Dann lerntest Du zu gehen.
Öffnetest ein geduldiges Auge über den Dingen. Und sie blickten hinein,
hielten es über sich aus. Und wenn es sie befragte, gaben sie Antwort.
Du aber legtest was Du gewonnen in Dein Herz, namenlos, wie es gekommen.
Darum wurde es so voll, und weil die Fülle namenlos eintrat, mußtest Du
verschwiegsam bleiben.
O daß ich Dir Leid schicken mußte, jungfräulich, schuldloser Mensch! Ich
sah Dich krank auf dem Kinderlager, und unter diamantenen Fingern fühlte
ich Dein Knabenherz zerspringen.
Ich wußte die Schmerzen Deiner Glieder und nahm sie nicht von Dir,
grausamer, wachsam liebender Gott.
Ich schlug den Arm Dir nicht um Schultern und Lenden und richtete Dich
nicht auf zu prangender Gesundheit.
Schwach ließ ich Dich, dem Schmerze preisgegeben. Du aber schaltest
nicht auf mich, den grausam liebenden Gott.
Unendlich gütig warst Du zu mir, lieber Mensch, als hättest Du geahnt,
daß ich in Liebe handelte.
V
Als ich aus meiner Werkstatt Dich entließ, Du mein fertiges Kind, blieb
ich mit meinem Flügelschlage ein weniges zurück, Dir Raum zu geben. Mein
Schwung hielt inne, und Du entfaltetest Dich. Du wurdest. O Du bliebst
eine Pflanze nach Deines Meisters Herzen.
Offen warst Du wie ein Windenkelch im Mittagsleuchten, vollendet wie der
Tautropfen, der am Morgengrase hängt, und blendend wie die Sonne selbst
und tatest keinem Auge weh. Du warst ein geschlossenes Stücklein Gottes.
Ich aber wollte den Menschen.
Da legte ich Dich, süßeste Beere, buntester Vogel, Falter meines
Gartens, auf ein Menschenlager.
Die Buntheit wich von Dir. Dein Singen wurde ein schweres Ringen um
Atem. Und Deine Brust hob sich wie eines zu engen Käfiges Stäbe über das
Bebende eines Zugvögleins.
Deine Gelenke berührte der Finger des grausamen, wachsam liebenden
Gottes.
Ich klage mich an, daß ich Dich Mensch werden ließ.
Und Dich dem Leide weihte.
Und keiner sah Dein Ringen und jeder überhörte Dein Rufen.
Nur ich vernahm Dein armes Singen. Und ich fand es schöner als Dein
Lächeln, das noch kaum gefärbt war.
Du liebtest mich, Du Kind ohne Selbst, ohne Furcht.
Als endlich meine Hand Dich aufstehen ließ, warst Du gewachsen.
Und stiller warst Du und einsamer geworden.
Mir näher. Denn Deiner Gefährten Glieder, behender als Deine, wenn sie
über Wege setzten, ließen Dich weit zurück. Sie trugen ihre Lasten
leicht.
Ich aber legte schwer meine Hand auf Deinen jungen Rücken und beugte ihn
tief.
Wenn andere noch schliefen, standest Du, Schlafes voll, in der trübsten,
ersten Helligkeit des Morgens von Deinem Lager auf und trugst Dich zur
Arbeitsstätte.
Und so hieltest Du es Tag um Tag.
Und Nacht um Nacht lagst Du wie ein Stein in den Laken, jungfräulich in
allem wie an Freuden.
Ich sah Dich so, fest verschlossen, und zählte die Seufzer Deiner Brust.
Niemand liebte Dich wie ich. Dein Gott strebte zu Dir. Wer sonst hat
Deinen Atem geliebt?
O gedenke nicht in Bitterkeit meiner Hand.
Muß eine Hand nicht geben können und nehmen?
Und ich zählte die Schritte Deiner schmalen Sohlen auf dem Granit der
Stadt.
Dein Kopf war leer, Deine Lider tief herabgefaltet. Nie öffnetest Du den
Mund. Ich ließ es zu.
Ich ließ Dich, kannst Du es begreifen?
Ich verwehrte dem Lachen Deine Schwelle.
Ich hielt die Strahlen des Glücks zurück, ich zügelte mein Verlangen Dir
alle Geschöpfe meines Gartens darzubringen: Die Tiere des Waldes, die
Vögel, meine Steine, meine fernen Hügel, die Musik meiner Bienen, die
Düfte aller Jahreszeiten, der Tanz meiner Winde über den Gräsern und
Libellen.
Erst solltest Du ihre Sprache kennen.
O, ich trug mein volles Herz von Dir hinweg.
Kannst Du, Mensch, Deinen Gott noch lieben?
Ich nahm Dir die Luft, ich nahm Dir das Brot, ich warf dichte Schatten
über Dich.
Du ertrugst Deinen Gott. Und Du wurdest immer schöner. Dein Herz weitete
sich.
Es pochte ängstlich und ich ließ es wachsen.
Die Menschenärzte sahen es und überließen Dich mir, nachdem sie die
Köpfe geschüttelt hatten.
Und Du wurdest noch schöner.
Deine Stimme wurde Samt und Deine Augen. Sie taten wie ein Wald, und
andere mußten schweigen, als seien sie unter Tannen.
Ich aber sandte Dir ein Mädchen.
Und Du wurdest erfüllt von meiner Abgesandten.
Wie sie Dich erfüllte, wuchs Dein Herz. Sie selbst aber blieb fern und
ihre Augen suchten die Deinen nicht.
Ich wollte Dir die Liebe zeigen, und Du fandest sie. Dann solltest Du
mich sehen von Angesicht.
Und Du lerntest.
Mit einem Male wußtest Du was der Weihrauch weiß:
Brennen, Steigen und Vergehen.
Und ein süßer Duft blieb.
O, Du erlerntest die einzige Kunst, wie ich es vorausgeahnt.
Du branntest, eine Glut ohne Asche.
Alles gabst Du den Flammen hin. Und als Du zu geben nicht mehr hattest,
verdoppeltest Du Dein Selbst und gabst es neu.
Und so wurden zwei aus Dir, drei und mehr und immer neue, und so wurdest
Du leise ein Gott und fandest Unendlichkeit.
O, wie kamst Du mir da nahe!