordentlich billig: ein Taglöhner bekommt per Tag zehn Deut, nebst
einem Pfund Reis. Letzteres hat hier den Werth von zwei Deut. Zum
Pflücken des Thee’s, was die meiste Arbeit macht, werden gewöhnlich
Weiber und Kinder verwendet, die natürlich noch billiger sind. Der
Pächter erhält von der Regierung per Pfund 75 Deut; man rechnet seinen
Gewinn auf hundert Prozent.
Der Javanische Thee soll seine Güte erst durch die Seereise nach
Holland erhalten; die Theekenner geben aber jedenfalls dem Chinesischen
Thee den Vorzug.
Sonderbar ist auf Java die Weise den Reis zu ernten. Man bedient sich
hierzu kleiner Messer, mit welchen jeder Halm einzeln, ungefähr in der
Mitte des Stängels, abgeschnitten wird. Die Halmen werden in kleine
Büschelchen gebunden und von den Leuten mittelst Stangen auf der Achsel
heimgetragen. Jeder, der Lust hat, an der Ernte Theil zu nehmen,
kann helfen; sein Lohn besteht in dem fünften Theile von dem was er
schneidet.
Mit dem Besuche der Kaffeemühle zu Lembang (8 Paal von Bandong) verband
ich einen Ausflug nach dem Schwefelkrater Tangkerbon-prauh, der vier
Paal weiter liegt. Da ich mit Regenwetter zu Lembang ankam, und die
Parthie nach dem Krater nothwendiger Weise verschoben werden mußte,
nahm ich mit großem Danke die Einladung des Herrn +Phlippeau+, des
Inhabers der Kaffeemühle an, einen oder auch mehrere Tage in seinem
Hause zu verweilen. Um den düstern Nachmittag nicht ganz unbenützt
dahin gehen zu lassen, zeigte mir Herr Phlippeau die Behandlung des
Kaffee’s von Anfang bis zu Ende. Ich fand, daß man hier damit bei
weitem umständlicher zu Werke ging als in Brasilien. Der Kaffee wird,
wie er vom Baume kommt, in Wasserbehältnisse geschüttet und so lange
darinnen gelassen, bis die Schale oder Kapsel, in welcher die Bohnen
sitzen, so weich ist, daß man sie leicht mit den Händen zerdrücken
kann. In diesem Zustande schafft man ihn auf lange Bretterkisten,
deren obere Theile mit kleinen Löchern versehen sind, durch welche
die Bohnen gerade durchfallen können. Hier wird er so lange mit den
Händen gedrückt, gewendet und verarbeitet, bis sich die Bohnen gänzlich
aus den Kapseln gelöst haben. Die Bohnen kommen hierauf auf die
Trockenplätze und von da in eine große Maschine (die Mühle), wo sie von
den sie umgebenden feinen Häutchen befreit werden. Nun erst sondert man
die guten Bohnen von den minder guten ab und verpackt sie endlich.
In Brasilien wird der Kaffee nicht in Wasser erweicht, sondern gleich
wie er von den Bäumen kömmt, an der Sonne getrocknet, dann leicht
gestampft, wodurch sich die Kapsel zu gleicher Zeit mit dem Häutchen
von der Bohne löst, hierauf ausgesucht, auf Kupferplatten über leichter
Feuerhitze getrocknet und verpackt.
Auf +Lembang+ macht das Kaffeetrocknen große Schwierigkeiten, da die
Witterung das ganze Jahr hindurch mehr feucht als trocken ist. Und
welch’ ununterbrochener, starker Hitze bedarf nicht der durch und durch
geweichte Kaffee, um wieder trocken zu werden!
Die Kaffeemühle zu Lembang ist die größte auf Java; sie soll jährlich
gegen 25,000 Pikul reinen Kaffee liefern.
Der Kaffee ist, wie bereits bemerkt, gleich dem Thee, Zucker u. s. w.
