Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

* * * * *

Fünfter Teil.

1.

Die Fürstin Schtscherbazkaja fand, daß es unmöglich sei, die Hochzeit

vor den Fasten, bis zu denen noch fünf Wochen waren, zu feiern, da die

eine Hälfte der Ausstattung bis dahin nicht fertig zu stellen war;

doch konnte sie nicht umhin, sich mit Lewin einverstanden zu erklären,

daß es nach den Fasten wieder viel zu spät werden würde, da eine alte

Tante des Fürsten Schtscherbazkiy sehr krank war und bald sterben

konnte, und alsdann die Trauer die Hochzeit noch weiter verzögert

haben würde. Die Fürstin erklärte sich infolge dessen, nachdem sie die

Mitgift in zwei Partieen -- eine große und eine kleine geteilt hatte,

damit einverstanden, daß die Hochzeit zu den Fasten gefeiert würde. Sie

beschloß den kleineren Teil der Mitgift schon jetzt bereit zu machen,

während der größere später folgen würde, und war sehr erbost über

Lewin, weil dieser ihr durchaus nicht ernsthaft zu antworten vermochte,

ob er hiermit einverstanden sei oder nicht. Diese Ordnung der Dinge war

um so bequemer, als die jungen Eheleute sogleich nach der Hochzeit auf

das Land gingen, wo die große Mitgift gar nicht erforderlich war.

Lewin befand sich noch immer in jenem Zustande der Verzücktheit, in

welchem es ihm schien, als ob er und sein Glück den hauptsächlichsten

und einzigen Zweck alles Seienden bildete, daß er jetzt an nichts

denken, für nichts sorgen dürfe, daß vielmehr alles für ihn von anderen

gemacht wurde oder gemacht werden würde. Er hatte durchaus keine Pläne

oder Ziele für sein zukünftiges Leben, sondern gab die Entscheidung

hierüber anderen anheim in der Überzeugung, es werde schon alles gut

gehen. Sein Bruder Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch und die

Fürstin leiteten ihn an, was er zu thun habe, und er war vollständig

einverstanden mit allem, was man ihm vorschlug. Sein Bruder nahm Geld

für ihn auf, die Fürstin riet, nach der Hochzeit Moskau zu verlassen,

Stefan Arkadjewitsch riet, eine Hochzeitsreise ins Ausland zu machen.

Er war mit allem einverstanden. »Thut was Ihr wollt, wenn es Euch

Vergnügen macht. Ich bin glücklich, und mein Glück kann nicht größer

sein und nicht kleiner, was immer Ihr auch thun möget,« dachte er.

Als er Kity den Rat Stefan Arkadjewitschs mitteilte, eine

Hochzeitsreise ins Ausland zu machen, wunderte er sich sehr, daß sie

damit nicht einverstanden war, sondern bezüglich des beiderseitigen

künftigen Lebens gewisse eigene bestimmte Forderungen stellte. Sie

wußte, daß Lewin seine Beschäftigung auf dem Lande hatte, die er

liebte. Sie verstand, wie er sah, nicht nur nichts hiervon, sondern

wollte auch gar nichts davon verstehen lernen, doch hinderte sie dies

nicht, jene Beschäftigung für sehr wichtig zu halten. Sie wußte ferner,

daß ihr Haus in einem Dorfe stand, und wünschte nun eben, nicht ins

Ausland zu fahren, wo sie ja nicht leben würde, sondern dorthin, wo

ihr Haus stand. Dieser bestimmt ausgeprägte Entschluß setzte Lewin

in Verwunderung, doch da ihm alles gleichgültig war, bat er sogleich

Stefan Arkadjewitsch, als ob dies dessen Verpflichtung wäre, auf das

Dorf zu fahren und dort alles vorzubereiten, wie er es verstünde, mit

jenem Geschmack, den er in so reichem Maße besäße.

»Höre einmal,« sagte nun eines Tags Stefan Arkadjewitsch zu Lewin,

-- vom Dorfe zurückgekommen, woselbst er alles für die Ankunft des

jungen Paares eingerichtet hatte -- »hast du denn ein Zeugnis, daß du

gebeichtet hast?«

»Nein. Warum?«

»Ohne dies wirst du nicht getraut!«

»O, o, o,« rief Lewin aus; »ich habe ja schon seit neun Jahren keine

Fasten mehr innegehalten. Daran habe ich gar nicht gedacht!«

»Du bist mir Einer,« lachte Stefan Arkadjewitsch, »und mich willst

du einen Nihilisten nennen! Aber das geht wirklich nicht -- du mußt

fasten.«

»Wann denn? Es sind noch vier Tage übrig.«

Stefan Arkadjewitsch ordnete auch dies, und Lewin begann zu fasten.

Für ihn, als einen Häretiker, der aber gleichwohl den Glauben anderer

achtete, war die Gegenwart und Teilnahme bei jeder Art von kirchlichen

Ceremonien sehr lästig. Jetzt, in seiner allen gegenüber gefühlvollen,

weichen Seelenstimmung, in der er sich befand, war dieser Zwang zu

heucheln, Lewin nicht nur lästig, er schien ihm vielmehr vollständig

undurchführbar. Jetzt, in seiner vollen Mannhaftigkeit und Blüte sollte

er entweder lügen oder spotten! Er fühlte sich nicht in der Lage, eines

von beiden zu thun, aber soviel er Stefan Arkadjewitsch auch anliegen

mochte, ob er nicht ein Zeugnis erhalten könne, ohne gefastet zu haben,

Stefan Arkadjewitsch erklärte, dies sei unmöglich.

»Und was kann es dir darauf ankommen -- zwei Tage? Er ist ein so

lieber, verständiger Geistlicher und wird dir diesen Zahn ausziehen,

daß du es gar nicht gewahr wirst.«

In der ersten Messe machte Lewin den Versuch, in sich die Erinnerungen

an seine Jünglingszeit und jene mächtigen religiösen Gefühlsregungen

wieder aufzufrischen, die er in seinem sechzehnten und siebzehnten

Jahre durchlebt hatte. Doch alsbald überzeugte er sich, daß ihm dies

vollständig unmöglich war. Er versuchte nun, auf alles das zu blicken,

wie auf eine eitle Sitte, die keine innere Bedeutung besaß, und

Ähnlichkeit mit der Sitte des Visitemachens hatte, empfand aber, daß

er auch dies durchaus nicht über sich gewann. Lewin befand sich der

Religion gegenüber, wie die Mehrzahl seiner Altersgenossen, auf einem

vollständig unbestimmten Standpunkt. Glauben konnte er nicht, war aber

bei alledem doch nicht fest überzeugt davon, daß alles Glauben unwahr

sei, und so empfand er denn -- weder imstande, an die Bedeutsamkeit

dessen zu glauben, was er that, noch fähig, gleichgültig darauf zu

schauen, wie auf eine leere Formalität -- während der ganzen Zeit

dieser Fasten ein Gefühl von Unbehagen und Scham, indem er that, was

er selbst nicht verstand und was, wie ihm eine innere Stimme sagte,

gewissermaßen irrig und nicht gut war.

Während der Kirchenfeier lauschte er bald den Gebeten und bemühte sich,

ihnen eine Bedeutung beizulegen, die mit seinen Anschauungen nicht

in Konflikt geriet, bald suchte er, in der Empfindung, daß er nichts

verstehen könne und sie verwerfen müsse, die Gebete nicht zu hören und

beschäftigte sich mit seinen Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen,

die mit außerordentlicher Lebhaftigkeit während dieses müßigen Stehens

in der Kirche in seinem Kopfe durcheinandergingen.

Er hörte die ganze Messe, die Vigilien und am andern Tage, zeitiger als

sonst aufgestanden, begab er sich, ohne den Thee genommen zu haben,

um acht Uhr morgens wieder in die Kirche, um die Frühgebete und die

Beichte zu hören.

In der Kirche befand sich nur ein armer Soldat, zwei alte Weiber und

die Kirchendiener.

Ein junger Diakonus, dessen langer Rücken sich in zwei Hälften

scharf unter dem dünnen Leibrock abhob, trat ihm entgegen und begann

sogleich, zu einem kleinen Tischchen an der Wand tretend, zu lesen.

An der Art seines Lesens, besonders an der häufigen und schnell

aufeinanderfolgenden Wiederholung der nämlichen Worte »Herr erbarme

dich unser«, die von der Hast völlig entstellt klangen, fühlte Lewin,

wie ihr Sinn für diesen Mann verschlossen und versiegelt war, fühlte

aber auch, daß es sich nicht zieme, jetzt daran zu rühren, da hieraus

nur eine Verwickelung entstehen konnte -- und so fuhr er fort, hinter

dem Geistlichen stehend, ohne ihn zu hören oder sich in ihn zu

versenken, an seine eigenen Angelegenheiten zu denken.

»Es liegt wunderbar viel Ausdruck in ihrer Hand,« dachte er, sich

vergegenwärtigend, wie sie gestern beide am Ecktisch gesessen hatten.

Zu sprechen hatten sie wenig miteinander gehabt, wie das fast stets

während dieser Zeit ist; sie hatte, nur die Hand auf den Tisch legend,

diese geöffnet und geschlossen und dazu gelacht, indem sie auf ihre

Bewegung blickte. Er dachte daran, wie er die Hand geküßt und dann die

ineinanderlaufenden Linien auf der rosigen Handfläche betrachtet hatte.

»Wieder das entstellte >Herr erbarm dich<,« dachte Lewin, sich

bekreuzend, verbeugend und auf die geschmeidige Bewegung des Rückens

des sich beugenden Diakonus schauend. »Sie nahm darauf meine Hand und

betrachtete die Linien; >du hast eine schöne Hand<, hatte sie gesagt«

und er schaute auf seine Hand und auf die kurze Hand des Diakonus. »Ja,

nun ist es bald zu Ende,« dachte er, »nein, es scheint wieder von vorn

anzufangen,« dachte er, den Gebeten lauschend; »doch, es ist zu Ende,

da neigt er sich schon bis zur Erde, das ist stets erst zuletzt der

Fall.«

Diskret mit der Hand unter dem Plüschaufschlag ein Dreirubelpapier

in Empfang nehmend, sagte der Diakon, er werde nun registrieren

und schritt mit seinen neuen Stiefeln schnell und hallend über die

Steinplatten der leeren Kirche zum Altar. Nach Verlauf einer Minute

schaute er von dort wieder zurück und winkte Lewin. Der Gedanke,

welchen dieser bisher in sich verschlossen gehabt, regte sich jetzt

wieder in seinem Hirn, doch bestrebte er sich sogleich, ihn von sich zu

weisen.

»Es wird sich schon machen,« dachte er und schritt zu dem Altar.

Er stieg die Stufen empor und erblickte, sich rechts wendend, den

Geistlichen. Der greise Priester mit spärlichem, halbergrautem Bart und

mattem gutmütigem Blick stand und blätterte in der Agende. Nachdem er

Lewin leicht gegrüßt hatte, begann er mit der gewohnten Stimme sogleich

die Gebete zu lesen. Als er hiermit zu Ende war, neigte er sich bis zur

Erde und wandte sich hierauf mit dem Gesicht nach Lewin.

»Christus steht unsichtbar hier und nimmt Eure Beichte entgegen,«

sprach er, auf das Kruzifix deutend. »Glaubet Ihr an alles, was uns

die heilige apostolische Kirche lehrt?« fuhr der Geistliche fort, die

Augen von Lewins Gesicht wegwendend und die Arme auf sein Epitrachelion

legend.

»Ich habe gezweifelt und zweifle noch an allem,« sagte Lewin mit einer

Stimme, die ihm selbst unangenehm war, und schwieg dann.

Der Geistliche wartete einige Sekunden, ob Lewin nicht noch etwas

Weiteres sagen würde, und sprach dann, die Augen schließend, in

schnellem wladimirschen o-Dialekt:

»Die Zweifel sind der menschlichen Schwachheit eigen, aber wir müssen

beten, auf daß der barmherzige Gott uns stärke. Was für besondere

Sünden habt Ihr auf Eurem Gewissen?« fügte er hinzu, ohne die geringste

Pause dabei zu machen, und gleichsam, als wollte er keine Zeit

verlieren.

»Meine vornehmste Sünde ist mein Zweifeln. Ich zweifle an allem, ich

befinde mich größtenteils nur in Zweifeln.«

»Der Zweifel ist der menschlichen Schwäche eigen,« wiederholte

der Geistliche mit den nämlichen Worten, »aber woran zweifelt Ihr

vornehmlich?«

»An allem. Ich zweifle bisweilen selbst an Gottes Dasein,« antwortete

Lewin unwillkürlich, und erschrak über das Unziemliche dessen, was er

gesprochen hatte.

Auf den Geistlichen machten indessen, wie es schien, die Worte Lewins

keinen Eindruck.

»Welche Zweifel können wohl über Gottes Dasein walten?« sagte er

schnell und mit kaum merklichem Lächeln.

Lewin schwieg.

»Welchen Zweifel könnt Ihr an dem Weltenschöpfer haben, wenn Ihr seine

Werke schaut?« fuhr der Priester in schneller, gewohnheitsmäßiger

Sprache fort. »Wer hat den Himmelsdom mit Sternen geschmückt? Wer hat

die Welt in ihrer Schönheit gekleidet? Wie sollte das ohne den Schöpfer

möglich gewesen sein?« sprach er, fragend auf Lewin schauend.

Dieser fühlte, daß es unschicklich gewesen wäre, einen philosophischen

Wortwechsel mit dem Geistlichen zu beginnen und gab deshalb zur Antwort

nur, was sich auf die Frage selbst bezog.

»Ich weiß es nicht.«

»Ihr wißt es nicht? Aber wie könnt Ihr dann daran zweifeln, daß Gott

alles geschaffen hat?« versetzte heiter-bedenklich der Geistliche.

»Ich begreife nichts,« antwortete Lewin errötend, und im Gefühl, daß

seine Worte thöricht waren und in dieser Situation thöricht sein mußten.

»Betet zu Gott und bittet ihn. Auch die Kirchenväter haben gezweifelt

und Gott gebeten um Stärkung ihres Glaubens. Der Teufel hat gar große

Macht und wir dürfen uns ihm nicht überliefern. Betet zu Gott und

bittet ihn. Betet zu Gott,« -- wiederholte der Geistliche und schwieg

hierauf einige Zeit, als sei er in Nachdenken versunken. »Wie ich

vernommen habe, bereitet Ihr Euch vor, in den Ehebund mit der Tochter

meines Pfarrbefohlenen und Beichtkindes, des Fürsten Schtscherbazkiy zu

treten?« frug er lächelnd, »das ist eine herrliche Jungfrau!«

»Ja,« antwortete Lewin, über den Geistlichen errötend; »wozu brauchte

derselbe bei der Beichte hiernach zu fragen?« dachte er bei sich.

Als ob der Geistliche diesen Gedanken beantworten wollte, sagte er

zu Lewin: »Ihr bereitet Euch vor, in den Stand der heiligen Ehe zu

treten, und Gott kann Euch mit Nachkommenschaft segnen, nicht so?

Welche Erziehung könnt Ihr alsdann Euren Kindlein geben, wenn Ihr

selbst in Euch nicht die Versuchung des Teufels besiegen wollt, der

Euch zum Unglauben verleitet?« frug der Geistliche mit sanftem Vorwurf.

»Wenn Ihr Euer Kind liebt, so werdet Ihr, als ein guter Vater, nicht

nur Reichtum, Überfluß und Würden Eurem Kinde wünschen; Ihr werdet

auch sein Heil wünschen, seine geistige Erleuchtung durch das Licht

der Wahrheit. Ist es nicht so? Was werdet Ihr antworten, wenn das

unschuldige Kindlein Euch frägt, Vater, wer hat das alles geschaffen,

das mich in dieser Welt so sehr ergötzt, Erde, Wasser, Sonne, Blumen

und Gräser? Solltet Ihr ihm antworten wollen, ich weiß es nicht?

