Die Köchin des Apothekers war auch in der That von einer auf

[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= : #fett# ]

Thekla,

oder

die Flucht nach der Türkei.

Epilog zum Staatsgefängniß.

Nebst

zwei andern Novellen

von

August Schrader.

Leipzig, 1851.

Verlag von Christian Ernst Kollmann.

Thekla,

oder

die Flucht nach der Türkei.

1.

In einer der lebhaftesten Straßen Semlin's prangte an einem freundlichen

einstöckigen Wohnhause ein blaues Schild, auf welchem mit großen

goldenen Buchstaben die Worte standen »Löwen-Apotheke.« Neben der großen

Glasthür, die in das Innere des Hauses führte, stand auf einem weißen

Piedestal von Holz die Illustration zu dem Texte im blauen Schilde,

nämlich ein kleiner gelber Löwe mit einer Krone, der in seinen

Vordertatzen ein dunkelrothes Herz hielt, auf welchem abermals das Wort

»Apotheke« in Goldbuchstaben zu lesen war.

Das Erdgeschoß dieses Hauses enthielt außer dem Verkaufslocale und dem

Laboratorium noch die Wohnzimmer des Besitzers, deren freundliche mit

feinen weißen Gardinen geschmückten Fenster einen scharfen Contrast

gegen die dunkeln, unfreundlichen Nachbarhäuser bildeten, die fast alle

von Handwerkern und Krämern bewohnt wurden.

Das erste und einzige Stockwerk, obgleich es nur von einem jungen

unverheiratheten Advokaten bewohnt ward, stand an Eleganz und Sauberkeit

dem Erdgeschosse nicht nach, es zeichnete sich vielmehr durch einen Flor

ausgewählter Blumen in den reinlichen Fensterbrüstungen vor demselben

aus.

Der Besitzer dieser Niederlage von Heilmitteln war ein Mann von ungefähr

fünfzig Jahren und nannte sich Istvan Czabo. Sein Haupthaar war bereits

stark ergraut, aber die Lebendigkeit seiner Bewegungen, das Feuer der

großen Augen und die mäßige Korpulenz seiner hochgewachsenen Gestalt

schienen einem kräftigen Manne von vierzig Jahren anzugehören.

Herr Czabo war seit längerer Zeit schon Wittwer, seine Lebensgefährtin

hatte vor zehn Jahren die Cholera hinweggerafft, die damals mit großer

Gewalt in der armen Stadt gehaus't. Netti, seine einzige Tochter, zählte

bei dem Tode der Mutter nur erst elf Jahre, so daß in ihr eine Stütze

für die Wirthschaft nicht zu finden war; der betrübte Wittwer war

daher gezwungen, eine Haushälterin zu nehmen, der er die Sorge für die

Oekonomie unumschränkt übertrug.

Die Wahl dieser Person war eine glückliche gewesen, denn Meta,

eine kinderlose Wittwe, ersetzte vollkommen die waltende Hand der

geschiedenen Gattin und half durch Sparsamkeit den Wohlstand ihres Herrn

erhöhen.

Netti reifte indeß zu einer blühenden, schönen Jungfrau heran, auf

die mehr als ein Dutzend junger Leute aus dem mittlern und höhern

Bürgerstande der Stadt sehnsüchtige Blicke warfen. Die Jungfrau hatte

auch bald gewählt, der Advokat Ferenz, der den ersten Stock des Hauses

bewohnte, war der Auserkorene, beide liebten sich mit dem ersten Feuer

der Jugend und der Vater billigte diese Liebe, da Ferenz einer der

tüchtigsten Advokaten der Stadt war und ein jährliches Einkommen erwarb,

das ihm ein gutes Haus zu führen erlaubte.

Schon seit länger als einem Jahre hatte Herr Czabo die Verlobung seiner

Tochter mit dem jungen Advokaten angesetzt, die unglückliche Revolution

der Ungarn, die auch Semlin, die äußerste Grenzstadt in steter Gährung

erhielt, war dem sorglichen Vater indeß ein Stein des Anstoßes

gewesen und die Liebenden mußten sich in Geduld fügen, das Ende der

Volkserhebung zu erwarten.

Ferenz liebte aus voller Seele seine junge Braut, er brachte aber die

verzögerte Verbindung mit ihr dem Vaterlande gern zum Opfer, da er nicht

minder für die Freiheit des Volkes erglühte und ein eifriger Anhänger

der Kossuth-Parthei war. Seine Gesinnung durch die That zu bewähren

unterließ er aber aus dem Grunde, da er die Abneigung seines künftigen

Schwiegervaters gegen den Umsturz des Bestehenden kannte und seine

politische Meinung ihm verbergen wollte, zumal Netti ihn mit Thränen in

den Augen darum gebeten hatte.

Oesterreich hatte mit Hülfe der russischen Waffen die großartige

Erhebung der heldenmüthigen Ungarn unterdrückt, in allen Städten

flatterte die schwarz-gelbe Fahne von den Thürmen und die Führer der

Volksparthei wurden verfolgt und im Falle man ihrer habhaft ward, vor

ein Kriegsgericht gestellt und erschossen oder erhängt.

Die Rachsucht des Siegers erstreckte sich vorzüglich auf den Adel

Ungarns, der, nur mit wenigen Ausnahmen, Leben und Gut der Sache

der Freiheit geopfert und überall als Vorkämpfer in den Reihen der

vaterländischen Armeen gestanden hatte.

Mit der Uebergabe des Görgey'schen Corps fiel eine große Anzahl junger

ungarischer Edelleute in die Hände der übermüthigen Sieger, und alle,

die als höhere Officiere dem Vaterlande gedient, wurden als gemeine

Soldaten in die Reihen der österreichischen Truppen gestellt, um so als

willenlose Werkzeuge der Verfolgung benutzt zu werden.

Aber nicht allein den Männern der Revolution galt diese Verfolgung,

sondern auch den Frauen, die durch anfeuernde Worte und Geldsummen in

dem großen Befreiungskampfe mitgewirkt hatten. Zu diesen Frauen gehörte

vor allen die junge Gräfin Thekla Andrasy, die als Herrin eines großen

Vermögens die hervorragendste Rolle gespielt hatte. Der große Sieger

proscribirte die junge Gräfin und setzte einen Preis von dreitausend

Ducaten auf ihren schönen, und wie viele versichern, reizenden Kopf,

da sie sich durch die Flucht dem Schicksale ihrer Gesinnungsgenossen

entzogen hatte, während ihre Güter der Krone Oesterreichs anheimfielen.

Um dieselbe Zeit, als die Proclamationen des neuen Gouverneurs von

Ungarn die Städte erfüllten und eine genaue Personalbeschreibung der

flüchtigen Gräfin lieferten, die das Mitleid und die Segenswünsche

aller Ungarn begleiteten, verbreitete sich in Semlin das Gerücht, Thekla

Andrasy habe sich hierher gewendet, um bei günstiger Gelegenheit

auf türkisches Gebiet zu entkommen, das ein großer Theil politischer

Flüchtlinge vor Absperrung der Grenze bereits erreicht hatte.

In dem Hause des Apothekers ward nur oberflächlich dieses Gerüchtes

erwähnt, da seit der Wendung der Dinge Herr Czabo mit seinen

schwarz-gelben Gesinnungen förmlich prahlte und alles zum Henker

wünschte, was die unglückliche Revolutionsparthei bedauerte. Außerdem

auch hatte ihn ein Zufall betroffen, der eine Störung in seinem

Hauswesen herbeigeführt, dessen regelmäßiger Gang ihm ebenfalls so sehr

am Herzen lag, als die Regelmäßigkeit der alten Staatsmaschine.