Monopol der Regierung; nur die Residentschaft Batavia ist hievon
ausgenommen: da kann jedermann nicht nur Kaffee, sondern alles bauen,
was ihm beliebt, und verkaufen, an wen er will. In den übrigen
Residentschaften bebaut die Regierung die ihr angehörigen Ländereien
entweder selbst mit Zucker, Kaffee, Thee; oder sie verpachtet sie mit
der Bedingung, diese Artikel zu kultiviren und zu festgesetzten Preisen
an sie abzuliefern. Den Kaffeebaum bearbeitet sie jedoch vorzugsweise
selbst. In Gegenden, die zum Kaffeebaue geeignet sind, muß von den
im Umkreise wohnenden Hüttenbesitzern oder Bauern jeder 300 Bäume
pflanzen und stets in voller Zahl erhalten. In den ersten drei Jahren
bringt der Baum nichts, und der Bauer erhält auch keine Entschädigung
für seine Arbeit. In den folgenden Jahren bekommt er per Pikul, wie er
den Kaffee in der Kapsel nach der Mühle liefert, achtzig bis hundert
Deut. Der Inhaber der Kaffeemühle wird für die Bearbeitung ebenfalls
von der Regierung bezahlt; er erhält für jeden Pikul reinen Kaffee
zwei Kupfergulden, wobei er, gleich dem Theepflanzer, hundert Prozent
gewinnen soll. Man rechnet auf einem Pikul reinen Kaffee’s sechs
Pikul in Kapseln. In Gegenden, wo es keine Kaffeemühlen gibt und der
Bauer selbst den Kaffee reinigen muß, bezahlt ihm die Regierung per
Pikul gereinigten Kaffee’s sechs bis sieben Kupfergulden. Drückend
für die Bauern ist es, daß sie mitunter fünfzehn bis zwanzig Paal von
den Kaffeegärten entfernt wohnen, und des Jahres hindurch drei- auch
viermal auf einen Monat dahin zur Arbeit zu gehen haben. Sie finden
wohl Hütten, wo sie schlafen können; aber verpflegen müssen sie sich
selbst.
Die Residentschaft Preanger, überhaupt eine der fruchtbarsten Java’s,
ist die reichste an Kaffee. Ihr hügeliger, hochgelegener Boden
(sie besteht aus einer ausgedehnten Hochebene, 2,200 Fuß über der
Meeresfläche) ist dieser Cultur besonders günstig. Man rechnet auf sie
sechzig Millionen Kaffeebäume, von welchen fünfunddreißig Millionen
unter der Aufsicht des Assistent-Residenten von +Bandong+ stehen. Drei
Bäume geben zwei Pfund reinen Kaffee. Nirgends sah ich die Kaffeegärten
so rein, schön gehalten und geordnet wie hier.
Am folgenden Morgen ritt ich nach dem Schwefelkrater. Herr +Phlippeau+
war so gütig, mich mit Pferden und Führern zu versehen. Mein Zug
vergrößerte sich auf jedem Paal mit Reitern und Fußgängern so, daß
ich am Ende gewiß über dreißig Leute in meinem Gefolge hatte. Es
herrscht nämlich in vielen Gegenden Java’s die Sitte, daß, wenn eine
Person, die man auszeichnen will, durch ein Dorf kommt, der Richter
nebst mehreren Inwohnern sie eine große Strecke weit begleiten. Mir
erzeigte man diese Ehre aus Rücksicht für Herrn +Phlippeau+ und für den
Assistent-Residenten.
Komisch ist auch die Art, auf welche die Eingebornen im Gebiete
Preanger den Vorgesetzten und den Europäern ihre Hochachtung bezeigen.
Sie hocken sich auf die Erde und zwar in derselben Richtung, in der
sie gerade sind, so daß man von dem Einen den Rücken, von einem Andern
die Seite, von einem Dritten das Gesicht zu sehen bekommt. Sind sie zu
Pferde, so steigen sie ab, führen das Pferd zur Seite und hocken sich
daneben nieder. Auch in anderen Theilen Java’s bemerkte ich diese Sitte.
Ein ziemlich guter Weg führt zu dem Krater, und man kann bis an
seinen Rand reiten. Er mag zweihundert bis zweihundertfünfzig Fuß
tief sein, und ist unten beinah nicht schmaler als oben, drei- bis
vierhundert Fuß im Durchmesser. Die Wände fallen sehr steil ab und nur
auf einer Seite ist es möglich, über loses Steingerölle und lockeres
Erdreich mit ziemlicher Gefahr hinab zu steigen. In der Tiefe wirbeln
an mehreren Stellen kleine Rauchsäulen auf, reiner Schwefel liegt
daneben. Ich kletterte mit vieler Mühe hinunter. Bei den aufgeworfenen
Schwefelhügelchen vernahm ich ein starkes Brausen; die Rauchsäule stieg
mit Gewalt empor und machte dasselbe Geräusch, wie der Dampf, wenn er
aus einem Locomotive gelassen wird. Man kann sich diesen Rauch- oder
besser gesagt Dampfsäulen mit einiger Vorsicht gänzlich nahen, man muß
nur mit dem Winde dahin gehen und nicht gegen denselben, damit der
erstickende Schwefeldampf nicht in das Gesicht schlägt.
