Das Lauern ringsum trank jeden Laut.
Ich rüttelte am Tisch und wunderte mich, daß ich das Geräusch hören
konnte.
Wenn doch wenigstens der Wind ums Haus pfiffe! -- Nicht einmal das! Oder
das Holz im Ofen aufknallen wollte: -- das Feuer war erloschen.
Und immerwährend dasselbe entsetzliche Lauern in der Luft -- pausenlos,
lückenlos, wie das Rinnen von Wasser.
Dieses vergebliche Auf-dem-Sprung-stehen aller meiner Sinne! Ich
verzweifelte daran, es je überdauern zu können. -- Der Raum voll Augen,
die ich nicht sehen, -- voll von planlos wandernden Händen, die ich
nicht greifen konnte.
»Es ist das Entsetzen, das sich aus sich selbst gebiert, die lähmende
Schrecknis des unfaßbaren Nicht-Etwas, das keine Form hat und unserm
Denken die Grenzen zerfrißt,« begriff ich dumpf.
Ich stellte mich steif hin und wartete.
Wartete wohl eine Viertelstunde: vielleicht ließ »es« sich verleiten und
schlich von rückwärts an mich heran -- und ich konnte es ertappen?!
Mit einem Ruck fuhr ich herum: wieder nichts.
Dasselbe markverzehrende »Nichts«, das _nicht war_ und doch das Zimmer
mit seinem grausigen Leben erfüllte.
Wenn ich hinausliefe? Was hinderte mich?
»Es würde mit mir gehen,« wußte ich sofort mit unabweisbarer Sicherheit.
Auch, daß es mir nichts nützen könnte, wenn ich Licht machte, sah ich
ein, -- dennoch suchte ich so lang nach dem Feuerzeug, bis ich es
gefunden hatte.
Aber der Kerzendocht wollte nicht brennen und kam lang aus dem Glimmen
nicht heraus: die kleine Flamme konnte nicht leben und nicht sterben,
und als sie sich endlich doch ein schwindsüchtiges Dasein erkämpft
hatte, blieb sie glanzlos wie gelbes, schmutziges Blech. Nein, da war
die Dunkelheit noch besser.
Ich löschte wieder aus und warf mich angezogen übers Bett. Zählte die
Schläge meines Herzens: eins, zwei, drei -- vier ... bis tausend, und
immer von neuem -- Stunden, Tage, Wochen, wie mir schien, bis meine
Lippen trocken wurden und das Haar sich mir sträubte: keine Sekunde der
Erleichterung.
Auch nicht eine einzige.
Ich fing an, mir Worte vorzusagen, wie sie mir gerade auf die Zunge
kamen: »Prinz«, »Baum«, »Kind«, »Buch« -- und sie krampfhaft zu
wiederholen, bis sie plötzlich als sinnlose, schreckhafte Laute aus
barbarischer Vorzeit nackt mir gegenüberstanden, und ich mit aller Kraft
nachdenken mußte, in ihre Bedeutung zurückzufinden: P--r--i--n--z? --
B--u--ch?
War ich nicht schon wahnsinnig? Oder gestorben? -- Ich tastete an mir
herum.
Aufstehen!
Mich in den Sessel setzen!
Ich ließ mich in den Lehnstuhl fallen.
Wenn doch endlich der Tod käme!
Nur dieses blutlose, furchtbare Lauern nicht mehr fühlen! »Ich -- will
nicht -- ich -- will -- nicht,« -- schrie ich. »Hört ihr denn nicht?!«
Kraftlos fiel ich zurück.
Konnte es nicht fassen, daß ich immer noch lebte.
Unfähig, irgend etwas zu denken oder zu tun, stierte ich geradeaus vor
mich hin.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
»Weshalb er mir nur die Körner so beharrlich hinreicht?« ebbte ein
Gedanke auf mich zu, zog sich zurück und kam wieder. Zog sich zurück.
Kam wieder.