Die alte Meta, seine Haushälterin, die schon längere Zeit an einem

Augenübel litt, stand auf dem Punkte blind zu werden, und der Arzt, der

einer Augenheilanstalt vorstand, hatte erklärt, daß die Sehkraft der

treuen Dienerin noch zu retten sei, wenn sie unverweilt sich einer Kur

in der Anstalt unterzöge, die freilich einige Monate dauern könne.

Meta hatte also das Haus verlassen und ein Stübchen in der Anstalt

bezogen, die auf einer freundlichen Wiese neben der Stadt lag.

Ein alter Fischer der Save, Namens Lajos, den zufällig ein Geschäft

in das Haus des Apothekers führte, als Meta sich anschickte, es zu

verlassen, bot Herrn Czabo seine Nichte zum Dienste an; sie sei, hatte

er hinzugefügt, ein schmuckes Mädchen von zweiundzwanzig Jahren und

eigens nach der Stadt gekommen, um sich eine Herrschaft zu suchen, da

ihre vorige aus politischen Gründen flüchtig geworden wäre.

Kathi, so hieß die Nichte des Fischers, stand also seit zwei Tagen im

Dienste des Herrn Czabo, der, beiläufig gesagt, die schmucke Dienstmagd

gern sah, obgleich ihr die Arbeit nicht flink genug von der Hand wollte

und Netti sich mehr als sonst der Sorge um die Wirthschaft unterziehen

mußte.

Es war an demselben Tage, an dem die Ausschreibung des Preises auf den

Kopf der Gräfin Andrasy an den Ecken der Straßen von Semlin aushing, als

der Advokat Ferenz, erschüttert von der neuen Tyrannei der Sieger, sein

Zimmer betrat und sich mißmuthig in den Sessel vor seinem Arbeitstische

warf. Wohl eine Viertelstunde sah der junge Mann starr vor sich hin und

sein Geist schien dem Orte entrückt zu sein, wo der Körper sich befand.

Plötzlich griff er in die Seitentasche seines Rockes und holte ein

zierlich gesticktes Taschenbuch, ein Geschenk seiner Netti, daraus

hervor. Ohne Säumen zog er den Stift, der die Blätter zusammenhielt, aus

den feinen goldenen Oesen, öffnete und las mit halb lauter Stimme, aber

mit großer Begeisterung, folgende Verse:

Und in den Straßen wogte das Gedränge

Des wuthentbrannten Volkes, das empört

In unabsehbar, fürchterlicher Menge,

Den Tigern gleich, die Durst nach Blut verzehrt,

Das Stadthaus droh'nden Blicks umschlossen hielt --

Und Schrecken, überall, wohin man sah --

Der Ausbruch eines Bürgerkriegs war da!

Noch fehlte nur ein Führer, der mit Kraft

Den rechten Geist im rohen Volke schafft --

Da stand urplötzlich eine hohe Frau -- -- --

-- Herrlich, vortrefflich! unterbrach sich der Leser. O wenn ich in

dieser Begeisterung vollenden könnte, wenn sie nur heute nicht durch

Nebenumstände unterbrochen würde! Es ist auch wahrhaftig nicht leicht,

eine Heldin wie die Gräfin Thekla Andrasy zu besingen, den großen

Charakter dieser Jungfrau zu malen, die den Muth eines Generals

entwickelt, ohne die eigenthümliche Grazie ihres Geschlechtes zu

verletzen. Aber eben diese Schwierigkeit verdoppelt meine Kräfte und ich

besinge sie. Soviel steht fest, fuhr er mit Begeisterung fort, daß mein

Gedicht unter den obwaltenden Verhältnissen ein kühnes Unternehmen ist,

denn wie viele mußten in der jüngsten Zeit ähnliche Wagnisse mit dem

Leben büßen -- Und wenn man entdeckte, daß ich, ein einfacher Advokat

von Semlin, es wagte, den Ruhm einer edeln Verbannten zu besingen, die

von der Regierung für eine Hochverrätherin und von trägen, filzigen

Philistern für ein überspanntes Weib gehalten wird -- was würde man

denken? Und vor allen mein künftiger Schwiegervater? Er ist zwar ein

respektabler Apotheker, ein herzensguter Mann -- aber ein Feind des

Fortschrittes, ein Feind der Freiheit und Unabhängigkeit. Ich muß indeß

seine Schwachheit ehren, denn bald, fügte er mit einem zärtlichen Blicke

auf das Taschenbuch hinzu, bald werde ich sein Schwiegersohn. Ach,

Netti, Du wirst meine poetische Begeisterung würdigen und mein Werk

verstehen, Du wirst stolz darauf sein, daß ich für eine so edle,

unglückliche Jungfrau meine Stimme erhebe, denn alle scheinen sie

verlassen zu haben, selbst ihr Oheim, der jetzt kaiserlicher Minister

ist. Ihre Freunde sind theils geflüchtet, theils gefangen, theils durch

ein Kriegsgericht zum Schweigen gebracht -- und sie, das zarte, edle

Mädchen, irrt in dem eigenen Vaterlande flüchtig durch die Steppen,

verfolgt von fremden Soldatenhorden, welche die österreichische Ohnmacht

zu Hülfe rief.

Wohlan denn, mögen alle sie verlassen und verdammen, ich allein will es

wagen, sie zu besingen, -- ja, sie soll die Heldin meiner Verse sein!

Ich kenne sie nur nach einem unvollkommenen Gemälde, das ich in der

Gallerie eines ihrer Schlösser sah -- aber noch glaube ich den

sanften und doch so stolzen Blick zu sehen, noch schwebt mir die

anmuthgeschmückte Stirn vor den Blicken. Wenn der Maler das Urbild nicht

erreichen konnte, soll es der Dichter -- ich will das Gemälde vollenden,

beseelen!

Der junge Mann nahm den Stift wieder zur Hand, stützte den Kopf auf den

linken Arm, sann einige Augenblicke nach und begann zu schreiben:

-- Da stand urplötzlich eine hohe Frau,

Wie einst Johanna =d'Arc= im Volksgewühl,

Die Menge ward begeistert -- --

Ein Klopfen an der Thür unterbrach den Dichter. Rasch verbarg er das

Buch in seiner Tasche und rief »herein!«

Herr Czabo trat ein.

Der Apotheker trug einen schwarzen Frack, schwarze lange Beinkleider,

eine weiße Weste und ein weißes Halstuch. Eine feine goldene Brille, die

er nur dann auf die Nase herabrückte, wenn er ein Recept zu lesen hatte,

lag vor der hohen, glänzenden Stirn. In dieser Kleidung sah man ihn

täglich in der Apotheke.

-- Guten Tag, lieber Sohn! rief freundlich der Greis -- störe ich?

-- O nein, Herr Czabo, sagte Ferenz, indem er aufstand und dem

Ankommenden entgegentrat -- der Vater meiner Netti stört nie, selbst bei

den dringendsten Geschäften.

Die beiden Männer gingen in dem Zimmer auf und ab.

-- Geschäfte gehen allem vor, sagte der Apotheker im Tone des Vorwurfs,

selbst der Braut und dem Schwiegervater.

-- Sie kennen ja doch die allgemeine Stockung der Geschäfte, antwortete

lächelnd der Advokat -- wenn ich mich nicht mit Privatarbeiten

beschäftigte, hätte ich jetzt Langeweile.

