Die beiden Frauen, die zusammen den dreißigjährigen Klein getötet

hatten, wanderten in die Gefängnisse, wurden die Jahre über gehalten.

Saßen da, zählten die Tage, die Feste, sahen nach Frühjahr und Herbst

und warteten. Warteten: das war die Strafe. Langeweile, kein Geschehen,

keine Erfüllung. Es war ein wirkliches Strafen. Man nahm ihnen nicht das

Leben, wie sie es Klein genommen hatten, aber einen Teil davon. Die

schwere, nicht wegzuleugnende Macht der Gesellschaft, des Staates prägte

sich ihnen ein. Zugleich wurden sie bitterer, matter, schwächer. Link

war nicht tot; hier war sein Testamentsvollstrecker; man gab es ihnen

zurück mit Einsamkeit und dem Warten, Elli mit den Träumen.

Der Staat schützte sich nur schwach durch diese Strafe. Er griff nichts

an von dem, was die Beweisaufnahme angerührt hatte, arbeitete nicht

entgegen dem schrecklichen Unwürdigkeitsgefühl, das Link in den Tod

geführt hatte: das Gefühl wuchs allenthalben weiter. Belehrte nicht die

Eltern, Lehrer, Pfarrer, aufmerksam zu sein, nicht zu binden, was Gott

getrennt hatte. Dies war die Arbeit eines Gärtners, der rechts und links

die Unkrautballen ausrupft; die Samen fliegen inzwischen weiter. Und

wenn er vorne fertig ist, muß er sich umdrehen: es fängt hinten schon

wieder an.

Zeitungsnotizen. Dr. M. in einer Berliner Zeitung: „Ein Sexualmord am

Manne aus der Leidenschaft des Geschlechts, das zur Frau treibt, man

hatte ihn hier erwartet. Es ist nicht so. Mord ist geschehen, bewußt

ausgeführt und doch – man sieht diese unscheinbaren Geschöpfe mit dem

harmlos blonden Vogelköpfchen, man verfolgt diese kühlen graublauen

Augen, man hört die kosenden, doch ganz unsinnigen Briefe und schüttelt

den Kopf. Ein kindliches Wesen, das nur Zärtlichkeit braucht, nicht

Liebe, stößt auf einen Mann, der nicht streicheln kann, liebend quälen

muß, mißhandelt. Die Leidende findet eine Frau, gleichaltrig, die ganz

Ähnliches duldet, flüchtet sich in Hingabe an diese Gefährtin, findet

einen Halt in ihrem stärkeren Charakter. Aus Freundschaft und

verdrängtem Eros wird sexuelle Verbundenheit. Was liegt näher, als daß

der Plan auftaucht, sich von den mißhandelnden Männern zu befreien.“

In den Zeitungen entspann sich, nach der politischen und religiösen

Färbung, ein Streit über das Urteil. Das Organ einer konfessionellen

Partei äußerte: „Die Geschworenen haben in Moabit wieder einmal ein

erstaunlich mildes Urteil gefällt – als Motive wurden sexuelle

Verirrungen und die dadurch heraufbeschworenen Streitigkeiten in der Ehe

festgestellt und sie genügten vollauf zur Erklärung der Tat. Aber das

Gericht ließ sich von den Verbrecherinnen, die sich reinzuwaschen

versuchten, allerhand erzählen, von Mißhandlungen sowie von

ungeheuerlichen Zumutungen des Ermordeten. Um ihrer Milde die Krone

aufzusetzen, reichten die Geschworenen noch ein Gnadengesuch für die

Mörderinnen ein. Mag man in dieser Zeit des allgemeinen Sittenverfalls

mit dem einzelnen Verbrecher auch noch so viel Mitleid aufbringen, wohin

kommt aber die Gesellschaft, wenn Verbrechen so milde beurteilt werden.

