Theuerster Herr Onkel,
Die Regungen der kindlichen Pflicht, die mein Hertz gegen Sie empfindet,
bewegen mich, Ihnen die Meldung zu thun, daß ich mich am 8ten d. von
Verhältnissen, die ich nicht nennen kann, gedrängt, mit dem jungen Hrn.
^Lefat^, Capitain bei dem 9. französischen Dragonerregiment, der in
unserm Hause zu P... einquartiert war, verlobt habe.[40]
Ich weiß, gnädigster Onkel, wie Sie über diesen Schritt denken. Sie
haben sich gegen die Verbindungen, die die Töchter des Landes, so lange
der Krieg fortwährt, mit den Individuen des französischen Heers
vollziehn, oftmals mit Heftigkeit und Bitterkeit erklärt. Ich will Ihnen
hierin nicht ganz Unrecht geben. Man braucht keine Römerinn oder
Spartanerinn zu sein, um das Verletzende, das allgemeine betrachtet
darin liegen mag, zu empfinden. Diese Männer sind unsere Feinde; das
Blut unserer Brüder und Verwandten klebt, um mich so auszudrücken, an
ihren Röcken, und es heißt sich gewissermaßen, wie Sie sehr richtig
bemerken, von den Seinigen lossagen, wenn man sich auf die Parthei
derjenigen herüber stellt, deren Bemühen ist sie zu zertreten, und auf
alle ersinnliche Weise zu verderben und zu vernichten.
Aber sind diese Männer, ich beschwöre Sie, sind sie die Urheber des
unseeligen Kriegs, der in diesem Augenblick zwischen Franzosen und
Deutschen entbrannt ist? Folgen sie nicht, der Bestimmung eines Soldaten
getreu, einem blinden Gesetz der Nothwendigkeit, ohne selbst oft die
Ursach des Streits, für den sie die Waffen ergreifen, zu kennen? Ja,
giebt es nicht Einzelne unter ihnen, die den rasenden Heereszug, mit
welchem Napoleon von Neuem das deutsche Reich überschwemmt,
verabscheuen, und die das arme Volk, auf dessen Ausplünderung und
Unterjochung es angesehen ist, aufs Innigste bedauern und bemitleiden?
Vergeben Sie, mein theuerster und beßter Oheim! Ich sehe die Röthe des
Unwillens auf Ihre Wangen treten! Sie glauben, ich weiß, Sie glauben an
diese Gefühle nicht; Sie halten sie für die Erfindung einer satanischen
List, um das Wohlwollen der armen Schlachtopfer, die sie zur Bank
führen, gefangen zu nehmen. Ja, diese Regung, selbst wenn sie vorhanden
wäre, versöhnt Sie nicht, Sie halten den Ihrer doppelten Rache für
würdig, der das Gesetz des göttlichen Willens anerkennt und gleichwol
auf eine so lästerliche und höhnische Weise zu verletzen wagt.
Allein, wenn die Ansicht, die ich aufstellte, allerdings nicht gemacht
ist, die Männer, die das Vaterland eben[41] vertheidigen, zu entwaffnen,
indem sie unmöglich, wenn es zum Handgemenge kömmt, sich auf die Frage
einlassen können, wer von denen, die auf sie anrücken, schuldig ist oder
nicht: so verhält es sich doch, mein gnädigster Onkel, mit einem Mädchen
anders; mit einem armen schwachen Mädchen, auf dessen leicht bethörte
Sinne, in der Ruhe eines monatlangen Umgangs, alle Liebenswürdigkeiten
der Geburt und der Erziehung einzuwirken Zeit finden, und das, wie man
leider weiß, auf die Vernunft nicht mehr hört, wenn das Herz sich
bereits für einen Gegenstand entschieden hat.
