»Hans!« rief der Vater und fuhr erschreckt von seinem Stuhl in die Höhe,

denn er glaubte im ersten Augenblick, sein Hans sei durch den Sturz im Kopf

verwirrt geworden, »um Gottes willen, Junge, was hast Du? was ist mit Dir?

Du solltest noch nicht so viel nachdenken, Du solltest hübsch still liegen

und Dich ruhig halten.«

Hans, der wohl ahnen mochte was sein Vater fürchtete, lächelte still vor

sich hin; endlich sagte er: »Die Kathrine hat mich lieb, ich weiß es.

Vorhin hab' ich's gehört, als sie noch glaubte, ich könnte sie nicht

hören, und ich bin ihr auch von Herzen gut, und sie paßt besser für

mich, für uns Alle, als das Lieschen.«

»Aber der Traubenwirth hat mein Wort, das Lieschen hat Deins. Das geht im

Leben nicht und brächte Schand' auf uns Alle,« rief jetzt der Alte,

denn der Hans sprach zu vernünftig, als daß er nun nicht hätte merken

können, es sei ihm Ernst.

»Wär' Euch die Kathrine zur Schwiegertochter recht, Vater?«

»Was hilft das Fragen, Hans? zerquäl' Dir den Kopf nicht mit derlei

Dingen,« mahnte der Vater ab, doch noch immer nicht so ganz beruhigt. Wie

kam der Junge jetzt nur auf die Kathrine?

»Bitte, beantwortet mir nur die eine Frage,« bat Hans, »wär' Euch die

Kathrine zur Schwiegertochter recht?«

»Wenn Du sie früher gewählt hättest, ich wollt nichts dagegen sagen,«

setzte er zögernd hinzu, »aber so --«

»Vater, wollt Ihr mich einen Augenblick ruhig anhören?«

»Du darfst nicht so viel sprechen.«

»Nur ein paar Worte, ich muß es vom Herzen haben, und Ihr müßt morgen

ganz früh nach Wetzlau reiten und mit dem Traubenwirth sprechen.«

»Und was ist's?«

Hans lag noch eine Weile still, dann erzählte er dem Vater mit kurzen,

einfachen Worten die ganzen Erlebnisse, erst von dem letzten Kirmeßabend,

dann von jenem Sonntag-Morgen, was er gehört und was er selber gesehen

und der Vater saß dabei und schüttelte nur unablässig mit dem Kopfe. Und

dann erzählte Hans weiter, wie er wieder zur Besinnung gekommen sei und

wie Katharine an seinem Bett gelegen und gebetet und was sie dabei gesagt

habe. Und jetzt nickte der Alte und sagte leise: »Ob ich's mir nicht

gedacht -- ob ich's mir nicht gedacht!«

»Und soll ich das Lieschen jetzt noch heirathen, Vater? könnt' ich's nach

dem, was vorgefallen ist, je wieder recht von Herzen lieb haben? und hat's

mir nicht damit selbst mein Wort zurückgegeben?«

Der Alte antwortete nichts, er war aufgestanden, kraute sich den Kopf und

ging eine ganze Weile im Zimmer auf und ab. Endlich rief er: »Morgen früh

reit' ich zum Traubenwirth hinüber. Gern thu' ich's nicht, aber Recht

hast Du. Wenn die Sache denn einmal so steht, mag sich das Lieschen den

Stadtmenschen nehmen. In die Stadt paßt es auch besser mit den weiten

Röcken, als zu uns in die engen Stuben -- und die Kathrine?«

»Sagt ihr noch nichts, Vater,« bat Hans, »ich möchte sie selber darum

fragen; auch der Mutter nicht; heute Abend bin ich doch zu schwach. Das

viele Reden hat mich angestrengt, vielleicht auch der Hunger; aber da kommt

die Mutter mit der Suppe, die wird mir gut thun. Mir ist ordentlich zu

Muthe, als ob ich in einem ganzen Jahre nichts gegessen hätte.«

Elftes Capitel.

Was die Katharine dazu sagte.

Hans hatte Recht gehabt. Die vier Tage Fasten paßten nicht zu seinem

Körper, und als er einen großen Teller kräftige Fleischbrühe

aufgegessen, fühlte er sich besser, legte sich auf die andere Seite und

schlief sanft und ruhig bis zum andern Morgen.