-- Ein fürchterlicher Wurm, der tödtet! rief der Apotheker. Ich habe

eine Arbeit für Dich.

-- Einen Proceß?

-- O nein; ich hatte nur einen Proceß in meinem Leben, den Du mir so

glorreich gewinnen halfst -- aber trotzdem ich ihn gewonnen, möchte ich

um die Welt keinen zweiten wieder erleben, ich hasse die Processe, wie

die Langeweile.

-- Nun, was ist es denn?

-- Niklas, mein Zögling und Provisor hat seit einiger Zeit meine

Bücher dergestalt vernachlässigt, daß sie einer gründlichen Durchsicht

bedürfen. Willst Du Dich nach Tische diesem Geschäfte unterziehen?

-- Gern, bester Vater. Wie kommt es nur, daß der sonst so pünktliche

junge Mann -- --

-- Soll ich es Dir sagen, Ferenz? sagte lächelnd Herr Czabo.

-- Nun?

-- Ich glaube, Deine Heirath mit meiner Netti, die bei der Wiederkehr

des Friedens in naher Aussicht steht, hat dem armen Menschen den Kopf

etwas verdreht. Er ist ein guter Junge, weiß seine Medicamente zu

präpariren -- ich muß aber aufrichtig bekennen, daß es mir lieb ist,

ihn durch Dich ausgestochen zu sehen, weil Niklas kein Mann für meine

Tochter ist.

-- Bester Vater, rief der Advokat, ich werde Ihr Zutrauen zu

rechtfertigen wissen, ich fühle, daß ich Kenntnisse und Kraft besitze,

eine gute Carriere zu machen, und wem steht ein glänzenderer Weg offen,

als einem Rechtsgelehrten?

Der Apotheker blieb stehen und sah seinen künftigen Schwiegersohn mit

großen Augen an.

-- Wie, rief er erstaunt aus, willst Du vielleicht einen ähnlichen Weg

einschlagen, wie jener Kossuth, der nichts Geringeres beabsichtigte, als

durch eine Revolution gegen das angestammte Kaiserhaus sich zum Könige

von Ungarn zu machen? Mensch, nimm Dir sein Schicksal zur Warnung, jetzt

irrt er als Vagabond durch die Länder -- das wäre mein König!

-- Bester Vater, er war doch ein muthiger Mann, wandte der Advokat ein.

-- Ein Schreihals, ein verdrehter Kopf war er, den man glücklicherweise

beseitigt hat. O mein Gott, was hat dieser Mensch für Unglück

angerichtet! Und wer schloß sich ihm an? Nur Leute, die nicht wußten,

was sie wollten -- lüderliche Menschen, die keine Lust zur Arbeit hatten

und keine Steuern bezahlen wollten. Der gute Bürger, mein Freund, muß

immer zahlen, ohne widerspenstig zu sein, vorzüglich, was er dem Staate

schuldet, dann leben wir in Ruhe und Frieden und die Geschäfte gedeihen.

Gott sei Dank, rief er aus und hob sein schwarzes Käppchen empor -- Gott

sei Dank, daß der Herr Generalfeldzeugmeister Herr im Lande geblieben

ist und die verwünschten Rebellen verjagt hat! Ich hoffe, er wird sie

noch alle erwischen, damit jeder Keim zur Empörung ausgerottet wird.

Wenn er nur so glücklich wäre, die Gräfin Andrasy dahin zu bringen,

wohin sie gehört.

-- In diesem Falle müßte er doch ihrer erst habhaft werden, sagte

lächelnd der Advokat.

-- Allerdings! Das weiß ich auch! Sie entschlüpft ihm aus der Hand wie

ein Aal -- doch nur Geduld, wenn sie es jemals wagen sollte, nach Semlin

zu kommen, sollen ihre Abenteuer bald zu Ende sein, denn wir sind alle

dem rechtmäßigen Kaiser mit Leib und Seele ergeben. Selbst Niklas ist

schwarz-gelb gesinnt, er ist in politischer Beziehung stets meiner

Meinung und um dem Kaiser zu dienen, sind wir zu allem fähig. Und

vorzüglich jetzt muß ich doppelten Eifer beweisen -- --

-- Jetzt -- warum jetzt? fragte der Advokat.

-- Weil ich heute bei der neu errichteten Schutzwache unserer Stadt zum

Kommandanten gewählt worden bin!

-- Ah, ich gratulire, mein bester Czabo!

-- Danke! antwortete stolz der Apotheker, indem er würdevoll sein

schwarzes Käppchen mit zwei Fingern emporhob. Morgen ist die erste

Parade, bei der ich in vollem Glanze erscheinen werde -- ich habe heute

noch soviel zu besorgen, daß ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht.

-- Ihre Bücher werde ich nach Tische berichtigen, machen Sie sich

deshalb keine Sorgen -- und was das Hauswesen anbetrifft, so wird

Netti -- --

-- Ach ja, die hilft soviel sie kann, sie ist meine kleine Haushälterin

-- wird aber nun bald die Deinige werden. Ach, wenn ich doch meine alte

Meta noch hätte! Kathi, die seit zwei Tagen in meinen Diensten steht,

ist ein Landmädchen, ein sehr hübsch gewachsenes Landmädchen -- ich habe

auch sonst nichts auf sie zu sagen; aber sie kann und weiß nichts. Ihr

Vetter Lajos, der Fischer, auf dessen Empfehlung ich sie genommen habe,

hat mir es vorhergesagt -- da fällt mir etwas ein!

-- Nun? fragte der Advokat, der eine wichtige Neuigkeit erwartete.

-- Dieser Lajos ist so schwarz-gelb, daß ich mich recht innig über den

alten Mann gefreut habe.

-- Wie, ein Fischer kaiserlich gesinnt?

-- Kaiserlich durch und durch! Deshalb habe ich ihm auch erlaubt, daß er

in dem Arme der Save, der meinen Garten hinter dem Hause begrenzt,

nach Gefallen fischen kann, denn die Strecke des Flusses an meinem

Grundstücke ist mein Eigenthum. Wenn er nun einen Hecht oder einen

schlanken Aal erwischt, so bringt er sie mir -- doch nun komm, mein

Freund, es wird Zeit zum Mittagessen sein -- vorher will ich noch einmal

in der Küche nachsehen, ob Kathi keine Dummheiten begangen hat.

Die beiden Männer stiegen die Treppe hinab und traten in das freundliche

Wohnzimmer, wo Netti beschäftigt war, den Tisch zu decken.

Die Tochter des Apothekers war ein schönes, blühendes Mädchen von

ein und zwanzig Jahren. Ihre Gestalt war schlank, nicht üppig, aber

wohlgeformt. Ihr dunkelbraunes Haar hing in zwei langen Flechten

über den Rücken herab, während es auf der weißen Stirn sich in

einem einfachen Scheitel theilte. Das große blaue Auge, von dunkeln

Augenbrauen bedeckt, strahlte freundliche, milde Blicke und verrieth

einen nicht gewöhnlichen Grad weiblicher Bildung. Ihre Wangen, die bei

jeder Bewegung der frischen Lippen niedliche Grübchen zeigten, waren von

einer leichten Röthe gefärbt, die zu dem weißen Teint des zarten ovalen

Gesichts einen lieblichen Kontrast bildeten. Ein einfaches dunkelblaues

Kleid umschloß die schlanke Taille der Braut des jungen Advokaten.

