6. Lehrbuch der französischen Journalistik.

Einleitung.

§ 1.

Die Journalistik überhaupt ist die treuherzige und unverfängliche Kunst

das Volk von dem zu unterrichten, was in der Welt vorfällt. Sie ist eine

gänzliche Privatsache, und alle Zwecke der Regierung, sie mögen heißen

wie man wolle, sind ihr fremd. Wenn man die französischen Journale mit

Aufmerksamkeit liest, so sieht man, daß sie nach ganz eignen Grundsätzen

abgefaßt worden, deren System man die _französische Journalistik_ nennen

kann. Wir wollen uns bemühen den Entwurf dieses Systems, so wie es etwa

im geheimen Archiv zu Paris liegen mag, hier zu entfalten.

Erklärung.

§ 2.

Die _französische Journalistik_ ist die Kunst das Volk glauben zu

machen, was die Regierung für gut findet.

§ 3.

Sie ist bloß Sache der Regierung, und alle Einmischung der Privatleute,

bis selbst auf die Stellung vertraulicher Briefe, die die

Tages-Geschichte betreffen, verboten.

§ 4.

Ihr Zweck ist die Regierung über allen Wechsel der Begebenheiten hinaus

sicher zu stellen, und die Gemüther, allen Lockungen des Augenblicks zum

Trotz, in schweigender Unterwürfigkeit unter das Joch derselben

niederzuhalten.

Die zwei obersten Grundsätze.

§ 5.

_Was das Volk nicht weiß, macht das Volk nicht heiß._

§ 6.

_Was man dem Volke dreimal sagt, hält das Volk für wahr._

Anmerkung.

§ 7.

Diese Grundsätze könnte man auch Grundsätze des Talleyrand nennen. Denn

ob sie gleich nicht von ihm erfunden sind, so wenig wie die

mathematischen von dem Euklid: so ist er doch der Erste, der sie für ein

bestimmtes und schlußgerechtes System in Anwendung gebracht hat.

Aufgabe.

§ 8.

Eine Verbindung von Journalen zu redigiren, welche 1. Alles, was in der

Welt vorfällt, entstellen, und gleichwohl 2. ziemliches Vertrauen haben?

Lehrsatz zum Behuf der Auflösung.

Die Wahrheit sagen heißt allererst die Wahrheit _ganz_ und _nichts als_

die Wahrheit sagen.

Auflösung.

Also redigire man zwei Blätter, deren Eines niemals lügt, das Andere

aber die Wahrheit sagt: so wird die Aufgabe gelößt sein.

Beweis.

Denn weil das Eine niemals lügt, das Andere aber die Wahrheit sagt, so

wird die _zweite_ Forderung erfüllt sein. Weil aber jenes verschweigt

was wahr ist, und dieses hinzusetzet was erlogen ist, so wird es auch,

wie jedermann zugestehen wird, die _erste_ sein. ^q. e. d.^

Erklärung.

§ 9.

Dasjenige Blatt, welches niemals lügt, aber hin und wieder verschweigt

was wahr ist, heißt der _Moniteur_, und erscheine in officieller Form;

das Andere, welches die Wahrheit sagt, aber zuweilen hinzuthut was

erstuncken und erlogen ist, heiße ^Journal de l'Empire^, oder

auch ^Journal de Paris^, und erscheine in Form einer bloßen

Privat-Unternehmung.

Eintheilung der Journalistik.

§ 10.

Die französische Journalistik zerfällt in die Lehre von der Verbreitung

1. _wahrhaftiger_, 2. _falscher_ Nachrichten. Jede Art der Nachricht

erfordert einen eigenen _Modus der Verbreitung_, von welchem hier

gehandelt werden soll.

^Cap. I.^

Von den wahrhaftigen Nachrichten.

^Art. 1.^

Von den guten.

Lehrsatz.

§ 11.

_Das Werk lobt seinen Meister._

Beweis.

Der Beweis für diesen Satz ist klar an sich. Er liegt in der Sonne,

besonders wenn sie aufgeht; in den ägyptischen Pyramiden; in der

Peterskirche; in der Madonna des Raphael, und in vielen andern

herrlichen Werken der Götter und Menschen.

