Golenischtscheff war hiermit nicht einverstanden und fertigte

Michailoff mit seinem ersten Gedanken über die Einheit des Eindrucks

ab, die in der Kunst notwendig sei.

Michailoff geriet in Erregung, wußte aber nichts zur Verteidigung

seines Gedankens zu sagen.

12.

Anna und Wronskiy hatten schon längere Zeit Blicke miteinander

gewechselt im Bedauern über die scharfsinnige Redefertigkeit ihres

Freundes; endlich schritt Wronskiy, ohne auf den Hausherrn zu warten,

zu einem anderen, einem kleinen Gemälde.

»Ah, wie reizend, wie reizend! Wundersam! Wie reizend!« riefen beide

mit einer Stimme.

»Was hat ihnen so gefallen?« dachte Michailoff. Er hatte das vor drei

Jahren gemalte Bild vergessen; vergessen alle die Leiden und Freuden,

welche er mit diesem Bilde durchlebt hatte, indem es ihn mehrere Monate

hindurch ausschließlich, und ohne daß er sich davon hätte trennen

können, Tag und Nacht beschäftigte, es vergessen, wie er überhaupt

stets seine vollendeten Bilder vergaß. Er liebte nicht einmal, es

anzuschauen, und stellte es nur deshalb aus, weil er einen Engländer

erwartete, der es zu kaufen wünschte.

»Ah; eine alte Studie,« sagte er.

»Wie hübsch,« rief Golenischtscheff, gleichfalls augenscheinlich

aufrichtig von dem Reiz des Bildes gefesselt.

Zwei Knaben im Schatten einer Bachweide angelten Fische. Der Eine,

ältere, hatte soeben die Angel ausgeworfen und führte aufmerksam

die Angelspule aus einem Gestrüpp heraus, ganz versunken in diese

Beschäftigung; der Andere, jüngere lag im Grase, den wirren Blondkopf

auf die Ellbogen gestützt, und schaute mit den blauen Augen

nachdenklich auf das Wasser.

Woran mochte er denken?

Das Entzücken über dieses sein Bild rief in Michailoff die frühere

Erregung hervor, doch scheute er sich vor diesem unangenehmen müßigen

Interesse für ältere Arbeiten, und so suchte er, obwohl ihm dieses Lob

angenehm war, die Besucher zu dem dritten Bilde hinzuziehen.

Doch Wronskiy frug, ob er dieses Gemälde verkaufe. Michailoff, von dem

Besuch erregt, war diese Frage über Geldgeschäfte jetzt sehr unangenehm.

»Es ist zum Verkauf ausgestellt,« versetzte er, sich verfinsternd.

Nachdem die Besucher gegangen waren, setzte sich Michailoff vor

seinem Bilde »Pilatus und Christus« nieder und wiederholte sich in

Gedanken alles, was gesprochen worden, oder, wenn nicht ausgesprochen,

so doch von den Besuchern angedeutet worden war. Und seltsam, was

so hohe Bedeutung für ihn gehabt hatte, während sie hier waren und

er sich in Gedanken auf ihren Standpunkt versetzte, hatte jetzt

plötzlich für ihn allen Wert verloren. Er schaute jetzt auf sein

Gemälde mit seinem vollen künstlerischen Blick, und kam zu demjenigen

Standpunkte der Überzeugung von seiner Vollkommenheit und darnach auch

Bedeutung, welcher ihm notwendig war zu der alle anderen Interessen

ausschließenden Spannkraft, mit welcher allein er nur zu arbeiten

vermochte.

Der eine Fuß des Christus war allerdings nicht recht befriedigend.

Er nahm die Palette und machte sich an die Arbeit. Indem er den Fuß

besserte, blickte er fortwährend auf die Gestalt des Johannes im

Hintergrund, welche die Besucher gar nicht bemerkt hatten, und die

gleichwohl -- er wußte es -- noch über der Vollkommenheit selbst stand.

Nachdem er mit dem Fuß fertig war, wollte er sich an diese Figur

begeben, aber er fühlte sich allzu erregt dazu. Nichtsdestoweniger

konnte er aber auch nicht arbeiten, wenn er ganz kühl, sowie wenn er

zu weich gestimmt war und alles zu sehr sah. Es gab nur eine Stimmung

in dem Übergang von der Kühle bis zur Begeisterung, in welcher ihm die

Arbeit möglich war. Jetzt befand er sich in allzugroßer Aufregung. Er

wollte das Gemälde verhüllen, hielt aber inne, mit der Hand den Vorhang

haltend, und schaute lange, beglückt lächelnd, auf die Gestalt des

Johannes. Endlich, gleichsam mit Schmerz sich losreißend, ließ er den

Vorhang fallen und begab sich ermüdet, aber beglückt heim.

Wronskiy, Anna und Golenischtscheff waren, heimgekehrt, in ausnehmend

angeregter und heiterer Stimmung. Man sprach von Michailoff und seinen

Bildern. Das Wort »Talent«, unter welchem sie eine angeborene, fast

physische Fähigkeit, unabhängig von Verstand und Herz verstanden,

und als das sie alles bezeichneten, was von dem Künstler durchlebt

wird, tauchte besonders häufig in ihrer Unterhaltung auf, da es ihnen

unentbehrlich dazu war, das zu bezeichnen, wofür sie kein Verständnis

besaßen, und worüber sie doch sprechen wollten. Sie sagten, man könne

ihm das Talent nicht absprechen, infolge der mangelnden Bildung aber

vermöge sich dieses nicht zu entwickeln. -- Dies sei das Unglück aller

russischen Künstler! -- Aber das Bild mit den beiden Knaben war doch in

ihrer Erinnerung haften geblieben und immer wieder kehrten sie zu ihm

zurück. Wie reizend! Wie schön war es ihm gelungen! Und wie einfach!

Er selbst weiß gar nicht, wie schön es ist. »Ja, das darf man nicht

fortlassen, das muß man kaufen,« sagte Wronskiy.

13.

Michailoff verkaufte Wronskiy das Bild und willigte auch ein, Annas

Porträt zu malen. Am festgesetzten Tage kam er und begann seine Arbeit.

Von der fünften Sitzung an setzte das Porträt jedermann in Erstaunen,

besonders Wronskiy, nicht nur durch die Ähnlichkeit, sondern

vornehmlich durch seine Schönheit. Es war seltsam, wie Michailoff jene

nur ihr eigene Schönheit hatte treffen können. »Man muß sie kennen und

lieben, wie ich sie geliebt habe, um diesen eigenen, lieblichen und

seelischen Ausdruck bei ihr zu entdecken,« dachte Wronskiy, obwohl nur

er in diesem Gemälde den lieblichen, seelischen Ausdruck erkannte.

Derselbe war aber so getreu, daß es ihm und anderen schien, als ob

sie ihn schon längst gekannt hätten. »Wie lange habe ich mich nun

schon geplagt, und nichts fertig gebracht,« sprach er bezüglich seines

eigenen Porträts, »und er hat sie nur angeschaut und gemalt! Das ist

die Technik.«

»Es wird noch kommen,« tröstete ihn Golenischtscheff, nach dessen

Auffassung Wronskiy Talent besaß und, was die Hauptsache war, auch

die Bildung, die einen erhabneren Blick auf die Kunst verlieh. Die

Überzeugung Golenischtscheffs von Wronskiys Talent wurde noch dadurch

gestützt, daß Golenischtscheff Wronskiys Teilnahme und Lob für seine

Arbeiten und seine Ideen brauchte, und so fühlte er, daß Lob und

Unterstützung hier auf Gegenseitigkeit beruhten.

In einem fremden Hause, und insbesondere in dem Palazzo bei Wronskiy

war Michailoff ein abweisend anderer Mensch, als in seinem Atelier.

Er war abstoßend höflich, gerade als fürchte er die Annäherung an

Menschen, die er nicht achte. Er nannte Wronskiy Ew. Erlaucht und blieb

niemals, ungeachtet der Einladungen Annas und Wronskiys, zum Essen da,

kam auch nicht zu anderen Zeiten, als zu den Sitzungen. Anna war gegen

ihn freundlicher, als gegen andere, und ihm dankbar für das Porträt.

Wronskiy war mehr als nur höflich gegen ihn, und interessierte sich

augenscheinlich für das Urteil des Künstlers über sein eigenes Gemälde.

Golenischtscheff ließ keine Gelegenheit vorüber, Michailoff die wahren

Begriffe über Kunst beizubringen, allein Michailoff blieb sich immer

gleich in seiner Zurückhaltung gegen alle. Anna fühlte an seinem Blick,

daß er sie gern betrachtete, doch er mied Gespräche mit ihr. Zu den

Gesprächen Wronskiys über dessen Malerei schwieg er beharrlich, und er

schwieg ebenso beharrlich, als man ihm das Bild Wronskiys zeigte; er

fühlte sich auch offenbar belästigt von den Reden Golenischtscheffs und

erwiderte diesem nichts.

Im allgemeinen gefiel ihnen daher Michailoff mit seinem zurückhaltenden

und unangenehmen, gleichsam feindseligen Verhalten sehr wenig, nachdem

man ihn näher kennen gelernt hatte, und man war deshalb froh, daß

als die Sitzungen beendet waren, in ihren Händen ein schönes Porträt

zurückblieb, während er selbst sein Kommen einstellte.

Golenischtscheff war es zuerst, der den Gedanken aussprach, den alle

hatten, nämlich, daß Michailoff auf Wronskiy einfach neidisch sei.

»Gesetzt, er beneidete ihn nicht, weil er Talent besitzt, ist es ihm

doch verdrießlich, daß ein Hofmann und reicher Mann, noch dazu ein

Graf, was schon alle beneiden, ohne besondere Mühe das Nämliche, wenn

nicht noch Besseres, leistet, als er, der sein ganzes Leben dem geweiht

hat. Die Hauptsache bleibt doch die Bildung, die jener nicht hat.«

Wronskiy verteidigte Michailoff, doch auf dem Grunde seines Herzens

glaubte er hieran, weil nach seiner Auffassung ein Mensch aus jener

anderen, niedrigeren Welt Neid hegen mußte.

Das Porträt Annas, ebenfalls in derselben Weise nach der Natur gemalt

von ihm wie von Michailoff, hätte Wronskiy den Unterschied zeigen

müssen, welcher zwischen ihm und jenem bestand, aber er gewahrte

denselben nicht. Er hörte nach der Arbeit Michailoffs nur auf, sein

Porträt von Anna weiter zu malen, indem er meinte, dies sei nunmehr

überflüssig geworden. Sein Gemälde aus dem mittelalterlichen Leben

hingegen setzte er fort, und er selbst, wie auch Golenischtscheff und

namentlich Anna fanden, daß es sehr schön sei, weil es den berühmten

Bildern viel ähnlicher werde, als das Bild Michailoffs.

Dieser nun war, ungeachtet dessen, daß ihn die Porträtierung Annas sehr

angezogen hatte, seinerseits noch froher als jene, als die Sitzungen

zu Ende waren und er nicht mehr das Geschwätz Golenischtscheffs über

Kunst anzuhören brauchte, und die Malerei Wronskiys vergessen durfte.

Er wußte, daß es unmöglich war, Wronskiy zu verbieten, mit der Malerei

Mutwillen zu treiben; er wußte, daß dieser ebenso wie alle anderen

Dilettanten das volle Recht besaß, zu malen was ihm anstand -- aber

ihm war dies unangenehm. Es war eben unmöglich, einem Menschen zu

untersagen, sich eine große Puppe aus Wachs zu machen und sie zu

küssen. Aber wenn nun gar dieser Mensch mit der Puppe kam, und sich

vor einem Verliebten hinsetzte und beginnen wollte, seine Puppe zu

liebkosen, wie ein Verliebter die, welche er liebt, so mußte das

dem Verliebten widerlich sein. Und dieses widerliche Gefühl empfand

Michailoff beim Anblick der Malerei Wronskiys; es wurde ihm dabei

komisch und ärgerlich, kläglich und grimmig zugleich zu Mut.

Die Passion Wronskiys für die Malerei und das Mittelalter hielt nicht

lange an. Wronskiy besaß doch soviel Geschmack für Malerei, daß er sein

Bild nicht zu beenden vermochte und es blieb liegen. Voll Bestürzung

war er inne geworden, daß die Mängel des Bildes, im Anfang weniger

bemerkbar, überraschend wirkten, wenn er es fortsetzte. Es ging ihm,

wie Golenischtscheff, der fühlte, daß es ihm auf das Reden nicht

ankomme und sich beständig damit selbst täuschte, daß nur seine Idee

noch nicht ausgereift sei, daß er sie erst austragen und Material

sammeln wolle. Aber Golenischtscheff hatte dies verbittert gemacht

und es marterte ihn; Wronskiy hingegen vermochte sich weder selbst

zu täuschen noch zu peinigen oder gar über sich selbst verbittert zu

werden; mit der ihm eigenen Charakterfestigkeit hörte er eben auf, ohne

eine Erklärung oder Rechtfertigung, zu malen.

Ohne diese Beschäftigung indessen erschien ihnen -- sowohl ihm wie

Anna, die sich über seine Ernüchterung verwunderte -- das Leben nun

so langweilig in der italienischen Stadt, wurde der Palazzo plötzlich

so sichtlich alt und schmutzig, schauten die Flecken auf den Gardinen

so unangenehm hervor, die Ritzen auf den Fußböden, die abgefallene

Stuccatur an den Karnisen, wurde ihnen auch der ewige Golenischtscheff,

der italienische Professor und ein deutscher Reisender nach und nach

so langweilig, daß man dieses Leben ändern mußte. Man beschloß, nach

Rußland auf das Land zu gehen. In Petersburg gedachte Wronskiy mit

seinem Bruder eine Vermögensteilung vorzunehmen, während Anna ihren

Sohn wiedersehen wollte. Den Sommer beabsichtigten sie auf dem großen

Erbbesitz Wronskiys zu verleben.

14.

Lewin war seit drei Monaten verheiratet. Er war glücklich, aber nicht

ganz so wie er erwartet hatte. Auf jedem Schritte begegnete er der

Enttäuschung in früheren Träumen, doch auch neuen, unerwarteten Reizen.

Er war glücklich, sah aber, nachdem er ins Familienleben getreten war,

auf jedem Schritte, daß dieses durchaus nicht so war, wie er es sich

vorgestellt hatte. Auf jedem Schritte erfuhr er an sich, was ein Mensch

fühlen mag, der sich an der glatten glücklichen Fahrt eines Nachens

auf dem See ergötzt, nachdem er sich etwa selbst hineingesetzt hat.

Er sah, daß er, indem er schon ruhig sitzen mußte und nicht schaukeln

durfte, sich auch noch dessen bewußt sein mußte -- ohne nur eine

Minute zu vergessen, wohin er fahren wollte -- daß unter seinen Füßen

Wasser war und er rudern mußte, und daß dies den nicht daran gewohnten

Händen mühsam wurde. Die Sache sah wohl sehr leicht aus, aber sie zu

vollbringen -- wenn es auch mit viel Freude verbunden war -- blieb

doch sehr schwierig.

Als Junggeselle hatte er oft, auf das Eheleben mit seinen kleinlichen

Sorgen, seinem Streit, seiner Eifersucht blickend, geringschätzig in

seinem Innern gelächelt. In seinem künftigen Eheleben konnte nach

seiner Überzeugung nicht nur nichts Ähnliches existieren, es sollten

sogar alle äußerlichen Formen desselben, wie ihm dünkte, dem Leben

der anderen in allem vollständig unähnlich sein. Plötzlich aber

hatte sich anstatt dessen auch sein Leben mit seinem Weibe nicht

nur nicht besonders gestaltet, sondern sich im Gegenteil, gerade

aus all jenen kleinlichsten Kleinigkeiten zusammengesetzt, die er

vordem so sehr verachtet hatte, die aber jetzt, gegen seinen Willen,

eine ungewöhnliche und unabweisbare Bedeutung erhalten hatten. Lewin

erkannte auch, daß die Regelung aller dieser Kleinigkeiten durchaus

nicht so leicht war, als ihm früher geschienen hatte. Ungeachtet

dessen, daß Lewin glaubte, die richtigsten Begriffe vom Eheleben

zu besitzen, stellte er sich, wie alle Männer, das Familienleben

unwillkürlich nur als eine Befriedigung seiner Liebe vor, der kein

Hindernis mehr in den Weg treten durfte, und von welcher ihn keine

kleinlichen Sorgen abziehen sollten. Er sollte nach seiner Auffassung

seine Arbeit verrichten und von derselben ausruhen im Glück der Liebe.