Ihr müßt es wissen, da Gott der Herr in seiner hohen Gnade es Euch

geoffenbart haben wird. Oder wenn Euer Kind Euch früge >was erwartet

mich im ewigen Leben?< Was werdet Ihr ihm da antworten, wenn Ihr nichts

wißt? Wie wollt Ihr ihm einen Bescheid geben? Werdet Ihr ihm den Reiz

der Welt und des Teufels zeigen? Das wäre nicht gut,« sagte er und

hielt inne, das Haupt auf die Seite neigend und Lewin mit guten sanften

Augen anschauend.

Dieser antwortete jetzt nicht; nicht deswegen, weil er etwa nicht in

einen Streit mit dem Geistlichen hätte kommen mögen, sondern, weil ihm

noch niemand derartige Fragen gestellt hatte, und er, wenn erst einmal

Nachkommen sie ihm stellen würden, noch Zeit genug hatte, darüber

nachzudenken, was er dann antworten wollte.

»Ihr tretet ein in diejenige Zeit Eures Lebens,« fuhr der Geistliche

fort, »da es nötig ist, einen Weg zu wählen und sich auf demselben zu

halten. Betet zu Gott, damit er in seiner Güte Euch helfe und sich

Eurer erbarme,« schloß er. »Unser Herr und Gott Jesus Christus in

seiner göttlichen Gnade und Milde, seiner Liebe zu den Menschen vergebe

dir mein Sohn!« und das Sühnegebet beendend, segnete ihn der Priester

und entließ ihn.

Als Lewin an diesem Tage heimgekehrt war, empfand er ein freudiges

Gefühl darüber, daß diese peinliche Lage nun ihr Ende erreicht hatte,

so erreicht, daß er nicht hatte zur Lüge greifen müssen. Daneben aber

war in ihm auch eine unklare Erinnerung davon zurückgeblieben, daß das,

was jener gute und liebenswerte Greis gesagt hatte, durchaus nicht so

dumm gewesen war, als es ihm anfänglich geschienen, und daß es etwas

hierbei gebe, was der Aufklärung bedürfe.

»Natürlich nicht jetzt,« dachte Lewin, »aber später einmal.« Lewin

fühlte jetzt mehr, als früher, daß in seiner Seele etwas unklar und

unrein sei, und daß er sich in Bezug auf die Religion in der nämlichen

Lage befinde, die er so klar bei andern erkannt und nicht eben gern

gesehen hatte, wegen deren er seinem Freunde Swijashskiy Vorwürfe

gemacht.

Lewin war, den Abend mit seiner Braut bei Dolly verbringend, ausnehmend

heiter, und sagte, als er Stefan Arkadjewitsch von der gährenden

Gemütsverfassung Mitteilung machte, in der er sich befand, daß er sich

wohl befinde wie ein Hund, den man durch den Reifen zu springen gelehrt

habe und der nun, nachdem er endlich begriffen und ausgeführt hat, was

von ihm verlangt wurde, winselt, und schweifwedelnd vor Entzücken auf

Tische und Fenster springt.

2.

Am Tage der Trauung bekam Lewin nach der üblichen Sitte -- auf

der Beobachtung aller Gebräuche beharrten die Fürstin und Darja

Aleksandrowna streng -- seine Braut nicht zu sehen und speiste im

Hotel wo er wohnte, zusammen mit drei Junggesellen, die sich zufällig

gefunden hatten; Sergey Iwanowitsch, Katawasoff, ein Universitätsfreund

und nunmehriger Professor der Naturwissenschaften, den Lewin auf der

Straße getroffen und mit sich genommen hatte, und Tschirikoff, ein

Moskauer Friedensrichter und Gefährte Lewins auf der Bärenjagd.

Beim Diner ging es sehr heiter zu. Sergey Iwanowitsch war in

aufgeräumtester Stimmung und trieb seine Kurzweil mit Katawasoffs

Eigentümlichkeit. Katawasoff, welcher fühlte, daß seine Originalität

geschätzt und verstanden werde, kokettierte mit derselben und

Tschirikoff unterstützte die allgemeine Unterhaltung in seiner heiteren

und gutmütigen Art.

»Da haben wir es ja,« sagte Katawasoff mit seiner, auf dem Katheder

angenommenen Art, die Worte zu dehnen, »welch ein tüchtiger Bursch

unser Freund Konstantin Dmitritsch ist. Ich spreche von dem Abwesenden

natürlich, denn er ist schon gar nicht mehr hier. Erst liebte er die

Wissenschaft, und nach seinem Abschied von der Universität pflegte

er menschliche Interessen; jetzt verwendet er die eine Hälfte seiner

Fähigkeiten darauf, sich selbst zu betrügen, und die andere -- um

diesen Betrug zu rechtfertigen.«

»Einen entschiedeneren Feind des Heiratens, als Euch, habe ich noch

nicht gesehen,« sagte Sergey Iwanowitsch.

»O nein; ich bin kein Feind davon; ich bin vielmehr ein Freund der

Arbeitsteilung. Die Menschen, welche selbst nichts fertig bringen

können, müssen Menschen hervorbringen, und die übrigen -- müssen zu

deren Aufklärung und Beglückung wirken. So fasse ich die Sache auf. Für

die Mischung dieser beiden Berufszweige giebt es ja eine Unmasse von

Liebhabern, ich aber gehöre nicht unter die Zahl derselben.«

»Wie glücklich würde ich sein, wenn ich einmal erführe, daß Ihr Euch

verliebt hättet,« sagte Lewin, »ladet mich nur ja zur Hochzeit ein!«

»Ich bin schon verliebt.«

»Ja, ja, vielleicht in einen Tintenfisch. Du weißt doch,« wandte sich

Lewin an seinen Bruder, »daß Michail Ssemionowitsch ein Werk über

Ernährung schreibt und« --

»Nun; nur nichts durcheinanderbringen! Das ist doch ganz gleich. Es

handelt sich jetzt nur darum, daß ich wirklich einen Tintenfisch lieben

soll.«

»Das hindert Euch aber nicht, auch ein Weib zu lieben.«

»Er nicht, aber das Weib hindert.«

»Inwiefern denn.«

»Ihr werdet es schon noch sehen. Ihr liebt das Landleben, die Jagd --

paßt nur auf!«

»Archip war heute hier und meldete, daß eine Masse Elentiere in Prudno

wären, und zwei Bären,« sagte jetzt Tschirikoff.

»Nun; die müßt Ihr schon ohne mich fangen.«

»Ganz richtig,« sagte Sergey Iwanowitsch, »empfehle dich nur gleich

von vornherein der Bärenjagd -- deine Frau wird dich nicht mehr

fortlassen.«

Lewin lächelte. Der Gedanke, daß seine Frau ihn nicht mehr zur

Bärenjagd lassen würde, war ihm so angenehm, daß er bereit war, dem

Vergnügen, Bären zu sehen, für immer zu entsagen.

»Aber es ist doch schade, daß diese beiden Bären ohne Euch erlegt

werden. Besinnt Ihr Euch noch, das letzte Mal in Chapilowo? Das war

eine wunderbare Jagd,« sagte Tschirikoff.

Lewin wollte ihn nicht ernüchtern, indem er sagte, daß es auch ohne die

Bärenjagd noch manches Schöne geben könne und antwortete daher nicht.

»Nicht unnützerweise hat sich diese Sitte des Abschiednehmens vom

Junggesellenleben eingebürgert,« sagte Sergey Iwanowitsch, »wie

glücklich du auch sein magst, schade ist es doch um die verlorene

Freiheit. Gesteht nur, man hat dabei ein Gefühl wie der Gogolsche

Bräutigam, daß man durch das Fenster hinausspringen möchte.«

»Natürlich ist es so, aber er will es nur nicht zugeben,« sagte

Katawasoff und brach in lautes Gelächter aus.

»Was denn! Das Fenster ist ja noch geöffnet! Fahren wir sogleich nach

Twjerj! Dort ist eine Bärin, zu der können wir ins Lager. Fahren wir

mit dem Fünfuhrzug. Dort macht man was man will,« meinte Tschirikoff

lächelnd.

»Nun, bei Gott,« antwortete Lewin lächelnd, »ich kann in meinem Innern

dieses Gefühl des Bedauerns über meine verlorne Freiheit nicht finden.«

»Ja, in Eurer Seele ist jetzt aber auch ein solches Chaos, daß Ihr

überhaupt nichts darin finden könnt,« sagte Katawasoff, »wartet nur,

wenn Ihr erst ein klein wenig mit Euch ins klare gekommen sein werdet,

dann werdet Ihr es schon finden.«

»Nein, fühlte ich auch nur im geringsten, daß es außer meinem Gefühl,«

-- von Liebe wollte er vor dem Freunde nicht reden, »noch ein Glück

gäbe, dann wäre es schade, die Freiheit zu verlieren -- aber im

Gegenteil, ich freue mich sogar über diesen Verlust meiner Freiheit!«

»Schlimm! Ein hoffnungslos Verlorener!« sagte Katawasoff, »nun, trinken

wir auf seine Genesung, oder wünschen wir ihm nur, daß wenigstens ein

Hundertstel seiner Träume in Erfüllung gehe. Schon dies wird ein Glück

werden, wie es nie auf der Erde existiert hat.«

Bald nach dem Essen verabschiedeten sich die Gäste, um zur

Hochzeitsfeier Toilette zu machen.

Allein zurückgeblieben und sich die Gespräche dieser Hagestolze

vergegenwärtigend, frug sich Lewin noch einmal, ob er denn wirklich

dieses Gefühl des Bedauerns über den Verlust seiner Freiheit in der

Seele habe, von dem sie gesprochen. Er lächelte bei dieser Frage.

»Freiheit? Warum Freiheit? Das Glück besteht allein darin, daß man

liebt, wünscht und denkt mit ihren Wünschen, ihren Gedanken, das heißt,

ohne jede Freiheit -- dies ist das Glück! -- Aber kenne ich denn ihre

Gedanken, ihre Wünsche, ihre Gefühle?« flüsterte ihm plötzlich eine

Stimme zu. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er versank

in Nachdenken. Plötzlich hatte ihn eine seltsame Stimmung erfaßt,

es überkam ihn Furcht und Zweifel -- ein Zweifel an allem. -- »Wie,

wenn sie mich gar nicht liebte? Wie, wenn sie mich nur deswegen

heiratete, um sich eben zu verheiraten? Oder, wenn sie gar selbst nicht

wüßte, was sie thut?« frug er sich. »Sie kann zur Erkenntnis kommen

und, kaum verheiratet erkennen, daß sie gar nicht liebt, mich nicht

lieben kann?« Die seltsamsten und schlimmsten Ideen über sie begannen

ihm aufzutauchen. Er war eifersüchtig auf sie gegen Wronskiy, wie

ein Jahr zuvor; als ob jener Abend, an welchem er sie bei Wronskiy

gesehen hatte, erst gestern gewesen wäre. Er argwöhnte, daß sie ihm

nicht alles gesagt habe, und er sprang schnell auf. »Nein, so geht es

nicht!« sprach er voll Verzweiflung zu sich. »Ich werde zu ihr gehen,

sie fragen, und ein letztes Mal ihr sagen: Wir sind noch frei, ist es

nicht besser, es zu bleiben? Es wäre dies doch besser, als ein ewiges

Unglück, als Schande und Untreue!« Verzweiflung im Herzen und voll Zorn

gegen die ganze Menschheit, auf sich und sie, verließ er das Hotel und

fuhr zu ihr.

Er traf sie in den Hinterzimmern. Sie saß auf einem Koffer und traf mit

einer Dienerin Anordnungen, einen Haufen verschiedenartiger Kleider

durchmusternd, welche auf den Rücklehnen der Stühle und auf dem

Fußboden ausgebreitet lagen.

»Ah!« rief sie, ihn erblickend, und ihr Gesicht erstrahlte vor Freude.

»Wie kommst du -- wie kommt Ihr« -- bis zu diesem letzten Tage hatte

sie bald »du«, bald »Ihr« zu ihm gesagt -- »das habe ich nicht

erwartet. Ich mustere soeben meine Mädchenkleider, für wen das Eine

oder Andere« --

»Ach, sehr gut!« antwortete er düster, auf die Zofe blickend.

»Geh hinaus, Dunjascha, ich werde dich dann rufen,« sagte Kity. »Was

ist dir?« frug sie, ihn unbedenklich mit »du« ansprechend, sobald das

Mädchen gegangen war. Sie bemerkte sein seltsames Gesicht, welches

aufgeregt und düster aussah, und ein Schrecken befiel sie.

»Kity; ich leide. Ich kann aber nicht allein leiden,« sprach er,

Verzweiflung in der Stimme, blieb vor ihr stehen und schaute ihr

beschwörend in die Augen. Er hatte schon an ihrem liebevollen,

treuherzigen Gesicht gesehen, daß sich nichts aus dem ergeben werde,

was er ihr zu sagen beabsichtigte, aber gleichwohl hatte er das

Bedürfnis, von ihr selbst seine Zweifel zerstreut zu sehen. »Ich bin

gekommen, dir zu sagen, daß es noch nicht zu spät ist, daß alles wieder

aufgehoben und in das alte Geleis zurückgebracht werden kann.«

»Was denn? Ich verstehe nichts. Was ist dir?«

»Das was ich tausendmal gesagt habe und woran ich immer denken muß;

das, daß ich deiner nicht wert bin. Du konntest nicht einwilligen,

mich zum Manne zu nehmen. Bedenke es. Du hast einen Irrtum begangen.

Überlege recht wohl! Du kannst mich nicht lieben! Wenn -- sage lieber«

-- sprach er, ohne sie anzublicken. »Ich werde unglücklich sein. Mögen

alle reden, was sie wollen, es ist besser so, als ein Unglück; es ist

besser, jetzt zu sprechen, so lange es noch Zeit ist« --

»Ich verstehe nicht,« antwortete sie erschreckt, »das heißt, du willst

alles aufheben, daß es nicht mehr nötig sei?« --

»Ja, wenn du mich nicht liebst.«

»Du bist von Sinnen!« rief sie aus, vor Unwillen errötend. Aber sein

Gesicht sah so kläglich aus, daß sie ihren Verdruß unterdrückte, und

sich, die Kleider von einem Lehnstuhl werfend, ihm näher setzte. »Was

denkst du eigentlich; sage mir alles!«

»Ich denke, daß du mich nicht lieben kannst. Weshalb solltest du mich

denn lieben können?«

»Mein Gott, was soll ich anfangen?« sagte sie und brach in Thränen aus.

»O, was habe ich gethan!« rief er jetzt und begann, vor ihr auf die

Kniee niederfallend, ihre Hände zu küssen.

Als fünf Minuten später die Fürstin in das Zimmer trat, fand sie die

beiden schon vollständig beruhigt. Kity hatte ihm nicht nur versichert,

daß sie ihn liebe, sondern ihm sogar, auf seine Frage antwortend,

weshalb sie ihn denn liebe, erklärt, warum.

Sie hatte ihm gesagt, daß sie ihn liebe, weil sie ihn ganz kenne, weil

sie wisse, was er lieben müsse, und daß alles, was er liebe, stets

gut sei. Und dies war ihm auch vollständig klar erschienen. Als die

Fürstin bei ihnen eintrat, saßen sie beide nebeneinander auf dem Koffer

und musterten Kleider, streitend, daß Kity jenes zimmetfarbene Kleid,

welches sie getragen, als ihr Lewin seinen Antrag gemacht hatte, der

Dunjascha geben wollte, während er darauf bestand, man dürfe dieses

Kleid an niemand weggeben, sondern möge der Dunjascha das blaue

schenken.

»Aber verstehst du nicht? Sie ist doch brünett und dies wird ihr daher

nicht stehen. Bei mir ist alles schon vorbedacht.«

Als die Fürstin erfahren hatte, weshalb er gekommen sei, geriet sie

halb im Scherz und halb im Ernst in Groll und schickte ihn wieder nach

Hause, damit er sich ankleide und Kity bei der Toilette nicht störe, da

Charles sogleich kommen würde.