Hier lege ich Ihnen ein Zeugniß bei, das Hr. ^v. Lefat^ sich auf die
Forderung meiner Mutter von seinem Regimentschef zu verschaffen gewußt
hat. Sie werden daraus ersehen, daß das, was uns ein Feldwebel von
seinem Regiment von ihm sagte, nämlich daß er schon verheiratet sei,
eine schändliche und niederträchtige Verläumdung war. Hr. ^v. Lefat^ ist
selbst vor einigen Tagen in B.-- gewesen, um das Attest, das die
Declaration vom Gegentheil enthält, formaliter von seinem Obristen
ausfertigen zu lassen. Ueberhaupt muß ich Ihnen sagen, daß die niedrige
Meinung, die man hier in der ganzen Gegend von diesem jungen Manne hegt,
mein Herz auf das Empfindlichste kränkt. Der Leidenschaft, die er für
mich fühlt, und die ich als wahrhaft zu erkennen, die entscheidendsten
Gründe habe, wagt man die schändlichsten Absichten unterzulegen. Ja,
mein voreiliger Bruder geht soweit mich zu versichern, daß der Obrist,
sein Regimentschef, gar nicht mehr in B.-- sei --, und ich bitte Sie,
der Sie sich in B.-- aufhalten, dem Ersteren darüber nach angestellter
Untersuchung die Zurechtweisung zu geben. Ich leugne nicht, daß der
Vorfall, der sich vor einiger Zeit zwischen ihm und der Kammerjungfer
meiner Mutter zutrug, einige Unruhe über seine sittliche Denkungsart zu
erwecken geschickt war. Abwesend, wie ich an diesem Tage von P.-- war,
bin ich gänzlich außer Stand über die Berichte dieses albernen und
eingebildeten Geschöpfs zu urtheilen. Aber die Beweise, die er mir, als
ich zurückkam und in Thränen auf mein Bette sank, von seiner
ungetheilten Liebe gab, waren so eindringlich, daß ich die ganze
Erzählung als eine elende Vision verwarf, und von der innigsten Reue
bewegt, das Band der Ehe, von dem bis dahin noch nicht die Rede gewesen
war, jetzt allererst knüpfen zu müssen glaubte. -- Wären sie es weniger
gewesen, und Ihre Laura noch frei und ruhig wie zuvor!
Kurz, mein theuerster und beßter Onkel, retten Sie mich!
In 8 Tagen soll, wenn es nach meinen Wünschen geht, die Vermählung sein.
Inzwischen wünscht Hr. ^v. Lefat^, daß die Anstalten dazu, auf die meine
gute Mutter bereits in zärtlichen Augenblicken denkt, nicht eher auf
entscheidende Weise gemacht werden, als bis Sie die Güte gehabt haben
ihm das ^Legat^ zu überantworten, das mir aus der Erbschaft meines
Großvaters bei dem Tode desselben zufiel, und Sie, als mein Vormund bis
heute gefälligst verwalteten. Da ich großjährig bin, so wird diesem
Wunsch nichts im Wege stehn, und indem ich es mit meiner zärtlichsten
Bitte unterstütze, und auf die schleunige Erfüllung desselben antrage,
indem sonst die unangenehmste Verzögerung davon die Folge sein würde,
nenne ich mich mit der innigsten Hochachtung und Liebe u. s. w.
3. Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen
Unterbeamten.
Sr. Excellenz der Hr. Generallieutenant von F., ^Commendant^ der
hiesigen Garnison, haben sich auf die Nachricht, daß der Feind nur noch
drey Meilen von der Festung stehe, auf das Rathhaus verfügt, und
daselbst, in Begleitung eines starken Detaschements von Dragonern, 3000
Pechkränze verlangt, um die Vorstädte, die das Glacis embarrassiren,
danieder zu brennen.
Der Rath der Stadt, der unter solchen Umständen das Ruhmvolle dieses
Entschlusses einsah, hat, nach Abführung einiger renitirenden
Mitglieder, die Sache ^in pleno^ erwogen, und mit einer Majorität von 3
gegen 2 Stimmen, wobei meine wie gewöhnlich für 2 galt, und Sr.
Excellenz die 3 supplirten, die verlangten Pechkränze ohne Bedenken
bewilligt. Inzwischen ist nun die Frage, und wir geben Euch auf Euch
gutachtlich darüber auszulassen,
1. Wie viel an Pech und Schwefel, als den dazu gehörigen
Materialien, zur Fabrication von 3000 Pechkränzen erforderlich
sind; und
2. ob die genannten Combustibeln in der berechneten Menge zur
gehörigen Zeit herbeizuschaffen sind?
Unseres Wissens liegt ein großer Vorrath von Pech und Schwefel bei dem
Kaufmann M. in der N..schen Vorstadt, P..sche Gasse Num. 139.