Sie sollte daher auch nur geliebt werden; allein er hatte dabei, wie

alle Männer, vergessen, daß auch sie arbeiten müsse. Er wunderte sich,

wie sie, die poetische, reizende Kity, nicht in den ersten Wochen,

nein, schon in den ersten Tagen des Ehelebens bereits, denken, sich

erinnern, sich sorgen konnte um Tischtücher, Möbel, Matratzen für die

anreisenden Besuche, das Geschirr, den Koch, das Essen und dergleichen.

Schon als Bräutigam war er in Erstaunen gesetzt worden von der

Bestimmtheit, mit welcher sie auf eine Reise ins Ausland verzichtete

und sich dafür entschieden hatte, auf das Dorf zu gehen, gerade als ob

sie schon wüßte, was not thue, und daß sie außer an ihre Liebe, auch

noch an Nebensächliches denken könne. Dies hatte ihn damals verstimmt,

und auch jetzt verstimmten ihn mehrmals ihre kleinen Mühen und Sorgen.

Doch er sah, daß ihr dies ein Bedürfnis war, und da er sie liebte, so

konnte er nicht umhin, sich über diese Sorgsamkeit zu freuen, wenn er

auch nicht wußte weshalb, und wenn er auch darüber spöttelte.

Er lächelte darüber, wie sie die Möbel stellte, welche aus Moskau

gebracht worden waren, wie sie ihr Zimmer und seines neu ausschmückte,

Gardinen aufsteckte, über die künftige Unterbringung der Besuche

verfügte, wie die Dollys; ferner wie sie ihre neue Zofe unterbrachte,

wie sie dem alten Koch das Menü vorschrieb und mit Agathe Michailowna

in Widerspruch geriet und diese der Verwaltung der Speisekammer enthob.

Er sah, daß der alte Koch lächelte und damit zufrieden war, sah, daß

Agathe Michailowna bedenklich, aber freundlich den Kopf schüttelte

über die neuen Verfügungen der jungen Herrin in der Vorratskammer; er

sah, wie Kity ungewöhnlich lieblich war, wenn sie lachend und weinend

zugleich, zu ihm kam, um ihm mitzuteilen, daß die Magd Mascha gewöhnt

sei, Agathe als Herrin zu betrachten, und daß deshalb niemand auf sie

höre. Ihm erschien dies lieblich, aber auch seltsam, und er dachte es

würde wohl besser sein, wenn dies nicht wäre.

Er kannte jenes Gefühl der Veränderung nicht, welches sie nun kennen

gelernt, nachdem sie daheim wohl bisweilen einmal nach Kohl mit Kwas

oder Konfekt verlangt hatte, ohne daß dies oder jenes zu haben gewesen

wäre, während sie jetzt befehlen durfte, was sie wollte, ganze Haufen

von Konfekt kaufen, Geld soviel sie wollte ausgeben, oder Backwerk

bestellen konnte nach Herzenslust.

Mit Freude dachte sie jetzt auch der Ankunft Dollys und der

Kinder, besonders deswegen, weil sie für jedes der Kinder dessen

Lieblingsgebäck hatte backen lassen, und Dolly ihre ganze neue

Einrichtung abschätzen lassen wollte. Sie wußte zwar selbst nicht,

warum und zu welchem Zwecke, aber das Hauswesen zog sie unwiderstehlich

an. Instinktiv fühlte sie das Nahen des Frühlings und wohl wissend, daß

es auch für sie schwere Stunden geben werde, baute sie sich, wie sie es

verstand, ihr Nest, und mühte sich zu gleicher Zeit zu lernen, wie man

bauen müsse.

Diese pedantische Sorglichkeit Kitys, dem Ideal Lewins von einem

erhabenen Glück der ersten Zeit so sehr entgegengesetzt, war eine der

Enttäuschungen. Diese liebliche Fürsorge, deren Sinn er nicht begriff,

die er aber lieben mußte, war die erste der neuen Enttäuschungen.

Eine zweite Ernüchterung, zugleich aber auch einen Reiz bildeten die

Zwiste. Lewin hatte sich nie vorstellen können, daß zwischen ihm und

seinem Weibe andere Beziehungen, als zärtliche, achtungsvolle und

liebevolle bestehen könnten, und plötzlich, gleich von den ersten Tagen

an, gerieten sie einmal so in Zwist, daß sie zu ihm sagte, er liebe sie

gar nicht, liebe nur sich selbst und nun zu weinen begann, und die Arme

hochhob.

Dieser erste Streit kam davon her, daß Lewin nach einer neuen Meierei

gefahren und eine halbe Stunde länger geblieben war, weil er auf einem

kürzeren Wege hatte heimfahren wollen, in welchem er sich jedoch

geirrt hatte. Er fuhr heim, nur in Gedanken an sie, an ihre Liebe

und sein Glück, und je näher er kam, um so heißer wallte in ihm die

Zärtlichkeit für sie. Er eilte nach ihrem Zimmer noch mit der nämlichen

Empfindung -- ja einer noch stärkeren -- als die gewesen, mit der er

sich dem Hause der Schtscherbazkiy genähert hatte, um seine Werbung

anzubringen. Da aber begegnete ihm plötzlich ein finsterer, noch nie an

ihr gesehener Ausdruck; er will sie küssen, sie stößt ihn von sich.

»Was hast du?«

»Du hast ja recht gute Laune,« begann sie, sich bemühend, ruhig und

sarkastisch zu erscheinen.

Kaum aber hat sie den Mund geöffnet, als der Redestrom der Vorwürfe

einer sinnlosen Eifersucht sich ihr entrang, alles dessen, was sie

in dieser halben Stunde gemartert hatte, die von ihr, indem sie

unbeweglich am Fenster saß verbracht worden war. Da erkannte er zum

erstenmal klar, was er noch nicht gewußt, als er sie nach der Trauung

aus der Kirche geführt hatte. Er erkannte, daß sie ihm nicht nur nahe

stehe, sondern daß er jetzt nicht einmal mehr wisse, wo sie aufhöre

und wo er anfange. Er empfand dies an jenem quälenden Gefühl der

Zweiheit, welches er in dieser Minute hatte. Im ersten Augenblick war

er verletzt, ebenso schnell aber wurde er auch inne, daß er von ihr

nicht verletzt werden könne, daß sie ja er selbst sei. Er empfand in

diesem ersten Augenblick ein Gefühl, ähnlich dem, welches ein Mensch

hat, wenn er, plötzlich einen starken Schlag von hinten erhaltend,

sich gereizt und mit dem Wunsch nach Rache umwendet, den Schuldigen

zu entdecken, sich aber dabei überzeugt, daß er sich unvermutet selbst

geschlagen hat, und daher niemandem zürnen dürfe, sondern seinen

Schmerz überwinden und beschwichtigen müsse.

Niemals hatte er dies mit solcher Macht in der Folge wieder empfunden,

aber jenes erste Mal konnte er sich lange Zeit darüber selbst nicht

wieder finden. Ein natürliches Gefühl erheischte von ihm, daß er sich

rechtfertigte und ihr ihre Schuld vorhalte; dies aber thun, hieß

sie nur noch mehr reizen und den Bruch noch größer machen, der die

Ursache des ganzen Leides bildete. Die eine, gewöhnlich vorhandene

Empfindung zog ihn, die Schuld von sich ab und auf sie zu wälzen, eine

andere, noch viel stärkere aber, schnell -- so schnell als möglich

-- den stattfindenden Gefühlsausbruch, zu besänftigen und ihn nicht

stärker werden zu lassen. Es war qualvoll, unter einer ungerechten

Beschuldigung zu leiden, allein sich zu rechtfertigen und ihr wehe

zu thun, war noch schlimmer. Wie ein Mensch im Halbschlaf, der von

einem Schmerz gequält ist, so wollte er jetzt die schmerzende Stelle

losreißen, von sich werfen und fühlte, als er zur Besinnung kam, daß

diese schmerzende Stelle -- er selbst war. -- Man konnte sich somit

nur bemühen, der kranken Stelle behilflich zu sein, zu dulden, und er

bemühte sich denn, dies zu thun.

Beide söhnten sich aus; sie, indem sie ihre Schuld einsah, ohne sie

jedoch einzugestehen, wurde wieder zärtlich gegen ihn, und beide

verspürten ein neues verdoppeltes Glück in ihrer Liebe. Dies hinderte

indessen nicht, daß sich diese Zusammenstöße nicht wiederholten, ja

sogar ziemlich häufig, und bei den unerwartetsten und geringfügigsten

Anlässen. Diese Zusammenstöße entstanden oft daraus, daß sie noch

nicht wußten, was das Eine für das Andere bedeutete, daraus, daß sie

in dieser ganzen ersten Zeit beide häufig in schlechter Laune waren.

Befand sich der eine Teil in guter, der andere in übler Stimmung,

so wurde der Frieden nicht gestört, wenn sich aber beide gerade in

Mißstimmmung befanden, so entstanden Zwiste aus Ursachen, die ihrer

Nichtigkeit halber so unbegreiflich waren, daß beide sich nachher

durchaus nicht mehr zu entsinnen vermochten, worüber sie sich entzweit

hatten. Allerdings verdoppelte sich hingegen das Glück ihres Lebens,

wenn sie beide bei guter Stimmung waren. Nichtsdestoweniger war aber

doch diese erste Zeit eine schwere für sie.

Während dieser ganzen Zeit hatte sich eine lebhafte Spannung, gleich

einem Zerren nach den beiden Enden einer Kette, durch die sie verbunden

waren, fühlbar gemacht.

Überhaupt war jener Honigmonat, das heißt der Monat nach der Hochzeit,

von dem sich Lewin, der Überlieferung nach, so viel versprochen hatte,

nicht nur nicht süß, sondern bildete vielmehr in der Erinnerung beider

gerade die schwerste und niederdrückendste Periode ihres Lebens.

Indessen bemühten sie sich beide für ihr späteres Leben alle die

häßlichen und beschämenden Umstände dieser ungesunden Zeit, in der sie

doch beide selten in normalem Seelenzustand, selten sie selbst gewesen

waren, aus ihrem Gedächtnis zu verwischen.

Erst im dritten Monat ihres Ehestandes, nach der Rückkehr von Moskau,

wohin sie sich für einen Monat begeben hatten, gestaltete sich ihr

Leben geebneter.

15.

Sie waren kaum von Moskau wieder zurückgekommen und freuten sich nun

ihrer Einsamkeit. Er saß im Kabinett am Schreibtisch und schrieb;

sie, in jenem dunkellila Kleid, welches sie in den ersten Tagen

ihres Ehestandes getragen und heute wiederum angelegt hatte, und das

besonders denkwürdig und teuer für ihn war, saß auf dem Diwan, dem

nämlichen altmodischen Lederdiwan, der stets unter dem Großvater und

Vater Lewins im Kabinett gestanden hatte und stickte eine =broderie

anglaise=. Er sann und schrieb, fortwährend in dem angenehmen

Gefühl ihrer Gegenwart. Seine Beschäftigung, sowohl die mit der

Landwirtschaft, als seinem Werke, in welchem die Prinzipien einer neuen

Landwirtschaft dargelegt werden sollten, war nicht von ihm aufgegeben

worden, aber so wie ihm vordem schon diese Arbeiten und Ideen klein und

geringfügig erschienen waren im Vergleich mit dem Dunkel, welches das

ganze Leben bedecke, so erschienen sie ihm auch jetzt noch unwichtig

und kleinlich im Vergleich mit dem vom warmen Lichtglanz des Glückes

überfluteten Leben, das vor ihm lag. Er setzte seine Arbeiten fort,

empfand aber jetzt, daß der Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit auf

etwas Anderes übergegangen sei und er infolge dessen ganz anders und

klarer auf die Sache blickte. Vordem war für ihn diese Beschäftigung

sein Lebensheil gewesen, vordem hatte er empfunden, daß ohne dieselbe

sein Dasein allzu düster sein würde; jetzt aber waren ihm diese

Arbeiten notwendig, damit ihm das Leben nicht zu einförmig erhellt

sein möchte. Nachdem er sich von neuem seinen Manuskripten gewidmet

hatte, fand er beim Durchlesen des Geschriebenen mit Genugthuung, das

Werk sei es wert, daß er sich mit ihm befaßte. Viele der früheren

Ideen zeigten sich ihm zwar überflüssig oder übertrieben, aber vieles

noch Fehlende wurde ihm auch klar, als er das ganze Werk in seinen

Gedanken wieder auffrischte. Er schrieb jetzt ein neues Kapitel über

die Gründe der ungünstigen Lage des Ackerbaues in Rußland. Er legte

dar, daß die Armut Rußlands nicht nur von der unregelmäßigen Verteilung

des Grundbesitzes und falscher Methode herrühre, sondern auch in der

letzten Zeit die in Rußland in nicht normaler Weise zur Entwickelung

gelangte äußerliche Civilisation hierzu beigetragen habe, insbesondere

durch die Verkehrswege, die Eisenbahnen, welche die Centralisierung

in den Städten mit sich gebracht hätten, die Entwickelung des Luxus,

und in der Folge hiervon, zum Schaden für die Landwirtschaft, die

Entwickelung des Fabrikwesens, des Kreditwesens und seines Trabanten --

des Börsenspiels. --

Ihm schien, daß bei einer normalen Entwickelung des Wohlstandes im

Reiche, alle diese Erscheinungen erst auftreten, nachdem man auf die

Landwirtschaft schon bedeutende Mühe verwendet hätte und dieselbe

in gesetzliche, oder wenigstens bestimmte Verhältnisse getreten

sei; daß der Reichtum einer Gegend in gleichmäßigem Wachstum stehen

müsse, und insbesondere in der Weise, daß andere Schößlinge der

Kapitalwirtschaft nicht der Landwirtschaft zuvorkommen dürften, daß

im Einklang mit notorisch bekannten Verhältnissen der Landwirtschaft

auch dementsprechende Verkehrswege dafür vorhanden sein müßten; und

daß bei der gegenwärtigen ungeregelten Ausnutzung des Bodens die

Eisenbahnen, welche nicht einem landwirtschaftlichen, sondern einem

politischen Bedürfnis entsprängen, verfrüht wären, und, anstatt zu der

Hebung der Landwirtschaft, welche letztere man doch von ihnen erwarte

beizutragen, dem Landbau zuvorkommend, nur eine Entwickelung der

Industrie und des Kredits hervorriefen, jenen aber hemmten. Er bewies,

daß weil nun die einseitige und verfrühte Entwickelung eines einzelnen

Organs im lebenden Organismus dessen Gesamtentwickelung hemmte, auch

der Kredit auf die allgemeine Entwickelung des Wohlstandes in Rußland,

die Verkehrswege, den Kraftaufwand der industriellen Thätigkeit, die in

Europa so zweifellos notwendig, weil alle zur rechten Zeit entstanden

seien, in Rußland nur Schaden verursachten, indem sie die Hauptfrage

der Organisierung des Ackerbaues verdrängten.

Während er so seine Ideen niederschrieb, dachte sie daran, wie

unnatürlich aufmerksam ihr Gatte gegen den jungen Fürsten Tscharskiy

gewesen sei, der ihr am Abend vor der Abreise sehr taktlos die Cour

gemacht hatte.

»Er ist offenbar eifersüchtig,« dachte sie; »mein Gott, wie gut und

befangen er ist! Er ist eifersüchtig auf mich! Wenn er wüßte, daß alle

für mich soviel sind, wie Peter der Koch.« Und mit einer ihr selbst

wunderlichen Empfindung von Selbstgefühl blickte sie auf seinen Nacken

und den rotschimmernden Hals. »Es ist zwar schade, ihn seiner Arbeit

zu entreißen -- er macht Fortschritte -- so muß ich doch sein Gesicht

sehen; ob er wohl fühlt, daß ich nach ihm schaue? Ich will, daß er

sich umwendet! Ich will es, nun!« und sie öffnete die Augen weiter, im

Wunsche, damit die Wirkung ihres Blickes zu verstärken.

»Ja, sie saugen alle Säfte in sich auf und geben einen falschen Glanz,«

murmelte er, mit Schreiben innehaltend, und blickte sich um, indem er

fühlte, daß sie auf ihn schaue, und lächelte.

»Was ist?« frug er noch lächelnd, und erhob sich.

»Er hat sich umgeblickt,« dachte sie.

»Nichts. Ich wollte nur, daß du dich umschautest,« versetzte sie, ihn

anblickend und zu erraten suchend, ob es ihm unangenehm gewesen sei

oder nicht, daß sie ihn gestört habe.

