»De Franzos is rutscht,« hatte die Jeschke gesagt und war dabei wieder
so sonderbar vertraulich gewesen, alles mit Absicht und Berechnung. Denn
wenn das Gespräch auch noch nachwirkte, darin ihr, vor länger als einem
Jahr, ihr sonst so gefügiger Nachbar mit einer Verläumdungsklage gedroht
hatte, so konnte sie, trotz alledem, von der Angewohnheit nicht lassen,
in dunklen Andeutungen zu sprechen, als wisse sie was und halte nur
zurück.
»Verdammt!« murmelte Hradscheck vor sich hin. »Und dazu der Ede mit
seiner ewigen Angst.«
Er sah deutlich die ganze Geschichte wieder lebendig werden, und ein
Schwindel ergriff ihn, wenn er an all das dachte, was bei diesem Stande
der Dinge jeder Tag bringen konnte.
»Das geht so nicht weiter. Er muß weg. Aber wohin?«
Und bei diesen Worten ging Hradscheck auf und ab und überlegte.
»Wohin? Es heißt, er liege in der Oder. Und dahin muß er ... je eher je
lieber ... _Heute_ noch. Aber ich wollte, dies Stück Arbeit wäre
gethan. Damals ging es, das Messer saß mir an der Kehle. Aber jetzt!
Wahrhaftig, das Einbetten war nicht so schlimm, als es das Umbetten
ist.«
Und von Angst und Unruhe getrieben, ging er auf den Kirchhof und trat an
das Grab seiner Frau. Da war der Engel mit der Fackel und er las die
Inschrift. Aber seine Gedanken konnten von dem, was er vorhatte, nicht
los, und als er wieder zurück war, stand es fest: »Ja, _heute_ noch ...
Was du thun willst, thue bald.«
Und dabei sann er nach, _wie's_ geschehn müsse.
»Wenn ich nur etwas Farrnkraut hätt'. Aber wo giebt es Farrnkraut hier?
Hier wächst ja blos Gras und Gerste, weiter nichts, und ich kann doch
nicht zehn Meilen in der Welt herumkutschiren, blos um mit einem großen
Busch Farrnkraut wieder nach Hause zu kommen. Und warum auch? Unsinn ist
es doch.«
Er sprach noch so weiter. Endlich aber entsann er sich, in dem
benachbarten Gusower Park einen ganzen Wald von Farrnkraut gesehn zu
haben. Und so rief er denn in den Hof hinaus und ließ anspannen.
Um Mittag kam er zurück, und vor ihm, auf dem Rücksitze des Wagens, lag
ein riesiger Farrnkrautbusch. Er kratzte die Samenkörnchen ab und that
sie sorglich in eine Papierkapsel und die Kapsel in ein Schubfach. Dann
ging er noch einmal alles durch, was er brauchte, trug das Grabscheit,
das für gewöhnlich neben der Gartenthür stand, in den Keller hinunter
und war wie verwandelt, als er mit diesen Vorbereitungen fertig war.
Er pfiff und trällerte vor sich hin und ging in den Laden.
»Ede, Du kannst heute Nachmittag ausgehn. In Gusow ist Jahrmarkt mit
Karoussel und sind auch Kunstreiter da, das heißt Seiltänzer. Ich hab'
heute Vormittag das Seil spannen sehn. Und vor acht brauchst Du nicht
wieder hier zu sein. Da nimm, das ist für Dich, und nun amüsire Dich
gut. Und is auch 'ne Waffelbude da, mit Eierbier und Punsch. Aber hübsch
mäßig, nich zu viel; hörst Du, keine Dummheiten machen.«
Ede strahlte vor Glück, machte sich auf den Weg und war Punkt acht
wieder da. Zugleich mit ihm kamen die Stammgäste, die, wie gewöhnlich,
ihren Platz in der Weinstube nahmen. Einige hatten schon erfahren, daß
Hradscheck am Vormittag in Gusow gewesen und mit einem großen Busch
Farrnkraut zurückgekommen sei.
»Was Du nur mit dem Farrnkraut willst?« fragte Kunicke.
