G.

75.

Goethe an Hans.

Ich dank ihm lieber Hans für den braven Brief. Schick er innliegenden

Hrn. Kestnern grüsse er den Papa u. alle. Und behalt er mich lieb.

Goethe.

76.

Goethe an Kestner.

_acc._ Hannover. 18. Jun. 73.

Euer Brief hat mich ergözt, ich wusste durch Hansen schon manches

von euch. Heute Nacht hat mirs von Lotten wunderlich geträumt. Ich

führte sie am Arm durch die Allee, und alle Leute blieben stehn und

sahn sie an, ich kann noch einige nennen die stehen blieben und uns

nachsahen. Auf einmal zog sie eine Calesche über und die Leute waren

sehr betreten. (Das kommt von Hansens Briefe der mir die Geschichte von

Minden schrieb.) Ich bat sie sie mögte sie doch zurückschlagen das that

sie. Und sah mich an mit den Augen, ihr wisst ja wies einem ist wenn

sie einen ansieht. Wir gingen geschwind. Die Leute sahen wie vorher.

O Lotte, sagt ich zu ihr, Lotte, dass sie nur nicht erfahren dass du

eines andern Frau bist. Wir kamen zu einem Tanzplaz &c. &c.

Und so träume ich denn und gängle durchs Leben, führe garstige Prozesse

schreibe Dramata, und Romanen und dergleichen. Zeichne und poussire

und treibe es so geschwind es gehen will. Und ihr seyd geseegnet wie

der Mann der den Herren fürchtet. Von mir sagen die Leute der Fluch

Cains läge auf mir. Keinen Bruder hab ich erschlagen! Und ich denke die

Leute sind Narren. Da hast du lieber Kestner ein Stück Arbeit, das lies

deinem Weiblein vor, wenn ihr euch sammlet in Gott und euch und die

Tühren zuschließt. _NB._ Die Frau Archivarius (ich hoffe das ist

der rechte Titel) wird hoffentlich ihr blau gestreiftes Nachtjäckgen

nicht etwa aus leidigem Hochmuth zurückgelassen, oder es einer kleinen

Schwester geschenkt haben, es sollte mich sehr verdriessen, denn es

scheint ich habe es fast lieber als sie selbst, wenigstens erscheint

mir oft das Jäckgen wenn ihre Gesichtszüge sich aus dem Nebel der

Imagination nicht losmachen können.

77.

Goethe an Hans.

Ich habe, lieber Hans, allerley Angelegenheiten warum ich ihm schreiben

Muss. Erstl. zu fragen wies bey euch aussieht? Ich habe so lang aus dem

teutschen Haus nichts gehört.

Und hernach _Commissionen_, wenn er die Recht ausrichtet so soll

er einmal Agent von Churfürsten, Fürsten und Ständen des Reichs werden.

Erstl. bestellt er den Brief an Kestnern, wie den Vorigen.

2tens ist er so gut zum Hrn. Hofrath Sachs zu gehen, und zu sagen:

»Hier sey ein Brief an Hrn. von Kielmansegg. Ob sie wohl so gütig seyn

wollten ihn zu bestellen. Der Hr. Baron habe mir geschrieben ich soll

meine Briefe an Hrn. Hofrath adressiren.«

Drittens. Fragt er den Hrn. von Hille ob er habe ~einen ersten Theil

des teutschen Merkurs~ durch Hrn. Kestner bekommen, hat er ihn

bekommen so lass ich ihn um die halbe Louisd'or bitten, und will den

zweyten Theil gleich mit der fahrenden Post nach Wetzlar schicken.

Viertens fragt er den Papa ob er ein neues Schauspiel ~Götz von

Berlichingen~ gelesen habe?

Fünftens grüßt er mir alle im teutschen Haus, Lengen und Carlingen und

Dortlgen und Anngen und fragt sie ob sie sich meiner noch erinnern in

Ehre und Liebe. Und die Kleinen grüss er alle von mir, und schreibe er

mir bald.

Goethe.

78.

Goethe an Kestner.

_acc._ H. 21/7 73.

Ihr sollt immer hören wie mirs geht, lieber Kestner. Denn zum Laufe

meines Lebens hoff ich immer auf euch und euer Weib die Gott seegne

und ihr solche Freuden gebe als sie gut ist. Euch kanns an Beförderung

nicht fehlen. Ihr seyd von der Art Menschen die auf der Erde gedeyen

und wachsen, von den gerechten Leuten und die den Herren fürchten,

darob er dir auch hat ein tugendsam Weib gegeben, des lebest du noch

eins so lange.

Ich binn recht fleissig und wenns Glück gut ist kriegt ihr bald wieder

was, auf eine andre Manier. Ich wollt Lotte wäre nicht gleichgültig

gegen mein Drama. Ich hab schon vielerley Beyfalls Kränzlein von

allerley Laub und Blumen, Italiänischen Blumen sogar, die ich

wechselsweise ausprobiret, und mich vorm Spiegel ausgelacht habe.

Die Götter haben mir einen Bildhauer hergesendet, und wenn er hier

Arbeit findet, wie wir hoffen so will ich viel vergessen. Heilige

Musen reicht mir das _Aurum potabile_, _Elixir vitae_ aus

euren Schaalen, ich verschmachte. Was das kostet in Wüsten Brunnen zu

graben und eine Hütte zu zimmern. Und meine Papageyen die ich erzogen

habe, die schwäzen mit mir, wie ich, werden krank lassen die Flügel

hängen. Heut vorm Jahr wars doch anders, ich wollt schwören in dieser

Stunde vorm Jahr sass ich bey Lotten. Ich bearbeite meine Situation

zum Schauspiel zum Truz Gottes und der Menschen. Ich weis was Lotte

sagen wird wenn sies zu sehn kriegt und ich weis was ich ihr antworten

werde. Hört wenn ihr mir wolltet Exemplare vom ~Götz~ verkaufen,

ihr thätet mir einen Gefallen und vielleicht allerley Leuten. Boje hat

ihrer, schreibt ihm wie viel ihr wollt, ich habs ihm geschrieben euch

abfolgen zu lassen so viel ihr wollt. Verkauft sie alsdenn für zwölf

gute groschen und _notirt_ das _porto_ das sie euch kosten.

Der Verlag hört Mercken, der ist aber in Petersburg, ich schicke mich

nicht zum Buchhändler, ich fürchte es bleibt hocken. Denn vielleicht

kommt sonst in einem halben Jahr noch kein Exemplar zu euch. Schreibt

mir doch wo ich die zweyten Stücke des Merkurs hinschaffen, und wo ichs

Geld herkriegen soll. Wenn verschiedene Sachen nach meinem Kopfe gehn

kriegt Lotte bald eine Schachtel von mir wo keine _Confituren_

drinne sind, auch kein Puzwerk, auch keine Bücher, also --

Lassts euch wohl seyn, mich ergözt eure Genüglichkeit und eure

Aussichten. Und wenn euch was dran liegt von mir zu hören, so lasst von

euch offt hören. Adieu.

79.

Goethe an Hans.

Lieber Hans. Bring er Hrn. v. Hille den 2ten Teil des Merkurs den

ersten hat Kestner aus Versehn mit nach Hannover genommen. Hr. v. Falke

wird ihn dem Hrn. v. Hille wieder zurück bringen. Und sodann bitt ich

mir die Bezahlung aus.

Hier das Schauspiel gieb er dem Papa und wenn ders gelesen hat und die

Schwestern es auch etwa gelesen haben, so gib er es Anngen und Dorthel,

und grüss er sie alle von mir. Der ich binn

Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit · 第 22 / 63 题