Der alte

Doctor Goethe.

Und ihm viel Prämia wünsche, die er verdient.

80.

Goethe an Kestner.

Viel Glück zu allem was ihr unternehmt, und eurer besten Frau alle

Freuden des Lebens.

Ich kann euch nicht tadlen dass ihr in der Welt lebt, und Bekanntschaft

macht mit Leuten von Stand und Pläzzen. Der Umgang mit Grossen ist

immer dem vorteilhafft der ihrer mit Maas zu brauchen weis. Wie ich

das Schiespulver ehre dessen Gewalt mir einen Vogel aus der Lufft

herunterhohlt, und wenns weiter nichts wäre. Aber auch sie wissen

Edelmuth und Brauchbaarkeit zu schäzzen, und ein iunger Mann wie

ihr muss hoffen, muss auf den besten Platz aspiriren. Sakerment und

wenn ihrs nur eures Weibes willen tähtet. Was die häuslichen Freuden

betrifft, die hat dünkt mich der Canzler so gut als der Sekretarius,

und ich wollte Fürst seyn und mir sie nicht nehmen lassen. Also treibts

in Gottes Nahmen nach eurem Herzen und kümmert euch nicht um Urteile

und verschliesst euer Herz dem Tadler wie dem Schmeichler. Hören mag

ich sie beyde gern hören, biss sie mich ennüiren. Mad. La Roche war

hier, sie hat uns acht glückliche Tage gemacht, es ist ein Ergötzen

mit solchen Geschöpfen zu leben. O Kestner und wie wohl ist mirs, hab

ich sie nicht bey mir so stehen sie doch vor mir immer die Lieben all.

Der Kreis von edlen Menschen ist das wehrteste alles dessen was ich

errungen habe.

Und nun meinen lieben Götz! Auf seine gute Natur verlaß ich mich, er

wird fortkommen und dauern. Er ist ein Menschenkind mit viel Gebrechen

und doch immer der besten einer. Viele werden sich am Kleid stosen

und einigen rauhen Ecken. doch hab ich schon so viel Beyfall dass

ich erstaune. Ich glaube nicht daß ich so bald was machen werde das

wieder das Publikum findet. Unterdessen arbeit ich so fort, ob etwa dem

Strudel der Dinge belieben mögte was gescheuters mit mir anzufangen.

am 21 August

Das war lang geschrieben biss einmal die Zeit zu siegeln bey mir kommt.

Da ich euch nichts mehr zu sagen habe als liebt mich immer fort. und

Lotte soll mich lieb behalten und glücklich ist sie. Adieu.

81.

Goethe an Kestner.

Heut Abend des 15. September erhalt ich euern Brief, und habe mir

eine Feder geschnitten um recht viel zu schreiben. Dass meine Geister

biss zu Lotten reichen hoff ich. Wenn sie auch die Taschengelder

ihrer Empfindung, daran der Mann keine Prätension hat, nicht an mich

wenden wollte, der ich sie so liebe. Neulich hatte ich viel Angst in

einem Traum über sie. Die Gefahr war so dringend, meine Anschläge all

keine Aussicht. Wir waren bewacht, und ich hoffte alles, wenn ich den

Fürsten sprechen könnte. Ich stand am Fenster, und überlegte hinunter

zu springen, es war zwey Stock hoch, ein Bein brichst du, dacht ich, da

kannst du dich wieder gefangen geben. Ja dacht ich, wenn nur ein guter

Freund vorbey ging, so spräng ich hinunter und bräch ich ein Bein, so

müsst mich der auf den Schultern zum Fürsten tragen. Siehst du alles

erinnere ich mich noch, biss auf den bunten Teppich des Tisches an

dem sie sas und Filet machte, und ihr strohern Kistgen bey sich stehn

hatte. Ihre Hand habe ich tausendmal geküsst. Ihre Hand wars selbst!

die Hand! so lebhafft ist mirs noch, und sieh wie ich mich noch immer

mit Träumen schleppe.

Meine Schwester ist mit Schlossern vor wie nach. Er sitzt noch in

Carlsruhe wo man ihn herumzieht, Gott weis wie. Ich verstehs nicht.

Meine Schwester ist jetzt in Darmstadt bey ihren Freunden. Ich verliere

viel an ihr, sie versteht und trägt meine Grillen.

Ich lieber Mann, lasse meinen Vater iezt ganz gewähren, der mich

täglich mehr in Stadt CivilVerhältnisse einzuspinnen sucht, und ich

lass es geschehn. So lang meine Kraft noch in mir ist! Ein Riss!

und all die siebenfache Bastseile sind entzwey. Ich binn auch viel

gelassener, und sehe dass man überall den Menschen, überall groses

und kleines schönes und Hässliches finden kann. Auch arbeit ich sonst

brav fort. und denke den Winter allerley zu fördern. Dem alten Amtmann

hab ich einen Göz geschickt der viel Freude dran gehabt hat, es ist

auch gleich (wahrscheinlich durch Brandts) weiter kommen, und der Kam.