Langsam wurde mir endlich klar, daß ein seltsames Wesen vor mir stand --
vielleicht schon, seit ich hier saß, dagestanden hatte -- und mir die
Hand hinstreckte:
Ein graues, breitschultriges Geschöpf, in der Größe eines gedrungen
gewachsenen Menschen, auf einen spiralförmig gedrehten Knotenstock aus
weißem Holz gestützt.
Wo der Kopf hätte sitzen müssen, konnte ich nur einen Nebelballen aus
fahlem Dunst unterscheiden.
Ein trüber Geruch nach Sandelholz und nassem Schiefer ging von der
Erscheinung aus.
Ein Gefühl vollkommenster Wehrlosigkeit raubte mir fast die Besinnung.
Was ich die ganze lange Zeit an nervenzernagender Qual mitgemacht,
drängte sich jetzt zu Todesschrecken zusammen und war in diesem Wesen
zur Form geronnen.
Mein Selbsterhaltungstrieb sagte mir, ich würde wahnsinnig werden vor
Entsetzen und Furcht, wenn ich das Gesicht des Phantoms sehen könnte, --
warnte mich davor, schrie es mir in die Ohren -- und doch zog es mich
wie ein Magnet, daß ich den Blick von dem fahlen Nebelballen nicht
wenden konnte und darin forschte nach Augen, Nase und Mund.
Aber so sehr ich mich auch abmühte: der Dunst blieb unbeweglich. Wohl
glückte es mir, Köpfe aller Art auf den Rumpf zu setzen, doch jedesmal
wußte ich, daß sie nur meiner Einbildungskraft entstammten.
Sie zerrannen auch stets -- fast in derselben Sekunde, wo ich sie
geschaffen hatte.
Nur die Form eines ägyptischen Ibiskopfs blieb noch am längsten
bestehen.
Die Umrisse des Phantoms schleierten schemenhaft in der Dunkelheit,
zogen sich kaum merklich zusammen und dehnten sich wieder aus, wie unter
langsamen Atemzügen, die die ganze Gestalt durchliefen, die einzige
Bewegung, die zu bemerken war. Statt der Füße berührten Knochenstumpen
den Boden, von denen das Fleisch -- grau und blutleer -- auf
Spannenbreite zu wulstigen Rändern emporgezogen war.
Regungslos hielt das Geschöpf mir seine Hand hin.
Kleine Körner lagen darin. Bohnengroß, von roter Farbe und mit schwarzen
Punkten am Rande.
Was sollte ich damit?!
Ich fühlte dumpf: eine ungeheure Verantwortung lag auf mir -- eine
Verantwortung, die weit hinausging über alles Irdische, -- wenn ich
jetzt nicht das Richtige tat.
Zwei Wagschalen, jede belastet mit dem Gewicht des halben Weltgebäudes,
schweben irgendwo im Reich der Ursachen, ahnte ich, -- auf welche von
beiden ich ein Stäubchen warf: die sank zu Boden.
_Das_ war das furchtbare Lauern ringsum! verstand ich. »Keinen Finger
rühren!« riet mir mein Verstand, -- »und wenn der Tod in alle Ewigkeit
nicht kommen sollte und mich erlösen aus dieser Qual.« --
Auch dann hättest du deine Wahl getroffen: du hättest die Körner
_abgelehnt_, raunte es in mir. Hier gibt's kein Zurück.
Hilfe suchend blickte ich mich um, ob mir denn kein Zeichen würde, was
ich tun sollte.
Nichts.
Auch in mir kein Rat, kein Einfall, -- alles tot, gestorben.
Das Leben von Myriaden Menschen wiegt leicht wie eine Feder in diesem
furchtbaren Augenblick, erkannte ich -- --.
Es mußte bereits tiefe Nacht sein, denn ich konnte die Wände meines
Zimmers nicht mehr unterscheiden.
Nebenan im Atelier stampften Schritte; ich hörte, daß jemand Schränke
rückte, Schubladen aufriß und polternd zu Boden warf, glaubte
Wassertrums Stimme zu erkennen, wie er in seinem röchelnden Baß wilde
Flüche ausstieß; ich horchte nicht hin. Es war mir belanglos wie das
Rascheln einer Maus. -- Ich schloß die Augen:
Menschliche Antlitze zogen in langen Reihen an mir vorüber. Die Lider
zugedrückt -- starre Totenmasken: -- mein eigenes Geschlecht, meine
eigenen Vorfahren.
