G.

64.

Goethe an Kestner.

Ich habe, lieber K. im letzten Pack vergessen euch die Anhänge zu

schicken. Nr. 6 ist nie gedruckt worden aus Versehen. Lebt wohl und

liebt mich und schreibt mir wies euch geht unterwegs und eurem Engel.

Adieu Falkens _Mscpt._ schick ich euch nach, Entschuldigt mich

doch.

65.

Goethe an Kestner.

_acc._ d. 12. Apr. 73. Wetzl.

Da tuht ihr wohl Kestner dass ihr mich beym Wort nehmt! O den

trefflichen Menschen! »Ihr wollt ia nichts mehr von uns wissen.« Gar

schön! Ich wollte freylich nichts von euch wissen, weil ich wusste ihr

würdet mir nicht schreiben mögen. Sonst feiner Herr war der Tag eurem

Fürsten der Abend, eurer Lotte, und die Nacht für mich und meinen

Bruder Schlaff. Die Nacht fließt nun in den Abend und der arme Goethe

behilft sich wie immer. Es stände euch wohl zu Gesichte -- Doch das

will ich nicht sagen, ich würde mich zum Teufel geben, wenn ich euch

erst darauf bringen sollte. Also Hr. Kestner und Madam Kestner Gute

Nacht.

Ich würde auch hier geschlossen haben wenn ich was besseres im Bett

erwartete als meinen lieben Bruder. Sieh doch mein Bett da, so steril

stehts wie ein Sandfeld. Und ich habe heut einen Schönen Tag gehabt

so schön dass mir Arbeit und Freude und Streben und Geniessen zusammen

flossen. Dass auch am schönen hohen Sternen Abend ganz mein Herz voll

war von wunderbaren Augenblick da ich zu'n Füßen eurer an Lottens

Garnirung spielte, und ach mit einem Herzen, das auch ~das~ nicht

mehr genießen sollte, von drüben sprach, und nicht die Wolken, nur die

Berge meinte. Von der Lotte wegzugehn. Ich begreifs noch nicht wies

möglich war. Denn seht nur seid kein Stock. Wer nun, oder vorher, oder

nachher zu euch sagte geht weg von Lotten -- Nun was würdet ihr --? Das

ist keine Frage -- Nun ich bin auch kein Stock, und binn gegangen, und

sagt ists Heldentaht oder was. Ich binn mit mir zufrieden und nicht. Es

kostete mich wenig, und doch begreif ich nicht wies möglich war. -- Da

liegt der Haas in Pfeffer. --

Wir redeten wies drüben aussäh über den Wolken, das weis ich zwar

nicht, das weis ich aber, dass unser Herr Gott ein sehr kaltblütiger

Mann seyn muss der euch die Lotte lässt. Wenn ich sterbe und habe

droben was zu sagen ich hohl sie euch warrlich. Drum betet fein für

mein Leben und Gesundheit, Waden und Bauch &c. und sterb ich so

versöhnt meine Seele mit Trähnen, Opfer, und dergleichen sonst Kestner

siehts schief aus.

Ich weis nicht darum ich Narr so viel schreibe. eben um die Zeit da

ihr bey eurer Lotte gewiß nicht an mich denkt. Doch bescheid ich mich

gern nach dem Gesez der Antipatie. Da wir die Liebenden, fliehen, und

die Fliehenden lieben.

66.

Goethe an Kestner.

_acc._ d. 12. Apr. 73.

Den Brief von gestern Abend hab ich gleich zugemacht also auf euer Pro

_Mem._

1) Die Zugabe braucht wie es euch beliebt.[22] Wenn ihr die Zeitungen

wollt binden lassen was soll das Sauzeug Reichswesen dabey. es war

express so eingericht daß man sie wegschmeissen sollt. Auch wird der

Band zu dick. Doch will ich fragen nach den Nummern.

2) Will der Hr. v. Hille einen Merkur für sich allein? und wie stehts

mit Falcken, nimmt der jetzo das Exemplar allein was ihr mit teilen

wolltet?

3) die _Plays_ sind in meinen händen. Heute ists so ein schöner

tag dass ich möchte mit euch spazieren gehn. Adieu grüsst Hansen.