»Wie wohl wir uns doch so zu Zweien befinden! Ich wenigstens,« sagte

er, zu ihr hintretend und von einem Lächeln des Glückes strahlend.

»Auch mir ist so wohl! Ich werde nirgends mehr hinfahren, namentlich

nicht nach Moskau.«

»Woran dachtest du denn eigentlich?«

»Ich? Ich habe gedacht -- nein, nein, geh nur, schreib, zerstreue dich

nicht,« sprach sie, die Lippen kräuselnd, »ich muß jetzt diese kleinen

Löcher hier ausschneiden, siehst du?« --

Sie ergriff die Schere und begann auszuschneiden.

»Ach nein, sage mir doch, woran dachtest du?« sagte er, sich zu ihr

setzend und der kreisförmigen Bewegung der kleinen Schere folgend.

»O, woran ich dachte? Ich dachte? An Moskau, an deinen Nacken.«

»O, warum mir solch ein Glück? Es ist übernatürlich. Das ist zu schön,«

sagte er, ihr die Hand küssend.

»Mir ist es im Gegenteil um so schöner, je natürlicher es ist.«

»Du hast da ein Zöpfchen,« sagte er, behutsam ihren Kopf wendend. »Ein

Zöpfchen. Siehst du hier. Doch nein, nein, arbeiten wir!«

Die Arbeit wurde indessen nicht mehr fortgesetzt, und sie fuhren wie

schuldbewußt auseinander, als Kusma eintrat, um zu melden, daß der Thee

serviert sei.

»Ist aus der Stadt Etwas angekommen?« frug Lewin Kusma.

»Soeben. Es wird ausgepackt.«

»Komm sobald als möglich,« sagte sie zu ihm, das Kabinett verlassend,

»sonst werde ich in deiner Abwesenheit die Briefe lesen. Wir wollen

auch vierhändig spielen.«

Allein geblieben, packte er seine Hefte in das neu von ihr gekaufte

Portefeuille und wusch sich alsdann die Hände in dem neuen Waschbecken

und mit dem neuen, mit ihr zugleich hier erschienenen eleganten

Zubehör. Lewin lächelte über seine Gedanken und schüttelte mißbilligend

den Kopf darüber; eine Empfindung, die der Reue ähnlich war, quälte

ihn. Etwas Beschämendes, Verweichlichtes, Capuanisches, wie er es sich

selbst nannte, lag in seiner jetzigen Lebensweise.

»Es ist nicht gut, so zu leben,« dachte er bei sich. »Bald sind es nun

schon drei Monate und ich arbeite fast nichts. Heute habe ich mich

beinahe zum erstenmal wieder ernstlich an eine Arbeit gemacht, und was

geschah dabei? Kaum angefangen, habe ich sie wieder beiseite geworfen.

Selbst meine gewöhnlichen Übungen, selbst die habe ich fast aufgegeben.

Die Ökonomie, ich gehe fast gar nicht mehr nach ihr und fahre auch

nicht mehr. Bald thut es mir leid, sie im Stich lassen zu müssen, bald

sehe ich, daß sie sich langweilt. Habe ich doch gedacht, daß bis zur

Heirat das Leben an und für sich nicht gerechnet werden kann, daß es

erst nach derselben als ein wirkliches beginnt. Aber nun sind es schier

drei Monate, und noch nie habe ich meine Zeit so müßig und so nutzlos

hingebracht! Nein; das kann nicht mehr so fortgehen; man muß anfangen.

Natürlich ist sie nicht schuld. Ihr kann man in keiner Beziehung

Vorwürfe machen. Ich selbst hätte fester sein und meine männliche

Unabhängigkeit wahren müssen. Indessen ist es ja möglich, sich selbst

wieder daran zu gewöhnen und auch sie darin zu unterrichten; natürlich

ist ihr keinerlei Schuld beizumessen,« sprach er zu sich selbst.

Es ist indessen schwer für einen unzufriedenen Menschen, einem anderen,

und zwar gerade dem, der ihm am nächsten steht, in Bezug auf das,

worüber er unzufrieden ist, nicht Vorwürfe zu machen. Auch Lewin war es

dunkel in den Kopf gekommen, daß -- nicht, daß sie selbst schuld daran

gewesen wäre -- sie konnte an nichts Schuld tragen -- ihre Erziehung

wohl schuld sei, die allzu oberflächlich und frivol gewesen war --

(dieser Narr Tscharskiy; sie, das weiß ich, wollte ihn wohl von sich

abweisen, aber sie verstand es nicht). Außer dem Interesse für das Haus

-- das heißt ihre Familie -- außer ihrer Toilette und der =broderie

anglaise= hat sie keine ernsthaften Interessen. Sie hat kein Interesse

für ihre eigene Angelegenheit, die Wirtschaft, ihre Bauern, auch nicht

für die Musik, in der sie doch ziemlich sicher war, noch für Lektüre.

Sie thut nichts und ist doch vollständig zufrieden.

Lewin tadelte dies in seinem Innern und erkannte noch nicht, daß sie

sich auf diejenige Periode ihrer Wirksamkeit vorbereite, die für sie

erscheinen mußte, und in welcher sie zu gleicher Zeit als Frau ihres

Gatten, und Herrin des Hauswesens Kinder zu nähren und zu erziehen

haben würde. Er erkannte nicht, daß sie dies durch ihre Ahnung schon

wußte und sich in der Vorbereitung auf diese schwere Mühe über die

Augenblicke der Sorglosigkeit und des Liebesglückes, die sie jetzt noch

genoß, keine Vorwürfe machte, sondern heiter ihr künftiges Nest sich

baute.

16.

Als Lewin nach oben kam, saß seine Gattin vor dem neusilbernen Ssamowar

hinter dem neuen Theegeschirr und las, nachdem sie die alte Agathe

Michailowna mit einer ihr kredenzten Tasse Thee mit an das kleine

Tischchen gesetzt hatte, einen Brief Dollys, mit welcher sie beide in

beständigem und lebhaftem Briefwechsel standen.

»Da seht, Eure Herrin hat mich hierher gesetzt; sie sagte, ich solle

auch mit bei ihr sitzen,« begann Agathe Michailowna, Kity gutmütig

zulächelnd.

In diesen Worten Agathe Michailownas sah Lewin die Lösung eines

Dramas, welches sich in jüngster Zeit zwischen dieser und Kity

abgespielt hatte. Er sah, daß ungeachtet alles Leides, welches der

Agathe Michailowna durch die neue Herrin verursacht worden war, die

ihr die Zügel des Hausregiments aus der Hand genommen hatte, Kity sie

gleichwohl überwunden und gezwungen hatte, sie zu lieben.

»Da habe ich einen Brief an dich gelesen,« sagte Kity, ihm einen

fehlerhaft geschriebenen Brief reichend. »Hier ist einer von jenem

Weibe deines Bruders, wie es scheint,« sagte sie, »ich habe ihn nicht

gelesen. Der hier ist von den Meinen und von Dolly. Denke dir, Dolly

hat Grischa und Tanja zum Kinderball zu den Sarmatskiy geführt! Tanja

hatte dabei eine Marquise gemacht.«

Lewin hörte sie jedoch gar nicht; errötend hatte er das Schreiben von

Marja Nikolajewna, der früheren Geliebten Nikolays, ergriffen und es

zu lesen begonnen. Es war dies bereits das zweite Schreiben von ihr.

Im ersten Briefe hatte sie geschrieben, daß sein Bruder sich ihrer

entledigt habe, ohne daß sie sich eine Schuld beizumessen hätte, und

mit rührender Naivetät hinzugefügt, daß sie, obwohl sie nun wieder

im Elend lebe, um nichts bitte und nichts wünsche, und daß sie nur

der Gedanke quäle, Nikolay Dmitrjewitsch könne ohne sie mit seiner

schwachen Gesundheit ins Verderben geraten; sie hatte den Bruder

gebeten, Sorge für ihn zu tragen. Jetzt schrieb sie einen zweiten

Brief. Sie hatte Nikolay Dmitrjewitsch gefunden, sich wieder mit

ihm in Moskau vereint, und war mit ihm in eine Gouvernementsstadt

gereist, woselbst er ein Amt erhalten hatte. Dort war er indessen mit

seinem Vorgesetzten in Differenzen geraten und wieder nach Moskau

zurückgekehrt, »und der teure Mann ist nunmehr so krank geworden, daß

er wohl schwerlich je wieder aufkommen wird,« schrieb sie; »er hat

fortwährend Eurer gedacht, Geld besitzt er gar nicht mehr.«

»Lies, da schreibt Dolly von dir,« begann Kity lächelnd, hielt aber

plötzlich inne, als sie die Veränderung ihres Gatten gewahrte.

»Was hast du? Was ist da?«

»Sie schreibt mir, daß mein Bruder Nikolay dem Tode nahe ist. Ich muß

zu ihm.«

Das Gesicht Kitys veränderte sich plötzlich. Die Gedanken an Tanja als

Marquise, an Dolly, alles war verschwunden.

»Wann wirst du fahren?« sagte sie.

»Morgen.«

»Und ich gehe mit dir, darf ich!« fuhr sie fort.

»Kity! Was soll das?« frug er vorwurfsvoll.

»Was das soll?« erwiderte sie, gekränkt, daß er darüber wie es schien

ungern und mit Verdruß ihren Vorschlag entgegennahm. »Weshalb soll ich

nicht mit reisen? Ich werde dir nicht hinderlich sein. Ich« --

»Ich reise, weil mein Bruder stirbt,« antwortete Lewin. »Weshalb sollst

du da« --

»Weshalb? Eben deshalb, weshalb du reisest« --

»In einer für mich so ernsten Minute denkt sie nur daran, daß sie sich

allein könnte langweilen,« dachte Lewin, und die Auslegung in der so

ernsten Angelegenheit brachte ihn auf. »Es ist aber unmöglich,« sagte

er in strengem Tone.

Agathe Michailowna, welche sah, daß es zum Streit kommen wollte, setzte

leise ihre Tasse nieder und ging hinaus. Kity hatte sie gar nicht

bemerkt. Der Ton in welchem ihr Mann die letzten Worte gesprochen

hatte, hatte sie insofern besonders verletzt, als dieser offenbar dem

nicht glaubte, was sie sagte.

»Ich sage dir, daß wenn du reisest, ich mit dir reisen werde;

unbedingt mit reisen werde,« fügte sie eifernd und zürnend hinzu.

»Weshalb ist denn das unmöglich? Weshalb sagst du, es sei unmöglich?«

»Weil wir, Gott weiß wohin, auf was für Wegen und mit welchen

Gasthäusern zu reisen haben werden. Du wirst mir nur beschwerlich

sein,« sprach Lewin, sich bemühend, kaltblütig zu bleiben.

»Auf keinen Fall! Ich habe keinerlei Bedürfnisse. Wo du bist, kann ich

auch sein!«

»Nun dann, schon deshalb kannst du nicht, weil sich dort jenes Weib

befindet, dem du dich doch nicht nähern kannst« --

»Ich weiß nichts und will nicht wissen, wer oder was dort ist! Ich weiß

nur, daß der Bruder meines Gatten stirbt und daß mein Gatte zu ihm

geht; ich aber mit meinem Gatten gehen will, um« --

»Kity! Rege dich nicht auf! Bedenke, die Sache ist zu wichtig, so daß

es mir schmerzlich ist, zu denken, du könntest die Empfindung einer

Schwäche, die Abneigung davor, allein zu bleiben, hereinmengen. Nun,

wird es für dich langweilig hier, so fahre nach Moskau.«

»Da haben wirs! Stets schreibst du mir nur schlechte, niedrige Gedanken

zu,« fuhr sie fort, unter den Thränen der Erbitterung und des Zornes.

»Ich will nichts; es ist keine Schwäche, nichts; ich fühle nur, daß es

meine Pflicht ist, mit meinem Gatten zu sein, wenn er Leid trägt; du

aber willst mir absichtlich weh thun, willst mich absichtlich nicht

verstehen.«

»Nein; das ist doch zu schrecklich; geradezu ein Sklave zu sein!« rief

Lewin aus, indem er aufstand. Er war nicht fähig, seinen Verdruß noch

länger zurückzuhalten. Doch in diesem Augenblick empfand er, daß er

sich selbst traf.

»Aber weshalb hast du dann geheiratet? Wärest du doch frei geblieben!

Weshalb hast du geheiratet, wenn du es bereust!« fuhr sie fort, sprang

auf und eilte in den Salon.

Als er ihr nachfolgte, brach sie in Schluchzen aus. Er begann ihr

zuzureden mit dem Wunsche die Worte zu finden, welche sie, wenn nicht

überzeugen, doch wenigstens beschwichtigen könnten. Aber sie hörte ihn

nicht und war mit nichts einverstanden. Er beugte sich herab zu ihr,

und ergriff ihre abwehrende Hand. Er küßte die Hand, er küßte ihr das

Haar und küßte wiederum ihre Hand -- sie schwieg beharrlich. -- Als er

sie aber mit beiden Händen beim Kopfe nahm und »Kity« sagte, da kam sie

plötzlich zur Besinnung, brach in Thränen aus und war beschwichtigt.

Es wurde also bestimmt, daß man morgen vereint reiste. Lewin sagte zu

seinem Weibe, daß er wohl glaube, sie wollte nur mitreisen, um ihm

nützlich zu sein; er gab auch zu, daß Marja Nikolajewnas Aufenthalt bei

dem Bruder nichts Anstößiges habe -- reiste aber nichtsdestoweniger,

auf dem Grund seiner Seele unzufrieden mit ihr und mit sich selbst.

Mit ihr war er unzufrieden, weil sie es nicht hatte über sich gewinnen

können, ihn fort zu lassen, obwohl es doch notwendig war. Wie seltsam

ward es ihm jetzt bei dem Gedanken, daß er, der ja noch vor kurzem

nicht gewagt hatte, an das Glück zu glauben, daß sie ihn lieben könne,

sich jetzt darüber unglücklich fühlte, daß sie ihn zu sehr liebte!

-- Mit sich hingegen war er unzufrieden, daß er seinen Willen nicht

durchgesetzt hatte. Noch weniger war er im Grund seiner Seele damit

einverstanden, daß sie mit jener Weibsperson, die bei seinem Bruder

lebte, etwas zu thun haben sollte, und er dachte mit Schrecken an alle

Berührungen, welche stattfinden konnten.

Schon das Eine, daß sein Weib, seine Kity, in einem Raume mit jenem

Mädchen leben sollte, machte ihn schaudern vor Ekel und Entsetzen.

17.

Das Gasthaus der Gouvernementsstadt, in welcher Nikolay Lewin krank

lag, war eines jener Gouvernementshotels, wie sie nach neuen,

vervollkommneten Mustern gebaut werden, ausgestattet mit den

vorzüglichsten Rücksichtnahmen auf Sauberkeit, Komfort und selbst

Eleganz, sich aber infolge des Publikums, das sie besucht, mit

außerordentlicher Schnelligkeit in schmutzige Schenken, unter dem

Anstrich zeitgemäßer Vervollkommnung, verwandeln, damit aber noch

schlimmer werden, als die altmodischen, nur unsauberen Gasthäuser.

Das Hotel war schon in diesen Zustand geraten, und der Soldat in

schmutziger Uniform, welcher am Eingang eine Cigarette qualmte, und

das Amt eines Portiers versah, sowie die gußeiserne, zugige, düstere

und unfreundliche Treppe, der freche Kellner in schmutzigem Frack und

der öffentliche Salon mit dem staubbedeckten Bouquet von Wachsblumen,

welches den Tisch zierte, der Staub und Schmutz, die Unordnung überall,

und dazu noch die eigentümliche gleichzeitig bemerkbare Eisenbahnhast,

riefen in dem Lewinschen Ehepaar nach dem jungen Eheleben ein

beklemmendes Gefühl hervor; besonders beklemmend dadurch, daß sich der

scheinbare Eindruck, den das Gasthaus machte, in keiner Weise mit dem

vereinbarte, was beide darin erwartete.

Wie immer, so zeigte es sich auch jetzt, daß, nachdem sie die Frage, zu

welchem Preise sie ein Zimmer zu haben wünschten beantwortet hatten,

nicht ein einziges in gutem Zustande befindliches da war. Ein gutes

Zimmer war von einem Eisenbahnrevisor besetzt, ein zweites von einem

Moskauer Advokaten, ein drittes von der Fürstin Astaphjewa, die vom

Dorfe gekommen war. Es blieb nur ein schmutziger Raum, neben dem man am

Abend noch ein zweites freizumachen versprach.