Nach Sonnenaufgang lugte der Vater in's Zimmer herein und fand den Sohn

schon munter und wohl in seinem Bett aufsitzen.

»Bleibt's beim Alten?« frug er nur; Hans nickte, und der alte Barthold

ging hinunter, setzte sich auf den Braunen und ritt hinüber nach Wetzlau.

Hans aber, durch den herrlichen Schlaf neu gestärkt, ließ sich von der

Mutter seine Kleider geben, die Sonntagskleider, mit denen er zuletzt

drüben in der Traube gewesen war, dann setzte er sich in den Lehnstuhl.

Das Ankleiden hatte ihn doch ein Bischen mitgenommen, und er sah wieder

etwas blaß aus und sagte, als die Mutter bald darauf in's Zimmer schaute

und frug, ob er noch 'was brauche:

»Mutter, ich möcht' gern einmal die Kathrine sprechen.«

»Kann ich's nicht auch besorgen, Hans?«

»Nein, Mutter, Ihr nicht. Die Kathrine kann wohl einmal heraufkommen; die

hat noch junge Beine -- sie hat mir so noch nicht guten Morgen gesagt --

und kann mir auch gleich den Kaffee mit heraufbringen.«

Die Mutter schüttelte mit dem Kopf, that aber des Sohnes Willen, und eine

kleine Weile später kam Katharine mit dem Verlangten, setzte das kleine

Kaffeebret auf den Tisch, ging dann zu Hans, reichte ihm die Hand und

sagte: »Guten Morgen, Hans; Gott sei ewig gedankt, daß Du wieder

aufsitzen kannst und so gut und wohl dabei aussiehst.«

»Guten Morgen, Kathrin',« erwiderte Hans, ließ aber die Hand noch nicht

sogleich wieder los, die sie ihm geboten, »freut's Dich wirklich, daß ich

wieder gesund bin?«

»Aber Hans, wie kannst Du nur so was fragen? Glaubst Du's nicht?«

»Doch, Kathrine,« sagte Hans, »gewiß glaub' ich's und gern noch

obendrein.«

»Und das Lieschen wird erst eine Freud' haben. Der Vater ist heute Morgen

hinüber und bringt's vielleicht gleich mit. Die ist gar krank geworden vor

lauter Sorge, die arme Maid.«

»Meinst, Kathrine, daß sie wegen meiner krank geworden ist?«

»Aber was Du nur heut für sonderbare Fragen thust, Hans! Wegen wessen

denn sonst?«

»Ja, ich weiß nicht,« sagte Hans und schaute still und sinnend vor sich

hin, er wußte aber doch, wegen wessen. Kathrine hatte indessen ihre Hand

wieder frei gemacht, schenkte ihm den Kaffee ein und rückte ihm dann den

kleinen Tisch zu dem Lehnstuhl, damit er die Tasse leicht erreichen konnte.

Sie hätte es ihm gern noch bequemer gemacht, wenn es nur möglich gewesen

wäre.

»Der Kaffee wird kalt, Hans, wenn Du nicht trinkst,« sagte sie, »er ist

ohnehin ein Bischen dünn, aber die Mutter wollte nicht, daß ich ihn Dir

stark kochen sollte, weil er Dir sonst schaden könnte, wie sie meinte.

Trink ihn nur wenigstens, so lang er noch heiß ist.«

Hans hörte gar nicht, was sie ihm von dem Kaffee erzählte, denn ihm

gingen andere Dinge im Kopf herum.

»Heut' in drei Wochen soll die Hochzeit sein, Kathrine,« meinte er

endlich, und sah das Mädchen fest und forschend dabei an.

»Ja, ich weiß schon,« sagte Katharine, aber viel leiser, als sie vorher

gesprochen, »das Papier ist endlich gekommen.«

»Hast Du nichts dagegen, Kathrine?«

»Ich? Aber Hans, wie Du nur heut' bist? Was kann denn ich dagegen haben?

und weshalb?« setzte sie noch viel leiser hinzu.