Würden Geschworene und Richter und auch die Verteidiger in derartigen

Fällen ihr gutes Herz entdecken, wenn sie selbst die Leidtragenden

wären? Dabei soll die Strafe doch auch abschrecken, oder sind die

heutigen Vertreter der Rechtspflege allgemein Gegner der

Abschreckungstheorie geworden?“

Der Sachverständige Dr. H., der erfahrenste Kenner des Gebiets der

gleichgeschlechtlichen Liebe, veröffentlichte selbst in einer

Zeitschrift unter der Überschrift: „Ein gefährliches Urteil“

Betrachtungen zu dem Urteilsspruch, der „in seiner Milde in der

Kriminalgeschichte wohl einzig dastünde“. Die sexuelle Triebinversion

entspringe an sich keinem verbrecherischen Willen, sondern einer

unglücklichen Keimmischung. Keinenfalls gebe den gleichgeschlechtlichen

ihre Anlage ein Recht, Hindernisse mit Gewalt zu beseitigen oder gar die

Menschen aus dem Wege zu schaffen, die ihrer Verbindung entgegenstehen.

Letzteres sei aber geschehen. Das Urteil der Geschworenen ermögliche es

den beiden jungen Frauen, binnen wenigen Jahren ihre Absicht, eine

zweite Ehe miteinander einzugehen, auszuführen. Dr. H. wendet sich mit

aller Entschiedenheit dagegen in der gleichgeschlechtlichen Veranlagung

als solcher auch nur einen Entschuldigungsgrund für einen so

verbrecherischen Giftmord zu erblicken. Es sei ein tragisches

Verhängnis, daß der Vater der Angeklagten Link, die nicht zur Ehe und

Mutterschaft taugte, zweimal dem Mann zurückführte: die Frau gehört dem

Mann. Intelligenzmängel beider Frauen – die Link leide an einer

Entwicklungshemmung, Infantilismus, die Bende an einer an Schwachsinn

grenzenden Beschränkheit – seien nicht so stark, um ihren freien Willen

auszuschließen. Es bleibt dahingestellt, ob die Berichte von der

brutalen Behandlung durch die Ehemänner den Tatsachen entsprechen oder

nicht. Es scheint sicher zu sein, daß der stark neuropathische Link

seine Frau bis zur Selbsterniedrigung liebte; durch die Leere und Kälte

seiner Frau scheint er außer Rand und Band geraten zu sein, durch seine

Wut steigerte sich ihre Furcht, durch ihren Trotz sein Zorn. Dr. H. weiß

aus reichlicher Erfahrung, wie sehr Freundinnen dieser Art imstande

sind, Männern das Leben zu vergiften. Ihm schrieb einmal eine solche:

„wehe dem Mann, der uns auf dem Ehemarkte ersteht; wir betrügen ihn um

sein Lebensglück selbst ohne es zu wollen.“ In diesem Straffall aber ist

der verbrecherische Schritt von der bildlichen zur wirklichen Vergiftung

getan worden. Und der Fachmann sah sich genötigt, darauf hinzuweisen,

welche gefährlichen Schlüsse aus dem milden Urteil gezogen werden

könnten, ja wie gemeinschädlich es wirken könnte. Er wies auf die

Notwendigkeit sexueller Aufklärung, zweitens auf die Wiedereinführung

der unüberwindlichen Abneigung als Ehescheidungsgrund: „Ein Staat, der

die Grundlage der Eheschließungen gänzlich privatem Ermessen überläßt,

handelt nicht folgerichtig, wenn er sich bei Trennung solcher Ehe auf

den entgegengesetzten Standpunkt stellt.“

In einer kleinen Studie über den Straffall diskutierte K. B., ein

Schüler des eben zitierten Sachverständigen, die Frage: ist der Haß der

Frauen nur durch die Rohheit der Männer entstanden und ihre homosexuelle

Liebe nur eine Folge der erworbenen Abneigung gegen das andere

Geschlecht, oder war die gleichgeschlechtliche Empfindung bei ihnen

angeborene Anlage und somit der eigentliche Grund der ehelichen

Disharmonie? Die Link habe, was zu glauben sei, vor der Ehe nicht mit

Männern verkehrt, habe ihren Spaß gehabt sie anzulocken und sitzen zu

lassen. Sie ließ sich als Soldat photographieren; ihr Körperbau und ihre

Bewegungsart zeigten für homosexuelle Frauen typische Merkmale des

männlichen Einschlags. Die Bende war nicht so eindeutig. Und doch

zeigten besonders ihre Gesichtszüge und ihre Wesensart viele mehr

männliche Merkmale, so daß, zusammen mit der homosexuellen Freundschaft,

angeborene Gleichgeschlechtigkeit im höchsten Grade wahrscheinlich sei.

