Hr. Claudius hatte beim Eingang in den Schützenplatz Zettel austheilen
lassen, auf welchen er, längs der Potsdammer Chaussee, nach dem
Luckenwaldschen Kreis zu gehen, und in einer Stunde vier Meilen
zurückzulegen versprach. Der Wind war aber gegen 12 Uhr so mächtig
geworden, daß er noch um 2 Uhr mit der Füllung des Ballons nicht fertig
war; und es verbreitete sich das Gerücht, daß er vor 4 Uhr nicht in die
Luft gehen würde.
4. Aëronautik.
S. Haude u. Spenersche Zeitung, den 25. Okt. 1810.[75]
(29. 30. October.)
Der, gegen die Abendblätter gerichtete, Artikel der Haude und
Spenerschen Zeitung, über die angebliche Direction der Luftbälle ist mit
soviel Einsicht, Ernst und Würdigkeit abgefaßt, daß wir geneigt sind zu
glauben, die Wendung am Schluß, die zu dem Ganzen wenig paßt, beruhe auf
einem bloßen Mißverständniß.
Demnach dient dem unbekannten Hrn. Verfasser hiemit auf seine, in
Anregung gebrachten Einwürfe zur freundschaftlichen Antwort:
1) daß wenn das Abendblatt, des beschränkten Raums wegen, den
unverklausulirten Satz aufgestellt hat: die Direction der Luftbälle sei
erfunden; dasselbe damit keineswegs hat sagen wollen: es sei an dieser
Erfindung nichts mehr hinzuzusetzen; sondern bloß: das Gesetz einer
solchen Kunst sei gefunden, und es sei, nach dem, was in Paris
vorgefallen, nicht mehr zweckmäßig, in dem Bau einer, mit dem Luftball
verbundenen, Maschiene eine Kraft zu suchen, die in dem Luftball selbst,
und in dem Element, das ihn trägt, vorhanden ist.
2) Daß die Behauptung, in der Luft seien Strömungen der vielfachsten und
mannigfaltigsten Art enthalten, wenig Befremdendes und Außerordentliches
in sich faßt, indem unseres Wissens, nach den Aufschlüssen der neuesten
Naturwissenschaft, eine der Hauptursachen des Windes, chemische
Zersetzung oder Entwickelung beträchtlicher Luftmassen ist. Diese
Zersetzung oder Entwickelung der Luftmassen aber muß, wie eine ganz
geringe Einbildung lehrt, ein concentrisches oder excentrisches, in
allen seinen Richtungen diametral entgegengesetztes, Strömen der in der
Nähe befindlichen Luftmassen veranlassen; dergestalt, daß an Tagen, wo
dieser chemische Prozeß im Luftraum häufig vor sich geht, gewiß über
einem gegebenen, nicht allzubeträchtlichen Kreis der Erdoberfläche, wenn
nicht alle, doch so viele Strömungen, als der Luftfahrer, um die
willkührliche Direction darauf zu gründen, braucht, vorhanden sein
mögen.
3) Daß der Luftballon des Hrn. Claudius selbst (in sofern ein einzelner
Fall hier in Erwägung gezogen zu werden verdient) zu dieser Behauptung
gewissermaßen den Beleg abgiebt, indem ohne Zweifel als derselbe ½5 Uhr
durchaus westlich in der Richtung nach Spandau und Stendal aufstieg,
niemand geahndet hat, daß er, innerhalb zwei Stunden, durchaus südlich,
zu Düben in Sachsen niederkommen würde.
4) Daß die Kunst, den Ballon _vertical_ zu dirigiren, noch einer großen
Entwickelung und Ausbildung bedarf, und derselbe auch wohl, ohne eben
große Schwierigkeiten, fähig ist, indem man ohne Zweifel durch
Veränderung nicht bloß des absoluten, sondern auch specifischen Gewichts
(vermittelst der Wärme und der Expansion) wird steigen und fallen und
somit den Luftstrom mit größerer Leichtigkeit wird aufsuchen lernen,
dessen man, zu einer bestimmten Reise, bedarf.
5) Daß Hr. Claudius zwar wenig gethan hat, die Aufmerksamkeit des
Publikums, die er auf sich gezogen hat, zu rechtfertigen; daß wir aber
gleichwohl dahingestellt sein lassen, in wiefern derselbe, nach dem
Gespräche der Stadt, in der Kunst, von der Erdoberfläche aus die
Luftströmungen in den höheren Regionen zu beurtheilen, erfahren sein
mag: indem aus der Richtung, die sein Ballon anfänglich westwärts gegen
Spandau und späterhin südwärts gegen Düben nahm, mit sonderbarer
Wahrscheinlichkeit hervor zu gehen scheint, daß er, wenn er aufgestiegen
wäre, sein Versprechen erfüllt haben, und vermittelst seiner
mechanischen Einwirkung, in der Diagonale zwischen beiden Richtungen,
über der Potsdammer Chaussee, nach dem Luckenwaldischen Kreise,
fortgeschwommen sein würde.
6) Daß wenn gleich das Unternehmen vermittelst einer, im Luftball
angebrachten Maschiene, den Widerstand ganz contrairer Winde aufzuheben,
unübersteiglichen Schwierigkeiten unterworfen ist, es doch vielleicht
bei Winden von geringerer Ungünstigkeit möglich sein dürfte, den Sinus
der Ungünstigkeit, vermittelst mechanischer Kräfte, zu überwinden, und
somit, dem Seefahrer gleich, auch solche Winde, die nicht genau zu dem
vorgeschriebenen Ziel führen, ins Interesse zu ziehen.
Zudem bemerken wir, daß wenn 7) der Luftschifffahrer, aller dieser
Hülfsmittel ungeachtet, Tage und Wochen lang auf den Wind, der ihm
passend ist, warten müßte, derselbe sich mit dem Seefahrer zu trösten
hätte, der auch Wochen, oft Monate lang, auf günstige Winde im Hafen
harren muß: wenn er ihn aber gefunden hat, binnen wenigen Stunden damit
weiter kommt, als wenn er sich, von Anfang herein, während der ganzen
verlornen Zeit, zur Axe oder zu Pferde fortbewegt hätte.
Endlich selbst zugegeben 8) -- was wir bei der Möglichkeit, auch selbst
in der wolkigsten Nacht, den Polarstern, wenigstens auf Augenblicke,
aufzufinden, keinesweges thun -- dem Luftschiffer fehle es schlechthin
an Mittel, sich in der Nacht im Luftraum zu orientiren: so halten wir
den von dem unbekannten Hrn. R. berechneten Irrthum von 6 Meilen, auf
einen Radius von 30 Meilen, für einen sehr mäßigen und erträglichen. Der
Aëronaut würde immer noch, wenn ^x^ die Zeit ist, die er gebraucht haben
würde, um den Radius zur Axe zurückzulegen, in ^x^/5 den Radius und die
Sehne zurücklegen können. Wenn er dies, gleichviel aus welchen Gründen,
ohne seinen Ballon, nicht wollte, so würde er sich wieder mit dem
Seefahrer trösten müssen, der auch oft, widriger Winde wegen, statt in
den Hafen einzulaufen, auf der Rhede vor Anker gehen, oder gar in einen
andern ganz entlegenen Hafen einlaufen muß, nach dem er gar nicht bei
seiner Abreise gewollt hat.
* * * * *
Was Hr. Garnerin betrift, so werden wir im Stande sein, in Kurzem
bestimmtere Facta, als die im 13ten Abendblatt enthalten waren, zur
Erwiderung auf die gemachten Einwürfe, beizubringen.
^rm.^