-- Netti, sagte Ferenz zärtlich, indem er ihre Hand ergriff und sie an

seine Lippen zog -- es kostet Mühe, Sie heute zu sehen!

-- Sie haben Recht, antwortete das junge Mädchen mit einer weichen,

wohlklingenden Stimme -- mein guter Vater hat heute soviel Geschäfte,

daß ich ihm ein wenig helfen muß.

-- Netti, rief Herr Czabo im Tone des Vorwurfs -- Du läßt Kathi allein

in der Küche, die von der edeln Kochkunst so wenig versteht -- Du hast

ihr doch gesagt, daß der Braten -- --

Das junge Mädchen trat zu dem Vater und ergriff seine Hand, als ob sie

seinen aufkeimenden Unwillen rasch besänftigen wollte.

-- Gewiß, lieber Vater! sagte sie bittend -- Kathi ist noch unerfahren

und an unsere Hausarbeit nicht gewöhnt -- haben Sie ein wenig Nachsicht

mit ihr -- bitte, mein guter Vater! Es ist nicht ihre Schuld -- sie ist

nicht einen Augenblick aus der Küche gekommen.

-- Wie, rief aufbrausend der Apotheker, ist etwas mit dem Braten

vorgefallen?

-- Wenn ich nicht darauf geachtet hätte -- er wollte anbrennen!

-- Ach, mein Gott, wie ist doch ein armer Wittwer zu beklagen! Ein

so herrlicher Braten, bei dem ich heute Mittag mein Avancement zum

Kommandanten der Schutzmannschaft feiern wollte! Warum mußte auch meine

alte Meta blind werden, die hätte es gewiß nicht geschehen lassen! Nein,

das ist unverzeihlich, ich werde auf der Stelle -- --

-- Vater, sagte Netti schmeichelnd, indem sie ihn sanft bei der Hand

zurückhielt, wollen Sie mir etwas versprechen?

-- Was?

-- Zürnen Sie der armen Kathi nicht, sie ist so ängstlich, daß sie kaum

noch weiß, was sie thut.

-- Sie ist ängstlich?

-- Ja, vor Ihrem Unwillen!

Der Apotheker sah seine Tochter einen Augenblick an.

-- Gut, antwortete er plötzlich beruhigt, ich will diesmal noch

schweigen, wenn es aber wieder geschieht --

-- Es wird nicht wieder geschehen!

-- Kathi ist noch jung -- glaubst Du, daß wir sie für unsern Haushalt

werden bilden können?

-- Gewiß, mein Vater, versicherte Netti.

-- Gut, Netti, besorge Du den Tisch, ich werde in die Küche gehen, um

das arme Mädchen zu beruhigen.

Herr Czabo schob seine goldene Brille von der Stirn auf die Nase herab

und verließ still lächelnd das Zimmer.

Er schlug den Weg nach seiner Küche ein.

Als Netti sich nach ihrem Bräutigam umsah, saß er in einer Ecke des

Sopha's, hielt sein Taschenbuch in der Hand und war in tiefes Nachsinnen

versunken. Der junge Mann schien von der ganzen Unterhaltung zwischen

Vater und Tochter nicht ein Wort gehört zu haben.

-- Nun, fragte Netti lächelnd, woran denken Sie, lieber Ferenz?

Der Angeredete fuhr empor und verbarg sein Taschenbuch.

-- Verzeihung, Netti, ich dachte an Sie, an unser Glück!

-- Oder vielmehr an das, was Sie so oft beschäftigt -- fügte sie sanft

hinzu -- an Ihre Verse. Habe ich Recht?

-- Netti! rief der Advokat.

-- Es soll kein Vorwurf sein, lieber Ferenz -- fuhr Netti mit einer

unbeschreiblichen Anmuth fort -- ich bin weit entfernt, mich darüber

zu beklagen. Sie besitzen Geist und Talent und Ihre schönen Verse haben

mich oft erfreut -- vernachlässigen Sie die edle Dichtkunst nicht; doch

denken Sie dabei auch an Ihre Netti.

-- Immer, immer, meine geliebte Braut! rief feurig der junge Mann, indem

er sanft seinen Arm um ihre Taille schlang und einen zarten Kuß auf ihre

weiße, schöne Stirn drückte.

-- Ferenz, lispelte Netti, ich werde stolz sein, Ihre Frau zu heißen!

-- Und ich der glücklichste der Menschen, Ihr Mann zu sein!

Beide vollendeten jetzt das Arrangement des Mittagstisches.

2.

Herr Czabo war indeß in die Küche gegangen.

Der Apotheker schien etwas mehr zu beabsichtigen, als die neue Köchin

wegen des angebrannten Bratens beruhigen zu wollen.

Leise öffnete er die Thür, aus der ihm ein Duft entgegenquoll, der das

erste Zeugniß von Kathi's Versehen ablegte. Herr Czabo rümpfte die Nase,

aber er schwieg.

Kathi stand an dem Heerde und fachte mit einem Blasebalge das Feuer

an, daß es laut knisterte. In den Töpfen, die auf dem Heerde standen,

rauschte und zischte es, als ob Wasser mit siedendem Oele gemengt sei.

Die Köchin bemerkte den Eintritt ihres Herrn nicht sogleich, der ruhig

an der Thür stand und mit einem gewissen Wohlgefallen das junge Mädchen

beobachtete.

-- Kathi, sagte er nach einer Minute, wie steht es mit dem Mittagessen?

Das junge Mädchen hing den Blasebalg an einen Nagel in der weißen Wand.

-- Es kann angerichtet werden, Herr, antwortete sie in einem Tone, der

umsonst einen leichten Schreck zu verbergen suchte.

Herr Czabo sah durch seine Brille auf die hübsche Köchin, als ob er ein

Recept lesen wollte. Dann holte er eine kleine silberne Dose aus der

Tasche und nahm behaglich eine Prise.

Die Köchin des Apothekers war auch in der That von einer auffallenden

Schönheit. Sie trug einen kurzen rothen Friesrock mit schwarzem Bande

besetzt, ein hellgraues wollenes Mieder mit kleinen runden Zinnknöpfen

und ein kleines blaues Tuch, das den schlanken runden Nacken und

den üppigen Busen nicht völlig bedecken konnte. Das starke, glänzend

schwarze Haar vermochte die braune Mütze kaum zu fesseln, es fiel

aufgelös't an beiden Schläfen herab und bedeckte wie ein spielender

Schatten die Theile des schneeweißen Busens und der glänzenden

Schultern, die das Tuch nicht zu verhüllen vermochte. Das feine,

blühende Gesicht, etwas von Ruß geschwärzt, erglühte hochroth von der

Hitze des Feuers, das die zwar schwarzen, aber wohlgeformten kleinen

Hände zu unterhalten suchten. Die kurzen Aermeln des Mieders lagen so

fest um den vollen runden Arm, daß sie bei jeder Bewegung zu zersprengen

drohten. Weiße Strümpfe und schwarze Schuhe bekleideten ein Paar Füße,

die an Zierlichkeit und Elasticität denen einer Tänzerin zu vergleichen

waren. Kurz, die ganze Gestalt der Köchin war von der Natur mit einer

Ueppigkeit ausgestattet, daß man sich über Herrn Czabo nicht wundern

konnte, wenn er seinen angebrannten Braten darüber vergaß.

