STARODUM. Er ist Ihr Bruder?
FRAU PROSTAKOWA. Mein leiblicher Bruder, Väterchen: auch ich bin ja eine
geborne Skotinin. Mein seliger Vater heiratete meine selige Mutter; ihr
Familienname war Priplodina. Wir waren unser achtzehn Geschwister, doch
alle, mit Ausnahme von mir und meinem Bruder, sind nach dem Willen
Gottes gestorben: ein paar hat man tot aus der Badstube gezogen; dreie
verendeten, nachdem sie Milch aus einem kleinen kupfernen Kessel
getrunken hatten; zweie stürzten zu Pfingsten vom Glockenturm, und die
übrigen starben von selbst.
STARODUM. Ich kann mir vorstellen, was Ihre Eltern für Menschen waren.
FRAU PROSTAKOWA. Leute aus der guten alten Zeit. Ja, das waren damals
andre Zeiten! Wir erhielten gar keine Bildung. Manchmal kamen die
Nachbarn und quälten, quälten den Vater, daß er doch wenigstens den
Bruder zur Schule schickte – aber umsonst: der teure Verstorbene wehrte
sich dagegen mit Händen und Füßen, Gott hab’ ihn selig. Mitunter schrie
er: „Ich verfluche das Kind, welches irgend etwas diesen heidnischen
Federfüchsen ablernt, und will nicht Skotinin heißen, wenn ich nicht
jedem meiner Kinder die Lust zum Lernen ausprügele.“
PRAWDIN. Wie kommt’s denn, daß Sie Ihren Sohn aus diesem und jenem
unterrichten lassen?
FRAU PROSTAKOWA. Wir leben in einer andern Zeit, mein Bester. (Zu
Starodum.) Den letzten Bissen vom Munde opfern wir, damit nur unser Sohn
alles erlerne. Tagelang sitzt mein armer Mitrofan über den Büchern. Mein
Mutterherz blutet, aber ich tröste mich mit dem Gedanken: dafür ist er
auch mit der Zeit ein gemachter Mann! Am heiligen Nikolaus-Tage im
Winter wird er sechzehn Jahr alt. Ein Bräutigam wär’ er, wie man sich
keinen bessern wünschen kann, aber noch immer kommen Lehrer, lassen
keine Stunde unbenutzt vergehn; so warten auch jetzt zweie im Flur.
(Macht Jeremejewna ein Zeichen, sie hereinzurufen.) Und in Moskau haben
wir gar einen Ausländer auf sechs Jahre engagiert und einen Kontrakt in
der Polizei abgeschlossen, damit ihn nicht andre zu sich herüberlocken.
Er erbot sich, Mitrofan aus allem, das wir nur wünschen, zu
unterrichten; wir jedoch sind der Ansicht, er solle daraus unterrichten,
was er selber versteht und kennt. Ja, unsre Elternpflicht haben wir
durchaus erfüllt: haben einen deutschen Hauslehrer, dem wir das Geld für
drei Monate vorausbezahlen. Von Herzen gern würd’ ich es sehn, wenn du
selber, Väterchen, dich überzeugen wolltest, was unser Mitrofan alles
gelernt hat.
STARODUM. Ich bin hierin kein Kenner.
FRAU PROSTAKOWA (Kutejkin und Zyfirkin erblickend). Da sind auch die
Lehrer. Hab’ ich’s nicht gesagt, daß mein armer Mitrofan weder Tag noch
Nacht Ruhe hat? Ich will mein eigenes Kind nicht loben, aber eines kann
ich sagen: glücklich das Mädchen, das ihn zum Manne bekommt!
PRAWDIN. Das ist alles ganz schön: aber vergessen Sie doch nicht, daß
unser Gast soeben erst aus Moskau angekommen ist und weit mehr der Ruhe
bedarf als der Lobeserhebungen Ihres Sohnes.
STARODUM. Ja, ich gestehe, daß ich sowohl von der Reise ausruhen möchte
als auch von all dem, das ich gehört und gesehn.
FRAU PROSTAKOWA. Ach, Väterchen, alles ist bereit; ich selber habe dir
das Zimmer in Ordnung gebracht.
STARODUM. Ich danke. Sophiechen, begleite mich.
