Und ich sperrte auf und schlug rasch die Türe hinter mir zu. -- --

Von meinem Fenster aus konnte ich den Trödler Aaron Wassertrum vor

seinem Gewölbe stehen sehen.

Er lehnte am Eingang der dunklen Wölbung und zwickte mit einer Beißzange

an seinen Fingernägeln herum.

War die rothaarige Rosina seine Tochter oder seine Nichte? Er hatte

keine Ähnlichkeit mit ihr.

Unter den Judengesichtern, die ich Tag für Tag in der Hahnpaßgasse

auftauchen sehe, kann ich deutlich verschiedene Stämme unterscheiden,

die sich so wenig durch die nahe Verwandtschaft der einzelnen Individuen

verwischen lassen, wie sich Öl mit Wasser vermengen wird. Da darf man

nicht sagen: die dort sind Brüder oder Vater und Sohn.

Der gehört zu jenem Stamm und dieser zu einem andern, das ist alles, was

sich aus den Gesichtszügen lesen läßt.

Was bewiese es auch, wenn selbst Rosina dem Trödler ähnlich sähe!

Diese Stämme hegen einen heimlichen Ekel und Abscheu voreinander, der

sogar die Schranken der engen Blutsverwandtschaft durchbricht, -- aber

sie verstehen ihn geheimzuhalten vor der Außenwelt, wie man ein

gefährliches Geheimnis hütet.

Kein einziger läßt ihn durchblicken, und in dieser Übereinstimmung

gleichen sie haßerfüllten Blinden, die sich an ein schmutzgetränktes

Seil klammern: der eine mit beiden Fäusten, ein anderer nur widerwillig

mit einem Finger, alle aber von abergläubischer Furcht besessen, daß sie

dem Untergang verfallen müssen, sobald sie den gemeinsamen Halt aufgeben

und sich von den übrigen trennen.

Rosina ist von jenem Stamme, dessen rothaariger Typus noch abstoßender

ist, als der der andern. Dessen Männer engbrüstig sind und lange

Hühnerhälse haben mit vorstehendem Adamsapfel.

Alles scheint an ihnen sommersprossig, und ihr ganzes Leben leiden sie

unter brünstigen Qualen, diese Männer, -- und kämpfen heimlich gegen

ihre Gelüste einen ununterbrochenen, erfolglosen Kampf, von

immerwährender widerlicher Angst um ihre Gesundheit gefoltert.

Ich war mir nicht klar, wieso ich Rosina überhaupt in

verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Trödler Wassertrum bringen

konnte.

Nie habe ich sie doch in der Nähe des Alten gesehen, oder bemerkt, daß

sie jemals einander etwas zugerufen hätten.

Auch war sie fast immer in unserem Hofe oder drückte sich in den dunkeln

Winkeln und Gängen unseres Hauses umher.

Sicherlich halten sie alle meine Mitbewohner für eine nahe Verwandte

oder zumindest Schutzbefohlene des Trödlers, und doch bin ich überzeugt,

daß kein einziger einen Grund für solche Vermutungen anzugeben

vermöchte.

Ich wollte meine Gedanken von Rosina losreißen und sah von dem offenen

Fenster meiner Stube hinab auf die Hahnpaßgasse.

Als habe Aaron Wassertrum meinen Blick gefühlt, wandte er plötzlich sein

Gesicht zu mir empor.

Sein starres, gräßliches Gesicht mit den runden Fischaugen und der

klaffenden Oberlippe, die von einer Hasenscharte gespalten ist.

Wie eine menschliche Spinne kam er mir vor, die die feinste Berührung

ihres Netzes spürt, so teilnahmslos sie sich auch stellt.

Und wovon er nur leben mag? Was denkt er, und was ist sein Vorhaben?

Ich wußte es nicht.

An den Mauerrändern seines Gewölbes hängen unverändert Tag für Tag,

jahraus jahrein dieselben toten wertlosen Dinge.

Mit geschlossenen Augen hätte ich sie hinzeichnen können: hier die

verbogene Blechtrompete ohne Klappen, das vergilbte Bild auf Papier

gemalt, mit den so sonderbar zusammengestellten Soldaten. Dann eine

Girlande verrosteter Sporen an einem schimmligen Lederriemen und anderes

halb vermodertes Gerümpel.

Und vorne auf dem Boden, dicht nebeneinander geschichtet, so daß niemand

die Schwelle des Gewölbes überschreiten kann, eine Reihe runder eiserner

Herdplatten. --

Alle diese Dinge nahmen an Zahl nie zu, nie ab, und blieb wirklich hier

und da einmal ein Vorübergehender stehen und fragte nach dem Preis des

einen oder anderen, geriet der Trödler in heftige Erregung.

In grauenerregender Weise zog er dann seine Lippe mit der Hasenscharte

empor und sprudelte gereizt irgend etwas Unverständliches in einem

gurgelnden, stolpernden Baß hervor, daß dem Käufer die Lust weiter zu

fragen verging und er abgeschreckt seinen Weg fortsetzte.