Nicht nur die Eingebornen, sondern auch die Europäer hatten mir gesagt,
der Boden in dem Krater sei so heiß, daß man stets mit verbrannten
Schuhsohlen zurückkäme. Ich befühlte den Boden wohl an mehr als
fünfzig Stellen, und ganz besonders in der Nähe der Rauchsäulen --
konnte indeß meine Hand eine Zeit lang darauf ruhen lassen, und brachte
meine Schuhe unbeschädigt zurück.
Daß doch die Menschen bei jeder Gelegenheit übertreiben, und einer
dem andern die Lügen nachsprechen muß! Oder sollte ich so unglücklich
sein, alles anders zu sehen, zu beobachten, zu fühlen, als die übrigen
Reisenden? --
Vor einigen Jahren hat dieser Krater eine solche Menge schwefeliger
Asche ausgeworfen, daß die Waldungen ein Viertel Paal rings um den
Kessel gänzlich abstarben. Die nackten, schwarzen, wie von einem
Waldbrande verkohlten Stämme bildeten einen grellen Widerspruch zu
der reichen, blühenden Natur, die sich ohne den geringsten Uebergang,
gleich einem Kranze, um sie schloß.
Ich hatte nun schon einige Krater, lebende und verloschene, auf Java
gesehen; aber in keinem kam mir die rein poröse Lava vor, die ich auf
dem Vesuv, dem Aetna, und auf den zahllosen Kratern Islands gefunden
habe. Es scheint, daß sich die Javanesischen Feuerspeier mit Asche,
Sand, Wasser oder Steinen begnügen.
Nach Bandong zurückgekehrt, verschaffte mir Herr von Vischer eine
recht hübsche Unterhaltung bei dem Regenten[43], der uns zu Ehren von
seinen Tänzerinnen den Nationaltanz Bedogo aufführen ließ.
Die sechs Tänzerinnen waren reizend gekleidet. Sie trugen knapp
anliegende Leibchen ohne Aermel, Gold-durchwirkte, seidene Sarongs,
die kaum an die Knöchel reichten, darunter enge Beinkleider, die bis
an den Fuß gingen; der Fuß selbst war unbekleidet. Um die Mitte des
Leibes wand sich eine purpurne Schärpe, deren Enden bis an die Kniee
fielen. Brust, Leibchen, Handgelenke und Oberarm waren mit breiten
Goldblechen geziert. Auf dem Kopfe hatten sie Helme, die auf den Seiten
durchbrochen waren und den Reichthum der üppig schwarzen Haare sehen
ließen. Man konnte sich einbilden, Amazonen vor Augen zu haben. Schade,
daß die Mädchen selbst nicht so reizend waren, als ihr Anzug; der
Malaische Typus sprach zu sehr aus ihren Gesichtern.
Der Tanz bestand aus drei Abtheilungen. In der ersten ging es ziemlich
ruhig her: da ward ganz einfach getanzt; in der zweiten brachten die
Tänzerinnen Sträuße von Pfauenfedern, die sie gleich Schwertern wie im
Kampfe schwenkten; in der dritten Abtheilung kamen sie mit Bogen und
Pfeil bewaffnet und stellten ein ordentliches Gefecht dar, das mit der
Niederlage der Hälfte der Kämpfenden endete. Die Getödteten blieben
eine Zeit lang auf dem Wahlplatze liegen. Mit ihrer Niederlage zugleich
ertönte in der Ferne eine klagende, sanfte Melodie. Die Musik dagegen,
die den Tanz begleitete, war sehr lärmend und unharmonisch. Ich fand
diese Vorstellung sehr zierlich und ausdrucksvoll und das Auge nicht
beleidigend, eine Eigenschaft, die man nicht immer an unsern Balleten
rühmen kann. Das Einzige was mir nicht gefiel war, daß die Tänzerinnen
die Augen beständig zu Boden geschlagen hatten, eine Sitte, die ich bei
den Tänzerinnen der meisten außereuropäischen Völker bemerkt habe, und
welche Hochachtung für die Zuseher auszudrücken scheint.
