Kopfschütteln. Wieder legte Jaromir die Stirn auf den Arm. -- -- --

Das Zwielicht kam, eine Gasflamme nach der andern erlosch und noch immer

konnte ich nicht herausbringen, was die Geste bedeuten sollte.

Ich gab es auf. Dachte nach.

Das einzige, was mir zu tun blieb, war, in aller Frühe auf das jüdische

Rathaus zu gehen, um dort Erkundigungen einzuziehen, wohin Hillel mit

Mirjam gereist sein könne.

_Ich mußte ihm nach._ -- -- --

Wortlos saß ich neben Jaromir. Stumm und taub wie er.

Als ich nach einer langen Zeit aufblickte, sah ich, daß er mit einer

Schere an einer Silhouette herumschnitt.

Ich erkannte das Profil Rosinas. Er reichte mir das Blatt über den Tisch

herüber, legte die Hand auf die Augen und -- -- weinte still vor sich

hin. -- --

Dann sprang er plötzlich auf und taumelte ohne Gruß zur Tür hinaus.

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Der Archivar Schemajah Hillel sei eines Tages ohne Grund ausgeblieben

und nicht mehr wiedergekommen; seine Tochter habe er jedenfalls

mitgenommen, denn auch sie sei von niemand mehr gesehen worden seit

jener Zeit, hatte man mir auf dem jüdischen Rathaus gesagt. Das war

alles, was ich erfahren konnte.

Keine Spur, wohin sie sich gewandt haben mochten.

Auf der Bank hieß es, mein Geld sei gerichtlich immer noch mit Beschlag

belegt, man erwarte aber täglich den Bescheid, es mir auszahlen zu

dürfen.

Also auch die Erbschaft Charouseks mußte noch den Amtsweg gehen, und ich

wartete doch mit brennender Ungeduld auf das Geld, um dann alles

aufzubieten, Hillels und Mirjams Spur zu suchen.

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Ich hatte meine Edelsteine verkauft, die ich noch in der Tasche gehabt,

und mir zwei kleine, möblierte, aneinanderstoßende Dachkammern in der

Altschulgasse -- die einzige Gasse, die von der Assanierung der

Judenstadt verschont geblieben, -- gemietet.

Sonderbarer Zufall: es war dasselbe wohlbekannte Haus, von dem die Sage

ging, der Golem sei einst darin verschwunden.

Ich hatte mich bei den Bewohnern -- zumeist kleine Kaufleute oder

Handwerker -- erkundigt, was denn Wahres an dem Gerücht von dem »Zimmer

ohne Zugang« sei und war ausgelacht worden. -- Wie man einen derartigen

Unsinn denn glauben könne!

Meine eigenen Erlebnisse, die sich darauf bezogen, hatten im Gefängnis

die Blässe eines längst verwehten Traumbildes angenommen und ich sah in

ihnen nur noch Symbole ohne Blut und Leben, -- strich sie aus dem Buch

meiner Erinnerungen.

Die Worte Laponders, die ich zuweilen so klar in mir hörte, als säße er

mir gegenüber wie damals in der Zelle und spräche zu mir, bestärkten

mich darin, daß ich rein innerlich geschaut haben müsse, was mir ehedem

greifbare Wirklichkeit geschienen.

War denn nicht alles vergangen und verschwunden, was ich einst besessen

hatte? Das Buch Ibbur, das phantastische Tarokspiel, Angelina und sogar

meine alten Freunde Zwakh, Vrieslander und Prokop!

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Es war Weihnachtsabend, und ich hatte mir einen kleinen Baum mit roten

Kerzen nach Hause gebracht. Ich wollte noch einmal jung sein und

Lichterglanz um mich haben und den Duft von Tannennadeln und brennendem

Wachs.

Ehe das Jahr zu Ende ging, war ich vielleicht schon unterwegs und suchte

in Städten und Dörfern, oder wohin es mich innerlich ziehen würde, nach

Hillel und Mirjam.

Alle Ungeduld, alles Warten war allmählich von mir gewichen und alle

Furcht, Mirjam könne ermordet worden sein, und mit dem Herzen wußte ich,

ich würde sie beide finden.

Es war ein beständiges glückliches Lächeln in mir, und wenn ich meine

Hand auf etwas legte, kam mir's vor, als ginge ein Heilen von ihr aus.

Die Zufriedenheit eines Menschen, der nach langer Wanderung heimkehrt

und die Türme seiner Vaterstadt von weitem blinken sieht, erfüllte mich

auf ganz sonderbare Weise.