Der Blick des Aaron Wassertrum war blitzschnell von meinen Augen

abgeglitten und ruhte jetzt mit gespanntem Interesse an den kahlen

Mauern, die vom Nebenhause an mein Fenster stoßen.

Was konnte er dort nur sehen?

Das Haus steht doch mit dem Rücken gegen die Hahnpaßgasse und seine

Fenster blicken in den Hof! Nur eines ist in die Straße gekehrt.

Zufällig schienen die Räume, die nebenan in derselben Stockhöhe wie die

meinigen liegen -- ich glaube, sie gehören zu einem winkligen Atelier --

in diesem Moment betreten worden zu sein, denn durch die Mauern hörte

ich plötzlich eine männliche und eine weibliche Stimme miteinander

reden.

Unmöglich konnte das aber der Trödler von unten aus wahrgenommen haben!

-- --

Vor meiner Tür bewegte sich jemand, und ich erriet: es ist immer noch

Rosina, die draußen im Dunkeln steht in begehrlichem Warten, daß ich sie

doch vielleicht zu mir hereinrufen wolle.

Und unten, ein halbes Stockwerk tiefer, lauert der blatternarbige,

halbwüchsige Loisa auf den Stiegen mit angehaltenem Atem, ob ich die Tür

öffnen werde, und ich spüre förmlich den Hauch seines Hasses und seine

schäumende Eifersucht bis herauf zu mir.

Er fürchtet sich, näher zu kommen und von Rosina bemerkt zu werden. Er

weiß sich von ihr abhängig wie ein hungriger Wolf von seinem Wärter und

möchte doch am liebsten aufspringen und besinnungslos seiner Wut die

Zügel schießen lassen! -- -- --

Ich setzte mich an meinen Arbeitstisch und suchte meine Pinzetten und

Stichel hervor.

Aber ich konnte nichts fertigbringen und meine Hand war nicht ruhig

genug, die feinen japanischen Gravierungen auszubessern.

Das trübe, düstere Leben, das an diesem Hause hängt, läßt mein Gemüt

nicht still werden, und immer tauchen alte Bilder in mir auf.

Loisa und sein Zwillingsbruder Jaromir sind wohl kaum ein Jahr älter als

Rosina.

An ihren Vater, der Hostienbäcker gewesen, konnte ich mich kaum mehr

erinnern, und jetzt sorgt für sie, glaube ich, ein altes Weib.

Ich wußte nur nicht, welche es war unter den vielen, die versteckt im

Hause wohnen wie Kröten in ihrem Schlupfwinkel.

Sie sorgt für die beiden Jungen, das heißt: sie gewährt ihnen

Unterkunft; dafür müssen sie ihr abliefern, was sie gelegentlich stehlen

oder erbetteln. --

Ob sie ihnen wohl auch zu essen gibt? Ich konnte es mir nicht denken,

denn erst spät abends kommt die Alte heim.

Leichenwäscherin soll sie sein.

Loisa, Jaromir und Rosina sah ich, als sie noch Kinder waren, oft

harmlos im Hof zu dritt spielen.

Die Zeit aber ist lang vorbei.

Den ganzen Tag ist Loisa jetzt hinter dem rothaarigen Judenmädel her.

Zuweilen sucht er sie lange umsonst, und wenn er sie nirgends finden

kann, dann schleicht er sich vor meine Türe und wartet mit verzerrtem

Gesicht, daß sie heimlich hierher komme.

Da sehe ich ihn, wenn ich bei meiner Arbeit sitze, im Geiste draußen in

dem winkligen Gange lauern, den Kopf mit dem ausgemergelten Genick

horchend vorgebeugt.

Manchmal bricht dann durch die Stille plötzlich ein wilder Lärm.

Jaromir, der taubstumm ist, und dessen ganzes Denken eine

ununterbrochene wahnsinnige Gier nach Rosina erfüllt, irrt wie ein

wildes Tier im Hause umher, und sein unartikuliertes heulendes Gebell,

das er, vor Eifersucht und Argwohn halb von Sinnen, ausstößt, klingt so

schauerlich, daß einem das Blut in den Adern stockt.

Er sucht die beiden, die er stets beieinander vermutet -- irgendwo in

einem der tausend schmutzigen Schlupfwinkel versteckt -- in blinder

Raserei, immer von dem Gedanken gepeitscht, seinem Bruder auf den Fersen

sein zu müssen, daß nichts mit Rosina vorgehe, von dem er nicht wisse.

Und gerade diese unaufhörliche Qual des Krüppels ist, ahnte ich, das

Reizmittel, das Rosina antreibt, sich stets von neuem mit dem andern

einzulassen.

Wird ihre Neigung oder Bereitwilligkeit schwächer, so ersinnt Loisa

immer wieder besondere Scheußlichkeiten, um Rosinas Gier von neuem zu

entfachen.