Anmerkung.

§ 12.

Wirklich und in der That: man mögte meinen, daß dieser Satz sich in der

französischen Journalistik [nicht] findet. Wer die Zeitungen aber mit

Aufmerksamkeit gelesen hat, der wird gestehen, er findet sich darin;

daher wir ihn auch dem System zu Gefallen hier haben aufführen müssen.

Corollarium.

§ 13.

Inzwischen gilt dieser Satz doch nur in völliger Strenge für den

_Moniteur_, und auch für diesen nur bei guten Nachrichten von

außerordentlichem und entscheidendem Werth. Bei guten Nachrichten von

untergeordnetem Werth kann der Moniteur schon das Werk ein wenig loben,

das ^Journal de l'Empire^ aber und das ^Journal de Paris^ mit vollen

Backen in die Posaune stoßen.

Aufgabe.

§ 14.

_Dem Volk eine gute Nachricht vorzutragen?_

Auflösung.

Ist es z. B. eine gänzliche Niederlage des Feindes, wobei derselbe

Kanonen, Bagage und Munition verloren hat und in die Moräste gesprengt

worden ist, so sage man dies, und setze das Punctum dahinter. (§ 11) Ist

es ein bloßes Gefecht, wobei nicht viel herausgekommen ist, so setze man

im Moniteur eine, im ^Journal de l'Empire^ drei Nullen an jede Zahl, und

schicke die Blätter mit ^Courieren^ in alle Welt. (§ 13)

Anmerkung.

§ 15.

Hierbei braucht man nicht nothwendig zu lügen. Man braucht nur z. B. die

Blessirten, die man auf dem Schlachtfelde gefunden, auch unter den

Gefangenen aufzuführen. Dadurch bekömmt man zwei Rubriken, und das

Gewissen ist gerettet.

^Art. 2.^

_Von den schlechten Nachrichten._

Lehrsatz.

§ 16.

Zeit gewonnen, Alles gewonnen.

Anmerkung.

§ 17.

Dieser Satz ist so klar, daß er, wie die Grundsätze, keines Beweises

bedarf, daher ihn der Kaiser der Franzosen auch unter die Grundsätze

aufgenommen hat. Er führt in natürlicher Ordnung auf die Kunst dem Volk

[eine] Nachricht zu verbergen, von welcher[55] sogleich gehandelt werden

soll.

Corollarium.

§ 18.

Inzwischen gilt auch dieser Satz nur in völliger Strenge für das

^Journal de l'Empire^ und für das ^Journal de Paris^, und auch für diese

nur bei schlechten Nachrichten von der gefährlichen und verzweifelten

Art. Schlechte Nachrichten von erträglicher Art kann der Moniteur gleich

offenherzig gestehen, das ^Journal de l'Empire^ aber und das ^Journal de

Paris^ thun als ob nicht viel daran wäre.

Aufgabe.

§ 19.

_Dem Volk eine schlechte Nachricht zu verbergen?_

Auflösung.

Die Auflösung ist leicht. Es gilt für das Innere des Landes in allen

Journalen Stillschweigen, einem Fisch gleich. Unterschlagung der Briefe,

die davon handeln, Aufhaltung der Reisenden, Verbote in Tabagien und

Gasthäusern davon zu reden, und für das Ausland Confiscation der

^Journale^, welche gleichwohl davon zu handeln wagen; Arretirung,

Deportirung, und Füselierung der Redactoren; Ansetzung neuer ^Subjecte^

bei diesem Geschäfft: Alles mittelbar entweder durch Requisition, oder

unmittelbar durch Detaschements.

Anmerkung.

§ 20.

Diese Auflösung ist, wie man sieht, nur eine bedingte, und früh oder

spät kommt die Wahrheit ans Licht. Will man die Glaubwürdigkeit der

Zeitungen nicht aussetzen, so muß es nothwendig eine Kunst geben dem

Volk schlechte Nachrichten vorzutragen. Worauf wird diese Kunst sich

stützen?

Lehrsatz.

§ 21.

Der Teufel läßt keinen Schelmen im Stich.

Anmerkung.

§ 22.