FRAU PROSTAKOWA. Wie, und wir? Erlaube, Väterchen, daß sowohl ich als
auch mein Sohn und mein Mann dich begleiten! Zu Fuß wollen wir alle nach
Kijew pilgern und dort für deine Gesundheit beten, wenn nur unser
Geschäftchen zu stande kommt!
STARODUM (zu Prawdin). Wann sehen wir uns? Nach einem kurzen Schläfchen
bin ich wieder hier.
PRAWDIN. So werde ich auch die Ehre haben, Sie hierselbst zu sehn.
STARODUM. Das freut mich. (Erblickt Milon, der ihn ehrfurchtsvoll grüßt,
und erwidert höflich den Gruß.)
FRAU PROSTAKOWA. Also bitte, bitte. (Alle gehen ab: Prawdin und Milon
nach der einen Seite, die übrigen nach der andern. Die Lehrer bleiben.)
Sechster Auftritt.
KUTEJKIN und ZYFIRKIN.
KUTEJKIN. Eine Satanswirtschaft das! Von früh an treib’ ich mich hier
zwecklos herum. Auf solche Art muß jeder Morgen hier verwelken und
verdorren.
ZYFIRKIN. Unsereiner hat’s seine Lebtage nicht anders: blutwenig gibt’s
für uns zu thun. Ein Unglück aber ist, daß wir so schlecht gefüttert
werden, wie es denn beispielsweise heute zu Mittag an Proviant mangelte.
KUTEJKIN. Hätte mich nicht der Herr erleuchtet, auf dem Hierherwege bei
unsrer Hostienbäckerin einzukehren, ich würde jetzt heulen wie ein Hund.
ZYFIRKIN. Unsre Brotherrn sind mir nette Herrschaften!
KUTEJKIN. Hast du gehört, Bruderherz, welch ein Leben das hiesige
Gesinde hat? Wohl hast du gedient, bist in mancher Schlacht gewesen,
doch Furcht und Zittern würde dir ankommen und Grauen dich befallen,
wenn –
ZYFIRKIN. Bah, ob ich’s gehört? Mit eigenen Augen sah ich hier ein
stundenlanges Lauffeuer. (Seufzend.) Ach, traurig wird mir zu Sinn!
KUTEJKIN. Wehe mir Sünder!
ZYFIRKIN. Worüber seufzest du, Ssidorytsch?
KUTEJKIN. Auch dein Herz ist betrübt, Pafnutjitsch?
ZYFIRKIN. Unwillkürlich wird man schwermütig. Da hat mir Gott einen
Schüler beschert, einen Edelmann. Das dritte Jahr nun quäl’ ich mich mit
ihm ab, und noch kann er keine drei zählen.
KUTEJKIN. So haben wir beide Einen Kummer. Das vierte Jahr kastei’ ich
meinen Leib. Keine neue Zeile kann der Junge aus der Fibel lesen, ist
nur im stande, das Gelesene zu repetieren, und auch hierbei sogar kaut
er die Worte ohne Sinn und Verstand.
ZYFIRKIN. Und wer ist schuld? Kaum hat er den Griffel in der Hand,
erscheint der Deutsche in der Thür. Den Jungen erlöst man von der
Schiefertafel, und mich möchte man vor die Thür setzen.
KUTEJKIN. Auch nicht meine Schuld ist’s. Kaum nehm’ ich den Bleistift
zwischen die Finger, tritt mir der Heide vor die Augen. Dem Schüler wird
der Kopf gestreichelt und dem Lehrer eins ins Genick versetzt.
ZYFIRKIN (eifrig). Ein Ohr ließe ich mir abhauen, könnt’ ich diesem
Schmarotzer nach Soldatenart Räson beibringen.
KUTEJKIN. Geißeln ließe ich mich, könnt’ ich dem Barbaren den Hals
brechen.
Siebenter Auftritt.
DIE VORIGEN. FRAU PROSTAKOWA und MITROFAN.
FRAU PROSTAKOWA. Derweilen er schläft, solltest du doch wenigstens zum
Schein etwas lernen, mein Liebling, damit es zu seinen Ohren komme, wie
fleißig du bist.
MITROFAN. Nun, und dann?
FRAU PROSTAKOWA. Und dann heiratest du.
MITROFAN. Höre, Mutter: ich will dir das Vergnügen machen, werde ein
wenig lernen – doch soll’s das letzte Mal sein, noch heute muß die
Verlobung stattfinden!