67.

Goethe an Kestner.

_acc._ W. 16. Apr. 73.

Mittwochs. Ich habe Annchen gestern verfehlt, und will ietzo hingehen,

ich fürchtet halb ihr mögtets seyn und mich anführen. denn ich geh

morgen nach Darmstadt, und da wär überall leid gewesen. Eure Plays

kriegt Anngen mit. Auch an Hansen ein Paquet. Ich habe noch den

~Pränumerations Schein~ auf die Biblischen Kupfer, ich will ihn

behalten, und wenn sie herauskommen disponirt drüber. Anngen bringt

euch auch fl. 2: 30 Kr. von der Karoline wieder. Der grose kostete

einen Dukaten, der kleine 3 fl. 30. Auch euren Ring. Lottens Granatring

will ich behalten ich hab ihr ihn so Tausendmal am Finger gesehn und am

Finger geküsst er soll unter meinen Bijous liegen biss ich ein Mädgen

habe die soll ihn tragen. Grüsst mir euren Engel und Lengen lieb, und

schreibt wegen des Merkurs an meine Schwester, die euch grüsst.

Anngen ist lieb und brav, hat mir Lottens Brautstraus mitgebracht

wohl conservirt, und ich hab ihn heut vorstecken. Ich höre Lotte soll

noch schöner lieber und besser seyn als sonst, und dass ihr nicht mit

kommen seyd, ist auf alle Art nicht hübsch. Grüsst mir Lengen und

ihre Freundinn Dorthel, Anne hat mir alles erzählt, wie sie beysammen

schlafen, und in Alles nur nicht in die Liebhaber teilen, wie der

_quasi_ Hofrath fortfährt ein Esel zu seyn &c. Alles erzählt und

ich mich ergötze zu hören von euch, gleich wie ich Johannistrauben zu

pflücken und Quetschen zu schütteln mir ehedessen wünschte heute morgen

übermorgen und mein ganzes Leben.[23] Grüßt Schneidern wenn er mein

denkt, und Kielmansegg. _Pottocelli_ hat mir gestern in der Messe

einen Grus von ihm bracht. Wir haben einen Teufels Reuter hier, und

Comödien und Schatten und Puppenspiel, das könnt ihr Lotte sagen hätt

ich ihr all gewiesen wenn sie kommen wäre, nun aber -- wärs auch gut --

Schattenspiel Puppenspiel.

68.

Goethe an Kestner.

_acc._ W. 16. Apr. 73.

Nun will ich nichts weiter lieber Kestner, das wars was ich wünschte,

was ich nicht verlangen wollte, denn den Geschencken der Liebe giebt

die Freywilligkeit all den Werth, ihr solltet mir aus dem Schoose eures

Glücks an der Seite von Eurer Lotte, die ich euch, vor tausend andern

gönne, wie all das Gute was mir die Götter versagen. Aber dass ihr,

weil euch das Glück die Karten gemischt hat, mit der Spadille stecht,

mir ein höhnisch gesicht zieht, und euch zu eurem Weibe legt find

ich unartig, ihr sollt euch darüber bey Lotten verklagen und sie mag

entscheiden.