Kathi war eine zweite Aschenbrödel, die unter dem rußigen Küchengewande

eine seltene Schönheit verbarg. Und was den Reiz noch erhöhte war der

Umstand, daß Kathi sich ihrer körperlichen Vorzüge kaum bewußt zu sein

schien.

-- Kathi, begann der Apotheker, indem er auf seiner Dose trommelte --

weißt Du, daß heute ein wichtiger Tag für mich ist?

-- Nein, Herr Czabo! antwortete im Dialect der Landleute die Angeredete,

ohne sich in ihrer Beschäftigung unterbrechen zu lassen.

-- Es hat sich seit einigen Tagen eine Schutzmannschaft in unserer Stadt

gebildet, um den flüchtigen Rebellen entgegenzutreten, die jetzt häufig

Semlin passiren, die nahe türkische Grenze zu erreichen. Mich hat man

zum Kommandanten für dieses Stadtviertel ernannt.

Kathi sah mit ihren großen, seelenvollen Augen den Apotheker an, wie es

schien erschreckt.

-- Wundert Dich das? fragte Herr Czabo.

-- Nein.

-- Und doch scheint es so?

-- Ich freue mich, daß der junge Kaiser in Semlin so treue Unterthanen

hat.

-- Wahrhaftig? So sind wir von gleicher politischen Farbe. Gefällt es

Dir in meinem Hause?

-- Gewiß, Herr Czabo. Sie sind sehr freundlich und Ihre Tochter ist die

Güte selbst. Was kann eine arme Dienstmagd von ihrer Herrschaft mehr

verlangen?

-- Eine arme Dienstmagd? Ich meine, Du besitzest genug, um nicht für arm

zu gelten.

-- Ich bin so arm, lieber Herr, daß ich es kaum zu sagen vermag.

Der Apotheker trat dem jungen Mädchen näher und faßte sie scharf, aber

freundlich in's Auge.

Kathi wich betroffen einen Schritt zurück und wandte sich rasch zu den

Töpfen auf dem Heerde.

-- Fürchtest Du Dich vor mir, Kathi?

-- Der Braten, Herr -- --

Kathi bückte sich, um ein Stück Holz aufzuheben. Das Tuch verschob sich

durch diese Bewegung und Herr Czabo sah die nackte, schöne Schulter der

Köchin.

-- Kathi!

-- Herr Czabo!

-- Sieh' mich an, ich meine es gut mit Dir.

Bei diesen Worten ergriff er den Arm des jungen Mädchens, so daß es

ihn ansehen mußte. Des Apothekers Gesicht schwamm in einem Meere von

Freundlichkeit.

-- Kathi, sei offen -- was fehlt Dir? Aengstigt Dich etwas?

-- O nein.

-- Und doch glaube ich es zu errathen.

-- Sie, Herr Czabo?

-- Dein Vetter Lajos ist ein alter Bekannter -- --

-- Lajos -- war er bei Ihnen?

-- Ich meine nur, er kann es mir sagen.

-- Das glaube ich nicht, sagte Kathi mit einem schmerzlichen Lächeln.

-- Und wenn er es mir schon so halb und halb gesagt hätte?

Aus Kathi's Augen blitzte ein seltsamer Strahl und ihr Kopf hob sich

hoch empor.

-- Lajos, rief sie, unmöglich!

Herr Czabo wunderte sich einen Augenblick über den Ton, in welchem diese

Worte gesprochen wurden.

-- Ei, mein Kind, sagte er mit einem feinen Lächeln, fürchtest Du, daß

Dein Geheimniß verrathen werde?

Der Köchin Gesicht nahm den vorigen Ausdruck wieder an.

-- Herr, ich habe keine Geheimnisse.

-- Du liebst -- nicht wahr? Unglücklich?

-- Sie haben Recht, Herr Czabo, sagte Kathi lächelnd, indem sie zu ihren

kleinen Füßen hinabsah.

-- Und wer ist denn dieser glückliche Mann?

-- Das kann ich nicht sagen.

-- Ist er jung?

-- Sehr jung.

-- Reich?

-- Sehr reich.

-- Soldat?

-- Von hohem Range.

-- Ah, ich verstehe! rief Herr Czabo. Er diente wohl im Heere der

Rebellen und ist jetzt flüchtig oder gar erschossen oder erhängt? Mein

Kind, mit einem Rebellen mußt Du es nicht halten, diese Leute haben alle

keinen guten Charakter.

-- Sie irren, Herr Czabo, er ist kein Rebell.

-- Nun, so sage es endlich, wer ist es?

-- Unser junger Kaiser!

-- Mädchen, rief erstaunt der Apotheker, bist Du toll? Doch es freut

mich, daß Du nicht zu den sinnverwirrten Frauenzimmern gehörst, die

sich an Rebellen und schlechte Mannsbilder hangen. Du bist ein loyales

Mädchen und sollst so lange in meinem Hause bleiben, als es Dir gefällt.

-- Ich danke, Herr Czabo!

-- Hier nimm, fügte er hinzu, indem er eine Börse mit Geld aus seiner

Tasche zog -- es ist Dein halbjähriger Lohn im Voraus -- kaufe Dir

Kleider, oder was Du sonst gebrauchst, ich habe es gern, wenn meine

Domestiken hübsch gekleidet gehen.

Ohne sich länger zu besinnen, ergriff Kathi die Börse.

In diesem Augenblicke ertönte ein Marsch von Trommeln durch die Straße.

Als ob der kriegerische Schall sie wie ein Blitzstrahl berührt hätte,

ließ Kathi die kaum empfangene Börse mit einem leisen Schrei des

Schreckens zu Boden fallen, wobei sich ihre Blicke starr auf das Fenster

hefteten, das nach der Straße hinaus ging.

Der Apotheker war selbst auf einen Augenblick verblüfft, er schob seine

Brille vor die Stirn und starrte ebenfalls nach dem Fenster.

Ein Regiment österreichischer Infanterie in weißen Uniformen, blauen

Hosen und großen Bärenmützen marschirte an dem Hause des Apothekers

vorüber.

-- Kaiserliche Soldaten! rief Herr Czabo, öffnete ein Fenster und sah

mit großem Interesse dem kriegerischen Schauspiele zu. Jeder Andere

würde sich über die hinkenden Teufel geärgert oder sie bemitleidet haben

-- Herr Czabo aber rief entzückt aus:

-- Wie herrlich! Da kommen die Helden, die das Land erhalten! Ihr edeln

Krieger, die Ihr muthig Euer Blut verspritzt für die gerechte Sache,

für das milde, gerechte angestammte Kaiserhaus, für Ruhe und Ordnung im

Lande -- seid willkommen! Es lebe der Kaiser! Der Vater des Vaterlandes!

Der hoffnungsvolle Jüngling!

Und rechts und links in der Straße fanden des Apothekers Ausrufungen ein

lebhaftes Echo, man sah selbst weiße Tücher aus den Fenstern

flattern, geschwungen von alten Weibern mit Hornbrillen auf den

zusammengeschrumpften Nasen und Hunde oder Katzen zärtlich an ihre Brust

drückend.

-- Gott sei Dank, rief der Apotheker, daß wir endlich wieder Soldaten

in unsern Mauern haben, nun kann man sich doch ruhig zu Bett legen und

ruhig wieder aufstehen. Es lebe der Kaiser!

Kathi schien die Begeisterung ihres Herrn für das angestammte Kaiserhaus

nicht zu theilen, der Anblick der Soldaten schien einen tiefen Eindruck

auf sie ausgeübt zu haben.

