XIX.

»De Franzos is rutscht,« hatte die Jeschke gesagt und war dabei wieder

so sonderbar vertraulich gewesen, alles mit Absicht und Berechnung. Denn

wenn das Gespräch auch noch nachwirkte, darin ihr, vor länger als einem

Jahr, ihr sonst so gefügiger Nachbar mit einer Verläumdungsklage gedroht

hatte, so konnte sie, trotz alledem, von der Angewohnheit nicht lassen,

in dunklen Andeutungen zu sprechen, als wisse sie was und halte nur

zurück.

»Verdammt!« murmelte Hradscheck vor sich hin. »Und dazu der Ede mit

seiner ewigen Angst.«

Er sah deutlich die ganze Geschichte wieder lebendig werden, und ein

Schwindel ergriff ihn, wenn er an all das dachte, was bei diesem Stande

der Dinge jeder Tag bringen konnte.

»Das geht so nicht weiter. Er muß weg. Aber wohin?«

Und bei diesen Worten ging Hradscheck auf und ab und überlegte.

»Wohin? Es heißt, er liege in der Oder. Und dahin muß er ... je eher je

lieber ... _Heute_ noch. Aber ich wollte, dies Stück Arbeit wäre

gethan. Damals ging es, das Messer saß mir an der Kehle. Aber jetzt!

Wahrhaftig, das Einbetten war nicht so schlimm, als es das Umbetten

ist.«

Und von Angst und Unruhe getrieben, ging er auf den Kirchhof und trat an

das Grab seiner Frau. Da war der Engel mit der Fackel und er las die

Inschrift. Aber seine Gedanken konnten von dem, was er vorhatte, nicht

los, und als er wieder zurück war, stand es fest: »Ja, _heute_ noch ...

Was du thun willst, thue bald.«

Und dabei sann er nach, _wie's_ geschehn müsse.

»Wenn ich nur etwas Farrnkraut hätt'. Aber wo giebt es Farrnkraut hier?

Hier wächst ja blos Gras und Gerste, weiter nichts, und ich kann doch

nicht zehn Meilen in der Welt herumkutschiren, blos um mit einem großen

Busch Farrnkraut wieder nach Hause zu kommen. Und warum auch? Unsinn ist

es doch.«

Er sprach noch so weiter. Endlich aber entsann er sich, in dem

benachbarten Gusower Park einen ganzen Wald von Farrnkraut gesehn zu

haben. Und so rief er denn in den Hof hinaus und ließ anspannen.

Um Mittag kam er zurück, und vor ihm, auf dem Rücksitze des Wagens, lag

ein riesiger Farrnkrautbusch. Er kratzte die Samenkörnchen ab und that

sie sorglich in eine Papierkapsel und die Kapsel in ein Schubfach. Dann

ging er noch einmal alles durch, was er brauchte, trug das Grabscheit,

das für gewöhnlich neben der Gartenthür stand, in den Keller hinunter

und war wie verwandelt, als er mit diesen Vorbereitungen fertig war.

Er pfiff und trällerte vor sich hin und ging in den Laden.

»Ede, Du kannst heute Nachmittag ausgehn. In Gusow ist Jahrmarkt mit

Karoussel und sind auch Kunstreiter da, das heißt Seiltänzer. Ich hab'

heute Vormittag das Seil spannen sehn. Und vor acht brauchst Du nicht

wieder hier zu sein. Da nimm, das ist für Dich, und nun amüsire Dich

gut. Und is auch 'ne Waffelbude da, mit Eierbier und Punsch. Aber hübsch

mäßig, nich zu viel; hörst Du, keine Dummheiten machen.«

Ede strahlte vor Glück, machte sich auf den Weg und war Punkt acht

wieder da. Zugleich mit ihm kamen die Stammgäste, die, wie gewöhnlich,

ihren Platz in der Weinstube nahmen. Einige hatten schon erfahren, daß

Hradscheck am Vormittag in Gusow gewesen und mit einem großen Busch

Farrnkraut zurückgekommen sei.

»Was Du nur mit dem Farrnkraut willst?« fragte Kunicke.