* * * * *

Die Strafe wurde an beiden Frauen vollzogen. Die Ehe der Bende wurde

wegen beiderseitigen Verschuldens geschieden: bei ihr die Straftat, bei

ihm Ehebruch.

Übersicht über die Entwicklung des Falls.

Ich gebe eine bildliche Übersicht über die Hauptphasen des Falles. Eine

kurvenmäßige Darstellung war nicht möglich wegen ihrer Kompliziertheit

und Unübersichtlichkeit. Die folgenden Figuren sollen rasch und

anschaulich die Hauptpunkte der Entwicklung wiedergeben. Die Darstellung

des gesamten Seelenzustandes und seiner Teilfaktoren in Kreisen hat

folgenden Vorteil. Man umreißt mit einem kleineren oder größeren Kreis

die psychische Gesamtperson. Die maßgebenden Seelenzustände, die

Einzelansammlungen, Ballungen der Seelenenergie, Motive,

Verhaltungsarten lassen sich dann innerhalb des Hauptkreises als

kleinere darstellen, im Umfang je nach ihrer Bedeutung. Die

Einzelfaktoren können peripher oder zentral eingelagert werden, je

nachdem sie oberflächlich hervortreten oder verborgen sind. Beziehungen

der Einzelfaktoren zueinander sind durch Nähe und Entfernung der Kreise

ausdrückbar.

Die räumliche Darstellungsart ist nicht sehr entlegen, weil ein nicht

unbedeutender Teil unserer Seelenvorstellungen räumlichen Charakter

trägt. Hier liegt der Hauptakzent nicht auf der theoretischen Wahrheit,

sondern auf der Anschaulichkeit, der Möglichkeit, leicht wenigstens das

Wichtigste zu sagen. Die aufgezeichneten wirkenden Faktoren sind

nicht Einheiten seelischer Art, sondern klinische Einheiten,

Beobachtungseinheiten. So kann die klinische Gruppe „kindliches Wesen“

oder „männliche Aktivität“ neben „Liebe zu den Eltern“ und „Sexualität“

gestellt werden.

Epilog.

Überblicke ich das Ganze, so ist es wie in der Erzählung: „da kam der

Wind und riß den Baum um.“ Ich weiß nicht, was das für ein Wind war und

woher er kam. Das Ganze ist ein Teppich, der aus vielen einzelnen Fetzen

besteht, aus Tuch, Seide, auch Metallstücke, Lehmmassen dabei. Gestopft

ist er mit Stroh, Draht, Zwirn. An manchen Stellen liegen die Teile lose

nebeneinander. Manche Bruchstücke sind mit Leim oder Glas verbunden.

Dennoch ist alles lückenlos und trägt den Stempel der Wahrheit. Es ist

in unsere Denk- und Fühlformen geworfen. Es hat so sich ereignet; auch

die Akteure glauben es. Aber es hat sich auch nicht so ereignet.

Von seelischer Kontinuität, Kausalität, von der Seelenmasse und ihren

Ballungen wissen wir nichts. Man muß die Tatsachen dieses Falles, die

Briefe, Handlungen hinnehmen und es sich planmäßig versagen, sie

wirklich zu erläutern. Nicht einmal dann, wenn man hier und da noch

stärker in die Tiefe ginge, wäre etwas geschehen.

Da sind zuerst die fürchterlich unklaren Worte, die man gebrauchen muß,

um solche Vorgänge oder Zusammenhänge zu beschreiben. Auf Schritt und

Tritt Verwaschenes, oft handgreiflich Kindisches. Die summarischen

dummen Worte für die Beschreibung innerer Vorgänge: Neigung, Abneigung,

Abscheu, Liebe, Rachegefühl. Ein Mischmasch, ein Durcheinander, für die

elementare praktische Verständigung gemacht. Man hat hier Flaschen

etikettiert, ohne ihren Inhalt zu prüfen. Link faßt eine Neigung zu der

munteren kindlichen Elli: was verändert sich da eigentlich in ihm, wie

setzt die Veränderung ein, wie verläuft sie, und was ist ihr Ende. Ein

ganzes Konvolut von Tatsachen wird mit dem bequemen Wort Neigung weniger

bezeichnet, als übersehen. Denn das Gefährliche solcher Worte ist immer,

daß man mit ihnen zu erkennen glaubt; dadurch versperren sie den Zugang

zu den Tatsachen. Kein Chemiker würde mit solchen unreinen Stoffen

arbeiten. Zeitungsberichte und Romane, die solche Lebensabläufe

hinstellen, haben, indem man sie oft hörte, viel dazu beigetragen, daß

man sich mit solchen leeren Worten begnügt. Die meisten Seelendeutungen

sind nichts als Romandichtungen.