Voll Verdruß über sein Weib, da es so kam, wie er erwartet hatte, und

namentlich, daß er im Augenblick der Ankunft, wo ihm das Herz von

Bewegung ergriffen war bei dem Gedanken, wie es mit dem Bruder stehen

möge, Sorge für sie zu tragen hatte, anstatt sofort zu dem Bruder eilen

zu können, führte Lewin seine Frau in das ihnen zugewiesene Zimmer.

»Geh, geh,« sagte sie, ihn mit schüchternem, schuldbewußtem Blick

anschauend.

Schweigend schritt er aus der Thür und traf hier mit Marja Nikolajewna

zusammen, die von seiner Ankunft erfahren hatte, aber nicht wagte,

bei ihm einzutreten. Sie sah noch geradeso aus, wie er sie in Moskau

gesehen hatte, das nämliche wollene Kleid, Arme und Hals nackt, und das

nämliche, gutmütig stumpfe, nur etwas voller gewordene, pockennarbige

Gesicht.

»Wie geht es? Was macht er? Wie?«

»Sehr schlecht. Er steht gar nicht mehr auf. Er hat Euch schon

erwartet. Er -- Ihr seid mit Eurer Gattin gekommen?«

Lewin verstand in der ersten Minute nicht, was sie in Verlegenheit

setzte, doch klärte sie ihn sogleich auf.

»Ich will gehen -- nach der Küche,« sagte sie; »der Herr wird sich

freuen. Er hat schon gehört, und kennt die Dame, und entsinnt sich

ihrer noch vom Auslande her.«

Lewin verstand jetzt erst, daß sie seine Frau meine, wußte aber nicht,

was er ihr antworten sollte.

»Kommt, kommt!« sagte er.

Kaum hatte er sich jedoch zum Gehen angeschickt, als sich die Thür

seines Zimmers öffnete und Kity herausblickte. Lewin errötete vor Scham

und Ärger über sein Weib, das sich selbst und ihn in diese schwierige

Situation gebracht hatte; Marja Nikolajewna errötete aber noch mehr.

Sie drückte sich seitwärts, bis zum Weinen rot geworden und drehte die

Zipfel ihres Tuches, die sie mit beiden Händen ergriffen hatte, in

ihren roten Fingern, ohne zu wissen, was sie sagen oder anfangen sollte.

Im ersten Moment sah Lewin den Ausdruck einer lebhaften Neugier in dem

Blick, mit welchem Kity auf dieses für sie unbegreifliche, schreckliche

Weib schaute, aber dies währte nur einen Augenblick.

»Nun, wie ist es denn, wie ist es denn?« wandte sie sich an ihren

Gatten und an jene. »Was macht er?« wandte sie sich an ihren Mann und

dann an sie.

»Man kann indessen auf dem Korridor nicht sprechen!« sagte Lewin sich

voll Verdruß nach einem Herrn umblickend, welcher dröhnenden Schrittes,

als wäre er ganz allein hier, soeben den Korridor hinabging.

»Nun, so kommt doch herein,« sagte Kity, zu der sich emporrichtenden

Marja Nikolajewna gewendet, fügte aber, als sie das erschreckte Gesicht

ihres Mannes erblickte, sogleich hinzu, »oder geht, geht, und schickt

nach mir,« und wandte sich wieder in ihr Zimmer zurück.

Lewin ging zu seinem Bruder. Er hatte durchaus nicht erwartet, was er

bei dem Bruder sah und empfand. Er hatte erwartet, noch den nämlichen

Zustand der Selbsttäuschung zu finden, welcher -- er hatte dies gehört

-- bei Brustleidenden so häufig sein soll, und der ihn während des

Besuchs seines Bruders im Herbst so betroffen gemacht hatte. Er hatte

erwartet, die physischen Anzeichen des nahenden Todes noch ausgeprägter

zu finden, eine größere Schwäche und größere Magerkeit, aber es zeigte

sich fast noch immer der nämliche Zustand. Er hatte erwartet, selbst

wieder jenes Gefühl des Schmerzes über den Verlust des geliebten

Bruders und des Entsetzens vor dessen Tode zu empfinden, welches er

damals gehabt hatte, nur in noch höherem Grade. Er hatte sich selbst

darauf vorbereitet, aber er fand etwas ganz Anderes.

In einem kleinen, unsauberen Zimmer, deren gemaltes Getäfel an den

Wänden bespieen und hinter dessen dünner Zwischenwand Gespräch

vernehmbar war, in einer von erstickendem Geruch verunreinigten Luft

lag auf einem von der Wand abgerückten Bett ein vom Deckbett verhüllter

menschlicher Körper. Ein Arm dieses Körpers lag oben auf der Bettdecke,

und die große, wie eine Harke aussehende Hand dieses Armes hing auf

unbegreifliche Weise an einer dünnen, langen, von Anfang bis zur Mitte

gleichmäßig verlaufenden Spule fest. Der Kopf lag seitwärts gedreht auf

dem Kissen. Lewin sah die schweißbedeckten, spärlichen Haare an den

Schläfen und über der Stirn.

»Es kann nicht sein, daß dieser entsetzliche Körper mein Bruder Nikolay

ist,« dachte Lewin. Doch er trat näher, erblickte das Gesicht und sein

Zweifel war schon unmöglich geworden. Trotz der furchtbaren Veränderung

dieser Züge, mußte Lewin doch erst noch diese lebhaften, sich auf den

Eintretenden richtenden Augen, und diese leichte Bewegung des Mundes

unter dem zusammenklebenden Schnurrbart erblicken, wollte er die

furchtbare Wahrheit begreifen, daß dieser Totenkörper da sein lebender

Bruder war.

Die glänzenden Augen blickten ernst und vorwurfsvoll auf den

eintretenden Bruder, und sogleich mit diesem Blicke entstand eine

lebhafte Wechselbeziehung unter den Lebenden. Lewin fühlte sofort den

Vorwurf in dem auf ihn gerichteten Blick, und Reue über sein eigenes

Glück.

Als Konstantin Nikolays Hand ergriff, lächelte dieser. Sein Lächeln war

schwach, kaum merklich, und trotz dieses Lächelns schwand der strenge

Ausdruck seiner Augen nicht.

»Du hast wohl nicht erwartet, mich so zu finden,« brachte er mit

Anstrengung hervor.

»Ja -- nein« -- sprach Lewin, in seinen eigenen Worten irre werdend.

»Warum konntest du nicht früher von dir wissen lassen, zur Zeit meiner

Verheiratung? Ich habe überall Nachforschungen nach dir angestellt.«

Es mußte gesprochen werden, damit man nicht schwieg, und er wußte

doch nicht, was er sagen sollte, um so weniger, als sein Bruder nicht

antwortete, sondern nur unverwandt schaute, und offenbar in den Sinn

eines jeden Wortes eindringen wollte. Lewin teilte dem Bruder mit, daß

auch seine Frau mit ihm gekommen sei. Nikolay drückte sein Vergnügen

darüber aus, sagte aber, er fürchte, sie durch seinen Zustand zu

erschrecken. Ein Schweigen trat ein. Plötzlich regte sich Nikolay und

begann zu sprechen. Lewin erwartete etwas besonders Bedeutendes und

Gewichtiges dem Ausdruck seines Gesichts nach, doch sprach Nikolay nur

über seine Gesundheit. Er klagte den Doktor an, beklagte, daß er keinen

berühmten Moskauer Arzt habe und Lewin erkannte, daß er noch immer

Hoffnung hegte.

Die erste Minute des Schweigens benutzend, erhob sich Lewin, im

Wunsche, wenigstens für eine Minute von dem peinigenden Gefühl erlöst

zu sein, und sagte, daß er gehen wolle, um seine Frau herzuführen.

»Gut, ich will indessen anordnen, daß hier gesäubert wird. Es ist

schmutzig hier und riecht übel, glaube ich. Mascha! Räume hier auf,«

sagte der Kranke mit Anstrengung, »und wenn du aufgeräumt hast, kannst

du hinausgehen,« fügte er hinzu, den Blick fragend auf den Bruder

richtend.

Lewin antwortete nichts. Als er auf den Korridor hinaustrat, blieb er

stehen. Er hatte gesagt, daß er seine Frau herführen wolle, jetzt aber,

als er sich Rechenschaft von jenem Gefühl gab, welches er empfunden

hatte, beschloß er, im Gegenteil zu versuchen, sie zu überreden,

daß sie nicht zu dem Kranken gehe. »Wozu sie peinigen, wie ich mich

peinige?« dachte er.

»Nun? Was ist? Wie steht es?« frug ihn Kity mit erschrecktem Gesicht.

»Ach, es ist doch entsetzlich, entsetzlich. Warum bist du nur

mitgekommen?« sagte Lewin.

Kity schwieg einige Sekunden, schüchtern und kläglich auf ihren Mann

blickend; dann trat sie auf ihn zu und hing sich mit beiden Armen an

seinen Ellbogen.

»Mein Konstantin! führe mich zu ihm, es wird uns zu Zweien leichter

werden. Führe du mich nur, führe mich, bitte, und komm,« sagte sie,

»begreife doch, daß es mir bei weitem schwerer wird, dich zu sehen

und ihn nicht. Dort werde ich vielleicht dir und ihm nützlich werden

können. Bitte gestatte es!« beschwor sie ihren Mann, als ob das Glück

ihres Lebens hiervon abhinge.

Lewin mußte einwilligen und begab sich, nachdem er sich etwas erholt

hatte, Marja Nikolajewna schon ganz vergessend, mit Kity wieder zu

seinem Bruder.

Leisen Schrittes und unverwandt auf ihren Gatten blickend, welchem sie

ihr mutiges und doch gefühlvolles Antlitz wies, betrat sie das Zimmer

des Kranken und schloß, sich ohne Hast zurückwendend, geräuschlos

die Thür. Mit unhörbaren Schritten näherte sie sich rasch dem Lager

des Kranken und so herantretend, daß dieser den Kopf nicht zu drehen

brauchte, nahm sie sogleich das Skelett seiner großen Hand in ihre

frische, jugendliche, drückte sie und begann dann, mit jener, nur den

Frauen eigenen, und nicht verletzenden stillen Lebhaftigkeit mit ihm zu

sprechen.

»Wir sind uns in Soden begegnet, sind uns aber dort nicht bekannt

gewesen,« sagte sie, »Ihr habt da nicht vermutet, daß ich einmal Eure

Schwester werden würde.«

»Ihr solltet Euch nicht nach mir erkundigt haben?« frug er mit dem

Lächeln, welches schon bei ihrem Eintreten aufleuchtete.

»Nein; dann hätte ich ja erfahren. Wie recht Ihr doch gethan habt, uns

von Euch Nachricht zu geben! Kein Tag ist vergangen, daß Konstantin

nicht Eurer gedacht und sich beunruhigt hätte um Euch.«

Die Lebhaftigkeit des Kranken währte indessen nicht lange. Sie hatte

noch nicht aufgehört zu sprechen, als auf seinem Gesicht abermals der

strenge vorwurfsvolle Ausdruck des Neides des Sterbenden gegenüber dem

Lebenden erschien.

»Ich fürchte, Ihr werdet Euch hier nicht recht wohl befinden,« sagte

sie, sich von seinem starren Blicke abwendend und im Zimmer Umschau

haltend. »Man muß bei dem Wirt ein anderes Zimmer erbitten,« sagte sie

zu ihrem Manne, »schon, damit wir näher sind.«

18.

Lewin konnte den Bruder nicht ruhig ansehen, nicht natürlich und

ruhig unbewegt in seiner Gegenwart sein. Als er bei dem Kranken

eingetreten war, hatte sich sein Blick und seine Wahrnehmungskraft

unbewußt verdunkelt, und er gewahrte nicht mehr die Einzelheiten des

Zustandes seines Bruders. Er hörte von dem entsetzlichen Geruch, sah

die Unsauberkeit, Unordnung und die peinvolle Lage, dieses Stöhnen,

und fühlte, daß Hilfe nicht mehr möglich war. Es war ihm nicht einmal

in den Sinn gekommen, daran zu denken, daß er alle Einzelheiten in

dem Zustande des Kranken erfaßte, daß da unter der Decke dieser

Körper lag, diese gekrümmten abgezehrten Beine, Brustknochen, dieser

Rücken und ob es nicht anginge, das alles besser zu legen, etwas

zu thun, was die Lage, wenn nicht besser, so doch weniger mißlich

gestaltete. Kalt rieselte es ihm über den Rücken hinab, als er an

alle diese Einzelheiten zu denken begann. Er war fest überzeugt, daß

hier nichts mehr zu thun war, weder etwas für eine Verlängerung des

Lebens, noch für eine Erleichterung der Leiden; doch das Bewußtsein,

sich eingestehen zu müssen, jede Hilfe sei unmöglich, machte sich ihm

schmerzlich fühlbar und versetzte ihn in Erbitterung. Lewin wurde es

infolge dessen noch schwerer ums Herz. Der Aufenthalt in dem Zimmer des

Kranken war qualvoll für ihn, nicht darin zu sein aber noch schlimmer.

Unter verschiedenen Vorwänden begab er sich daher fortwährend hinaus,

da er nicht die Kraft besaß, allein hier zu bleiben.

Kity aber dachte, fühlte und handelte durchaus nicht ebenso. Bei dem

Anblick des Kranken jammerte es sie um ihn, und das Mitleid in ihrer

Frauenseele erweckte durchaus nicht jenes Gefühl des Entsetzens und des

Ekels bei ihr, wie es dies bei ihrem Manne hervorgerufen hatte, sondern

lediglich die Erkenntnis ihrer Pflicht zu handeln, alle Einzelheiten

seines Zustandes kennen zu lernen und ihnen beizukommen. Und da in ihr

nicht der geringste Zweifel darüber bestand, daß sie ihm Hilfe leisten

müsse, so zweifelte sie auch nicht daran, daß dies möglich sei und

begab sich sofort ans Werk.

Alle jene Einzelumstände, deren bloße Vorstellung schon ihren Mann in

Schrecken versetzt hatte, lenkten sogleich ihre Aufmerksamkeit auf

sich. Sie schickte nach einem Arzt und in die Apotheke, befahl der mit

ihr gekommenen Zofe, sowie Marja Nikolajewna, zu fegen, den Staub zu

wischen und den Kranken zu waschen, wusch selbst mit ab, und reichte

Etwas unter die Bettdecke. Gegenstände wurden herbeigebracht oder aus

dem Krankenzimmer hinausgetragen nach ihrer Anordnung, und sie selbst

begab sich mehrmals nach ihrem Zimmer, ohne die ihr begegnenden Herren

zu bemerken, langte Betttücher und Überzüge, Handtücher und Hemden

hervor und brachte sie herbei.

Der Diener, welcher im Gesellschaftssaale ein Essen für Ingenieure

auszurichten hatte, erschien mehrere Male mit ärgerlicher Miene auf

ihren Ruf, konnte aber nicht umhin, ihre Befehle zu erfüllen, da

sie dieselben mit so wohlwollender Bestimmtheit erteilte, daß man

sie unmöglich sich selbst überlassen konnte. Lewin hieß dies alles

durchaus nicht gut; er glaubte nicht, daß daraus noch irgend ein Nutzen

für den Kranken erwüchse, vor allem aber fürchtete er, der Kranke

könne dabei noch in Aufregung geraten. Dieser jedoch verhielt sich,

wenigstens wie es schien, dem gegenüber gleichgültig und geriet nicht

in Erregung, sondern empfand nur eine gewisse Scham, interessierte

sich aber im allgemeinen für das, was sie an ihm that. Vom Arzte

zurückgekehrt, zu welchem Kity ihn gesandt hatte, fand Lewin, die

Thüre öffnend, den Kranken in dem Moment, als man nach Kitys Anordnung

seine Wäsche wechselte. Das lange bleiche Skelett des Rückens mit den

großen hervorstehenden Schulterblättern, und den starrenden Rippen

und Rückgratwirbeln war entblößt; Marja Nikolajewna und der Diener

waren mit dem einen Hemdärmel in Unordnung geraten und konnten den

langen herabhängenden Arm nicht hineinbringen. Kity, welche geschäftig

die Thür hinter Lewin wieder schloß, hatte nicht nach dieser Seite

geblickt, aber der Kranke stöhnte auf und sie wandte sich schnell zu

ihm hin.

»Schneller,« befahl sie.

