XX.

Ede war früh auf und bediente seine Kunden. Dann und wann sah er nach

der kleinen im Nebenzimmer hängenden Uhr, die schon auf ein Viertel nach

acht zeigte.

»Wo der Alte nur bleibt?«

Ede durfte die Frage schon thun, denn für gewöhnlich erschien Hradscheck

mit dem Glockenschlage sieben, wünschte guten Morgen und öffnete die

nach der Küche führende kleine Thür, was für die Köchin allemal das

Zeichen war, daß sie den Kaffee bringen solle. Heut aber ließ sich kein

Hradscheck sehn, und als es nah an neun heran war, steckte statt seiner

nur Male den Kopf in den Laden hinein und sagte:

»Wo he man bliewt, Ede?«

»Weet nich.«

»Ick will geihn un en beten an sine Dhör bullern.«

»Joa, dat dhu man.«

Und wirklich, Male ging, um ihn zu wecken. Aber sie kam in großer

Aufregung wieder. »He is nich doa, nich in de Vör- un ook nich in de

Hinner-Stuw. Allens open un keene Dhör to.«

»Un sien Bett?« fragte Ede.

»Allens glatt un ungeknüllt. He's goar nich in west.«

Ede kam nun auch in Unruhe. Was war zu thun? Er, wie Male, hatten ein

unbestimmtes Gefühl, daß etwas ganz Absonderliches geschehen sein müsse,

worin sie sich durch den schließlich ebenfalls erscheinenden Jakob nur

noch bestärkt sahen. Nach einigem Berathen kam man überein, daß Jakob zu

Kunicke hinübergehn und wegen des Abends vorher anfragen solle; Kunicke

müss' es wissen, der sei immer der Letzte. Male dagegen solle rasch nach

dem Krug laufen, wo Gensdarm Geelhaar um diese Stunde zu frühstücken und

der alten Krüger'schen, die manchen Sturm erlebt hatte, schöne Dinge zu

sagen pflegte. Das geschah denn auch alles, und keine Viertelstunde, so

sah man Geelhaar die Dorfstraße herunter kommen, mit ihm Schulze

Woytasch, der sich, einer abzuhaltenden Versammlung halber, zufällig

ebenfalls im Kruge befunden hatte. Vor Hradscheck's Thür trafen Beide

mit Kunicke zusammen. Man begrüßte sich stumm und überschritt mit einer

gewissen Feierlichkeit die Schwelle.

Drin im Hause hatte sich mittlerweile die Scene verändert.

Ede, der noch eine Zeit lang in allen Ecken und Winkeln umhergesucht

hatte, stand jetzt, als die Gruppe sich näherte, mitten auf dem Flur und

wies auf ein großes Ölfaß, das um ein Geringes vorgerollt war, nur zwei

Fingerbreit, nur bis an den großen Eisenring, aber doch gerade weit

genug, um die Fallthür zu schließen.

»Doa sitt he in,« schrie der Junge.

»Schrei' nicht so!« fuhr ihn Schulze Woytasch an. Und Kunicke setzte

mit mehr Derbheit, aber auch mit größerer Gemüthlichkeit hinzu: »Halt's

Maul, Junge.«

Dieser jedoch war nicht zur Ruh zu bringen, und sein bischen

Schläfenhaar immer mehr in die Höh' schiebend, fuhr er in demselben

Weimertone fort: »Ick weet allens. Dat's de Spök. De Spök hett noah em

grappscht. Un denn wull he 'rut un kunn nich.«

Um diese Zeit war auch Eccelius aus der Pfarre herüber gekommen,

leichenblaß und so von Ahnungen geängstigt, daß er, als man das Faß

jetzt zurückgeschoben und die Fallthür geöffnet hatte, nicht mit

hinuntersteigen mochte, sondern erst in den Laden und gleich darnach auf

die Dorfgasse hinaus trat.

