XVI.

Melys Herz pochte vor Freude, als sie die finstern Treppen zur

Benderschen Pension erstieg. Sie dachte nur an Falk, und zum ersten Mal

ward sie sich des ganzen Umfangs ihrer Liebe bewußt. Aber schon im

Korridor überfiel sie eine heimliche Angst, und sie konnte sich von

zudringlichen Ahnungen nicht befreien. Rasch entkleidete sie sich in

ihrem Zimmer und schlüpfte in den grauen Schlafrock. Sie sah auf die

Uhr: es war halb vier. Aber sie hatte noch kein Bedürfnis zu schlafen.

Sie dachte daran, daß er jetzt reich sei, und diese Vorstellung erfüllte

sie mehr und mehr mit einem quälenden Schmerz. Weshalb waren seine

letzten Briefe so ironisch, grübelte sie; der rätselhafte Ton, den er

darin angeschlagen, hat mich völlig unglücklich gemacht.

Sie saß auf dem Bettrand, die Arme rückwärts gestemmt, und ihre Augen

erweiterten sich. Ihre Freude verging und ein bitteres, nagendes Gefühl

nahm statt dessen in ihrem Herzen Platz. Die schwarze Wolke, die über

ihrem Leben hing, war jetzt nahe gekommen, und alles rings herum war

finster geworden. Sie begriff nicht, wohin sie gegangen; sie begriff

nicht, daß Gott ihr all das Glück der Liebe und der Sehnsucht hatte

schenken mögen. Und sie dachte: Gott ist barmherzig; er ist wie ein

Vater und hat mir in seiner Güte noch das Herz beseligen wollen. Und

Dankbarkeit gegen Gott erfüllte sie. Hier an diesem Fleck hatte sie

gesessen vor Monaten – wie lang und inhaltvoll waren diese Monate

gewesen! – und sie hatte an den Geliebten gedacht und von ihm geträumt

und hatte seine Worte nachgeflüstert: »Haben Sie große Schmerzen? ich

kann sie lindern« ... Es war vorbei.

Jetzt sah sie ein zerfetztes Blatt Papier am Boden liegen. Noch ehe sie

es aufhob, wußte sie alles, was sich zugetragen hatte, und als sie den

Zettel angesehen, wurde sie von so unerträglichem Gram ergriffen, daß

sie laut aufschluchzend auf das Bett fiel.

Der Morgen kam und fand sie noch wach. Sie sperrte sich ein bis zum

Mittag, dann wurde ihr das Alleinsein entsetzlich. Sie erschien im

Wohnzimmer zum Erstaunen von Frau Bender und Helene, die um ihre Ankunft

noch nicht wußten. Auch Doktor Brosam war da und das Gespräch lenkte

sich bald auf Vidl Falk und den überraschenden Wechsel seines Geschicks.

Mely war nicht fähig zu reden, aber sie fühlte wohl die Tendenz dieser

Konversation. Sie beobachtete auch, daß Helene und der Doktor von der

Erklärung gegenseitiger Liebe nicht mehr weit entfernt waren, und dies

machte sie neidisch und verbittert. Jetzt war sie verurteilt, fremdes

Glück zu sehen; und wenn sie in das heitere, belebte, strahlende Gesicht

Helenes schaute, ward ihre Brust voll von einem niederdrückenden

Schmerz.

Der Doktor erzählte, daß Fräulein von Erdmann gänzlich heruntergekommen

sei. »Sie treibt jetzt feinere Bettelei,« sagte er. »Auch bei mir war

sie und besang meine Genieaugen. Um sie los zu werden, gab ich ihr ein

Goldstück.«

Er hat sich noch nicht abgewöhnt zu prahlen, dachte Mely und sah ihn

voll Haß an.

Nachmittags kam ein Brief für sie. Es war ein wirres Schriftstück ohne

Unterschrift und lautete:

»Du hast mich betrogen. Also doch. Man hätte mir sagen dürfen,

der Himmel stürzt ein, man hätte mir weiß machen können, die

Sonne ist ein Aschenhaufen – ich hätte es eher geglaubt. O, was

für ein Vieh bin ich. Ich bin ganz krank, daß ich so blind in

den Tag hinein voll Vertrauen war. Wer hält das für möglich? Du

bist Schuld, wenn ich zu Grund gehe. Ich sehe nichts mehr, ich

höre nichts mehr. Meinetwegen geht die Welt unter. Je eher, je

lieber. Wer hätte das geglaubt. Ich meine, ich muß verrückt

werden.«

Findlingstraße 3b, II.

Am Abend ging sie hin. Sie wurde mehr von einer innern, unerbittlichen

Macht getrieben, als daß sie freiwillig diesen Schritt that. Was um sie

her auf den Straßen vorging, gewahrte sie nicht. Sie hatte nur Augen um

das Unglück zu sehen, von dem sie heimgesucht wurde und das ihr immer

größer und größer erschien.

Er öffnete auf ihr Läuten selbst die Korridorthüre. »Ach, ich habe

gewußt, daß du kommst,« murmelte er erbleichend und gab ihr die Hand.