»Ja, Du wärst aber doch eigentlich die Hauptperson,« meinte Hans; »die

Braut hat doch das Meiste dabei zu sagen.«

»Hans, das ist schlecht von Dir, daß Du einen solchen Scherz mit mir

machst,« sagte Katharine. Sie war leichenblaß dabei geworden und es war,

als ob die blauen Augen ein paar Glasdeckel bekommen hätten, so lagen ihr

zwei große schwere Thränen darin und füllten sie bis zum Rande aus.

»Und wenn's nun kein Scherz wäre, Kathrine?« sagte Hans und streckte die

Hand nach ihr aus, »wenn nun das Lieschen falsch gegen mich gewesen und

der Vater heute hinübergeritten wäre, um dem Traubenwirth die Heirath

aufzusagen? Wenn ich Dir nun von Herzen gut wäre, Kathrine, und gestern

auch gehört hätte, was Du an meinem Bett gebetet, und keine Andere weiter

auf der Welt möcht', als Dich, und Dich von Herzen bäte, daß Du das

Kind im Hause bleiben und nur dazu noch mein Weib, mein liebes Weib werden

wolltest, Kathrine?«

»Hans!«

»'s ist mein Ernst, Kathrine,« sagte Hans treuherzig, indem er ihr

nochmals die Hand entgegenstreckte. »Das Lieschen hält's mit dem

Stadtherrn. Ich hab's selber gehört, wenn sie auch nicht wußte daß ich

dabei stand, daß sie ihn von Herzen lieb hat. Sie hat's ihm selber gesagt

und ist ihm dabei auch um den Hals gefallen. Da war's aus mit uns Beiden,

und blind und taub bin ich gewesen, daß ich nicht schon lange eingesehen

habe, daß wir Zwei hier doch am besten zusammen passen. Wenn Du mich haben

willst, schlag ein, Kathrine, und ich will Dir gut sein mein ganzes Leben

lang.«

Und Katharine sagte gar nichts dazu, aber neben dem kranken Hans kniete

sie nieder und lachte und weinte und war so glücklich, daß ihr das Herz

hätte zerspringen mögen in der Brust.

Und wie der Kaffee dabei eisig kalt wurde, kam die Mutter herein und blieb

vor Erstaunen auf der Schwelle stehen und schlug die Hände zusammen. Als

sie aber hörte, was hier vorgefallen und wie es des Traubenwirths Tochter

drüben getrieben und wie falsch sie gewesen und wie gut Hans der Katharine

sei und Katharine dem Hans, da setzte sie sich mit hin und weinte und

lachte, gerade wie Katharine. Und jetzt kam's auch heraus, daß das ihr

heißester Seelenwunsch gewesen und sie sich vor der Zeit eigentlich

gefürchtet hätte, wo Lieschen als Schwiegertochter in das Haus gezogen

wäre, eben weil sie immer so vornehm und gar nicht wie ein Bauermädchen

war. Aber sie hatte trotzdem nichts sagen mögen, weil man bei solchen

Dingen -- worüber aber die Meinungen verschieden sind -- eigentlich keinem

andern Menschen zureden müsse.

Gegen Mittag kam der Vater zurück. Drüben in Wetzlau war's heiß

hergegangen. Der Traubenwirth hatte noch von nichts gewußt, und Lieschen

war vor ihm auf die Kniee gefallen und hatte ihm gestanden, daß sie den

fremden Herrn liebe und daß er sie heirathen wolle. Und der Traubenwirth

war außer sich gewesen und hatte seine Tochter von sich gestoßen und

sie allerhand schreckliche Namen genannt, und das hatte der alte Barthold

endlich nicht länger mehr mit anhören können und war wieder fortgeritten

nach Dreiberg.

Und an dem Mittwoch über drei Wochen war wirklich Hochzeit und der

katholische Pfarrer dazu aus der Stadt herausgekommen. Wie aber die beiden

jungen Leute eingesegnet waren und Hans sein glückliches freudeglühendes

Weibchen im Arme hielt, da meinte der alte Barthold: »Hans, erinnerst

Du Dich wohl noch dran, was Du damals sagtest, als uns der Heimathschein

ausblieb und Du Dich für den unglücklichsten Menschen in der Welt

hieltest, weil Du das Lieschen nicht gleich Knall und Fall heirathen

konntest? Ich glaube, es war: ›ich wollte, ich wär' todt und begraben‹

und ›kein Mensch in der ganzen Welt hat mehr Unglück, als ich.‹ War's

nicht so?«

Hans ließ beschämt den Kopf hängen.