»Sie hat so schon während dieser ganzen Tage nicht gegessen und ist

magerer geworden und du bringst sie nun mit deinen Thorheiten noch mehr

aus der Fassung,« sagte sie zu ihm; »mach daß du fortkommst nach Hause,

nach Hause mein Lieber.«

Lewin kehrte verlegen und beschämt, aber beruhigt, nach seinem Hotel

zurück. Sein Bruder, Darja Aleksandrowna und Stefan Arkadjewitsch, alle

in voller Gesellschaftstoilette, erwarteten ihn schon, um ihn mit dem

Heiligenbild zu segnen. Es war keine Zeit mehr zu verlieren.

Darja Aleksandrowna mußte noch nach Hause zurückkehren, um ihren

pomadisierten und frisierten Sohn zu holen, welcher das Heiligenbild

mit der Braut tragen sollte. Dann mußte ein Wagen nach dem Brautführer

gesandt werden und ein anderer, der Sergey Iwanowitsch fortbrachte,

wieder hergeschickt werden. Überhaupt gab es sehr viele und verwickelte

Überlegungen hierbei, und nur Eines war unzweifelhaft, daß nicht mehr

gesäumt werden dürfe, da es bereits halb sieben Uhr war.

Die Segnung mit dem Bilde hatte nichts weiter auf sich. Stefan

Arkadjewitsch stellte sich in komisch-feierlicher Haltung neben seine

Gattin, nahm das Heiligenbild, segnete Lewin, nachdem er diesem

befohlen hatte, sich bis auf die Erde zu verbeugen, mit seinem

gutmütigen und sarkastischen Lächeln und küßte ihn dreimal. Das

Nämliche that Darja Aleksandrowna, die sich dann sogleich beeilte,

abzufahren und abermals in das Arrangement der Bewegung der Wagen

vertiefte.

»Nun, so wollen wir es also machen: du fährst in unserem Wagen ihn

abzuholen, und Sergey Iwanowitsch würde, wenn er die Güte haben wollte,

vorausfahren, den Wagen aber zurückschicken.«

»Gewiß, sehr gern.«

»Wir aber können gleich mit ihm fahren. Sind die Kleider in Ordnung?«

frug Stefan Arkadjewitsch.

»Sie sind es,« versetzte Lewin und befahl Kusma, seinen Anzug zu

bringen.

3.

Ein Haufe von Menschen, namentlich Weibern, umringte die zur

Trauungsfeier erleuchtete Kirche. Diejenigen, welche nicht bis in die

Mitte hatten vordringen können, drängten sich um die Kirchenfenster

unter Stoßen und Streiten und schauten durch die Gitter.

Mehr als zwanzig Wagen waren bereits von der Polizei die Straße

entlang aufgestellt worden und der Polizeioffizier stand, die Kälte

nicht achtend, in seiner glänzenden Uniform am Eingang. Unaufhörlich

kamen noch weitere Equipagen angefahren und bald traten Damen in

Blumenschmuck mit hochgenommenen Schleppen, bald Herren, das Käppi

oder den schwarzen Hut abnehmend, in die Kirche ein. In dieser selbst

waren die beiden Lustres und alle Kerzen vor den feststehenden

Heiligenbildern bereits angezündet. Der goldige Schimmer auf dem roten

Fonds des Ikonostas, das vergoldete Schnitzwerk an den Bildern und das

Silber der Kronleuchter und Leuchter, die Steinplatten des Fußbodens

mit den Teppichen, sowie die Banner oben über den Chören, die Stufen

des Altars und die vom Alter schwarzgewordenen Kirchenbücher, die

Leibröcke und Chorröcke, alles das war wie von Licht übergossen. Auf

der rechten Seite der geheizten Kirche, in der Masse der Fracks und

weißen Krawatten, der Uniformen und verschiedenen Stoff-, Samt- und

Atlasroben, der Haarfrisuren und Blumen, der dekolletierten Schultern

und Arme, und hohen Handschuhe summte ein verhaltenes, aber lebhaftes

Gespräch, das seltsam in dem hohen Kuppelbau wiederhallte. Sobald

das Kreischen der aufgehenden Kirchenthür ertönte, verstummte das

Gespräch in dem Haufen und alles schaute auf in der Erwartung, den

eintretenden Bräutigam und die Braut zu erblicken. Aber die Thür

hatte sich schon mehr als zehnmal geöffnet, und immer war es nur ein

verspäteter Geladener oder eine Geladene gewesen, die sich nun nach

rechts dem Kreis der Gäste beigesellte, oder eine Zuschauerin, die den

Polizeioffizier überlistet oder nachsichtig gestimmt hatte, und sich

nun dem fremden Haufen links anschloß. Die Verwandten und Bekannten

hatten schon die ganze Stufenleiter des Wartens durchlaufen.

Anfangs glaubte man, daß der Bräutigam und die Braut in jedem

Augenblick erscheinen müßten und schrieb der Verspätung keinerlei

Bedeutung zu. Dann begann man öfter und öfter nach der Thür zu schauen,

und davon zu sprechen, es möchte doch ja nichts vorgefallen sein. Dann

wurde die Verspätung schon peinlich und die Verwandten wie die Gäste

gaben sich den Anschein, als ob sie gar nicht mehr an den Bräutigam

dächten und ganz von ihrem Gespräch in Anspruch genommen seien.

Der Protodiakonus räusperte sich ungeduldig, gleichsam zur Andeutung

des Wertes seiner Zeit, und machte damit die Scheiben in den Fenstern

klirren. Auf dem Chor wurden die Proben der Stimmen vernehmbar, dann

das Schneuzen der sich langweilenden Chorsänger. Der Geistliche sandte

fortwährend bald den Küster, bald den Diakonus nach Erkundigung fort,

ob der Bräutigam noch nicht gekommen sei und ging sogar selbst in

seinem lilafarbenen Priestergewand mit dem gestickten Gürtel, häufiger

und häufiger zu den Seitenthüren, in der Erwartung des Bräutigams.

Endlich sagte eine der Damen nach der Uhr blickend »das ist aber doch

seltsam« und alle Trauzeugen gerieten in Unruhe und begannen laut

ihre Verwunderung und ihr Mißvergnügen zu äußern. Einer der Herren

fuhr wieder fort, sich zu erkundigen, was denn geschehen sei. Kity

stand währenddem, schon lange fertig, im weißen Kleid, langen Schleier

und Kranz von Pomeranzenblüte nebst der die Mutter und Schwester

vertretenden Frau Lwoffs im Saale des Hauses der Schtscherbazkiy und

blickte durch das Fenster, schon seit einer halben Stunde vergeblich

die Benachrichtigung des Brautführers von der Ankunft des Bräutigams in

der Kirche erwartend.

Lewin indessen lief noch, zwar in den Beinkleidern, aber ohne Weste

und Frack in seinem Zimmer auf und ab, unaufhörlich den Kopf zur Thür

hinaussteckend und den Korridor entlang blickend. Auf dem Korridor

jedoch wurde derjenige nicht sichtbar, den er erwartete, und voll

Verzweiflung kehrte er, mit den Armen fuchtelnd wieder zurück und

wandte sich an den ruhig rauchenden Stefan Arkadjewitsch.

»Hat sich jemals wohl ein Mensch in einer gleich entsetzlichen und

albernen Lage befunden?« sagte er.

»Ja, es ist dumm,« bestätigte Stefan Arkadjewitsch, sanft lächelnd,

»doch beruhige dich, man wird es sogleich bringen.«

»Nein, sicherlich,« sagte Lewin mit verhaltener Wut, »und diese

albernen ausgeschnittenen Westen! Unmöglich!« sagte er mit einem Blick

auf den zerknitterten Brusteinsatz seines Oberhemds. »Und wie, wenn die

Sachen schon zur Bahn wären?« rief er voll Verzweiflung.

»Dann ziehst du ein Hemd von mir an!«

»Das hätte aber schon längst geschehen sein müssen!«

»Es ist allerdings nicht angenehm, lächerlich zu werden. Warte doch, es

wird sich machen.«

Die Sache lag so, daß als Lewin die Toilette befahl, Kusma, der alte

Diener Lewins, den Frack, die Weste und alles was nötig war, brachte.

»Und das Hemd?« rief Lewin.

»Das habt Ihr ja schon an,« versetzte Kusma mit stoischem Lächeln.

Kusma hatte nicht daran gedacht, ein frisches Hemd dazubehalten, und

nachdem er den Befehl erhalten hatte, alles einzupacken und zu den

Schtscherbazkiy zu bringen, von wo aus das junge Ehepaar noch am Abend

abreisen wollte, that er also und packte alles ein außer einem Paar

Fräcken.

Das am Morgen angezogene Hemd war schon zerknittert, und ließ sich

unmöglich unter der modernen offenstehenden Weste tragen. Zu den

Schtscherbazkiy zu schicken, war es zu weit. Man schickte in ein

Geschäft.

Der Diener kam zurück: »Alles war geschlossen -- es ist Sonntag

heute.« -- Man schickte nun zu Stefan Arkadjewitsch, ein Hemd kam,

aber es war viel zu weit und kurz. Man schickte endlich doch zu den

Schtscherbazkiy, um wieder auspacken zu lassen. Der Bräutigam wurde in

der Kirche erwartet, und lief wie ein im Käfig eingekerkertes, wildes

Tier im Zimmer umher, auf den Korridor hinausschauend und mit Entsetzen

und Verzweiflung daran denkend, was er Kity sagen sollte und was diese

jetzt denken mochte.

Endlich flog der unglückliche Kusma, mit Mühe nach Atem ringend, mit

dem Hemd in das Zimmer herein.

»Ich habe sie gerade noch erwischt; die Sachen waren schon auf dem

Fuhrwerk,« sagte er.

Drei Minuten später stürzte Lewin, ohne nach der Uhr zu sehen, um seine

Wunde nicht noch zu vergrößern, Hals über Kopf den Korridor entlang.

»Damit kannst du nicht mehr viel helfen,« sagte Stefan Arkadjewitsch

lächelnd, ihm hastig nachstrebend. »Es wird sich schon machen, es wird

sich schon machen -- sage ich dir!«

4.

»Er ist da! -- Da ist er! Welcher ist es? Ist er nicht ziemlich jung?

Und sie -- ja -- mehr tot als lebendig!« -- klang es in der Menge

durcheinander, als Lewin, nachdem er seine Braut an der Einfahrt

begrüßt hatte, mit dieser zusammen die Kirche betrat.

Stefan Arkadjewitsch hatte seiner Gattin die Ursache der Verzögerung

mitgeteilt, und die Trauzeugen zischelten nun lächelnd untereinander.

Lewin sah und hörte nichts, er musterte nur unverwandten Blickes seine

Braut.

Alle sagten, daß sie in den letzten Tagen sehr abgenommen hätte, und im

Kranze bei weitem nicht so gut aussah, wie gewöhnlich, aber Lewin fand

dies nicht. Er schaute ihre hohe Frisur mit dem langen weißen Schleier

und den weißen Blüten an, den hochstehenden gefalteten Kragen, der

eigenartig jungfräulich von den Seiten und von vorn ihren schlanken

Hals bedeckte und auf die überraschend enge Taille, und ihm schien,

daß sie so schöner sei, als sie je gewesen, nicht deshalb, weil diese

Blüten, dieser Schleier, dieses aus Paris verschriebene Kleid zu ihrer

Schönheit noch etwas hätte hinzufügen können, sondern, weil trotz der

künstlichen Pracht der Kleidung der Ausdruck ihres guten Gesichtchens,

ihres Blickes, ihrer Lippen, immer der nämliche bei ihr geblieben war

mit seiner unschuldigen Treuherzigkeit.

»Ich dachte schon, du wolltest mir davonlaufen,« sagte sie lächelnd zu

ihm.

»Es war so thöricht, was sich mit mir zugetragen hat, daß ich es gar

nicht erzählen kann,« antwortete er, errötend, mußte sich aber jetzt zu

seinem an ihn herantretenden Bruder Sergey Iwanowitsch wenden.

»Nicht übel, die Geschichte mit deinem Hemd,« sagte Sergey Iwanowitsch,

lächelnd den Kopf schüttelnd.

»Ja, ja,« versetzte Lewin, ohne zu verstehen, wovon man mit ihm sprach.

»Nun, mein Konstantin, jetzt müssen wir,« sagte Stefan Arkadjewitsch

mit scheinbar erschrecktem Gesicht, »eine wichtige Frage entscheiden.

Du nur bist jetzt in der Verfassung, die ganze Bedeutung derselben zu

ermessen. Man frägt mich, ob heruntergebrannte Kerzen angesteckt werden

sollen, oder nicht heruntergebrannte? Der Unterschied macht zehn Rubel

aus,« fügte er hinzu, die Lippen zu einem Lächeln kräuselnd, »ich habe

entschieden, fürchte jedoch, daß du mir deine Einwilligung nicht geben

wirst.«

Lewin erkannte, daß dies ein Scherz sein sollte, aber er vermochte

nicht zu lächeln.

»Also wie? Nicht gebrannte oder heruntergebrannte? Das ist die Frage.«

»Nun, nicht gebrannte.«

»Nun, freut mich sehr. Die Frage ist entschieden,« sagte Stefan

Arkadjewitsch lächelnd. »Aber wie thöricht doch die Menschen in einer

solchen Situation werden,« fuhr er zu Tschirikoff gewendet fort,

nachdem Lewin, ihn zerstreut anblickend, wieder zu seiner Braut

getreten war.

»Paß auf, Kity, du mußt also zuerst auf den Teppich treten,« sagte die

Gräfin Nordstone herzukommend. »Wie stattlich Ihr ausseht,« wandte sie

sich an Lewin.

»Dir ist doch nicht ängstlich?« frug Marja Dmitrjewna, ihre alte Tante.

»Ist dir nicht wohl? Du bist blaß. Halt, beuge dich ein wenig,« sagte

die Lwowa, die Schwester Kitys, ihre vollen schönen Arme krümmend und

lächelnd ihr die Blüten auf dem Haupte ordnend.

Auch Dolly kam; sie wollte etwas sagen, konnte aber nichts

herausbringen und begann zu weinen und unnatürlich zu lachen.

Kity schaute alle mit den nämlichen abwesenden Blicken an, wie Lewin.

Mittlerweile hatten die Kirchendiener ihren priesterlichen Schmuck

angelegt und der Geistliche mit dem Diakonus traten zu dem Altar,

welcher in der Vorhalle der Kirche stand. Der Geistliche wandte sich an

Lewin und sagte zu diesem einige Worte. Lewin vernahm nicht, was der

Priester gesagt hatte.

»Nehmt Eure Braut an der Hand und führt sie,« sagte der Brautherr zu

ihm.

Lange Zeit konnte Lewin nicht verstehen, was man von ihm wollte. Man

besserte lange an ihm herum und wollte schon die Hoffnung aufgeben --

weil er stets nicht mit der richtigen Hand griff, oder den richtigen

Arm nahm -- als er endlich erkannte, daß er mit der rechten Hand ohne

seine eigene Stellung zu verändern, sie ebenfalls bei der rechten Hand

zu nehmen hatte. Nachdem er endlich die Braut in der gehörigen Weise

bei der Hand genommen hatte, ging der Priester einige Schritte vor

und blieb auf der Altarerhöhung stehen. Die Schar der Verwandten und

Bekannten in summendem Gespräch und unter dem Rauschen der Schleppen

folgte ihnen; jemand beugte sich nieder und ordnete die Schleppe

der Braut. In der Kirche wurde es so still, daß man das Fallen der

Wachstropfen vernahm.

Der alte Priester im Scheitelkäppchen mit seinen schimmernden,

silbergrauen Haarlocken, die hinter den Ohren nach beiden Seiten

geteilt waren, streckte die greisen kleinen Hände aus dem schweren

silbernen und mit einem goldenen Kreuz auf dem Rücken geschmückten

Gewand hervor und blätterte noch ein wenig auf dem Altar.

Stefan Arkadjewitsch begab sich behutsam zu ihm hin und flüsterte ihm,

nach Lewin hinblinzelnd etwas zu, worauf er wieder zurückkehrte.

