Die Droschke hielt vor einem Trümmerhaufen. Barrikaden aus
Pflastersteinen überall!
Rote Laternen brannten darauf.
Beim Schein von Fackeln grub und schaufelte ein Heer von Arbeitern.
Halden von Schutt und Mauerbrocken versperrten den Weg. Ich kletterte
umher, versank bis ans Knie.
Das hier, das mußte doch die Hahnpaßgasse sein?!
Mühsam orientierte ich mich. Nichts als Ruinen ringsum.
Stand denn da nicht das Haus, in dem ich gewohnt hatte?
Die Vorderseite war eingerissen.
Ich kletterte auf einen Erdhügel; tief unter mir lief ein schwarzer,
gemauerter Gang die ehemalige Gasse entlang. Ich schaute empor: wie
riesige Bienenzellen hingen die bloßgelegten Wohnräume in der Luft, halb
vom Fackelschein, halb von dem trüben Mondlicht beschienen.
Das dort oben, das mußte mein Zimmer sein -- ich erkannte es an der
Bemalung der Wände.
Nur noch ein Streifen davon war übrig.
Und daranstoßend das Atelier -- Saviolis. Mir wurde plötzlich ganz leer
im Herzen. Wie seltsam! Das Atelier! -- Angelina! -- -- So weit, so
unabsehbar fern lag das alles hinter mir!
Ich drehte mich um: von dem Haus, in dem Wassertrum gewohnt, kein Stein
mehr auf dem andern. Alles dem Erdboden gleichgemacht: der Trödlerladen,
die Kellerwohnung Charouseks -- -- -- alles, alles.
»Der Mensch geht dahin wie ein Schatten« -- fiel mir ein Satz ein, den
ich einmal irgendwo gelesen.
Ich fragte einen Arbeiter, ob er nicht wisse, wo die Leute jetzt
wohnten, die hier ausgezogen seien; ob er vielleicht den Archivar
Schemajah Hillel kenne.
»Nix daitsch«, war die Antwort.
Ich schenkte dem Mann einen Gulden: er verstand zwar sofort deutsch,
konnte mir aber keine Antwort geben.
Auch von seinen Kameraden niemand.
Vielleicht, daß beim »Loisitschek« etwas zu erfahren wäre?
Der »Loisitschek« sei gesperrt, hieß es, das Haus würde renoviert.
Also irgend jemand in der Nachbarschaft wecken! -- Ging das nicht?
»Weit a breit wohnt sich keine Katz,« sagte der Arbeiter, »weil ise
behärdlich verbotten. Von wägen Typhus.«
»Der >Ungelt<? Der wird doch offen haben?«
»Ungelt ise sich geschlossen.«
»Bestimmt?«
»Bestimmt!«
Aufs Geratewohl nannte ich ein paar Namen von Höcklern und
Tabaktrafikantinnen, die in der Nähe gewohnt hatten; dann die Namen
Zwakh, Vrieslander, Prokop -- --
Bei allen schüttelte der Mann den Kopf.
»Vielleicht kennen Sie den Jaromir Kwáßnitschka?«
Der Arbeiter horchte auf.
»Jaromir? Ise sich taubstumm?«
Ich jubelte. Gott sei Dank. Wenigstens ein Bekannter.
»Ja, er ist taubstumm. Wo wohnt er?«
»Schneit e' sich Bildeln aus? Aus schwarzem Pappjir?«
»Ja. Er ist es schon. Wo kann ich ihn wohl treffen?«
So umständlich wie möglich bezeichnete mir der Mann ein Nachtcaféhaus in
der inneren Stadt und fing sofort wieder an zu schaufeln.
Über eine Stunde lang watete ich durch Schuttfelder, balancierte über
schwankende Bretter und kroch unter Querbalken durch, die die Straßen
versperrten. Das ganze Judenviertel war eine einzige Steinwüste, als
hätte ein Erdbeben die Stadt zerstört.
Atemlos vor Aufregung, schmutzbedeckt und mit zerrissenen Schuhen fand
ich mich endlich aus dem Labyrinth heraus.
Ein paar Häuserreihen, und ich stand vor der gesuchten Spelunke.
»Café Chaos« stand darüber geschrieben.
Ein menschenleeres, winziges Lokal, das kaum genügend Platz ließ für die
paar Tische, die an die Wände gerückt waren.
In der Mitte auf einem dreibeinigen Billard schlief ein Kellner und
schnarchte.
Ein Marktweib, mit einem Gemüsekorb vor sich, saß in der Ecke und nickte
über einem Glas Caj.
Endlich geruhte der Kellner aufzustehen und mich zu fragen, was ich
wünschte. Bei dem frechen Blick, mit dem er mich von Kopf bis zu Fuß
musterte, kam mir erst zum Bewußtsein, wie abgerissen ich aussehen
mußte.