»Siehst Du nun,« fuhr der Vater fort, »wie wohl und weise es der

allgütige Gott da oben einrichtet, wenn wir armen Sterblichen hier unten

auch manchmal nicht gleich einsehen können, wozu das oder das wohl gut

sein könnte? Am Ende führt er doch immer Alles zum Besten hinaus, und wir

Alle arbeiten nur in seinem Dienst und dienen nur zu seinen Werkzeugen

-- selbst die langsamen Behörden da drinnen in der Stadt,« setzte er

lächelnd hinzu. »Aber jetzt mag das Vergangene vergessen sein, und nun

segne Euch Beide Gott und seid glücklich miteinander.«

Und Hans und Katharine waren glücklich, und die Eltern sollten nie im

Leben bereuen, daß sie die kleine Waise damals an Kindesstatt angenommen

und sich ein wirklich Kind daraus erzogen hatten.

An dem nämlichen Abend aber, an dem Hans und Katharine mitsammen Hochzeit

machten, lief des Traubenwirths Tochter mit ihrem Schatz heimlich davon,

und man hat nie wieder von ihnen gehört, denn sie gingen miteinander nach

Amerika. Der Traubenwirth aber überlebte die Schande nicht lange, die

ihm sein Kind angethan. Er kränkelte von da an, und wie das Jahr um war,

trugen sie ihn still hinaus in sein letztes Kämmerlein.

Auf der Eisenbahn.

Wie ganz anders reisen wir jetzt, als früher; was für ein Drängen

und Treiben ist das, in dieser vollkommen neuen Welt des Dampfes und der

Elektrographen. Wie schnell fliegen _wir_, wie schnell fliegt die Zeit

-- und wie langsam gehen doch noch so viele Menschen in ihrem alten,

ausgetretenen Gleis _neben_ der Eisenbahn her, ja hielten uns wohl gern

noch auf, um mit ihnen in Einem Tempo zu bleiben, denn jeder rasche

Fortschritt ist ihnen zuwider. Aber eben so machtlos griffen sie in die

Speichen der Zeit, wie in die Dampfräder des Fortschritts, und wir fliegen

keck und freudig an ihnen vorbei, und lassen sie nachkeuchen.

Die Fahrt mit dem Dampfwagen ist freilich nicht mehr so gemüthlich,

wie die frühere alte Postfahrt. In unserer praktischen Zeit hat die

Gemüthlichkeit überhaupt erstaunlich abgenommen. Jetzt regiert der

Eigennutz in der Welt, und wer einen Eckplatz im Coupé bekommen kann,

lehnt sich behaglich hinein, streckt die Beine vor sich hin, und kümmert

sich nicht um den Nachbar.

Das ganze Reisen ist auch ein anderes geworden. Früher gehörte ein

Entschluß dazu, den alten Wohnsitz zu verlassen, um irgend einen

entfernten Ort zu erreichen. Vor allen Dingen mußte man sich einen

Paß mit genauer Personalbeschreibung verschaffen -- Tagelang vorher

eingeschrieben sein, um nicht in einem lästerlichen Beiwagen befördert

zu werden -- und dann die Abschiedsvisiten. -- Jetzt dagegen trägt man

die Paßkarte fix und fertig in der Tasche -- oder braucht sie auch

nicht einmal, und ist aus irgend einem entfernten Theil Deutschlands

zurückgekehrt, ehe nur irgend ein Mensch eine Ahnung hatte, daß man

überhaupt fortgewesen.

Die Reisenden selber verband früher auch schon der gemeinsame Entschluß

-- die lange Fahrt mit einander. Wo zum ersten Mal Mittag gemacht wurde,

saßen die »Passagiere« von den »Gästen« des Orts getrennt, im

»Passagierzimmer« allein und abgeschieden, oder im Gastzimmer an einem

besonderen Theil des Tisches. Abends kehrten sie zusammen ein; Morgens

tranken sie gemeinschaftlich Kaffee, und hatten im Postwagen wieder ein

gemeinsames Leiden zu besprechen, das sie enger verband: die Klage über

das letzte Nachtquartier.

