Goethe

Das Exemplar von der Lettre _sur l'homme_ kostet 30 kr.

36.

Goethe an Kestner.

Lieber Kestner euer Brief traf mich eben als ich eine Rolle versiegelte

die ihr mit Morgen fahrender Post kriegt. Es ist Tamis für meine zween

kleine Buben zu Wamms und Pumphosen, sonst Matelot genanndt. Lassts

ihnen den Abend vor Cristag bescheeren, wie sichs gehört. Stellt ihnen

ein Wachsstöckgen dazu und küsst sie von mir. Und Lotten den Engel.

Adieu lieber Kestner euer Brief hat mir himmlische Freude gemacht. Ich

hab auch heut einen von Versailles vom Bruder Lersen. Grüsst mir sie

alle und habt mich lieb. Adieu.

37.

Goethe an Kestner.

_acc._ Wetzl. d. 26. Dec. 72.

Cristtag früh. Es ist noch Nacht lieber Kestner, ich binn aufgestanden

um bey Lichte Morgens wieder zu schreiben, das mir angenehme

Erinnerungen voriger Zeiten zurückruft; ich habe mir Coffee machen

lassen den Festtag zu ehren und will euch schreiben biss es Tag ist.

Der Türner hat sein Lied schon geblasen ich wachte drüber auf. Gelobet

seyst du Jesu Crist. Ich hab diese Zeit des Jahrs gar lieb, die Lieder

die man singt; und die Kälte die eingefallen ist macht mich vollends

vergnügt. Ich habe gestern einen herrlichen Tag gehabt, ich fürchtete

für den heutigen, aber der ist auch gut begonnen und da ist mir fürs

enden nicht Angst. Gestern Nacht versprach ich schon meinen lieben zwey

Schattengesichtern euch zu schreiben, sie schweben um mein Bett wie

Engel Gottes. Ich hatte gleich bey meiner Ankunft Lottens Silhouette

angesteckt, wie ich in Darmstadt war stellen sie mein Bett herein und

siehe Lottens Bild steht zu Häupten das freute mich sehr, Lenchen

hat jetzt die andere Seite ich dank euch Kestner für das liebe Bild,

es stimmt weit mehr mit dem überein was ihr mir von ihr schreibt als

alles was ich imaginirt hatte; so ist es nichts mit uns die wir rathen

phantasiren und weissagen. Der Türner hat sich wieder zu mir gekehrt,

der Nordwind bring mir seine Melodie, als blies er vor meinem Fenster.

Gestern lieber Kestner war ich mit einigen guten Jungens auf dem Lande,

unsre Lustbarkeit war sehr laut und Geschrey und Gelächter von Anfang

zu Ende. Das taugt sonst nichts für die kommende Stunde, doch was

können die heiligen Götter nicht wenden wenns Ihnen beliebt, sie gaben

mir einen frohen Abend, ich hatte keinen Wein getrunken, mein Aug war

ganz unbefangen über die Natur. Ein schöner Abend als wir zurückgingen

es ward Nacht. Nun muss ich dir sagen das ist immer eine Sympatie für

meine seele wenn die Sonne lang hinunter ist und die Nacht von Morgen

herauf nach Nord und Süd um sich gegriffen hat, und nur noch ein

dämmernder Kreis vom abend heraufleuchtet. Seht Kestner wo das Land

flach ist ists das herrlichste Schauspiel, ich habe jünger und wärmer

Stunden lang so ihr zu gesehn hinab dämmern auf meinen Wandrungen.

Auf der Brücke hielt ich still. Die düstre Stadt zu beyden Seiten,

der Still leuchtende Horizont, der Widerschein im Fluss machte einen

köstlichen Eindruck in meine Seele den ich mit beyden Armen umfasste.

