II. In Versen.

1. Eine Legende nach Hans Sachs.

Gleich und Ungleich.

(3. November.)

Der Herr, als er auf Erden noch einherging,

Kam mit Sanct Peter einst an einen Scheideweg,

Und fragte, unbekannt des Landes,

Das er durchstreifte, einen Bauersknecht,

Der faul, da, wo der Rain sich spaltete, gestreckt

In eines Birnbaums Schatten lag:

Was für ein Weg nach Jericho ihn führe?

Der Kerl, die Männer nicht beachtend,

Verdrießlich, sich zu regen, hob ein Bein,

Zeigt auf ein Haus im Feld', und gähnt' und sprach: da unten!

Zerrt sich die Mütze über's Ohr zurecht,

Kehrt sich, und schnarcht schon wieder ein.

Die Männer drauf, wohin das Bein gewiesen,

Gehn ihre Straße fort; jedoch nicht lange währt's,

Von Menschen leer, wie sie das Haus befinden,

Sind sie im Land' schon wieder irr.

Da steht, im heißen Strahl der Mittagssonne,

Bedeckt von Aehren, eine Magd,

Die schneidet, frisch und wacker, Korn,

Der Schweiß rollt ihr vom Angesicht herab.

Der Herr, nachdem er sich gefällig drob ergangen,

Kehrt also sich mit Freundlichkeit zu ihr:

»Mein Töchterchen gehn wir auch recht,

So wie wir stehn, den Weg nach Jericho?«

Die Magd antwortet flink: »Ei, Herr!

Da seid ihr weit vom Wege irr gegangen;

Dort hinterm Walde liegt der Thurm von Jericho,

Kommt her, ich will den Weg euch zeigen.«

Und legt die Sichel weg, und führt, geschickt und emsig,

Durch Aecker, die der Rain durchschneidet,

Die Männer auf die rechte Straße hin,

Zeigt noch, wo schon der Thurm von Jericho erglänzet,

Grüßt sie und eilt zurücke wieder,

Auf daß sie schneid', in Rüstigkeit, und raffe,

Von Schweiß betrieft, im Waizenfelde,

So nach wie vor.

Sanct Peter spricht: »O Meister mein!

Ich bitte dich, um deiner Güte willen,

Du wollest dieser Maid die That der Liebe lohnen,

Und, flink und wacker, wie sie ist,

Ihr einen Mann, flink auch und wacker, schenken.«

»Die Maid, versetzt der Herr voll Ernst,

Die soll den faulen Schelmen nehmen,

Den wir am Scheideweg im Birnbaumsschatten trafen;

Also beschloß ich's gleich im Herzen,

Als ich im Waizenfeld sie sah.«

Sanct Peter spricht: »Nein Herr, das wolle Gott verhüten.

Das wär' ja ewig Schad' um sie,

Müßt' all' ihr Schweiß und Müh' verloren gehn.

Laß einen Mann, ihr ähnlicher, sie finden,

Auf daß sich, wie sie wünscht, hoch bis zum Giebel ihr

Der Reichthum in der Tenne fülle.«

Der Herr antwortet, mild den Sanctus strafend:

»O Petre, das verstehst du nicht.

Der Schelm, der kann doch nicht zur Höllen fahren.

Die Maid auch, frischen Lebens voll,

Die könnte leicht zu stolz und üppig werden.

Drum, wo die Schwinge sich ihr allzuflüchtig regt,

Henk' ich ihr ein Gewichtlein an,

Auf daß sie's beide im Maaße treffen,

Und fröhlich, wenn es ruft, hinkommen, er wie sie,

Wo ich sie Alle gern versammeln möchte.

2. Eine Legende nach Hans Sachs.

Der Welt Lauf.

(8. December.)

Der Herr und Petrus oft, in ihrer Liebe beide,

Begegneten im Streite sich,

Wenn von der Menschen Heil die Rede war;

Und dieser nannte zwar die Gnade Gottes groß,

Doch wär' er Herr der Welt, meint er,

Würd' er sich ihrer mehr erbarmen.

Da trat, zu einer Zeit, als längst, in beider Herzen,

Der Streit vergessen schien, und just,

Um welcher Ursach weiß ich nicht,

Der Himmel oben auch voll Wolken hieng,

Der Sanctus mißgestimmt, den Heiland an, und sprach

»Herr, laß, auf eine Handvoll Zeit,

Mich, aus dem Himmelreich, auf Erden niederfahren,

Daß ich des Unmuths, der mich griff,

Vergess' und mich einmal, von Sorgen frei, ergötze,

Weil es jetzt grad' vor Fastnacht ist.«

Der Herr, des Streits noch sinnig eingedenk,

Spricht: »Gut; acht Tag' geb' ich dir Zeit,

Der Feier, die mir dort beginnt, dich beizumischen;

Jedoch, so bald das Fest vorbei,

Kommst du mir zu gesetzter Stunde wieder.