Geelhaar und Schulze Woytasch, schon von Amtswegen auf bessre Nerven

gestellt, hatten inzwischen ihren Abstieg bewerkstelligt, während

Kunicke, mit einem Licht in der Hand, von oben her in den Keller

hineinleuchtete. Da nicht viele Stufen waren, so konnt' er das Nächste

bequem sehn: unten lag Hradscheck, allem Anscheine nach todt, ein

Grabscheit in der Hand, die zerbrochene Laterne daneben. Unser alter

Anno-Dreizehner sah sich bei diesem Anblick seiner gewöhnlichen

Gleichgültigkeit entrissen, erholte sich aber und kroch, unten

angekommen, in Gemeinschaft mit Geelhaar und Woytasch auf die Stelle zu,

wo hinter einem Lattenverschlage der Weinkeller war. Die Thür stand auf,

etwas Erde war aufgegraben, und man sah Arm und Hand eines hier

Verscharrten. Alles andre war noch verdeckt. Aber freilich, was

sichtbar war, war gerade genug, um alles Geschehene klar zu legen.

Keiner sprach ein Wort, und mit einem scheuen Seitenblick auf den

entseelt am Boden Liegenden stiegen alle drei die Treppe wieder hinauf.

Auch oben, wo sich Eccelius ihnen wieder gesellte, blieb es bei wenig

Worten, was schließlich nicht Wunder nehmen konnte. Waren doch alle, mit

alleiniger Ausnahme von Geelhaar, viel zu befreundet mit Hradscheck

gewesen, als daß ein Gespräch über ihn anders als peinlich hätte

verlaufen können. Peinlich und mit Vorwürfen gegen sich selbst gemischt.

Warum hatte man bei der gerichtlichen Untersuchung nicht besser

aufgepaßt, nicht schärfer gesehn? Warum hatte man sich hinters Licht

führen lassen?

Nur das Nöthigste wurde festgestellt. Dann verließ man das durch so

viele Jahre hin mit Vorliebe besuchte Haus, das nun für jeden ein Haus

des Schreckens geworden war. Kunicke schritt quer über den Damm auf

seine Wohnung, Eccelius auf seine Pfarre zu. Woytasch war mit ihm.

»Das Küstriner Gericht,« hob Eccelius an, »wird nur wenig noch zu sagen

haben. Alles ist klar und doch ist nichts bewiesen. Er steht vor einem

höheren Richter.«

Woytasch nickte. »Höchstens noch, was aus der Erbschaft wird,« bemerkte

dieser und sah vor sich hin. »Er hat keine Verwandte hier herum und die

Frau, so mir recht is, auch nich. Vielleicht, daß es der Pohlsche

wiederkriegt. Aber das werden die Tschechiner nich wollen.«

Eccelius erwiderte: »Das alles macht mir keine Sorge. Was mir Sorge

macht, ist blos das: wie kriegen wir ihn unter die Erde und _wo_. Sollen

wir ihn unter die guten Leute legen, das geht nicht, das leiden die

Bauern nicht und machen uns eine Kirchhofs-Revolte. Und was das

Schlimmste ist, haben auch Recht dabei. Und sein Feld wird auch keiner

dazu hergeben wollen. Eine solche Stelle mag niemand auf seinem

ehrlichen Acker haben.«

»Ich denke,« sagte der Schulze, »wir bringen ihn auf den Kirchhof.

Bewiesen ist am Ende nichts. Im Garten liegt der Franzos, und im Keller

liegt der Pohlsche. Wer will sagen, wer ihn da hingelegt hat? Keiner

weiß es, nicht einmal die Jeschke. Schließlich ist alles blos Verdacht.