Immer dieselbe Schädelbildung, wie auch der Typus zu wechseln schien, so
stand es auf aus seinen Grüften, -- mit glattem, gescheiteltem Haar,
gelocktem und kurz geschnittenem, mit Allongeperücken und in Ringe
gezwängten Schöpfen -- durch Jahrhunderte heran, bis die Züge mir
bekannter und bekannter wurden und in ein letztes Gesicht
zusammenflossen: -- das Gesicht des Golem, mit dem die Kette meiner
Ahnen abbrach.
Dann löste die Finsternis mein Zimmer in einen unendlichen leeren Raum
auf, in dessen Mitte ich mich auf meinem Lehnstuhl sitzen wußte, vor mir
der graue Schatten wieder mit dem ausgestreckten Arm.
Und als ich die Augen aufschlug, standen in zwei sich schneidenden
Kreisen, die einen Achter bildeten, fremdartige Wesen um uns herum:
Die des einen Kreises gehüllt in Gewänder mit violettem Schimmer, die
des anderen mit rötlich schwarzem. Menschen einer fremden Rasse, von
hohem, unnatürlich schmächtigem Wuchs, die Gesichter hinter leuchtenden
Tüchern verborgen.
Das Herzbeben in meiner Brust sagte mir, daß der Zeitpunkt der
Entscheidung gekommen war. Meine Finger zuckten nach den Körnern: -- und
da sah ich, wie ein Zittern durch die Gestalten des rötlichen Kreises
ging. --
Sollte ich die Körner zurückweisen?: das Zittern ergriff den bläulichen
Kreis; -- ich blickte den Mann ohne Kopf scharf an; er stand da -- in
derselben Stellung: regungslos wie früher.
Sogar sein Atmen hatte aufgehört.
Ich hob den Arm, wußte noch immer nicht, was ich tun sollte, und --
schlug auf die ausgestreckte Hand des Phantoms, daß die Körner über den
Boden hinrollten.
Einen Moment, so jäh wie ein elektrischer Schlag, entglitt mir das
Bewußtsein, und ich glaubte in endlose Tiefen zu stürzen, -- dann stand
ich fest auf den Füßen.
Das graue Geschöpf war verschwunden. Ebenso die Wesen des rötlichen
Kreises.
Die bläulichen Gestalten hingegen hatten einen Ring um mich gebildet;
sie trugen eine Inschrift aus goldnen Hieroglyphen auf der Brust und
hielten stumm -- es sah aus wie ein Schwur -- zwischen Zeigefinger und
Daumen die roten Körner in die Höhe, die ich dem Phantom ohne Kopf aus
der Hand geschlagen hatte.
Ich hörte, wie draußen Hagelschauer gegen die Fenster tobten und
brüllender Donner die Luft zerriß:
Ein Wintergewitter in seiner ganzen besinnungslosen Wut raste über die
Stadt hinweg. Vom Fluß her dröhnten durch das Heulen des Sturms in
rhythmischen Intervallen die dumpfen Kanonenschüsse, die das Brechen der
Eisdecke auf der Moldau verkündeten. Die Stube loderte im Licht der
ununterbrochen aufeinanderfolgenden Blitze. Ich fühlte mich plötzlich so
schwach, daß mir die Knie zitterten und ich mich setzen mußte.
»Sei ruhig,« sagte deutlich eine Stimme neben mir, »sei ganz ruhig, es
ist heute die Lelschimurim: die Nacht der Beschützung.« --
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Allmählich ließ das Unwetter nach, und der betäubende Lärm ging über in
das eintönige Trommeln der Schloßen auf die Dächer.
Die Mattigkeit in meinen Gliedern nahm derart zu, daß ich nur mehr mit
stumpfen Sinnen und halb im Traum wahrnahm, was um mich her vorging:
Jemand aus dem Kreis sagte die Worte:
»_Den ihr suchet, der ist nicht hier._«
Die andern erwiderten etwas in einer fremden Sprache.