Wie hat sich das in unserer Zeit geändert. Jetzt werden wir mit einer

Anzahl von Personen zusammengeworfen, die uns nicht interessiren _können_,

da sie vielleicht schon auf der nächsten Station aussteigen -- selbst das

_wohin_ bleibt sich gleich, da sie uns wahrscheinlich nie im Leben mehr

begegnen. »Reisegefährten« -- das Wort existirt gar nicht mehr; man

grüßt sich höchstens, wechselt vielleicht ein paar Worte mitsammen, und

kennt sich nicht mehr, sobald man aussteigt, trotzdem man vielleicht

eine Strecke gemeinschaftlich zurückgelegt hat, die unter frühern

Verhältnissen eine feste und dauernde Freundschaft begründet hätte.

Das macht der Dampf: die Concentration der Zeit, wie man es nennen könnte,

mit der wir in ein Coupé erst zusammengepreßt, und dann wieder gewaltsam

auseinander geschnellt werden. Wer kann sich dabei gemüthlich fühlen?

Wo ist die beschauliche Ruhe beim Reisen geblieben, mit welcher der

»Schwager« vor der Abfahrt ein paar Stücke auf seinem Horn blies und das

durch Verspätung eingetretene Zurücklassen eines Passagiers ein Ereigniß

gewesen wäre, von dem man auf der Strecke noch Monate lang gesprochen

hätte. -- Jetzt dagegen ein rasches Läuten, ein Pfiff, und fort geht der

Zug, ein unglückseliges Menschenkind aber, das in diesem Augenblick

noch vielleicht verzweifelnd aus dem Wartesaal stürzte, kann nur mit

bestürztem Gesicht hinter dem Davonbrausenden drein sehen, wird noch

dazu ausgelacht, und ist von seinen früheren Mitpassagieren im nächsten

Augenblick vergessen.

Und wie oft geschieht das. Der alte faule Schlendrian steckt da noch in

einer Menge von Menschen, und kommen sie einmal hinaus in's Leben, treten

sie aus ihrer Studirstube oder Werkstatt in's Freie, so hält es ungemein

schwer ihnen begreiflich zu machen, daß die übrige Welt nicht auf sie

wartet oder ihretwegen da ist -- aber der Dampfwagen bringt's fertig.

Und was für wunderliche Leute führt er zusammen.

Es war im August vorigen Jahres, daß ich mit dem Schnellzug von Leipzig

nach Coburg über Eisenach fuhr, und zwar die ersten Stationen mit einem

Fremden allein im Coupé, der sich trotz der warmen Witterung in einen

ziemlich dicken Mantel gehüllt, und seine Reisemütze fast bis über die

Ohren gezogen hatte. Vom Gesicht war dabei nur sehr wenig frei, und

das Wenige selbst ununterbrochen in eine dichte Wolke von Cigarrendampf

gehüllt.

Da ich selber unterwegs nur höchst ungern spreche und nie selber eine

Unterhaltung anknüpfe, mein zeitweiliger Reisegefährte aber die nämliche

Neigung zu stiller Selbstbeschauung zu haben schien, so nahmen wir in

verschiedenen, und zwar gerade den entgegengesetzten Ecken des Coupés

Platz und qualmten um die Wette.

In Naumburg bekamen wir einen Mitgenossen, der aber, während er sich dem

Dicken gegenübersetzte, ganz das Gegentheil von diesem zu sein schien.

Es war ein dünnes, kleines Männchen, nicht älter vielleicht als dreißig

Jahr, aber seinem Gegenüber ordentlich wie zum Trotz ganz in Nanking

gekleidet, ja er hatte noch dazu seine Weste aufgeknöpft, und ging

dadurch auch sogleich zu Feindseligkeiten über, daß er das bis jetzt fest

verschlossene Fenster, ehe es der Dicke verhindern konnte, herunter ließ.

»Bitte, es zieht,« sagte dieser -- es war das erste Wort, was er bis

jetzt gesprochen hatte -- und beiläufig gesagt auch das letzte, das ich

von ihm hörte, aber selbst das nutzlos.

