Sophie

39.

Goethe an Kestner.

Da ists denn zu Ende unser kritisches Streifen. In einer

~Nachrede~ hab ich das Publikum und den Verleger turlupinirt lasst

euch aber nichts merken. Sie mögens für Balsam nehmen.

Wollt ihr aufs nechste halbe Jahr noch versuchen, so sinds zwey gewagte

Gulden. Schreibt mirs. Grüsst die liebe Lotte und Lengen. und Adieu.

Der Kamm ist abgangen, und die fehlenden ~Anhang~. Ausser Nr. 6

das kriegt ihr noch.

40.

Goethe an Kestner.

Freytag Morgens.

Diese Nacht Träumte ich von Lotten, und wie ich aufwachte sass ich

so im Bett und dachte an all unser Wesen, von dem ersten Lager in

Garbenheim,[15] bis zum Mondenmitternachts Gespräch an der Mauer.[16]

und weiter. Es war ein schönes Leben, auf das ich ganz heiter

zurücksehe. Und wie lebt ihr um den Engel? -- Ich binn ietzt ganz

Zeichner, und besonders glücklich im Portrait. Da sagen mir die Mädgen:

Wenn sie das nur in Wetzlar getrieben hätten und hätten uns Lotten

mitgebracht. Da sag ich denn ich wollte ehstens hinüber und euch alle

zeichnen. Da meynen sie das wäre kein sonderlicher Trost. Doch wenns

die Leute drüben auch freut dass ich komme.

Es wird ein sonderbaares Frühjahr geben. Ich sehe nicht wie das

alles auseinander gehen wird was wir angesponnen haben, indess sind

Hoffnungen uns willkommen, und das übrige liegt auf den Knien der

Götter.

Da ist ein Impressum komikum. Ein Exemplar Kielmanseggen und grüst ihn

viel das andere etwa Schneidern.

Werdet ihr nicht einen ~Teutschen Merkur~ halten, dessen Nachricht

ich hier mitteile.

41.

Goethe an Kestner.

Kann nicht unterlassen mit heutiger Post noch an Hochdieselben einige

Zeile zu senden. Sintemalen wir heute mit Blaukraut und Leberwurst

unser Gemüth ergözt. Werden das abenteuerliche Format[17] verzeihen,

wenn denenselben _attestire_, dass es stehenden Fusses in dem

Zimmer der so tugendbelobten Mamsell Gerocks gefertiget wird. Dienet

sodann zur freundlichen Nachricht dass wegen gestern abendigen

unmässiglicher Weisse zu uns genommenem Wein, die Christliche Nachtruhe

durch mancherley so seltsamlich als verdrüssliche Abenteuer genecket

und gestört worden. Versezte uns nähmlich ein guter Geist zuerst nach

Wetzlar in den Cronprinzen zwischen Gesprächige Tischgesellschafft die

der leidige Teufel auf die noch leidigere Philosophey zu diskuriren

brachte, und mich in seinen Schlingen verwickelte, bald darauf fiel

mir schweer aufs Herz ich habe Lotten noch nicht gesehn, eilte zu

meiner Stube, den Hut zu holen, die ich denn nicht finden konnte

sondern durch Kammern, Säle, Gärten, Einöden, Wälder, Bilderkabinets,

Scheuern Schlafzimmer Besuchzimmer Schweineställe, auf eine unglaublich

wunderbaare Weise mit geängstigtem Herzen herumgetrieben wurde, biss

mich endlich ein guter Geist in Gestalt des Kronprinzen _Caspars_

an einer Galanteriebude antraff und über drey Speicher und Kornböden

vor mein Zimmer brachte, wo denn zum Unglück sich kein Schlüssel

fand, dass ich mich resolvirte über ein Dach und Rinne zum Fenster

hineinzusteigen. Gefahr und Schwindel und fallen und was folgt. Genug

ich habe Lotten nicht zu sehn gekriegt. Also dass gegen Morgen erst in

einen süsen Schlaff fiel und gegen halb neun erst mein Bette verlies.

Wenn nun übrigens Hochdieselben an des hl. Römisch Reichs

Gerechtigkeits Purifications Wesen manche Feder verschaben, und von dem

Gekriz und Gekraze in dem Heiligtuhme des deutsch Ordens sich erholen,

wenn meine Buben noch über einander krabeln wie iunge Katzen, Albrecht

bald die _Continuation_ des Cristen in der einsamkeit herausgiebt.

Georg bald versifizirt wie Gotter Und die Grosen sich zu _Phisica_

glücklich hinan _chriisiren_ und _analysiren_

Wenn dem Papa sein Pfeifgen schmeckt

Der Doctor Hofrath Grillen heckt

Und sie Carlingen für Liebe verkauft

Die Lotte herüber hinüber lauft

Lenchen treuherzig und wohlgemuth

In die Welt hinein lugen tuht.

Mit dreckigen Händen und Honigschnitten

Mit Löcher im Kopf, nach deutschen Sitten

Die Buben jauchzen mit hellem Hauf

Thür ein Thür aus, Hof ab Hof auf

Und Ihr mit den blauen Augelein

Gucket so ganz gelassen drein

Als wäret ihr mänlein von Porzellan,

Seyd innerlich doch ein wackrer Mann,

Treuer Liebhaber und warmer Freund,

So lass des Reichs und Cristen feind

Und Russ und Preuss und Belial

Sich teilen in den Erdenball

Und nur das liebe teutsche Haus

Nehmt von der grosen Teilung aus

Und dass der Weeg von hier zu euch

Wie Jakobs Leiter sey sicher und gleich.

Und unser Magen verdau gesund.

So seegnen wir euch mit Herz und Mund

Gott allein die Ehr

Mir mein Weib allein

So kann ich und er

Wohl zufrieden seyn.

42.

Goethe an Kestner.

Ohngeachtet nicht viel an gegenwärtigem Ding ist hab ichs doch weils

zur Schnurre gehört und nur drei Bazen kost, gekauft für euch und so

geseegnes euch Gott.

43.

Goethe an Lottens Schwester.

Hier liebe Caroline, schick ich Ihnen die Muster vom Atlass, und die

Preise, und das Elen Maas stehn drauf. Wenn Ihnen eins gefällt, so

schreiben Sie nur, so will ichs auch besorgen. Grüssen Sie mir das

ganze teutsche Haus und behalten Sie mich lieb.

Goethe.

44.

Goethe's Schwester an Kestner.

Dienstag den 12. Jen. 73.

.... Mein Gesicht wird ehestens auf eine oder die andere Art

erscheinen, sagen Sie aber Lottchen, dass sie sich nicht an der Stirne

scandalisiren soll.

Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit · 第 14 / 63 题