Unbeweglich stand sie an der Seite des Fensters und sah mit

schmerzlichen Blicken die weißen Krieger vorüberziehen.

Die Straße war nicht breit, so daß die äußern Rotten des Regimentes

dicht an den Häusern marschirten.

Ein junger Mann mit gebräuntem Gesichte und einem großen vollen Barte

sah das hübsche Mädchengesicht -- rasch trat er einen Schritt seitwärts

aus dem Gliede, streckte die Hand aus und trommelte eine Secunde mit

den Fingern an der Stelle der Fensterscheibe, wo sich Kathi's Gesicht

zeigte.

Mit einem unterdrückten Schrei der höchsten Ueberraschung oder des

Schreckens fuhr die Köchin zurück und verbarg sich hinter der Wand.

In demselben Augenblicke mußte der junge Soldat seinen Scherz büßen: ein

Korporal hob seinen langen Stock und führte einige derbe Schläge auf die

Beine des Kriegers, der für seinen Kaiser in die Schlacht zog, um ihm

den Thron zu erhalten.

Diese Aufrechterhaltung strenger Mannszucht sahen die beiden Personen in

der Küche nicht mehr, nur die Hunde und alten Weiber in den Fenstern der

Häuser hatten Gelegenheit, sich darüber zu wundern.

-- Kathi, rief Herr Czabo, Du zitterst ja am ganzen Körper!

-- Es ist nichts, Herr, der übermüthige Soldat hat mich ein wenig

erschreckt.

Der Apotheker trat mitleidig zu seiner Köchin und streichelte ihr sanft

die Wangen. Fast wäre er in laute Bewunderung ausgebrochen über die

Zartheit der weichen Haut, das hatte er nicht erwartet.

-- Sei nur ruhig, sagte er fast stammelnd, ich bin ja Kommandant dieses

Stadtviertels, es soll Dir niemand etwas zu Leide thun. Und wenn ich

meine Sorge für Dich etwas mehr ausdehne, als ich sonst für meine Mägde

gethan, so bedenke, daß ich Wittwer bin und niemandem Rechnung von

meinen Handlungen schulde. Hörst Du, Kathi, vergiß nicht, daß ich

Wittwer bin!

Noch einen freundlichen Blick warf er auf die erschreckte und erstaunte

Magd, dann verließ er die Küche.

Nach einer Viertelstunde hatte Netti mit Kathi's Hülfe die Speisen

aufgetragen und Herr Czabo setzte sich mit seiner kleinen Familie zu

Tische.

Kathi saß in der Küche auf einer Bank und hielt sinnend ihren Kopf in

der Hand.

3.

Es war drei Uhr Nachmittags.

Ferenz war in seinem Zimmer mit dem Ordnen der Rechnungsbücher

beschäftigt und Herr Czabo befand sich in dem Verkaufslocale, weil

um diese Zeit Niklas, der Apothekergehülfe, die Geschäfte in dem

Laboratorium besorgte.

Netti saß in dem Wohnzimmer und arbeitete an einer Stickerei, wobei sie

dann und wann einen Blick in die Straße warf, in welcher Soldaten mit

Zetteln in der Hand auf und abgingen, ihre Quartiere zu suchen.

Plötzlich ließ sich ein leises Klopfen an der Thür vernehmen. Das junge

Mädchen mochte es nicht gehört haben, denn sie sah nur dann erst von

ihrer Arbeit auf, als die Thür sich öffnete und ein langer, magerer Mann

eintrat.

Man denke sich eine ungewöhnlich lange Gestalt mit bleichem Gesicht,

dessen Backenknochen hoch emporragen, mit einer fast durchsichtigen

großen Adlernase, großen grauen Augen, hellblondem Haare, mit breiten,

langen Händen und Füßen, einem linkischen Benehmen, wie es Leuten von

dieser Körperbildung eigen zu sein pflegt -- angethan mit abgetragenen

bürgerlichen Kleidern, die nicht mehr passen, und einer grünen wollenen

Schürze, so hat man ungefähr ein Bild von dem Gehülfen des Herrn Czabo,

der zu Netti in das Zimmer trat.

Unter verlegenem Lächeln stammelte der Eingetretene einige

unverständliche Worte, die, wie es schien, einen Gruß bedeuten sollten.

Netti kannte die zarten Gefühle des langen Niklas und bedauerte ihn von

Herzen -- deshalb sah sie ihn freundlich an und fragte in einem sanften,

fast bewegten Tone:

-- Was meinen Sie, lieber Herr Niklas?

Die freundlichen Worte des jungen Mädchens hatten dem Schüchternen Muth

eingeflößt.

-- Was ich meine? fragte er laut.

-- Nun ja!

-- Soll ich es Ihnen offen bekennen, liebe Netti?

-- Ich bitte darum, wenn Sie anders gekommen sind, mit mir zu reden.

Als ob die Verzweiflung seinen Muth noch erhöhte, holte er tief Athem

und sagte in einem weinerlichen Tone:

-- Ich meine, daß ich nicht mehr weiß, was ich meine, noch was ich thue.

Ich dachte so eben über Pferde-Arznei-Kunde nach, denn ich stand im

Begriffe, acht Gran Brechpulver anstatt vier in ein Paket zu thun. Ich

zittere, wenn ich an die Wirkung denke! So kann das nicht mehr gehen,

liebe Mamsell Netti, ich muß Abschied von Ihnen nehmen!

Niklas ließ den Kopf sinken und trocknete sich mit der grünen Schürze

die Stirn, als ob ihm dieses Geständniß blutsauer geworden wäre.

-- Himmel, rief Netti erschreckt, was fällt Ihnen ein? Sie wollen unser

Haus verlassen?

-- Glauben Sie denn, daß ein Apotheker kein Herz im Leibe hat? Im

Gegentheil, dieses Organ des menschlichen Körpers ist bei ihm sehr

gefühlvoll -- dies ist wenigstens die Meinung Ihres Herrn Vaters, denn

er erlaubte mir, sanfte Gefühle zu hegen, die, die -- --

Niklas konnte keine Worte mehr finden, er ergriff abermals seine Schürze

und trocknete sich die schweißtriefende Stirn.

-- Mein Gott, was ist Ihnen denn? fragte Netti theilnehmend. Sind Sie

krank?

-- O nein, ich stampfte vorhin Senf in dem Laboratorium und dieses

beißende Gewürz ist mir in die Nase gefahren -- das ist alles, nun ist

es schon vorbei.

-- Das freut mich, lieber Herr Niklas.

-- Darf ich fortfahren, Mamsell Netti?

-- Ich bitte darum!

-- Vor einer Stunde sprach ich einen Korporal von den kaiserlichen

Soldaten, welche diesen Vormittag hier eingerückt sind.

-- Nun? fragte Netti, die ihre Arbeit wieder ergriffen hatte.

-- Der Korporal suchte Rekruten!

-- In unserer Stadt?

-- Ja! Korporal, sagte ich zu ihm, ich muß Ihnen gestehen, daß ich mich

nicht mehr kenne -- Korporal, wollen Sie mich?

Netti blickte von ihrem Stickrahmen auf und sah den Apothekergehülfen

verwundert an. Dieser schien mit großer Spannung eine Antwort zu

erwarten.

Eine Pause von einigen Secunden trat ein. Netti antwortete nicht.

-- Herr Korporal, rief Niklas verzweiflungsvoll, ich will Soldat werden!

Netti schwieg immer noch.