Psychischer Zusammenhang oder gar Kausalität, wie soll man sich das

denken? Mit dem Kausalitätsprinzip frisiert man. Zuerst weiß man, dann

wendet man die Psychologie an. Die Unordnung ist da ein besseres Wissen

als die Ordnung.

Wer bildet sich nun ein, die eigentlichen Motore solcher Fälle zu

kennen? Ich hatte, als ich über die drei, vier Menschen dieser Affäre

nachdachte, das Verlangen, die Straßen zu gehen, die sie gewöhnlich

gingen. Ich habe auch in der Kneipe gesessen, in der die beiden Frauen

sich kennen lernten, habe die Wohnung der einen betreten, sie selbst

gesprochen, Beteiligte gesprochen und beobachtet. Ich war nicht auf

billige Milieustudien aus. Mir war nur klar: das Leben oder der

Lebensabschnitt eines einzelnen Menschen ist für sich nicht zu

verstehen. Die Menschen stehen mit anderen und auch mit anderen Wesen in

Symbiose. Berühren sich, nähern sich, wachsen aneinander. Dies ist schon

eine Realität: die Symbiose mit den anderen und auch mit den Wohnungen,

Häusern, Straßen, Plätzen. Dies ist mir eine sichere, wenn auch dunkle

Wahrheit. Greife ich einen einzelnen Menschen heraus, so ist es, als

wenn ich ein Blatt oder ein Fingerglied betrachte und seine Natur und

Entwicklung beschreiben will. Aber sie sind gar nicht so zu beschreiben;

der Ast, der Baum, oder die Hand und das Tier muß mitbeschrieben werden.

Was wirkt dann, was entwickelt sich alles über den einzelnen hinaus.

Verblüffend sind die Statistiken. Die Welle der Selbstmorde bewegt sich

jedes Jahr gleichmäßig auf und ab. Es gibt da einige große Regeln. In

den Regeln tritt hervor eine Kraft, eine Wesenheit; der einzelne merkt

die Kraft, die Regel nicht, aber er führt sie aus.

Wie sonderbar ist das einfache Faktum: der Mensch ist jung und er hat

bestimmte Triebe; er wird älter und er bekommt andere. Das geht dem

einen wie dem anderen so. Und jeder empfindet sein Jungsein und seine

Liebe als seine Privatsache und glaubt sein Ich zu exekutieren. Man

könnte keinen Menschen verstehen, wenn nicht einer wie der andere wäre,

das heißt: keiner wie er selbst. Da wird schon ein allgemeiner

wirklicher Motor sichtbar: das Lebensalter, die Menschenart selbst. Er

bestimmt in dieser oder jener Art Lebensäußerungen. Er ist der Motor und

nichts anderes.

Wenn der trübe Link Elli ansieht und Neigung zu ihr faßt, was reagiert

da im Einzelnen, Speziellen? Wann treten Menschen in Berührung und

welche mit welchen? Wenn ich vom Weltlauf im Großen, Ganzen absehe. Was

an ihren Stoffen, an bestimmten einzelnen oder an ihrem Gesamtorganismus

verlangt zum anderen, und was ist bei der Verbindung erreicht und wie

weit geht die Verbindung? Die allgemeine Chemie macht sich sehr konkrete

Vorstellungen über die Art und den Grad der Wirkung von Stoffen

aufeinander. Es gibt das Gesetz der Massenwirkungen, eine

Affinitätslehre, spezifische Affinitätskoeffizienten. Reaktionen

verlaufen mit sehr verschiedener Geschwindigkeit, die genau festgestellt

wird; die Stoffe werden unter bestimmten Bedingungen aktiv; genau

studierte Gleichgewichte stellen sich her. Hier sind sauber Stoffe und

ihre Verhaltungsweise zueinander studiert; alle Einflüsse werden

festgestellt. Diese Methode ist gut. Übrigens, was da festgestellt wird,

ist nicht belanglos für das, was im Organischen abläuft. Um unsere Dinge

zu zergliedern, muß man auch hier hingehen, zu den nicht organisierten

Stoffen und den allgemeinen Kräften. Denn wir unterliegen ihnen auch und

es sind dieselben, die sich in der Natur, im Reagenzglas, im

Versuchskolben und in uns auswirken, die wir sind.