»Anpflanzen.«
»Das wuchert ja. Wenn das drei Jahr in Deinem Garten steht, weißt Du vor
Unkraut nicht mehr, wo du hin sollst.«
»Das soll es auch. Ich will einen hohen Zaun davon ziehn. Und je rascher
es wächst, desto besser.«
»Na, sieh Dich vor damit. Das ist wie die Wasserpest; wo sich das mal
eingenistet hat, ist kein Auskommen mehr. Und vertreibt Dich am Ende von
Haus und Hof.«
Alles lachte, bis man zuletzt auf die Kunstreiter zu sprechen kam und an
Hradscheck die Frage richtete, was er denn eigentlich von ihnen gesehen
habe?
»Blos das Seil. Aber Ede, der heute Nachmittag da war, der wird wohl
Augen gemacht haben.«
Und nun erzählte Hradscheck des Breiteren, daß _der_, dem die Truppe
jetzt gehöre, des alten Kolter Schwiegersohn sei, ja, die Frau desselben
nenne sich noch immer nach dem Vater und habe den Namen ihres Mannes gar
nicht angenommen.
Er sagte das alles so hin, wie wenn er die Kolters ganz genau kenne, was
den Ölmüller zu verschiedenen Fragen über die berühmte Seiltänzerfamilie
veranlaßte. Denn Springer und Kunstreiter waren Quaasens unentwegte
Passion, seit er als zwanzigjähriger Junge mal auf dem Punkte gestanden
hatte, mit einer Kunstreiterin auf und davon zu gehn. Seine Mutter
jedoch hatte Wind davon gekriegt und ihn nicht blos in den Milchkeller
gesperrt, sondern auch den Direktor der Truppe gegen ein erhebliches
Geldgeschenk veranlaßt, die »gefährliche Person« bis nach Reppen hin
vorauszuschicken. All das, wie sich denken läßt, gab auch heute wieder
Veranlassung zu vielfachen Neckereien und um so mehr, als Quaas ohnehin
des Vorzugs genoß, Stichblatt der Tafelrunde zu sein.
»Aber was is das mit Kolter?« fragte Kunicke. »Du wolltest von ihm
erzählen, Hradscheck. Is es ein Reiter oder ein Springer?«
»Blos ein Springer. Aber was für einer!«
Und nun fing Hradscheck an, eine seiner Hauptgeschichten zum Besten zu
geben, die vom alten Kolter nämlich, der Anno 14 schon sehr berühmt und
mit in Wien auf dem Kongreß gewesen sei.
»Was, was? Mit auf dem Kongreß?«
»Versteht sich. Und warum nicht?«
»Auf dem Kongreß also.«
Und da habe denn, so fuhr Hradscheck fort, der König von Preußen zum
Kaiser von Rußland gesagt: »Höre, Bruderherz, was Du von Deinem
Stiglischeck auch sagen magst, Kolter ist doch besser, Parole d'honneur,
Kolter ist der erste Springer der Welt, und was ihm auch passiren mag,
er wird sich immer zu helfen wissen.« Und als nun der Kaiser von Rußland
das bestritten, da hätten sie gewettet, und wäre blos _die_ Bedingung
gewesen, daß nichts vorher gesagt werden solle. Das hätten sie denn auch
gehalten. Und als nun Kolter halb schon das zwischen zwei Thürmen
ausgespannte Seil hinter sich gehabt habe, da sei mit einem Male, von
der andern Seite her, ein andrer Seiltänzer auf ihn losgekommen, das sei
Stiglischeck gewesen, und keine Minute mehr, da hätten sie sich
gegenüber gestanden und der Russe, was ihm auch keiner verdenken könne,
habe blos gesagt: »Alles #perdu#, Bruder: _Du_ verloren, ich verloren.«
Aber Kolter habe nur gelacht und ihm was ins Ohr geflüstert, einige
sagen einen frommen Spruch, andre aber sagen das Gegentheil, und sei
dann mit großer Anstrengung und Geschicklichkeit zehn Schritte rückwärts
gegangen, während der andre sich niedergehuckt habe. Und nun habe Kolter
einen Anlauf genommen und sei mit eins, zwei, drei über den andern
weggesprungen. Da sei denn ein furchtbares Beifallklatschen gewesen und
einige hätten laut geweint und immer wieder und wieder gesagt, »das sei
mehr als Napoleon«. Und der Kaiser von Rußland habe seine Wette
verloren und auch wirklich bezahlt.