-- Herr Korporal, fuhr Niklas fort, ich will mich morden, das heißt, mit

in die Schlacht ziehen, denn das ist eben so gut wie ein Selbstmord!

-- Herr Niklas, rief Netti ängstlich, Sie wollen Soldat werden -- was

fällt Ihnen ein?

-- Netti, rief der lange Mann, indem er seine Arme ausstreckte, Sie

wollen mich zurückhalten?

-- Das nun eben nicht, indeß -- --

-- Sie hält mich nicht zurück, flüsterte Niklas vor sich hin -- das

hätte ich nicht erwartet! Leben Sie wohl, Mamsell Netti, der Korporal

hat mir sein Wort gegeben, ich bin angeworben!

Mit Thränen in den Augen verließ der verliebte und verzweifelnde Niklas

das Zimmer. Noch hatte sich Netti von dem Schrecken über diese Scene

nicht erholt, als sich plötzlich die Thür wieder öffnete und der

Apothekergehülfe mit einem Korporal in weißer Uniform eintrat.

-- Kommen Sie, Herr Korporal, rief er mit glühenden Augen, hier ist die

Tochter des Hauses, wenden Sie sich an diese!

Ein junger, schön gewachsener Soldat mit einem vollen braunen Barte und

feurigen schwarzen Augen stand vor der erstaunten Netti und hielt ein

Quartierbillet in seiner Hand.

-- Heil und Ehre den Schönen! sagte er mit einer wohlklingenden Stimme,

indem er militairisch grüßte. Ein allerliebstes Kind! flüsterte er dem

langen Niklas zu.

-- Eine gefährliche Einquartierung, dachte Niklas, indem er den schönen

Soldaten vom Kopfe bis zu den Füßen betrachtete.

Netti hatte ihren Platz verlassen.

-- Verzeihung, mein Herr, -- darf ich wissen wen ich die Ehre

habe -- --?

-- Janos Esthi, mein schönes Kind, kaiserlicher Korporal im zwanzigsten

Infanterie-Regimente. Es lebe der Kaiser! Es leben die Schönen! Es lebe

der Krieg!

Mit einem Anstande, der den österreichischen Korporalen in der Regel

nicht eigen zu sein pflegt, ergriff Janos Esthi Netti's weiche Hand und

drückte ehrfurchtsvoll einen Kuß darauf, ohne daß es das junge Mädchen

zu verhindern vermochte. Nicht ein Korporal, ein Officier höhern Ranges

schien sich in dem Zimmer zu befinden.

-- Herr Korporal! rief Niklas, der sich ärgerte, ihn bei Netti

eingeführt zu haben.

-- Ah, mein Rekrut! Ich sehe, mein junger Freund, Sie haben einen

unbedingten Beruf für das Heldenhandwerk. Liebesgram -- es ist klar!

fügte er mit einem Seitenblicke auf Netti hinzu. O der kleine Gott mit

der Binde vor den Augen ist der glücklichste Werber in allen Armeen der

Welt!

-- Herr Korporal, was sagen Sie da?

-- Ich sage, daß Sie eine edle, kriegerische Physiognomie besitzen, daß

Sie für den Ruhm geschaffen sind. Wahrhaftig, ich glaube in Ihnen den

Kriegsgott zu erblicken, wie er für das Regiment angeworben wird. Nur

eins ist mir unerklärlich, fügte der Korporal lächelnd hinzu.

-- Und was? fragte Niklas.

-- Daß ein so liebenswürdiger junger Mann Unglück in der Liebe haben

kann. Bei Gott, man ist hier sehr difficil!

In Niklas Augen glänzte ein Hoffnungsstrahl, er hielt die Ironie des

fröhlichen Korporals für Wahrheit.

-- Wahrhaftig, sagte er vorwurfsvoll, ich begreife es auch nicht!

-- Um den Schönen zu gefallen, fuhr Janos Esthi mit Galanterie fort,

bedarf es nur einer Uniform und vorzüglich der meines Regimentes. Wenn

man einmal darin steckt, hat man ununterbrochen Glück bei dem schönen

Geschlecht.

-- Ach, Herr Korporal, so haben Sie doch die Güte und stecken Sie mich

hinein! rief eifrig der lange Mann.

-- In die Uniform? Gut, verabredet und beschlossen. Ich habe Ihr Wort,

alles Uebrige ist unnütz. Freuen Sie sich, junger Held, in dem Regimente

der Ehemänner wären Sie vielleicht ein schlechter Soldat geworden, aber

in dem meinigen werden Sie ein verführerischer Grenadier werden.

-- Ich wäre doch lieber in das andere Regiment eingetreten, flüsterte

Niklas vor sich hin und stieß einen tiefen Seufzer aus.

-- Herr Niklas, sagte Netti, die ruhig in einer Fenstervertiefung

gestanden und dem Gespräche der beiden Männer zugehört hatte -- gehen

Sie in die Apotheke und bitten Sie meinen Vater, daß er komme.

Niklas entfernte sich. Nach einigen Minuten trat Herr Czabo ein.

-- Was wünschen Sie? fragte er grüßend den Korporal.

-- Mein Herr, war die artige Antwort, hier ist mein

Einquartierungsbillet. Es lebe der Kaiser!

Der Apotheker hob sein schwarzes Käppchen mit der linken Hand empor und

reichte die rechte dem Soldaten.

-- Bei diesem erhabenen Namen seien Sie mir willkommen! Ja, es lebe

der Kaiser! Sie sind hier bei einem seiner wärmsten Anhänger und

einem Soldaten, wie Sie -- ich habe die Ehre, Kommandant der hiesigen

Schutzwehr zu sein.

-- Doppelter Grund, uns näher kennen zu lernen. Ihr Name, mein Herr?

-- Istvan Czabo, Apotheker.

-- Ein herrliches Geschäft! rief der Korporal. Nun, Herr Istvan Czabo,

ist mein Quartier in Ordnung?

-- Versteht sich. Sie sollen bei mir vollkommen zufrieden sein.

-- Ich zweifle nicht einen Augenblick daran, sagte der Soldat mit einer

nachlässigen Verbeugung. Gleich bei dem Eintritte wird das Riechorgan

durch einen angenehmen Geruch gekitzelt, ohne die angenehmen Gegenstände

zu berücksichtigen, die das Auge erfreuen.

-- Ein galanter Soldat! dachte Herr Czabo.

-- Fräulein Tochter? fragte der Sohn des Mars mit einer Protectormiene,

die zugleich auch den Kenner verrieth.

-- Ja, mein Herr!

Der Korporal wandte sich mit großer Unbefangenheit zu Netti.

-- Fräulein Czabo ist der Inbegriff aller Vorzüge des schönen

Geschlechts. Ich mache Ihnen mein Compliment!

Die Ungezwungenheit des Gastes schien dem Apotheker nicht zu behagen, er

trat rasch zu seiner Tochter und sagte in einem unwilligen Tone:

-- Herr Korporal, meine einzige Tochter Netti!

-- Bei Gott, ein schöner Name! Aber noch schöner ist das Gesicht -- --!

-- Bitte, mein Herr, fuhr Czabo rasch fort -- ich muß Ihnen bemerken,

daß meine Tochter Braut ist und vielleicht in einigen Tagen schon ihre

Verlobung feiert -- mit einem braven jungen Manne. Sind Sie noch im

Orte, so lade ich Sie hiermit dazu ein.

-- Ich nehme die Einladung an. Wir trinken dann auf das Wohl des

Kaisers.

-- Und des wackern Generals Görgey! rief der Apotheker.

