II.

Das Haidehaus.

Eine gute Wegestunde von dem Roßberge stand ein Haus, oder vielmehr eine

weitläufige Hütte. Sie stand am Rande der Haide weit ab jeder Straße

menschlichen Verkehres; sie stand ganz allein, und das Land um sie war

selber wieder eine Haide, nur anders, als die, auf der der Knabe die

Ziegen hütete. Das Haus war ganz aus Holz, faßte zwei Stuben und ein

Hinterstübchen, alles mit mächtigen braunschwarzen Tragebalken, daran

manch Festkrüglein hing, mit schönen Trinksprüchen [54] bemalt. Die

Fenster, licht und geräumig, sahen auf die Haide, und das Haus war umgeben

von dem Stalle, Schuppen [55] und der Scheune. Es war auch ein Gärtlein

vor demselben, worin Gemüse wuchs, ein Hollunderstrauch und ein alter

Apfelbaum stand--weiter ab waren noch drei Kirschbäume, und unansehnliche

Pflaumengesträuche. Ein Brunnen floß vor dem Hause, kühl, aber sparsam; er

floß von dem hohen starken Holzschafte in eine Kufe nieder, die aus einem

einzigen Haidestein gehauen war.

In diesem Hause war es sehr einsam geworden; es wohnten nur ein alter

Vater und eine alte Mutter darinnen, und eine noch ältere Großmutter--und

Alle waren sie traurig; denn er war fortgezogen, weit in die Fremde, der

das Haus mit seiner jugendlichen Gestalt belebt hatte, und der die Freude

Aller war. Freilich spielte noch ein kleines Schwesterlein an der

Thürschwelle, aber sie war noch gar zu klein, und war noch zu thöricht;

denn sie fragte ewig, wann der Bruder Felix wieder kommen werde. Weil der

Vater Feld und Wiese besorgen mußte, so war ein anderer Ziegenknabe

genommen worden; allein dieser legte auf der Haide Vogelschlingen, trieb

immer sehr früh nach Hause, [56] und schlief gleich nach dem Abendessen

ein. Alle Wesen auf der Haide trauerten um den schönen lockigen Knaben,

der von ihnen fortgezogen.

Es war ein traurig schöner Tag gewesen, an dem er fortgegangen war. Sein

Vater war ein verständig stiller Mann, der ihm nie ein Scheltwort gegeben

hatte, und seine Mutter liebte ihn, wie ihren Augapfel;--und aus i h r e m

Herzen, dem er oft und gerne lauschte, sog er jene Weichheit und

Fantasiefülle, die sie hatte, aber zu nichts verwenden konnte, als zu

lauter Liebe für ihren Sohn. Den Vater ehrte sie als den Oberherrn, der

sich Tag und Nacht so plagen müsse, um den Unterhalt herbeizuschaffen, da

die Haide karg war, und nur gegen große Mühe sparsame Früchte trug, und

oft die nicht, wenn Gott ein heißes Jahr über dieselbe herabsandte. Darum

lebten sie in einer friedsamen Ehe, und liebten sich pflichtgetreu von

Herzen, und standen einander in Noth und Kummer bei. Der Knabe kannte

daher nie den giftigen Mehlthau für Kinderherzen, Hader und Zank, außer,

wenn ein stößiger Bock [57] Irrsal stiftete, [58] den er aber immer mit

tüchtigen Püffen seiner Faust zu Paaren trieb, [59] was das böseste Thier

von ihm, und nur von ihm allein gutwillig litt, weil es wohl wußte, daß er

sein Beschützer und zuversichtlicher Kamerade sei. Der Vater liebte seinen

Sohn wohl auch, und gewiß nicht minder als die Mutter, aber nach der

Verschämtheit gemeiner Stände, zeigte er diese Liebe nie, am wenigsten dem

Sohne--dennoch konnte man sie recht gut erkennen an der Unruhe, mit der er

aus- und einging, und an den Blicken, die er häufig gegen den Roßberg

that, wenn der Knabe einmal zufällig später von der Haide heim kam, als

gewöhnlich--und der Bube wußte und kannte diese Liebe sehr wohl, wenn sie

sich auch nicht äußerte.

Von solchen Eltern hatte er keinen Widerstand zu erfahren, als er den

Entschluß aussprach, in die Welt zu gehen, weil er durch aus nicht mehr zu

Hause zu bleiben vermöge. Ja, der Vater hatte schon seit langem

wahrgenommen, wie der Knabe sich in Einbildungen und Dingen abquäle, die

ihm selber von Kindheit an nie gekommen waren; er hielt sie deßhalb für

Geburten der Haideeinsamkeit, und sann auf deren Abhilfe. Die Mutter hatte

zwar nichts Seltsames an ihrem Sohne bemerkt, weil eigentlich ohnehin ihr

Herz in dem seinen schlug; allein sie willigte doch in seine Abreise aus

einem dunklen Instinkte, daß er da ausführe, was ihm Noth thue.