Der Geistliche zündete zwei mit Blumen geschmückte Kerzen an, indem er

sie mit der linken Hand schräg hielt, sodaß das Wachs langsam von ihnen

herniedertropfte und wandte sich zu den Neuvermählten. Der Geistliche

war der nämliche, bei welchem Lewin gebeichtet hatte. Er schaute mit

mattem, traurigen Blick auf Bräutigam und Braut, seufzte und segnete

mit der Rechten, die er unter dem Priestergewand hervorstreckte, den

Bräutigam, worauf er gleichfalls, aber mit einem Anschein hütender

Zärtlichkeit, die Finger auf das geneigte Haupt Kitys legte. Er reichte

hierauf beiden die Kerzen und verließ sie langsam, das Räucherfaß

nehmend.

»Ist es denn wahr?« dachte Lewin und blickte auf seine Braut. Wie von

oben herab erschien ihm ihr Profil, und an einer kaum bemerkbaren

Bewegung ihrer Lippen und Wimpern erkannte er, daß sie seinen Blick

empfunden hatte. Sie schaute nicht auf, aber der hohe Rüschenkragen

bewegte sich leise, der bis zu ihrem rosigen kleinen Ohr heraufging. Er

sah, daß ein Seufzer ihre Brust belastete und die kleine Hand zitterte,

welche in dem hohen Handschuh das Licht hielt. All jener eitle Kram mit

dem Hemd, der Verspätung, die Auseinandersetzung mit den Bekannten und

Verwandten, deren Mißvergnügen, seine komische Situation -- alles das

war plötzlich verschwunden und es wurde ihm freudig und bange zugleich

zu Mut.

Der schöne stattliche Protodiakonus im silbern-schimmernden Chorhemd

und den nach seitwärts in gewundenen Locken gekämmten Haaren trat

schnell vor und blieb, in der üblichen Geste mit zwei Fingern die Stola

hebend, dem Geistlichen gegenüber stehen.

»Segne, Herr!« ertönten langsam einer nach dem anderen, feierliche

Klänge, die Luft in Schwingungen versetzend.

»Gelobt sei unser Gott immerdar jetzt und fürderhin in alle Ewigkeit,«

antwortete sanft und in singendem Tone der alte Geistliche, noch immer

auf dem Altar nach etwas suchend. Die ganze Kirche erfüllend von den

Fenstern an bis zu den Kreuzbögen, erhob sich, harmonisch und getragen,

ein voller Akkord vom unsichtbaren Chor aus, wuchs an, stand einen

Augenblick und erstarb dann.

Man betete, wie üblich, für den himmlischen Frieden und das Seelenheil,

für die Synode und für Gott, es wurde gebetet auch für den Knecht

Gottes, Konstantin, und Jekaterina, die sich jetzt verlobten.

»Daß ihnen sende hernieder eine völlige friedsame Liebe, daß ihnen

helfe Gott, das bitten wir,« atmete gleichsam die ganze Kirche von der

Stimme des Protodiakonus.

Lewin vernahm die Worte und sie machten ihn betroffen. »Wie konnte man

vermuten, daß Hilfe not that, gerade Hilfe?« dachte er, sich alle seine

kürzlichen Befürchtungen und Zweifel wieder zurückrufend. »Was weiß

ich! Was vermag ich in dieser schweren Aufgabe ohne Hilfe? Allerdings,

Hilfe thut mir jetzt not.«

Als der Diakonus die Litanei beendet hatte, wandte sich der Priester

mit seinem Buche zu den Verlobten: »Ewiger Gott, der du das Getrennte

vereinet hast,« las er mit weicher, singender Stimme, »der das Band

der Liebe unauflöslich gestiftet, und Isaak und Rebekka gesegnet hat,

dir stelle ich diese als Nachfolger in deinem Bunde vor. Segne du sie

selbst, diese deine Knechte, Konstantin und Jekaterina, denen ich allen

Segen wünsche, gleichwie du ein erbarmender Gott voll Menschenliebe

bist und wir dir Lob singen, dem Vater und dem Sohne und dem heiligen

Geiste jetzt und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.« Wiederum ertönte in

der Höhe der unsichtbare Chor.

»Der das Getrennte vereinet hat und das Band der Liebe gestiftet, wie

gedankenvoll diese Worte sind und wie sie dem entsprechen, was man in

diesem Augenblick empfindet,« dachte Lewin. »Ob sie wohl das Nämliche

fühlt wie ich?«

Aufschauend begegnete er ihrem Blick, aus dessen Ausdruck er schloß,

daß sie ebenso verstanden hatte, wie er. Aber dies war durchaus nicht

der Fall; sie hatte fast gar nichts von den Worten der Ceremonie

verstanden, ja, diese während der Verlobung nicht einmal vernommen. Sie

war nicht fähig, sie zu vernehmen und zu fassen, so mächtig war jenes

eine Gefühl, welches ihr die Seele füllte und mehr und mehr zunahm.

Dieses Gefühl war das der Freude über die endgültige Vollendung dessen,

was schon sechs Wochen zuvor in ihrer Seele vollendet gewesen war

und sie im Laufe dieser langen Wochen erfreut und zugleich bedrückt

hatte. In ihrer Seele hatte sich, am nämlichen Tage, als sie in dem

zimmetfarbenen Kleid im Salon des Hauses Arbatskiy schweigend zu

ihm hingetreten war und sich ihm ergeben hatte, zu Tag und Stunde

ein völliger Bruch mit ihrem früheren Leben vollzogen; sie hatte

ein vollständig anderes, neues, ihr noch völlig unbekanntes Leben

begonnen, in der Wirklichkeit freilich das alte nur fortgesetzt.

Diese sechs Wochen bildeten die seligste und doch zugleich auch

qualvollste Zeit für sie. Ihr ganzes Leben, alle ihre Wünsche und

Hoffnungen, vereinigten sich in jenem einen, von ihr noch nicht

verstandenen Manne, mit welchem sie ein Etwas, welches von ihr noch

weniger begriffen wurde, als jener Mann selbst, verband, ein bald

näherungslustiges, bald abstoßendes Gefühl; bei alledem aber fuhr sie

fort, in den Verhältnissen ihres vorherigen Lebens weiter zu leben.

In diesem ihren alten Leben hatte sie Schrecken empfunden über sich

selbst, über ihre vollendete, unbezwingbare Gleichgültigkeit ihrer

gesamten Vergangenheit gegenüber; ihrem Eigentum, ihren Gewohnheiten,

den Menschen, die sie geliebt hatten und noch liebten, ihrer Mutter die

über diese Gleichgültigkeit erbost war, und ihrem guten, früher über

alles in der Welt geliebten, zärtlichen Vater gegenüber. Bald erschrak

sie über diesen Gleichmut, bald empfand sie Freude über das, was sie

dazu gebracht hatte. Sie mochte nichts weiter denken oder wünschen

als ein Leben mit jenem Manne, aber dieses neue Leben war noch nicht

eingetreten, und sie vermochte es sich nicht einmal klar vorzustellen.

Es war nur ein Erwarten -- Furcht und Freude über etwas Neues und

noch nicht Bekanntes. Jetzt aber, siehe da, war dies Erwarten und

die Unkenntnis, die Reue über den Verzicht auf ihr vorheriges Leben

vorüber, und etwas Neues sollte beginnen. Dieses Neue aber konnte nicht

furchtbar sein in seiner Unbekanntheit; gleichviel, mochte es furchtbar

oder nicht furchtbar sein, es hatte sich sechs Wochen vorher schon in

ihrer Seele voll entwickelt und wurde jetzt nur das geweiht, was sich

lange vorher schon in derselben vollzogen hatte.

Wieder auf den Altar zurückgekehrt, nahm der Geistliche mit Mühe den

sehr kleinen Ring Kitys und steckte ihn, sich Lewins Hand reichen

lassend, an dessen erstes Fingerglied. »Es wird verbunden der Knecht

Gottes Konstantin mit der Magd Gottes Jekaterina.« Nachdem er den

großen Ring an den rosigen kleinen, in seiner Schwächlichkeit Mitleid

erregenden Finger Kitys gesteckt hatte, wiederholte der Priester das

Nämliche.

Mehrmals glaubten die Brautleute zu erraten, was sie thun müßten,

irrten aber jedesmal, und der Geistliche wies sie mit flüsternder

Stimme an. Endlich, nachdem alles Erforderliche erledigt war, und er

die Ringe gesegnet hatte, übergab er nochmals Kity den großen und

Lewin den kleinen Ring, aber von neuem gerieten beide in Verwirrung,

und wechselten zweimal den Ring, ohne daß das zu stande kam, was

erforderlich war.

Dolly, Tschirikoff und Stefan Arkadjewitsch traten vor, um zu

verbessern. Eine Konfusion, Zischeln und Lächeln entstand, aber der

feierlich stille Ausdruck auf den Zügen des Brautpaares änderte sich

nicht, im Gegenteil, als sie sich mit den Händen geirrt hatten,

schauten sie noch ernster und feierlicher als vorher, und das Lächeln,

mit welchem Stefan Arkadjewitsch flüsterte, daß jetzt jedes seinen

eigenen Ring aufzustecken habe, erstarb unwillkürlich auf dessen

Lippen. Er fühlte, daß jedes Lächeln sie nur kränken könne.

»Denn du hast von Anfang an das männliche Geschlecht geschaffen und

das weibliche,« las der Priester weiter nach dem Ringwechsel, »und von

dir wird dem Manne das Weib gesellt zur Hilfe und zur Fortpflanzung

des Menschengeschlechts. Denn du selbst, Herr unser Gott, hast die

Wahrheit gesandt zu deiner Nachfolge und für deinen Bund, für deine

Knechte, unsere heiligen Väter, deine Auserwählten; schaue auf deinen

Knecht Konstantin und deine Magd Jekaterina und bestätige ihren Bund im

Glauben und in der Einmütigkeit und in der Wahrheit und in der Liebe.«

Lewin empfand mehr und mehr, daß alle seine Ideen über das Heiraten,

seine Gedanken darüber, wie er sein Leben hatte einrichten wollen,

kindlich gewesen waren, und daß hier etwas vor sich ging, was er

bis jetzt noch nicht verstanden hatte, und jetzt sogar noch weniger

verstehe, obwohl es sich über ihm selbst vollzog. In seiner Brust hoben

sich höher und höher innere Schauer, und zudringliche Thränen traten

ihm in die Augen.

5.

In der Kirche befand sich ganz Moskau an Verwandten und Bekannten.

Während der Ceremonie der Trauung, in der glänzend erleuchteten

Kirche, im Kreise der geputzten Damen und jungen Mädchen, der Herren

in weißen Krawatten, in Fräcken und Uniformen war ununterbrochen eine

leise Konversation geführt worden, die namentlich die Herren anregten,

während die Damen in der Beobachtung aller Einzelheiten einer sie stets

ja sehr fesselnden heiligen Handlung versunken waren.

In dem Kreise der der Braut zunächst Stehenden befanden sich deren

beide Schwestern, Dolly und die ältere, ruhige und schöne Lwowa, die

aus dem Auslande gekommen war.

»Was ist das für ein Mary-Kostüm in Veilchenblau; gerade als wäre es

schwarz -- zu einer Hochzeit« -- sprach die Korsunskaja.

»Die einzige Rettung für ihren Teint,« antwortete die Trubezkaja.

»Mich wundert, daß man die Trauung abends ausgeführt hat -- das ist so

kaufmännisch« --

-- »Aber schöner. Auch ich bin abends getraut worden,« antwortete die

Korsunskaja und seufzte, als sie daran dachte, wie schön sie an jenem

Tage, wie lächerlich verliebt in sie ihr Mann damals gewesen war, und

wie jetzt so alles ganz anders geworden sei.

»Man sagt, daß jemand der mehr als zehnmal Brautführer gewesen ist,

nicht heirate; ich wollte es heute zum zehntenmale sein, um mich in

Furcht zu setzen, allein die Stelle war besetzt,« sprach Graf Sinjawin

zu der hübschen jungen Fürstin Tscharskaja, die Absichten auf ihn hatte.

Die Tscharskaja antwortete ihm nur mit einem Lächeln. Sie blickte auf

Kity, und dachte daran, wie und wann sie selbst mit dem Grafen Sinjawin

an Kitys Stelle sein würde, und wie sie diesen dann an seinen jetzigen

Scherz erinnern wollte.

Schtscherbazkiy sagte dem alten Fräulein Nikolajewa, daß er den Kranz

auf Kitys Chignon setzen werde, damit sie glücklich werde.

»Es ist gar nicht nötig einen Chignon aufzusetzen,« antwortete die

Nikolajewa, die schon längst entschlossen war, daß, wenn sie der alte

Witwer, nach welchem sie angelte, heiraten sollte, die Trauung die

allereinfachste sein sollte. »Ich liebe dieses >fast< nicht.«

Sergey Iwanowitsch sprach mit Darja Dmitrjewna, sie scherzend

versichernd, daß die Sitte, nach der Vermählung abzureisen, deswegen so

verbreitet sei, weil Neuvermählte stets kein gutes Gewissen hätten.

»Euer Bruder kann stolz sein. Es ist wunderbar, wie schön sie ist. Ich

glaube, Ihr beneidet ihn?«

»Ich habe das schon durchgemacht, Darja Dmitrjewna,« antwortete er und

sein Gesicht nahm unerwartet einen trüben und ernsten Ausdruck an.

Stefan Arkadjewitsch erzählte nun seiner Schwägerin einen schlechten

Witz über eine Ehescheidung.

»Man muß den Kranz zurechtrücken,« antwortete diese, ohne ihn zu hören.

»Wie schade, daß sie so angegriffen aussieht,« sagte die Gräfin

Nordstone zu der Lwowa. »Und gleichwohl wiegt er ihren kleinen Finger

nicht auf. Nichtwahr?«

»O, mir gefällt er sehr gut; aber nicht deswegen etwa, weil er mein

künftiger =beau frère= ist,« antwortete die Lwowa, »und wie schön er

sich hält! Es ist so schwer, sich in solch einer Situation gut zu

halten und nicht komisch zu werden. Er aber ist nicht komisch, nicht

steif, er ist offenbar ergriffen.«

»Ihr habt dies wahrscheinlich erwartet?«

»Fast so. Sie hat ihn stets geliebt.«

»Nun, beobachten wir, wer von ihnen zuerst auf den Teppich tritt. Ich

habe es Kity geraten.«

»Gleichviel,« antwortete die Lwowa, »wir sind doch alle die

untergebenen Weiber; es liegt dies doch einmal in unserer Rasse.«

»Ich bin aber doch vorsätzlich zuerst mit Wasiliy darauf getreten; und

Ihr Dolly?«

Dolly stand neben ihnen, sie hörte wohl, antwortete aber nicht;

sie war tief gerührt. Die Thränen standen ihr in den Augen und sie

hätte kein Wort reden können, ohne in Thränen auszubrechen. Sie

freute sich über Kity und Lewin; in ihrer Erinnerung zu der eigenen

Trauung zurückkehrend, blickte sie nach dem wonneglänzenden Stefan

Arkadjewitsch, vergaß alles Gegenwärtige und dachte nur ihrer ersten

unschuldigen Liebe. Sie dachte nicht allein an sich, sondern auch

an alle nahestehenden oder ihr bekannten Frauen. Sie erinnerte sich

ihrer in jener einzigen, für sie so feierlichen Zeit, da sie ebenso

wie Kity unter dem Kranze gestanden hatte mit Liebe, Hoffnung und

Bangen im Herzen, sich lossagend von der Vergangenheit und in eine

geheimnisvolle Zukunft eintretend. In der Zahl aller dieser Bräute, die

ihr ins Gedächtnis kamen, sah sie auch ihre geliebte Anna, über deren

vermutliche Trennung sie unlängst die Einzelheiten gehört hatte. Auch

sie hatte rein in den Pomeranzenblüten und dem Schleier da gestanden.

Und jetzt? »Furchtbar seltsam« -- sagte sie.

