Sophie

46.

Goethe an Kestner.

_acc._ Wetzl. d. 19. Jenner 73.

Eh ich mich zu Bette lege ist mirs noch so euch eine gute Nacht zu

sagen, und der süsen Lotte, der zwar heut schon viel guten Tag und

guten Abend gesagt worden ist. Vielleicht sizt ihr eben beysammen,

es ist nicht viel über 10. Vielleicht tanzt ihr. Wo ihr auch seyd

glücklich, und geliebt auch von mir mehr als von irgend einem andern

hierunten. Und auch ich binn glücklich, ist in mir selbst wohl, denn

von aussen fehlt mir nie was. Adieu ihr lieben Schreibt mir doch offt

Kestner, ich binn sehr Künstler jetzt, und Künstler wißt ihr schreiben

nicht gern. Ihr sollt auch dann wieder was gezeichnetes sehn.

47.

Goethe an Kestner.

_acc._ W. 20. Januar 73.

Wir sind eben von Tisch aufgestanden und mir fällt ein euch eine

gesegnete Mahlzeit zu wünschen, und eine Zeitung zu schicken, dass ihr

sehet wie das geworden ist. Das Publikum hier meynt der Ton habe sich

nicht sehr geändert.

Adieu lieber, grüsse mir die liebe Lotte und Lengen. und die Bubens

ich bin immer der eurige. Fragt Lotten ob sie mein Portrait annehmen

wollte, es ist zwar nicht gemacht, aber wenns gemacht wäre. Adieu.

Grüsst mir die Dorthel auch. Da habt ihr euren Jerusalem.[18]

48.

Goethe an Kestner.

_acc._ Wetzl. d. 27. Jan. 73.

So seegn euch Gott lieber Kestner, wenn ihr auch meiner gedenket, um

meinetwillen. Ich binn so gewohnt Briefe von euch zu haben dass mirs

wohl unfreundlich ist wenn ich von Tische aufsteh und kein Brief da ist.

Lotten sagt: ein gewisses Mädgen hier das ich von Herzen lieb habe und

das ich wenn ich zu heurathen hätte gewiß vor allen andern griffe ist

auch den 11. Januar[19] gebohren. Wäre wohl hübsch so zwey Paare. Wer

weis was Gottes Wille ist.

Die Philosophie solle sie doch ia lesen, sagt ihr. Bey Gott sie wird

ein ganz andres herrlicheres Geschöpf werden; werden ihr von den Augen

fallen wie Schuppen, Irrthum, Vorurteile &c. Und wird seyn wie der

heiligen Götter eine.

Sagt ihr das und gebt ihr das Buch, und wenn sie ein Blatt drinne

herabliest so will ich -- _Carte blanche_ für das scheuslichste

Ragout das der Teufel erfinden mag -- fressen will ichs. Ich glaub

Lotte hält mich und euch fürn Narren. Sie -- in mittem Carneval -- eine

Philosophie. Mach sie sich einen Domino zurecht und lass sie solche

Grillen der Reuters -- die Gott weiss wenn sie alle Gaben hätte, wie

St. Paulus spricht und mit Engel und Menschen Weisheit und Zungen

spräche, fehlt ihr die Liebe doch und ist ein tönend Erz und eine

klingende Schelle.

Sagt der goldnen Lotte ich würds ihr denken dass sie uns den Streich

gespielt.

Nun Adieu. Die Anzeige des ~Visitations-Wesens~ kommt nicht in

unsre Zeitung. Der Verleger fürchtet es möchte der Teufel dahinter

stecken hier ist Titel und Register. Und ein Blat. Verwischts nur und

die andern auch, ich brauchs nicht.

49.

Goethe an Kestner.

_acc._ 29. Januar 73. Donnerstags Vormittag.

Das waren wunderliche 24 Stunden. Gestern Abend putzt ich meine

Freundinnen auf den Ball, ob ich gleich nicht selbst mitging. Der einen

hat ich aus der Fülle ihres Reichthums eine Egrette von Juwelen und

Federn zusammengestuzt, und sie herrlich geziert. Und einmal fiel mirs

ein wärst du doch bey Lotten und puztest sie so aus. Dann ging ich

mit Antoinetten und Nannen auf die Brücke einen Nachtspaziergang. Das

Wasser ist sehr gross, rauschte stark und die Schiffe alle versammelt

in einander, und der liebe trübe Mond ward freundlich gegrüßt, und

Antoinette fand das alles paradiesisch schön und alle Leute so

glücklich die auf dem Land leben, und auf Schiffen, und unter Gottes

Himmel. Ich lass ihr die lieben Träume gern, macht ihr noch mehr dazu

wenn ich könnte. Wir gingen nach Hause und übersetzt ihnen Homer, das

ietzt gewöhnliche Lieblingslektüre ist. Die andern waren gefahren zu

tanzen.

Heut Nacht weckt mich ein grässlicher Sturm um Mitternacht. Er riss

und heulte, da dacht ich an die Schiffe und Antoinetten und lies mir

wohl seyn in meinem zivilisirten Bette. Kaum eingeschlafen weckt mich

der Trommelschlag und Lerm und Feuerrufen, ich spring ans fenster,

und sehe den Schein starck aber weit. Und binn angezogen. und dort.