Noch e i n e Person mußte gefragt werden, nicht von den Eltern, sondern

von ihm: die G r o ß m u t t e r. Er liebte sie zwar nicht so wie die

Mutter, sondern ehrte und scheute sie vielmehr; aber sie war es auch

gewesen, aus der er die Anfänge jener Fäden zog, aus welchen er vorerst

seine Haidefreuden webte, dann sein Herz und sein ganzes zukünftiges

Schicksal. Weit über die Grenze des menschlichen Lebens schon

hinausgeschritten saß sie, wie ein Schemen hinten am Hause im Garten an

der Sonne, ewig einsam und ewig allein in der Gesellschaft ihrer Todten,

und zurückspinnend an ihrer innern ewig langen Geschichte. Aber so wie sie

dasaß, war sie nicht das gewöhnliche Bild unheimlichen Hochalters, sondern

wenn sie oft plötzlich ein oder das andere ihrer innern Geschöpfe

anredete, als ein lebendes und vor ihr wandelndes; oder, wenn sie sanft

lächelte, oder betete, oder mit sich selbst redete, wundersam spielend in

Blödsinn und Dichtung, in Unverstand und Geistesfülle: so zeigte sie

gleichsam, wie eine mächtige Ruine, rückwärts auf ein denkwürdiges Dasein.

Ja, der Menschenkenner, wenn hier je einer hergekommen wäre, würde aus den

wenigen Blitzen, die noch gelegentlich auffuhren, leicht erkannt haben,

daß hier eine Dichtungsfülle ganz ungewöhnlicher Art vorübergelebt worden

war, ungekannt von der Umgebung, ungekannt von der Besitzerin,

vorübergelebt in dem schlechten Gefäße eines Haidebauerweibes. Ihre

gemüthreiche Tochter, die Mutter des Knaben, war nur ein schwaches Abbild

derselben. Das alte Weib hatte in ihrem ganzen Leben voll harter Arbeiten

nur ein einziges Buch gelesen, die Bibel; aber in diesem Buche las und

dichtete sie siebenzig Jahre. Jetzt that sie es zwar nicht mehr, verlangte

auch nicht mehr, daß man ihr vorlese; aber ganze Prophetenstellen sagte

sie oft laut her, und in ihrem Wesen war Art und Weise jenes Buches

ausgeprägt, so daß selbst zuletzt ihre gewöhnliche Redeweise etwas Fremdes

und gleichsam Morgenländisches zeigte. Dem Knaben erzählte sie die

heiligen Geschichten. Da saß er nun oft an Sonntagnachmittagen gekauert

[60] an dem Hollunderstrauch--und wenn die Wunder, und die Helden kamen,

und die fürchterlichen Schlachten, und die Gottesgerichte--und wenn sich

dann die Großmutter in die Begeisterung geredet, [61] und der alte Geist

die Ohnmacht seines Körpers überwunden hatte--und wenn sie nun anfing,

zurückgesunken in die Tage ihrer Jugend, mit dem welken Munde zärtlich und

schwärmerisch zu reden, mit einem Wesen, das er nicht sah, und in Worten,

die er nicht verstand, aber tief ergriffen instinktmäßig nachfühlte, und

wenn sie um sich alle Helden der Erzählung versammelte, und ihre eigenen

Verstorbenen einmischte, und nun alles durcheinander reden ließ: da

grauete er sich innerlich entsetzlich ab, [62] und um so mehr, wenn er sie

gar nicht mehr verstand--allein er schloß alle Thore seiner Seele weit

auf, und ließ den fantastischen Zug [63] eingehen, und nahm des andern

Tages das ganze Getümmel mit auf die Haide, wo er Alles wieder

nachspielte.

Dieser Großmutter nun wollte er sein Vorhaben deuten, damit sie ihn nicht

eines Tages zufällig vermisse, und sich innerlich kränke, als sei er

gestorben.

Und so--an einem frühen Morgen stand er neben den Eltern reisefertig vor

der Thür, sein dürftig Linnenkleid an, den breiten Hut auf dem Haupte, den

Wacholderstab in der Hand, umgehängt den Haidesack, in welchem zwei Hemden

waren und Käse und Brot. Eingenäht in die Brusttasche hatte er das wenige

Geld, welches das Haus vermochte.

Die Großmutter, immer die erste wach, knieete bereits nach ihrer Sitte

inmitten der Wiese an ihrem Holzschemel, den sie dahin getragen, und

betete. Der Knabe warf einen Blick auf den Haiderand, welcher schwarz den

lichten Himmel schnitt--dann trat er zu der Großmutter und sagte: "Liebe

Mutter, ich gehe jetzt, lebet wohl und betet für mich!"

"Kind, du mußt der Schafe achten, der Thau ist zu früh, und zu kühl!"

"Nicht auf die Haide gehe ich, Großmutter, sondern weit fort in das Land,

um zu lernen und tüchtig zu werden, wie ich es Euch ja gestern Alles

gesagt habe."

"Ja, Du sagtest es," erwiederte sie, "Du sagtest es, mein Kind--ich habe

Dich mit Schmerzen geboren, aber Dir auch Gaben gegeben, zu werden, wie

einer der Propheten und Seher--ziehe mit Gott, aber komme wieder,

Jacobus!"

Jacobus hatte ihr Sohn geheißen, der auch einmal fortgegangen, vor mehr

als sechzig Jahren, aber nie wieder zurückgekehrt war.

"Mutter," sagte er noch einmal, "gebt mir Eure Hand."

Das Haidedorf · 第 9 / 18 题