Auch dieser Satz ist so klar, daß er nur erst verworren[56] werden

würde, wenn man ihn beweisen wollte, daher wir uns nicht weiter darauf

einlassen, sondern sogleich zur Anwendung schreiten wollen.

Aufgabe.

§ 23.

_Dem Volk eine schlechte Nachricht vorzutragen?_

Auflösung.

Man schweige davon (§ 5) bis sich die Umstände geändert haben. (§ 15).

Inzwischen unterhalte man das Volk mit guten Nachrichten, entweder mit

wahrhaftigen aus der Vergangenheit, oder auch mit gegenwärtigen, wenn

sie vorhanden sind, als: Schlacht von Marengo, von der Gesandschafft des

Persenschachs[57] und von der Ankunft des Levantischen Kaffes, oder, in

Ermangelung aller, mit solchen die erstunken und erlogen sind; sobald

sich die Umstände geändert haben, welches niemals ausbleibt, (§ 20) und

irgend ein Vortheil, er sei groß oder klein, errungen worden ist, gebe

man (§ 14) eine pomphafte Ankündigung davon, und an ihren Schwanz hänge

man die schlechte Nachricht an. ^q. e. des.^

Anmerkung.

§ 24.

Hierin ist eigentlich noch der Lehrsatz enthalten: _wenn man dem Kinde

ein Licht zeigt, so weint es nicht_; denn darauf stützt sich zum Theil

das angegebene Verfahren. Nur der Kürze wegen, und weil er von selbst in

die Augen springt, geschah es, daß wir denselben ^in abstracto^ nicht

haben aufführen wollen.

Corollarium.

§ 25.

Ganz _still zu schweigen_, wie die Auflösung fordert, ist in vielen

Fällen unmöglich, denn schon das Datum des Bülletins, wenn z. B. eine

Schlacht verloren und das Hauptquartier zurückgegangen wäre, verräth

dies Factum. In diesem Fall _antedatire_ man entweder das Bülletin, oder

aber _fingire einen Druckfehler_ im Datum, oder endlich lasse das Datum

_ganz weg_. Die Schuld kommt auf den Setzer oder Corrector.

7. Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen, zum

Gebrauch für Kinder und Alte.[58]

In sechzehn Kapiteln.

Erstes Kapitel.

Von Deutschland überhaupt.

_Frage._ Sprich, Kind, wer bist Du?

_Antwort._ Ich bin ein Deutscher.

_Fr._ Ein Deutscher? Du scherzest. Du bist in Meißen gebohren, und das

Land, dem Meißen angehört, heißt Sachsen!

_Antw._ Ich bin in Meißen gebohren, und das Land, dem Meißen angehört,

heißt Sachsen; aber mein Vaterland, das Land dem Sachsen angehört, ist

Deutschland, und Dein Sohn, mein Vater, ist ein Deutscher.

_Fr._ Du träumest! Ich kenne kein Land, dem Sachsen angehört, es müßte

denn das rheinische Bundesland sein.[59] Wo find ich es, dies

Deutschland, von dem Du sprichst, und wo liegt es?

_Antw._ Hier, mein Vater. -- Verwirre mich nicht.

_Fr._ Wo?

_Antw._ Auf der Karte.

_Fr._ Ja, auf der Karte! -- Diese Karte ist vom Jahr 1805. -- Weißt Du

nicht, was geschehn ist im Jahr 1805, da der Friede von Preßburg

abgeschlossen war?

_Antw._ Napoleon, der korsische Kaiser, hat es nach dem Frieden durch

eine Gewaltthat zertrümmert.[60]

_Fr._ Nun? Und gleichwohl wäre es noch vorhanden?

_Antw._ Gewiß! -- Was fragst Du mich doch!

_Fr._ Seit wann?

_Antw._ Seit Franz der Zweite, der alte Kaiser der Deutschen, wieder

aufgestanden ist, um es herzustellen, und der tapfre Feldherr, den er

bestellte, das Volk aufgerufen hat, sich an die Heere, die er anführt,

zur Befreiung des Landes anzuschließen.

Zweites Kapitel.

Von der Liebe zum Vaterlande.

_Fr._ Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn?