Ich lief zu den Gerocks lies mir Bleystifft geben und Papier, und

zeichnete zu meiner grossen Freude, das ganze Bild so dämmernd warm

als es in meiner Seele stand. Sie hatten alle Freude mit mir darüber

empfanden alles was ich gemacht hatte und da war ichs erst gewiss,

ich bot ihnen an drum zu würfeln, sie schlugens aus und wollen ich

solls Mercken schicken. Nun hängts hier an meiner Wand, und freut mich

heute wie gestern. Wir hatten einen schönen Abend zusammen wie Leute

denen das Glück ein großes Geschenck gemacht hat, und ich schlief ein

den heiligen im Himmel dankend, dass sie uns Kinderfreude zum Crist

bescheeren wollen. Als ich über den Markt ging und die vielen Lichter

und Spielsachen sah dacht ich an euch und meine Bubens wie ihr ihnen

kommen würdet, diesen Augenblick ein Himlischer Bote mit dem blauen

Evangelio, und wie aufgerollt sie das Buch erbauen werde. Hätt ich bey

euch seyn können ich hätte wollen so ein Fest Wachsstöcke illuminiren,

dass es in den kleinen Köpfen ein Wiederschein der Herrlichkeit des

Himmels geglänzt hätte. Die Tohrschließer kommen vom Bürgermeister,

und rasseln mit Schlüsseln. Das erste Grau des Tags kommt mir über

des Nachbaars Haus und die Glocken lauten eine Cristliche Gemeinde

zusammen. Wohl ich binn erbaut hier oben auf meiner Stube, die ich

lang nicht so lieb hatte als ietzt. Sie ist mit den glücklichsten

Bildern ausgeziert die mir freundlichen guten Morgen sagen. Sieben

Köpfe nach Raphael, eingegeben vom lebendigen Geiste, einen davon hab

ich nachgezeichnet und binn zufrieden mit ob gleich nicht so froh. Aber

meine lieben Mädgen. Lotte ist auch da und Lenchen auch. Sagen Sie

Lenchen ich wünschte so sehnlich zu kommen und ihr die Hände zu küssen

als der Musier der so herzinnigliche Briefe schreibt. Das ist gar ein

armseliger Herre. Ich wollte meiner Tochter ein Deckbette mit solchen

Billetdous füttern und füllen, und sie sollte so ruhig drunter schlafen

wie ein Kind. Meine Schwester hat herzlich gelacht, sie hat von ihrer

Jugend her auch noch dergleichen. Was ein mädgen ist von gutem Gefühl

müssen dergleichen Sachen zuwieder seyn wie ein stinckig Ey. Der Kamm

ist vertauscht, nicht so schön an Farb und Gestalt als der erste, hoffe

doch brauchbaarer. Lotte hat ein klein Köpfgen, aber es ist ein Köpfgen.

Der Tag kömmt mit Macht, wenn das Glück so schnell im avanziren ist, so

machen wir balde Hochzeit. Noch eine Seite muss ich schreiben so lang

tuh ich als säh ichs Tageslicht nicht.

Grüst mir Kielmanseg. Er soll mich lieb behalten.

Der ....kerl in Giessen der sich um uns bekümmert wie das Mütterlein im

Evangelio um den verlohrnen Groschen, und überall nach uns leuchtet

und stöbert, dessen Nahme keinen Brief verunzieren müße in dem Lottens

Nahme steht und eurer. Der Kerl ärgert sich dass wir nicht nach ihm

sehn, und sucht uns zu necken dass wir seyn gedenken. Er hat um meine

Baukunst, geschrieben und gefragt so hastig, dass man ihm ansah das ist

gefunden Fressen für seinen Zahn. hat auch flugs in die Frankfurter

Zeitung eine Rezension gesudelt von der man mir erzält hat. Als ein

wahrer Esel frisst er die Disteln die um meinen Garten wachsen nagt an

der Hecke die ihn vor solchen Tieren verzäunt und schreit denn sein

Critisches J! a! ob er nicht etwa dem Herrn in seiner Laube bedeuten

möchte: ich binn auch da.

Nun Adieu, es ist hell Licht. Gott sey bey euch, wie ich bey euch

binn. Der Tag ist festlich angefangen. Leider muss ich nun die schönen

Stunden mit Rezensiren verderben ich tuhs aber mit gutem Muth denn es

ist fürs letzte Blat.

Lebt wohl und denkt an mich das seltsame Mittelding zwischen dem

reichen Mann und dem armen Lazarus.

Grüßt mir die Lieben alle. Und lasst von euch hören.

38.

Goethe's Schwester an Kestner.

Montag den 4. Jen. 73.

Mein Bruder hat mir aufgetragen Ihnen zu schreiben, dass Sie so gütig

seyn sollen den Herrn v. Kielmanseck zu fragen, ob er jetzt einen Theil

vom Ossian will, er ist heut angekommen. --

Es freut mich recht wenn ich was von euch lieben Leuten höre, manchmal

darf ich ein wenig in Ihre Briefe schielen und wenn ich da nur sehe,

dass Sie alle vergnügt sind, so binn ich schon befriedigt genug. --

Leben Sie wohl, lieber Freund, ich küsse Lottchen und Lenchen, und die

andern lieben Schwestern alle von ganzem Herzen.

Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit · 第 13 / 63 题