»Ihr geht ja nicht,« sagte der Kranke gereizt, »ich will selber« --

»Was sagt Ihr?« frug Marja Nikolajewna dazwischen.

Kity hatte jedoch gehört und verstanden, daß es ihm peinlich und

unangenehm war, in ihrer Gegenwart entblößt zu sein.

»Ich sehe nicht hin, sehe nicht hin!« sagte sie daher, den Arm

richtend, »Marja Nikolajewna, tretet von dieser Seite, bringt ihn in

Ordnung,« fügte sie hinzu. -- »Geh doch -- bitte -- in meinem kleinen

Reisesack befindet sich ein Riechfläschchen,« wandte sie sich an ihren

Mann, »du weißt ja, in der Seitentasche. Bring es mir doch, während man

hier noch vollends Ordnung macht.«

Als Lewin mit dem Riechfläschchen zurückkehrte, fand er den Kranken

bereits wieder zurecht gelegt, und alles in seiner Umgebung völlig

verwandelt. Der drückende üble Geruch war mit einer Atmosphäre von

Essig und Parfüms vertauscht worden, welche Kity mit gespitzten Lippen

und aufgeblasenen roten Wangen durch das Flacon umhersprengte. Von

Staub war nichts mehr zu sehen und vor dem Bett lag ein Teppich.

Aus dem Tische standen geordnet Flacons und Caraffen, lag auch die

nötige Wäsche, sowie eine Arbeit in =broderie anglaise= von Kity. Auf

einem andern Tische am Bett des Kranken, stand Getränk, ein Licht und

Arzneipulver. Der Kranke selbst, gesäubert und gekämmt, lag in frischen

Überzügen, auf hochgemachten Kissen und in weißem Hemd mit einem weißen

Kragen um den unnatürlich dünnen Hals, und blickte mit einem Ausdruck

von Hoffnung unverwandt auf Kity.

Der von Lewin herbeigebrachte, erst im Klub aufgefundene Arzt, war

nicht der nämliche, welcher Nikolay Lewin sonst behandelte und mit

welchem dieser unzufrieden war. Der neue Arzt langte ein Hörrohr hervor

und behorchte den Kranken, schüttelte den Kopf, verschrieb eine Arznei,

und erklärte mit großer Ausführlichkeit zunächst, wie die Arznei zu

nehmen sei, und dann, welche Diät beobachtet werden sollte. Er empfahl

rohe oder nur weichgekochte Eier, und Selterswasser mit warmer Milch

von bestimmter Temperatur.

Nachdem der Arzt gegangen war, sagte der Kranke etwas zu seinem Bruder,

allein Lewin vernahm nur die letzten Worte »deine Katja«; an dem Blicke

jedoch, mit welchem jener sie anschaute, erkannte Lewin, daß sie gelobt

worden sei. Er rief nun auch Katja, wie Nikolay sie genannt hatte.

»Mir ist schon bei weitem besser,« sagte er, »bei Euch wäre ich

freilich schon längst wieder gesund geworden. Wie wohl mir ist!« Er

ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen, gab aber, wie in der

Furcht, es möchte ihr dies unangenehm sein, seine Absicht auf, ließ die

Hand sinken und streichelte sie nur. Kity faßte diese Hand mit ihren

beiden Händen und drückte sie. »Jetzt legt mich auf die linke Seite und

geht schlafen,« fuhr er fort.

Niemand hatte verstanden, was er sprach, nur Kity hatte es erfaßt. Sie

hatte es verstanden, weil sie fortwährend in Gedanken beobachtete, was

er wünschen möchte.

»Auf die andere Seite,« sagte sie zu ihrem Manne, »er schläft stets

auf jener. Lege du ihn um, ich möchte nicht gern die Dienerschaft dazu

rufen. Ich aber kann es nicht. Ihr könnt es auch nicht?« wandte sie

sich an Marja Nikolajewna.

»Ich fürchte mich,« versetzte diese.

So entsetzlich es Lewin auch sein mochte, diesen grauenhaften Körper

mit beiden Armen umfassen zu müssen und Stellen unter der Bettdecke

zu berühren, von denen er nichts wissen mochte, machte Lewin, dem

Einflusse seines Weibes nachgebend, das energische Gesicht, das dieses

schon an ihm kannte und schickte sich dazu an, indem er die Arme

vorstreckte, war aber bei aller seiner Kraft, von der seltsamen Schwere

dieser ausgemergelten Glieder überrascht.

Während er ihn wandte, seinen Hals von dem abgezehrten, langen Arme

umfaßt fühlend, drehte Kity schnell und leise das Kopfkissen um und

schob es wieder unter, legte den Kopf des Kranken zurecht und ordnete

ihm das spärliche Haar, welches wieder an den Schläfen klebte.

Der Kranke hielt des Bruders Hand in der seinen. Lewin fühlte, daß

er etwas mit dieser Hand zu thun wünsche und dieselbe mit sich zog;

erstarrend folgte er derselben. Nikolay führte seine Hand an die Lippen

und küßte sie und Lewin erschauerte in Schluchzen und verließ, nicht

fähig zu reden, das Gemach.

19.

»Er hat sich vor den Weisen verborgen und den Kindern und Thoren

entdeckt.« So dachte Lewin auch über sein Weib, als er an diesem Abend

mit ihr sprach.

Lewin dachte an das Wort des Evangeliums nicht deshalb, weil er

selbst sich für weise gehalten hätte. Er hielt sich nicht für weise,

wußte aber auch recht wohl, daß er doch klüger war, als sein Weib und

als Agathe Michailowna; wußte recht wohl, daß er, wenn er des Todes

gedachte, dies mit allen Kräften seines Geistes that. Er wußte auch,

daß viele höhere Geister von Männern, deren Gedanken er darüber gelesen

hatte, nicht ein Hundertstel von dem gedacht hatten, was sein Weib

und Agathe Michailowna darüber wußten. So ungleich nun diese beiden

Weiber einander sein mochten, Agathe Michailowna und Katja, wie sie

sein Bruder Nikolay, und auch Lewin sehr gern nannte, hierin waren sie

einander vollkommen ähnlich. Beide wußten sicher, was Leben eigentlich

war, und auch was Tod sei, und obwohl sie nicht antworten konnten,

oder die Fragen auch nur verstehen, die sich Lewin aufdrängten, so

zweifelten sie beide doch nicht an der Bedeutung dieser Erscheinung und

betrachteten dieselbe vollkommen gleichartig, nicht nur unter sich,

sondern, indem sie ihre Anschauung mit Millionen Menschen teilten. Der

Beweis dafür, daß sie genau wußten, was Tod sei, lag darin, daß sie,

ohne sich eine Sekunde zu besinnen, wußten, wie man mit Sterbenden

umgehen müsse, und diese nicht fürchteten. Lewin und die anderen

wußten, obwohl sie viel über den Tod sagen konnten, augenscheinlich

nicht, warum sie ihn fürchteten; sie wußten sicher nicht, was zu

thun sei, wenn ein Mensch starb. Wäre Lewin jetzt allein gewesen mit

seinem Bruder, so würde er ihn voll Entsetzen betrachtet, und mit noch

größerem Entsetzen gewartet haben, aber nicht imstande gewesen sein,

irgendwie zu handeln.

Er wußte nicht, was er sagen, wie er blicken, wie er gehen sollte.

Über Fernerliegendes mit ihm zu sprechen, erschien verletzend, das ging

nicht; über den Tod zu sprechen, die finstere Macht, ging auch nicht;

schweigen -- gleichfalls nicht. -- Blickte er den Kranken an, so konnte

dieser denken, er wolle ihn durchforschen, blickte er ihn nicht an, so

konnte Nikolay denken, er sei bei etwas ganz Anderem. Ging er auf den

Fußspitzen, so mochte der Bruder unzufrieden damit sein, trat er voll

auf, so schickte sich das nicht.

Kity dachte augenscheinlich gar nicht an sich und hatte wohl auch nicht

die Zeit, an sich zu denken; sie dachte nur an ihn, weil sie etwas

Bestimmtes wußte, und alles ging gut bei ihr von statten. Sie hatte

ihm von sich erzählt, von ihrer Hochzeit und hatte gelächelt und ihn

bemitleidet, ihm geschmeichelt, und mit ihm über Fälle von Genesungen

gesprochen, und das alles ging ihr gut von statten; vielleicht weil sie

etwas wußte.

Der Beweis dafür, daß ihre Wirksamkeit, wie diejenige Agathe

Michailownas, keine instinktive, rein physische unbedachte war, lag

darin, daß außer der physischen Beruhigung, der Erleichterung der

Leiden, sowohl Agathe Michailowna als Kity für den Sterbenden noch

etwas weit Wichtigeres anstrebten, als physische Beruhigung, ein

Etwas, das nichts Gemeinsames besaß mit physischen Umständen. Agathe

Michailowna hatte in dem Gespräch über jenen verstorbenen Alten gesagt:

»Nun, man hat ihm das Abendmahl, die letzte Ölung gegeben, gebe Gott,

daß ein jeder so sterbe!« Ganz ebenso hatte Kity ungeachtet aller Sorge

für die Wäsche, die wundgelegenen Stellen, das Trinken des Kranken

bereits am ersten Tage demselben von der Notwendigkeit gesprochen, daß

er kommuniziere.

Nachdem sie für die Nacht von dem Kranken in ihre beiden Zimmer

zurückgekehrt waren, hatte sich Lewin niedergesetzt und den Kopf sinken

lassen, ohne zu wissen, was er beginnen solle.

Geschweige, daß er davon gesprochen hätte, zu Abend speisen zu wollen,

oder das Nachtlager in Ordnung zu bringen, und zu überlegen, was nun zu

thun sei, vermochte er nicht einmal mit seiner Frau zu reden; so schwer

war ihm das Herz. Kity hingegen war geschäftiger, als gewöhnlich;

sie war sogar lebhafter, als sonst. Sie befahl Abendessen zu bringen,

packte selbst die Sachen aus, half die Betten vorzurichten und vergaß

nicht einmal, sie mit persischem Pulver zu bestreuen. In ihr lag eine

Munterkeit, eine Präcision im Denken, wie sie sich bei den Männern vor

einer Schlacht, einem Kampfe, in gefahrvollen entscheidenden Momenten

zeigt, jenen Minuten, in welchen ein für allemal der Mann seinen Wert

zeigt und beweist, daß seine ganze Vergangenheit nicht umsonst gewesen

ist, sondern eine Vorbereitung war für diese Minuten.

Alles ging ihr von statten, und es war noch nicht zwölf Uhr, als

alle Sachen sauber ausgepackt waren; sorgfältig und in einer Weise,

daß das Zimmer ihrem eigenen Hause ähnlich wurde, ihren Zimmern. Die

Betten waren aufgeschlagen, die Bürsten, Kämme, Spiegel aufgelegt, und

Servietten übergebreitet.

Lewin fand es sei unverzeihlich, jetzt zu essen, zu schlafen, ja selbst

zu reden und dabei zu empfinden, daß jede seiner Bewegungen nicht

schicklich sei. Sie hingegen steckte die Bürsten aus, verrichtete aber

alles so, daß nichts Verletzendes darin lag.

Essen konnten sie allerdings nicht und lange Zeit fanden sie auch

keinen Schlaf, ja sie wollten erst lange Zeit gar nicht zur Ruhe gehen.

»Ich bin sehr froh, daß ich ihm zugeredet habe, morgen zu

kommunizieren,« sagte sie, im Ärmelleibchen vor ihrem Necessaire

sitzend und sich mit dem dichten Kamme das reiche duftige Haar

strählend, »ich habe dies noch nie gesehen, weiß aber, daß Mama mir

gesagt hat, es wären Gebete für die Herstellung dabei.«

»Glaubst du wirklich, daß er wieder gesund werden kann?« sagte Lewin,

nach der, sobald sie den Kamm vorwärts bewegte, fortwährend verhüllten

dichten Zahnreihe an der hinteren Seite ihres runden Köpfchens schauend.

»Ich habe den Arzt gefragt; er sagte mir, daß er nicht länger als noch

drei Tage leben könne. Aber können die es wissen? Ich bin gleichwohl

sehr froh, daß ich ihn überredet habe,« sagte sie, unter ihrem Haar

hervor seitwärts nach ihrem Manne blickend. »Es ist alles möglich,«

fügte sie hinzu mit jenem eigentümlichen, ein wenig schlauen Ausdruck,

der stets auf ihrem Gesicht lag, wenn sie über Religion sprach.

Nach jenem Gespräch über die Religion, zur Zeit als sie noch Bräutigam

und Braut waren, hatte weder er noch sie ein Gespräch darüber wieder

angeknüpft, sie aber erfüllte dies Ceremoniell des Kirchenbesuchs,

des Gebetes, stets in dem nämlichen ruhigen Bewußtsein, daß es so

erforderlich sei. Ungeachtet seiner Versicherungen des Gegenteils

war sie fest überzeugt, daß er ein ebensolcher, ja, noch besserer

Christ war, wie sie und daß alles, was er darüber sprach, nur eine

seiner sarkastischen Männerlaunen sei, ebenso wie das, was er über die

=broderie anglaise= sagte: »Möchten doch die guten Leute lieber die

Löcher zustopfen, hier aber werden sie absichtlich eingeschnitten« und

Ähnliches.

»Jenes Weib da, die Marja Nikolajewna hat nicht verstanden, alles

das einzurichten,« sagte Lewin, »und -- ich muß es eingestehen, daß

ich sehr, sehr froh bin, daß du mitgekommen bist. Du bist solch eine

Reinheit, daß« -- er ergriff ihre Hand, küßte sie aber nicht -- das

Küssen ihrer Hand in dieser Nähe des Todes, erschien ihm unpassend

-- sondern preßte sie nur, mit schuldbewußtem Ausdruck in ihre

aufleuchtenden Augen blickend.

»Für dich allein wäre es doch so peinlich geworden,« sagte sie, wand

die Hände emporhebend, welche ihre vor Freude erglühenden Wangen

deckten, die Zöpfe auf dem Scheitel zusammen und steckte sie fest.

»Nein,« sprach sie, »das hat sie nicht verstanden. Zum Glück habe ich

viel in Soden gelernt.«

»Waren denn dort derartige Kranke?«

»Noch schlimmere sogar.«

»Es ist furchtbar für mich, daß ich ihn stets so sehen muß, wie er in

der Jugend war. Du glaubst nicht, welch ein schöner Jüngling er gewesen

ist; ich aber habe ihn damals nur nicht verstanden.«

»Ich glaube es wohl, recht wohl. Wie empfinde ich es, daß wir so gut

mit ihm gewesen sein würden,« sagte sie, erschrak aber sogleich über

das was sie gesagt hatte, sich nach ihrem Manne umschauend, und Thränen

traten ihr in die Augen.

»Ja -- gewesen sein würden« -- sagte er traurig, »das ist eben einer

jener Menschen, von denen man sagt, daß sie nicht für diese Welt sind.«

»Gleichviel, uns stehen noch viele Tage bevor, doch wir müssen uns

niederlegen,« sagte Kity, auf ihre winzige Uhr sehend.

20.

Der Tod.

Am anderen Tage empfing der Kranke das Abendmahl und die letzte Ölung.

Während der Ceremonie betete Nikolay Lewin inbrünstig. In seinen

großen Augen, die nach der Monstranz gerichtet waren, welche auf einem

mit farbiger Serviette überdeckten L'hombretisch stand, drückte sich

ein so leidenschaftliches Flehen, eine Hoffnung aus, daß es Lewin

entsetzlich war, dies mit ansehen zu müssen. Lewin wußte, daß diese

leidenschaftliche Bitte und Hoffnung ihm die Trennung vom Leben, das

er so sehr liebte, nur noch schwerer machen würde. Lewin kannte seinen

Bruder und den Gang seiner Gedanken; er wußte, daß sein Unglaube nicht

davon herrührte, weil es ihm leichter ankam, ohne Glauben zu leben,

sondern davon, weil Schritt für Schritt die modernen wissenschaftlichen

Erklärungen der Welterscheinungen das Glauben verdrängt hatten, und

weil er wußte, daß seine jetzige Rückkehr zu demselben keine logische

war, die sich auf dem Wege eines solchen Gedankenganges vollzogen

hätte, sondern eine nur vorübergehende, egoistische, entstanden in

der sinnlosen Hoffnung auf eine Genesung. Lewin wußte auch, daß Kity

diese Hoffnung noch durch Erzählungen von ungewöhnlichen Heilungen

von denen sie gehört, genährt hatte. Alles dies wußte er, und es war

ihm qualvoll, auf diesen flehenden, hoffnungsvollen Blick, auf diese

abgezehrte Hand schauen zu müssen, die sich mühsam erhob, um das

Zeichen des Kreuzes auf der überhängenden Stirn, den hervorstehenden

Schultern und der heiserröchelnden, verödeten Brust zu machen, die

alle nicht mehr das Leben in sich zu bergen vermochten, um welches

der Kranke bat. Während des Sakraments that Lewin, was er in seinem

Unglauben tausendmal gethan hatte. Er sprach, sich zu Gott wendend:

»Mache, wenn du bist, daß dieser Mensch gesunde,« und wiederholte dies

mehrere Male, »und du wirst ihn und mich erretten.«

Nach der Salbung wurde es dem Kranken plötzlich bei weitem besser. Er

hustete nicht ein einziges Mal im Verlauf einer Stunde, er lächelte,

küßte Kity die Hand, dankte ihr mit Thränen und sagte, daß ihm wohl

sei, daß er sich nirgends krank fühle und Eßlust und Kraft verspüre.