_Antw._ Ja, mein Vater, das thu ich.

_Fr._ Warum liebst Du es?

_Antw._ Weil es mein Vaterland ist.

_Fr._ Du meinst, weil Gott es geseegnet hat mit vielen Früchten, weil

viele schöne Werke der Kunst es schmücken, weil Helden, Staatsmänner und

Weise, deren Namen anzuführen kein Ende ist, es verherrlicht haben?

_Antw._ Nein, mein Vater; Du verführst mich.

_Fr._ Ich verführte Dich?

_Antw._ Denn Rom und das ägyptische Delta sind, wie Du mich gelehrt

hast, mit Früchten und schönen Werken der Kunst und Allem, was groß und

herrlich sein mag, weit mehr geseegnet als Deutschland. Gleichwohl, wenn

Deines Sohnes Schicksal wollte, daß er darin leben sollte, würde er sich

traurig fühlen, und es nimmermehr so lieb haben, wie jetzt Deutschland.

_Fr._ Warum also liebst Du Deutschland?

_Antw._ Mein Vater, ich habe es Dir schon gesagt!

_Fr._ Du hättest es mir schon gesagt?

_Antw._ Weil es mein Vaterland ist.

Drittes Kapitel.

Von der Zertrümmerung des Vaterlandes.

_Fr._ Was ist Deinem Vaterlande jüngsthin widerfahren?

_Antw._ Napoleon, Kaiser der Franzosen, hat es mitten im Frieden

zertrümmert, und mehrere Völker, die es bewohnen, unterjocht.

_Fr._ Warum hat er dies gethan?

_Antw._ Das weiß ich nicht.

_Fr._ Das weißt Du nicht?

_Antw._ Weil er ein böser Geist ist.

_Fr._ Ich will Dir sagen, mein Sohn: Napoleon behauptet, er sei von den

Deutschen beleidigt worden.

_Antw._ Nein, mein Vater, das ist er nicht.

_Fr._ Warum nicht?

_Antw._ Die Deutschen haben ihn niemals beleidigt.

_Fr._ Kennst Du die gantze Streitfrage, die dem Kriege, der entbrannt

ist, zum Grunde liegt?

_Antw._ Nein, keineswegs.

_Fr._ Warum nicht?

_Antw._ Weil sie zu weitläuftig und umfassend ist.

_Fr._ Woraus also schließest Du, daß die Sache, die die Deutschen

führen, gerecht sei?

_Antw._ Weil Kaiser Franz von Oesterreich es versichert hat.

_Fr._ Wo hat er dies versichert?

_Antw._ In dem von seinem Bruder, dem Erzherzog Carl, an die Nation

erlassenen Aufruf.

_Fr._ Also wenn zwei Angaben vorhanden sind, die Eine von Napoleon, dem

Korsenkaiser, die Andere von Franz, Kaiser von Oesterreich, welcher

glaubst Du?

_Antw._ Der Angabe Franzens, Kaisers von Oesterreich.

_Fr._ Warum?

_Antw._ Weil er wahrhaftiger ist.

Viertes Kapitel.

Vom Ertzfeind.

_Fr._ Wer sind Deine Feinde, mein Sohn?

_Antw._ Napoleon und, so lange er ihr Kaiser ist, die Franzosen.

_Fr._ Ist sonst niemand, den Du haßest?

_Antw._ Niemand auf der ganzen Welt.

_Fr._ Gleichwohl, als Du gestern aus der Schule kamst, hast Du Dich mit

jemand, wenn ich nicht irre, entzweit?

_Antw._ Ich, mein Vater? Mit wem?

_Fr._ Mit Deinem Bruder; Du hast es mir selbst erzählt.

_Antw._ Ja, mit meinem Bruder! Er hatte meinen Vogel nicht, wie ich ihm

aufgetragen hatte, gefüttert.

_Fr._ Also ist Dein Bruder, wenn er dies gethan hat, Dein Feind, nicht

Napoleon der Korse, noch die Franzosen, die er beherrscht?

_Antw._ Nicht doch, mein Vater! -- Was sprichst Du da?

_Fr._ Was ich da spreche?