Von Bandong kehrte ich direkt nach Buitenzorg zurück, wo ich der
gütigen Einladung des Gouverneur-Generals zu Folge abermals in seinem
Palaste einige Tage verweilte. Ich schulde diesem Herrn wirklich
den größten Dank, nicht nur für die mehr als gewöhnlich freundliche
Aufnahme, die ich in seinem Hause fand, sondern auch weil eben diese
mir bewiesene Theilnahme hauptsächlich dazu beitrug, daß man mich in
allen Holländischen Besitzungen so ausgezeichnet gut aufnahm und meine
Reisepläne überall so viel wie möglich unterstützte[44].
In Batavia stieg ich wieder in dem Hause meiner liebenswürdigen
Freunde, Herrn und Frau van Rees ab. Hier ward ich durch einen mir sehr
werthen Besuch überrascht. Ich wurde in den Salon gerufen, und als ich
kam, stand Herr +Steuerwald+ (Oberst in Holländischen Diensten) vor
mir. Ich hatte diesen Herrn im Jahre 1845 auf der Reise von Gothenburg
nach Stockholm kennen gelernt. Seine gediegenen Kenntnisse, ganz
besonders aber sein freier, offener, rechtlicher Charakter flößten
mir die höchste Achtung ein; ich war stolz von diesem Biedermanne
schon damals mit mehr Auszeichnung behandelt worden zu sein, als dies
gewöhnlich bei vorübergehenden Reisebekanntschaften der Fall ist. Er
war im Dienste nach Indien gekommen, und diesem glücklichen Zufall
verdankte ich es, eine Bekanntschaft fortsetzen zu können, die im
hohen Norden Europa’s ihren Anfang genommen hatte.
Wenige Tage nach meiner Rückkehr von Bandong fuhr ich nach +Tangerang+,
fünfzehn Meilen von Batavia. Herrn van Rees rief ein kleines Geschäft
dahin, das er besonders bis zu meiner Rückkehr verschoben hatte, um
mich mitzunehmen. Er benützte diese Gelegenheit, mir verschiedene
Volksbelustigungen vorstellen zu lassen: ich sah ein Hahnengefecht,
einen Volkstanz, ein burleskes Lustspiel, und ein großes Kunststück
eines sogenannten Herkules.
Der Hahnenkampf ist zu grausam, um unterhaltend zu sein. Dem armen
Thiere werden an jeden Fuß kleine, spitzige, sehr scharfe Messerklingen
gebunden. Die Eigenthümer nehmen hierauf ihre Thiere unter den Arm,
stoßen sie mehrmals gegen einander und reizen sie durch Ziehen an dem
Kamme und an den Federn zum Zorne. Wenn sie recht aufgeregt sind, läßt
man sie los, und der Kampf beginnt sogleich, dauert aber nicht lange,
denn die Hähne hauen sich so schnell und stark mit den Krallen und
den daran gebundenen Messerklingen, daß nach kaum einer halben Minute
einer, oft auch beide auf dem Kampfplatze bleiben.
Die Holländische Regierung hat die Hahnenkämpfe strenge verboten; sie
waren das größte Vergnügen und zugleich Verderben des Volkes. Die Leute
beschäftigten sich beinahe mit nichts anderem, und ruinirten sich mit
Wetten. Ein leidenschaftlicher Spieler setzte nicht nur Haus und Gut
auf’s Spiel, sondern sein Weib, sein Kind, ja am Ende sich selbst.
Der Tanz war das wenigst Anziehende. Sechs Mädchen tappten auf einem
engen Raume sehr plump umher und kreischten aus voller Kehle sogenannte
Lieder herunter. Dagegen unterhielt mich das Lustspiel, obwohl ich vom
Texte nichts verstand (wozu mir Herr van Rees Glück wünschte); ich
bewunderte das natürliche Spiel, die Grimassen, die Beredsamkeit der
Schauspieler, besonders des Hauptkomikers. Man muß wissen, daß die
Leute keine einstudirten Stücke haben, sondern stets aus dem Stegreife
spielen. Die Frauenrollen waren hier von Jünglingen dargestellt, wobei
die Zuseher nichts verloren, da beide Geschlechter in diesem Lande
gleich häßlich sind; ich wäre gar nie auf den Gedanken gekommen, daß
verkleidete Männer vor mir sich produzirten, wenn man es mir nicht
gesagt hätte.