Wirkliche Motore unserer Handlungen kann die Tierkunde bloßlegen. Die

größte Masse unserer Seele wird von Instinkten gestellt. Die

Zergliederung der Instinkte, ihre Bloßlegung bringt Motore, ganz

entscheidende, unserer Handlungen zutage.

Darüber hinaus liegen sehr entfernte und unkenntliche Motore. Man kann

in manche menschliche Organe schneiden, ohne daß wir es merken; diese

Organe sind empfindungslos. Große Geschwülste wachsen völlig unbemerkt

im Menschen. Ein Kind ist übellaunig, nämlich nicht ausgeschlafen; aber

es begründet seine Laune damit: ein anderes Kind habe es geschlagen. So

können Kugeln aus dem Unsichtbaren auf uns treffen, uns verändern und

wir merken nur die Veränderung, nicht den eigentlichen Motor, das

Wirksame, die Kugel; in uns verläuft dann alles kausal. Da wir auf den

Schlag auf unsere Art reagieren, glauben wir im Zusammenhang mit „uns“

zu sein.

Dies sind die entfernten, noch unkenntlichen Motore unserer Handlungen.

Sie sind durchaus so, wie Elli zeigt: sie spielt mit Männern und weiß

nicht, warum sie nur spielt. Da motiviert der so und so gestaltete

Eierstock, da ein noch ganz dunkler parapsychischer Einfluß oder eine

Gruppe solcher Einflüsse, da ein Komplex des Weltlaufs. Und da ist es

nicht der Mensch, der sich darstellt und entwickelt, sondern eine

breitere oder engere Weltmasse.

Die Schwierigkeiten des Falles wollte ich zeigen, den Eindruck

verwischen, als verstünde man Alles oder das Meiste an solchem massiven

Stück Leben. Wir verstehen es, in einer bestimmten Ebene.

[Illustration: Probe der Handschrift von Elli Link]

Zu Ellis Handschrift.

(Dezember 1922, Untersuchungshaft.) Augenblickseinflüsse: sie ist

abgelenkt (verschreibt sich Zeile 4 „daß“ statt „doch“, schreibt

Buchstaben nicht fertig), wölbt mutlos die Grundstriche nach rechts. –

Die Schrift im allgemeinen ungeistig, linear mager und arm, nüchtern,

sachlich. Die Zeilenrichtung wird, trotz Okkupation, innegehalten, auch

der Linksrand; die Buchstaben werden aneinandergedrängt, die Schrift ist

klein: ein haushälterischer, ordentlicher, kleinbürgerlicher Mensch. –

Er ist unscheinbar, ohne rechtes Selbstgefühl, vielleicht mit Eigensinn,

Trotz (siehe auch „Termin“, Zeile 3, mit seinem Oberbogen).

Ein verschlossenes Wesen (siehe die Arkadenbildung bei der Bindung der

Buchstaben „n“ und „m“ in „ich“, „auch“ Zeile 1, das Zuriegeln der

Vokale a und o, der abwärts gedrehte U-Bogen). Die Schriftlage von

mäßiger Linksschräge bis zum Steilen zeigt das schwache Gefühl an,

Vorwiegen des Verstandes, die innere Kühle. Dabei Triebhaftigkeit,

Hingabe an den Eindruck, Neigung zum Genuß ohne seelische Zentrierung

(die geringe Schärfe der Schrift, ihre Teigigkeit). – Im wesentlichen

Kühle, Nüchternheit, Verschlossenheit, dahinter ungeregelte

Triebhaftigkeit, Entflammbarkeit, alles gedeckt durch kleinbürgerliche

Haltung. –

[Illustration: Probe der Handschrift von Margarete Bende]

Zu Margaretes Handschrift.