»Anpflanzen.«

»Das wuchert ja. Wenn das drei Jahr in Deinem Garten steht, weißt Du vor

Unkraut nicht mehr, wo du hin sollst.«

»Das soll es auch. Ich will einen hohen Zaun davon ziehn. Und je rascher

es wächst, desto besser.«

»Na, sieh Dich vor damit. Das ist wie die Wasserpest; wo sich das mal

eingenistet hat, ist kein Auskommen mehr. Und vertreibt Dich am Ende von

Haus und Hof.«

Alles lachte, bis man zuletzt auf die Kunstreiter zu sprechen kam und an

Hradscheck die Frage richtete, was er denn eigentlich von ihnen gesehen

habe?

»Blos das Seil. Aber Ede, der heute Nachmittag da war, der wird wohl

Augen gemacht haben.«

Und nun erzählte Hradscheck des Breiteren, daß _der_, dem die Truppe

jetzt gehöre, des alten Kolter Schwiegersohn sei, ja, die Frau desselben

nenne sich noch immer nach dem Vater und habe den Namen ihres Mannes gar

nicht angenommen.

Er sagte das alles so hin, wie wenn er die Kolters ganz genau kenne, was

den Ölmüller zu verschiedenen Fragen über die berühmte Seiltänzerfamilie

veranlaßte. Denn Springer und Kunstreiter waren Quaasens unentwegte

Passion, seit er als zwanzigjähriger Junge mal auf dem Punkte gestanden

hatte, mit einer Kunstreiterin auf und davon zu gehn. Seine Mutter

jedoch hatte Wind davon gekriegt und ihn nicht blos in den Milchkeller

gesperrt, sondern auch den Direktor der Truppe gegen ein erhebliches

Geldgeschenk veranlaßt, die »gefährliche Person« bis nach Reppen hin

vorauszuschicken. All das, wie sich denken läßt, gab auch heute wieder

Veranlassung zu vielfachen Neckereien und um so mehr, als Quaas ohnehin

des Vorzugs genoß, Stichblatt der Tafelrunde zu sein.

»Aber was is das mit Kolter?« fragte Kunicke. »Du wolltest von ihm

erzählen, Hradscheck. Is es ein Reiter oder ein Springer?«

»Blos ein Springer. Aber was für einer!«

Und nun fing Hradscheck an, eine seiner Hauptgeschichten zum Besten zu

geben, die vom alten Kolter nämlich, der Anno 14 schon sehr berühmt und

mit in Wien auf dem Kongreß gewesen sei.

»Was, was? Mit auf dem Kongreß?«

»Versteht sich. Und warum nicht?«

»Auf dem Kongreß also.«

Und da habe denn, so fuhr Hradscheck fort, der König von Preußen zum

Kaiser von Rußland gesagt: »Höre, Bruderherz, was Du von Deinem

Stiglischeck auch sagen magst, Kolter ist doch besser, Parole d'honneur,

Kolter ist der erste Springer der Welt, und was ihm auch passiren mag,

er wird sich immer zu helfen wissen.« Und als nun der Kaiser von Rußland

das bestritten, da hätten sie gewettet, und wäre blos _die_ Bedingung

gewesen, daß nichts vorher gesagt werden solle. Das hätten sie denn auch

gehalten. Und als nun Kolter halb schon das zwischen zwei Thürmen

ausgespannte Seil hinter sich gehabt habe, da sei mit einem Male, von

der andern Seite her, ein andrer Seiltänzer auf ihn losgekommen, das sei

Stiglischeck gewesen, und keine Minute mehr, da hätten sie sich

gegenüber gestanden und der Russe, was ihm auch keiner verdenken könne,

habe blos gesagt: »Alles #perdu#, Bruder: _Du_ verloren, ich verloren.«

Aber Kolter habe nur gelacht und ihm was ins Ohr geflüstert, einige

sagen einen frommen Spruch, andre aber sagen das Gegentheil, und sei

dann mit großer Anstrengung und Geschicklichkeit zehn Schritte rückwärts

gegangen, während der andre sich niedergehuckt habe. Und nun habe Kolter

einen Anlauf genommen und sei mit eins, zwei, drei über den andern

weggesprungen. Da sei denn ein furchtbares Beifallklatschen gewesen und

einige hätten laut geweint und immer wieder und wieder gesagt, »das sei

mehr als Napoleon«. Und der Kaiser von Rußland habe seine Wette

verloren und auch wirklich bezahlt.

»Wird er wohl, wird er wohl,« sagte Kunicke. »Der Russe bezahlt immer.