Auf den Kirchhof muß er also. Aber seitab, wo die Nesseln stehn und der

Schutt liegt.«

»Und das Grab der Frau?« fragte Eccelius. »Was wird aus dem? Und aus dem

Kreuz?«

»Das werden sie wohl umreißen, da kenn' ich meine Tschechiner. Und dann

müssen wir thun, Herr Pastor, als sähen wir's nicht. Kirchhofsordnung

ist gut, aber der Mensch verlangt auch seine Ordnung.«

»Brav, Schulze Woytasch!« sagte Eccelius und gab ihm die Hand. »Immer 's

Herz auf dem rechten Fleck!«

* * *

Geelhaar war im Hradscheck'schen Hause zurückgeblieben. Er hatte den

Polizei-Kehrmichnichtdran und machte nicht viel von der Sache. Was war

es denn auch groß? Ein Fall mehr. Darüber ging die Welt noch lange

nicht aus den Fugen. Und so ging er denn in den Laden, legte die Hand

auf Ede's Kopf und sagte: »Hör', Ede, das war heut ein bischen scharf.

So zwei Dodige gleich Morgens um neun! Na, schenk' mal 'was ein. Was

nehmen wir denn?«

»Na, 'nen Rum, Herr Geelhaar.«

»Nei, Rum is mir heute zu schwach. Gieb erst 'nen Kognak. Und dann ein'

Rum.«

Ede schenkte mit zitternder Hand ein. Geelhaar's Hand aber war um so

sicherer. Als er ein paar Gläser geleert hatte, ging er in den Garten

und spazierte drin auf und ab, als ob nun alles sein wäre. Das ganze

Grundstück erschien ihm wie herrenloser Besitz, drin man sich ungenirt

ergehen könne.

Die Jeschke, wie sich denken läßt, ließ auch nicht lang auf sich warten.

Sie wußte schon alles und sah mal wieder über den Zaun.

»Dag, Geelhaar.«

»Dag, Mutter Jeschke ... Nu, was macht Line?«

»De kümmt to Martini. Se brukt sich joa nu nich mihr to jrulen.«

»Vor Hradscheck?« lachte Geelhaar.

»Joa. Vor Hradscheck. Awers nu sitt he joa fast.«

»Das thut er. Und gefangen in seiner eigenen Falle.«

»Joa, joa. De oll Voß! Nu kümmt he nich wedder rut. Fien wihr he. Awers

to fien, loat man sien!«

* * *

Was noch geschehen mußte, geschah still und rasch, und schon um die

neunte Stunde des folgenden Tages trug Eccelius nachstehende Notiz in

das Tschechiner Kirchenbuch ein:

»Heute, den 3. Oktober, früh vor Tagesanbruch, wurde der

Kaufmann und Gasthofsbesitzer Abel Hradscheck ohne Sang und

Klang in den hiesigen Kirchhofsacker gelegt. Nur Schulze

Woytasch, Gensdarm Geelhaar und Bauer Kunicke wohnten dem

stillen Begräbnißakte bei. Der Todte, so nicht alle Zeichen

trügen, wurde von der Hand Gottes getroffen, nachdem es ihm

gelungen war, den schon früher gegen ihn wach gewordenen

Verdacht durch eine besondere Klugheit wieder zu

beschwichtigen. Er verfing sich aber schließlich in seiner List

und grub sich, mit dem Grabscheit in der Hand, in demselben

Augenblicke sein Grab, in dem er hoffen durfte, sein Verbrechen

für immer aus der Welt geschafft zu sehn. Und bezeugte dadurch

aufs Neue die Spruchweisheit: '_Es ist nichts so fein

gesponnen, 's kommt doch alles an die Sonnen._'«

Grote'sche Sammlung

von

Werken zeitgenössischer Schriftsteller.

Bis jetzt erschienen:

=Otto Glagau,= Fritz Reuter und seine Dichtungen. Neue umgearbeitete

Auflage mit Illustrationen, Porträts und einer autographischen Beilage.

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Illustrationen. Sechzehnte Auflage.

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Illustrationen von =P. Grot Johann=. Fünfundzwanzigste Auflage.

=Wilhelm Raabe,= Horacker. Mit Illustrationen von =P. Grot Johann=.

Dritte Auflage.

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=Wilhelm Raabe,= Die Chronik der Sperlingsgasse. Neue Ausgabe, mit

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15. Jahrhundert. Zwei Bände.

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=Shakespeare-Gallerie.=

Unterm Birnbaum · 第 22 / 25 题