Richt.[24] und v. Folz habens begehrt; Das schreibt mir Hans, mit dem

ich viel Correspondenz pflege. Ueber alles das, lieber K. vergess ich

dir zu sagen, dass drunten im Visitenzimmer, diesen Augenblick sitzt --

die liebe Frau Grostante ~Lange~ von Wetzlar, mit der so teuern

ältsten Jungfer Nichte. Die haben nun schon in ihrem Leben mehr,

um Lottens Willen, gesessen wo ich sie nicht hohlte, mögen sie auch

diesmal sich behelfen. Hanngen ist nicht mit da. Sie haben viel Liebs

und Guts von meiner Lotte geredt! Dank Ihnen der Teufel. -- ~Meiner

Lotte!~ Das schrieb ich so recht in Gedanken. Und doch ist sie

gewissermassen mein. Hierin gehts mir wie andern ehrlichen Leuten, ich

bin gescheut -- biss auf diesen Punct. Also nichts mehr davon.

Und zum Merkur um uns abzukühlen. Ich weiß nicht ob viel Grossprecherey

dem Zeug mehr Schaden tuht, oder das Zeug der Großsprecherey. Das ist

ein Wind und ein Gewäsch, dass eine Schand ist. Man ist durchgängig

unzufrieden gewesen, der zweyte Teil ist was besser.

Der Hans und die Hänsgen. Wiel.[25] und die Jackerls haben sich eben

prostituirt! Glück zu! Für mich haben sie ohnedem nicht geschrieben.

Fahr hin. Des Cammerrath Jakobis Frau war hier, eine recht liebe

brave Frau, ich habe recht wohl mit ihr leben können, binn allen

Erklärungen ausgewichen, und habe getahn als hätte sie weder Mann noch

Schwager. Sie würde gesucht haben uns zu vergleichen, und ich mag ihre

Freundschafft nicht. Sie sollen mich zwingen sie zu achten wie ich sie

iezt verachte, und dann will und muss ich sie lieben.

Heut früh hab ich von Falcken einen Brief kriegt, mit dem ersten

Bogen des Musen Alman. Du wirst auf der 15ten S. den ~Wandrer~

antreffen den ich Lotten ans Herz binde. Er ist in meinem Garten, an

einem der besten Tage gemacht. Lotten ganz im Herzen und in einer

ruhigen Genüglichkeit all eure künftige Glückseeligkeit vor meiner

Seele. Du wirst, wenn dus recht ansiehst mehr Individualität in dem

Dinge finden als es scheinen sollte, du wirst unter der Allegorie

~Lotten~ und ~mich~, und was ich so hunderttausendmal bey

ihr gefühlt erkennen. Aber verraths keinem Menschen. Darob solls euch

aber heilig seyn, und ich hab euch auch immer bey mir wenn ich was

schreibe. Jezt arbeit ich einen Roman, es geht aber langsam. Und ein

Drama fürs Aufführen damit die Kerls sehen dass nur an mir liegt Regeln

zu beobachten und Sittlichkeit Empfindsamkeit darzustellen. Adieu. Noch

ein Wort im Vertrauen als Schriftsteller, meine Ideale wachsen täglich

aus an Schönheit und Grösse, und wenn mich meine Lebhafftigkeit nicht

verlässt, und meine Liebe, so solls noch viel geben für meine Lieben,

und das Publikum nimmt auch sein Teil.

Und so gute Nacht liebe Lotte. Im Couvert sind Verse die wollt ich zu

einem Portrait von mir an Lotten legen, da es aber nicht gerathen ist

so hat sie inzwischen das. Biss auf weiters.

82.

Goethe an Lotte.

Wenn einen seeligen Biedermann

Pastorn oder Rathsherrn lobesan

Die Wittib läßt in Kupfer stechen

Und drunter ein Verslein radebrechen

Da heißts:

Seht hier von Kopf und Ohren,

Den Herrn ehrwürdig, wohlgebohren,

Seht seine Mienen und seine Stirn

Aber sein verständig Gehirn,

So manch Verdienst ums gemeine Wesen

Könnt ihr ihm nicht an der Nase lesen.

So liebe Lotte heissts auch hier:

Ich schicke da mein Bildniss dir!

Magst wohl die lange Nase sehn,

Der Augen Blick, der Locken Wehn,

Es ist ohngefähr das ~garstge Gsicht~

Aber meine Liebe siehst du nicht.

Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit · 第 23 / 63 题