Er führte sie in einen mit dumpfer, schwüler Pracht ausgestatteten

Salon. In einer Art von altdeutschem Kamin flackerte das Feuer und der

Duft von Tannenharz herrschte. Es brannte noch kein Licht: die

züngelnden Flammen allein warfen gespenstige, ruhlose purpurne

Lichtflecke in den Raum.

Mely setzte sich ermattet auf das untere Ende einer großen Ottomane.

Falk trat zu ihr und zog die beiden langen Nadeln aus ihrem Hut, löste

den Knoten des Schleiers, knüpfte das Jacquet auf und legte dann alles

beiseite. Sie saß da, die gefalteten Hände in den Schoß gelegt und ließ

ihn lautlos gewähren. Furchtsam, mit heißer Liebe und heißer Sehnsucht,

sah sie zu ihm auf, bereit, ihm alles hinzugeben, was sie besaß. Aber

ihre Gedanken waren nicht mehr traurig und beklommen. Sie dachte: Hier

ist es schön wie in einem Schloß. So habe ich mir das Schwarzwaldschloß

geträumt ... Aber plötzlich übermannte sie wieder die Bitterkeit in

ihrer Brust. Ihr war, wie wenn eine starke Faust das Herz

zusammenpreßte. Sie beugte sich nieder und legte den Kopf auf die

verschränkten Arme.

»Ist es denn wirklich wahr?« hörte sie jetzt seine Stimme und es fiel

ihr auf, daß er so leise sprach und daß seine Stimme gütig klang.

Als sie nicht antwortete, ging er zu ihr und setzte sich neben sie. Er

strich mit der Hand über ihr Haar und fragte noch ein Mal. Ein

Schluchzen, das ihren Körper zusammenkrümmte, entrang sich ihr. Sie

mußte die Kniee an den Leib ziehen, ihre Schultern preßten sich zusammen

und dumpfe, ächzende, von dem weichen Stoff der Ottomane gedämpfte Laute

wurden hörbar.

»So ist es also wahr? Mely? – Mely?«

»Nein, nein,« flüsterte sie, und das klang wie aus weiter Ferne.

Er lächelte wie im Traum, verließ den Platz an ihrer Seite und kauerte

sich in eine Chaiselongue vor dem Kamin. Er starrte ins Feuer, bis ihm

die Augen übergingen. Dann vergrub er den Kopf in die Hände und langsam

fiel eine Thräne nach der andern auf den Teppich.

So verging die Zeit.

Dann nahte sich ihm Mely und kniete bei ihm nieder. Sie schlang die Arme

um seinen Hals und suchte mit den Lippen seinen Mund. Aber er schob sie

weg. Und nur wenige Schritte vor ihm blieb sie dann auf den Knieen

liegen. Das Feuer war schon zur Glut geworden. Falk sah in den Kohlen

die gestaltgewordenen Träume seiner Vergangenheit. Wiederum stand das

lockende Schloß im Schwarzwald da mit seinen Parktannen. Festungsartige

Zinken thronten an seinem First und darauf stand ein Wächter und blies

das Horn. Dieser Wächter hatte die Gabe, zu weissagen und in die Zukunft

zu sehen, ja er sah in ferne Jahrhunderte hinein und erblickte den Fall

der Nationen und die Geburt eines neuen Heilands. Er sah die Sterne

rollen in ihrer Bahn und die Kometen zu den Tiefen der Unermeßlichkeit

ziehen und er lachte über die Kleinheit der menschlichen Schmerzen. Er

griff an den Himmel und steckte sich den Sirius als Orden an die Brust

und mit den Plejaden spielte er, wie ein Akrobat mit seinen Bällen.

Felsmassen lagen in der Glut und Gemsen sprangen darüber hinweg. Dann

erschien plötzlich ein Berggeist in einer Mönchskutte und kündigte den

Untergang dieser glühenden Kohlenwelt an.

Es war tiefe, stille Nacht, als Falk den regungslos knieenden Körper des

jungen Mädchens vom Boden erhob. Ihre Hände waren eiskalt. »Wie hab ich

dich geliebt,« flüsterte er und streichelte ihre Wangen.

Ihr Haupt fiel auf seine Schulter. Und sie umarmten sich immer fester

und dann fanden sich die Lippen zum Kuß. Ein seltsamer Frieden zog in

Melys Herz und wie mit einem undurchsichtigen Schleier war all das

Vergangene verhängt. Er zog sie zur Ottomane und drückte sie darauf

nieder. Dann legte er sich neben sie und schloß sie weinend in die Arme.

In dieser Nacht empfing er von ihr den letzten Zoll der Liebe. Der junge

Tag beschien mit seinem blassen Licht die beiden Schläfer, die bisweilen

im Schlafe seufzten, wie Kinder, wenn sie lange geweint haben.

Als Mely am Vormittag ging, reichte sie ihm stumm die Hand. Sie sah zu

Boden und lächelte verstört. Dies verstörte Lächeln war ihm wohl bekannt

aus vergangenen Tagen. »Auf Wiedersehen,« sagte sie.

Schluß.

Melusine: Ein Liebesroman · 第 55 / 57 题