Er erhob sich sogar selbst, als man ihm Suppe brachte und bat noch um

ein Kotelett. So hoffnungslos Lewin nun auch war, so augenscheinlich es

bei seinem Anblick wurde, daß er nicht genesen könne, befand er sich

und Kity während dieser Stunde in dem gleichen Glück, der nämlichen

Erregung darüber, ob man sich vielleicht doch nicht im Irrtum befinde.

»Ist er besser? -- Ja, bei weitem. -- Wunderbar. -- Nichts Wunderbares.

-- Er ist doch besser,« so sprachen sie flüsternd und einander

zulächelnd.

Die Täuschung war indessen nicht von langer Dauer. Der Kranke schlief

ruhig ein, nach einer halben Stunde jedoch weckte ihn der Husten, und

plötzlich waren alle Hoffnungen seiner Umgebung und in ihm selbst

geschwunden. Die Wirklichkeit des Leidens vernichtete, auch abgesehen

von dem Zweifel, an den vorher gehegten Erwartungen oder selbst der

Erinnerung an sie, die Hoffnungen Lewins und Kitys und die des Kranken

selbst.

Ohne dessen zu gedenken, woran er eine halbe Stunde vorher noch

geglaubt hatte, gleichsam als wäre es tadelnswert, sich daran zu

erinnern, verlangte er, daß man ihm das Jod, in einem Glase, welches

von durchlochtem Papier überdeckt war, zum Einatmen gebe. Lewin reichte

ihm die Flasche und der nämliche Blick leidenschaftlicher Hoffnung,

mit welchem er kommuniziert hatte, richtete sich jetzt auf den Bruder,

von diesem Bestätigung für die Worte des Arztes heischend, daß die

Einatmung von Jod Wunder thue.

»Wie, ist Kity nicht hier?« raunte er umherblickend, nachdem ihm

Lewin die Worte des Arztes mit innerem Widerstreben bekräftigt hatte.

»Nun, so kann ich es sagen; nur ihr zu Liebe habe ich diese Komödie

durchgemacht. Sie ist so lieb, aber wir beide können uns gegenseitig

nicht mehr täuschen. Hieran glaube ich,« sprach er, die Flasche mit

seiner Knochenhand pressend, und begann über ihr zu atmen.

Um acht Uhr am Abend nahm Lewin mit seiner Frau den Thee auf seinem

Zimmer ein, als Marja Nikolajewna atemlos ins Zimmer gestürzt kam. Sie

war bleich und ihre Lippen bebten.

»Er stirbt!« flüsterte sie; »ich fürchte, er stirbt sogleich!«

Beide eilten zu ihm. Er hatte sich erhoben und saß, mit dem Arme

auf die Bettdecke gestützt, den langen Rücken gekrümmt, mit tief

herniederhängendem Kopfe.

»Wie fühlst du dich?« frug Lewin flüsternd nach einer Pause.

»Ich fühle, daß ich scheide,« sprach Nikolay mit Anstrengung, aber

die Worte mit einer außerordentlichen Bestimmtheit langsam aus sich

herauspressend. Er hob den Kopf nicht, sondern richtete nur das Auge

nach oben, ohne mit ihnen das Gesicht des Bruders zu erreichen. »Katja,

geh' hinaus,« fuhr er fort.

Lewin sprang auf und befahl ihr mit gebieterischem Flüstern

hinauszugehen.

»Ich scheide,« sagte er wiederum.

»Weshalb denkst du das?« antwortete Lewin, um etwas zu sagen.

»Deshalb, weil ich scheide,« wiederholte Nikolay, sich gleichsam in

diesem Ausdruck gefallend. »Es ist zu Ende.«

Marja Nikolajewna trat zu ihm.

»Ihr müßtet Euch legen, dann würde Euch leichter,« sprach sie.

»Bald werde ich liegen,« versetzte er leise, »als ein Toter,« er sprach

höhnisch, erbittert, »nun, aber legt mich nur, wenn Ihr wollt.«

Lewin legte den Bruder auf den Rücken, ließ sich neben ihm nieder, und

blickte ihm, mit angehaltenem Atem ins Gesicht.

Der Sterbende lag mit geschlossenen Augen, aber auf seiner Stirn

bewegte sich ein leises Muskelspiel, wie bei einem Menschen, der tief

und angestrengt sinnt. Unwillkürlich dachte Lewin zusammen mit ihm das,

was sich jetzt in Nikolay vollziehen mochte, aber ungeachtet aller

geistigen Anstrengungen mit jenem übereinzukommen, gewahrte er an dem

Ausdruck dieses ruhigen ernsten Gesichts und dem Muskelspiel über den

Brauen, daß einem Sterbenden sich voll und ganz jenes Eine offenbart

ebenso, wie es für Lewin dunkel blieb.

»Ja, ja, so,« brachte der Sterbende abgebrochen und langsam hervor.

»Bleibt.« Er schwieg wieder. »So,« sagte er dann gedehnt und

befriedigt, als habe sich nun alles für ihn entschieden. »O Gott!«

begann er dann nochmals und seufzte schwer.

Marja Nikolajewna fühlte seine Füße an, »sie werden kalt«, flüsterte

sie.

Lange, sehr lange, wie es Lewin schien, lag der Kranke unbeweglich.

Aber er war noch immer am Leben und bisweilen atmete er auf. Lewin war

bereits abgespannt von der Anstrengung des Denkens. Er fühlte, daß er

trotz aller geistigen Anstrengung nicht begreifen könne, was jenes »so«

bedeutete. Er fühlte, daß er weit entfernt stand von dem Sterbenden.

Über die Frage des Todes selbst vermochte er nicht mehr nachzusinnen,

aber unwillkürlich kamen ihm Gedanken darüber, was er jetzt sofort zu

thun haben werde; dem Bruder die Augen zuzudrücken, ihn ankleiden zu

lassen und die Beerdigung zu bestellen. Und seltsam, er fühlte sich

dabei vollkommen ruhig und empfand weder Schmerz, noch einen Verlust,

und noch weniger Mitleid mit dem Bruder. Wenn jetzt ein Gefühl für

seinen Bruder in ihm war, so war es eher der Neid wegen jenes Wissens,

welches der Sterbende nun hatte, er aber nicht besitzen konnte.

Noch lange saß er so bei ihm, immer das Ende erwartend, aber das Ende

kam nicht. Die Thür öffnete sich und Kity erschien. Lewin stand auf, um

sie zurückzuhalten, aber gerade im Augenblick, als er sich erhob, hörte

er, daß der Sterbende sich regte.

»Geh nicht fort,« sagte Nikolay und streckte die Hand aus. Lewin gab

ihm die seine und winkte heftig seiner Frau, hinauszugehen.

Die Hand des Sterbenden in der seinen, saß er eine halbe Stunde, eine

ganze Stunde und noch eine Stunde.

Er dachte jetzt schon gar nicht mehr an den Tod; er dachte daran, was

Kity machen möge. Wer wohnte wohl in dem benachbarten Zimmer? Besaß

der Arzt ein eigenes Haus? Er sehnte sich nach Essen und Schlaf,

behutsam befreite er seine Hand und fühlte nach den Füßen. Sie waren

kalt, aber der Kranke atmete noch. Lewin wollte nun auf den Zehen

wieder herausgehen, aber von neuem regte sich der Kranke und sagte:

»Geh' nicht fort« -- -- --

Der Tag dämmerte herauf. Der Zustand des Kranken blieb noch immer

derselbe. Lewin befreite leise seine Hand, ohne auf den Sterbenden

zu blicken, begab sich nach seinem Zimmer und schlief ein. Als er

erwachte, erfuhr er anstatt der Nachricht vom Tode seines Bruders, die

er erwartete, daß der Kranke in den früheren Zustand zurückverfallen

sei. Er hatte sich wieder gesetzt, wieder gehustet, wieder zu essen und

zu sprechen angefangen, und wieder aufgehört, vom Tode zu reden. Er

hatte wieder Hoffnung auf Genesung ausgedrückt, und war noch reizbarer

und mürrischer geworden als vorher. Niemand, weder sein Bruder, noch

Kity vermochten ihn zu besänftigen. Er war gegen jedermann gereizt,

sagte jedermann Unangenehmes, machte allen Vorwürfe über seine

Leiden und verlangte, daß man ihm einen berühmten Arzt aus Moskau

herbeischaffe. Auf alle Fragen, die man an ihn über sein Befinden

richtete, antwortete er stets mit dem Ausdruck von Wut und Vorwurf »ich

leide furchtbar, unerträglich!«

Der Kranke litt mehr und mehr, besonders infolge der aufgelegenen

Stellen, die sich nicht mehr heilen ließen, und geriet mehr in Wut

über seine Umgebung, der er Vorwürfe über alles machte, und namentlich

darüber, daß man ihm den Arzt aus Moskau nicht herbeischaffe. Kity

bemühte sich in jeder Weise, ihm Beistand zu leisten und ihn zu

beschwichtigen, aber alles war vergebens und Lewin sah, daß sie selbst

körperlich, wie geistig erschöpft war, obwohl sie es nicht eingestand.

Jene Ahnung des Todes, welche in allen durch seinen Abschied vom

Leben in jener Nacht, als er den Bruder rief, erweckt worden war, war

verwischt. Sie alle wußten wohl, daß er unwiderruflich und binnen

kurzem sterben werde, daß er zur Hälfte schon tot sei, sie alle

wünschten nur das Eine, er möchte so bald als möglich sterben, aber

sie alle gaben ihm, indem sie dies verbargen, aus der Flasche die

Arznei, forschten nach Heilmitteln und Ärzten und täuschten ihn, und

sich selbst untereinander. Alles dies war eine Lüge, eine häßliche,

verletzende und hohnvolle Lüge. Und diese Lüge empfand Lewin, sowohl

der Eigenart seines Charakters halber, als auch, weil er den Sterbenden

mehr als alle anderen liebte, besonders schmerzlich.

Lewin, welchen der Gedanke, seine beiden Brüder wenigstens vor dem Tode

noch auszusöhnen, schon lange beschäftigt hatte, schrieb an Sergey

Iwanowitsch, und las, nachdem er Antwort erhalten hatte, dem Kranken

das Schreiben vor. Sergey Iwanowitsch schrieb, daß er selbst nicht

kommen könne, bat aber in rührenden Ausdrücken den Bruder um Verzeihung.

Der Kranke erwiderte nichts.

»Was soll ich ihm nun schreiben?« frug Lewin. »Ich hoffe, daß du ihm

nicht mehr gram bist?«

»Nein, keineswegs!« antwortete Nikolay voll Verdruß über diese Frage.

»Schreibe ihm, er möge nur einen Arzt schicken!«

Es vergingen noch weitere drei qualvolle Tage; der Kranke befand sich

immer im gleichen Zustand. Das Gefühl des Wunsches, er möchte sterben,

hatten jetzt alle, die ihn sahen, sowohl der Diener des Hotels, wie

der Wirt desselben und alle Insassen des Hauses; der Arzt und Marja

Nikolajewna, wie Lewin und Kity.

Allein der Kranke drückte dieses Gefühl nicht aus, sondern eiferte

im Gegenteil darüber, daß man den Arzt nicht schaffe, und fuhr

fort, Arznei zu nehmen und vom Leben zu sprechen. Nur in den

gezählten Minuten, in denen das Opium ihn für einen Augenblick die

ununterbrochenen Leiden vergessen ließ, sprach er im Halbschlaf

bisweilen aus, was mächtiger als bei allen anderen, in seiner Seele

ruhte: »O, wenn doch ein Ende käme«, oder »wann wird das vorüber sein«.

Die Qualen, stetig wachsend, thaten das ihre, und bereiteten ihn

zum Tode vor. Es gab jetzt keine Stellung mehr, in welcher er nicht

gelitten hätte; es gab keine Minute mehr, in welcher er einmal sich

selbst vergessen hätte, keine Stelle, kein Glied seines Körpers,

welches nicht geschmerzt, ihn nicht gemartert hätte. Selbst die

Erinnerung, die Eindrücke und die Gedanken über diesen Körper erregten

in ihm jetzt bereits einen solchen Ekel, wie der Körper selbst.

Der Anblick der übrigen Menschen, ihre Gespräche, ihre eigenen

Erinnerungen, alles das war für ihn nur peinlich. Seine Umgebung

empfand dies, und gestattete sich daher wie unbewußt in seiner Nähe

weder eine freie Bewegung, noch Gespräche oder Äußerungen von Wünschen.

Sein ganzes Leben zerfloß in das eine Gefühl des Leidens, und des

Wunsches, hiervon erlöst zu sein.

Augenscheinlich hatte sich nun jene Wandlung in ihm, die ihn auf

den Tod wie auf eine Erfüllung seiner Wünsche, wie auf ein Glück

blicken lassen mußte, vollendet. Früher war jedem besonderen Wunsche,

hervorgerufen durch Leiden oder Entbehrung, wie Hunger, Müdigkeit,

Durst, schon ein Zurechtrücken des Körpers, welches ihm Befriedigung

gewährte, genügt worden; jetzt aber fand die Entbehrung und der Schmerz

keine Befriedigung mehr, denn schon der Versuch zu einer Befriedigung

rief neue Schmerzen hervor, und so flossen denn alle Wünsche in dem

einen zusammen -- dem Wunsche, erlöst zu sein von all den Qualen und

von der Quelle derselben -- dem Körper.

Aber zum Ausdruck dieses Wunsches nach Befreiung hatte er keine Worte,

und daher sprach er nicht davon, sondern forderte nur noch nach seiner

Gewohnheit die Befriedigung der Wünsche, die schon nicht mehr erfüllt

werden konnten.

»Legt mich auf die andere Seite,« sagte er und verlangte gleich darauf,

daß man ihn wieder lege, wie vorher. »Gebt mir Bouillon! Schafft

sie fort! Sprecht doch etwas, weshalb schweigt ihr so!« Sobald man

aber angefangen hatte, zu sprechen, schloß er die Augen, und drückte

Ermattung, Gleichgültigkeit und Widerwillen aus.

Am zehnten Tage nach der Ankunft in der Stadt erkrankte Kity. Es

stellte sich Kopfschmerz und Erbrechen bei ihr ein, und sie vermochte

den ganzen Morgen nicht, das Bett zu verlassen.

Der Arzt erklärte, daß das Unwohlsein von Ermüdung und Aufregung

herrühre und empfahl geistige Ruhe.

Nach Tische indessen erhob sich Kity und begab sich wie gewöhnlich, mit

einer Arbeit zu dem Kranken. Er blickte sie streng an, als sie eintrat

und lächelte verächtlich, als sie sagte, daß sie unwohl sei. An diesem

Tage schneuzte er sich unaufhörlich und stöhnte kläglich.

»Wie fühlt Ihr Euch?« frug sie ihn.

»Schlechter,« brachte er mit Mühe heraus, »es schmerzt so.«

»Wo schmerzt es?«

»Überall.«

»Heute geht es zu Ende, paßt auf,« sagte Marja Nikolajewna; zwar

flüsternd, aber doch so, daß der Kranke, welcher fein hörte, wie Lewin

bemerkt hatte, sie vernehmen mußte. Lewin zischte ihr zu und blickte

sich nach dem Kranken um. Nikolay hatte dies gehört, aber die Worte

brachten bei ihm keinen Eindruck hervor. Sein Blick war noch der

nämliche vorwurfsvolle und gespannte.

»Warum denkt Ihr das?« frug Lewin sie, als sie ihm auf den Korridor

hinaus folgte.