Aber nicht nur die Schwestern, auch die Freundinnen und weiblichen

Verwandten folgten allen Einzelheiten der heiligen Handlung; auch

die fremden Frauen, die Zuschauerinnen beobachteten voll Aufregung,

mit stockendem Atem, in der Furcht, eine einzige Bewegung verlieren

zu können, den Ausdruck der Mienen des Bräutigams und der Braut, und

antworteten ärgerlich den gleichgültigen Reden der gleichgültigen

Männer gar nicht, oder überhörten sie oft sogar, wenn dieselben

scherzhafte oder nebensächliche Bemerkungen fallen ließen.

»Weshalb sieht sie so verweint aus? Folgt sie ihm gezwungen?«

»Was, gezwungen einem so schönen Manne! Ist er nicht ein Fürst?«

»Das ist wohl seine Schwester dort im weißen Atlaskleid? Höre nur, wie

der Diakonus plärrt >und sie soll ihren Mann fürchten<.«

»Sind sie denn fremd?«

»Nein, es sind synodale.«

»Ich habe einen Diener gefragt. Er sagte, daß der Bräutigam die Braut

sogleich mit sich auf sein Gut nehmen würde. Er soll unendlich reich

sein, heißt es. Deswegen hat man ihm auch die Braut gegeben.«

»Nicht doch, das Paar ist so schön.«

»Und da habt Ihr nun gestritten, Marja Wasiljewna, daß die

Kanarienvögel wegflögen. Sieh die dort, es soll eine Gesandtin sein,

wie gewählt« --

»Die Braut ist doch zu lieblich, wie ein geputztes Lämmchen. Was Ihr

auch sagen mögt; es ist doch schade um sie.«

So schwatzte der Haufe der Zuschauerinnen durcheinander, dem es

gelungen war, durch die Thüren der Kirche hereinzuschlüpfen.

6.

Nachdem die Trauungsfeier in der Kirche beendet war, breitete der

Küster vor dem Altarplatz in der Mitte der Kirche ein rosafarbenes,

seidenes Zeug aus; der Chor stimmte einen kunstvollen und schwierigen

Psalm an, in welchem Tenor und Baß sich antworteten und der Priester,

sich umwendend, wies die Verlobten auf das ausgebreitete rosafarbene

Stück Zeug hin. So oft diese nun schon davon gehört hatten, daß, wer

zuerst auf den Teppich träte, das Regiment in der Familie führen würde,

vermochten sich doch weder Lewin noch Kity dessen zu entsinnen, als sie

die wenigen Schritte zurücklegten. Sie hörten weder die vernehmbaren

Bemerkungen und Auseinandersetzungen, daß nach der Beobachtung der

Einen er, nach der Meinung der Anderen -- beide zugleich darauf

getreten wären.

Nach den üblichen Fragen betreffs ihres Wunsches die Ehe zu schließen,

ob sie nicht anderweit Versprechungen gegeben hätten, auf die ihre

Antworten ihnen selbst seltsam genug klangen, begann eine neue

Ceremonie.

Kity hörte die Worte des Gebetes und bemühte sich, deren Sinn zu

verstehen, aber sie vermochte dies nicht. Das Gefühl des Stolzes

und der lichten Freude begann mit der sich dem Ende nähernden Feier

mehr und mehr ihre Seele zu erfüllen, und machte es ihr unmöglich,

aufmerksam zu sein. Man betete: »Gieb ihnen Weisheit und Leibesfrucht

zu ihrem Nutzen, damit sie heiter seien beim Anblick ihrer Söhne und

Töchter;« es wurde erwähnt, daß Gott das Weib aus einer Rippe Adams

geschaffen habe, und »deswegen wird der Mensch Vater und Mutter

verlassen und dem Weibe anhangen und sie werden beide sein ein Leib,«

und »dieses Geheimnis ein großes« sei; man betete, daß Gott ihnen

Fruchtbarkeit und Segen verleihe, wie Isaak und Rebekka, Joseph und

Mose, und daß sie die Söhne ihrer Söhne noch sehen möchten. »Alles

das ist schön,« dachte Kity, als sie diese Worte vernahm, »alles das

kann auch gar nicht anders sein« und ein Lächeln der Freude, das sich

unwillkürlich allen denen, die sie anschauten, mitteilte, glänzte auf

ihrem hellgewordenen Antlitz auf.

»Setzt ihn nur ordentlich auf!« vernahm man zuredende Stimmen, als

der Geistliche ihnen die Kränze aufsetzte, und Schtscherbazkiy mit

zitternder Hand, im dreiknöpfigen Handschuh, den Kranz hoch über Kitys

Kopf hielt.

»Setzt ihn auf,« flüsterte diese lächelnd.

Lewin blickte sie an und war überrascht von dem freudestrahlenden

Glanze, welcher auf ihrem Gesicht lag; diese Empfindung teilte sich

auch ihm unwillkürlich mit, und auch ihm wurde dabei so leicht und

heiter zu Mut, wie ihr.

Es machte ihnen Freude, dem Lesen der Apostelsendung zu lauschen und

dem Verrauschen der Stimme des Protodiakonus beim letzten Vers, das

von dem zuschauenden Publikum mit großer Ungeduld erwartet worden war.

Es machte ihnen Freude, aus der flachen Schale den lauen roten Wein,

mit Wasser gemischt, zu trinken, es machte ihnen noch mehr Freude, als

der Geistliche, das Meßgewand zurückwerfend, ihrer beider Hände in

die seine nahm und sie unter dem Dröhnen der Bässe, welche das »Jesu

freue dich« ausführten, rings um den Altar geleitete. Schtscherbazkiy

und Tschirikoff, welche die Kränze hielten, verwickelten sich in die

Schleppe der Braut, lächelten gleichfalls und waren heiter, bald

stehen bleibend, bald nach vorn anstoßend an die Jungvermählten,

sobald der Geistliche eine Pause im Rundgang machte. Der Götterfunke

der Freude, der in Kity entzündet war, schien sich allen mitzuteilen,

die in der Kirche anwesend waren; und Lewin dünkte es, als wenn auch

der Geistliche und der Diakonus, ebenso wie er, zu einem Lächeln

neigten.

Der Geistliche nahm die Kränze von ihren Häuptern, las das letzte

Gebet und beglückwünschte die jungen Eheleute. Lewin schaute auf Kity

und noch nie bisher hatte er diese so gesehen. Sie war reizend in dem

ungewohnten Schimmer von Glück, welcher auf ihrem Antlitz lag. Lewin

wollte zu ihr sprechen, aber er wußte nicht, ob die Feier zu Ende sei.

Der Geistliche entriß ihn seinen Bedenken, er lächelte ihm gutmütig zu

und sagte leise, »küßt Euer Weib, und Ihr, küßt Euren Mann« und nahm

ihnen die Lichter aus den Händen.

Lewin küßte taktvoll ihre lächelnden Lippen, reichte ihr den Arm, und

verließ im Gefühl der Nähe eines neuen, seltsam berührenden Etwas die

Kirche.

Er glaubte nicht und konnte nicht glauben, daß es Wahrheit sei. Erst

als ihn verwunderte und schüchterne Blicke trafen, glaubte er daran,

weil er fühlte, daß sie schon Eins waren.

Nach dem Souper, noch in der nämlichen Nacht, fuhren die jungen Leute

nach dem Dorfe ab.

7.

Wronskiy und Anna reisten bereits seit drei Monaten zusammen in Europa.

Sie hatten Venedig, Rom, Neapel besucht und waren soeben in einer

kleinen italienischen Stadt angekommen, wo sie sich für einige Zeit

niederzulassen gedachten.

Ein eleganter Oberkellner, mit einem vom Nacken beginnenden Scheitel im

dicht pomadisierten Haar, im Frack und mit breiter weißer Battistbrust

im Oberhemd, auch einem Bündel Berloques auf dem gerundeten Bäuchlein,

antwortete gerade, die Hände in den Taschen und geringschätzig mit

den Augen zwinkernd, in gemessenem Tone einem stehenbleibenden Herrn.

Als er von der andern Seite der Einfahrt Schritte vernahm, welche die

Treppe hinaufgingen, wandte sich der Oberkellner um, zog, als er den

russischen Grafen erblickte, welcher hier die besten Zimmer gemietet

hatte, respektvoll die Hände aus den Taschen und erklärte mit einer

Verbeugung, daß der Kurier da wäre, und die Angelegenheit mit dem

Mieten eines Palazzo im Gange sei.

»Ach, das freut mich sehr,« sagte Wronskiy, »ist die gnädige Frau

daheim oder nicht?«

»Gnädige Frau waren spazieren gegangen, sind aber jetzt zurückgekehrt,«

antwortete der Kellner.

Wronskiy nahm den weichen, breitkrempigen Hut vom Kopfe und trocknete

mit dem Taschentuch die schweißbedeckte Stirn und die halb über den

Ohren hängenden Haare, welche zurückgekämmt waren und die kahle Stelle

auf seinem Kopfe bedeckten. Zerstreut auf den noch immer dastehenden

und ihn anschauenden Herrn blickend, wollte er vorübergehen.

»Dieser Herr ist Russe und frug nach Ihnen,« berichtete der Oberkellner.

Mit einem Gefühl, in dem sich Verlegenheit und der Verdruß mischten,

daß man nirgends seinen Bekannten entgehen könne, aber im Wunsche,

doch wenigstens eine Zerstreuung in der Einförmigkeit seines Lebens zu

finden, blickte Wronskiy nochmals den abseits getretenen und wartenden

Herrn an, und in ein und demselben Augenblick leuchteten beider Augen

auf.

»Golenischtscheff!«

»Wronskiy!«

In der That, es war Golenischtscheff, ein Kamerad Wronskiys

vom Pagencorps her. Golenischtscheff gehörte im Pagencorps der

freidenkenden Richtung an, trat aus demselben mit bürgerlichem Range

aus und hatte nirgends Dienste genommen. Die Kameraden waren seit

dem Verlassen des Corps ganz auseinandergekommen und hatten sich in

späterer Zeit nur einmal wiedergesehen.

Bei jener Begegnung erkannte aber Wronskiy, daß Golenischtscheff eine

hochgeschraubte, freisinnige Wirksamkeit entwickelt hatte und infolge

dessen die Thätigkeit und den Beruf Wronskiys gering schätzte, und so

kam es, daß dieser bei dem Zusammentreffen mit Golenischtscheff jene

kalte stolze Haltung annahm, die er den Menschen gegenüber anzunehmen

verstand, und deren Gedanke der war: »Mag Euch meine Lebensart

anstehen oder nicht, dies ist mir ganz gleichgültig; Ihr müßt mich aber

achten, wenn Ihr meine Bekanntschaft sucht.«

Golenischtscheff hingegen verhielt sich diesem Tone Wronskiys gegenüber

mit geringschätzigem Gleichmut. Es dürfte nun scheinen, als ob jene

Begegnung sie noch mehr voneinander hätte trennen müssen, jetzt aber

erglänzten beider Mienen und sie riefen sich freudig an, indem sie

einander erkannten.

Wronskiy hätte nie erwartet, daß er sich über Golenischtscheff so

freuen könne, aber wahrscheinlich wußte er nur selbst nicht, wie er

sich langweilte. Er hatte den unangenehmen Eindruck ihrer letzten

Begegnung vergessen und streckte jetzt dem einstigen Schulkameraden

mit offener, freudiger Miene die Hand entgegen. Ein solcher Ausdruck

von Freude veränderte auch den ersten unsicheren Ausdruck im Gesicht

Golenischtscheffs.

»Wie freue ich mich, dich zu treffen!« sagte Wronskiy, freundschaftlich

lächelnd seine festen weißen Zähne zeigend.

»Ich habe gehört, ein Wronskiy ist hier; wußte aber nicht, welcher. Ich

freue mich ganz außerordentlich!« --

»Komm doch mit herauf. Nun, was machst du denn?«

»Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Ich arbeite.«

»Ach so,« versetzte Wronskiy voll Teilnahme, »also komme mit herein.«

Nach der Gewohnheit der Russen begann er französisch, anstatt gerade

russisch das zu sagen, was er vor der Dienerschaft verbergen wollte.

»Bist du mit der Karenina bekannt? Wir reisen zusammen. -- Ich gehe zu

ihr,« -- fuhr er auf französisch fort, Golenischtscheff aufmerksam ins

Gesicht blickend.

»Ah, ich wüßte nicht,« antwortete Golenischtscheff ruhig -- der

recht wohl das Verhältnis kannte -- »bist du schon seit lange hier

angekommen?« fügte er hinzu.

»Ich? Seit vier Tagen,« antwortete Wronskiy, noch einmal aufmerksam das

Gesicht des Schulkameraden musternd.

»Ja wohl, er ist ein vernünftiger Mensch und nimmt die Dinge, wie

sichs gehört,« sagte Wronskiy zu sich selbst, die Bedeutung des

Gesichtsausdrucks Golenischtscheffs und den Wechsel der Unterhaltung

verstehend; »man kann ihn schon mit Anna bekannt machen; er verhält

sich ganz so, wie es sich gehört.«

Wronskiy hatte sich während der drei Monate, die er im Auslande mit

Anna zugebracht hatte, im Zusammentreffen mit den Menschen stets die

Frage vorgelegt, wie die betreffende neuerscheinende Person seine

Beziehungen zu Anna betrachte, und größtenteils begegnete er bei den

Männern der Auffassung »wie es sich gehörte«. Wenn man ihn aber frug,

oder diejenigen frug, welche verstanden, was das »wie es sich gehört«,

eigentlich bedeute, so wäre wohl er selbst ebenso wie jene in großer

Verlegenheit gewesen.

In Wirklichkeit verstanden diejenigen, welche nach Wronskiys Meinung

das »wie es sich gehört« kannten, dieses nicht im geringsten, sondern

verhielten sich nur im allgemeinen so, wie wohlerzogene Leute sich

in allen verwickelten und unlösbaren Fragen zu verhalten pflegen,

die das Leben von allen Seiten umgeben -- sie verhielten sich

zurückhaltend, und mieden Anspielungen und unangenehme Fragen. Sie

gaben sich den Anschein, als ob sie vollständig Bedeutung und Sinn

der Situation erfaßt hätten, sie erkannten dieselbe an und hießen sie

sogar gut, hielten es aber für unangebracht und überflüssig, das alles

auszusprechen.

Wronskiy hatte sich nicht sogleich gedacht, daß Golenischtscheff einer

von diesen Leuten wäre, und er war daher doppelt erfreut über ihn.

In der That verhielt sich Golenischtscheff der Karenina gegenüber,

nachdem er bei derselben eingeführt worden war, so, wie Wronskiy es nur

immer wünschen konnte. Augenscheinlich vermied er ohne die geringsten

Schwierigkeiten alle Gespräche, die zu einer peinlichen Situation

hätten führen können.

Er hatte Anna früher nicht gekannt und war überrascht von ihrer

Schönheit, noch mehr aber von der Naivetät, mit welcher sie ihre Lage

auffaßte. Sie errötete, als Wronskiy Golenischtscheff einführte, und

dieses kindliche Erröten, das ihr offenes schönes Gesicht überzog,

gefiel ihm außerordentlich. Besonders aber sprach ihn an, daß sie

sogleich, wie in der Absicht keinerlei Zweifel in Gegenwart eines

Fremden möglich bleiben zu lassen, Wronskiy einfach »Aleksey« nannte

und erzählte, daß sie mit ihm in ein neugemietetes Haus übersiedeln

werde, welches man hier den Palazzo nenne. Dieses offenherzige und

naive Verhalten angesichts ihrer Lage gefiel Golenischtscheff.

Angesichts dieser gutmütig heitern energischen Art und Weise Annas und

seiner Bekanntschaft mit Aleksey Aleksandrowitsch und Wronskiy schien

es ihm, als ob er sie vollständig verstände. Es schien ihm als ob er

erkenne, was sie nicht im entferntesten erkannte; nämlich das, daß sie

sich, das Unglück eines Mannes verschuldend, indem sie ihn und ihren

Sohn verließ und ihren guten Ruf verlor, dennoch voll Energie heiter

und glücklich fühlen konnte.