_Antw._ Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.[61] -- -- -- --

[Siebentes Kapitel.]

_Fr._ Das hab ich Dich schon gefragt. Sage es noch einmahl mit den

Worten, die ich Dich gelehrt habe.

_Antw._ Für einen verabscheuungswürdigen Menschen, für den Anfang alles

Bösen und das Ende alles Guten; für einen Sünder, den anzuklagen die

Sprache der Menschen nicht hinreicht, und den Engeln einst am jüngsten

Tage der Odem vergehen wird.

_Fr._ Sahst Du ihn je?

_Antw._ Niemals, mein Vater.

_Fr._ Wie sollst Du ihn Dir vorstellen?

_Antw._ Als einen der Hölle entstiegenen Vatermörder, der herumschleicht

in dem Tempel der Natur, und an allen Säulen rüttelt, auf welchen er

gebaut ist.

_Fr._ Wann hast Du dies im Stillen für Dich wiederholt?

_Antw._ Gestern Abend, als ich zu Bette gieng, und heute Morgen, als ich

aufstand.

_Fr._ Und wann wirst Du es wieder wiederholen?

_Antw._ Heute Abend, wenn ich zu Bette gehe, und morgen früh, wann ich

aufstehe.

_Fr._ Gleichwohl, sagt man, soll er viel Tugenden besitzen. Das

Geschäfft der Unterjochung der Erde soll er mit List, Gewandtheit und

Kühnheit vollziehn, und besonders an dem Tage der Schlacht ein großer

Feldherr sein.

_Antw._ Ja, mein Vater, so sagt man.

_Fr._ Man sagt es nicht bloß; er _ist_ es.

_Antw._ Auch gut; er _ist_ es.

_Fr._ Meinst Du nicht, daß er um dieser Eigenschafften willen

Bewunderung und Verehrung verdiene?

_Antw._ Du schertzest, mein Vater.

_Fr._ Warum nicht?

_Antw._ Das wäre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit, die einem

Menschen im Ringen beiwohnt, in dem Augenblick bewundern wollte, da er

mich in den Koth wirft und mein Antlitz mit Füßen tritt.

_Fr._ Wer also unter den Deutschen mag ihn bewundern?

_Antw._ Die robusten Feldherrn etwa und die Kenner der Kunst.

_Fr._ Und auch diese, wann mögen sie es erst thun?

_Antw._ Wenn er vernichtet ist.

Achtes Kapitel.

Von der Erziehung der Deutschen.

_Fr._ Was mag die Vorsehung wohl damit, mein Sohn, daß sie die Deutschen

so grimmig durch Napoleon, den Korsen, aus ihrer Ruhe aufgeschreckt hat,

bezweckt haben?

_Antw._ Das weiß ich nicht.

_Fr._ Das weißt Du nicht?

_Antw._ Nein, mein Vater.

_Fr._ Ich auch nicht. Ich schieße nur mit meinem Urtheil ins Blaue

hinein. Treffe ich, so ist es gut; wo nicht, so ist an dem Schuß nichts

verloren. -- Tadelst Du dies Unternehmen?

_Antw._ Keineswegs, mein Vater.

_Fr._ Vielleicht meinst Du, die Deutschen befanden sich schon, wie die

Sachen stehn, auf dem Gipfel aller Tugend, alles Heils und alles Ruhms?

_Antw._ Keineswegs, mein Vater.

_Fr._ Oder waren wenigstens auf guten Wegen, ihn zu erreichen?

_Antw._ Nein, mein Vater; das auch nicht.

_Fr._ Von welcher Unart habe ich Dir zuweilen gesprochen?

_Antw._ Von einer Unart?

_Fr._ Ja; die dem lebenden Geschlecht anklebt.

_Antw._ Der Verstand der Deutschen, hast Du mir gesagt, habe durch

einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen; sie reflectirten,

wo sie empfinden oder handeln sollten, meinten Alles durch ihren Witz

bewerkstelligen zu können, und gäben nichts mehr auf die alte

geheimnißvolle Kraft der Hertzen.

_Fr._ Findest Du nicht, daß die Unart, die Du mir beschreibst, zum Theil

auch auf Deinem Vater ruht, indem er Dich catechisirt?