(Datum unbekannt, Untersuchungshaft.) Kein so starker Hafteinfluß. Die

Schrift im ganzen enorm unterschieden von Ellis: groß, weit, schräg nach

links gelegt, unregelmäßig über den Linksrand verfügend, meist ihn

besetzend. Ein Temperament, leidenschaftliches, exaltiertes Wesen. –

Starkes Selbstgefühl, Neigung sich in Szene zu setzen. Schlecht

disponierend, unfähig zu überblicken und zu ordnen, unter der

Vorherrschaft des Gefühls. Dabei nicht eigentlich Mitgefühl, Weiche

(siehe die doppelten Winkel in den „n“ und „m“), eher Egoismus (Neigung

zu rechtsläufigen Abbiegungen). Die Offenheit größer als Ellis, aber

auch nicht erheblich. Wenig Energie und Zielsicherheit; leichtes

Erlahmen und Wiederaufrichten (gewölbte Zeilenführung in Zeile 3).

Größere innere Einheitlichkeit als Elli; die Worte fließend, gebunden;

gegen Ellis Sprunghaftigkeit hier Zusammenhang, Kontinuität, ja

Haftenbleiben. – Die große heftige Schrift mit ihrer selbstsicheren Art,

daneben das leichte Erlahmen, die mangelhafte Fähigkeit zu berechnen,

deutet auf Überkompensation, Dekorieren: sie gibt sich überkräftig,

sicher, ist schwächlich. –

Ellis Handschrift beunruhigender, gefährlicher trotz ihrer sauberen

bürgerlichen Haltung. Margarete gesellig und schwach trotz des brüsken

impulsiven Auftretens. –

Ohlenroth’sche Buchdruckerei

Erfurt

RÄUMLICHE DARSTELLUNG

DER SEELENVERÄNDERUNG

Elli Links, Links und Margarete Bendes

vom November 1919 bis Mai 1922 in 17 Phasen

PHASE 1.

NOVEMBER 1919: ELLI BEGEGNET LINK.

ELLI

1. Sexualität, fast völlig gebunden oder eingelagert in die

Anhänglichkeit an die Eltern und die Familie.

2. Anhänglichkeit an Eltern und Familie. 1 und 2 sehr zentral und

fest.

3. Harmloses liebenswürdiges Wesen, kindlich.

4. Aktivität, männlicher Freiheits- und Ungebundenheitssinn. 3 und

4 peripher.

LINK

1. Alte tiefe Grundverstimmung, an die Peripherie und Außenseite

dringend.

2. Perverse Sexualität, mit der Grundverstimmung verbunden;

Sadismus, Autosadismus, Selbstzerstörungstrieb. 2 versteckt

aber kräftig.

3. Normale Sexualität, nach Objekten suchend, schwach entwickelt.

PHASE 2.

ANFANG 1920: ANNÄHERUNG DER BEIDEN.

ELLI

1. } Unverändert.

2. }

3. Liebenswürdiges kindliches, spielerisches Wesen bei Links

Annäherung gesteigert.

4. Zurücktreten der Aktivität.

LINK

1. Grundverstimmung bei Ellis spielerischer Annäherung wachsend

und nach Heilung, Neutralisation, dringend, peripher

hervortretend.

2. Zurücktreten, Schwächung der perversen Antriebe.

3. Aufsteigen der durch Ellis Annäherung hin sich kräftigenden

Normalsexualität.

PHASE 3.

1. HÄLFTE 1920: WEITERE ANNÄHERUNG DER BEIDEN.

ELLI

1. } Unverändert.

2. }

3. Weitere Verstärkung des liebenswürdig spielerischen Wesens, zu

seiner Anlockung.

4. Aktivität, männlicher Art, unverändert zurückgetreten.

LINK

1. Grundverstimmung, an Ellis harmlos spielerischer Art abnehmend.

2. Weitere Schwächung der perversen Antriebe.

3. Normalsexualität überlagert zu einem großen Teil die

Grundverstimmung, sucht die Verstimmung zu verdrängen.

PHASE 4.

ENDE 1920: BEGINN DER EHE.

ELLI

1. } Unverändert.

2. }

3. Spielerisches Wesen und Anlockung, furchtsam zurückweichend vor

seiner angreifenden Normalsexualität.

4. Unverändert.

LINK

1. Grundverstimmung zurückgebildet, zugleich durch die

Normalsexualität überwachsen, welche bei Elli vergebens

nach einer Gegengruppe sucht.

2. Perverse Antriebe sehr geschwächt im Hintergrund.

3. Enorm stark angewachsene und die Peripherie überschreitende,

suchende Normalsexualität.

PHASE 5.