Ich warf einen Blick in den Spiegel und entsetzte mich: ein fremdes,
blutleeres Gesicht, faltig, grau wie Kitt, mit struppigem Bart und
wirrem, langem Haar starrte mir entgegen.
Ob der Silhouettenschneider Jaromir nicht dagewesen sei, fragte ich und
bestellte schwarzen Kaffee.
»Woaß net, wo er so lang bleibt«, war die gegähnte Antwort.
Dann legte sich der Kellner wieder auf das Billard und schlief weiter.
Ich nahm das »Prager Tagblatt« von der Wand und -- wartete.
Die Buchstaben liefen wie Ameisen über die Seiten und ich begriff nicht
ein einziges Wort von dem, was ich las.
Die Stunden vergingen und hinter den Scheiben zeigte sich bereits das
verdächtige tiefe Dunkelblau, das den Einbruch der Morgendämmerung für
ein Lokal mit Gasbeleuchtung anzeigt.
Hie und da spähten ein paar Schutzleute mit grünlich schillernden
Federbüschen herein und gingen in langsamem, schwerem Schritt wieder
weiter.
Drei übernächtig aussehende Soldaten traten ein.
Ein Straßenkehrer nahm einen Schnaps.
Endlich, endlich: Jaromir.
Er hatte sich so verändert, daß ich ihn anfangs gar nicht
wiedererkannte: die Augen erloschen, die Vorderzähne ausgefallen, das
Haar schütter und tiefe Höhlen hinter den Ohren.
Ich war so froh, nach so langer Zeit wieder ein bekanntes Gesicht zu
sehen, daß ich aufsprang, ihm entgegenging und seine Hand faßte.
Er benahm sich außerordentlich scheu und blickte immerwährend nach der
Türe. Durch alle möglichen Gesten suchte ich ihm begreiflich zu machen,
daß ich mich freute, ihn getroffen zu haben. -- Er schien es mir lange
nicht zu glauben.
Aber, was für Fragen ich auch stellte, stets die gleiche hilflose
Handbewegung des Nichtverstehens bei ihm.
Wie konnte ich mich nur verständlich machen?!
Halt! Eine Idee!
Ich ließ mir einen Bleistift geben und zeichnete nacheinander die
Gesichter von Zwakh, Vrieslander und Prokop auf.
»Was? Alle nicht mehr in Prag?«
Er fuchtelte lebhaft in der Luft herum, machte die Gebärde des
Geldzählens, marschierte mit den Fingern über den Tisch, schlug sich auf
den Handrücken. Ich erriet: alle drei hatten wahrscheinlich von
Charousek Geld bekommen und zogen jetzt als kaufmännische Kompagnie mit
dem vergrößerten Marionettentheater durch die Welt.
»Und Hillel? Wo wohnt er jetzt?« -- Ich zeichnete sein Gesicht, ein Haus
dazu und ein Fragezeichen.
Das Fragezeichen verstand Jaromir nicht; -- er konnte nicht lesen, aber
er begriff, was ich wollte, -- nahm ein Streichholz, warf es scheinbar
in die Höhe und ließ es nach Taschenspielerart geschickt verschwinden.
Was bedeutete das? Hillel sollte auch verreist sein?
Ich zeichnete das jüdische Rathaus auf.
Der Taubstumme schüttelte heftig den Kopf.
»Hillel ist also nicht mehr dort?«
»Nein!« (Kopfschütteln.)
»Wo ist er denn?«
Wieder das Spiel mit dem Streichholz.
»Er meint halt, daß der Herr weg ist, und niem'd weiß nicht, wohin«,
mischte sich der Straßenkehrer, der uns die ganze Zeit über interessiert
zugesehen hatte, belehrend ein.
Vor Schreck krampfte sich mir das Herz zusammen: Hillel fort! -- Jetzt
war ich ganz allein auf der Welt. -- -- Die Gegenstände im Zimmer fingen
an vor meinen Augen zu flimmern.
»Und Mirjam?«
Meine Hand zitterte so stark, daß ich ihr Gesicht lange nicht ähnlich
zeichnen konnte.
»Ist Mirjam auch verschwunden?«
»Ja. Auch verschwunden. Spurlos.«
Ich stöhnte laut auf, lief im Zimmer hin und her, daß die drei Soldaten
einander fragend anblickten.
Jaromir suchte mich zu beruhigen und bemühte sich, mir noch etwas
anderes mitzuteilen, was er erfahren zu haben schien: er legte den Kopf
auf den Arm, wie jemand, der schläft.
Ich hielt mich an der Tischplatte: »Um Gottes Christi willen, Mirjam ist
gestorben?«
Kopfschütteln. Jaromir wiederholte die Gebärde des Schlafens.
»War Mirjam krank gewesen?« Ich zeichnete eine Medizinflasche.