Inzwischen ist dies ein auf Bestellung der Dänischen Regierung
aufgehäufter Vorrath, und wir besitzen bereits, in Relation wie wir mit
derselben stehen, den Auftrag dem Kaufmann M. den Marktpreis davon mit
3000 fl. zuzufertigen. Indem wir Euch nun, diesem Auftrage gemäß, die
besagte Summe für den Kaufmann M. in guten Landespapieren, demselben
auch sechs Wägen oder mehr und Pässe, und was immer zur ungesäumten
Abführung der Ingredienzen an den Hafen-Platz erforderlich sein mag,[42]
bewilligen, beschließen wir zwar von diesem Eigenthum der Dänischen
Regierung Behufs einer Niederbrennung der Vorstädte keine Notiz zu
nehmen; indessen habt Ihr das gesammte Personale der untern
Polizeibeamten zusammenzunehmen, und alle Gewölbe und Läden der Kauf-
und Gewerksleute, die mit diesen Combustibeln handeln oder sie
verarbeiten, aufs Strengste und Eigensinnigste zu durchsuchen, damit,
dem Entschluß Sr. Excellenz gemäß, unverzüglich die Pechkränze
verfertigt und mit Debarrassirung des Glacis verfahren werden möge.
Nichts ist nothwendiger, als in diesem Augenblick der herannahenden
Gefahr Alles aufzubieten, und kein Opfer zu scheuen, das im Stande ist
dem Staat diesen für den Erfolg des Kriegs höchst wichtigen Platz zu
behaupten. Sr. Excellenz haben erklärt, daß wenn ihr auf dem Markt
befindlicher Pallast vor dem Glacis läge, sie denselben zuerst
niederbrennen und unter den Thoren der Vestung übernachten würden. Da
nun unser, sowohl des Burgemeisters, als auch Euer, des Unterbeamten,
Haus, in dem angegebenen Fall sind, indem sie von der Q...schen Vorstadt
her mit ihren Gärten und Nebengebäuden das Glacis beträchtlich
embarrassiren, so wird es bloß von Euren Recherchen und von dem Bericht
abhangen, den Ihr darüber abstatten werdet, ob wir den Andern ein
Beispiel zu geben, und den Pechkranz zuerst auf die Giebel derselben zu
werfen haben.
Sind in Gewogenheit u. s. w.
4. Brief eines politischen Pescherü über einen Nürnberger
Zeitungsartikel.
Erlaube mir, Vetter Pescherü, daß ich Dir in der verwirrten Sprache, die
kürzlich ein Deutscher mich gelehrt hat, einen Artikel mittheile, der in
einer Zeitung dieses Landes, wenn ich nicht irre, im Nürnberger
Correspondenten gestanden hat, und den ein Grönländer, der in Island auf
einem Kaffeehause war, hierher gebracht hat. Der Zeitungsartikel ist
folgenden sonderbaren Inhalts:[43]
»Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Freiheitsschlacht, die
bei Regensburg gefochten ward, entschieden haben, als vielmehr die
Deutschen selbst. Der tapfere Kronprinz von Bayern hat zuerst an der
Spitze der rheinbündischen Truppen die Linien der Oesterreicher
durchbrochen. Der Kaiser Napoleon hat ihn am Abend der Schlacht auf dem
Wahlplatz umarmt, und ihn den Helden der Deutschen genannt.«[44]
Ich versichere Dich, Vetter Pescherü, ich bin hinausgegangen auf den
Sandhügel, wo die Sonne brennt, und habe meine Nase angesehen
stundenlang, und wieder stundenlang, ohne im Stande gewesen zu sein den
Sinn dieses Zeitungsartikels zu erforschen. Er verwischt Alles, was ich
über die Vergangenheit zu wissen meine, dergestalt, daß mein Gedächtniß
wie ein weißes Blatt aussieht, und die ganze Geschichte derselben von
Neuem darin angefrischt werden muß.
Sage mir also, ich bitte Dich:
1. Ist es der Kaiser von Oesterreich, der das deutsche Reich im Jahre
1805 zertrümmert hat?[45]
2. Ist er es, der den Buchhändler Palm erschießen ließ, weil er ein
dreistes Wort über diese Gewaltthat in Umlauf brachte?[46]
3. Ist er es, der durch List und Ränke die deutschen Fürsten entzweite,
um über die Entzweiten nach der Regel des Cäsar zu herrschen?
4. Ist er es, der den Kurfürsten von Hessen ohne Kriegserklärung aus
seinem Lande vertrieb, und einen Handlungscommis -- wie heißt er schon?