»Er hat angefangen, sich abzunehmen,« sagte Marja Nikolajewna.

»Was ist denn das?«

»Nun dies,« antwortete sie, die Falten in ihrem wollenen Kleide

aufzupfend; in der That bemerkte Lewin, daß der Kranke an diesem ganzen

Tage an sich etwas herunterreißen wollte. Die Voraussagung Marja

Nikolajewnas war richtig. Der Kranke war bis zum Abend schon nicht mehr

bei Kräften, die Arme zu heben, und schaute nun vor sich hin, ohne den

Ausdruck konzentrierter Aufmerksamkeit im Blick zu verändern. Selbst

wenn sein Bruder oder Kity sich über ihn beugten, so daß er sie sehen

konnte, blickte er so. Kity sandte nach einem Geistlichen, um das

Sterbegebet sprechen zu lassen.

Während dieser das Gebet las, gab der Kranke kein Lebenszeichen von

sich, seine Augen waren geschlossen. Lewin, Kity und Marja Nikolajewna

standen am Bett. Das Gebet war von dem Geistlichen noch nicht zu Ende

gelesen worden, als sich der Sterbende streckte, seufzte und die Augen

schloß. Der Geistliche legte, nachdem er das Gebet beendet, das Kreuz

auf die kalte Stirn, zog es darauf langsam unter sein Gewand zurück,

und berührte, nachdem er noch zwei Minuten schweigend gestanden, die

erkaltete, blutlose große Hand.

»Er hat vollendet,« sprach er und wollte gehen, da aber bewegte sich

plötzlich der zusammengeklebte Bart des Toten und deutlich in der

Stille wurden aus der Tiefe der Brust bestimmt und klar die Worte

vernehmbar:

»Nicht ganz -- aber bald.« --

Nach Verlauf einer Minute erst erhellte sich das Gesicht, ein Lächeln

trat unter dem Barte hervor und die anwesenden Frauen befaßten sich nun

bestürzt damit, den Verstorbenen anzukleiden.

Der Anblick des Bruders und die Nähe des Todes erneuerte in der

Seele Lewins jene Empfindung des Entsetzens vor dem Rätselhaften und

zugleich vor der Nähe und Unvermeidbarkeit des Todes, das ihn an jenem

Herbstabend ergriffen hatte, als sein Bruder zu ihm gekommen war.

Dieses Gefühl war jetzt noch mächtiger als früher; noch weniger, als

früher fühlte er sich fähig, die Vorstellung vom Tode zu verstehen,

und noch entsetzlicher stellte sich ihm das Unvermeidliche desselben

vor Augen. Jetzt aber brachte ihn dieses Gefühl, dank der Nähe seines

Weibes, nicht zur Verzweiflung und trotz des Todes fühlte er die

Notwendigkeit, zu leben und zu lieben. Er fühlte, daß die Liebe ihn

von der Verzweiflung errettet hatte, und daß diese Liebe unter den

Schrecken der Verzweiflung nur noch stärker und reiner geworden war.

Das Geheimnis des Todes hatte sich nicht sobald vor seinen Augen

vollzogen, ungelöst geblieben, als schon ein anderes auftauchte, ebenso

unlösbar und herausfordernd zu Liebe und Leben.

Der Arzt hatte seine Vermutungen bezüglich Kitys bestätigt; ihr

Unwohlsein bestand in Schwangerschaft.

21.

Seit der Minute, in welcher Aleksey Aleksandrowitsch aus den

Erklärungen mit Betsy und mit Stefan Arkadjewitsch erkannt hatte,

daß von ihm nur gefordert wurde, er möge sein Weib in Ruhe lassen,

indem er sie nicht mehr mit seiner Gegenwart belästigte, und daß sein

Weib selbst dies wünschte, fühlte er sich so verlassen, daß er keinen

selbständigen Beschluß mehr zu fassen vermochte, nicht mehr wußte, was

er jetzt wollte, und sich in die Hände von Leuten gebend, welche sich

mit dem bekannten Vergnügen um seine Angelegenheiten kümmerten, auf

alles nur billigende Antworten gab.

Nun nachdem Anna schon sein Haus verlassen hatte, und die Engländerin

sandte, um ihn fragen zu lassen, ob sie mit ihm zusammen zu Mittag

speisen werde oder allein, da erkannte er zum erstenmale klar seine

Lage und erschrak über sie.

Am schwierigsten in dieser Lage war vor allem, daß er in keiner Weise

seine Vergangenheit mit ihr so wie sie jetzt war, in Einklang und

Harmonie bringen konnte. Nicht jene Vergangenheit, in der er glücklich

mit seinem Weibe gelebt hatte, machte ihn ratlos. Den Übergang aus

derselben zu der Erkenntnis der Untreue seines Weibes hatte er bereits

wie ein Märtyrer durchlebt, der Zustand war schwer, aber er war ihm

verständlich gewesen. Wäre sein Weib damals, nachdem sie ihm von ihrer

Untreue Mitteilung gemacht, von ihm gegangen, so würde er erbittert,

unglücklich gewesen sein, aber er hätte sich dann nicht in jener für

ihn selbst unentwirrbaren, unbegreiflichen Lage befunden, in der er

sich jetzt fühlte.

Er konnte sich durchaus nicht seine neuerliche Verzeihung vergeben,

seine Versöhnlichkeit, seine Liebe zu dem kranken Weibe, und dem

fremden Kinde, angesichts dessen, was jetzt war, das heißt, dessen, was

er, gleichsam als Belohnung für alles dies, jetzt empfand, vereinsamt,

beschimpft, verlacht, niemandem brauchbar und von allen verachtet.

In den ersten zwei Tagen nach der Abreise seines Weibes empfing Aleksey

Aleksandrowitsch Bittsteller, den Geschäftsführer, begab sich ins

Komitee, und ging zur Mittagstafel nach dem Salon wie gewöhnlich. Ohne

sich Rechenschaft, weshalb er dies thue, zu geben, verwandte er alle

Kräfte seines Geistes in diesen zwei Tagen nur darauf, ein ruhiges, ja

selbst gleichmütiges Aussehen zu behaupten.

Indem er auf die Fragen, wie mit den Sachen und den Räumen der

Anna Arkadjewna verfahren werden sollte, antwortete, machte er

die gewaltigsten Anstrengungen über sich selbst, um den Anschein

eines Mannes zu wahren, für den das stattgehabte Ereignis nicht

unvorhergesehen gekommen sei, und nichts in sich trage, was aus der

Reihe der gewöhnlichen Vorkommnisse heraustrete; und er erreichte

seine Absicht! Niemand vermochte an ihm Anzeichen der Verzweiflung

zu finden. Am zweiten Tag nach der Abreise aber, als Korney ihm die

Rechnung vom Modewarenmagazin überreichte, welche Anna zu begleichen

vergessen hatte, und meldete, der Commis sei selbst da, befahl Aleksey

Aleksandrowitsch, diesen hereinkommen zu lassen.

»Entschuldigen Excellenz, daß ich zu stören wage. Aber wenn Excellenz

befehlen, daß ich mich an gnädige Frau wende, so geruhen Excellenz

wohl, deren Adresse mitzuteilen.«

Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach, wenigstens wie es dem Commis

schien, und setzte sich, abgewendet, plötzlich an seinen Tisch. Den

Kopf in die Hände gestützt, verharrte er lange in dieser Stellung,

einige Male zu sprechen versuchend, aber wieder innehaltend.

Die Empfindungen seines Herrn begreifend, bat Korney den Commis, ein

ander Mal wiederzukommen. Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch wieder

allein war, erkannte er, daß er nicht die Kräfte besitze, die Rolle der

Festigkeit und Ruhe noch weiter zu behaupten. Er befahl den auf ihn

wartenden Wagen wieder auszuspannen, niemand vorzulassen, und ging auch

nicht zur Mittagstafel.

Er fühlte, daß er diesem allgemeinen Andrang von Verachtung und

Gefühllosigkeit, wie er beides auf den Zügen des Commis und Korneys

und aller ohne Ausnahme, denen er in diesen zwei Tagen begegnet war,

offen gesehen hatte, nicht widerstehen könne. Er fühlte, daß er die

Gehässigkeit der Menschen nicht werde zurückweisen können, weil

diese Gehässigkeit nicht davon herrührte, daß er ein Narr war -- in

diesem Falle hätte er schon sich bemühen können, als etwas Besseres

zu erscheinen -- sondern davon, daß er schmachvoll und widerlich

unglücklich war.

Er wußte, daß man deswegen -- eben deswegen, weil sein Herz zerrissen

war -- mit ihm mitleidlos sein würde. Er fühlte, daß die Menschen ihn

vernichteten, wie man einen zerrissenen Hund, der vor Schmerz winselt,

noch erwürgt. Er wußte, daß seine einzige Rettung vor den Menschen die

war -- seine Wunden vor ihnen zu verbergen -- und er hatte dies zwei

Tage unbewußt zu thun versucht, fühlte sich aber jetzt nicht mehr bei

Kräften, diesen ungleichen Kampf fortzusetzen.

Seine Verzweiflung vergrößerte sich noch in dem Bewußtsein, daß er

vollständig vereinsamt dastand mit seinem Leid. Nicht nur in Petersburg

besaß er keinen einzigen Menschen, dem er alles hätte anvertrauen

können, was er erfahren hatte, der in ihm nicht den hochgestellten

Beamten, nicht das Mitglied der guten Gesellschaft bemitleidet hätte,

sondern einfach den leidenden Menschen -- nein, nirgends hatte er einen

solchen Menschen.

Aleksey Aleksandrowitsch war als Waise aufgewachsen; sie waren ihrer

zwei Brüder gewesen. Auf den Vater konnten sie sich nicht mehr

besinnen, die Mutter war gestorben, als Aleksey Aleksandrowitsch zehn

Jahre zählte. Das Vermögen war klein; der Onkel Karenin, ein hoher

Beamter und einstiger Günstling des verstorbenen Kaisers, erzog die

beiden.

Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch das Gymnasium und die Universität mit

Prämien absolviert hatte, betrat er sogleich mit Hilfe des Onkels die

dienstliche Laufbahn und ergab sich von dieser Zeit an ausschließlich

dem amtlichen Strebertum. Weder auf dem Gymnasium noch auf der

Universität, oder später im Amte hatte Aleksey Aleksandrowitsch mit

irgend jemand freundschaftliche Beziehungen angeknüpft. Sein Bruder

war ihm der geistig zunächst stehende Mensch gewesen, doch hatte

derselbe im Ministerium der äußeren Angelegenheiten gearbeitet, war

stets im Auslande gewesen, und auch bald nach der Verheiratung Aleksey

Aleksandrowitschs hier gestorben.

Während er eine Gouverneurstelle bekleidete, hatte die Tante Annas,

eine reiche Dame im Gouvernement, den zwar nicht mehr jungen Mann, wohl

aber jungen Gouverneur, mit ihrer Nichte bekannt gemacht, und ihn in

eine Situation verwickelt, nach welcher er sich entweder erklären oder

die Stadt verlassen mußte. Aleksey Aleksandrowitsch schwankte lange. Es

gab damals ebenso viel Gründe für diesen Schritt, wie gegen denselben,

und es gab keinen entscheidenden Anlaß, der ihn bewogen hätte, seinen

Grundsatz, sich im Unentschiedenen zu erhalten, zu ändern. Die Tante

Annas indessen hatte ihm bereits durch einen Bekannten zu verstehen

geben lassen, daß er das junge Mädchen bereits kompromittiert habe und

die Rücksicht auf seine Ehre ihn zwingen müsse, einen Antrag zu machen.

Er machte den Antrag, und weihte seiner Braut und Frau alles Gefühl,

dessen er fähig war.

Jene Anhänglichkeit, die er für Anna empfand, schloß in seiner Seele

auch die letzten Voraussetzungen für eine Unterhaltung herzlicher

Beziehungen zu den Menschen aus, und jetzt besaß er unter allen seinen

Bekannten keinen Vertrauten. Er besaß wohl viel von dem, was man

Verbindungen nennt, Freundschaftsverhältnisse aber hatte er nicht.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte auch viele, die er zu sich zur Tafel

einladen, um Teilnahme in einer ihn interessierenden Sache bitten

konnte, um Protektion eines Petenten, mit denen er sich aufrichtig

über die Thätigkeit anderer Männer und der höchsten Regierungsstelle

äußern konnte -- aber seine Beziehungen zu diesen Personen waren in

einem durch Sitte und Gewohnheit festbestimmten Bereich begrenzt, aus

dem es unmöglich war, herauszutreten. Es war da ein Universitätsfreund,

welchem er sich später wieder genähert hatte, und mit dem er über

sein persönliches Leid hätte sprechen können, aber dieser Kamerad

war Inspizient eines ferngelegenen Lehrbezirks. Unter den Personen,

welche in Petersburg waren, standen ihm am nächsten und waren noch die

denkbarsten von allen der Kanzleidirektor und sein Arzt.

Michail Wasiljewitsch Sljudin, war ein einfacher, verständiger, guter

und moralischer Mensch, und in ihm verspürte Aleksey Aleksandrowitsch

eine persönliche Neigung für sich, aber ihre fünfjährige amtliche

Thätigkeit hatte zwischen beiden eine Schranke für seelische

Beziehungen aufgerichtet.

Aleksey Aleksandrowitsch, die Unterschrift der Papiere beendend,

schwieg lange, auf Michail Wasiljewitsch blickend, und versuchte

mehrmals zu sprechen, ohne daß er es vermochte. Er hatte schon den Satz

vorbereitet »habt ihr von meinem Unglück gehört?« Aber er vollendete

damit, daß er, wie gewöhnlich sagte, »macht mir das also fertig,« womit

er ihn entließ.

Der zweite Mensch war sein Arzt, der gleichfalls freundschaftlich

gesinnt für ihn war, aber zwischen ihnen bestand schon seit langem

ein schweigendes Einverständnis darüber, daß sie beide mit Geschäften

überhäuft wären, und sich beeilen müßten.

An seine weiblichen Freunde, selbst an den nervösesten unter ihnen, die

Gräfin Lydia Iwanowna, hatte Aleksey Aleksandrowitsch nicht gedacht.

Alle Weiber, schlechtweg als Weiber, waren ihm furchtbar und widerlich.

22.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte die Gräfin Lydia Iwanowna vergessen,

diese aber nicht ihn. In der schwersten Minute seiner Vereinsamung

und Verzweiflung gerade kam sie zu ihm und trat ohne Meldung in sein

Kabinett. Sie traf ihn in der Stellung, in welcher er gesessen hatte,

den Kopf auf beide Arme gestützt.

»=J'ai forcé la consigne=,« sagte sie, indem sie mit schnellen

Schritten und schwer atmend vor Erregung und der schnellen Bewegung

eintrat. »Ich habe alles gehört! Aleksey Aleksandrowitsch! -- Mein

Freund!« -- fuhr sie fort, mit beiden Händen fest die seine drückend

und ihm mit ihren schönen, sinnigen Augen ins Auge blickend.

Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich, erhob sich ein wenig, und

schob ihr, seine Hand von ihr losmachend, einen Stuhl zu.

»Nicht gefällig, Gräfin? Ich empfange nicht, weil ich krank bin,« sagte

er und seine Lippen bebten.

»Mein Freund!« wiederholte die Gräfin Lydia Iwanowna, ohne die Augen

von ihm zu verwenden, und plötzlich hoben sich ihre Brauen mit den

inneren Seiten, ein Dreieck auf der Stirn bildend, und ihr unschönes

gelbes Gesicht wurde noch unschöner; doch Aleksey Aleksandrowitsch

empfand, daß sie ihn bemitleide und im Begriff war, zu weinen. Auch ihn

überkam eine weiche Stimmung; er ergriff ihre fleischige Hand und küßte

sie. »Mein Freund!« sagte sie mit von Erregung unterbrochener Stimme.

»Ihr dürft Euch dem Schmerz nicht so hingeben. Euer Leid ist groß, aber

Ihr müßt Trost finden.«

»Ich bin zerschmettert, vernichtet, ich bin kein Mensch mehr,« sagte

Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Hand freilassend, aber weiter, in

ihre von Thränen gefüllten Augen schauend. »Meine Lage ist furchtbar

dadurch, daß ich nirgends, in mir selbst nicht einmal, einen Stützpunkt

dafür finde.«

»Ihr werdet eine Stütze finden; sucht sie aber nicht in mir; obwohl ich

Euch bitte, an meine Freundschaft zu glauben,« antwortete sie mit einem

Seufzer, »unsere Stütze ist die Liebe, jene Liebe, die der da droben

uns gegeben hat. Eine Bürde in ihm ist leicht,« sagte sie mit jenem

verzückten Blick, den Aleksey Aleksandrowitsch so gut kannte, »er wird

Euch halten und Euch beistehen!«

Trotzdem, daß in diesen Worten sowohl das Mitleid mit seinen erhabenen

Empfindungen, wie auch jene, Aleksey Aleksandrowitsch überflüssig

erscheinende, neue verzückte, erst seit kurzem in Petersburg

verbreitete, mystische Stimmung lag, war es diesem angenehm, sie jetzt

zu vernehmen.