_Antw._ Ja, mein lieber Vater.

_Fr._ Woran hiengen sie mit unmäßiger und unedler Liebe?

_Antw._ An Geld und Gut, trieben Handel und Wandel damit, daß ihnen der

Schweiß ordentlich des Mitleidens würdig von der Stirn triefte, und

meinten ein ruhiges, gemächliches und sorgenfreies Leben sei Alles, was

sich in der Welt erringen ließe.

_Fr._ Warum also mag das Elend wohl, das in der Zeit ist, über sie

gekommen, ihre Hütten zerstört und ihre Felder verheeret worden sein?

_Antw._ Um ihnen diese Güter völlig verächtlich zu machen, und sie

anzuregen nach den höhern und höchsten, die Gott den Menschen beschert

hat, hinanzustreben.

_Fr._ Und welches sind die höchsten Güter der Menschen?

_Antw._ Gott, Vaterland, Kaiser, Freyheit, Liebe und Treue, Schönheit,

Wissenschafft und Kunst.

Neuntes Kapitel.

Eine Nebenfrage.

_Fr._ Sage mir, mein Sohn, wohin kommt der, welcher liebt? In den Himmel

oder in die Hölle?

_Antw._ In den Himmel.

_Fr._ Und der, welcher haßt?

_Antw._ In die Hölle.

_Fr._ Aber derjenige, welcher weder liebt noch haßt: wohin kommt der?

_Antw._ Welcher weder liebt noch haßt?

_Fr._ Ja! -- Hast Du die schöne Fabel vergessen?

_Antw._ Nein, mein Vater.

_Fr._ Nun? Wohin kommt der?

_Antw._ Der kommt in die siebente, tiefste und unterste Hölle.

Zehntes Kapitel.

Von der Verfassung der Deutschen.[62]

-- -- -- --

[Zwölftes Kapitel.]

wo sie sie immer treffen mögen, erschlagen.

_Fr._ Hat er dies Allen oder den Einzelnen befohlen?

_Antw._ Allen und den Einzelnen.

_Fr._ Aber der Einzelne, wenn er zu den Waffen griffe, würde offtmals

nur in sein Verderben laufen?

_Antw._ Allerdings, mein Vater, das wird er.

_Fr._ Er muß also lieber warten, bis ein Haufen zusammengelaufen ist, um

sich an diesen anzuschließen?

_Antw._ Nein, mein Vater.

_Fr._ Warum nicht?

_Antw._ Du scherzest, wenn Du so fragst.

_Fr._ So rede!

_Antw._ Weil, wenn jedweder so dächte, gar kein Haufen zusammenlaufen

würde, an den man sich anschließen könnte.

_Fr._ Mithin -- was ist die Pflicht jedes Einzelnen?

_Antw._ Unmittelbar auf das Gebot des Kaisers zu den Waffen zu greifen,

den Anderen, wie die hochherzigen Tyroler,[63] ein Beispiel zu geben,

und die Franzosen, wo sie angetroffen werden mögen, zu erschlagen.

Dreizehntes Kapitel.

Von den freiwilligen Beiträgen.

_Fr._ Wen Gott mit Gütern geseegnet hat, was muß der noch außerdem für

den Fortgang des Kriegs, der geführt wird, thun?

_Antw._ Er muß, was er entbehren kann, zur Bestreitung seiner Kosten

hergeben.

_Fr._ Was kann der Mensch entbehren?

_Antw._ Alles bis auf Wasser und Brod, [das] ihn ernährt, und ein

Gewand, das ihn deckt.

_Fr._ Wie viel Gründe kannst Du anführen, um die Menschen, freiwillige

Beiträge einzuliefern, zu bewegen?

_Antw._ Zwei. Einen, der nicht viel einbringen wird, und Einen, der die

Führer des Kriegs reich machen muß, falls die Menschen nicht mit

Blindheit geschlagen sind.[64]

_Fr._ Welcher ist der, der nicht viel einbringen wird?

_Antw._ Weil Geld und Gut gegen das, was damit errungen werden soll,

nichtswürdig sind.