Mich einen Neider und Nexer zu heissen, und dergleichen mehr, das ist

all nur seit ihr verheurathet seyd. Meine Grillen lieber müssen nun so

drein gehen. Ich war mit Anngen in der Comödie. Es ist gut dass ich

morgen nach Darmstadt gehe, ich verliebte mich warrlich in sie. Ihre

Gegenwart hat alles Andencken an euch wieder aufbrausen gemacht, mein

ganzes Leben unter euch, ihr wollt alles erzählen biss auf die Kleider

und Stellungen so lebhaft, sie mag euch sagen was sie kann. O Kestner,

wenn hab ich euch Lotten missgönnt im menschlichen Sinn, denn um sie

euch nicht zu missgönnen im heiligen Sinn, müsst ich ein Engel seyn

ohne Lung und Leber. Doch muss ich euch ein Geheimniss entdecken. Dass

ihr erkennet und schauet. Wie ich mich an Lotten _attachirte_ und

das war ich wie ihr wisst von Herzen, redete Born mit mir davon, ~wie

man spricht~. »Wenn ich K. wäre, mir gefiels nicht. Worauf kann das

hinausgehn? Du spannst sie ihm wohl gar ab?« und dergleichen. Da sagt

ich ihm, Mit diesen Worten in seiner Stube, es war des Morgens: »Ich

binn nun der Narr das Mädchen für was besonders zu halten, betrügt

sie mich, und wäre so wie ordinair, und hätte den K. zum Fond ihrer

Handlung um desto sicherer mit ihren Reizen zu wuchern, der erste

Augenblick der mir das entdeckte, der erste der sie mir näher brächte,

wäre der letzte unsrer Bekanntschafft,« und das beteuert ich und

schwur. Und unter uns ohne Pralerey ich verstehe mich einigermassen auf

die Mädgen, und ihr wißt wie ich geblieben binn, und bleibe für Sie und

alles was sie gesehen angerührt und wo sie gewesen ist, biss an der

Welt Ende. Und nun seht wie fern ich neidisch binn und es seyn muß.

Denn entweder ich binn ein Narr, das schweer zu glauben fällt, oder

sie ist die feinste Betrügerinn, oder denn -- Lotte, eben die Lotte von

der die Rede ist. --

Ich gehe morgen zu Fuss nach Darmstadt und hab auf meinem Hut die Reste

ihres Brautstrausses. Adieu. Es tuht mir leid von Anngen zu gehen, was

würds von euch seyn es ist besser so, nur dass ich ihr Portrait nicht

gemacht habe, ärgert mich. Aber es ist ein Herz und Sinn lebendig.

Adieu. Ich habe nichts als ein Herz voll Wünsche. Gute Nacht Lotte.

Anngen sagte heut ich hätte den Namen ~Lotte~ immer so schön

ausgesprochen. ~Ausgesprochen~! dacht ich!

69.

Goethe an Kestner.

_acc._ W. 23. Apr. 73. Darmst.

Dank euch Kestner für eure zwey liebe Briefe lieb wie alles was

von euch kommt, und besonders jezt. Der Todt einer teuer geliebten

Freundinn ist noch um mich. Heut früh ward sie begraben und ich binn

immer an ihrem Grabe, und verweile, da noch meines Lebens Hauch

und Wärme hinzugeben, und eine Stimme zu seyn aus dem Steine dem

Zukünftigen. Aber ach auch ist mir verboten einen Stein zu sezen ihrem

Andencken, und mich verdriesst dass ich nicht streiten mag mit dem

Gewäsch und Geträtsch.

Lieber Kestner, der du hast lebens in deinem Arm ein Füllhorn, lasse

dir Gott dich freuen. Meine arme Existenz starrt zum öden Fels. Diesen

Sommer geht alles. Merck mit dem Hofe nach Berlin, sein Weib in die

Schweiz, meine Schwester, die Flachsland, ihr, alles. Und ich binn

allein. Wenn ich kein Weib nehme oder mich erhänge, so sagt ich habe

das Leben recht lieb, oder was, daß mir mehr Ehre macht, wenn ihr

wollt. Adieu. Eurem Engel tausend Grüsse

70.

Goethe an Hans.

Hier schick ich mein lieber Hr. Hans, aus der Messe was, wird

hoffentlich zu West und Hosen reichen, sollt was abgehn schreiben Sies

ohne Umstände. Wenn Sie es anhaben und herumspringen, auf die Jagd

gehen, oder sonst lustig sind, so gedenken Sie meiner. Küssen Sie

Lotten die Hand und Lenchen von mir, und die Kleine viel hundertmal von

Ihrem Freunde

Goethe.

71.

Goethe an Hans.

Lieber Herr Hans. Ich danke von Herzen für ihr Andencken, werden Sie

nicht müde mir zu schreiben. Ich binn manchmal sehr allein, und so ein

lieb Brieflein freut mich sehr. Gott vergelts wenn ichs gleich nicht

kann, und mache Sie gros und starck und so glücklich als Sie brav sind.

Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit · 第 20 / 63 题