G.

112.

Goethe an Lotte.

v. 19. Jun. 1775.

Tief in der Schweiz am Orte wo Tell seinem Knaben den Apfel vom Kopf

schoss, warum iust von da ein paar Worte an Sie da ich so lang schwieg?

Gut Liebe Lotte, einen Blick auf Sie und Ihre Kleinen, und das liebe

Männchen, aus all der herrlichen Natur heraus, mitten unter dem edlen

Geschlecht das seiner Väter nicht ganz unwerth seyn darf, obs gleich

auch Menschen sind hüben und drüben.

Ich kann nichts erzählen, nichts beschreiben. Vielleicht erzähl ich

mehr wenn mirs abwesend ist, wie mirs wohl eh mit lieben Sachen

gegangen ist.

Nicht wahr Sie haben mich noch ein bischen lieb und so halten Sie's und

küssen Ihren Mann auch von mir und Ihre Kleinen. Adieu. grüssen Sie

Meyers recht viel. Altdorf drey stunden vom Gotthard den ich morgen

besteige.

d. 19. Jun. 1775.

113.

Goethe's Schwester an Kestner.

v. 6. Jan. 1776.

Ich habe eine grose Sünde auf dem Herzen, bester Kestner, -- Ihren

lieben Brief so lang unbeantwortet zu lassen, das ist abscheulich --

Ich wäre mit nichts zu entschuldigen wenn ich nicht seit zwey Jahr

keinem Menschen in der Welt geschrieben hätte -- so lang währt meine

Krankheit und eine Art von Melancolie, die eine natürliche Folge davon

ist -- Ihre liebe aktive Lotte wird sich hierüber nicht wundern, weil

sie sich leicht vorstellen kann, was das heisst als Frau und Mutter

zwey Jahre lang im Bette zu liegen, ohne im Stand zu seyn sich selbst

nur einen Strumpf anzuziehen --

Zimmermann kam als mein guter Genius mich an Leib und Seele zu

erretten, er gab mir Hofnung und munterte mich so auf, dass ich

seitdem wenig ganze trübe Stunden mehr habe -- es ist auch wirklich

durch seine vortreffliche Vorschriften so weit mit meiner Cörperlichen

Besserung gekommen, dass ich große Linderung spüre -- Es fehlt mir

hier hauptsächlich an einer Freundinn die mich aufzumuntern wüsste, und

die meine Gedanken von dem elenden kränklichen Cörper weg, auf andere

Gegenstände zöge -- Es ist sehr schlimm dass ich mich selbst mit nichts

beschäfftigen kann, weder mit Handarbeit, noch mit lesen, noch mit

Clavierspielen -- auch das Schreiben fällt mir beschwerlich wie Sie

sehen --

Mein Mädgen würde mir sehr viel Freude machen wenn ich mich mit ihm

abgeben könnte, aber so muss ichs ganz fremden Leuten überlassen,

welches nicht wenig zum Druck meines Gemüths beyträgt -- Es ist sehr

lustig und will den ganzen Tag tanzen, desswegen es auch bey jedem

lieber als bey mir ist -- laufen kanns noch nicht allein, es happelt

aber entsetzlich wenn manns führt -- Schreiben Sie mir doch ja viel

und recht umständlich von Ihren Kleinen, denn wie ich höre so sind Sie

so glücklich zwey zu haben -- ich mögt gern wissen wie sie aussehn, ob

sie der Lotte gleichen, ob sie blaue oder schwarze Augen haben, ob sie

lustig oder still sind u.s.w.

Verzeihen Sie mir ja die vielen Fragen, ich würde sie nicht gethan

haben wenn ich nicht versichert wäre, dass Sie sie gern beantworteten

-- Leben Sie wohl. Ihre liebe Lotte küsse ich hundertmal.

d. 6. Jen. 76. S. Schlosser.

114.

Goethe's Mutter an Hans.

Franckfurt d. 2^{ten} Februar 1776.

Mein lieber Herr Buff! Die Mutter von Ihrem Freund, dem Doctor Goethe,

hätte eine Bitte an Sie. Ich weiß, daß Sie meinen Sohn lieb haben. Um

desto getroster darf ich Ihnen einen Auftrag geben, da Sie des Sohnes

wegen, der Mutter gewiß einen Gefallen thun. Den 9^{ten} November

vorigen Jahres, schickte ich an Hr. Cammerrichter ein Päckchen mit

44 fl. 10 kr. Dagegen bekam wie gewöhnlich einen Postschein, der ein

1/4 Jahr gültig ist; den 9^{ten} Februar wäre also die Zeit vorbey,

inzwischen habe von Hrn. Cammerrichter nicht die geringste Nachricht,

ob das Geld glücklich angekommen ist. Nun ist die Frage, ob Sie mir

wollen den Gefallen thun und sich bey seiner Excellenz Haushofmeister,

oder wen Sie sonst von seinem Hofstaat kennen, erkundigen wollen, ob

das Geld richtig überliefert worden seye, denn im entgegenstehenden

Falle habe noch 8 Tage Zeit mich beym Postamt zu melden. Haben Sie die

Güte mir vor Ablauf der 8 Tage zu antworten, damit ich weiß, woran ich

bin.

Sie werden sich ohne Zweifel wundern, warum der Doctor nicht selber

schreibt. Aber der ist nicht hier, schon ein 1/4 Jahr ist er in Weimar

beym Herzog, und Gott weiß wenn er wieder kömmt. Aber freuen thut er

sich gewiß, wenn ich ihm schreibe, daß ich an seinen lieben alten

Bekannten und guten Freund geschrieben habe, denn wie viel er immer von

Ihnen und Ihrem ganzen Haus erzählt hat, kann ich Ihnen nicht sagen.

Für seinen vergnügtesten Zeitpunkt hat er es immer gehalten. Ihr lieber

Herr Vater, Brüder und Schwestern, besonders Herr und Frau Kestner

sind doch, hoffe ich, alle wohl? Grüssen Sie alles von mir, und seyd

versichert, daß ich jederzeit seye

Ihre Freundin Goethe.

Wenn Sie die Güte haben an mich zu schreiben, so ist meine Adresse An

Frau Rath Goethe, auf dem grossen Hofgraben.

115.

Goethe an Kestner und Lotten.

v. 9. Jul. 1776 aus Weimar.

Liebe Kinder. Ich hab so vielerley von Stund zu Stund das mich

herumwirft, ehmahls warens meine eigne Gefühle, iezt sind neben denen,

noch die Verworrenheiten andrer Menschen die ich tragen und zurecht

legen muss. So viel nur: ich bleibe hier, und kann da wo ich, und wie

ich bin meines Lebens geniessen, und einem der edelsten Menschen, in

mancherley Zuständen förderlich und dienstlich seyn. Der Herzog mit

dem ich nun schon an die 9 Monate in der wahrsten und innigsten Seelen

Verbindung stehe, hat mich endlich auch an seine Geschäffte gebunden,

aus unsrer Liebschafft ist eine Ehe entstanden, die Gott seegne.

Er hat mir Siz und Stimme in seinem Geheimen Rath, und den Titel als

Geheimer Legationsrath geben, und wir hoffen das beste.

Viel gute liebe Menschen giebts noch hier mit deren Allgemeiner

Zufriedenheit ich da bleibe, ob ich gleich manchem nicht so recht

anstehe. Addio behaltet mich lieb. d. 9. Jul. 76 Weimar

Schreibt mir was von euern Kindern. Matthäi

hat mir einen Brief bracht.

Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit · 第 42 / 63 题