-- der ihm verwandt war, auf den Thron desselben setzte?[47]
5. Ist er es, der den König von Preußen, den ersten Gründer seines
Ruhms, in dem undankbarsten und ungerechtesten Kriege zu Boden
geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden noch mit seinem
grimmigen Fuß auf dem Nacken desselben verweilte?[48]
6. Ist es dagegen der Kaiser Napoleon, der durch unglückliche Feldzüge
erschöpft, die deutsche Krone auf das Machtwort seines Gegners
niederzulegen genöthigt war?[49]
7. Ist er es, der mit zerrissenem Herzen Preußen, den letzten Pfeiler
Deutschlands, sinken sah, und, so zerstreut seine Heere auch waren,
herbei geeilt sein würde ihn zu retten, wenn der Friede von Tilsit nicht
abgeschlossen worden wäre?[50]
8. Ist er es, der dem betrogenen Kurfürsten von Hessen auf der Flucht
aus seinen Staaten einen Zufluchtsort in den seinigen vergönnt hat?[51]
9. Ist er es endlich, der sich des Elends, unter welchem die Deutschen
seufzen, erbarmt hat, und der nun, an der Spitze der ganzen Jugend, wie
Anteus, der Sohn der Erde, von seinem Fall erstanden ist, um das
Vaterland zu retten?
Vetter Pescherü, vergieb mir diese Fragen; ein Europäer wird ohne
Zweifel, wenn er den Artikel liest, wissen was er davon zu halten hat.
Einem Pescherü aber müssen, wie Du selbst einsiehst, alle die Zweifel
kommen, die ich Dir vorgetragen habe.
Bekanntlich drücken wir mit dem Wort Pescherü Alles aus, was wir
empfinden oder denken, drücken es mit einer Deutlichkeit aus, die den
andern Sprachen der Welt fremd ist. Wenn wir z. B. sagen wollen: es ist
Tag, so sagen wir: Pescherü; wollen wir hingegen sagen: es ist Nacht, so
sagen wir: Pescherü. Wollen wir ausdrücken: dieser Mann ist redlich, so
sagen wir: Pescherü; wollen wir hingegen versichern: er ist ein Schelm,
so sagen wir: Pescherü. Kurz, Pescherü drückt den Inbegriff aller
Erscheinungen aus, und eben darum, weil es Alles ausdrückt, auch jedes
Einzelne.
Hätte doch der Nürnberger Zeitungsschreiber in der Sprache der Pescherüs
geschrieben! Denn setze einmal der Artikel lautete also Pescherü, so
würde Dein Vetter[52] nicht einen, nicht einen Augenblick bei seinem
Inhalt angestoßen sein. Er würde alsdann mit völliger Bestimmtheit und
Klarheit also gelesen haben:
»Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Schlacht, die das
deutsche Reich dem Napoleon überliefern sollte, gewonnen haben, als
vielmehr die bemitleidenswürdigen Deutschen selbst. Der entartete
Kronprintz von Bayern hat zuerst an der Spitze der rheinbündischen
Truppen die Linien der braven Oesterreicher, ihrer Befreier,
durchbrochen. »Sie sind der Held der Deutschen!« rief ihm der
Verschlagenste der Unterdrücker zu; aber sein Hertz sprach heimlich:
»ein Verräther bist Du, und wenn ich Dich werde gebraucht haben, wirst
Du abtreten!«
5. Die Bedingung des Gärtners.
Eine Fabel.
Ein Gärtner sagte zu seinem Herrn: »Deinem Dienst habe ich mich nur
innerhalb dieser Hecken und Zäune gewidmet. Wenn der Bach kommt und
deine Frucht-Beete überschwemmt, so will ich mit Hacken und Spaten
aufbrechen, um ihm zu wehren; aber außerhalb dieses Bezirkes zu gehen,
und, ehe der Strom noch einbricht, mit seinen Wogen zu kämpfen, das
kannst du nicht von deinem Diener verlangen.«
Der Herr schwieg.
Und drei Frühlinge kamen und verheerten mit ihren Gewässern das Land.
Der Gärtner triefte von Schweiß, um dem Geriesel[53], das von allen
Seiten eindrang, zu steuern; umsonst; der Seegen des Jahrs, wenn ihm die
Arbeit auch gelang, war verderbt und vernichtet.
Als der vierte kam, nahm er Hacken und Spaten und gieng auf's Feld.
»Wohin?« fragte ihn sein Herr.
»Auf das Feld, antwortete er, wo das Uebel entspringt. Hier thürm' ich
Wälle von Erde umsonst, um dem Strom, der brausend hereinbricht, zu
wehren: an der Quelle kann ich ihn mit einem Fußtritt verstopfen.«
Landwehren von Oesterreich! Warum wollt ihr bloß innerhalb eures Landes
fechten?[54]