»Nichts geht über frische Luft« -- sagte der Kleine in Nanking -- »Sie

haben ja hier einen Qualm, daß man ersticken möchte.«

Er suchte jetzt auch, wie sich der Zug kaum wieder in Bewegung setzte,

ein Gespräch mit Einem von uns Beiden anzuknüpfen, aber es mißlang ihm

gänzlich. Eine nicht wegzuleugnende meteorologische Beobachtung über

»schönes Wetter« wurde todt geschwiegen -- eine Frage wohin die Reise

gehe, an den Dicken, fand keine Antwort; ich selber that als ob ich

schliefe, und so rasselten wir selbander an Kösen, Sulza und Apolda

vorüber nach Weimar.

Der kleine Mann war dabei völlig rastlos; unaufhörlich sah er bald nach

seiner Uhr, bald nach dem Fahrplan, den er schon ganz zerknittert hatte;

bald holte er ein Buch heraus zum Lesen, steckte es aber augenblicklich

wieder ein. Jetzt nahm er eine Prise -- die er auch dem Dicken anbot, der

aber nur mit dem Kopf schüttelte, jetzt zog er sich den Schuh aus und

ließ einen kleinen Stein heraus; kurz er saß keinen Augenblick still. Wo

auch der Zug hielt, ließ er sich öffnen, und schoß eine Weile auf dem

Perron herum.

Er suchte Jemand, aber nicht etwa einen Bekannten, sondern nur ein

menschliches Wesen, mit dem er sich unterhalten konnte, ja in letzter

Verzweiflung griff er sich sogar den Schaffner auf, der aber nur so lange

bei ihm aushielt, als er Zeit gebrauchte seine Dose zu öffnen und ihm eine

Prise anzubieten.

Endlich in Weimar fand er das Gesuchte. Dort stieg ein etwas sehr

ausgetrockneter Herr mit einer Brille auf, in jeder Hand einen Reisesack

tragend und von seiner Frau, einer kleinen lebendigen Brünette gefolgt, in

das Coupé. Ein Dienstmädchen das sie begleitet hatte, reichte noch

einen großen Tragkorb voll Hutschachteln, Sitzkissen, Vorrathskörben und

Regenschirmen, wobei sie die Dame Frau Professorin nannte, in den

Wagen, wünschte glückliche Reise und zog sich dann in die Arme eines

mittelstaatlichen Infanteristen zurück, der diesen Moment mit großem Takt

in der Entfernung abgewartet hatte.

Der Professor suchte indessen, wie der Zug abpfiff -- der Kleine in Nanking

hatte eben noch Zeit gehabt, wieder in das Coupé zu springen -- seine

Brille, und als er diese gefunden hatte, seine Cigarrentasche, die sich

endlich in dem Arbeitsbeutel seiner Gemahlin fand. Hiernach vermißte er

aber plötzlich seinen Secretairschlüssel -- der mußte daheim auf dem

Tisch liegen geblieben sein, und er schien einen Moment nicht übel Lust

zu haben, dem Zug ein _Halt_ zuzurufen. -- Seine Cigarrenspitze hatte

er ebenfalls »in der Eile« zu Haus liegen lassen, kurz, im Laufe der

Unterhaltung, an welcher der Kleine in Nanking jetzt den lebendigsten

Antheil nahm, stellte sich heraus, daß noch eine ganze Menge von Dingen

vergessen zu besorgen oder zurückgelassen waren und es bedurfte einiger

Zeit, bis sich die beiden Ehegatten soweit beruhigten, das Unvermeidliche

eben zu ertragen. Es war einmal geschehen und nicht mehr zu ändern.

Wir erfuhren jetzt auch in unglaublicher Geschwindigkeit, daß der kleine

Mann in Nanking bis nach Fröttstedt wollte, wo ihn seine Braut mit ihren

Eltern, die aus Eisenach gekommen waren, schon erwarteten, um von da an

die Pferdebahn nach Waltershausen zu benutzen und dann zu Fuß nach

Reinhardsbrunn und dem Inselberg zu gehen. Er war ein Angestellter aus

Naumburg, hatte aber auf zwei Tage Urlaub bekommen und gedachte diese kurze

Zeit mit einer Parforcetour durch den Thüringer Wald an der Seite der

Geliebten auszufüllen.

Der Professor mit seiner Frau dagegen -- denn auch das wurde uns nicht

vorenthalten -- gedachten nur diesen einen Tag von zu Haus wegzubleiben,

da die Kinder und dringende Arbeiten und Geschäfte eine längere

Erholungsreise nicht gestatteten. Das Ehepaar wollte nur nach Eisenach,

dort die Wartburg besuchen, in irgend einer romantischen Schlucht ihr

Mittagsmahl verzehren, und dann mit dem Abendzug wieder nach Weimar

zurückkehren.