Da lassen sie sich scheinbar oder wirklich von dem Taubstummen ertappen

und locken den Rasenden heimtückisch hinter sich her in dunkle Gänge, wo

sie aus rostigen Faßreifen, die in die Höhe schnellen, wenn man auf sie

tritt, und eisernen Rechen -- mit den Spitzen nach oben gekehrt --

bösartige Fallen errichtet haben, in die er stürzen muß und sich blutig

fällt.

Von Zeit zu Zeit denkt sich Rosina, um die Folter aufs äußerste

anzuspannen, auf eigene Faust etwas Höllisches aus.

Dann ändert sie mit einem Schlage ihr Benehmen zu Jaromir und tut, als

fände sie plötzlich Gefallen an ihm.

Mit ihrer ewig lächelnden Miene teilt sie dem Krüppel hastig Dinge mit,

die ihn in eine fast irrsinnige Erregung versetzen, und sie hat sich

dazu eine geheimnisvoll scheinende, nur halbverständliche Zeichensprache

ersonnen, die den Taubstummen rettungslos in ein unentwirrbares Netz von

Ungewißheit und verzehrenden Hoffnungen verstricken muß. --

Einmal sah ich ihn im Hofe vor ihr stehen, und sie sprach mit so

heftigen Lippenbewegungen und Gestikulationen auf ihn ein, daß ich

glaubte, jeden Augenblick würde er in wilder Aufregung zusammenbrechen.

Der Schweiß lief ihm übers Gesicht vor übermenschlicher Anstrengung, den

Sinn der absichtlich so unklaren, hastigen Mitteilung zu erfassen.

Und den ganzen folgenden Tag lauerte er dann fiebernd in Erwartung auf

den finstern Stiegen eines andern halb versunkenen Hauses, das in der

Fortsetzung der engen, schmutzigen Hahnpaßgasse liegt, -- bis er die

Zeit versäumt hatte, sich an den Ecken ein paar Kreuzer zu erbetteln.

Und als er spät abends halb tot vor Hunger und Aufregung heim wollte,

hatte ihn die Pflegemutter längst ausgesperrt.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ein fröhliches Frauenlachen drang aus dem anstoßenden Atelier durch die

Mauern herüber zu mir.

Ein Lachen? -- In diesen Häusern ein fröhliches Lachen? Im ganzen Ghetto

wohnt niemand, der fröhlich lachen könnte.

Da fiel mir ein, daß mir vor einigen Tagen der alte Marionettenspieler

Zwakh anvertraute, ein junger, vornehmer Herr hätte ihm das Atelier

teuer abgemietet -- offenbar, um mit der Erwählten seines Herzens

unbelauscht zusammenkommen zu können.

Nach und nach, jede Nacht, müßten nun, damit niemand im Hause etwas

merke, die kostbaren Möbel des neuen Mieters heimlich Stück für Stück

hinaufgeschafft werden.

Der gutmütige Alte hatte sich vor Vergnügen die Hände gerieben, als er

es mir erzählte, und sich kindlich gefreut, wie er alles so geschickt

angefangen habe: keiner der Mitbewohner könne auch nur eine Ahnung von

dem romantischen Liebespaar haben.

Und von drei Häusern aus sei es möglich, unauffällig in das Atelier zu

gelangen. -- Sogar durch eine Falltüre gäbe es einen Zugang!

Ja, wenn man die eiserne Tür des Bodenraumes aufklinke, -- und das sei

von drüben aus sehr leicht, -- könne man an meiner Kammer vorbei zu den

Stiegen unseres Hauses gelangen und diese als Ausgang benützen ...

Wieder klingt das fröhliche Lachen herüber und läßt in mir die

undeutliche Erinnerung an eine luxuriöse Wohnung und an eine adlige

Familie auftauchen, zu der ich oft gerufen wurde, um an kostbaren

Altertümern kleine Ausbesserungen vorzunehmen. --

Plötzlich höre ich nebenan einen gellenden Schrei. Ich horche

erschreckt.

Die eiserne Bodentür klirrt heftig und im nächsten Augenblick stürzt

eine Dame in mein Zimmer.

Mit aufgelöstem Haar, weiß wie die Wand, einen goldenen Brokatstoff über

die bloßen Schultern geworfen.

»Meister Pernath, verbergen Sie mich, -- um Gottes Christi willen! --

fragen Sie nicht, verbergen Sie mich hier!«

Ehe ich noch antworten konnte, wurde meine Tür abermals aufgerissen und

sofort wieder zugeschlagen. --

Eine Sekunde lang hatte das Gesicht des Trödlers Aaron Wassertrum wie

eine scheußliche Maske hereingegrinst. --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ein runder, leuchtender Fleck taucht vor mir auf, und im Scheine des

Mondlichtes erkenne ich wiederum das Fußende meines Bettes.

Noch liegt der Schlaf auf mir wie ein schwerer, wolliger Mantel und der

Name Pernath steht in goldenen Buchstaben vor meiner Erinnerung.

Der Golem · 第 10 / 70 题