»Wird er wohl, wird er wohl,« sagte Kunicke. »Der Russe bezahlt immer.
Hat's ja ... Bravo, Hradscheck; bravo!«
So war Hradscheck mit Beifall belohnt worden und hatte von Viertelstunde
zu Viertelstunde noch vieles Andre zum Besten gegeben, bis endlich um
elf die Stammgäste das Haus verließen.
* * *
Ede war schon zu Bett geschickt und in dem weiten Hause herrschte
Todesstille. Hradscheck schritt auf und ab in seiner Stube, mußte sich
aber setzen, denn der Aufregungen dieses Tages waren so viele gewesen,
daß er sich, trotz fester Nerven, einer Ohnmacht nahe fühlte. So lang er
drüben Geschichten erzählt hatte, munterer und heiterer, so wenigstens
schien es, als je zuvor, war kein Tropfen Wein über seine Lippen
gekommen, jetzt aber nahm er Kognak und Wasser und fühlte, wie Kraft und
Entschlossenheit ihm rasch wiederkehrten. Er ging auf das Schubfach zu,
drin er das Kapselchen versteckt hatte, zog gleich danach seine Schuh'
aus und pulverte von dem Farrnkrautsamen hinein.
»So!«
Und nun stand er wieder in seinen Schuhen und lachte.
»Will doch mal die Probe machen! Wenn ich jetzt unsichtbar bin, muß ich
mich auch selber nicht sehen können.«
Und das Licht zur Hand nehmend, trat er vor den schmalen Trumeau mit
dem weißlackirten Rahmen und sah hinein und nickte seinem Spiegelbilde
zu. »Guten Tag, Abel Hradscheck. Wahrhaftig, wenn alles so viel hilft,
wie der Farrnkrautsamen, so werd' ich nicht weit kommen und blos noch
das angenehme Gefühl haben, ein Narr gewesen zu sein und ein Dummkopf,
den ein altes Weib genasführt hat. Die verdammte Hexe! Warum lebt sie?
Wäre sie weg, so hätt' ich längst Ruh' und brauchte diesen Unsinn nicht.
Und brauchte nicht ...« Ein Grusel überlief ihn, denn das Furchtbare,
was er vorhatte, stand mit einem Male wieder vor seiner Seele. Rasch
aber bezwang er sich. »Eins kommt aus dem andern. Wer A sagt, muß B
sagen.«
Und als er so gesprochen und sich wieder zurecht gerückt hatte, ging er
auf einen kleinen Eckschrank zu und nahm ein Laternchen heraus, das er
sich schon vorher durch Überkleben mit Papier in eine Art Blendlaterne
umgewandelt hatte. Die Alte drüben sollte den Lichtschimmer nicht wieder
sehn und ihn nicht zum wievielsten Male mit ihrem »ick weet nich,
Hradscheck, wihr et in de Stuw or wihrt et in'n Keller« in Wuth und
Verzweiflung bringen. Und nun zündete er das Licht an, knipste die
Laternenthür wieder zu und trat rasch entschlossen auf den Flur hinaus.
Was er brauchte, darunter auch ein Stück alter Teppich, aus langen
Tuchstreifen geflochten, lag längst unten in Bereitschaft.
»Vorwärts, Hradscheck!«
Und zwischen den großen Ölfässern hin ging er bis an den Kellereingang,
hob die Fallthür auf und stieg langsam und vorsichtig die Stufen
hinunter. Als er aber unten war, sah er, daß die Laterne, trotz der
angebrachten Verblendung, viel zu viel Licht gab und nach oben hin, wie
aus einem Schlot, einen hellen Schein warf. Das durfte nicht sein, und
so stieg er die Treppe wieder hinauf, blieb aber in halber Höhe stehn
und griff blos nach einem ihm in aller Bequemlichkeit zur Hand liegenden
Brett, das hier an das nächstliegende Ölfaß herangeschoben war, um die
ganze Reihe der Fässer am Rollen zu verhindern. Es war nur schmal, aber
doch gerade breit genug, um unten das Kellerfenster zu schließen.
»Nun mag sie sich drüben die Augen auskucken. Meinetwegen. Durch ein
Brett wird sie ja wohl nicht sehn können. Ein Brett ist besser als
Farrnkrautsamen ...«
Und damit schloß er die Fallthür und stieg wieder die Stufen hinunter.