PRAWDIN. Ihre Art –

STARODUM. Sie wird von vielen verspottet, ich weiß es. Mag’s! Mein Vater

hat mir die Erziehung seiner Zeit gegeben, und ich hab’ es nicht für

nötig befunden, mich umzuerziehen. Er diente Peter dem Großen. Damals

wurde der Mensch „du“ genannt und nicht „Sie“; damals machte man die

Leute nicht hochmütig, so daß sich einer für viele hielt. Dafür auch

sind heutzutage viele eines einzigen nicht wert. Mein Vater hat am Hofe

Peters des Großen –

PRAWDIN. Ich hörte, daß er im Militärdienst stand.

STARODUM. Damals waren die Höflinge Krieger und die Krieger keine

Höflinge. Die Erziehung, die mir mein Vater gegeben hat, war für jene

Zeit eine vorzügliche. Damals war die Unterrichtsmethode keine

komplizierte, und man verstand noch nicht die Kunst, einen leeren Kopf

mit fremdem Verstande anzufüllen.

PRAWDIN. Die damalige Erziehung wurzelte in der That in einigen

Grundsätzen –

STARODUM. In einem. Mein Vater wiederholte mir beständig nur: „Habe ein

Herz, habe eine Seele, und du wirst zu jeder Zeit ein Mensch sein. Alles

übrige unterliegt der Mode: Verstand und Kenntnisse sind Modeartikel wie

Schnallen und Knöpfe.“

PRAWDIN. Sie sprechen wahr. Die Hauptzierde des Menschen ist die Seele.

STARODUM. Ja, ohne Seele ist der aufgeklärteste, klügste Mensch ein

trauriges Geschöpf, und ein ungebildeten beschränkter Mensch – ein Tier.

Das Geringste kann ihn zum Verbrecher machen. Zwischen seiner That und

dem Zwecke dieser That gibt’s keine Wage. Und von solchen Tieren will

ich jemand befreien, der –

PRAWDIN. Ihre Nichte ist. Ich weiß es. Sie ist hier; gehen wir.

STARODUM. Warte. Mein Herz kocht noch vor Zorn gegen dies unwürdige

Gebahren dieser Menschen. Bleiben wir darum einen Augenblick. Ich halte

mich an den Grundsatz: nie muß der erste Trieb eine sofortige Handlung

zur Folge haben.

PRAWDIN. Nur selten verstehen andre diesen Ihren Grundsatz zu befolgen.

STARODUM. Meine Lebenserfahrungen machten ihn mir zur Gewohnheit. O,

wenn ich früher die Selbstbeherrschung gekannt hätte – ich würde noch

länger das Glück gehabt haben, dem Vaterlande zu dienen!

PRAWDIN. Wie das? Die Erlebnisse eines Mannes von Ihrer Gesinnungsart

müssen für jedermann von Interesse sein. Sie würden mich sehr verbinden,

wenn Sie mir erzählen wollten –

STARODUM. Ich verhehle sie vor keinem, damit andre in ähnlicher Lage

weiser handeln, denn ich es gethan. Als ich im Militärdienst stand,

machte ich die Bekanntschaft eines jungen Grafen, dessen Namen sogar ich

vergessen möchte. Im Dienst war er jünger als ich, war der Sohn eines

Parvenüs, in der großen Welt erzogen und hatte Gelegenheit gehabt, das

zu lernen, was in den Kreis unsers Unterrichts noch gar nicht

aufgenommen war. Ich wandte alle Mühe an, mir seine Freundschaft zu

erwerben, um durch beständigen Umgang mit ihm die Lücken in meinen

Kenntnissen auszufüllen. In derselben Zeit, da unsre Freundschaft sich

festigte, erfuhren wir, daß der Krieg erklärt sei. Freudestrahlend

stürzte ich in des Freundes Arme. „Lieber Graf – hier bietet sich

Gelegenheit zur Auszeichnung! Treten wir sofort in die Armee, daß wir

würdig werden des Adeltitels, den uns die Geburt verliehen!“ Da furchte

sich seine Stirn, trocken umarmte er mich und sagte: „Glück auf den Weg;

ich aber schmeichle mir mit der Hoffnung, daß mein Vater sich von mir

nicht wird trennen wollen.“ Nichts kommt der Verachtung nahe, die ich in

jenem Augenblick für ihn empfand. Hier erst sah ich, daß zwischen dem

Parvenü und dem verdienten Manne ein unermeßlicher Unterschied besteht,

daß es in der großen Welt sehr kleinliche Seelen gibt, und daß man sehr

aufgeklärt und gleichzeitig verächtlich sein kann.

PRAWDIN. Sie haben vollkommen recht.

STARODUM. Ich verließ ihn und begab mich sofort dahin, wohin mich die

Pflicht rief. Mehrfach hatte ich Gelegenheit, mich auszuzeichnen – meine

Narben beweisen, daß ich dieselbe nicht unbenutzt habe vorbeigehen

lassen. Die gute Meinung, welche die Vorgesetzten und Soldaten von mir

hatten, war mir ein schmeichelhafter Lohn für meine Dienste. Da erfuhr

ich, daß der Graf, mein ehemaliger Freund – dessen ich mich schämte zu

gedenken – im Range gestiegen, ich jedoch umgangen sei, ich, der damals

an Wunden schwer darniederlag! Eine solche Ungerechtigkeit zerfleischte

mein Herz, und ich nahm meinen Abschied.

PRAWDIN. Was auch hätten Sie anderes thun können?

STARODUM. Ruhigen Blutes überlegen! Doch ich verstand es nicht, mich

gegen die ersten Antriebe meines gekränkten Ehrgeizes zu wehren. Mein

erhitzter Kopf vermochte damals nicht einzusehen, daß ein wahrhaft

ehrgeiziger Mensch der Sache zuliebe, nicht des Ranges wegen, streben

muß; daß die Rangerhöhung oftmals erbettelt wird, die echte Auszeichnung

jedoch verdient werden muß; daß es viel ehrenhafter ist, schuldlos

übergangen, als verdienstlos ausgezeichnet zu werden.

PRAWDIN. Darf denn ein Adeliger in keinem Falle seinen Abschied nehmen?

STARODUM. Nur in einem: wenn er innerlichst überzeugt ist, daß sein

Dienst dem Vaterlande keinen direkten Nutzen bringt. Dann mag er gehn!

PRAWDIN. Sie zeigen mir, worin das wahre Wesen der Pflichten eines

Adeligen besteht.

STARODUM. Nachdem ich meinen Abschied genommen, kam ich nach Petersburg.

Dort führte mich der blinde Zufall dahin, wohin ich’s mir nie im Leben

habe träumen lassen.

PRAWDIN. Nämlich?

STARODUM. An den Hof. Was sagst du dazu?

PRAWDIN. Und was fanden Sie dort?

STARODUM. Manches Merkwürdige. Vor allen Dingen fand ich’s merkwürdig,

daß fast niemand den geraden breiten Weg dorthin wählt, sondern einen

Umweg macht, in der Hoffnung, früher anzukommen.

PRAWDIN. Ist denn wenigstens der Umweg geräumig?

STARODUM. Dermaßen geräumig, daß, wenn sich zwei begegnen, sie einander

nicht ausweichen können. Einer reißt den andern zu Boden, und derjenige,

der auf den Füßen stehn bleibt, hebt nie den Liegenden auf.

Der Landjunker: Lustspiel in fünf Aufzügen · 第 15 / 47 题