II

Du mein höchstes, geliebtestes Werk. Ich danke Dir, daß Du mit Deinem

Schöpfer geduldig bist.

Ich könnte vor Dich treten und mich Dir zeigen.

Und doch bitte ich Dich, erlasse mir dieses.

Denn sähest Du mich, verlörest Du den Glauben an meine Gegenwart.

Unsichtbar, lieber, geliebter Mensch, hülle ich Dich mit jedem Atem

tiefer in meine Gedanken ein. So bin ich Dir nahe. Denn ich durchdringe

in Dir Falten, die meine Sichtbarkeit erdrücken würden.

Und auf diese Falten habe ich es in meiner Liebe zu Dir abgesehen. Nicht

weil Du Dich mir hingibst, lieber Mensch, lodert in mir eine unendliche

Liebe zu Dir. Nicht weil Dich der Boden quält, auf dem Du stehst. Nicht

weil Du mich fürchtest, zu mir sprichst, mir opferst, mich rufst, mein

Lob verkündest:

Ich liebe Dich, weil ich Dich voraussah.

Ich liebe Dich, weil Du mir gerietest.

Ich nenne Dich vollkommen schön und fürchte die Veränderung.

Darum liebe ich Dich: Ich bin ein Gott, der furchtsam ist aus Liebe. Und

todesmutig aus Liebe.

Schön bist Du, weil Du alles bist.

Deine Mattheit kann aufleuchten. Deine Helligkeit aus tiefster Schwärze

steigen. Alle Gesetze sind in Dir erfüllt.

Der Tod fände in Dir höchstes Leben.

Wie ein Hündchen kannst Du hinter der Herde laufen, wie ein König auf

Purpur lehnen. Wie ein Sträfling kannst Du Wellen mit den Rudern teilen,

wie eine Lerche Melodien in den Äther schneiden. Deine Hand kann

verträumt im Sande spielen und kann Gaben austeilen und Gerechtigkeit

üben ohne Gesetze. Du kannst schlagen und töten. Du kannst gebären und

aufrichten.

Als Deine Mutter Dich trug, liebte ich Dich. Als Dein Vater Deine Mutter

ansah, liebte ich Dich. Als Deine Eltern, einander unbekannt, auf meiner

Erde kindhaft spielten, liebte ich Dich.

Als hundert Jahre früher, ein Jüngerer von Deiner Menschenkraft träumte,

Dich fliegen, herrschen und zeugen sah, siehe, auch da liebte ich. Denn

schon fühlte ich Dich. Fühlte Dich zittern in Deiner Mutter Schoß. Wußte

daß Dein Fliegen ein Gehen und ein Schauen sein werde.

Als Deine Mutter in Dir nur ihr Junges erkannte, und Dein Vater keinen

Unterschied wahrnahm zwischen Dir und Deinen Brüdern, liebte ich Dich.

Stark liebte ich da, denn Du konntest darauf nicht achten.

Schön warst Du, und willig wie eine Quelle und pochtest still.

Hilflos warst Du wie sie alle sind, abhängig von Menschenlaune wie vom

Zug der Wolken. Deine Nahrung konnte Gift sein. Du hättest sie verzehrt,

so arm warst Du an Kräften, nicht wie ein Tier mit Witterung und

Triebespflichten, sondern wie ein Mensch, gefüllt mit Vertrauen und

Torheit.

Gott betet · 第 6 / 11 题