Ein grauer, blinder Tag.
Bis tief in den Morgen hinein hatte ich geschlafen, traumlos, bewußtlos,
wie ein Scheintoter.
Meine alte Bedienerin war ausgeblieben oder hatte vergessen einzuheizen.
Kalte Asche lag im Ofen.
Staub auf den Möbeln.
Der Fußboden nicht gekehrt.
Fröstelnd ging ich auf und ab.
Widerwärtiger Geruch nach ausgeatmetem Fusel lag im Zimmer. Mein Mantel,
meine Kleider stanken nach altem Tabakrauch.
Ich riß das Fenster auf, schloß es wieder: -- der kalte, schmutzige
Hauch von der Straße war unerträglich.
Spatzen mit durchnäßtem Gefieder hockten regungslos draußen auf den
Dachrinnen.
Wohin ich blickte, mißfarbige Verdrossenheit. Alles in mir war
zerrissen, zerfetzt.
Das Sitzpolster auf dem Lehnstuhl -- wie fadenscheinig es war! Die
Roßhaare quollen hervor aus den Rändern.
Man mußte es zum Tapezierer schicken -- -- ach was, sollte es so bleiben
-- noch ein ödes Menschenleben hindurch, bis alles zu Gerümpel zerfiel!
Und dort, welch geschmackloser, zweckwidriger Plunder, diese Zwirnlappen
an den Fenstern!
Warum drehte ich sie nicht zu einem Strick und erhenkte mich daran?!
Dann brauchte ich diese augenverletzenden Dinge wenigstens nie mehr zu
sehen, und der ganze graue, zermürbende Jammer war vorüber -- ein für
allemal.
Ja! Das war das Gescheiteste! Ein Ende machen.
Heute noch.
Jetzt noch -- vormittags. Gar nicht erst zum Essen gehen. -- Ein
ekelhafter Gedanke, mit vollem Magen sich aus der Welt zu schaffen! In
der nassen Erde zu liegen und unverdaute, verfaulende Speisen in sich zu
haben.
Wenn nur nie wieder die Sonne scheinen und ihre freche Lüge von der
Freude des Daseins einem ins Herz funkeln wollte!
Nein! ich ließ mich nicht mehr narren, wollte nicht länger der Spielball
sein eines täppischen, zwecklosen Schicksals, das mich emporhob und dann
wieder in Pfützen stieß, bloß damit ich die Vergänglichkeit alles
Irdischen einsehen sollte, etwas, was ich längst wußte, was jedes Kind
weiß, jeder Hund auf der Straße weiß.
Arme, arme Mirjam! Wenn ich _ihr_ wenigstens helfen könnte.
Es hieß, einen Entschluß fassen, einen ernsten, unabänderlichen
Beschluß, bevor der verfluchte Trieb zum Dasein wieder in mir erwachen
konnte und mir neue Trugbilder vorgaukeln.
Wozu hatten sie mir denn gedient: alle diese Botschaften aus dem Reich
des Unverweslichen?
Zu nichts, zu gar gar nichts.
Nur dazu vielleicht, daß ich im Kreis herumgetaumelt war und jetzt die
Erde als unmögliche Qual empfand.
Da gab es nur noch eins.
Ich rechnete im Kopf zusammen, wieviel Geld ich auf der Bank liegen
hatte.
Ja, nur _so_ ging es. Das war noch das Einzige, Winzige, was von meinen
nichtigen Taten im Leben irgendeinen Wert haben konnte!
Alles, was ich besaß -- die paar Edelsteine in der Schublade dazu --
zusammenschnüren in ein Paket und es Mirjam schicken. Ein paar Jahre
wenigstens würde es die Sorge ums tägliche Leben von ihr nehmen. Und
einen Brief an Hillel schreiben, in dem ich ihm sagte, wie es um sie
stand mit dem »Wunder«.
Er allein konnte ihr helfen.
Ich fühlte: ja, er würde Rat wissen für sie.
Ich suchte die Steine zusammen, steckte sie ein, sah auf die Uhr: wenn
ich jetzt auf die Bank ging -- in einer Stunde konnte alles in Ordnung
gebracht sein.
Und dann noch einen Strauß roter Rosen kaufen für Angelina! -- -- -- --
es schrie auf in mir vor Weh und wilder Sehnsucht. -- Nur noch einen
Tag, einen einzigen Tag möchte ich leben!
Um dann abermals dieselbe würgende Verzweiflung mitmachen zu müssen?
Nein, nicht eine einzige Minute mehr warten! Es kam wie eine
Befriedigung über mich, daß ich mir nicht nachgegeben hatte.