ANFANG 1921: BEGINNENDE SPANNUNG.

ELLI

1. } Unverändert.

2. }

3. Zurücktreten und Abnahme der kindlich spielerischen Art.

4. Anwachsen der wegtreibenden Aktivität.

5. Neubildung einer Haßgruppe zur Abwehr und Sicherung vor der

zentralen Gruppe.

LINK

1. Grundverstimmung mehr nach innen zurückgetreten.

2. Perverse Antriebe angesichts des Zurückweichens Elli in der

Tiefe anwachsend.

3. Zurücktreten und Abschwächung der Normalsexualität, die keine

Gegengruppe, kein Objekt fand.

PHASE 6.

1. VIERTEL 1921: ZUNAHME DER SPANNUNG.

ELLI

1. } Spalten zum Abfangen von Links Sexualität eine

2. } sadistische Haßgruppe ab.

3. Verkümmern der kindlichen Art.

4. Aufdrängen der Aktivität, Hervortreten.

5. Die schützende Haßgruppe neben der neuen sadistisch

zugreifenden Haßgruppe.

LINK

1. Wieder Hervortreten der alten Grundverstimmung.

2. Heftiges Wachsen der perversen Antriebe; sie speisen die

Grundverstimmung.

3. Weiteres Zurücktreten und Verkümmern der Normalsexualität.

PHASE 7.

2. VIERTEL: HÄUFIGER STREIT, HASS ZWISCHEN BEIDEN. – ELLIS ERSTE

FLUCHT IM JUNI.

ELLI

1. } Unverändert.

2. }

1a. Ansteigende sadistische Sexualitätsgruppe tritt peripher

hervor, sie steigert die gegenüberliegende entsprechende

Links.

3. }

4. } Unverändert.

5. }

LINK

1. Grundverstimmung an der Oberfläche, aber etwas zur Seite

gedrängt von 2.

2. Die perversen sadistisch autosadistischen Antriebe mit Ellis in

Verschränkung und in der Tendenz auf Zunahme.

3. Unverändert.

PHASE 8.

AUGUST 1921: BEGEGNUNG VON ELLI MIT MARGARETE BENDE.

ELLI

1. } Unverändert.

2. }

3. Die kindlich harmlose Art angesichts der Bende verstärkt.

4. }

5. } Unverändert.

1a. }

MARGARETE BENDE

1. Trüber, ungeformter, richtungsloser Gefühlsüberschwang, nicht

abgesättigt.

2. Anhänglichkeit an die Mutter.

3. Normalsexualität gut entwickelt, nur teilweise vom Ehemann

gebunden.

4. Einfacher Haß in Richtung auf den Ehemann, infolge der

mangelhaften Absättigung der Gefühlsmasse und geringen

Bindung der Sexualität.

PHASE 9.

2. HÄLFTE 1921: ENTWICKLUNG DER BEZIEHUNG ZWISCHEN BEIDEN FRAUEN.

ELLI

1. }

2. } Unverändert.

1a. }

3. Weiteres Anwachsen der spielerisch kindlichen Art, als Lockung.

4. Aktivität, die männliche Art betonend, gegen die Bende

verstärkt.

5. Unverändert.

MARGARETE BENDE

1. Trübe Gefühlsmasse, unter Ellis Lockung in Bewegung auf die

Peripherie.

2. Unverändert.

3. Nachlaß der sexuellen Bindung an den Ehemann.

4. Unverändert.

PHASE 10.

2. HÄLFTE 1921: WEITERE ENTWICKLUNG DIESER BEZIEHUNGEN.

ELLI

1. }

2. } Unverändert.

1a. }

3. Mächtiges Anschwellen der spielerisch lockenden Impulse.

4. Anschwellen der männlichen Aktivität.

5. Unverändert.

MARGARETE BENDE

1. Weitere zentrifugale Bewegung der umgeformten Gefühlsmasse auf

Ellis Lockung hin.

2. }

3. } Unverändert.

4a. }

3a. Abspaltung eines gleichgeschlechtlichen Liebesgefühls aus der

Sexualität und der Gefühlsmasse.

PHASE 11.

2. HÄLFTE 1921: AUSBILDUNG DER GLEICHGESCHLECHTLICHEN LIEBE

ZWISCHEN DEN BEIDEN FRAUEN.

ELLI

Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord · 第 5 / 6 段