»Er liegt dort drüben,« sagte Golenischtscheff, den Palazzo meinend,

den Wronskiy gemietet hatte. »Es befindet sich ein schöner Tintoretto

dort, aus der letzten Epoche des Künstlers.«

»Wißt Ihr was? Das Wetter ist schön, begeben wir uns einmal hin und

besichtigen wir ihn nochmals,« sagte Wronskiy, sich zu Anna wendend.

»Sehr erfreut; ich komme sogleich mit und will nur meinen Hut

aufsetzen, Ihr sagt, es ist heiß?« sprach sie, an der Thür stehen

bleibend und fragend auf Wronskiy blickend. Wiederum bedeckte eine

helle Röte ihr Gesicht.

Wronskiy erkannte an ihrem Blick, daß sie nicht wisse, in welchen

Beziehungen er mit Golenischtscheff zu stehen gedenke, und besorgt sei,

ob sie sich auch so verhalten habe, wie er es gewünscht haben möchte.

Er schaute sie mit einem zärtlichen langen Blicke an.

»Nein, nicht so sehr,« versetzte er.

Ihr schien, daß sie damit alles verstanden hatte, namentlich, daß er

zufrieden mit ihr sei, und ihm zulächelnd ging sie schnellen Schrittes

zur Thür hinaus.

Die Freunde blickten einander an und in den Zügen beider erschien

Verlegenheit, es war, als ob Golenischtscheff, augenscheinlich

bezaubert von ihr, etwas über sie zu sagen wünschte, aber nicht fände

was, während Wronskiy das Nämliche wünschte und es doch zugleich

fürchtete.

»So ist es also« -- begann Wronskiy, um doch wieder eine Unterhaltung

anzuknüpfen, »du hast dich hier angesiedelt? Treibst du denn noch immer

deine alte Beschäftigung?« fuhr er fort, sich erinnernd, daß man ihm

gesagt hatte, Golenischtscheff schriebe etwas.

»Ja. Ich schreibe den zweiten Teil meiner >Zwei Gesetze<,« antwortete

dieser, vor Vergnügen über diese Frage ins Feuer geratend, »das heißt,

um genau zu sein, ich schreibe noch nicht, sondern bereite noch vor,

ich sammle Material. Dieser zweite Teil wird bei weitem umfangreicher

werden und fast sämtliche Fragen umfassen. Man will bei uns in Rußland

nicht begreifen, daß wir die Erben von Byzanz sind,« begann er eine

lange eifrige Auseinandersetzung.

Wronskiy war es anfangs peinlich, daß er die erste Abhandlung über

die »Zwei Gesetze«, über welche der Autor mit ihm sprach, als ob sie

etwas ganz Bekanntes wäre, gar nicht kannte. Als aber Golenischtscheff

seine Ideen zu entwickeln begann, und Wronskiy ihm zu folgen vermochte,

hörte ihn der Letztere, auch ohne die »Zwei Gesetze« zu kennen, mit

Interesse an, da Golenischtscheff gut sprach, doch versetzte ihn die

verbissene Erregtheit, mit welcher Golenischtscheff über den ihn

beschäftigenden Gegenstand sprach, in Erstaunen und Mißstimmung. Je

länger jener sprach, umsomehr entflammte sich sein Blick, umsomehr

beeilte er sich, eingebildeten Gegnern zu replizieren und um so

unruhiger und trüber wurde sein Gesichtsausdruck. Wronskiy war, indem

er sich Golenischtscheff als den hageren, lebhaften und gutmütigen

Knaben von gutem Herkommen, der stets der Erste im Corps gewesen war,

in die Erinnerung zurückrief, nicht imstande, einen Grund für diese

Gereiztheit zu finden, und schüttelte den Kopf über ihn. Insbesondere

wollte ihm nicht gefallen, daß Golenischtscheff als ein Mann aus der

guten Gesellschaft, sich auf eine Stufe mit gewissen Skriblern stellte,

die ihn gereizt hatten, und denen er nun grollte. War das die Sache

wert? Wronskiy gefiel dies nicht, aber er empfand, daß Golenischtscheff

unglücklich war, und fühlte Mitleid mit ihm. Verzweiflung, ja fast

Geistesverwirrung war auf diesen beweglichen, ziemlich angenehmen Zügen

sichtbar, während er, Annas Eintreten gar nicht einmal bemerkend,

fortfuhr, hastig und eifrig seine Ideen zu äußern.

Als Anna in Hut und Überwurf, mit ihrer schönen Hand in schnellen

Bewegungen mit dem Sonnenschirm spielend, neben Wronskiy stehen blieb,

riß sich dieser mit einem Gefühl der Erleichterung von den starr

auf ihn gerichteten, klagenden Blicken Golenischtscheffs los und

schaute mit neuer Liebe auf seine reizende Freundin in ihrer Fülle von

Lebenskraft und Freude.

Golenischtscheff konnte sich nur schwer wieder sammeln und blieb

anfangs niedergeschlagen und finster, doch belebte ihn Anna, freundlich

gegen jedermann gestimmt -- wie sie überhaupt während dieser Zeit

war -- bald wieder durch die Natürlichkeit und Heiterkeit ihres

Verkehrs. Nachdem sie verschiedene Themata versucht hatte, brachte sie

das Gespräch auf die Malerei, über die er sehr gut sprach und hörte

ihm aufmerksam zu. Sie gingen zu Fuße nach dem gemieteten Haus und

besichtigten es.

»Über Eines freue ich mich sehr,« sagte Anna zu Golenischtscheff, als

sie bereits auf dem Rückwege waren. »Aleksey wird ein gutes Atelier

haben. Du wirst doch ohne Zweifel dieses Zimmer nehmen,« sagte sie zu

Wronskiy auf russisch, ihn jetzt duzend, da sie schon erkannt hatte,

daß Golenischtscheff ihnen in ihrer Einsamkeit sehr nahe treten würde,

und man so vor ihm nichts zu verhehlen brauche.

»Malst du denn?« sagte dieser, sich schnell zu Wronskiy hinwendend.

»Ja, ich habe mich lange damit beschäftigt und jetzt wieder ein wenig

angefangen,« versetzte Wronskiy errötend.

»Er hat ein bedeutendes Talent,« antwortete Anna mit freudigem Lächeln,

»ich bin natürlich kein Kritiker, aber kundige Kunstrichter haben es

auch gesagt.«

8.

Anna fühlte sich in dieser ersten Zeit ihrer Freiheit und schnellen

Genesung in einer Weise glücklich und voll Lebensfreude, die nicht zu

vergeben war. Die Erinnerung an das Unglück ihres Gatten vergällte ihr

ihre Seligkeit nicht. Diese Erinnerung war ihr einerseits zu furchtbar,

als daß sie daran hätte denken mögen, andrerseits verlieh ihr das

Unglück des Gatten eine viel zu hohe Seligkeit, als daß sie Reue über

dasselbe hätte empfinden können. Die Erinnerung an alles, was sich mit

ihr seit ihrer Krankheit zugetragen, die Aussöhnung mit dem Gatten,

der Bruch mit ihm, die Nachricht von der Verwundung Wronskiys, dessen

erneutes Erscheinen bei ihr, die Vorbereitung der Ehescheidung, das

Verlassen des Hauses ihres Gatten, der Abschied von ihrem Sohne --

alles das erschien ihr wie ein Fiebertraum, aus welchem sie, allein

mit Wronskiy, im Auslande erwacht war. Die Erinnerung -- das Böse, das

sie ihrem Gatten zugefügt hatte, erweckte in ihr ein Gefühl, welches

dem Ekel und dem Gefühl ähnlich war, welches ein Mensch empfindet, der

ertrinken wollte und sich von einem andern losgerissen hat, der sich an

ihn anklammerte. Dieser letztere Mensch war ertrunken. Natürlich war

das keine schöne Handlung, aber es war die einzige Rettung und man that

daher am besten, an diese furchtbaren Einzelheiten nicht mehr zu denken.

Ein Schluß der sie über ihre Handlungsweise beruhigte, kam ihr damals,

in der ersten Minute nach dem Bruch, und wenn sie jetzt an ihre ganze

Vergangenheit dachte, erinnerte sie sich dieses Schlusses. »Ich habe

unwiderleglich das Verhängnis dieses Mannes herbeigeführt,« dachte sie,

»aber ich will aus diesem Unglück keinen Vorteil ziehen; auch ich leide

und werde leiden, ich bin dessen beraubt, was ich über alles schätzte,

-- des ehrenhaften Namens und meines Sohnes. Ich habe schlecht

gehandelt, und will daher kein Glück, keine Ehescheidung; ich werde

leiden in meiner Schmach und der Trennung von dem Sohne.«

Aber so aufrichtig Anna auch leiden wollte, sie litt nicht; und ihre

Schmach war für sie nicht vorhanden. Mit dem Takte, von welchem sie

beide so viel besaßen, kamen sie im Auslande, indem sie russische Damen

mieden, nie in eine falsche Situation und überall trafen sie Leute,

die sich stellten, als ob sie die beiderseitige Lage noch weit besser

verständen, als sie selbst sie auffaßten. Selbst die Trennung von ihrem

Sohne, den sie liebte, war ihr in der ersten Zeit nicht schmerzlich.

Ihr Töchterchen, sein Kind, war so lieb, hatte Anna so für sich

eingenommen, seit ihr das Mädchen allein verblieben war, daß sie nur

selten noch des Sohnes gedachte.

Ihr Bedürfnis zu leben, mit der Genesung erhöht, war so stark, und ihre

Lebensverhältnisse waren so ungewohnte und angenehme, daß Anna sich

unverzeihlich glücklich fühlte.

Je mehr sie Wronskiy erkannte, desto mehr liebte sie ihn. Sie liebte

ihn um seiner selbst willen und wegen seiner Liebe für sie. Ihre

vollständige Herrschaft über ihn war ihr eine fortwährende Freude.

Seine Nähe war ihr stets willkommen. Alle Züge seines Charakters,

den sie mehr und mehr erkannte, waren ihr unaussprechlich lieblich.

Sein Äußeres, das sich im Civilanzug verändert hatte, war für sie so

anziehend, wie für eine liebende junge Frau. In allem was er sprach,

dachte und that, sah sie etwas besonders Edles und Erhabenes, und ihr

Entzücken über ihn erschreckte sie selbst sogar häufig. Sie suchte

nichts Unschönes in ihm und konnte auch nichts finden; sie wagte es

nicht, das Bewußtsein ihrer Nichtigkeit vor ihm gewahr werden zu

lassen, denn es schien ihr, als ob er, wenn er dies wüßte, schneller

aufhören könne, sie zu lieben. Jetzt aber fürchtete sie nichts so sehr

-- obwohl sie nicht den geringsten Anlaß hierzu hatte -- als, seine

Liebe zu verlieren. Sie konnte nicht umhin, ihm dankbar zu sein für

sein Verhältnis zu ihr und mußte ihm zeigen, wie hoch sie dasselbe

schätzte. Er, der nach ihrer Meinung einen so ausgeprägten Beruf für

die Staatscarriere besaß, in der er einmal eine bedeutende Rolle

spielen mußte -- er hatte seinen Ehrgeiz für sie geopfert, ohne je auch

nur das geringste Bedauern darüber zu zeigen.

Er war mehr noch als früher, liebevoll und achtungsvoll gegen sie

geworden und der Gedanke, sie möchte sich des Peinlichen ihrer Lage

niemals bewußt werden, verließ ihn nicht eine Minute. Er, so ganz ein

Mann, war vor ihr nicht nur widerspruchslos, er hatte nicht einmal

seinen eigenen Willen, und war offenbar nur damit beschäftigt, auf

welche Weise er ihren Wünschen zuvorkommen könne. Und sie konnte

nicht umhin, dies hochzuschätzen, obwohl sie das Übermaß seiner

Aufmerksamkeit für sie, diese Atmosphäre liebevoller Sorgfalt mit der

er sie umgab, bisweilen bedrückte.

Wronskiy jedoch war ungeachtet der vollständigen Verwirklichung

dessen, was er so lange ersehnt hatte, nicht vollkommen glücklich.

Er fühlte bald, daß die Verwirklichung seines Wunsches ihm nur ein

Körnlein von jenem Berg von Glück gewährt hatte, den er erwartete.

Diese Verwirklichung zeigte ihm nur den ewigen Fehler, den die Menschen

begehen, indem sie sich das Glück als Verwirklichung eines Wunsches

denken. In der ersten Zeit, nachdem er sich mit ihr vereinigt und

den Civilrock angelegt hatte, empfand er all den Reiz der Freiheit im

allgemeinen, den er nicht vorher gekannt hatte, sowie die Freiheit der

Liebe, und er war zufrieden; doch nicht auf lange. Bald fühlte er, daß

sich in seiner Brust der Wunsch der Wünsche regte -- die Langeweile.

-- Ganz ohne seinen Willen klammerte er sich an jede vorüberhuschende

Laune, indem er sie als Wunsch und Ziel erfaßte. Sechzehn Stunden

des Tages mußte man sich beschäftigen, obwohl man im Ausland in

vollkommener Freiheit lebte, außerhalb jenes Kreises von Anforderungen

des gesellschaftlichen Lebens, wie er die Zeit in Petersburg für sich

in Anspruch nahm.

An jene Zerstreuungen des Junggesellenlebens, die Wronskiy bei früheren

Reisen ins Ausland beschäftigt hatten, war nicht mehr zu denken,

da schon ein einziger Versuch dieser Art einen unerwarteten, einem

verspäteten Abendbrot unter Bekannten nicht entsprechenden Trübsinn

in Anna hervorrief. Beziehungen zu der Gesellschaft des Ortes, auch

den Russen hier, konnten sie bei der Unbestimmtheit ihrer Verhältnisse

ebenfalls nicht unterhalten. Eine Besichtigung der Sehenswürdigkeiten

hatte, abgesehen davon, daß sie alles schon gesehen hatten, für ihn

als einen Russen, und verständigen Menschen, nicht jene unerklärbare

Bedeutung, wie sie die Engländer diesem Punkte beimessen.

Wie daher das hungernde Tier nach jedem fallenden Gegenstande schnappt,

in der Hoffnung, in ihm etwas zu fressen zu finden, so griff auch

Wronskiy vollständig instinktiv bald zur Politik, bald nach neuen

Büchern, bald nach der Malerei.

Da er von Kindheit an Talent zur Malerei gehabt, und, indem er nicht

wußte, wofür er sein Geld verausgaben sollte, Stahlstiche zu sammeln

begonnen hatte, so blieb er endlich bei der Malerei, und begann sich

mit ihr zu beschäftigen und jenen brachliegenden Wust von Wünschen,

welcher nach Verwirklichung verlangte, in ihr abzulagern.

Er besaß die Fähigkeit, die Kunst zu erfassen, und in der That mit

Geschmack die Kunst nachzuahmen; er meinte auch, daß er dasselbe

besäße, was der Künstler brauche, und befaßte sich, nachdem er einige

Zeit geschwankt hatte, welches Genre der Malerei er erwählen solle: das

religiöse, historische oder realistische, mit Malen. Er verstand sich

auf jedes Genre und konnte sich für dieses, wie für jenes begeistern,

aber er vermochte sich nicht vorzustellen, daß es auch möglich sei,

ganz und gar nichts zu wissen, was es für Richtungen in der Malerei

gebe, und sich unmittelbar von dem inspirieren zu lassen, was in

der Seele lebte, ohne Sorge, ob das, was man malte, auch zu einem

bestimmten Genre in der Kunst gehörte. Da er dies nicht kannte, und

sich nicht unmittelbar vom Leben beeinflussen ließ, sondern mittelbar,

vom Leben wie es durch die Kunst schon verkörpert war, so begeisterte

er sich sehr schnell und leicht und erreichte ebenso schnell und

leicht, daß das, was er malte, demjenigen Genre sehr ähnlich wurde,

welches er nachzuahmen wünschte.