-- Das Eine geht nicht ohne das Andere. Ich sehe, daß Sie -- --

-- Daß ich als Ungar eben so gut kaiserlich gesinnt bin, als Sie?

-- Dazu gehört nicht viel! lachte der Korporal vor sich hin.

-- Kathi, Kathi! rief der Apotheker durch die halbgeöffnete Thür.

-- Gleich, Herr Czabo, gleich! hörte man die Stimme der Köchin im Hause

rufen.

Der Korporal war zu Netti getreten und unterhielt sich halb leise mit

ihr.

Kathi, die nach Tische ihre Toilette gemacht und den Ruß aus dem

Gesichte und von den Händen gewaschen hatte, trat ein. Als sie den

Korporal sah, der ihr den Rücken zuwandte, schwand auf einen Augenblick

die Röthe ihres Gesichts, sie behielt jedoch äußerlich ihre Fassung.

-- Kathi, befahl der Apotheker, hier ist der Schlüssel zu dem Garten

und hier der zu dem Gartenhause. Arrangire sogleich das Zimmer darin und

führe dann den Herrn dorthin, er wird es bewohnen.

-- Kathi, rief Netti, ich werde Dich begleiten!

Der Korporal wandte sich und sah die Köchin, die zitternd an der Thür

stand.

Als ob ein jäher Schlag alle seine Glieder gelähmt, stand er wie Lot's

Salzsäule in der Mitte des Zimmers und starrte mit großen Augen die

bebende Magd an. Kathi's Blicke hafteten eben so starr auf dem Soldaten.

Sie fuhr mit der Hand über die Augen, als ob sie eine Wolke verwischen

wollte.

-- Thekla! flüsterte der Soldat.

-- Himmel, er ist's! flüsterte das junge Mädchen.

Der gegenseitige Anblick der beiden Personen hatte einen tiefen Eindruck

der Freude und des Schreckens hervorgebracht, sie behaupteten indeß mit

großer Anstrengung dergestalt ihre Fassung, daß Herr Czabo und Netti

nichts davon bemerkten.

Kathi und Netti verließen das Zimmer, um das Gartenhaus zum Empfange des

Gastes vorzubereiten.

-- Was ist Ihnen, Herr Korporal? fragte der Apotheker. -- Sie sind ja

plötzlich wie umgewandelt!

-- Das bin ich, antwortete ernst der junge Mann.

-- Und der Grund?

-- Ihre liebenswürdige Tochter erinnert mich an eine Person, die meinem

Herzen über alles geht.

-- Haben Sie vielleicht eine Geliebte in der Heimath zurückgelassen?

-- Sie haben Recht!

-- Nun, tröstete Herr Czabo, so beruhigen Sie sich, der Krieg ist zu

Ende, Sie werden sie gewiß bald wiedersehen!

Nach einer halben Stunde berichtete Netti, daß das Gartenhaus in Ordnung

sei. Herr Czabo führte seinen Gast selbst dorthin. Ein freundliches

Stübchen empfing den müden Krieger, ausgestattet mit allen

Bequemlichkeiten. Der Abend begann zu dämmern, als der Apotheker den

Korporal verließ.

Obgleich ermüdet von dem Marsche, litt es den jungen Mann dennoch nicht

in dem Zimmer. Nachdenkend verließ er das Häuschen und begann durch

die Wege des Gartens zu gehen, die der Herbst bereits mit gelbem Laube

bedeckt hatte. Plötzlich hörte der Spaziergänger das Rauschen eines

Flusses. Er durchschritt eine kleine Baumgruppe und eine ziemlich breite

Wasserfläche blinkte ihm durch die Abenddämmerung entgegen. Das Ufer war

flach ohne Gesträuch und mit Rasen bewachsen. Sinnend blieb der junge

Mann stehen und gab sein glühendes Gesicht dem Luftzuge preis, der

schneidend über die Wasserfläche kam. Nach und nach senkte sich ein

dichter Nebel auf den Fluß und das Gesträuch des jenseitigen Ufers

zeigte sich in phantastischen Gestalten, bis es endlich völlig

verschwand.

Schon stand der Soldat im Begriffe, in sein Zimmer zurückzukehren,

als sich Ruderschläge und das Rauschen eines Kahnes, der von dem

entgegengesetzten Ufer zu kommen schien, anfangs leise und dann immer

stärker vernehmen ließen.

Janos zog sich in die Baumgruppe zurück, die ungefähr zehn Schritte

hinter ihm lag. Noch waren nicht fünf Minuten verflossen, als ein Kahn

sich der Stelle des Ufers näherte, die er so eben verlassen hatte.

Ein Mann stieg aus. Vorsichtig befestigte er das Fahrzeug und nachdem

er sich noch einmal überzeugt, daß der Strom es nicht losreißen konnte,

schlug er den Weg nach der Baumgruppe ein. Erschreckt blieb der Mann

stehen, als er die weiße Uniform erblickte.

-- Wohin? fragte der Soldat.

-- Zu Herrn Czabo, mit dem ich Geschäfte habe, war die Antwort.

Der Mann wollte seinen Weg fortsetzen.

-- Halt! rief Janos.

-- Was wollen Sie? fragte fest der Mann.

-- Ich bin ein kaiserlicher Soldat.

-- Das sehe ich. Es lebe der Kaiser!

-- Doch wer sind Sie, der Sie in der Dunkelheit auf diesem

ungewöhnlichen Wege zu meinem Wirthe wollen.

-- Ich bin der Fischer Lajos, dessen Nichte bei Herrn Czabo als Köchin

dient. Dies ist mein gewöhnlicher Weg, wenn ich sie nach vollbrachtem

Tagewerk besuchen will -- der Besitzer hat ihn mir gestattet.

-- Lajos, sagen Sie? rief erstaunt der junge Mann. Wenn ich nicht irre,

standen Sie vor zwei Jahren im Dienste der Gräfin Thekla Andrasy?

Dem Fischer schien vor Schrecken die Sprache vergangen zu sein.

-- Und wenn es wäre? fragte er nach einer Pause.

-- Dann würde ich Dir, mein alter Lajos als einem Freunde die Hand

reichen. Kennst Du meine Stimme nicht mehr?

-- Mein Gott, stammelte der Fischer, bei dem Namen der Gräfin steigt

eine Erinnerung in mir empor -- doch nein, ich kann es nicht glauben, --

es ist nicht möglich! Ein Graf Esthi -- --

-- Steckt in der Uniform eines österreichischen Korporals, es ist

die volle Wahrheit. Du weißt, ich diente als Oberst im Görgey'schen

Corps --?

-- Görgey! Görgey! knirschte der Fischer und hob beide Fäuste zum Himmel

empor, als ob sie ein Krampf durchzuckte.

-- Wir wurden verrathen und mußten die Waffen strecken, dann degradirte

man uns zu gemeinen Soldaten und wir wurden den österreichischen

Regimentern einverleibt. Seit drei Tagen hat man mich zum Korporal

avancirt, weil mein Eifer im Dienst, den Du Dir bei der Bestimmung

unseres Regimentes leicht erklären kannst, eine Belohnung erhalten

sollte. Doch wir verplaudern die Zeit und denken nicht an das Wichtigste

-- -- folge mir in das Gartenhaus, man könnte uns hier belauschen.

Nach einigen Minuten befanden sich die beiden Männer in dem Zimmer. Der

Korporal zündete ein Licht an, das auf dem Tische stand.

Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen. · 第 1 / 9 段