Acht volle Tage doch, zwei Wochen schon, und mehr,

Ein abgezählter Mond vergeht,

Bevor der Sanct zum Himmel wiederkehrt.

»Ei, Petre,« spricht der Herr, »wo weiltest du so lange?

Gefiel's auch nieden dir so wohl?«

Der Sanctus, mit noch schwerem Kopfe, spricht:

»Ach, Herr! Das war ein Jubel unten --!

Der Himmel selbst beseeliget nicht besser.

Die Erndte, reich, du weißt, wie keine je gewesen,

Gab alles was das Herz nur wünscht,

Getraide, weiß und süß, Most, sag' ich dir, wie Honig,

Fleisch fett, dem Speck gleich, von der Brust des Rindes;

Kurz, von der Erde jeglichem Erzeugniß

Zum Brechen alle Tafeln voll.

Da ließ ich's, schier, zu wohl mir sein,

Und hätte bald des Himmels gar vergessen.«

Der Herr erwiedert: »Gut! Doch Petre sag' mir an,

Bei soviel Seegen, den ich ausgeschüttet,

Hat man auch dankbar mein gedacht?

Sahst du die Kirchen auch von Menschen voll?« --

Der Sanct, bestürzt hierauf, nachdem er sich besonnen:

»O Herr,« spricht er, »bei meiner Liebe,

Den ganzen Fastmond durch, wo ich mich hingewendet,

Nicht deinen Namen hört' ich nennen.

Ein einz'ger Mann saß murmelnd in der Kirche:

Der aber war ein Wucherer,

Und hatte Korn, im Herbst erstanden,

Für Mäus' und Ratzen hungrig aufgeschüttet.« --

»Wohlan denn,« spricht der Herr, und läßt die Rede fallen,

»Petre, so geh; und künft'ges Jahr

Kannst du die Fastnacht wiederum besuchen.«

Doch diesmal war das Fest kaum eingeläutet,

Da kömmt der Sanctus schleichend schon zurück.

Der Herr begegnet ihm am Himmelsthor und ruft:

»Ei, Petre! Sieh! Warum so traurig?

Hat's dir auf Erden denn danieden nicht gefallen?«

»Ach, Herr,« versetzt der Sanct, »seit ich sie nicht gesehn,

Hat sich die Erde ganz verändert.

Da ist's kurzweilig nicht mehr, wie vordem,

Rings sieht das Auge nichts, als Noth und Jammer.

Die Erndte, ascheweiß versengt auf allen Feldern,

Gab für den Hunger nicht, um Brod zu backen,

Viel wen'ger Kuchen, für die Lust, und Stritzeln.

Und weil der Herbstwind früh der Berge Hang durchreift,

War auch an Wein und Most nicht zu gedenken.

Da dacht ich: was auch sollst du hier?

Und kehrt ins Himmelreich nur wieder heim.« --

»So!« spricht der Herr. »Fürwahr! das thut mir leid!

Doch, sag' mir an: gedacht' man mein?«

»Herr, ob man dein gedacht? -- Die Wahrheit dir zu sagen,

Als ich durch eine Hauptstadt kam,

Fand ich, zur Zeit der Mitternacht,

Vom Altarkerzenglanz, durch die Portäle strahlend,

Dir alle Märkt' und Straßen hell;

Die Glöckner zogen, daß die Stränge rissen;

Hoch an den Säulen hiengen Knaben,

Und hielten ihre Mützen in der Hand.

Kein Mensch, versichr' ich dich, im Weichbild rings zu sehn,

Als Einer nur, der eine Schaar

Lastträger keuchend von dem Hafen führte:

Der aber war ein Wucherer,

Und häufte Korn auf lächelnd, fern erkauft,

Um von des Landes Hunger sich zu mästen.«

»Nun denn, o Petre,« spricht der Herr,

Erschaust du jetzo doch den Lauf der Welt!

Jetzt siehst du doch was du jüngsthin nicht glauben wolltest,

Daß Güter nicht das Gut des Menschen sind;

Daß mir ihr Heil am Herzen liegt wie dir:

Und daß ich, wenn ich sie mit Noth zuweilen plage,

Mich, meiner Liebe treu und meiner Sendung,

Nur ihrer höh'ren Noth erbarme.

Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken · 第 24 / 39 题