Einmal war ich noch in dem kleinen Kaffeehaus gewesen, um Jaromir zum

Weihnachtsabend zu mir zu holen. -- Er habe sich nie mehr blicken

lassen, erfuhr ich, und schon wollte ich betrübt wieder gehen, da kam

ein alter Tabulettkrämer herein und bot kleine, wertlose Antiquitäten

zum Kauf an.

Ich kramte in seinem Kasten unter all den Uhranhängseln, kleinen

Kruzifixen, Kammnadeln und Broschen herum, da fiel mir ein Herz aus

rotem Stein an einem verschossenen Seidenbande in die Hand und ich

erkannte es voll Erstaunen als das Andenken, das mir Angelina, als sie

noch ein kleines Mädchen gewesen, einst beim Springbrunnen in ihrem

Schloß geschenkt hatte.

Und mit einem Schlag stand meine Jugendzeit vor mir, als sähe ich in

einen Guckkasten tief hinein in ein kindlich gemaltes Bild. --

Lange, lange stand ich erschüttert da und starrte auf das kleine, rote

Herz in meiner Hand.

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Ich saß in der Dachkammer und lauschte dem Knistern der Tannennadeln,

wenn hie und da ein kleiner Zweig über den Wachskerzen zu glimmen

begann.

»Vielleicht spielt gerade jetzt in dieser Stunde der alte Zwakh irgendwo

in der Welt seinen >Marionettenweihnachtsabend<«, malte ich mir aus, --

»und deklamiert mit geheimnisvoller Stimme die Strophe seines

Lieblingsdichters Oskar Wiener«:

»Wo ist das Herz aus rotem Stein!

Es hängt an einem Seidenbande.

O du, o gib das Herz nicht her;

Ich war ihm treu und hatt' es lieb,

Und diente sieben Jahre schwer

Um dieses Herz, und hatt' es lieb!«

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Eigentümlich feierlich wurde mir plötzlich zumute.

Die Kerzen waren heruntergebrannt. Nur eine einzige flackerte noch.

Rauch ballte sich im Zimmer.

Als ob mich eine Hand zöge, wandte ich mich plötzlich um und:

_Da stand mein Ebenbild auf der Schwelle. Mein Doppelgänger. In einem

weißen Mantel. Eine Krone auf dem Kopf._

Nur einen Augenblick.

Dann brachen Flammen durch das Holz der Tür und eine Wolke erstickenden

heißen Qualms schlug herein:

Feuersbrunst im Haus! Feuer! Feuer!

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich reiße das Fenster auf. Klettere auf das Dach hinaus.

Von weitem rast schon das gellende Klingeln der Feuerwehr heran.

Blitzende Helme und abgehackte Kommandorufe.

Dann das gespenstische, rhythmische, schlapfende Atmen der Pumpen, wie

die Dämonen des Wassers sich ducken zum Sprung auf ihren Todfeind: das

Feuer.

Glas klirrt und rote Lohe schießt aus allen Fenstern.

Matratzen werden hinuntergeworfen, die ganze Straße liegt voll davon,

Menschen springen nach, werden verwundet weggetragen.

In mir aber jauchzt etwas auf in wilder jubelnder Ekstase; ich weiß

nicht warum. Das Haar sträubt sich mir.

Ich laufe auf den Schornstein zu, um nicht versengt zu werden, denn die

Flammen greifen nach mir.

_Das Seil eines Rauchfangkehrers ist herumgewickelt._

Ich rolle es auf, schlinge es um Handgelenk und Bein, wie ich es als

Knabe beim Turnen gelernt habe, und lasse mich ruhig an der Fassade des

Hauses hinab. --

Komme an einem Fenster vorbei. Blicke hinein:

Drin ist alles blendend erleuchtet.

_Und da sehe ich_ -- -- -- _da sehe ich_ -- -- -- mein ganzer Körper

wird ein einziger hallender Freudenschrei:

»_Hillel! Mirjam! Hillel!_«

Ich will auf die Gitterstäbe losspringen.

Greife daneben. Verliere den Halt am Seil.

Einen Augenblick hänge ich, _Kopf abwärts, die Beine gekreuzt zwischen

Himmel und Erde_.

Das Seil singt bei dem Ruck. Knirschend dehnen sich die Fasern.

Ich falle.

Mein Bewußtsein erlischt.

Noch im Sturz greife ich nach dem Fenstersims, aber ich gleite ab. Kein

Halt:

der Stein ist glatt.

_Glatt wie ein Stück

Fett._

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Der Golem · 第 63 / 70 题