Der Mensch denkt und Gott lenkt.

In der Unterhaltung hatte uns die Frau Professorin ebenfalls damit bekannt

gemacht, daß sie eine Schwester in Erfurt habe, die sich ihnen möglicher

Weise auf ihrem Vergnügungsausflug anschließen wolle -- jedenfalls würde

sie am Bahnhof sein, um sie zu begrüßen. In diesem Augenblick hielt der

Zug in Erfurt. Der Schaffner öffnete die Thür.

Erfurt -- vier Minuten Aufenthalt!

Der Kleine schoß wie der Blitz zur Thür hinaus; es war eine ordentlich

peinliche Unruhe in dem Menschen -- und die Frau Professorin sah sich

indessen nach ihrer Schwester um; in dem Gedränge am Zug konnte sie

dieselbe aber nirgend erkennen, und da sie entfernter -- wie sie ihrem

Gatten zurief -- einen blauen Hut zu entdecken glaubte, trat sie hinaus, um

die Ersehnte zu finden.

Der Professor zeigte dabei nur geringe Theilnahme an dem Familienglied,

sondern suchte wieder seine Brille, die er sich, wie er uns mittheilte,

genau erinnerte beim Einsteigen gehabt zu haben, und die jetzt wie in den

Boden hinein verschwunden schien. Er kniete nieder und suchte -- in der

verzweiflungsvollen Möglichkeit, daß sie unter die Füße gekommen sei --

unter den Sitzen, griff hinter in die Polster, öffnete die Arbeitstasche

seiner Frau und schien untröstlich über den Verlust. Er hörte dabei

gar nicht wie es läutete, und kam erst wieder mit der Außenwelt in

Berührung, als er die vermißte endlich in der Cigarrentasche entdeckte,

in die er sie in Gedanken, wie in ein Futteral, hineingeschoben hatte.

Zu gleicher Zeit fuhr aber auch der Kleine in Nanking in das Coupé, das

unmittelbar hinter ihm geschlossen wurde und draußen pfiff es.

»Wo ist denn Ihre Frau Gemahlin?« sagte der Naumburger erstaunt.

»Herr Gott, meine Frau!« rief der Professor, und stürzte an diesem

vorbei nach dem Fenster, das der Dicke schon hartnäckig wieder aufgezogen

hatte. -- Der Zug setzte sich langsam in Bewegung, in zitternder Hast ließ

der unglückliche Gatte das Fenster nieder und fuhr mit dem Kopfe hinaus.

Draußen war noch eine Thür geöffnet, der Schaffner stand dort und neben

ihm die Frau Professorin in athemloser Hast.

»Das ist nicht mein Coupé!« rief sie.

»Steigen Sie nur hier ein,« drängte der Schaffner.

»Elise!« rief in dem Augenblick der Gatte, und »dahinein gehör' ich!«

antwortete jubelnd die Frau und flog auf dem Perron herunter, uns entgegen.

-- Aber hier war keine Thür mehr geöffnet und der Zug im Gang. Der

Schaffner konnte nichts weiter thun, und »machen Sie auf! machen Sie

auf!« schrie die Frau draußen und griff krampfhaft nach dem Schloß.

Die Thür öffnete sich aber natürlich nicht, da sie nach unten von dem

eisernen Vorleger gehalten wurde, und dortstehende Bahnbeamte sprangen

außerdem gleich dazwischen, denn die geängstigte Frau hätte sonst

verunglücken können. An Einsteigen war gar kein Gedanke mehr.

»Da drinnen sitzt mein Mann! Ich muß mit!« Das war das letzte, was wir

von der Frau Professorin hörten, und der Professor, der den Kopf aus dem

Wagen steckte und seine Frau mit den Augen suchte, bis der Zug unter den

Festungstunnel schoß und er erschreckt zurückprallte, sank jetzt auf den

Sitz am Fenster zurück und jammerte --

»Ja Du mein Gott, was soll jetzt werden!«

Unter Palmen und Buchen. Dritter Band. · 第 15 / 16 段