»Ich bin schwach. Ich bin vernichtet. Ich habe nichts vorausgesehen und

fasse jetzt nichts.«

»Mein Freund,« wiederholte Lydia Iwanowna.

»Nicht der Verlust dessen ist es, was jetzt nicht mehr ist, nicht

dies!« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort, »ich klage um nichts. Aber

ich muß mich schämen vor den Menschen wegen der Lage, in der ich mich

befinde. Das ist schlimm, aber ich kann nicht, kann nicht anders.«

»Nicht Ihr habt jene erhabene That der Vergebung ausgeführt, von der

ich entzückt bin, wie jedermann, sondern der droben, der in Eurem

Herzen wohnt,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, verzückt die Augen

hebend, »und daher dürft Ihr Euch Eurer Handlungsweise nicht schämen.«

Aleksey Aleksandrowitsch verzog das Gesicht und begann, die Hände

hinter sich nehmend, mit den Fingern zu knacken.

»Man muß eben alle Einzelheiten kennen,« sagte er mit dünner Stimme,

»die Kräfte des Menschen haben ihre Grenze, Gräfin, und ich habe

die Grenze der meinigen gefunden. Den ganzen Tag jetzt muß ich

Verfügungen treffen, Verfügungen über das Hauswesen, die sich für

mich ergeben haben« -- er betonte das letztere Wort -- »aus meiner

neuen, vereinsamten Stellung. Das Gesinde, die Gouvernante, die

Rechnungen -- dieses Kreuzfeuer hat mich versengt und ich war nicht bei

Kräften, es zu ertragen. Bei Tische -- ich bin gestern kaum seit der

Mittagstafel hinausgekommen. Ich konnte es nicht ertragen, wie mich

mein Sohn anblickte. Er frug mich nicht, was das alles bedeuten solle,

aber er wollte fragen, und ich konnte diesen Blick nicht ertragen.

Er fürchtete, mich anzuschauen, aber das ist noch wenig« -- Aleksey

Aleksandrowitsch wollte jener Rechnung Erwähnung thun, die man ihm

gebracht hatte, doch seine Stimme begann zu zittern und er hielt inne.

An diese Rechnung auf blauem Papier, mit den Hüten und Bändern, konnte

er nicht ohne Mitleid mit sich selbst denken.

»Ich verstehe, mein Freund,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna. »Ich

verstehe alles. Hilfe und Trost werdet Ihr nicht in mir finden, aber

ich bin dennoch nur deshalb gekommen, Euch beizustehen, wenn ich kann.

Wenn ich doch alle diese kleinlichen, erniedrigenden Mühewaltungen

von Euch nehmen könnte. Ich verstehe, daß hier ein Frauenwort, ein

weibliches Regiment not thut. Vertraut Ihr es mir an?«

Aleksey Aleksandrowitsch drückte ihr schweigend und dankerfüllt die

Hand.

»Wir wollen uns mit dem kleinen Sergey beschäftigen. Ich bin nicht

stark in praktischen Dingen. Aber ich werde mich nützlich machen und

Eure Hausverwalterin sein. Dankt mir nicht. Ich thue das nicht von mir

aus.« --

»Ich muß danken.«

»Aber, mein Freund, überlaßt Euch nicht diesem Gefühl, von welchem Ihr

gesprochen habt -- daß Ihr Euch dessen schämtet, was das höchste Gebot

des Christen ist: Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.

Und danken könnt Ihr nicht mir. Ihm ist zu danken, ihn muß man um Hilfe

bitten, in ihm allein finden wir Ruhe, Trost, Heil und Liebe,« sagte

sie, und die Augen zum Himmel emporhebend, begann sie zu beten, wie

Aleksey Aleksandrowitsch aus ihrem Schweigen erkannte.

Aleksey Aleksandrowitsch vernahm sie jetzt auch, und jene Ausdrücke,

welche ihm früher, wenn nicht unangenehm, so doch überflüssig

erschienen waren, kamen ihm jetzt natürlich und tröstlich vor. Aleksey

Aleksandrowitsch liebte diesen neuen, verzückten Geist nicht; er

war ein religiöser Mensch, der sich für Religion hauptsächlich im

politischen Sinne interessierte, aber die neue Lehre, die sich mehrere

neue Auslegungen gestattete, war ihm deshalb besonders, weil sie dem

Streit und der Analyse Thür und Thor öffnete, grundsätzlich unangenehm.

Früher hatte er sich kühl, ja selbst feindselig gegen diese neue

Lehre verhalten, und mit der Gräfin Lydia Iwanowna, die von derselben

eingenommen worden war, zwar nie gestritten, aber geflissentlich durch

Schweigen ihre Herausforderungen umgangen. Jetzt nun zum erstenmal

hörte er ihre Worte mit Befriedigung und widersprach ihnen innerlich

nicht.

»Ich bin Euch sehr, sehr dankbar, sowohl für Eure Thaten als für Eure

Worte,« sprach er, als sie mit Beten fertig war.

Die Gräfin Lydia Iwanowna drückte ihrem Freunde nochmals beide Hände.

»Jetzt will ich ans Werk gehen,« sagte sie lächelnd, nachdem sie eine

Weile geschwiegen und sich die Spuren der Thränen aus dem Gesicht

gewischt hatte. »Ich werde zu Sergey gehen, und mich nur im äußersten

Notfall an Euch wenden.« Sie erhob sich und ging hinaus.

Die Gräfin Lydia Iwanowna begab sich zu Sergey und erzählte dem

erschreckten Knaben, ihm die Wangen mit Thränen bethauend, daß sein

Vater ein Heiliger und seine Mutter gestorben sei.

Die Gräfin Lydia Iwanowna erfüllte ihr Versprechen. Sie nahm in der

That alle Sorgen und das Arrangement und die Hausverwaltung Aleksey

Aleksandrowitschs auf sich, hatte aber nicht übertrieben, wenn sie

sagte, daß sie in praktischen Dingen nicht stark sei. Alle ihre

Anordnungen mußten abgeändert werden, da sie unausführbar waren,

und sie wurden abgeändert durch Korney, den Kammerdiener Aleksey

Aleksandrowitschs, der jetzt, ohne daß dies jemand merkte, das ganze

Haus Karenins leitete, und ruhig und schonungsvoll während des

Ankleidens seinem Herrn berichtete, was notwendig war. Gleichwohl

aber blieb die Hilfe Lydia Iwanownas im höchsten Grade wesentlich:

sie verlieh Aleksey Aleksandrowitsch eine moralische Stütze in der

Erkenntnis ihrer Liebe und Achtung für ihn, und insbesondere darin,

daß sie ihn, -- es war ihr dies ein tröstlicher Gedanke -- fast zum

Christentum bekehrte, das heißt, aus einem gleichgültig und träg

Religiösgesinnten zum eifrigen und festüberzeugten Parteigänger jener

neuen Offenbarung der christlichen Lehre machte, welche sich in der

jüngsten Zeit in Petersburg verbreitet hatte.

Aleksey Aleksandrowitsch wurde es leicht, sich von dieser Lehre

überzeugen zu lassen. Er ebenso wie Lydia Iwanowna und andere Leute,

die ihre Anschauungen zersplitterten, war einer wahrhaft vertieften

Vorstellungskraft, jener geistigen Fähigkeit, dank welcher die

Vorstellungen, welche von der Phantasie so hervorgerufen sind, ja

thatsächlich werden, daß sie mit den anderen Vorstellungen und mit

der Wirklichkeit einen Einklang fordern, völlig beraubt. Er erblickte

nichts Unmögliches und Ungestaltes in der Vorstellung, daß der Tod, für

die Ungläubigen wirklich vorhanden, für ihn aber nicht da sei, und daß,

da er den wahrsten Glauben besitze, über den er selbst Richter wäre,

auch keine Sünde mehr in seiner Seele sei, und er schon hier auf Erden

ein volles Seelenheil kennen lerne.

Allerdings wurde die Leichtfertigkeit und Fehlerhaftigkeit dieser

Vorstellung von seinem eignen Glauben Aleksey Aleksandrowitsch dunkel

fühlbar, und er wußte, daß er, wenn er ohne daran zu denken, daß seine

Verzeihung die Wirkung einer höheren Kraft gewesen war, sich diesem

Gefühl unmittelbar hingab, mehr Glück verspürte, als wenn er, wie

jetzt, jede Minute dachte, daß Christus in seiner Seele sei und er,

wenn er Akten unterschrieb, damit nur dessen Willen erfülle. Aleksey

Aleksandrowitsch war es indessen so unumgänglich notwendig, so zu

denken, es war ihm so notwendig, in seiner Herabwürdigung eine, wenn

auch nur erklügelte, Erhabenheit zu besitzen, mit welcher er, von allen

sonst verachtet, auch alle selbst verachten konnte, daß er sich, wie an

eine Rettung, an sein vermeintliches Seelenheil anklammerte.

23.

Die Gräfin Lydia Iwanowna war noch als sehr junges, exaltiertes Mädchen

an einen reichen, vornehmen, sehr gutmütigen und sehr ausschweifenden

Lebemann verheiratet worden.

Im zweiten Monat schon vernachlässigte sie ihr Gatte und antwortete auf

die exaltierten Versicherungen ihrer zärtlichen Gesinnung für ihn nur

mit Spott, ja selbst Feindseligkeit, welche sich diejenigen, die das

gute Herz des Grafen kannten, und keinerlei Fehler in der verzückten

Lydia wahrnahmen, nicht erklären konnten.

Seit jener Zeit lebten beide, wenn auch nicht getrennt, so doch

gesondert, und wenn der Gatte seiner Frau begegnete, dann trug er gegen

sie einen sich stets gleichbleibenden beißenden Sarkasmus zur Schau,

dessen Ursache man nicht begreifen konnte.

Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte schon längst aufgehört, in ihren Mann

verliebt zu sein, hörte aber von da an nie mehr auf, in irgend jemand

sonst verliebt zu sein. Sie war in Mehrere zugleich verliebt, in Männer

wie in Frauen; sie war in fast alle Menschen verliebt, die irgendwie

besonders hervortraten. Sie war verliebt in alle neuen Prinzessinnen

und Prinzen, die mit der Familie des Zaren in Verwandtschaft traten,

sie war verliebt in einen Metropoliten, einen Vizegeistlichen und einen

Kapellan. Sie war verliebt in einen Journalisten, drei Slovenen und in

Komissaroff, in einen Minister, einen Arzt, einen englischen Missionär

und in Karenin. Alle diese Liebesverhältnisse, bald sich abschwächend,

bald stärker werdend, behinderten sie nicht in der Unterhaltung der

verzweigtesten und verwickeltsten Beziehungen mit dem Hof und der

Gesellschaft, aber seit der Zeit, da sie nach dem Verhängnis, welches

Karenin betroffen, diesen unter ihre Fürsorge genommen hatte, seit

der Zeit, da sie im Hause Karenins waltete, in der Sorge um dessen

Wohlergehen, empfand sie, daß alle die übrigen Liebesverhältnisse keine

echten gewesen waren, und sie jetzt wahrhaft nur in Karenin allein

verliebt war.

Das Gefühl, welches sie jetzt für diesen empfand, erschien ihr stärker,

als alle früheren Gefühle, und indem sie dasselbe untersuchte und es

mit diesen verglich, erkannte sie klar, daß sie in Komissaroff nicht

verliebt gewesen sein würde, wenn er nicht das Leben des Zaren gerettet

hätte, daß sie in Ristitsch-Kudschizkiy nicht verliebt gewesen sein

würde, wenn es keine slavische Frage gäbe, daß sie aber Karenin um

seiner selbst willen liebte, um seines hohen, nicht zu erfassenden

Geistes, des milden, für sie so zarten Klanges seiner Stimme mit ihren

gedehnten Accenten, um seines matten Blickes, seines Charakters, seiner

weichen weißen Hände mit den aufgetretenen Adern willen.

Sie freute sich nicht nur der Begegnung mit ihm, sie suchte auch auf

seinem Gesicht Kennzeichen des Eindruckes, den sie auf ihn machte.

Sie wollte ihm nicht nur in ihren Reden gefallen, sondern mit ihrer

ganzen Persönlichkeit. Ihm zu Liebe beschäftigte sie sich jetzt mehr

mit ihrer Toilette, als je zuvor. Sie ertappte sich auf Träumereien,

was wohl geschehen könne, wenn sie nicht verheiratet und er frei wäre.

Sie errötete vor Vergnügen, wenn er in das Zimmer trat, und konnte ein

Lächeln des Entzückens nicht unterdrücken, wenn er ihr etwas Angenehmes

sagte.

Schon mehrere Tage befand sich die Gräfin Lydia Iwanowna in einer

sehr starken Aufregung. Sie hatte erfahren, daß Anna und Wronskiy

wieder in Petersburg seien. Man mußte Aleksey Aleksandrowitsch vor dem

Wiedersehen mit ihr bewahren, man mußte ihn bewahren selbst vor der

qualvollen Kenntnisnahme davon, daß dieses furchtbare Weib in ein und

derselben Stadt mit ihm sei und er ihr jeden Augenblick begegnen könne.

Lydia Iwanowna erforschte durch ihre Bekannten, was jene »widerlichen

Menschen«, wie sie Anna und Wronskiy nannte, zu thun beabsichtigten,

und bemühte sich nun während dieser Tage, alle Bewegungen ihres

Freundes zu leiten, damit er ihnen nicht begegnen könnte.

Ein junger Adjutant, ein Freund Wronskiys, durch welchen sie ihre

Nachrichten empfangen hatte, und der durch die Gräfin Lydia Iwanowna

eine Konzession zu erhalten hoffte, teilte ihr mit, daß die beiden ihre

Angelegenheiten ordneten und am nächsten Tage abreisen würden.

Lydia Iwanowna war schon ruhiger geworden, als man ihr am andern Morgen

ein Billet brachte, dessen Handschrift sie mit Entsetzen erkannte.

Es war die Handschrift Anna Kareninas. Das Couvert bestand aus dickem,

rindenartigem Papier, war länglich und von gelber Farbe und trug ein

großes Monogramm, während das Schreiben selbst Wohlgerüche ausströmte.

»Wer hat das gebracht?«

»Ein Beauftragter aus dem Hotel.«

Die Gräfin Lydia Iwanowna vermochte lange nicht, sich zu setzen und den

Brief zu lesen. Sie bekam vor Aufregung einen Anfall von Atemnot, an

der sie litt. Nachdem sie sich indes beruhigt hatte, las sie folgendes,

französisch abgefaßte Schreiben:

»=Madame la Comtesse=! Die christlichen Gefühle, welche Ihr Herz

erfüllen, verleihen mir die, ich fühle es, unverzeihliche Kühnheit,

Ihnen zu schreiben. Ich bin unglücklich über die Trennung von meinem

Sohne. Ich flehe Sie um die Erlaubnis an, ihn nur ein einziges Mal

sehen zu dürfen vor meiner Abreise. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen

mich selbst in Erinnerung bringe, ich habe mich an Sie, und nicht

an Aleksey Aleksandrowitsch nur deshalb gewandt, weil ich diesen

hochherzigen Mann nicht veranlassen will, in der Erinnerung an mich, zu

leiden. Da ich Ihre freundschaftliche Gesinnung für ihn kenne, werden

Sie mich verstehen. Senden Sie Sergey zu mir, oder soll ich ins Haus

kommen zu der üblichen, festgesetzten Stunde -- oder würden Sie mich

wissen lassen, wann und wo ich ihn außerhalb des Hauses sehen kann?

Ich versehe mich nicht einer Verweigerung, da ich die Großmut dessen

kenne, von dem dies abhängt. Sie können sich die heiße Sehnsucht ihn

zu sehen nicht vorstellen, die ich empfinde, und daher auch nicht die

Dankbarkeit, die Ihr Beistand in mir hervorrufen würde.

Anna Karenina, 2. Band · 第 4 / 13 题