Ich blickte umher. Blieb mir noch etwas zu tun?
Richtig: die Feile dort. Ich steckte sie in die Tasche, -- wollte sie
fortwerfen irgendwo auf der Gasse, wie ich es mir neulich schon
vorgenommen.
Ich haßte die Feile! Wieviel hatte gefehlt, und ich wäre zum Mörder
geworden durch sie.
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Wer kam mich denn da wieder stören?
Es war der Trödler.
»Nur en Augenblick, Herr von Pernath«, bat er fassungslos, als ich ihm
bedeutete, daß ich keine Zeit hätte. »Nur en ganz en kurzen Augenblick.
Nur ä paar Worte.«
Der Schweiß lief ihm übers Gesicht, und er zitterte vor Aufregung.
»Kann man hier auch ungestört mit Ihnen sprechen, Herr von Pernath? Ich
möcht' nicht, daß der -- der Hillel wieder hereinkommt. Sperren Sie doch
lieber die Tür ab, oder geh' mer besser ins Nebenzimmer«, -- er zog mich
in seiner gewohnten, heftigen Art hinter sich drein.
Dann sah er sich ein paarmal scheu um und flüsterte heiser:
»Ich hab mir's überlegt, wissen Sie, -- das von neilich. Es is besser
so. Es kommt nix heraus dabei. Gut. Vorüber is vorüber.«
Ich suchte in seinen Augen zu lesen.
Er hielt meinen Blick aus, krampfte aber die Hand in die Stuhllehne,
solche Anstrengung kostete es ihn.
»Das freut mich, Herr Wassertrum,« sagte ich so freundlich ich konnte,
»das Leben ist zu trüb, als daß man es sich gegenseitig noch mit Haß
verbittern sollte.«
»Rein, als ob man ä gedrucktes Buch reden hört,« grunzte er erleichtert,
wühlte in seinen Hosentaschen und zog wieder die goldene Uhr mit den
verbogenen Sprungdeckeln hervor, »und damit Sie sehen, ich mein's
ehrlich, müssen Sie die Kleinigkeit da von mir annehmen. Als Geschenk.«
»Was fällt Ihnen denn ein,« wehrte ich ab, »Sie werden doch wohl nicht
glauben -- --«, da fiel mir ein, was Mirjam über ihn gesagt hatte, und
ich streckte ihm die Hand hin, um ihn nicht zu kränken.
Er achtete nicht darauf, wurde plötzlich weiß wie die Wand, lauschte und
röchelte:
»Da! Da! Hab' ich's doch gewußt. Schon wieder der Hillel! Er klopft.«
Ich horchte, ging ins andere Zimmer zurück und zog zu seiner Beruhigung
die Verbindungstür hinter mir halb zu.
Es war diesmal nicht Hillel. _Charousek_ trat ein, legte, wie zum
Zeichen, daß er wisse, _wer_ nebenan sei, den Finger an die Lippen und
überschüttete mich in der nächsten Sekunde und ohne abzuwarten, was ich
sagen würde, mit einem Schwall von Worten:
»Oh, mein hochverehrter, liebwerter Meister Pernath, wie soll ich nur
die Worte finden, Ihnen meine Freude auszudrücken, daß ich Sie allein
und wohlauf zu Hause antreffe.« -- -- Er sprach wie ein Schauspieler,
und seine schwülstige, unnatürliche Redeweise stand in so krassem
Gegensatz zu seinem verzerrten Gesicht, daß ich ein tiefes Grauen vor
ihm empfand.
»Niemals hätte ich, Meister, es gewagt, in dem zerlumpten Zustande zu
Ihnen zu kommen, in dem Sie mich gewiß schon des öfteren auf der Straße
erblickt haben, -- doch, was sage ich: erblickt! haben Sie mir doch oft
huldreich die Hand gereicht.
Daß ich heute vor Sie hintreten kann mit weißem Kragen und in sauberem
Anzug, -- wissen Sie, wem ich es verdanke? Einem der edelsten und leider
-- ach -- meist verkannten Menschen unserer Stadt. Rührung übermannt
mich, wenn ich seiner gedenke.
Selber in bescheidenen Verhältnissen, hat er dennoch eine offene Hand
für Arme und Bedürftige. Von jeher, wenn ich ihn traurig vor seinem
Laden stehen sah, trieb es mich aus tiefstem Herzen heraus, zu ihm zu
treten und ihm stumm die Hand zu drücken.
Vor einigen Tagen rief er mich an, als ich vorüberging, schenkte mir
Geld und versetzte mich dadurch in die Lage, mir gegen Ratenzahlung
einen Anzug kaufen zu können.