Vor allem gefiel ihm die französische Schule, die graziöse und

effektvolle, und nach dieser begann er, das Bild Annas in italienischem

Kostüm zu malen. Das Porträt erschien ihm und jedermann, der es sah,

als sehr gelungen.

9.

Der alte vernachlässigte Palazzo mit den hohen bossierten Plafonds und

Fresken an den Wänden, Mosaikboden und schweren gelben Stoffgardinen an

den hohen Fenstern; Vasen auf den Konsolen und Kaminen, geschnitzten

Thüren und dämmerigen Sälen, die mit Gemälden vollgehängt waren --

dieser Palazzo hielt, nachdem sie in ihn übergesiedelt waren, schon in

seiner äußeren Erscheinung in Wronskiy eine angenehme Täuschung wach,

die, daß er weniger ein russischer Gutsherr und Stallmeister ohne Amt

sei, als vielmehr ein erlauchter Liebhaber und Kunstmäcen, und er

selbst -- ein bescheidener Künstler, der sich von der Welt losgesagt

hatte, von seinen Verbindungen und dem Ehrgeiz -- für ein geliebtes

Weib.

Die Rolle, welche Wronskiy mit seinem Umzug in den Palazzo erwählt

hatte, gelang vollständig und durch Vermittelung Golenischtscheffs mit

einigen interessanten Personen bekannt geworden, fühlte er sich für die

Anfangszeit beruhigt. Er malte unter der Leitung eines italienischen

Professors der Malerei Studien nach der Natur und beschäftigte sich mit

dem Kunstleben Italiens im Mittelalter. Das mittelalterliche Kunstleben

Italiens hatte für Wronskiy in letzter Zeit soviel Reiz gewonnen,

daß dieser selbst einen Hut und das Plaid über der Schulter nach der

mittelalterlichen Mode zu tragen begann, was ihm sehr gut stand.

»Da leben wir hier und wissen gar nichts davon,« sagte eines Tages

Wronskiy zu Golenischtscheff, der früh zu ihm gekommen war. »Hast du

das Gemälde Michailoffs gesehen?« Er reichte die am Morgen soeben

erhaltene russische Zeitung hin, und wies auf einen Artikel über einen

russischen Maler, der in der nämlichen Stadt lebte und hier ein Gemälde

ausgeführt hatte, über welches schon lange Gerüchte umliefen und das

schon im voraus angekauft worden war.

In dem Aufsatz wurden der Regierung und der Akademie Vorwürfe gemacht,

daß der vorzügliche Künstler jeder Aufmunterung und Unterstützung

entbehre.

»Ich habe das Bild gesehen,« antwortete Golenischtscheff, »natürlich

ist er nicht talentlos, aber er verfolgt eine vollständig verkehrte

Richtung; das ist noch immer jene Richtung Iwanoff-Strauß-Rénan,

Christus und der kirchlichen Malerei gegenüber.«

»Was stellt das Gemälde dar?« frug Anna.

»Christus vor Pilatus. Christus ist als Hebräer mit allem Realismus

der neuen Schule dargestellt« -- durch die Frage nach dem Inhalt

des Gemäldes auf eines seiner Lieblingsthemen gebracht, begann

Golenischtscheff zu erklären.

»Ich begreife nicht, wie man einem so groben Irrtum verfallen kann.

Christus hat doch schon seine bestimmte Verkörperung in der Kunst

der größten Altmeister. Wenn man nicht Gott darstellen will, sondern

einen Revolutionär oder Weisen, so mag man sich den Sokrates aus der

Geschichte wählen, den Franklin, die Charlotte Corday -- aber nur nicht

Christus. -- Man nimmt da aber gerade diejenige Gestalt, die man für

die Kunst nicht nehmen soll, und dann« --

»Aber ist es denn wahr, daß sich dieser Michailoff in so großer Armut

befindet?« frug Wronskiy in dem Gedanken, daß er, als russischer Mäcen,

ohne Rücksicht darauf, ob das Gemälde gut oder schlecht sei, dem

Künstler helfen könne.

»Kaum; er ist ein bedeutender Porträtmaler. Ihr habt wohl sein Porträt

der Wasiljtschikowa gesehen? Er scheint indessen nicht mehr Porträts

malen zu wollen, und kann es allerdings möglich sein, daß er sich

wirklich in Not befindet. Ich sage, daß? --

»Könnte man ihn nicht bitten, ein Porträt der Anna Arkadjewna zu

malen?« sagte Wronskiy.

»Weshalb meines?« fiel Anna ein, »außer dem deinigen möchte ich kein

anderes haben. Oder noch besser wäre Any« -- so nannte sie ihr kleines

Mädchen -- »da ist sie gerade,« fügte sie hinzu, durch das Fenster auf

eine hübsche italienische Amme schauend, welche das Kind in den Garten

trug, und dann sorglich verstohlen auf Wronskiy blickend.

Die hübsche Amme, deren Kopf Wronskiy für sein Gemälde porträtiert

hatte, bildete das einzige geheime Leid im Leben Annas. Wronskiy hatte

sie gemalt, sich in ihre Anmut und Mittelalterlichkeit verliebt, und

Anna wagte nicht, sich zu gestehen, daß sie fürchtete, sie könne auf

diese Amme eifersüchtig werden. Infolge dessen behandelte sie dieselbe

ausnehmend gut und verzärtelte sie sogar, ebenso wie den kleinen Sohn

derselben.

Wronskiy blickte ebenfalls durch das Fenster und dann Anna in die

Augen, wandte sich jedoch hierauf sogleich wieder zu Golenischtscheff

und sagte:

»Kennst du diesen Michailoff?«

»Ich bin ihm begegnet, doch ist er ein Sonderling und ohne jede

Bildung. Wißt Ihr, er ist einer jener Wilden, jener Neuerer, die man

jetzt so häufig trifft; einer jener Freidenker, welche =d'emblée=,

in den Begriffen des Unglaubens, der Negierung und des Materialismus

aufgezogen sind. Früher,« fuhr Golenischtscheff fort, ohne zu bemerken,

oder bemerken zu wollen, daß auch Wronskiy und Anna zu reden wünschten,

»früher war ein Freidenker ein Mensch, der in den Begriffen Religion,

Gesetz und Moral erzogen worden, und selbst durch Kampf und Mühe

zum Freidenkertum gelangt war; jetzt zeigt sich ein neuer Typus der

selbstgewordenen Freidenker, welche emporwachsen, ohne auch nur davon

gehört zu haben, daß es Gesetze der Moral, der Religion giebt, und daß

Autoritäten existieren; solcher, die eben geradezu in den Begriffen

des absoluten Nein, das heißt also, wie Wilde aufwachsen. So Einer ist

er nun; der Sohn eines höheren Moskauer Lakaien wohl, der keinerlei

Bildung empfangen hat. Nachdem er in die Akademie eingetreten war und

sich einen Namen gemacht hatte, begann er, gerade kein Dummkopf, das

Bedürfnis nach Bildung zu fühlen. Er wandte sich daher zu dem, was ihm

als Quelle der Bildung erschien -- zu den Journalen. Man bedenke nur,

in der alten Zeit hätte ein Mensch, der sich bilden wollte, nehmen

wir an, ein Franzose, alle Klassiker studieren müssen: die Theologen,

Tragiker, Historiker und Philosophen; man bedenke die geistige

Arbeit, die ihm da obgelegen haben würde. Jetzt aber, bei uns, ist

er geradenwegs auf die oppositionelle Litteratur gestoßen, hat sich

schnell den ganzen Extrakt der Verneinungswissenschaft zu eigen gemacht

-- und ist fertig! Vor zwanzig Jahren würde er in dieser Litteratur

die Kennzeichen eines Kampfes mit der Autorität, mit hundertjährigen

Anschauungen gefunden haben, er würde aus diesem Kampfe erkannt haben,

daß es noch etwas Anderes gebe, jetzt aber verfällt er geradenwegs

einer Litteratur, in welcher man die alten Anschauungen nicht einmal

mehr einer Bekämpfung würdigt, sondern unverhohlen heraussagt, >das

ist nichts mehr, =évolution=, Kampf ums Dasein!< Ich habe in meiner

Abhandlung« --

»Wißt Ihr was,« sagte Anna, die schon lange aufmerksame Blicke mit

Wronskiy gewechselt hatte, und wußte, daß diesen der Bildungsgang des

Künstlers nicht interessierte, sondern nur der Gedanke beschäftigte,

ihm zu helfen, ihm ein Porträt zuzuweisen: »Wißt Ihr was?« unterbrach

sie den sich im Redefluß verlierenden Golenischtscheff, »wir wollen zu

ihm gehen!«

Golenischtscheff sammelte sich und stimmte bereitwillig zu, da jedoch

der Künstler in einem entfernteren Viertel wohnte, beschloß man einen

Wagen zu nehmen.

Nach Verlauf einer Stunde fuhren Anna die neben Golenischtscheff

saß, und Wronskiy, der auf dem Vordersitz des Wagens Platz genommen

hatte, vor einem neuen, unschön aussehenden Gebäude in dem abgelegenen

Stadtviertel vor. Nachdem sie von der heraustretenden Frau des

Hausmanns erfahren hatten, daß Michailoff den Zutritt zu seinem Atelier

wohl gewähre, augenblicklich aber sich in seiner Privatwohnung, die

wenige Schritte entfernt lag, befinde, so sandten sie ihm ihre Karten

mit der Bitte um die Erlaubnis, seine Gemälde sehen zu dürfen.

10.

Der Maler Michailoff war, wie immer, bei der Arbeit, als man ihm die

Karten des Grafen Wronskiy und Golenischtscheffs überbrachte. Er hatte

diesen Morgen in seinem Atelier an einem großen Gemälde gearbeitet.

Als er in seine Wohnung gekommen war, hatte er sich über seine Frau

geärgert, weil diese nicht mit der Hauswirtin umzugehen verstand, die

Geld verlangte.

»Zwanzigmal wohl habe ich dir gesagt, laß dich nicht in Erklärungen

ein, du bist ohnehin schon dumm genug; willst du aber auf italienisch

etwas erklären, dann wirst du noch dreimal dümmer,« sagte er zu ihr

nach langem Gezänk.

»Sei lieber nicht so nachlässig! Ich kann doch nicht dafür. Wenn ich

Geld hätte« --

»Laß mich in Ruhe, um Gottes willen!« rief Michailoff, Thränen in der

Stimme, eilte, sich die Ohren zuhaltend, in sein Arbeitszimmer hinter

die Zwischenwand, und schloß die Thür hinter sich. »Einfältige,« sprach

er zu sich selbst, ließ sich an seinem Tische nieder, klappte den

Karton auseinander und machte sich mit besonderem Eifer an eine schon

begonnene Zeichnung.

Niemals arbeitete er mit so großem Eifer und Erfolg, als wenn es ihm

im Leben nicht gut ging, besonders aber, wenn er sich mit seiner Frau

gezankt hatte.

»Könnte man nur sonstwohin durchbrennen!« dachte er bei seiner Arbeit.

Er entwarf eine Zeichnung zu der Figur eines Menschen, der sich im

Zornanfall befindet. Die Zeichnung war schon vorher entworfen, aber

er war mit derselben nicht zufrieden. »Nein, die andere war besser;

wo ist sie denn nur?« Er ging zu seiner Frau, und frug grollend, und

ohne aufzublicken, die alte Magd, wo das Papier wäre, welches er ihnen

gegeben hätte. Das Papier mit der darauf hingeworfenen Zeichnung fand

sich, es war aber beschmutzt und mit Stearin betropft. Gleichwohl nahm

er die Zeichnung, legte sie vor sich auf den Tisch, und begann, nachdem

er mit den Augen blinzelnd zurückgetreten war, sie zu betrachten.

Plötzlich lächelte er und schwenkte freudig mit den Armen. »So ist

es, so!« sagte er, und begann, den Bleistift ergreifend, schnell

zu zeichnen. Ein Stearinflecken hatte der Figur eine neue Stellung

verliehen. Er zeichnete diese neue Stellung und plötzlich fiel ihm das

energische Gesicht eines Kaufmanns mit hervorstehendem Unterkinn ein,

bei dem er sich seine Cigarren kaufte, und dieses Gesicht, dieses Kinn

gab er nun seiner Figur. Er lachte vor Lust; die Gestalt war plötzlich

aus einer toten, nur gedachten, lebendig, eine solche geworden, die

man nicht mehr verändern konnte. Diese Figur lebte, sie war deutlich

und zweifellos bestimmt. Man konnte jetzt wohl noch die Zeichnung

ändern, im Einklang mit den Erfordernissen der Gestalt, man konnte wohl

selbst die Füße anders stellen, die Haltung des linken Armes gänzlich

ändern, die Haare zurücklegen. Brachte man auch diese Verbesserungen

an, so verankerte man doch nicht die Figur, sondern nur das, was die

Figur verdeckte. Er nahm damit gleichsam nur die Hüllen von ihr ab,

wegen deren sie nicht ganz sichtbar war und jeder neue Strich zeigte

die ganze Gestalt nur noch mehr in all ihrer energischen Kraft, einer

Kraft, die ihm plötzlich von den Stearinflecken hervorgebracht zu sein

schien. Sorgfältig beendete er gerade die Figur, als man ihm die Karten

brachte.

»Sogleich, sogleich!«

Er eilt zu seiner Frau.

»Laß es gut sein, Sascha, sei nicht mehr böse!« sagte er zu ihr,

schüchtern und zärtlich lächelnd, »du warst schuld und ich war

schuld; ich will schon alles in Ordnung bringen.« Nachdem er sich mit

seiner Frau ausgesöhnt hatte, zog er einen olivenfarbigen Paletot mit

Sammetkragen an, setzte seinen Hut auf, und begab sich nach seinem

Atelier. Die so wohlgelungene Figur hatte er bereits vergessen. Es

erfreute und erregte ihn jetzt nur der Besuch seines Ateliers seitens

dieser vornehmen Russen, die im Wagen angekommen waren.

Über sein Gemälde, dasselbe, welches jetzt auf seinem Platze stand,

hatte er auf dem Grunde seines Herzens nur ein Urteil -- dies, daß ein

ähnliches Gemälde bisher noch niemand gemalt habe. Er wähnte nicht,

daß sein Bild besser sei als alle Rafaelschen, er wußte nur, daß das,

was er auf demselben wiedergeben wollte, noch nie jemand wiedergegeben

hatte. Dies wußte er genau und er wußte es schon lange, seit jener

Zeit, da er es zu malen begonnen hatte. Aber die Urteile der Menschen

hatten für ihn, wie sie auch sein mochten, gleichwohl eine ungeheure

Wichtigkeit, und sie regten ihn bis auf den Grund seiner Seele auf.

Jede Bemerkung, selbst die allergeringste, welche bewies, daß seine

Kritiker auch nur den kleinsten Teil von dem erkannten, was er in

diesem Gemälde gesehen hatte, regte ihn bis auf den Grund seiner Seele

auf.

Seinen Kritikern maß er stets größere Tiefe an Verständnis bei, als wie

er selbst besaß, und er erwartete von ihnen stets etwas, was er selbst

noch nicht in seinem Gemälde gesehen hatte. Oft fand er dies auch, wie

ihm schien, in den Urteilen der Beschauer.

Schnellen Schrittes näherte er sich der Thür seines Ateliers; und trotz

seiner inneren Erregtheit, frappierte ihn die matte Beleuchtung der

Gestalt Annas, wie sie im Schatten der Einfahrt stand und dem eifrig

ihr etwas auseinandersetzenden Golenischtscheff zuhörte, zu gleicher

Zeit aber auch offenbar wünschte, den herankommenden Künstler zu sehen.

Er selbst war sich dessen gar nicht bewußt geworden, daß er an sie

herantretend, diesen Eindruck erfaßt und sich zu eigen gemacht hatte,

ebenso wie das Unterkinn jenes Kaufmanns der ihm Cigarren verkaufte,

und er barg ihn nun an eine Stelle, von der er ihn wieder hervorholen

würde, sobald er ihn brauchte. Die Besucher, schon vorher durch

Golenischtscheffs Erzählung über den Künstler ernüchtert, wurden dies

noch mehr durch dessen äußere Erscheinung.