Den Schluß der Unterhaltungen machte ein wirklich bewunderungswürdiges
Kunststück des Herkules. Bloß mit einer kurzen Hose bekleidet, ließ er
sich um den Hals einen Strick binden, und mit demselben auch die Arme
und Hände auf dem Rücken so fest zusammenschnüren, daß er damit nicht
die geringste Bewegung machen konnte. Er kam zu uns, um die Knoten
und Verschlingungen des Strickes untersuchen zu lassen. Hierauf kroch
er unter einen hohen Korb, der von allen Seiten überdeckt war, und
in welchen man ein Hemd und einen Sarong gelegt hatte. Nach ungefähr
sechs Minuten ward der Korb aufgehoben; der Herkules hatte den Strick
wie zuvor um Hals, Arme und Hände gebunden, aber das Hemd angezogen,
den Sarong um die Mitte geschlagen. Er kroch nochmals unter den Korb
und erschien nach sechs Minuten wieder, ohne Hemd und Sarong, und den
Strick mit allen seinen Knoten und Verschlingungen in der Hand haltend.
Auf einem Theater würde dieses Kunststück nichts bedeutet haben, da man
dem Künstler unter dem Korbe zu Hilfe hätte kommen können; aber hier,
mitten auf einem Wiesenplatze, war doch kein Beistand möglich.
Ein Herr aus unserer Gesellschaft bot ihm für das Geheimniß seines
Kunststückes 25 Rupien; der Mann nahm aber diesen Vorschlag nicht an.
Am folgenden Morgen den +7. Juli+ sollten wir, vor der Rückkehr nach
Batavia, noch eine Zuckermühle besuchen; sie war jedoch leider noch
nicht im Gange, obwohl das Zuckerrohr rings umher schon in voller
Reife stand. Nirgends sah ich größere und üppigere Zuckerfelder als in
dieser Ebene.
Die Zuckermühlen tragen auf Java einen Gewinn von zwei- bis dreihundert
Procent.
Gegen Mittag trafen wir wieder in Batavia ein.
[35] Java hat, sammt der dazu gehörigen kleinen Insel Madura 2444
Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von 9½ Millionen Seelen.
[36] Chef der Chinesen auf Batavia.
[37] Wenn man auf Java mit Postpferden reist, müssen Laufzettel
vorausgesandt werden.
[38] Ich werde von nun an immer nach Paal rechnen. Ein Paal ist
gleich einer Englischen Meile.
[39] Der Nopal gehört zum Cactus-Geschlechte.
[40] Folgende Anekdote habe ich aus dem Munde eines sehr
glaubwürdigen Mannes. „Ein hoher Beamter kam zur Audienz
und bat um freie Postpferde zu einer Reise auf Java. Der
Gouverneur-General frug ihn „wie groß ist ihr Gehalt?“ -- So
und so viel war die Antwort. „Oh, da ist er groß genug, daß
sie die Postgebühren bezahlen können.“ Zur selben Audienz
kam ein geringer Beamter mit derselben Bitte; er brachte ein
ärztliches Zeugniß bei, daß er eine Luftveränderung nöthig habe.
Der Gouverneur-General frug ebenfalls nach dem Gehalte, und da
er noch klein war, sagte er: „Damit können sie freilich keine
Gebühren bezahlen,“ -- und bewilligte die Bitte.“
[41] Neben der Post-Straße, die durch ganz Java geht, läuft eine
zweite Straße, die für diese Karren bestimmt ist.
[42] Bekanntlich wird nur der schwarze Thee der Sonnenhitze
ausgesetzt, jener, der grün bleiben soll, muß durch künstliche
Wärme getrocknet werden.
[43] Auf Java ist jedem Residenten ein Rajah oder sonstiger Vornehmer
des Landes als Beamter beigegeben, der den Titel „Regent“ führt
und denselben Gehalt bezieht, wie der Resident, nebst Procenten
vom Kaffee, Zucker u. s. w. Ohne seinen Beisitz wird nichts
Bedeutendes unternommen. Seine Meinung ist jedoch höchst selten
von der des Residenten verschieden.
[44] Der Gouverneur-General der Holländisch-Indischen Besitzungen hat
150,000 Rupien jährlichen Gehalt, nebst dem Genusse mehrerer
Paläste, Sommerhäuser, Gärten und Ländereien. Er bleibt
vier, höchstens fünf Jahre auf diesem Posten. An Macht und
Ansehen übertrifft seine Stellung bei weitem jene eines
konstitutionellen Königs in Europa.