Hat's ja ... Bravo, Hradscheck; bravo!«

So war Hradscheck mit Beifall belohnt worden und hatte von Viertelstunde

zu Viertelstunde noch vieles Andre zum Besten gegeben, bis endlich um

elf die Stammgäste das Haus verließen.

* * *

Ede war schon zu Bett geschickt und in dem weiten Hause herrschte

Todesstille. Hradscheck schritt auf und ab in seiner Stube, mußte sich

aber setzen, denn der Aufregungen dieses Tages waren so viele gewesen,

daß er sich, trotz fester Nerven, einer Ohnmacht nahe fühlte. So lang er

drüben Geschichten erzählt hatte, munterer und heiterer, so wenigstens

schien es, als je zuvor, war kein Tropfen Wein über seine Lippen

gekommen, jetzt aber nahm er Kognak und Wasser und fühlte, wie Kraft und

Entschlossenheit ihm rasch wiederkehrten. Er ging auf das Schubfach zu,

drin er das Kapselchen versteckt hatte, zog gleich danach seine Schuh'

aus und pulverte von dem Farrnkrautsamen hinein.

»So!«

Und nun stand er wieder in seinen Schuhen und lachte.

»Will doch mal die Probe machen! Wenn ich jetzt unsichtbar bin, muß ich

mich auch selber nicht sehen können.«

Und das Licht zur Hand nehmend, trat er vor den schmalen Trumeau mit

dem weißlackirten Rahmen und sah hinein und nickte seinem Spiegelbilde

zu. »Guten Tag, Abel Hradscheck. Wahrhaftig, wenn alles so viel hilft,

wie der Farrnkrautsamen, so werd' ich nicht weit kommen und blos noch

das angenehme Gefühl haben, ein Narr gewesen zu sein und ein Dummkopf,

den ein altes Weib genasführt hat. Die verdammte Hexe! Warum lebt sie?

Wäre sie weg, so hätt' ich längst Ruh' und brauchte diesen Unsinn nicht.

Und brauchte nicht ...« Ein Grusel überlief ihn, denn das Furchtbare,

was er vorhatte, stand mit einem Male wieder vor seiner Seele. Rasch

aber bezwang er sich. »Eins kommt aus dem andern. Wer A sagt, muß B

sagen.«

Und als er so gesprochen und sich wieder zurecht gerückt hatte, ging er

auf einen kleinen Eckschrank zu und nahm ein Laternchen heraus, das er

sich schon vorher durch Überkleben mit Papier in eine Art Blendlaterne

umgewandelt hatte. Die Alte drüben sollte den Lichtschimmer nicht wieder

sehn und ihn nicht zum wievielsten Male mit ihrem »ick weet nich,

Hradscheck, wihr et in de Stuw or wihrt et in'n Keller« in Wuth und

Verzweiflung bringen. Und nun zündete er das Licht an, knipste die

Laternenthür wieder zu und trat rasch entschlossen auf den Flur hinaus.

Was er brauchte, darunter auch ein Stück alter Teppich, aus langen

Tuchstreifen geflochten, lag längst unten in Bereitschaft.

»Vorwärts, Hradscheck!«

Und zwischen den großen Ölfässern hin ging er bis an den Kellereingang,

hob die Fallthür auf und stieg langsam und vorsichtig die Stufen

hinunter. Als er aber unten war, sah er, daß die Laterne, trotz der

angebrachten Verblendung, viel zu viel Licht gab und nach oben hin, wie

aus einem Schlot, einen hellen Schein warf. Das durfte nicht sein, und

so stieg er die Treppe wieder hinauf, blieb aber in halber Höhe stehn

und griff blos nach einem ihm in aller Bequemlichkeit zur Hand liegenden

Brett, das hier an das nächstliegende Ölfaß herangeschoben war, um die

ganze Reihe der Fässer am Rollen zu verhindern. Es war nur schmal, aber

doch gerade breit genug, um unten das Kellerfenster zu schließen.

»Nun mag sie sich drüben die Augen auskucken. Meinetwegen. Durch ein

Brett wird sie ja wohl nicht sehn können. Ein Brett ist besser als

Farrnkrautsamen ...«

Und damit schloß er die Fallthür und stieg wieder die Stufen hinunter.

Unterm Birnbaum · 第 21 / 25 题