Ein großes weites Haus, das Dach in vollen Flammen. Und das glühende

Balkenwerk, Und die fliegenden Funken, und den Sturm in Glut und

Wolken. Es war schweer. Immer herunter brants, und herum. Ich lief zur

Grosmutter die dorthin wohnt. sie war im Ausräumen des Silberzeugs. Wir

brachten alle Kostbaarkeiten in Sicherheit und nun warteten wir des

Schicksaals Weeg ab. Es dauerte von Ein Uhr bis vollen Tag. Das Haus

mit Seiten und hintergebäuden auch Nachbaars Werke liegt. Das Feuer

ist erstickt, nicht gelöscht. Sie sind ihm nun gewachsen es wird nicht

wieder aufkommen. Und so sag ich euch nun geseegnete Mahlzeit. Mit

überwachten Sinnen ein wenig als hätt ich getanzt, und andere Bilder in

der Immagination. Wie werden meine Tänzer nach Hause kommen seyn? Adieu

liebe Lotte, liebr Kestner.

50.

Goethe an Kestner.

_acc._ W. 6. Febr. 73.

Nichts denn gute Nachrichten lieber Kestner. Eure Perrücken sind

halsstarrige Köpfe, biss ihnen das Wasser übern Kopf geht. Nun denn

zu wisitirt, und predige denen Herren ihr guter Geist fleissig über

~Pred. Sal.~ C. 7. v. 17.[20] Da wird alles wohl seyn: Nun richtet

euch ein Kestner. Zur Hochzeit komm ich nicht, aber nachher solls Leben

angehn. Dass Kielmansegge so glücklich war ist mir von Herzen lieb, und

allen die ihn kennen durch mich, glückwünscht ihm von meinetwegen.

Mit eurem Brief erhielt ich von Mercken dass er kommt. heute Freytags

früh wird er anlangen, und Leuschenring mit, und über das alles

Schlittschuh Bahn herrlich, wo ich die Sonne gestern herauf und hinab

mit Kreistänzen geehret habe. Und noch andere Süjets der Freude die

ich nicht sagen kann. Darüber lasst euch wohl seyn, dass ich fast so

glücklich binn als Leute die sich lieben wie ihr, dass eben so viel

Hoffnung in mir ist als in liebenden, dass ich sogar Zeither einige

Gedichte gefühlt und was mehr ist dergleichen. Es grüsst euch meine

Schwester, es grüsen euch meine Mädgen es grüsen euch meine Götter.

Namentlich der schöne Paris hier zur rechten, die goldne Venus dort und

der Bote Merkurius, der Freude hat an den schnellen, und mir gestern

unter die Füse band seine göttliche Solen die schönen, goldnen, die ihn

tragen über das unfruchtbaare Meer und die unendliche Erde, mit dem

Hauche des Windes. Und so seegnen euch die lieben Dinger im Himmel.

51.

Goethe an Kestner.

_acc._ 7. Febr. 73.

Merck ist da lieber Kestner, und grüsst euch und Lotten. Hat das

einliegende _novum_ mitgebracht das ich euch sende. Schafft mir

doch die Blätter des Giesser Wochenblatts, da inne der Brief von

Zimmermann über seine Unterredung mit dem König steht, Es werden die

ersten seyn dieses Jahrs. Grüsst lenchen und meine Bubens.

52.

Goethe an Kestner.

_acc._ W. d. 12. Febr. 73.

hat mich nach so langer Pause euer Brief wohl ergötzt, und ist gut dass

alles so ist.

Die Reuters dauern mich und Lotte mit.

Merck ist fort und hat ein neu Papier unter Lottens Gesicht

veranstaltet so schön blau wie aus dem Himmel herunter geschienen, ich

habe mich gestern lang mit meinem Vater drüber unterhalten das sich

endigte: ob denn Kestner sie nicht bald herüber brächte, meynte er,

dass man sie auch kennen lernte.

Ich bereite ietzo ein stattlich Stück Arbeit zum Druck. wenns fertig

ist, komm ich, es euch vorzulesen.

Ehstertage schick ich euch wieder ein ganz abenteuerlich _novum_.

Das Mädgen grüsst Lotten, im Charackter hat sie viel von Lengen sieht

ihr auch gleich sagt meine Schwester nach der Silhouette. Hätten wir

einander so lieb wie ihr zwey -- ich heisse sie indessen mein liebes

Weibgen, den neulich als sie in Gesellschafft um uns Junggesellen

würfelten, fiel ich ihr zu. Sie sollte 17 abwerfen, hatte schon den

Muth aufgeben und warf glücklich alle 6. Adieu Alter. Erinnere die

Leute fleisig an mich.

53.

Goethe an Kestner.

Ich hab allerley tentirt, aber der Mez blieb steif und fest drauf.

Endlich lies er die Xr. Da sind die _Conti_.

Der Merkur kommt auf den Freytag und das Päckel an Boie.

Seegnen alle gute Geister eure Reise. Ich binn beschäfftigt genug und

vergnügt. Meine Einsamkeit bekommt mir wohl. Wie langs währt. Adieu

lieb Lotte nun einmal im rechten Ernst Adieu.

* * * * *

Ein hiebey befindliches quitirtes _Conto_ des Papierhändlers

Metz in Frankfurt vom 11. Febr. 1773 ist, als unerheblich, nicht

abgedruckt.

54.

Goethe an Kestner.

_acc._ 23/2 73.

Ihr werdet tanzen. Wohl seys euch. Alles tanzt um mich herum. Die

Darmstadter, hier, überall und ich sitze auf meiner Warte.

Erinnert Lotten auf dem Ball an mich. Wo nicht so soll sies euch zur

Strafe tuhn. Werdet nicht lau und lass im Schreiben. Kielmansegge alles

Gute, Adieu.

Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit · 第 16 / 63 题