Von mittlerer Größe, gedrungen, mit schwankendem Gang, machte

Michailoff in seinem zimmetfarbenen Hut, dem olivengrünen Paletot und

den engen Beinkleidern -- man trug zu dieser Zeit längst schon weite

-- insbesondere aber durch das Gewöhnliche seines breiten Gesichts und

einen Ausdruck, in welchem sich Schüchternheit mit dem Wunsche, seine

Würde zu beobachten, vereinigte, einen nicht eben angenehmen Eindruck.

»Bitte ergebenst,« sagte er, sich bemühend, gleichmütig zu erscheinen,

und zog, in den Hausflur tretend, einen Schlüssel aus der Tasche um die

Thür zu öffnen.

11.

Beim Eintritt in das Atelier musterte der Künstler Michailoff

noch einmal seinen Besuch und prägte seinem Gedächtnis noch den

Gesichtsausdruck Wronskiys ein, insbesondere dessen Backenpartieen.

Wenn auch sein künstlerisches Empfinden fortwährend thätig war, indem

es Material sammelte, wenn er auch immer mehr und mehr die Erregung

darüber empfand, daß die Minute der Beurteilung seines Werkes nahte,

so hatte er sich doch dabei schnell und feinsinnig aus unmerklichen

Anzeichen eine Vorstellung über diese drei Personen gebildet.

Der Eine da -- Golenischtscheff -- war ein hiesiger Russe. Michailoff

entsann sich weder seiner Familie, noch wußte er mehr, wo er ihm

begegnet war, und was er mit ihm gesprochen hatte. Er entsann sich

nur noch seines Gesichts, wie er sich überhaupt aller Gesichter

entsann, die er einmal gesehen hatte, doch entsann er sich auch,

daß dies eines jener Gesichter war, die von seiner Phantasie in

die höchst umfangreiche Klasse der unwahren und ausdrucksarmen

einregistriert wurden. Die langen Haare und die sehr offene Stirn

verliehen dem Gesicht äußere Bedeutung, obwohl sich auf ihm nur wenig,

kindlich-unruhiger Ausdruck, der sich über der schmalen Nasenwurzel

konzentrierte, zeigte.

Wronskiy und die Karenina mußten nach der Vorstellung, die sich

Michailoff von ihnen machte, vornehme und reiche Russen sein, die

nichts von Kunst verstanden, wie alle diese reichen Russen, sich aber

als Liebhaber und Verehrer derselben gebärdeten.

»Sie haben gewiß schon die ganze alte Kunst gesehen und bereisen

jetzt die Ateliers der neuen Meister, die deutschen Charlatane und

die englischen Praerafaelistennarren, und kommen nun zu mir nur der

Vervollständigung der Umschau halber,« dachte er.

Er kannte die Manier der Dilettanten sehr genau -- je klüger diese

erschienen, um so schlimmer war es -- welche die Ateliers der

zeitgenössischen Künstler nur mit der Absicht zu sehen kamen, daß sie

das Recht hätten sagen zu können, die Kunst sei im Niedergang begriffen

und daß sich, je mehr man auf die Neuen schaue, umsomehr wahrnehmen

lasse, wie unnachahmlich erhaben die alten Meister geblieben seien.

Er erwartete alles dies, sah alles dies, schon auf ihren Gesichtern,

in dieser gleichmütigen Nachlässigkeit, mit der sie unter sich

sprachen und auf die Büsten blickten und sich ungezwungen bewegten,

in der Erwartung, daß er ihnen das Gemälde zeigen würde. Aber

nichtsdestoweniger empfand er beim Durchblättern seiner Skizzen und als

er die Vorhänge hob und die Decke wegnahm, eine hohe tiefe Erregung;

umsomehr, als ihm, obwohl alle vornehmen und reichen Russen dumm und

beschränkt nach seinen Begriffen sein mußten, Wronskiy sowohl wie

besonders Anna, gefielen.

»So, ist es gefällig?« sprach er, mit linkischem Gange auf die Seite

tretend und nach dem Bilde weisend. »Es ist die Mahnung des Pilatus.

Matthäi Kap. =XXVII=« -- sagte er, im Gefühl, daß seine Lippen vor

Aufregung zu zittern begannen. Er ging abseits und trat hinter sie.

Während der wenigen Sekunden, während deren die Besucher schweigend

das Gemälde beschauten, blickte es Michailoff gleichfalls an, und er

schaute mit gleichgültigem, interesselosem Blick darauf. Während dieser

wenigen Sekunden hatte er sich im voraus davon überzeugt, daß das

höchste und gerechteste Urteil von ihnen ausgesprochen werden würde,

gerade von diesen Besuchern, welche er eine Minute zuvor noch so gering

geschätzt hatte. Er hatte alles vergessen, was er über sein Bild vorher

gedacht hatte während der drei Jahre, in denen es von ihm gemalt ward;

er vergaß alle Vorzüge desselben, die für ihn zweifellos vorhanden

waren und sah sein Bild nur mit ihrem unbewegten, unparteiischen und

frischen Blick an; und jetzt sah er an ihm nichts Gutes mehr. Er sah im

Vordergrund das unwillige Gesicht des Pilatus und das ruhige Antlitz

Christi, im Hintergrund die Gestalten der Kreaturen des Pilatus und

das Gesicht Johannis, die Vorgänge beobachtend. Jedes Gesicht, unter

so vielem Suchen, so vielem Irren, Verbessern an seinem eigenartigen

Charakter in ihm erstanden, jedes dieser Gesichter, die ihm soviel

Mühe und Freude gemacht hatten, sie alle, so oft umgeändert unter der

Rücksichtnahme auf den Gesamteindruck, und auf alle diese Nüancen des

Kolorits und der Töne, die er mit soviel Mühe erzielt hatte, alles

dies vereint, zeigte sich ihm jetzt, indem er die Augen der Besucher

beobachtete, als Trivialität, die schon tausendmal wiederholt worden

war.

Selbst das wertvollste dieser Gesichter, das Antlitz Christi, als

Mittelpunkt des Bildes, der ihm soviel Freude gemacht hatte, als er

es endlich gefunden, alles das erschien jetzt verloren für ihn, als

er auf sein Gemälde mit ihren Augen blickte. Er sah nur eine gut --

und selbst das nicht einmal, da er jetzt klar eine Masse von Mängeln

wahrnahm -- gemalte Wiederholung aller jener zahllosen Christusbilder

Tizians, Rafaels, Rubens', und der nämlichen Söldner des Pilatus.

Alles war trivial, dürftig und veraltet, ja, selbst schlecht gemalt --

bunt und schwach. Sie werden recht haben, wenn sie in Gegenwart des

Künstlers verstellte höfliche Phrasen drechseln, ihn aber bedauern und

verspotten, sobald sie unter sich sind.

Das Schweigen wurde ihm allzu drückend, obwohl es nicht länger als eine

Minute gewährt hatte; um es zu brechen und zu zeigen, daß er nicht aus

seiner Ruhe gekommen sei, wandte er sich, indem er sich zusammenraffte,

an Golenischtscheff.

»Ich hatte wohl, wie mir scheint, das Vergnügen« -- sagte er zu

demselben, unruhig bald auf Anna, bald auf Wronskiy blickend, um nicht

einen einzigen Zug des Ausdrucks ihrer Gesichter zu verlieren -- »Ihnen

schon begegnet zu sein?« --

»Gewiß! -- Wir sahen uns bei Rossi, entsinnt Ihr Euch jenes Abends,

als jene italienische Dame vortrug,« begann Golenischtscheff frei, und

ohne das geringste Bedauern den Blick von dem Gemälde ab und zum Maler

wendend.

Als er indessen bemerkte, daß Michailoff ein Urteil über sein Gemälde

erwarte, sagte er: »Euer Bild hat gute Fortschritte gemacht, seit ich

es zum letztenmal gesehen habe. So wie damals, überrascht mich auch

jetzt die Figur des Pilatus. So muß man diesen Mann auffassen, als gut

und brav, aber als Beamter bis auf den Kern seiner Seele, der nicht

weiß, was er anrichtet. Mir scheint indessen« --

Michailoffs bewegliches Gesicht erglänzte plötzlich über und über,

seine Augen leuchteten auf.

Er wollte etwas sagen, konnte es aber vor Erregung nicht, und

stellte sich nun, als müsse er husten. So niedrig wie er auch

die Fähigkeit Golenischtscheff, die Kunst zu verstehen, anschlug,

so unbedeutend auch die treffende Bemerkung desselben über die

Wahrheit des Gesichtsausdruckes des Pilatus als eines Beamten war, so

zurücksetzend für ihn die Äußerung einer so unbedeutenden Bemerkung

erscheinen konnte, die zuerst kam, während über das Hauptsächlichste

nicht gesprochen worden war, befand sich Michailoff gleichwohl in

Entzücken über dieselbe. Er selbst dachte über die Figur des Pilatus

das Nämliche, was Golenischtscheff ausgesprochen hatte. Der Umstand,

daß dieses Gutachten nur eines von Millionen anderer war, die, wie

Michailoff sicher wußte, alle richtig gewesen sein würden, verminderte

für ihn die Bedeutung desselben nicht. Er gewann Golenischtscheff

für diese Bemerkung lieb und fiel aus der Stimmung der Beklommenheit

plötzlich in die des Entzückens. Sofort lebte sein ganzes Gemälde

vor ihm wieder auf in all der unaussprechlichen Schwierigkeit alles

Lebenden. Michailoff versuchte es nochmals zu sagen, daß er sich

den Pilatus ebenso gedacht habe, aber seine Lippen vibrierten nur

widerspenstig und er konnte sich nicht äußern. Wronskiy und Anna sagten

gleichfalls etwas mit jener leisen Stimme, mit welcher man gewöhnlich

-- teils um den Künstler nicht zu verletzen, teils um nicht laut eine

Dummheit zu sagen, die man so leicht äußern kann, wenn man über Kunst

spricht -- in Gemäldeausstellungen konversiert.

Michailoff schien es, als ob sein Bild auch auf sie Eindruck gemacht

hätte. Er trat zu ihnen hin.

»Wie wunderbar ist der Ausdruck des Christus!« sagte Anna. Vor allem,

was sie gesehen, hatte ihr dieser Ausdruck gefallen, und sie fühlte,

daß dies der Mittelpunkt des Gemäldes war und deshalb ein solches Lob

dem Künstler angenehm sein würde.

»Man sieht, wie er Pilatus bemitleidet!«

Dies war wiederum eins aus der Million richtiger Urteile, die man an

seinem Bilde und an der Figur des Christus finden konnte.

Sie hatte gesagt, daß es ihm leid thue um Pilatus. In dem Ausdruck

des Christus mußte ja auch der von Mitleid liegen, da in ihm der

der Liebe lag, einer überirdischen Ruhe und Todesbereitschaft, des

Bewußtseins einer bevorstehenden Rechenschaft über seine Worte. Gewiß

lag der Ausdruck des dienstthuenden Beamten in dem Pilatus, der des

Mitleids mit diesem in dem Christus, da der Eine die Verkörperung des

fleischlichen, der Andere die des geistigen Lebens ist. Alles das

und noch vieles andere ging Michailoff durch den Kopf, und abermals

leuchtete sein Auge auf vor Entzücken.

»Und wie diese Figur gearbeitet ist, wie viel Luft; man kann um ihn

herumgehen,« sagte Golenischtscheff, offenbar um mit dieser Bemerkung

anzudeuten, daß er den Gedanken und Sinn der Figur nicht billige.

»Ja, ein wunderbares Meisterstück. Wie jene Figuren in dem

Hintergrunde sich abheben! Das ist Technik!« sagte Wronskiy, sich

zu Golenischtscheff wendend, und damit auf ein zwischen ihnen

stattgehabtes Gespräch darüber, daß Wronskiy an der Erwerbung dieser

Technik verzweifelte, anspielend.

»Ja, ja, wunderbar,« bestätigten Golenischtscheff und Anna.

Trotz des aufgeregten Zustandes, in welchem sich Michailoff befand,

griff diesen doch die Bemerkung über die Technik schmerzlich ans Herz

und grollend auf Wronskiy blickend, verfinsterte er sich plötzlich. Oft

schon hatte er das Wort Technik gehört und durchaus nicht begriffen,

was man eigentlich darunter verstände. Er wußte, daß man mit diesem

Worte die mechanische Fertigkeit des Malens und Zeichnens meine, die

vollständig unabhängig war von dem Inhaltlichen. Oft schon hatte er

bemerkt -- auch bei der gegenwärtigen Lobesspende -- daß man die

Technik dem inneren Werte gegenüberstelle, gerade als ob es möglich

wäre, das gut zu malen, was schlecht sei. Er wußte wohl, daß viel

Aufmerksamkeit und Vorsicht erforderlich sei, um ein Gemälde nicht

zu schädigen, wenn man von ihm die Hüllen abnahm, aber eine Kunst

des Malens -- eine Technik -- die gab es dabei nicht. Hätte sich

einem kleinen Kinde, oder seiner Köchin das ebenfalls geoffenbart,

was er sah, dann würden diese gleichfalls das herauszuschälen

verstanden haben, was sie sahen. Aber selbst der erfahrenste und

auch geschickteste Beherrscher der Maltechnik wäre allein mit der

mechanischen Fertigkeit nicht imstande gewesen, etwas zu malen, wenn

sich ihm nicht vorher die Grenzen des Inhaltlichen offenbarten. Dann

aber wußte er auch, daß wenn man nun einmal von einer Technik sprach,

er ihretwegen nicht gerühmt werden konnte. In allem was er malte und

schon gemalt hatte, erkannte er ihm in die Augen fallende Mängel, die

aus der Unvorsichtigkeit hervorgegangen waren, mit der er die Hüllen

entfernt hatte, und die er nun nicht mehr verbessern konnte, ohne die

ganze Schöpfung zu verderben. Fast auf allen Figuren und Gesichtern

sah er noch die Mängel nicht vollständig abgenommener Hüllen, die sein

Gemälde verdarben.

»Eines, wenn Ihr mir gestattet, diese Bemerkung zu machen, ließe sich

sagen,« äußerte Golenischtscheff.

»Ah, sehr erfreut, ich bitte Euch,« antwortete Michailoff mit

gekünsteltem Lächeln.

»Es ist dies, daß dieser Christus da bei Euch ein Menschgott, aber kein

Gottmensch geworden ist. Indessen, ich weiß ja, daß Ihr es eben so

gewollt habt.«

»Ich konnte den Christus nicht malen, der nicht in meiner Seele ist,«

versetzte der Maler mürrisch.

»Ja, aber in diesem Falle -- wenn Ihr mir gestattet meine Idee

auszusprechen -- Euer Gemälde ist so gut, daß meine Bemerkung ihm nicht

schaden kann, und dann ist dies ja auch nur meine persönliche Meinung.

Bei Euch ist das etwas Anderes; selbst das Motiv ist ein anderes. Aber

nehmen wir etwa den Iwanoff. -- Ich glaube, daß wenn Christus mit der

Norm eines historischen Gesichts zusammengebracht wird, es für Iwanoff

besser wäre, ein anderes historisches Thema zu wählen, ein neues, noch

nicht angeschlagenes.«

»Wie aber, wenn dies das erhabenste Thema wäre, welches sich der Kunst

bietet« --

»Wenn man nur suchen will, so wird man auch andere finden. Es handelt

sich nur darum, daß die Kunst keinen Streit, und keine Düfteleien

duldet. Vor einem Gemälde Iwanoffs ersteht für den Gläubigen wie für

den Nichtgläubigen die Frage: Ist das Gott oder ist es nicht Gott? und

diese stört die Einheit des Eindrucks.«

»Warum? Mir scheint, daß für gebildete Menschen,« sagte Michailoff,

»ein Streit nicht mehr bestehen kann.«

Anna Karenina, 2. Band · 第 3 / 13 题