_Fr._ Und welcher ist der, der die Führer des Kriegs reich machen muß,

falls die Menschen nicht mit Blindheit geschlagen sind?

_Antw._ Weil es die Franzosen doch wegnehmen.

Vierzehntes Kapitel.

Von den obersten Staatsbeamten.

_Fr._ Die Staatsbeamten, die dem Kaiser von Oesterreich und den ächten

deutschen Fürsten treu dienen, findest Du nicht, mein Sohn, daß sie

einen gefährlichen Stand haben?

_Antw._ Allerdings, mein Vater.

_Fr._ Warum?

_Antw._ Weil, wenn der korsische Kaiser ins Land käme, er sie um dieser

Treue willen bitter bestrafen würde.

_Fr._ Also ist es für jeden, der auf einer wichtigen Landesstelle steht,

der Klugheit gemäß, sich zurückzuhalten, und sich nicht mit Eifer auf

heftige Maasregeln, wenn sie ihm auch von der Regierung anbefohlen sein

sollten, einzulassen?[65]

_Antw._ Pfui doch, mein Vater; was sprichst Du da!

_Fr._ Was? -- Nicht?

_Antw._ Das wäre schändlich und niederträchtig.

_Fr._ Warum?

_Antw._ Weil ein Solcher nicht mehr Staatsdiener seines Fürsten, sondern

schon, als ob er in seinem Sold stünde, Staatsdiener des Korsenkaisers

ist, und für seine Zwecke arbeitet.

Funfzehntes Kapitel.

Vom Hochverrathe.

_Fr._ Was begeht derjenige, mein Sohn, der dem Aufgebot, das der

Erzherzog Carl an die Nation erlassen hat, nicht gehorcht, oder wohl gar

durch Wort und That zu widerstreben wagt?

_Antw._ Einen Hochverrath mein Vater.

_Fr._ Warum?

_Antw._ Weil er dem Volk, zu dem er gehört, verderblich ist.

_Fr._ Was hat derjenige zu thun, den das Unglück unter die

verrätherischen Fahnen geführt hat, die den Franzosen verbunden, der

Unterjochung des Vaterlandes wehen?

_Antw._ Er muß seine Waffen schaamroth wegwerfen, und zu den Fahnen der

Oesterreicher übergehen.

_Fr._ Wenn er dies nicht thut, und mit den Waffen in der Hand ergriffen

wird, was hat er verdient?

_Antw._ Den Tod, mein Vater.

_Fr._ Und was kann ihn einzig davor schützen?

_Antw._ Die Gnade Franzens, Kaisers von Oesterreich, des Vormunds,

Retters und Wiederherstellers der Deutschen.

Sechszehntes Kapitel.

Schluß.

_Fr._ Aber sage mir, mein Sohn, wenn es dem hochherzigen Kaiser von

Oesterreich, der für die Freiheit Deutschlands die Waffen ergriff, nicht

gelänge, das Vaterland zu befreien: würde er nicht den Fluch der Welt

auf sich laden, den Kampf überhaupt unternommen zu haben?

_Antw._ Nein, mein Vater.

_Fr._ Warum nicht?

_Antw._ Weil Gott der oberste Herr der Heer-Schaaren ist, und nicht der

Kaiser, und es weder in seiner noch in seines Bruders, des Erzherzog

Carls, Macht steht, die Schlachten, so wie sie es wohl wünschen mögen,

zu gewinnen.

_Fr._ Gleichwohl ist, wenn der Zweck des Kriegs nicht erreicht wird, das

Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die Städte verwüstet und

das Land verheert worden.

_Antw._ Wenngleich, mein Vater!

_Fr._ Was? Wenngleich! -- Also auch, wenn Alles untergienge, und kein

Mensch, Weiber und Kinder mit eingerechnet, am Leben bliebe, würdest du

den Kampf noch billigen?

_Antw._ Allerdings, mein Vater.

_Fr._ Warum?

_Antw._ Weil es Gott lieb ist, wenn Menschen ihrer Freiheit wegen

sterben.

_Fr._ Was aber ist ihm ein Gräuel?

_Antw._ Wenn Sclaven leben!

Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken · 第 9 / 39 题